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Operation
Lohndrücker
Polens
»Ich-AG’s« als Sündenböcke
Rainer
Balcerowiak
Quelle:
jungeWelt
vom 13.04.2005
Die
offizielle Politik mutet des Denkens mächtigen Menschen einiges zu.
Aktuell soll ihnen weisgemacht werden, daß die massenhafte
Arbeitsmigration von osteuropäischen Handwerkern und Dienstleistern im
Gefolge der EU-Osterweiterung nicht vorhersehbar war. Wir sollen ferner
glauben, daß allen maßgeblichen nationalen und europäischen Instanzen
die möglichen ökonomischen und sozialen Folgen der vollständigen
Niederlassungsfreiheit für Unternehmer innerhalb der EU entgangen
seien.
Das
genaue Gegenteil dürfte der Fall sein. Da die Freizügigkeit für abhängig
Beschäftigte angesichts der Massenarbeitslosigkeit in vielen EU-Kernländern
politisch nicht durchsetzbar war, mußte eines der wichtigsten ökonomischen
und politischen Ziele der EU-Osterweiterung – die flächendeckende
Senkung des Preises für die Ware Arbeitskraft – auf anderem Weg
erreicht werden. In Berufszweigen wie Fleischer, Fliesenleger und
Dachdecker, aber auch bei ambulanten Pflegekräften, sind inzwischen
Fakten geschaffen worden, die kaum mehr revidierbar erscheinen. In
einigen Regionen gehört tariflich entlohnte Beschäftigung in diesen
Branchen bereits der Vergangenheit an.
Das
Kapital ist damit seinem Ziel, auch in Deutschland einen möglichst
breiten Niedriglohnsektor zu schaffen, ein großes Stück nähergekommen.
Wenn formal selbständige Handwerker und Dienstleister ihre Arbeit für
fünf Euro und weniger pro Stunde anbieten, sind Tarifverträge, selbst
wenn sie wie in der Bauindustrie für allgemeinverbindlich erklärt
werden, ebenso wirkungslos wie gesetzliche Mindestlöhne.
Umso
widerwärtiger sind die ausländerfeindlichen Untertöne in der Debatte
um die osteuropäischen Dumpingarbeiter. Gerade für polnische
Handwerker ist die Erwerbstätigkeit in Deutschland angesichts der
horrenden Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat (19,5 Prozent) oftmals die
einzige Chance, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das zwar langsam
schrumpfende, aber immer noch sehr große Gefälle bei den
Lebenshaltungskosten macht für diese Arbeitspendler Entlohnungen
attraktiv, die für in Deutschland lebende Arbeiter unterhalb des
Existenzminimums lägen. Größte Nutznießer sind jedoch die
Auftraggeber, die ihre Lohnkosten senken können, und natürlich der
ideelle Gesamtkapitalist, da die Lohndumpingwelle auch auf andere
Branchen ausstrahlt.
Wenn
die Bundesregierung jetzt Verhandlungen mit der polnischen Regierung über
die Beschränkung der Tätigkeit von Scheinselbständigen ankündigt,
klingt das reichlich verlogen. Schließlich sind die noch vor wenigen
Monaten als arbeitsmarktpolitische Wunderwaffe gepriesenen »Ich-AG’s«
nichts weiter als die schwarz-rot-goldene Variante der polnischen
Ein-Mann-Handwerksbetriebe. |