|
Belgiens
Schlagzeilen
I
WELTWIRTSCHAFTSKRISE
LIVE VOR ORT
von
Jens-Torsten Bohlke, Brüssel
Exklusiv
für K-Online, 21. April 2009. –
Viele Menschen fahren in Belgien mit der Bahn zur Arbeit. Und
viele von diesen vielen Menschen lesen auf dem Weg zur Arbeit die „metrotime“,
eine Gratis-Zeitung, die an allen belgischen Bahnhöfen und in vielen
Firmeneingängen ausliegt. Hier mal die heutigen Artikel, die gleich auf
der Titelseite ins Auge stechen (übersetzt aus der niederländischsprachigen
Ausgabe für die Flamen):
-1-
„Neue Entlassungswelle bei Philips.“ Es geht um weitere 225
Menschen, die bei Philips in Turnhout entlassen werden, nachdem bereits
Ende 2008 in einer ersten Entlassungsrunde 264 Arbeitsplätze dort
wegrationalisiert wurden. Heute arbeiten dort noch 2000 Menschen. In der
neuerlichen Entlassungswelle sind auch Angestellte und Führungskräfte
im Werk von Philips betroffen....
-2-
„Dexia-Topmann kriegt doch 825.000 Euro Entlassungsprämie.“
Bankier Axel Miller, der voriges Jahr beim Bank- und
Versicherungskonzern Dexia entlassen wurde, hat seine Entlassungsprämie
von 825.000 Euro jetzt empfangen. Das geht aus der Steuerjahresbilanz
von Dexia hervor. Nachdem die niederländischen und französischen
Regierungen voriges Jahr jeweils 1 Milliarde Euro frisch gedrucktes
Papiergeld in die finanziell ausgeblutete Dexia „injiziert“ hatten,
musste deren Topmann Axel Miller entsprechend den Forderungen der
Franzosen gehen. Abstand nehmen musste er von seiner beanspruchten
Entlassungsprämie von 3,7
Mio. Euro....
-3-
„Antirassismus-Gipfel in Schimpfparty entartet“ ... dieser
Artikel sieht eher aus wie ein Alibi an die CIA, es auftragsgemäß auch
hier auf Seite 1 gebracht zu haben.
-4-
„Trauriger Jubiläumstag in Columbine“. Gedenken an die Opfer des
Schüler-Amoklaufes in den USA vor 10 Jahren ... diesem Mini-Artikel
fehlt der Verweis auf den guten Dokumentarfilm von Michael Moore dazu.
Nun
denn! Die Menschen auch hier in Belgien sollen sich schon mal daran gewöhnen,
dass sie selbst es sind, die die Zeche der Weltwirtschaftskrise zahlen
sollen. Und sie merken es bereits. Auch beim US-Callcenter-Konzern SITEL
in dessen belgischer Niederlassung 350 Arbeitsplätze derzeit akut gefährdet
sind, wie unsereins in der Bahn so erfährt. Gesprächsthema unter
Kollegen dort sind die Arbeitsangebote aus Sofia in Bulgarien an
bestimmte Mitarbeiter, deren Sprachkenntnisse und Erfahrung vom übernehmenden
Outsourcing-Partner in jenem Balkanland gefragt sind. Sie erhielten
Arbeitsplatzbeschreibungen, die maßgeschneidert auf ihre bisherige
Arbeit zutrafen. Eine kleine erste Gruppe von ihnen hat schon
entschieden, ab August 2009 in Sofia die Arbeit aufzunehmen. Vielleicht
würde man sich dann zwei Jahre später ja wiedersehen in Brüssel, so
deren galgenhumorige Rede zu den zurückbleibenden Kollegen vor Ort.
Beim
Bier unter Gewerkschaftern erfährt unsereins noch einiges mehr: Die
SITEL-Belegschaften in Frankreich, Belgien und Deutschland sollten vor
einem Jahr „gesundgeschrumpft“ werden. Ein abgesandter Top-Mann aus
der US-Konzernzentrale nahm die Entlassung von mindestens ca. 50
Angestellten in Europa in die Hand. Verhandelt wurde in allen drei
genannten Ländern, und gestreikt wurde dort auch immer abwechselnd. Und
zwar je nachdem, wo gerade diese Massenentlassung vorgesehen wurde.
Letzten Endes verteidigten die Angestellten durch ihre kämpferische
Haltung ihre Arbeitsplätze erfolgreich. In den Betriebsräten wurde
schließlich vereinbart, dass nicht betriebsbedingt gekündigt werden würde,
so dass die Gewerkschaften ihre Kampfaktionen einstellten.
Was
also derzeit sich bei SITEL in Belgien abspielt, stinkt nach einer Art
Rache aus der US-Konzernzentrale. Denn allein das US-Management steckt
dahinter, dass SITEL in Europa jede Menge Auftragsgeber unter den
ausgliedernden Konzernen verliert. Einige wenige Beschäftigte, deren
Callcenter-Arbeitsplätze in die „Mutterfirmen“ zurückgeführt
werden, gewinnen dabei. Wo die Jobs ins Ausland wandern, ist jedoch die
Massenentlassung vorprogrammiert. Oder einige sehr flexible Menschen
ziehen einfach mit dem Arbeitsplatz um nach Bulgarien, dessen Sprache
und Gesetze, Sitten und Bräuche sie nicht kennen: Hauptsache Arbeit und
Brot!
Klar
ist auch, dass am 15. Mai 2009 massiv demonstriert werden wird. EU-weit.
Nur der Widerstand der Massen kann helfen, solch einschneidenden
Sozialabbau wie den Raub an den eingezahlten Altersrentenbeiträgen zu
stoppen. Dass hinter der Weltwirtschaftskrise das System Kapitalismus
selbst steckt, ist vielen Leuten in der EU noch nicht hinreichend klar.
Denn die in Worten von Politikern scheinheilig verteufelten Bankiers führen
nur die Rendite-Erwartungen jener Maximalprofiteure aus, deren Clans die
Großeigentümer von Banken und Konzernen sind. Wenn sie dort 25%
auszuzahlende Rendite alljährlich fordern, dann müssen diese nicht
mehr real in der Produktion zu erwirtschaftenden Renditegelder ja
irgendwoher beschafft werden. Rententöpfe und sonstige
Sozialstandardgelder boten sich da vor 20 Jahren auch in der EU noch an.
Nun ist der Punkt erreicht, wo die Einzahler jener Beitragsgelder
erfahren, dass das Geld „verbrannt“ ist. Von einem Feuer, welches
angeblich von höheren Gewalten stammt. Der Zorn kocht. Bei immer mehr
von vielen Millionen Menschen in der EU.
Unsere
Aufgabe als Kommunisten kann nur darin bestehen, diesen Menschen weiter
die Augen zu öffnen. Damit sie wissen, dass der Klassenfeind nicht
neben ihnen, sondern vor und über ihnen steht. |