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WELTWIRTSCHAFTSKRISE LIVE VOR ORT III

Deutschlands Fernseh-Rührseligkeiten

von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel

Exklusiv für K-Online, 22. April 2009. – Der aus Deutschland nach Belgien vor der Massenarbeitslosigkeit der 90er Jahre davongelaufene Arbeitsemigrant schaut an seinem Feierabend in der Regel zuweilen weiterhin via Kabelfernsehen die öffentlich-rechtlichen Kanäle aus Deutschland. Allgemein gebildete sozialistische Persönlichkeiten, wie die einstige DDR ihr schulisches Erziehungsziel formulierte, wollen ja gerne auch heute möglichst gut informiert bleiben.

Gesternabend ging es besonders rührselig in der dafür falsch betitelten Sendung „Hart aber fair” des Herrn Plasberg zu. Eine bayrische Gräfin wurde präsentiert. Sie verwies auf ihre Heldentat, aus ererbtem Großvermögen ca. 15 Arbeitsplätze zu unterhalten und aus einer Schlossruine ein zumindest sich selbst tragendes privatkapitalistisches Unternehmen gemacht zu haben.

Unsereins wollte schon fast zur Spendensammlung für jene Gräfin aufrufen oder eine Initiative für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Ihre Hoheit starten, als der wie immer weinerlich wirkende Herr Sommer von der DGB-Arbeiteraristokratie kopfschüttelnd protestierte. Dies sehr heftig mit inhaltlich den Worten, dass Frau Gräfin zu jenen gehöre, die doch „wenigstens jetzt ein bisschen mehr an Steuern zahlen” sollten. Er lag fast auf den Knien vor seiner gereizt dreinschauenden blonden Nachbarin.

Plasberg indessen servierte eine Kurzreportage vom Düsseldorfer Golfklub, Jahresmitgliedsbeitrag mindestens 4000 Euro. Dort fand sich niemand, der bereit war, freiwillig was abzugeben. Denn, wer würde schon freiwillig was abgeben von den anderen Leuten? So das Gerede derer, die ohnehin ausgesorgt haben und mit ihren ererbten Reichtümern Golfklubs bevölkern. „Von Beruf Sohn.”

Nun wäre dies ja alles kein Problem, sondern scheinheiliger Normalzustand für sich angeblich gegenseitig in ihren auch mal groben Klassenunterschieden akzeptierenden Kapitalisten und Verkleinbürgerlichten. Wäre da nicht die gerade mit immer größerer Wucht einsetzende Weltwirtschaftskrise voll drohender und laufender Massenentlassungen und infolge dessen anstehender Massenproteste jetzt ins Elend abstürzender bisher verkleinbürgerlichter Arbeiter und Angestellter. Und wäre da nicht der sich weiter rapide verschärfende Konkurrenzkampf zwischen den Kapitalisten. Politische Instabilität schadet bekanntlich dem Geschäft! Und Leute wie Plasberg machen das Kapital mal eben ganz direkt auf die Gefahr eines Aufruhrs aufmerksam.

Um 7% soll die Volkswirtschaft Deutschlands in diesem Jahr schrumpfen. Und bei der Weltwirtschaftskrise 1929 soll die Schrumpfung 6% betragen haben. Das damalige Szenario von 1929-32 will Herr Plasberg nicht wiederholt haben. Bei ihm betteln nun also Politiker und Gewerkschaftsboss um eine mildtätige Haltung des Kapitals, welches Massenentlassungen begrenzen sollte und für hinreichend Sozialhilfe ein paar Steuern mehr eben aus der Portokasse lockermachen sollte, nachdem es ja jahrelang bestens auch zu Lasten der Rententöpfe und der öffentlichen Daseinsvorsorge Extraprofite scheffeln konnte.

Die Reaktion der „Leistungsträger” darauf ist gleich null bis negativ. Freiwillig wird es von denen also keinen Cent geben. Und kein Golfklub muss Mitgliederschwund beklagen.

Mit den „Konjunkturpaketen” und dem Almosen von letztlich 100 Euro „Kinderbonus” hoffen Regierende, selbst ärmste Teile der Bevölkerung mit in das Boot der von den Reaktionären im Interesse des Kapitals gezimmerten „Schicksalsgemeinschaft Deutschland” geholt zu haben. Scheinbar alle hätten sich so „an der Allgemeinheit bereichert”, von frisch gedruckten Milliardensummen an Euros etwas abbekommen. Und wenn die Rechnung präsentiert wird, sollen auch alle die Zeche zahlen. Und dies scheinbar gleichsam, denn die zu erwartende Inflation wird alle Klassen und Schichten treffen. So wird es uns auf subtile Art nun vorgespiegelt und vorgetäuscht.

Derweil wird das Leben in Monaco und am Tessin, in der Flamingo Road und Beverley Hills ohne nennenswerte preisliche oder sonstige Veränderungen in den Villen und Clubs und Yachthäfen der Kapitalisten weitergehen. Auf den Cayman Inseln oder den Bahamas wird wenig von Massenentlassungen zu spüren sein. Und die Journaille von Plasberg bis BILD wird derweil den Lieschen Müller in Deutschland einreden, dass die Krisenlasten alle gleichermaßen in der „Schicksalsgemeinschaft Deutschland” schultern.

Ach so, bevor ich es vergesse. Die Schlagzeile auf der Titelseite der belgischen „Metrotime” ist auch heute wieder sehr aussagekräftig: „Europa tief in roten Zahlen.” Gemeint ist die EU. Die Konjunktur ist im Keller, kann man dort lesen. Großbritannien kämpft mit der schwersten Rezession seit dem 2. Weltkrieg, sein Brutto-Inlands-Produkt soll in 2009 um 3,5% schrumpfen, für 2009 fehlen 174 Milliarden Pfund in der Staatskasse, was 12,4% des britischen Brutto-Inland-Produktes entspricht. Auch Belgien rechnet mit 3,8% Wirtschaftsrückgang in 2009 laut IWF-Zahlen. Aber in 2010 soll es ja wieder aufwärts gehen um dann 0,3%. So die Beruhigungspille vom IWF für Belgien.

Unsereins schaut sich um und sieht die Ruhe vor dem Sturm. Der Zorn kocht. Bei immer mehr von vielen Millionen Menschen in der EU. Unsere Aufgabe als Kommunisten kann nur darin bestehen, diesen Menschen weiter die Augen zu öffnen. Damit sie wissen, dass der Klassenfeind nicht neben ihnen, sondern vor und über ihnen steht.

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