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Eine
Million bis 2,5 Millionen Demonstrierende in
Frankreich gegen Sarkozys Krisenpolitik:
Aber
wie geht es jetzt weiter?
Bericht
von Pariser Großdemo und Hintergründe
Quelle:
Labournet
vom 30. Januar 2009
von
Bernard Schmid, Paris
Nein,
die Suppe, die Ihr uns da eingebrockt habt, die löffeln wir nicht aus -
„der Spaß ist zu teuer, von uns kriegt Ihr nichts!“ (frei nach
‚Ton Steine Scherben’). Ungefähr so lautet die Botschaft, die über
eine Million Demonstrierende, vielleicht auch annähernd zwei Millionen,
am gestrigen Donnerstag an Präsident Nicolas Sarkozy adressiert haben.
Die
Demonstrationen können - in diesem Stadium des Protests, handelte es
sich doch um die erste Großdemo seit dem Eintritt Frankreichs in die
Finanz- & Wirtschaftskrise -, nur als voller Erfolg bezeichnet
werden. Die bürgerlichen Medien hatten schon seit Tagen vor einem
„schwarzen Donnerstag“ gewarnt (‚Jeudi noir’, so beispielsweise
die Boulevardzeitung ‚Le Parisien’ und der Fernsehsender TF1), und Mühsal
& Plackerei der Nutzer/innen öffentlicher Verkehrsmittel in den
dunkelsten Farben beschworen. Letztere trat dabei - jedenfalls in Paris
- gar nicht einmal ein, denn die Métrozüge verkehrten weitgehend
normal: Den Gewerkschaften war daran gelegen, die Mobilisierung zu den
Demos nicht zu behindern.
Es
stand auch viel auf dem Spiel, denn gerade jetzt (also zu Anfang des
Krisenzyklus) wird durch das politische und soziale Kräfteverhältnis
entschieden, wer letztlich die Krise bezahlen wird. D.h. ob die Kosten
und Lasten der Krise letztendlich vollständig auf den Rücken der
Lohnabhängigen - mit und ohne Erwerbsarbeit - abgewälzt werden können;
oder aber ob es den abhängig Beschäftigten gelingt, diesen Angriff zurückzuschlagen
und ihren Anteil bei der Verteilung des gesellschaftlichen Mehrprodukts
zwischen Kapital und Arbeit einigermaßen aufrecht zu erhalten.
Der
Vorsitzende des (an der Spitze rechtssozialdemokratischen)
Gewerkschaftsverbands CFDT, François Chérèque; sprach bereits am frühen
Donnerstag Nachmittag gegen 15 Uhr von „einer der größten
Demonstrationen von abhängig Beschäftigten in den letzten Jahren“.
Zu dem Zeitpunkt hatte der Protestmarsch in Paris - bei sonnigem, aber
eiskaltem Wetter - erst Aufstellung bezogen und war noch kaum
losgelaufen. Der Kopf der Demonstration, die theoretisch an der Place de
la Bastille beginnen sollte, stand zu dem Zeitpunkt bereits in der Nähe
der Place de la République, nachdem er durch die Länge der Demo so
weit nach vorne geschoben worden war. Die beiden zentralen Plätze
liegen 2,4 Kilometer auseinander. Bis die letzten Demonstrierenden die
Place de la Bastille (wo der Beginn ursprünglich auf 14.30 Uhr
angesetzt war) verlassen konnten, war es geschlagene 18 Uhr, und erst
nach zwanzig Uhr trafen sie am Bestimmungsort der Demo ein. Dies
vermittelt einen Eindruck von der Länge der Demonstration, die laut
eigener Beobachtung und bei realistischem Herangehen auf ungefähr
150.000 bis 200.000 Teilnehmer/innen geschätzt werden kann. (Die
Polizeipräfektur sprach am gestrigen Abend von „65.000“, die CGT
von „rund 300.000“.) - Vgl. unseren näheren Bericht weiter unten
auf dieser Seite.
Auch
in anderen französischen Städten fanden gestern riesige
Demonstrationen mit mehreren Zehntausend, zum Teil Hunderttausenden
Teilnehmer/inne/n statt, so in Marseille, wo die Gewerkschaften von
300.000 Protestierenden sprechen. Bezogen auf ganz Frankreich behauptet
das Innenministerium, es seien 1,08 Millionen Teilnehmer/innen an den
Demonstrationen gewesen, die Gewerkschaften ihrerseits sprechen von 2,5
Millionen.
Die
Aussage François Chérèques stimmt zwar insofern nicht ganz, als es in
den letzten anderthalb Jahrzehnten bereits noch größere
Demonstrationen gegeben hat: Rund zwei Millionen Demonstrierende waren
frankreichweit am 12. Dezember 1995 u.a. gegen den ‚Plan Juppé’ zur
Kostendämpfung im Gesundheitswesen unterwegs (die CFDT-Spitze stand
damals auf der anderen Seite und unterstützte die Regierungspläne);
bis zu zwei Millionen Demonstrierende waren im Mai und Juni 2003
mehrfach gegen den ‚Plan Fillon’ zur „RentenReform“ auf der Straße
(auch damals stand die CFDT-Führung auf der anderen Seite); und Ende März
sowie Anfang April 2006 gingen bis zu drei Millionen Demonstrierende
gegen die Pläne zur Schleifung des Kündigungsschutzes in Gestalt des
„Ersteinstellungsvertrags“ CPE protestieren (dieses Mal zogen alle
Gewerkschaften an einem Strang). Allerdings wurden diese
„Rekordwerte“ jedes Mal nach Ablauf mehrerer Wochen des Protests,
nach mehreren Streik- und Aktionstagen verzeichnet. Die Herbststreiks
1995 begannen beispielsweise am 24. November desselben Jahres. Die
Bewegung gegen die „RentenReform“ fing mit einer Demonstration am 1.
Februar 2003 - im Schneegestöber und mit durch einen Totalausfall der
Pariser Métro verminderter Mobilisierung - an, und die erste Demo gegen
den CPE blieb am 7. Februar 2006 auch noch relativ klein. Dies bedeutet,
dass eine bis zwei Millionen Demonstrierende für einen ERSTEN Streik-
und Aktionstag zur Sache, in diesem Falle gegen die „Krisenbewältigung“
auf dem Rücken der Lohnabhängigen, durchaus als voller Erfolg gewertet
werden können. Alles hängt nun davon ab, wie es in den nächsten
Schritten mit dem Aufbau eines sozialen Kräfteverhältnisses
weitergehen wird. Und dies werden die nächsten Tage, vielleicht Wochen
erweisen.
Vielleicht
hatte es doch auch sein Gutes, dass die Gewerkschaftsverbände seit dem
offenen Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise auch in Frankreich -
im Spätsommer 2008 - so lange hinhaltendes Zögern an den Tag legten,
bevor sie daran gingen, den Protest zu organisieren. Denn zuerst wollten
die Apparate der einzelnen Gewerkschaftsdachverbände die
„Sozialwahlen“ vom o3. Dezember 2008 - bei denen fünfzehn Millionen
Lohnabhängige und rund eine Million Arbeitgeber aufgerufen waren, die
mit Laienrichtern besetzten Arbeitsgerichte (Conseils de
prud’hommes) zu besetzen - vorüberziehen lassen. Bis dahin
standen sie im „Wahlkampf“. Doch danach, im Laufe des Dezember,
konnten die Apparate sich dann dazu durchringen, einen Termin für den
Protest anzusetzen. Selbst die CFDT-Spitze, die bis dahin hinhaltenden
Widerstand gegen die Abhaltung eines Streik- und Aktionstags an den Tag
gelegt hatte, bequemte sich nun zu einer Unterstützung der
Demonstration. Alle acht größeren Gewerkschaftszusammenschlüsse (die
fünf staatlich anerkannten Dachverbände plus die eher „moderate“
UNSA, der linke Zusammenschluss von Basisgewerkschaften Union syndicale
Solidaires sowie die Bildungsgewerkschaft FSU) riefen dazu nun für den
gestrigen Donnerstag auf. Das monatelange Hinhalten durch die Apparate,
inklusive Verzögerungstaktik der CFDT-Spitze, haben nun aber vielleicht
dafür gesorgt, dass sich ein umso stärkerer Druck der Basis aufgestaut
hate - der sich nun Bahn gebrochen hat. Vielleicht also hatte das
relativ lange Warten auch sein Gutes. Vorausgesetzt, dass nun mit dem nächsten
Termin für einen Streik- und Aktionstage nicht wieder gar zu lange
zugewartet wird.
Eindrücke
von der Pariser Großdemo
Es
drängt sich sogleich der Eindruck einer - im Vergleich auch zu anderen
Demos - riesigen Menschenmenge auf, als ich gegen 15.30 Uhr das
Eintreffen der Spitze in der Nähe der Kreuzung Strasbourg-Saint Denis
erwarte.
Die
ersten 30 bis 45 Minuten führen zunächst fast ausschließlich
Berufsgruppen und Sektoren, die sonst nicht hauptsächlich das Bild von
Streik- und Aktionstagen, zu denen die großen Gewerkschaftsverbände prägen.
Voraus gehen die abhängig Beschäftigten von Associations
(Sozialvereinigungen; eine ‚association’ im französischen Recht
eine Art Mittelding zwischen Bürgerinitiative und eingetragenem
Verein), medizinischen, Erziehungs- und psychiatrischen Einrichtungen
sowie Krankenschwestern. Nur letztere Gruppe sieht man sonst gewöhnlich
in größerer Zahl, und in strukturierten Blöcken, in den
gewerkschaftlichen Demonstrationen. Nach Ablauf von einer Stunde laufen
dieselben Gruppen durchmischt mit Lehrerinnen und Lehrern und mit den
Sektionen des, populistischen, Gewerkschaftsbunds Force Ouvrière (FO).
Dann folgen Medienschaffende und ihre Gewerkschaften, die ‚Intermittents
du spectacle’ - prekär Beschäftigte im Kulturbetrieb -,
Arbeitslosenvereinigungen. Nach über zwei Stunden folgt das Gros der
„Truppen“ des Gewerkschaftsdachverbands CGT, der - wie fast immer -
zahlenmäßig unter allen Gewerkschaftsorganisationen am stärksten
vertreten ist. Unter ihnen auch größere Abordnungen aus der
Privatindustrie, etwa von Peugeot und Renault. Den Schluss bilden die
CFDT, der linke Zusammenschluss von (überwiegend) Basisgewerrkschaften
Union syndicale Solidaires und ganz am Ende ein Technowagen mit der
Aufschrift ‚Smic ta mère’. (Ähem, kaum zu übersetzen…)
Die
außergewöhnlich starke Präsenz von (eher „intellektuell“ tätigen)
Berufsgruppen wie den Mitarbeiter/inne/n von Bildungs- und
Betreuungseinrichtungen, von medizinischem und psychiatrischem Personal
sowie von Fernsehanstalten und sonstigen Medien erklärt sich aus den
spezifischen Angriffen, denen diese Berufsgruppen derzeit ausgesetzt
sind. Seitens der konservativ-reaktionären und wirtschaftsliberalen
Regierung unter Präsident Sarkozy wird eifrigst versucht, diese
Sektoren entweder einzumotten und finanziell in die Enge zu treiben,
oder aber ihre Beschäftigten für repressive Ziele zu
instrumentalisieren. Die Angestellten von Sozialvereinigungen/Associations,
die beispielsweise Alphabetisierungskurse (oft für migrantische
Frauen), Französischkurse für Ausländer/innen, antirassistische
Arbeit oder Rechtsbetreuung anbieten, sehen sich etwa dem Kahlschlag bei
den - für solche Tätigkeiten bislang zur Verfügung stehenden -
Subventionen ausgesetzt. Bereits einmal, im Jahr 2005, war ihre Lage ähnlich
dramatisch wie jetzt, damals waren die Subventionen für die Tätigkeiten
der ‚Associations’ im laufenden Jahr um rund 50 Prozent gekürzt
worden - doch als es im November 2005 in den sozial verwüsteten
Trabantenstädten (Banlieues) heftig rappelte, beeilte die Regierung
sich, diese Subventionen wieder einzuführen, da sie begriff, dass sie
alle sozialen „Puffer“ zerstört hatte. Derzeit ist sie aber erneut
im Begriff, die öffentliche Finanzierung für gemeinnützige Tätigkeit
der Sozialvereinigungen drastisch zu kürzen, die Rede ist von einer
Reduktion um 30 Prozent. Besonders jene Associations, die etwa
Alphabetisierungskurse und Französischunterricht für Ausländer/innen
anbieten, stehen finanziell oft vor dem Aus oder drohen, ihr
angestelltes Personal nicht mehr bezahlen zu können. Seit dem
vergangenen November hat sich ein Kollektiv unter dem Titel ‚Associations
en danger’ dagegen gebildet. Aber auch falls die Kohle in naher
Zukunft wieder rausgerückt werden sollte, so droht eine massive
Umschichtung der Mittel - etwa hin zur ausschließlichen Finanzierung
von „Französisch- und Integrationskurse“ für die (wenigen) „erwünschten“
und „legal“ einwandernden Neuzuwanderer, die aufgrund ihrer stark
abgefragten beruflichen Qualifikationen angeworben worden sind. Unter
dem neuen Amtsinhaber im Arbeits- und Sozialministerium, Brice Hortefeux,
dem ehemaligen Minister für Ausländerjagd, pardon: „Einwanderung und
nationale Identität“, droht es wohl kaum besser zu werden… (Vgl. im
Labournet)
Ganz
besondere Beachtung verdienen die Vorgänge im Sektor der Psychiatrie
und psycho-sozialen Betreuung. Denn auf diesem Feld geht es nicht
„nur“ um die verheerenden Auswirkungen staatlicher Sparpolitik,
sondern auch um grundlegende gesellschaftliche Weichenstellungen im
Umgang mit „Abweichenden“. Und auch auf diesem Sektor sind
gravierende Veränderungen im Gange. Präsident Sarkozy und sein Team möchten
die Beschäftigten auf diesem Gebiet gar zu gerne in eine Art
Hilfspolizisten und -gefängniswärter verwandeln: Ihnen ginge es darum,
etwa die Psychiatrie zunehmend zum Rädchen im Getriebe eines Straf- und
Repressionsmechanismus zu machen, der die als „von Natur aus böse“
einzustufenden Individuen aufzuspüren und unschädlich zu machen hat.
Am o2. Dezember 2008 hielt der Präsident in einer psychiatrischen
Anstalt in Antony – bei Paris – eine Rede, in welcher er dazu
aufforderte, Psychiatrieinsassen weniger Freigang zu gestatten und
diesen schärfer zu kontrollieren. Ferner forderte er, 200 Isolierzellen
in psychiatrischen Anstalten zu schaffen und in erhöhtem Ausmaß
Behandlungen auch gegen den Willen der Betroffenen anzuordnen. Konkreter
Anlass dazu war ein isoliertes Ereignis im Raum Grenoble, wo im November
o8 ein Psychopath aus einer Anstalt ausgebrochen war und einen Studenten
ermordete. Seitdem Sarkozy dies als Aufhänger für eine Programmrede
mit allgemeinem Anspruch nutzte - auch ohne über Fachwissen über die
Psychiatrie zu verfügen - , befindet sich der Sektor im Aufruhr.
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Psychiater/innen und Anstaltsleiter/innen publizierten am 15. Dezember
o8 in Libération einen Aufruf gegen die Instrumentalisierung
der Psychiatrie zu repressiven Zwecken durch die Politik. Aus ihm ist
inzwischen bereits der „Appell der 700“ geworden. Die linksliberale
Zeitung ‚Libération’, die dem Aufruf ihr Tagesthema widmete,
erinnerte daran, dass psychiatrische Kliniken in den letzten zwanzig
Jahren ihre Bettenzahl um 100.000 reduziert und damit halbiert gesehen hätten.
Zahlreiche Personen, die vor allem psychiatrischer Behandlung bedürfen,
vegetieren heute in den Gefängnissen vor sich hin und werden fast
ausschließlich als Straffällige behandelt: Haft statt Therapie. Zusätzlich
möchte Präsident Sarkozy gern für als „gefährlich“ eingestufte
Langzeitgefangene - auch nach vollständiger Abbüßung ihrer Haftstrafe
- eine „Sicherheitsverwahrung“ verhängen können. Diese würde
nicht durch einen Richter, sondern durch die Verwaltung – also die
Exekutive - angeordnet werden. Begründet wurde ihre Einführung damit,
dass die Gesellschaft vor gefährlichen Sexualstraftätern und
Psychopathen zu schützen sei. Wer allerdings nach 15 oder 20 Jahren
Haft noch immer als im Persönlichkeitsbild unverändert und „gefährlich“
eingestuft wird, dürfte eher ein Fall für Medizin und Psychiatrie denn
für den Strafrichter sein. Was die zukünftige
„Sicherheitsverwahrung“ – nach einem langjährigen Aufenthalt im
Gefängnis - anbetrifft, so hat das französische Verfassungsgericht sie
schon im Februar 2008 gebilligt. Um verfassungskonform zu sein, so
ordneten die Richter freilich an, müsse sie allerdings schon zum
Zeitpunkt der Verurteilung ausdrücklich im Gesetz vorgesehen gewesen
sein. Insofern dürfte theoretisch erst in knapp 15 Jahren mit den
ersten Fällen, in denen die neue Regelung rechtlich greifen kann, zu
rechnen sein. Präsident Sarkozy hatte allerdings auf den
Auslegungsvorbehalt der Richter zunächst reagiert, indem er ankündigte,
sich notfalls darüber hinwegzusetzen.
Dagegen
hat sich nun ein Kollektiv unter dem Namen ‚Contre la politique de la
peur’ (Gegen die Politik der Angst) formiert, das auch in der
gestrigen Demonstration gut sichtbar präsent war. Mehrere Abordnungen
von medizinischem Personal und Krankenschwestern aus den psychiatrischen
Anstalten liefen mit Transparenten mit, die etwa aussagten: „(Präsident)
Sarkozy und (Gesundheitsministerin) Bachelot sind gefährlicher als
unsere Patienten!“
Auch
die Krankenschwestern und -pfleger haben ihre guten Gründe zum Protest.
So plant dieselbe Ministerin, Roselyne Bachelot, in einem aktuell in der
Ausarbeitung befindlichen Gesetzentwurf, die Anzahl der Krankenhäuser
zu reduzieren. Denn die derzeit 1.050 Krankenhäuser und Kliniken in
Frankreich sollen zu 200 regionalisierten Einheiten zusammengelegt
werden. Die Folge wird sein, dass durch die Fusion bestehender
Strukturen hervortretenden „Überkapazitäten“ - die durch die
Dopplung von medizinischen Einrichtungen innerhalb ein und derselben
Einheit entstehen - abgebaut werden. Aber vor allem in ländlichen
Gegenden kann dies durchaus bedeuten, dass etwa die nächstliegende
Entbindungsstation dann eben 40 Kilometer entfernt sein wird.
Bei
den Medienschaffenden konnte man in dem Protestmarsch insbesondere den
Mitarbeiter/inne/n der Fernsehstationen, aber auch des französischen
Auslands-Rundfunksenders RFI (Radio France International), der aktuell
kaputt „reformiert“ werden soll, und der französischen
Nachrichtenagentur AFP - deren Status ebenfalls grundlegend verändert
soll - begegnen. Bei den Fernsehanstalten richtet sich der spezifische
Protest etwa dagegen, dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender
laut aktuellen Plänen der Regierung finanziell ausgetrocknet werden
sollen, um die (oft besonders reaktionären) Privatanstalten wie TF1 zu
begünstigen. (Vgl. im Labournet)
Ein dazu in der Beratung befindlicher Gesetzentwurf ist Mitte Januar o9
durch den Senat - das „Oberhaus“ des französischen Parlaments -
gegenüber der vorher durch Nationalversammlung beschlossenen Fassung
ein wenig entschärft worden. Und befindet sich seit diesem Mittwoch,
28. Januar in einem Vermittlungsausschuss zwischen beiden
Parlamentskammern, der über die gesetzlichen Konturen der „Reform des
Fernsehens“ (réforme de l’audiovisuel) letztlich entscheiden wird.
An den Grundzügen der „Reform“ wird dies schon deswegen nichts ändern,
weil diese bereits umgesetzt wird, obwohl das dazu nötige Ausführungsgesetz
noch gar nicht verabschiedet worden ist: Der aktuelle Direktor aller öffentlich-rechtlichen
Fernsehsender Frankreichs, Patrick de Carolis, war kurz vor Weihnachten
durch die Regierung genötigt worden, „freiwillig“ im Aufsichtsrat
die Umsetzung der Reform - also den finanziellen Rückbau der öffentlich-rechtlichen
Anstalten durch Wegfall der Werbeeinnahmen - schon einmal durchzuwinken.
Der Beschluss dazu ist am 5./6. Januar gefasst worden.
Durch
die Präsenz dieser Sektoren in der allgemeinen Protestdemo gegen die
Abwälzung der Krisenlast auf die Lohnabhängigen erhielt diese einen
hochpolitischen Charakter: Alle unterschiedlichen, derzeit laufenden
Angriffe nicht nur auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten,
sondern auch den grundlegenden sozialen Charakter einzelner
Institutionen wurden so nebeneinander thematisiert.
Gleichzeitig
zeichnete sich die gestrige Demo auch durch ein hohes Ausmaß an
Fantasie und Spontaneität aus. Besonders großen Publikumserfolg hatte
ein kleine Combo von „irgendwo“ her kommenden Leuten, die ein
Transparent und zahllose Aufkleber mit einem einfachen Slogan gedruckt
hatten: ‚Ni Pauvre ni Soumis’ („Weder arm noch unterwürfig“,
woll’n wir sein). Eine satirische Anspielung auf den Namen einer 2002
entstandenen - und zunächst durchaus fortschrittlichen Zwecken
dienenden, insbesondere aber zum reinen Legitimationsmäntelchen und
Wurmfortsatz der „aufgeklärten“ bürgerlichen Mitte verkommenen -
Frauenorganisation: ‚Ni Putes ni soumises’ (Weder Nutten noch unterwürfig).
Diese stand mehrere Jahre unter Führung der Karrieristenschlange
aktuellen Staatssekretärin unter Brice Hortefeux, Fadela Amara. (Ursprünglich
dazu gegründet, die - tatsächlich oft ausgesprochen kritikwürdige -
Lebenssituation von Frauen in Banlieues und Migrantenfamilien
anzuprangern, fungiert dieser Verein inzwischen längst als Feigenblättchen
für die „besseren Gesellschaftskreise“, um Nase rümpfend auf die bösen
unaufgeklärten Unterklassen und Immigranten verweisen zu können.) Die
Aufkleber in schwarz-gelber Farbe ‚Ni Pauvre ni soumis’ gingen nur
so weg wie warme Semmeln. Besonders beliebt waren auch Abwandlungen des
Präsidentenzitats ‚Casse toi, pauv’ con’ (Hau ab, Du armer Depp)
- jener originalgetreuen Wiedergabe eines Ausrufs, den unser allzeit höfliches
Staatsoberhaupt im Februar 2008 bei der Pariser Landwirtschaftsmesse
ausstieß, als ihm da ein böser Besucher nicht die Hand schütteln
mochte. Ein Mann, der es ihm im vorigen Jahr nachtat und denselben
Ausspruch Sarkozy selbst zurief, wurde dafür strafrechtlich von ihm
verfolgt. Und auch verurteilt, wegen „Beleidigung“ - allerdings
„nur“, da die Richter es wohl doch nicht für soooo schlümm
befanden, zu einer Geldstrafe von 30 Euro auf Bewährung. Aus diesem
Grunde hatten manche Leute, völlig unabhängig voneinander, das Zitat
‚Casse-toi, pauvre con’ einfach abgewandelt. Beispielsweise in das,
im Laufe der fünf Stunden Demo mehrfach auftauchende, ‚Casse-toi,
pauvre thon’, mit Abbildung eines Thunfischs (französisch thon).
Auch
sonst legten die Demonstrationsteilnehmer/innen recht viel Fantasie und
Eigeninitiative auf den Tag. Sogar in den, sonst mitunter ziemlich dröge
daherkommenden, Blöcken der CGT, wo dieses Mal oft recht flotte Musik -
von ‚Bellaciao’ bis Manu Chao - lief. Auf einem selbst gedruckten
bunten Fronttransparent, das eine CGT-Bezirkssektion aus dem östlichen
Pariser Umland vor sich herzog, war ein Sarkozykopf unter der Guillotine
ausgemalt. Die ‚Koordination der Intermittents du spectacle’ (prekären
Kulturschaffenden) und Prekären’ besetzte am Rande der Demo ungefähr
eine Stunde lang die Eingänge des Kulturkaufhauses ‚Virgin’. Grund
dafür war, dass der Chef dieses Kaufhauses, Geoffroy Roux de Bézieux,
seit Mai 2008 auch als Präsident der nationalen Arbeitslosenkasse
UNEDIC amtiert (die, paritätisch in den Händen der „Sozialpartner“
liegend, durch eine Koalition aus Arbeitgeberverband Medef und CFDT
verwaltet wird). Dazu gesellte sich alsbald die bekannte linksradikale
Song- und Theatertruppe ‚Jolie Môme’ (Süßes Kind) mit ihren
unverkennbaren Fahnen - rote Fahnen mit aufgenähten Theatermasken -,
deren Präsenz wiederum viel Beifall aus der Demo heraus hervorrief.
Und
das Ende vom Ganzen
Am
Abend ist es bereits gegen 20 Uhr, als der letzte Teil des langen
Demozugs an mir vorbeigezogen ist. Kaum habe ich beschlossen, nun
endlich meine in einen Eisblock verwandelten Füße aufwärmen zu gehen,
als ein Dutzend Polizeibusse der Bereitschaftspolizei CRS mit Blaulicht
und Martinshorn vorbei in Gegenrichtung in die Demo hinein rauschen.
Prompt mache ich kehrt und gucke mir an, was da los ist. Am Opernplatz
gebe es Haue, wird mir erklärt. Tatsächlich hatte sich bereits eine
Stunde zuvor eine rund 50jährige Dame bei mir nach einem Fastnood in
der Nähe erkundigt und mir zugleich bekundet, sie und ihre Bekannten
seien soeben vor der Oper in eine Polizeiprügelei verwickelt worden.
Auf
dem Opernplatz angekommen, gegen 20.30 Uhr, ergibt sich folgendes Bild:
Die massiv zusammengezogenen Polizeieinheiten hatten schon vor Stunden
versucht, die Demo unter heftigem Druck von dem Platz fernzuhalten und
umzuleiten - da dort viele teure Luxusgeschäfte liegen, wollte sie
tunlichst schon präventiv Glasbruch vermeidet, baute aber dadurch erst
recht selbst Druck auf. Zunächst hatte der Ordnerdienst der CGT noch
selbst die Umleitung übernommen, auch um es nicht zur Eskalation kommen
zu lassen, aber er hatte irgendwann den Platz verlassen. Von weitem
schon sieht man eine lange Reihe glänzender Polizeischilde quer über
den Boulevard stehen. Dazu brennen ein paar Mülleimer, und junge Leute
sind eifrig bemüht, noch mehr Mülleimer heranzuschaffen. Einige
Hundert Leute sind Anwesend, darunter mutmaßlich Anarchos und Autonome,
aber auch „ganz normal“ aussehende Krankenschwestern und -pfleger in
ihren weißen Kitteln, SUD-Gewerkschafter/innen… Im Laufe der Minuten
wächst die Spannung, der Druck wird höher, und zusammen mit einem
Gutteil der Anwesenden ziehe ich es vor, durch eine Seitenstraße zu
entweichen - um weiter oben doch wieder auf den Boulevard zu stoßen.
Dieser wird kurz darauf von der anderen Seite durch neu hinzukommende
CRS-Einheiten dicht gemacht, und die Anwesenden befinden sich zum Teil
alsbald in einem Kessel. Die Polizei lässt jedoch einen Gutteil der
Personen, sofern sie „freiwillig“ weichen, durch die Nebenstraßen
entweichen. Gleichzeitig nehmen kleine, mobile Polizeieinheiten in Zivil
einzelne Personen aus der Menge heraus fest. Gegen 22 Uhr enden die
Zusammenstöße.
Abzuwarten
bleibt, ob die Bilder von diesen Minuten nunmehr die
Medienberichterstattung prägen werden, oder eher das Gelingen der Großdemo
in den Stunden zuvor. Dies kann im Moment - jedenfalls für die
Printmedien - nicht beurteilt werden: Am Freitag früh erschien keine
einzige Zeitung. Alle befanden sich am Vortag im Streik, und hätten die
Journalist/inn/en nicht ihre Arbeit niedergelegt, so wären sie dennoch
nicht ausgeliefert worden - alle Druckereien waren durch die
CGT-Druckergewerkschaft blockiert.
Ausblick
Nun
ist fraglich, wie die Regierung auf die Proteste reagieren wird. Bislang
hat sie angedeutet, dass sie sich „die Botschaft der Protestierenden
anhören wird“ (so etwa der bis vor kurzem amtierende Sozialminister
und jetzige Chef der Regierungspartei UMP, Xavier Bertrand).
Gleichzeitig hat Präsident Sarkozy, aber auch Premierminister François
Fillon zu erkennen gegeben, dass am eingeschlagenen Kurs keine Änderungen
vorgenommen würden.
Nicolas
Sarkozy erklärt nach wie vor, es komme nicht in Frage, neben
„Rettungsplänen“ für angeschlagene Banken und in Kreditknappheit
geratene - oder dem Rückgang des Konsums ausgesetzte - Unternehmen auch
den Lohnabhängigen durch seine Krisenpolitik etwas abzugeben.
„Ankurbelung durch den Konsum der Haushalte“, so tönt Sarkozy, sei
„wie Wasser auf den Sand zu gießen, das sich verläuft“.
Entsprechend gibt er im Rahmen seines „Ankurbelungsplans“ (Plan de
relance) von Anfang Dezember o8 auch - von insgesamt 26 Milliarden
vorgesehenen Euros - 25 Milliarden für Wirtschaftsförderung aus, und
nur knapp eine Milliarde zugunsten der unteren Einkommen. Und letztere
wird wiederum fast ausschließlich auf die Bezieher/innen des neu
geschaffenen RSA (eine Art Kombilohn, mittels dem Hungerlöhne durch
staatliche Beihilfe aufgestockt werden) konzentriert, um dessen Einführung
schmackhaft zu machen. In naher Zukunft soll der RSA vollständig die
bisherige Sozialhilfe (den RMI) ablösen. Noch in dieser Woche bekräftigte
Sarkozy seine Vorhaben in diesem Zusammenhang: „Wer den RSA empfängt
und zwei Jobangebote ausschlägt, dem drehen wir den Hahn vollständig
zu.“ (Zitiert nach ‚Le Monde’ vom Mittwoch, Artikel v. Arnaud
Leparmentier)
Bei
dieser eingeschlagenen Linie soll es auch bleiben, obwohl selbst ein
ausgesprochen „moderater“ Gewerkschafter wie François Chérèque
(in einem Interview vom Mittwoch früh) durchaus ernstzunehmende
Gegenvorschläge präsentiert: Auf den Einwand, Beihilfen für die
Lohnabhängigen verliefen sich im Sande, da sie - so das Regierungslager
- entweder in Sparguthaben verwandelt und auf die Seite gelegt oder für
ausländische Produkte ausgegeben würden, erwidert er, dass sich
Beihilfen ja auch gezielt geben ließen. Etwa durch die Verringerung der
in Frankreich, mit 2o,6 %, monströs hohen Mehrwertsteuer auf bestimmte
Grundbedarfsgüter. (Dies würde freilich Aushandlungen mit Brüssel
notwendig machen, das in der Steuerpolitik mitzureden hat.) Und dass ärmere
Haushalte etwaige finanzielle Hilfen in Sparguthaben verwandeln, ist bei
der derzeitigen Entwicklung der Löhne einerseits und der Preise, aber
insbesondere der Mieten andererseits ohnehin kaum zu erwarten…
Dennoch
scheint es Präsident Sarkozy nun unwohl geworden zu sein. Einen
arroganten Spruch wie noch vor 14 Tagen Originalton: „Ich höre
(Opponenten und Protestierenden) zu, aber ich berücksichtige nicht, was
mir da gesagt wird“ (‚J’entends, mais je n’en tiens pas compte’)
- würde er im Augenblick wohl nicht mehr so offen wagen. Zum einen Ohr
hinein, zum anderen hinaus? In der Praxis wird er es vielleicht
weiterhin so halten, aber so offen ankündigen dürft er es im Moment
nicht. Ein Anzeichen der Nervosität ist wohl, dass Sarkozy eine aus
geostrategischen Gründen wichtige Reise - die ihn ursprünglich am 28.
und 29. Januar nach Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik
Kongo, führen sollte, wo die US-Amerikaner Frankreich gerade seine
geopolitische Rolle streitig machen - um zwei Monate verschoben hat:
Diese findet nun am 26. März statt. Die liberale Pariser Abendzeitung
‚Le Monde’ vermeldet dazu, die Regierung habe Angst vor einer
„tiefen sozialen Krise“.
Nunmehr
möchte Nicolas Sarkozy für Februar o9 die sozialen Interessenverbände,
unter ihnen die Gewerkschaften, zu einer Unterredung in den Elysée-Palast
vorladen. Die CGT hat ihn aber bereits gewarnt, sie halte nichts davon,
„reihenweise Termine für Nichts abzuhalten“.
Fortsetzung
folgt, und darf mit Spannung erwartet werden. Insbesondere auch die
Frage, ob es einen baldigen neuen Termin für einen Streik- und
Aktionstag geben wird…
Bernard
Schmid, Paris, 30.01.2009 |