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WELTWIRTSCHAFTSKRISE
LIVE VOR ORT VI
Belgiens
Ereignisse dieser Tage
von
Jens-Torsten Bohlke, Brüssel
Exklusiv
für K-Online, 29. April 2009. – Die Bildungsminister der
EU-Mitgliedsländer treffen sich gerade in Belgien zur
„Bologna-Konferenz“. Diese 46 Politiker „wollen die Hochschul- und
Universitätsausbildung der verschiedenen Länder noch besser
aufeinander abstimmen und den Austausch der Studenten weiter
erleichtern“, meldet flanderninfo.be. Die Schulkosten und Studiengebühren
sind nicht nur in Belgien hoch, so dass die Proteste dagegen seitens
einiger tausend Schüler und Studenten vor allem aus Belgien und
Frankreich in Brüssel und kleinerer Gruppen aus Belgiern, Dänen,
Spaniern, Franzosen und Italienern in Löwen und Louvain-la-Neuve nicht
überraschen. „Wir denken, dass die Schulausbildung kostenlos sein
muss“, sagte ein Demonstrant. „In den USA beenden Studenten ihr
Studium mit 20.000 Euro Schulden. Solche Zustände wollen wir in Belgien
nicht.“ Auch forderten die Protestierenden den Rücktritt der
Bildungsminister.
Bei
von Massenentlassungen hierzulande betroffenen Arbeitern herrscht
weiterhin schiere Wut und Verzweiflung. Auch in dieser Woche wurden
wieder Manager von aufgebrachten Chemiewerkern in Geiselhaft gezwungen,
wie brf.be berichtet. Nachdem sie sich im abgeriegelten Raum mit den
gewerkschaftlichen Verhandlungsführern heute früh geeinigt hatten,
wurden die Chefs von CYTEC in Brüssel-Drogenbos wieder freigelassen. Es
ging immer noch um Abfindungen, Frühpensionen und Sozialplan für die
dort anstehende Entlassung von 165 der 550 Beschäftigten.
Die
Fluggesellschaft Brussels Airlines provozierte mit dem Einfrieren der
Pilotengehälter deren für morgen angekündigten Streik in Brüssel-Zaventem.
Die Gewerkschaft verlangt, dieses Einfrieren der Gehälter zu beenden,
die Zwangspensionierung mit 55 Jahren rückgängig zu machen und die
Ruhezeiten auszubauen.
Eine
sehr zweifelhaft gute Nachricht ereilte die Beschäftigten der
Waffenfabrik FN in Herstal bei Lüttich. „La libre Belgique“
schrieb, dass sie 2300 Euro als Sonderprämie zum Dank für ihre im
vorigen Jahr geleistete Arbeit erhalten werden, denn da hatte die Firma
10% Umsatzplus im Vergleich zu 2007 gemacht. Das Rüstungsgeschäft blüht
also noch. Und Kanonenfutter wird auch gebraucht, denn auf belgischen
Handelsschiffen in aller Welt sollen nach dem Willen einiger bürgerlicher
Politiker schon bald belgische Soldaten als Begleitschutz postiert
werden. Das Regierungskabinett beriet heute darüber, wurde sich jedoch
mit den Reedereien bisher nicht einig über eine Kostenbeteiligung von
denen. Diskret verschwiegen wird unsereins, wie viel an Auszahlung sich
die Rüstungsindustriellen da genehmigten. Diese Zahl ist ja auch immer
ganz interessant zu erfahren. Während bei dem einen Bourgeois die
Champagnerkorken knallen, schlägt die unersättliche und schon dreiste
Profitgier anderer insbesondere Finanzhaie in Handgreiflichkeiten um.
So
gab es nicht nur zwischen Studenten und Polizei in Brüssel, Löwen und
Louvain-la-Neuve vereinzelte Tumulte, sondern auch bei der Creme der
belgischen Hochfinanz. Auf der gestrigen Aktionärsversammlung der
Fortisbank in Gent ging es um die Übernahme der notverstaatlichten
Pleitebank durch die französische Großbank BNP Paribas. Wie im
Monopolkapitalismus üblich, wurden dabei die Kleinaktionäre der Fortis
Holding von den Großaktionären über den Tisch gezogen. Wie die
belgische Presse genüsslich schilderte, bewarfen aufgebrachte Aktionäre
den Verwaltungsrat auf dem Podium mit Schuhen, Gegenständen und Münzen.
Sie forderten lautstark dessen Rücktritt und verließen schließlich
protestierend den Saal. Saalschützer hatten alle Hände zu tun, um die
Lage im und anschließend vor dem Gebäude wieder unter Kontrolle zu
bekommen. Fast 73% der Stimmanteile sollen für den Verkauf von 75% der
Fortisbank durch den belgischen Staat an die größte französische
Geschäftsbank gestimmt haben, welche sich den Happen gut 10 Milliarden
Euro kosten lassen wird. Die restlichen 25% der Anteile sollen an den
belgischen Staat gehen, der auch noch weitgehende milliardenschwere Bürgschaften
übernommen hat. Wer also die Zeche der Plünderung dieser belgischen
Traditionsbank letztens zahlen soll, ist uns allen damit klar.
Genossen
von der Führung der „Partei der Arbeit Belgiens“ (PvdA/PTB)
feierten teils im Zirkusclown-Kostüm unterdessen mit etwas Champagner
vor dem Gebäude der einstigen Staatsbankzentrale ASLK in Brüssel die
dauerhafte Verstaatlichung der Fortisbank, weil genau dies der Forderung
der Partei entsprechen würde. Auf dem Foto ist Genosse Peter Mertens,
der Parteivorsitzende, zu sehen. Gefordert wird, den Fortis-Zirkus
endlich zu stoppen, es bei der Verstaatlichung der Bank zu belassen. Um
„die Bank zu retten“, hat Belgiens Regierung immerhin 15 Milliarden
Euro „injiziert“, so dass die PvdA/PTB den Bankrotteuren jegliche
Mitsprache hinsichtlich der Geschicke der von ihnen in den Konkurs
verwirtschafteten Fortisbank abspricht. Die Fortisbank sollte Belgiens
öffentliche Staatsbank werden, so argumentieren die Genossen.
Stattdessen wird sie nun erneut an Großaktionäre verschleudert,
diesmal außer Landes nach Frankreich. Dabei wäre eine Staatsbank gut,
damit die Menschen Sicherheit beim „Verwalten ihrer Spar-Centjes“
bekommen. „Oder sollen sie ihre Centjes in die Socke packen, oder in
der Matratze aufbewahren?“, fragt Genosse Mertens in der „solidair“.
Und weiter: „Warum muss die neue Fortisbank in Privathände?“
Auch
bei der privatisierten belgischen Post berieten die Aktionäre, über
die Aufteilung von einer Milliarde Euro liquider Mittel unter sich
selbst. Die „Partei der Arbeit“ spricht sich dagegen aus und
verlangt, diese Mittel einzusetzen, um die kürzlich geschlossene Zahl
von mehr als der Hälfte aller Postfilialen endlich wieder zu eröffnen.
Über 50% der Post-Anteile hält der belgische Staat. Dessen Aufgabe
laut Meinung der belgischen Kommunisten nicht sein kann, den Großaktionär
CVC Capital Partners zu bedienen, welcher 49% der Post-Anteile hält und
die reichsten Finanzclans Europas repräsentiert.
Woher
kommen nun laut „solidair“ jene 1 Milliarde Euro? Die CVC legte 300
Mio. Euro in 2005 bei der Post an. 430 Mio Euro legte der belgische
Staat bei der Post an. 106 Mio. Euro erbrachte der Verkauf von Postgebäuden,
die 150 Jahre lang vom Geld der Steuerzahler und durch die Arbeit der
Postangestellten aufgebaut worden waren. 50 Mio Euro stammen aus
sogenannten Eigenmitteln der Post. Die Postangestellten erbrachten in
2007 einen 30%igen Produktivitätszuwachs. Und die kapitalistische
Rationalisierung geht weiter: Das Management der Post will geringfügige
Beschäftigung ausweiten, um die Ware Arbeitskraft weiter zu verbilligen
und die Löhne zu drücken. Damit liefert die Entwicklung bei der
belgischen Post einen schlagenden Beweis dafür, dass die neue belgische
Regierung de Rompuy die Interessen allein der Finanzkapitalisten auf dem
Rücken der Arbeiterklasse vertritt.
In
der „Metrotime“ ging es heute um die völlig überfüllten und
hoffnungslos veralteten belgischen Knäste: „Gefängnisse exportieren
Übervölkerung in die Niederlande“, so die Schlagzeile. Den zuständigen
Behörden fällt diesbezüglich weiter nichts ein, als in den
benachbarten Niederlanden anzufragen, ob dort freie Knastkapazitäten
nicht angemietet werden könnten. Denn gerade in den Krisenzeiten voller
Straßenblockaden, kriminellen Geiselnahmen von Managern und
Steinewerfern auf Polizisten ist von ca. 300 Neuverhaftungen monatlich
auszugehen. „Möglicherweise geht die Zahl auch hoch auf 400 oder 500
zu Inhaftierende pro Woche“, die nicht mehr in Belgiens Knästen
untergebracht werden können. Und in den Niederlanden sind doch viele
neue Knäste in den letzten 15 Jahren gebaut worden, Benelux kann da
doch zusammenarbeiten.... Was nun aber, so fragt sich unsereins, wenn
der Massenprotest die Niederlande demnächst auch stärker erfasst, so
dass die noch freien Knastzellen mit Niederländern belegt werden?
„Neues aus der Anstalt“ hieß es ja gestern abends wieder im ZDF.
Ja, fürwahr, diese heutige EU ist ein Tollhaus und in ihrem reaktionären
Gehalt ein billiger Abklatsch der einstigen „Heiligen Allianz“ zu
Zeiten des heranwachsenden Karl Marx! Nicht nur in Deutschland, sondern
ringsum ganz genau so und ebenfalls.
Auch
bei einem anderen Artikel der „Metrotime“ weiß unsereins nicht, ob
zu lachen oder zu weinen ist. Da geht es um den bürgerlichen Behördenstadl
in Belgien und seine jüngsten Skandale. „La libre Belgique“
publizierte einen weiteren Fall von Amtsanmaßung, wo mit etwas
Urkundenfälschung im Innenministerium eine Beamte sich eine höhere
Position gesetzwidrig und kriminell verschaffte. Unsereins denkt gleich
mal an die Polizisten, die im letzten Weihnachtsgeschäft in Brüssel
als Ladendiebe verhaftet und überführt wurden und zu diesem Vorfall
nur lapidar erklärten, dass sie diese kriminelle Handlung aus Geldnot
und wegen zu niedriger Bezahlung begehen mussten. Hier werden also nicht
nur Böcke geschossen, sondern Böcke zum Gärtner gemacht!
Krisengewinner
dieser Woche ist offenbar Carlos Brito, Topmanager der privaten Großbrauerei
Anheuser Busch INBEV mit Sitz in Löwen, im kleinen Lande der 487 Biere.
Die dortige Aktionärsversammlung stimmte mit 98% für den bis zu 80
Mio. Euro betragenden „Megabonus“, welchen Carlos Brito extra soll
einstreichen können. Sofern ihm der Schuldenabbau durch die
Unternehmensführung gelingt, soll er diese Summe in den nächsten 5-10
Jahren in Form von Unternehmensaktien ausgezahlt bekommen. Und dies ist
eben „von Bedeutung für die Firma“, so deren Sprecher. Die
Gewerkschaften reagierten prompt mit der Ankündigung massiver Proteste.
Was bedeutet, dass die Arbeiter des größten belgischen
Brauerei-Unternehmens die Sache völlig anders sehen als jene
Anteilseigner. Und nicht wirklich überrascht.
Klar
wird letztlich immer wieder jeden Tag aufs Neue, wie abgewirtschaftet
und verrottet die derzeitige bürgerliche Gesellschaft ist. Verluste
privatkapitalistischer Konzerne werden sozialisiert und aus fast
ausschließlich von der Arbeiterklasse erbrachten Steuergeldern
beglichen, während die Herrschaften der Kapitaleignerclans jede
Gelegenheit für Rendite „cash in die Täsch'„ gierig ausnutzen.
Massenentlassungen, Armut und Knast für die Arbeiterklasse, aber
demgegenüber Privatisierungserlöse und Luxusvillen für ein paar
hinter Kapitalgesellschaften und „Heuschrecken“ sich tarnende
Profitgeier und Oligarchien und ihre korrupten Bluthunde in
betrieblichen Führungspositionen insbesondere im militärisch-industriellen
Komplex (MIK). Was für ein berauschendes Bankett für die Herrschaften
der Hochfinanz! Und was für ein Elend bei Millionen Familien, die ihre
Eigenheime, ihre Spargroschen, ihre Altersrücklagen und ihren
Arbeitsplatz an die Finanzclans verlieren!
Je
mehr sich die Gewitterwolken zusammenbrauen, umso rascher steht das
Unwetter bevor. Der Zorn kocht. Bei immer mehr von vielen Millionen
Menschen in der EU. Unsere Aufgabe als Kommunisten kann nur darin
bestehen, diesen Menschen weiter die Augen zu öffnen. Damit sie wissen,
dass der Klassenfeind nicht neben ihnen, sondern vor und über ihnen
steht und demagogisch von „nationaler Schicksalsgemeinschaft“
faselt, welche „in Krisenzeiten zusammenstehen“ müsse. Im Volke wissen wir alle es besser.
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