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Belgiens Schlagzeilen II

WELTWIRTSCHAFTSKRISE LIVE VOR ORT  

von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel

Exklusiv für K-Online, 22. April 2009. – Heute titelt „metrotime” in Belgien in der niederländischsprachigen Ausgabe auf der Titelseite

-1- „Bosch vernichtet 420 Arbeitsplätze”. Und weiter: „Was war das gestern wieder für ein schwarzer Tag für die Betriebe in Belgien. Nach Philips (…) kündigte auch Bosch in Tienen eine tiefgreifende Entlassungswelle an. Ein Viertel der 1560 Vollzeitarbeitsplätze (…) sind betroffen. Es geht um 350 Arbeiter und 70 Angestellte. Die Gewerkschaften reagierten überrascht, denn der Betrieb hat eine große Umstrukturierung gerade hinter sich. In Merelbeke verlieren dann noch einmal 45 bis 50 Menschen ihre Arbeit durch die Schließung der Biotechnologie-Firma Invitrogen. Die Gewerkschaften wissen lediglich von einer angekündigten betriebsbedingten Massenentlassung, bekommen aber vorläufig keine weitere Information. Seit dem Beginn der Krise im September vorigen Jahres wurden insgesamt 17.000 Entlassungen in jener Region angekündigt (…).

-2-   „Belgische Fallschirmjäger jagen Taliban mit”: Kundus. 50 belgische Fallschirmjäger sind” für’s erste in Afghanistan in den Ausbilder-Einsatz gekommen. Sie unterstützen ein afghanisches Bataillon.” Und weiter ist zu lesen, dass da 50 Fallschirmjäger und 20 andere Militärs das 500 Mann starke afghanische Bataillon ausbilden sollen. (…)”

Womit ja Diskussionsstoff gegeben ist. An Geld für Kanonenfutter im Profitinteresse aggressivster Kreise des US-Imperialismus scheint es der belgischen Regierung immer noch nicht zu fehlen.

Die junge Frau mir gegenüber liest da lieber auf Seite 4 weiter, denn „das verlogene Gerede der Politiker” auf Seite 2 und 3 will sie sich nicht mehr antun. Auf Seite 4 heißt es

-3-   „Dutroux kriegt Kinderporno im Gefängnis” und

-4-   „Lass dein Kind nicht allein zur Schule gehen.” Und weiter: „Dilsen. Die Polizei von Dilsen-Stokken bittet alle Eltern in der Ortschaft, ihre Kinder nicht allein zur Schule gehen zu lassen, nachdem dort ein Kindesentführungsversuch vereitelt worden war.”

Nun ja, sagt der ältere Herr neben mir mit sarkastischem Gesichtsausdruck zu ihr, für die Kriminalpolizei fehlt das Geld, denn die Taliban in Afghanistan sind viel gefährlicher für die Menschen als die Kriminellen hier Belgien. Und darum sollen die belgischen Spezialisten dafür sorgen, dass die Menschen in Afghanistan endlich auch so sicher leben wie wir hier in Belgien. In Afghanistan werden dann die Mitglieder von Childfocus auch bald Plakate mit den Gesichtern verschwundener Kinder an allen Basaren anbringen. Eben Childfocus statt Taliban.

Childfocus ist eine belgienweite Initiative von Eltern, die sich in Sachen vermisst gemeldete Kinder sehr engagiert und es zuweilen bis in die Kantinen der Betriebe schafft, um aufzuklären und Spenden für die eigene Arbeit zu sammeln.

Mein ehemaliger Arbeitskollege lacht mich an: „Weißt Du noch, als sie Eure Leute in die Container stecken wollten, die sie noch auf die schon vorhandenen beiden Container im Hof stellten? Wo Ihr spontan gestreikt habt? Da hattest Du doch von ‘pakistanischen Arbeitsbedingungen’ hier in Belgien gesprochen.”

Richtig, das stimmte. Und während meine Kollegen damals ihre Verlegung in Container durch jene spontane Arbeitsniederlegung verhinderten, steckte das Management die Personalabteilung und die Abt. Verwaltung in die Container auf dem Hof.

„Natürlich nur vorübergehend”, ergänzte mein Exkollege. „Mittlerweile sind ja Deine Leute von damals entlassen und arbeiten immer weniger Menschen bei uns, so dass aus vier Containern wieder zwei Container geworden sind.”

Ich sehe etwas traurig drein. „Na, lass mal gut sein”, meint er. „Wir werden so einige wiedersehen. Nach Brüssel zur Demonstration am 15. Mai kommen etliche von denen. Die Arbeitslosen sind jetzt wütend, weil sie kaum noch Jobs angeboten bekommen. Und es wird nicht bei einer Demonstration bleiben, sondern mit Sicherheit zum Generalstreik eskalieren.”

Der Zorn kocht. Bei immer mehr von vielen Millionen Menschen in der EU. Unsere Aufgabe als Kommunisten kann nur darin bestehen, diesen Menschen weiter die Augen zu öffnen. Damit sie wissen, dass der Klassenfeind nicht neben ihnen, sondern vor und über ihnen steht.

Belgiens Schlagzeilen I

WELTWIRTSCHAFTSKRISE LIVE VOR ORT  

von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel

Exklusiv für K-Online, 21. April 2009. – Viele Menschen fahren in Belgien mit der Bahn zur Arbeit. Und viele von diesen vielen Menschen lesen auf dem Weg zur Arbeit die „metrotime“, eine Gratis-Zeitung, die an allen belgischen Bahnhöfen und in vielen Firmeneingängen ausliegt. Hier mal die heutigen Artikel, die gleich auf der Titelseite ins Auge stechen (übersetzt aus der niederländischsprachigen Ausgabe für die Flamen):

-1-  „Neue Entlassungswelle bei Philips.“ Es geht um weitere 225 Menschen, die bei Philips in Turnhout entlassen werden, nachdem bereits Ende 2008 in einer ersten Entlassungsrunde 264 Arbeitsplätze dort wegrationalisiert wurden. Heute arbeiten dort noch 2000 Menschen. In der neuerlichen Entlassungswelle sind auch Angestellte und Führungskräfte im Werk von Philips betroffen....

-2-  „Dexia-Topmann kriegt doch 825.000 Euro Entlassungsprämie.“ Bankier Axel Miller, der voriges Jahr beim Bank- und Versicherungskonzern Dexia entlassen wurde, hat seine Entlassungsprämie von 825.000 Euro jetzt empfangen. Das geht aus der Steuerjahresbilanz von Dexia hervor. Nachdem die niederländischen und französischen Regierungen voriges Jahr jeweils 1 Milliarde Euro frisch gedrucktes Papiergeld in die finanziell ausgeblutete Dexia „injiziert“ hatten, musste deren Topmann Axel Miller entsprechend den Forderungen der Franzosen gehen. Abstand nehmen musste er von seiner beanspruchten Entlassungsprämie von  3,7 Mio. Euro....

-3-  „Antirassismus-Gipfel in Schimpfparty entartet“ ... dieser Artikel sieht eher aus wie ein Alibi an die CIA, es auftragsgemäß auch hier auf Seite 1 gebracht zu haben.

-4- „Trauriger Jubiläumstag in Columbine“. Gedenken an die Opfer des Schüler-Amoklaufes in den USA vor 10 Jahren ... diesem Mini-Artikel fehlt der Verweis auf den guten Dokumentarfilm von Michael Moore dazu.

Nun denn! Die Menschen auch hier in Belgien sollen sich schon mal daran gewöhnen, dass sie selbst es sind, die die Zeche der Weltwirtschaftskrise zahlen sollen. Und sie merken es bereits. Auch beim US-Callcenter-Konzern SITEL in dessen belgischer Niederlassung 350 Arbeitsplätze derzeit akut gefährdet sind, wie unsereins in der Bahn so erfährt. Gesprächsthema unter Kollegen dort sind die Arbeitsangebote aus Sofia in Bulgarien an bestimmte Mitarbeiter, deren Sprachkenntnisse und Erfahrung vom übernehmenden Outsourcing-Partner in jenem Balkanland gefragt sind. Sie erhielten Arbeitsplatzbeschreibungen, die maßgeschneidert auf ihre bisherige Arbeit zutrafen. Eine kleine erste Gruppe von ihnen hat schon entschieden, ab August 2009 in Sofia die Arbeit aufzunehmen. Vielleicht würde man sich dann zwei Jahre später ja wiedersehen in Brüssel, so deren galgenhumorige Rede zu den zurückbleibenden Kollegen vor Ort.

Beim Bier unter Gewerkschaftern erfährt unsereins noch einiges mehr: Die SITEL-Belegschaften in Frankreich, Belgien und Deutschland sollten vor einem Jahr „gesundgeschrumpft“ werden. Ein abgesandter Top-Mann aus der US-Konzernzentrale nahm die Entlassung von mindestens ca. 50 Angestellten in Europa in die Hand. Verhandelt wurde in allen drei genannten Ländern, und gestreikt wurde dort auch immer abwechselnd. Und zwar je nachdem, wo gerade diese Massenentlassung vorgesehen wurde. Letzten Endes verteidigten die Angestellten durch ihre kämpferische Haltung ihre Arbeitsplätze erfolgreich. In den Betriebsräten wurde schließlich vereinbart, dass nicht betriebsbedingt gekündigt werden würde, so dass die Gewerkschaften ihre Kampfaktionen einstellten.

Was also derzeit sich bei SITEL in Belgien abspielt, stinkt nach einer Art Rache aus der US-Konzernzentrale. Denn allein das US-Management steckt dahinter, dass SITEL in Europa jede Menge Auftragsgeber unter den ausgliedernden Konzernen verliert. Einige wenige Beschäftigte, deren Callcenter-Arbeitsplätze in die „Mutterfirmen“ zurückgeführt werden, gewinnen dabei. Wo die Jobs ins Ausland wandern, ist jedoch die Massenentlassung vorprogrammiert. Oder einige sehr flexible Menschen ziehen einfach mit dem Arbeitsplatz um nach Bulgarien, dessen Sprache und Gesetze, Sitten und Bräuche sie nicht kennen: Hauptsache Arbeit und Brot!

Klar ist auch, dass am 15. Mai 2009 massiv demonstriert werden wird. EU-weit. Nur der Widerstand der Massen kann helfen, solch einschneidenden Sozialabbau wie den Raub an den eingezahlten Altersrentenbeiträgen zu stoppen. Dass hinter der Weltwirtschaftskrise das System Kapitalismus selbst steckt, ist vielen Leuten in der EU noch nicht hinreichend klar. Denn die in Worten von Politikern scheinheilig verteufelten Bankiers führen nur die Rendite-Erwartungen jener Maximalprofiteure aus, deren Clans die Großeigentümer von Banken und Konzernen sind. Wenn sie dort 25% auszuzahlende Rendite alljährlich fordern, dann müssen diese nicht mehr real in der Produktion zu erwirtschaftenden Renditegelder ja irgendwoher beschafft werden. Rententöpfe und sonstige Sozialstandardgelder boten sich da vor 20 Jahren auch in der EU noch an. Nun ist der Punkt erreicht, wo die Einzahler jener Beitragsgelder erfahren, dass das Geld „verbrannt“ ist. Von einem Feuer, welches angeblich von höheren Gewalten stammt. Der Zorn kocht. Bei immer mehr von vielen Millionen Menschen in der EU.

Unsere Aufgabe als Kommunisten kann nur darin bestehen, diesen Menschen weiter die Augen zu öffnen. Damit sie wissen, dass der Klassenfeind nicht neben ihnen, sondern vor und über ihnen steht.

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