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ABFUCKPRÄMIE oder:

D ie lange Krise

Von Dr. Seltsam, Berlin.

Kommunisten-online vom 27. Oktober 2009 – Als arm gilt man bis 781 Euro netto, reich ab 3418 Euro netto pro Monat. Die einen sind arbeitslos, weil die Manager soviele Leute wie möglich entlassen, denn das hebt die Ausbeutungsrate und die Aktienkurse. Die anderen sind arbeitslos, weil sie es nicht nötig haben oder weil sie das Nachdenken über Geldanlagen für Arbeit halten. Zweierlei Sorten Arbeitslose, den einen gehört dieser Staat und seine Regierung macht alles, um diese kleine herrschende Klasse vor der Krise zu beschützen. Den anderen gehört  nur die Angst vor der Zukunft.

Die ist leider berechtigt. Denn so eine Krise wie die jetzige war noch nicht da; es ist eine Überlagerung von vier Faktoren: Erstens eine im Kapitalismus „normale Krise“, die regelmäßig wiederkehrende Überproduktion von zuviel Waren, wie man es gerde in den unverkäuflichen Warenlagern von Quelle sieht, aber auch von zuviel Kapital, das nicht mehr rentabel angelegt werden kann; darüber kann man schon bei Karl Marx alles nachlesen; das allein wäre schon schlimm genug. Zweitens das Platzen von Kreditblasen, die ein vielfaches der Wirtschaftskraft der betroffenen Länder ausmacht und bisher nur in Ansätzen zu sehen ist wie die Spitze eines im Wasser treibenden Eisbergs. So sind die US-Schulden und die Kreditkartenfirmen noch gar nicht miteinbezogen in die Pleite. Wenn das erst losgeht, dann beträgt der Verlust hundertmal soviel wie bisher angenommen, am 20 Oktober ist bereits die hundertste Bank allein in den USA pleite gegangen, viele werden noch folgen. Drittens eine Strukturkrise: Die großen Konzerne haben sich nicht an moderne Bedürfnisse angepaßt und seit Jahren mit rasant steigender Produktivität die falschen Dinge produziert, die nun keiner haben will: Riesenautos, nicht isolierte Holzhäuser, Computer mit zuviel Innenleben, überteuerte Luxuswaren, Flachbildschirme usw. Und Viertens die Grundursache der Krise: Eine Ansammlung zu großer Mengen Reichtums in zu wenigen Händen, oder andersrum ausgedrückt: Die viel zu niedrigen Löhne weltweit, was einst als Vorteil der Globalisierung galt. Insofern hat die Bougeoisie rechet: die Arbeiter sind schuld an der Krise, aber nicht weil sie zu wenig konsumieren, sondern weil sie es in der Vergangenheit zugelassen haben, mit immer weniger Anteilen am Mehrwert abgespeist zu werden.

Wegen dieser vierfachen Verwicklung wird diese Krise ewig dauern und immer tiefer werden, der eine Krisenbreich wird den anderen mit hinabziehen, so daß alle „Rettungspakete“ einfach verpuffen. Kurz nach dem Schwarzen Freitag, dem NYSE-Crash am 25.X.1929 sprachen Fachleute schon wieder von „Gesunden Aktien“, die Krise dauerte dann aber akut noch fünf Jahre; und erst 1950 wurden in USA die Börsenkurse von 1929 wieder erreicht, nach zwanzig Jahren! Deutschland zog nach: Mit der Schließung der Danat-Bank in Berlin am 13.VII.1931 begann der Absturz in Millionen-Arbeitslosigkeit, Hunger, Elend, Faschismus und Krieg. Diese Krise war „Die Große Krise“; die jetzige am 15.September 2008 mit der Pleite der Bank Lehman Bros. kenntlich gewordene Krise wird schlimmer und länger dauern, weil viel größere Werte weltweit vernichtet werden (müssen) und die Staats-Massnahmen ebenso hilflos sind wie 1930. Sie begann schon in den Neunziger Jahren. Im Rückblick wird man sie die Dreißigjährige Krise nennen und ihre Verheerungen werden dem Dreißigjährigen Krieg in nichts nachstehen, denn die Summen um die es geht, sind schon jetzt unvorstellbar: Am 9. März 09 gab die Asiatische Entwicklungsbank bekannt, dass die internationalen Finanzanlagen bereits über 50 Billionen Dollar an Wert verloren, das ist tausendmal der gesamte Jahresetat der BRD, oder ein Zehntel des Weltbruttosozialprodukts oder 100 Millionen mal das Einkommen eines Hartz-4-Empfängers und bisher ca. 100 mal soviel wie das in der Großen Krise von 1929 vernichtete Kapital. Aber das reicht noch nicht.

Es gibt, kurz gesagt, zuviel Reichtum in zu wenigen Händen. Es gibt keine lohnende Geldanlage mehr, in der sich Kapital rentiert und Zinsen abwirft. Logische Folge: Es muß Geld an die Armen fließen zum Konsumieren oder es muß Kapital vernichtet weren, damit sich Investitionen für das überlebende Kapital wieder lohnen. Das bisher prominenteste Opfer dieser Situation war der schwäbische Milliardär Adolf Merkle, der sich mit ein paar Milliarden verspekuliert und sich so geschämt hat, dass er  nur noch einfacher Milliardär gewesen wäre. Da hat er sich lieber umgebracht. Im Angesicht seiner Lieblingsfirma Ratiopharm auf die Schienen gelegt! Ich bin Eisenbahnerkind und weiß, dass es zu den größten Ängsten aller Lokführer gehört, jemanden totzufahren; sie sind danach traumatisiert und arbeitsunfähig. Das hat Herrn Merkle aber nicht interessiert: Bis zu seinem letzten Atemzug war er ein egoistisches Arschloch.

Und solche Leute verfügen über die Kapitalströme. Die BMW-Erbin Klatten die ihren schmierigen Gigolo nur gegen eine Abfuck-Prämie loswurde. Die knallharte Frau Schaeffler, die mit Krokodilstränen in Pelz, Schmuck und Schminke Staatsknete erbettelt. Zumwinkel, Hartz, Mehdorn, die ganze Bande, die nur auf Bewährung frei herumläuft, sie sind die geschmackloseste, spießigste und rückständigste Kapitalistenklasse der ganzen Welt. Es gibt neuerdings Linke, die finden, man sollte sich gemeinsam mit solchen „realistischen“ Kapitalisten gegen das USA-Kapital wehren. Könnten wir ihnen nicht einfach das Verfügungsrecht über ihre Vermögen entziehen? Sie haben ja nun wohl deutlich bewiesen, dass sie mit Geld nicht umgehen können und nur Schaden damit anrichten, für den sie gar nicht haften können. Jede Hartz-4-Mutter kann und m u s s  besser rechnen als unsre Kapitalisten. Ohne einen ordentlichen „Luxusführerschein“ sollte man die Großeigentümer nicht mehr an ihre Konten lassen. Besser wäre: Die Entprivatisierung der Wirtschaft. Man teilt alles auf, das Geld und die Arbeit. Dann haben alle genug zum Leben und alle Arbeit. Ich habe keinen Neidkomplex und ich reiße mich nicht drum, aber: Die paar Stunden die Woche bin ich dann auch gern dabei!

Oder es kommt die andere Lösung: Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugmann forderte schon am 16. Februar 2009 in der New York Times, was seiner Klasse immer einfällt: „... das massive öffentliche Beschäftigungsprogramm, dass die Große Krise beendete, besser bekannt unter dem Begriff Zweiter Weltkrieg“!

P.S.Auch die Kapitalisten wollen doch imgrunde von ihrem neurotisch gewordenen Geld befreit werden, wir werden ihnen dabei helfen. Beweis: Pünktlich zu Karneval die Verleihung der Fonds-Awards für die besten Performer am 18. Februar 2009 in der Frankfurter Oper. „Dekoriert wurden u.a. der beste Aktienfonds (Jahresminus 2008: 35 %), der beste Nebenwertefonds (minus 44%), der beste Rohstofffonds (minus 42%). Beim siegreichen Hochzinsfonds waren die Zinsen zwar anfänglich hoch, die Kursverluste aber leider höher. Er büßte im vergangenen Jahr 28 % an Wert ein, hat damit aber seinen  Vergelichsindex um 1,38 Prozent „outperformt“, wie die siegreiche Gesellschaft am Donnerstag freudetrunken verkündete. Und: „Über diese hochkarätige Auszeichnung freuen wir uns sehr.“ Financial Times Deutschland, 20./22.2.2009, Seite 1

Dr. Seltsam ist seit zwanzig Jahren in Berlin bekannter politischer Aktionist und Kabarettist. In  seiner regelmäßigen Veranstaltung DR. SELTSAMS WOCHENSCHAU[1] interviewt er u.a. Menschen, die mit Krise, Sozialabbau und dem Kampf dagegen zu tun haben. Eintritt frei-Spenden erwünscht.

Dieser Text erschien zuerst in Ossietzky 5 /2009. Dazu ein Kommentar von Manfred Sohn: Lieber Wolfgang, starker Text – zu den vier Krisenelementen kommt noch die Ökologische Krise, die mit "Peak Oil" bereits im Sommer freundlich "Guten Tag, ich setze mich solange ins Wartezimmer" gesagt hat. Ansonsten sprichst Du mir aus dem Herzen - und das kleine Büchlein, das ich in der Adventszeit runtergeschrieben habe, führt das im Grunde nur ein bißchen mehr aus: Hat das System einen Fehler oder ist es der Fehler? Pahl-Rugenstein-Verlag Bonn.

Kommentar von Lucas Zeise: Lieber Dottore Seltsam. Dein Stück Abfuckprämie gefällt mir, während ich las, zunehmend besser, weil es einige Dinge nett zusammengewürfelt hat. Ich bin mit zwei inhaltlichen Dingen nicht komplett einverstanden: Lehman ist eher Folge als Ursache einer weiteren Verschärfung. Die Banker selber reiten auf Lehman als großes Ereignis rum, weil sie mehr Staatsknete wollen. Zweitens bin ich nicht voll einverstanden mit der Analyse, dass hier einige Krisen zusammengefallen sind. Es handelt sich um den Zusammenbruch des neoliberalen, kapitalistischen Wirtschaftsmodells. Diese Krise erfasst eine Vielzahl ökonomischer, sozialer, ökologischer und politischer Aspekte. -


[1]  Der Rote Webmaster von Kommunisten-online war auch schon eingeladen worden.

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