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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 17. Dezember 2007
GegenStandpunkt – Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart
vom 9. Januar 2008
Sind
die Manager-Bezüge zu hoch?
Der
Anteil der Funktionäre des Kapitals an der Ausbeutung
und der immer zu hohe Preis der Arbeitskraft: Warum wer was und wie viel
in der schönen Marktwirtschaft kriegt
Kanzlerin
Merkel höchstpersönlich liest auf der Arbeitgebertagung der
versammelten Wirtschaftsprominenz die Leviten. Sie führt die öffentliche
Debatte fort, nach der die Manager angeblich zu hohe Bezüge erhalten,
und besonders anstößig sollen die Abfindungen für entlassene Manager
sein. Die Kanzlerin mahnt zur Zurückhaltung, weist den unvermeidlichen
Vorwurf der „Neiddebatte“ zurück und behauptet sogar, das ganze
Gemeinwesen könnte deswegen in Unordnung geraten.
Eine
prima Gelegenheit, eine höchst interessante Frage zu wälzen, nämlich
ob einer zu Recht verdient, was er verdient. Klar, dass Manager einen
Haufen verdienen, aber haben es diese Herren nicht entschieden zu weit
getrieben? So fragen kann man nur, wenn man einerseits vom großen
Unterschied zwischen dem „kleinen Gehaltsempfänger“ und dem
„Topmanager“ weiß, andererseits aber zwischen den beiden eine
Gemeinsamkeit ausfindig gemacht hat, die einen Vergleich ermöglicht:
Die Gemeinsamkeit soll darin bestehen, dass beide – zwar
unterschiedlich, aber dennoch – bezahlt werden, und zwar für ihre
Leistung für das Unternehmen, in dem sie beschäftigt sind. Und die,
die diese Frage wälzen, meinen, die Bezahlung müsste ein gerechtes Äquivalent
für die erbrachte Leistung sein – was doch bei den Managern manchmal
einigermaßen zweifelhaft sei; in vornehmer
Kommentatoren-Ausdrucksweise: „Wo hört in der globalen
Wirtschaftswelt eine leistungsgerechte Bezahlung auf, wo fängt die
Selbstbedienung an?“ Reingefallen, kann man da nur sagen – denn
an dem wirklichen Verhältnis von Lohn und Leistung zielt man mit dieser
Fragestellung voll vorbei. Weder gibt es einen Zusammenhang von Lohn und
Leistung, noch lassen sich Manager und Arbeiter darüber vergleichen,
dass beide bezahlt werden. Die Vorstellung einer leistungsgerechten
Entlohnung ist absurd.
Der
Arbeiter bekommt Lohn dafür, dass er dem Unternehmer seine Arbeitskraft
zur Verfügung stellt. Das, Ergebnis seiner Arbeit gehört dann dem
Arbeitgeber. Eingestellt wird nur unter der Bedingung, dass sich
seine Arbeit für das Unternehmen rentiert, d. h.: Er schafft dem
Unternehmen mehr verkäuflichen Warenwert, als er als Lohn
nach Hause trägt. Den Gegenwert seines Lohnes erarbeitet der Arbeiter
mithin in nur einem Teil seiner Arbeitszeit, den Rest des Tages arbeitet
er für das Unternehmen – umsonst. Das ist der grundlegende Gegensatz
zwischen Arbeiter und Kapitalist. Denn der Unternehmer will den
unbezahlten Teil des Arbeitstages ständig auf Kosten der bezahlten
Arbeitszeit erhöhen, mit der Konsequenz, dass er damit den Teil des
Arbeitstages, in dem der Arbeiter den Gegenwert für seinen
Lebensunterhalt erarbeitet, verringert. Wie groß der eine und der
andere Teil seines Arbeitstages ausfällt, ist Ergebnis des Kampfes der
beiden Parteien, die unvereinbare Interessen vertreten. Lohnarbeiter können
die Höhe ihrer Einkünfte nicht durch ihre Leistung erhöhen, sondern
allenfalls durch den Druck, den sie mit der Drohung der
Arbeitsverweigerung auf die Unternehmerkalkulation ausüben können.
Wenn die deutschen Gewerkschaften heutzutage meinen, diesen Gegensatz
mit „Sozialpartnerschaft“ beseitigt zu haben, dann ist das eben eine
Unwahrheit und ändert am grundlegenden Verhältnis rein gar nichts.
Nichts von alledem hat etwas mit Gerechtigkeit oder einer Bemessung des
Entgelts an der erbrachten Leistung zu tun. Die Leistung, für
die der Arbeiter bezahlt wird, besteht notwendigerweise darin, dass er
eine unbezahlte Leistung abliefert. Denn das ist die Bedingung
seiner Beschäftigung.
Die
Vergütung von Managern folgt ganz anderen Prinzipien: Sie erfüllen im
Auftrag und zum Nutzen der Kapitaleigner die Funktion des Kapitalisten.
Ihre Arbeit besteht darin, Entscheidungen zu fällen über die Arbeit,
die andere zu machen haben, sie zu kontrollieren und aus ihnen die
Leistung herauszuholen, die die Eigentümer reich macht. Manager tragen
tatsächlich eine „schwere Verantwortung“, nämlich die, die
Aneignung der unbezahlten Arbeit zu organisieren, die die Belegschaft
abzuliefern hat. An dem Profit, den sie den Eigentümern hereinholen,
werden sie nicht schlecht beteiligt. Dafür brauchen sie nicht zu kämpfen,
denn die Eigentümer wissen schon, was sie an ihnen haben. Die
Beteiligung am Firmenerfolg muss sich dabei noch nicht einmal am
vergangenen, schon erzielten Erfolg orientieren; sie kann ebenso gut am
zukünftigen Erfolg Maß nehmen, den die Firma unter der Ägide des
betreffenden Betriebsführers anstrebt. Ein Konzern, der sich einen sündhaft
teuren Sanierer leistet oder einen weltweit ausgewiesenen Spitzenmann
ins Haus holt, zeigt, wo er sich in der Konkurrenz sieht und
demonstriert seine Finanzkraft. Die Bezüge der Spitzenleute repräsentieren
Größe und Erfolgsanspruch einer Kapitalgesellschaft – und sind
dadurch selbst noch Mittel ihrer Konkurrenz um Kredit und Anleger.
Entsprechend ist das Selbstbewusstsein des Managers beschaffen: Er
versteht sich als Feldherr der Produktionsschlacht und des Kampfes um
den Markt, schreibt die Erfolge, die „sein“ Unternehmen erzielt,
sich und seiner herausragenden Persönlichkeit zu; denn – wie es der
Chef der Deutschen Bank Ackermann ausdrückt – schließlich sei er es,
der „die Werte schafft“. Dieses Selbstbewusstsein hat insofern seine
Richtigkeit, als der Manager eben damit in seinem Beruf aufgeht: Nur so
kann er die für solche Typen typische Rücksichtslosigkeit und Arroganz
an den Tag legen, die es braucht, um aus schlaffem Untergebenenmaterial
eine schlagkräftige Markteroberungstruppe zu schmieden.
In
der jetzigen Debatte um die Höhe ihrer Bezüge wird die Tätigkeit
der Manager, die darin besteht, die Anhäufung von möglichst viel
unbezahlter Arbeit zu organisieren, keineswegs kritisiert. Es gibt bloß
eine Nörgelei, die sich an der Höhe ihrer Gehälter festmacht,
und die Regierungschefin macht sich sogar zur Wortführerin dieses
Unbehagens. Sie hat mitgekriegt, dass es im Volk ein Rumoren gibt, was
ihr allein schon deswegen nicht passt, weil damit die politische
Konkurrenz – die SPD und insbesondere die Linkspartei – Punkte
macht.
Der
Unmut rührt daher, dass einerseits der Reichtum im Land wächst und
allenthalben von ‚Aufschwung‘ die Rede ist, der aber – so die
Unzufriedenheit – „unten nicht angekommen ist“, sondern im
Gegenteil – so die erstaunliche Beobachtung – „die Armen immer ärmer
und die Reichen immer reicher“ macht. Was denn sonst im Kapitalismus,
wenn er blüht und gedeiht?! Merkel meint, diese Unzufriedenheit bekämpfen
zu müssen. Ein erster Schritt ist selbstverständlich nicht die
Anpassung der Armutslöhne und der Hartz-IV-Bezüge nach oben, in
Richtung Managerlöhne, sondern – die Einführung eines Mindestlohnes.
Nach 200 Jahren Kapitalismus hat man sich darauf geeinigt, dass einer,
der voll arbeitet, auch davon leben können soll – von gut
leben ist freilich nicht die Rede. Was stört, ist, dass der Billiglohn
vom Staat bezuschusst werden muss. Von der Kapitalistenklasse und ihren
Sprachrohren wird das – wen wundert’s? – weiterhin erbittert bekämpft,
womit sie freilich den Befürwortern des Mindestlohns in die Hände
arbeiten: So können sie den so genannten unteren Schichten zurufen:
Seht ihr, wir haben ein Stück Gerechtigkeit für euch erkämpft! Im
zweiten Schritt wendet sich die Kanzlerin an die Unternehmer und Manager
und ruft ihnen ein „So nicht!“ zu. Was machen die ihrer Meinung nach
falsch? Auf dem CDU-Parteitag sagt sie:
„Liebe
Freunde! Eine Politik der Mitte sagt zu allen Mitgliedern der
Gesellschaft: ‚Denkt immer an die Anderen! Vergesst nicht, dass wir
alle aufeinander angewiesen sind!‘ Erfolgreiche Unternehmen gibt es
nur an erfolgreichen Standorten, und erfolgreiche Unternehmen gibt es
nur, wenn es gerecht und verantwortungsbewusst zugeht… Soziale
Marktwirtschaft ist immer auch eine Wirtschaft und eine Gesellschaft, in
der die Menschen zusammengehören. Wenn das nicht mehr funktioniert,
fliegt uns der ganze Laden auseinander, um das einmal ganz einfach zu
sagen.“ (3.12.)
Verlangt
die Kanzlerin nun von den Managern, so „an die anderen zu denken“,
dass sie die Löhne erhöhen? Garantiert nicht.
Will
sie ihnen vielleicht irgendetwas verbieten, womöglich ihre Gehälter
beschneiden? Ein bisschen wird so getan, wenn von Parlamentariern
Arbeitsgruppen gebildet werden, die über „Obergrenzen“ für
Managergehälter „nachdenken“. Gleichzeitig ist aber klar: Das ist
ein unzulässiger Eingriff in die unternehmerische Freiheit und
rechtlich nicht möglich. Die Kanzlerin mit ihrem Aufruf wie auch die
parlamentarischen Arbeitsgruppen machen also nur eins: Gegen die Realität
der Managertätigkeit, die in nichts anderem als der Durchsetzung des
Unternehmensinteresses gegen das Arbeiterinteresse besteht, wird
die platte Ideologie eines Miteinander gesetzt: Eigentlich
sind alle an einem Gemeinschaftswerk beteiligt. Da ist es dann blöd,
wenn die Manager in ihrem Auftreten und in den Bezügen, die sie sich
selbst genehmigen, heraushängen lassen, dass dem nicht so
ist, wenn sie geradezu demonstrativ auf den Unterschied zwischen sich
und ihren Untergebenen deuten.
Dagegen
nimmt sich der Aufruf der Kanzlerin aus wie ein strenger Rüffel, und
manche verwechseln das sogar mit einer Kritik. Dabei sollen die Herren
und Damen Manager mit ihrem Auftreten bloß darauf achten, dass der schöne
Schein des Gemeinschaftswerks nicht unnötige Kratzer abkriegt. Etwas
mehr Anstand und demonstrierte Bescheidenheit ist bei der Bereicherung
angesagt, weil man sonst dem Gerechtigkeitssinn des Volks ein bisschen
zu viel zumutet. Umgekehrt haben die Manager, wenn sie denn ein wenig
einsichtig sind und Besserung geloben, einen Beitrag zu dieser
moralischen Aufgabe geleistet und eben so diesen Gerechtigkeitssinn auch
wieder befriedigt.
Wie
wichtig das ist, macht Merkel mit ihrem Bild von dem „auseinander
fliegenden Laden“ deutlich. Sachlich ist das natürlich Quatsch, von
empörten Massen vor der Bild-Zeitung oder dem Bundeskanzleramt ist weit
und breit nichts zu sehen, aber mit der Dramatisierung belegt die
Kanzlerin, wie ernst sie die Unzufriedenheit nimmt – und der Witz ist:
Damit ist die auch schon voll bedient. Sogar die oberste Führerin
der Nation hat diesen Wirtschaftsführern jetzt mal gesagt, dass auch
sie sich anständig benehmen müssen.
Und
dann der krönende Abschluss dieser Schelte:
„Was
ich überhaupt nicht verstehe: Warum wird mit Geld überschüttet, wer
auf ganzer Linie versagt hat. Liebe Aufsichtsräte, glauben Sie, Ihre
Mitarbeiter lesen keine Zeitung? Glauben Sie, Ihre Mitarbeiter
beherrschen nicht die Grundrechenarten? Wenn ich das Versagen von
Spitzenkräften mit Fantasieabfindungen vergoldet sehe, dann sage ich:
Das untergräbt das Vertrauen in das soziale Gleichgewicht unseres
Landes.“(Ebd.)
Wirklich
skandalös sind nur die Manager, die nicht erfolgreich beim Management
der Ausbeutung waren, also ihre Untergebenen nicht so gezwiebelt
haben, dass viel rentable Leistung aus ihnen herausgeholt wurde. Wenn
die deswegen entlassen werden, sollen sie nicht auch noch zu viel
Geld dafür kriegen. Merkel bezieht sich mit voller Absicht darauf, dass
die Unzufriedenheit über die Managergehälter hauptsächlich daher rührt,
und gibt dem Recht. Aber merken die Unzufriedenen eigentlich, dass die
Kanzlerin damit den Beruf des Managers – die Ausbeutung auf
Kosten der Beschäftigten zu organisieren – voll aus der Schusslinie
genommen und ihm eine perfekte Ehrenrettung verpasst hat? An einem in
diesem Sinne erfolgreichen Manager gibt es dann nämlich überhaupt
nichts mehr zu kritisieren: Er verdient, was er verdient; denn die
erfolgreiche Mehrung des Shareholder-Value ist ein einziger Beitrag zum
„sozialen Gleichgewicht unseres Landes“. – Wer da noch kleinlich
nachrechnet, offenbart nur – niedrigen Sozialneid! |