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Verelendung der Massen:

Eine kapitalistische Normalität

Zur aktuellen Diskussion um die angeblich neue Unterschicht

Antwort auf einen Leserbrief

Von Günter Ackermann/18. Oktober 2006

Lieber Olaf W.,

danke für Deine Zuschrift, auf die ich nachfolgend antworten möchte.

1.  Unterschicht im Kapitalismus

Der Begriff „Schicht“ (Ober-, Unter-, Mittelschicht) für die soziale Einteilung der Gesellschaft, ist von der bürgerlichen Soziologie entwickelt worden. In Deutschland war es v.a. der Kölner konservative Soziologe Erwin Scheuch.

Der entwickelte ein Schichtenmodell, dass bewusst im Gegensatz zu der marxistischen Klassentheorie stand. Eine „Schicht“ definiert Scheuch nicht, wie Marx die Klasse, an ihrem Besitzverhältnis zu den Produktionsmitteln, sondern an Einkommen, Bildung, Konsumgewohnheiten usw. Sinn und Zweck dieser Theorie ist, von den wahren Zusammenhängen in der kapitalistischen Gesellschaft abzulenken.

Aus marxistischer Sicht gibt es keine „Unterschicht“ im Sinne der bürgerlichen Soziologie, sondern Klassen. Die Klasse, die für Kommunisten in erster Linie von Bedeutung ist, ist die des Proletariats, die Arbeiterklasse. 

„Schichten“ sind aus marxistischer Sicht soziale Gruppen, die keiner Klasse angehören. Dazu gehört die Intelligenz, die Künstler, Beamte usw. Diese besitzen keine Produktionsmittel, produzieren aber auch keinen Mehrwert.[1]

2. das Schichtenmodell reicht für die Herrschenden zur Verschleierung nicht mehr aus

Wenn jetzt sogar die Existenz einer  „Unterschicht“ geleugnet wird, dann tritt hier das ganze Dilemma der bürgerliche Politik ans Licht. Die offenkundige Tatsache, dass in unserer Gesellschaft krasse soziale Unterschiede vorhanden sind, die zu immer krasseren sozialen Verwerfungen führen, verdeckt auch das Scheuch’sche Schichtenmodell nicht.

Die bürgerlichen Politiker bedienen sich dabei ihrer üblichen probaten Mittel: Die eher simpel gestrickte Frau Merkel quatscht leeres Stroh „wir werden uns damit nicht abfinden…“ und täuscht Aktivität vor, der Fuchs Müntefering sagt:

„Es gibt keine Schichten in Deutschland. Es gibt Menschen, die es schwerer haben, die schwächer sind. Das ist nicht neu. Das hat es schon immer gegeben. Aber ich wehre mich gegen die Einteilung der Gesellschaft.“[2]

SPD-Chef Beck versucht etwas zu sagen, ohne was zu sagen und meint: „manche nennen es Unterschichten-Problem.“[3]

So geht es weiter. DGB-Sommer widerspricht Münteferinh und Bundestags-Vize Thierse gibt seinen Senf ebenfalls ab, auch die Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) lehnt den Begriff im rbb-Fernsehen als „gar nicht akzeptabel“ ab.“ Als ob es etwas ausmacht, wenn eine Ministerin etwas nicht akzeptabel findet, was offenkundig ist.

Wahre Nebelwände werden gelegt. Man befürchtet, die Betroffenen könnte man mit offener Diskussion animieren, etwas gegen diese Politik zu machen. Also verwirrt man sie und drischt leeres Stroh. Ja, man will diese Diskussion schnellstens beenden, mancher könnte ja zum Nachdenken kommen.

Dabei hatte die Friedrich-Ebert-Stifung in ihrer Studie gar nicht von Unterschicht gesprochen, sondern das neudeutsche Wort Prekariat verwendet.

3. Prekariat - eine neudeutsche Wortschöpfung

Prekariat ist ebenso ein Begriff, der vom Eigentlichen ablenken soll. Gemeint ist damit, dass ein Teil der Arbeiterklasse am unteren Rand des Existenzminimums leben muss und auch keine Chance hat, da raus zu kommen.

„Aus prekären Arbeitsverhältnissen folgen prekäre Existenzweisen, in Analogie zum Proletariat wurde deshalb schon die Begriffsbildung Prekariat für die neue Form einer ausgebeuteten Klasse vorgeschlagen.“[4]

Allerdings wird hier angenommen, dass es eine neue Unterschicht, also das Prekariat gibt.

Tatsächlich ist es aber ist die Prekarisierung nicht anderes, als das alte Phänomen, dass es von Anfang an des Kapitalismus gab: Die Verelendung (Pauperisierung) der Massen.

Das Kapital braucht, um Mehrwert produzieren lassen zu können, das Proletariat. Das ist die Klasse, die nichts anderes besitzt, als ihre Arbeitskraft und diese muss sie an die Kapitalisten verkaufen.

Um das Proletariat entstehen zu lassen, mussten die Bauern in der Frühzeit des Kapitalismus aus feudaler Abhängigkeit befreit werden um in die Abhängigkeit von kapitalistischer Lohnarbeit zu geraten. Sie mussten hungern um bereit zu sein, für einen Hungerlohn ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Ganz ähnlich die Kleinproduzenten. Bekannt wurde der Aufstand der schlesischen Weber. Die waren ihrer Existenz beraubt worden, weil die Industrie – damals v.a. die englische – die Tuche billiger produzieren konnten, als die Handweber.

Der Lohnarbeit hat gegenüber der Produktionsweise früherer Jahre den Vorteil für den Besitzer der Produktionsmittel, dass es keinerlei Bande zwischen Käufer der Ware Arbeitskraft (Fabrikant) und Verkäufer (Proletarier) mehr gibt als Geld. Auch wenn schon früh Kapitalisten das Gegenteil behaupeteten.

Solange der Kapitalist seinen Profit mit der Ausbeutung der Arbeitskraft machen kann, bezahlt er ihn diese, wenn das keinen Profit mehr bringt, überlässt er den Proletarier seinem Schicksal.

Marx und Engels schreiben bereits im Kommunistischen Manifest:

„Der moderne Arbeiter dagegen, statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab. Der Arbeiter wird zum Pauper, und der Pauperismus entwickelt sich noch schneller als Bevölkerung und Reichtum.“[5]

„Es tritt hiermit offen hervor, daß die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben und die Lebensbedingungen ihrer Klasse der Gesellschaft als regelndes Gesetz aufzuzwingen. Sie ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden. Die Gesellschaft kann nicht mehr unter ihr leben, d.h., ihr Leben ist nicht mehr verträglich mit der Gesellschaft.“[6]

Wir haben lange Jahre nach dem 2. Weltkrieg eine Epoche gehabt, in der scheinbar diese Gesetze aufgehoben waren. Durch den Nachholbedarf nach dem 2. Weltkrieg, die Systemkonkurrenz mit dem Osten und die neokoloniale Ausbeutung der 3. Welt war es möglich, in den hoch entwickelten kapitalistischen Ländern den Arbeitern einen relativ hohen Lebensstandard zu geben. Es gab einen realen Mangel an Arbeitskräften, man musste den Schein wahren, der Kapitalismus sei sozial geworden, sozialer als der Reale Sozialismus und man hatte die Extraprofite durch die neokoloniale Ausbeutung.

Der Systemkonkurrent ist 1999/1991 weggebrochen. Gleichzeitig entstand in Europa ein riesiges Potential an billigen Arbeitskräften und man hat in hohem Maße menschliche Arbeit extrem ausbeuten können, indem der einzelne Arbeiter, durch den Einsatz von Hochtechnologie, ein Vielfaches dessen produzieren konnte, was er an Lohn bezahlt bekam. Die Profite der großen Konzerne sind in den letzten Jahren so hoch wesen, wie nie vorher. Heute produzieren weniger Arbeiter ein Vielfaches dessen, was sie vorher produzierten. Gleichzeitig aber sinken die Löhne.

Da, wo es billiger ist Kapital zu exportieren, als im Lande  produzieren zu lassen, geschieht dies. So schließt Elektrolux sein AEG-Haushalzsmaschinenwerk in Nürnberg und verlagert die Produktion nach Polen. Die dortigen Arbeiter bekommen einen Monatslohn von ca. 400 € und sind froh, überhaupt Arbeit gefunden zu haben.

Die Pauperisierung (Verelendung) der Massen des Proletariats ist im vollen Gange und wird sich noch beschleunigen.

Genau das aber ist das, was die Herrschenden anstreben. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, gab kund und zu wissen:

„... dass manche von uns - wegen des intensiven Wettbewerbs mit Mittel- und Osteuropa - nicht so viel verdienen werden, wie sie in Deutschland zum Überleben brauchen. Dann kann es sein, dass zwei oder drei Mitglieder einer Familie arbeiten müssen, damit es zum Leben reicht.“ [7]

Aber das, was Herr Walter empfiehlt, ist das alte Rezept des Kapitalismus: Wenn Arbeitskraft ausbeuten sich nicht lohnt, entledigt sich der Kapitalist des Lohnsklaven und überlässt ihm seinem Schicksal.

Das ist vom Standpunkt des Kapitals eine Selbstverständlichkeit. Man beschäftigt die Arbeiter ja nicht, damit diese essen und leben können, sondern um ihre Arbeitskraft auszubeuten. Braucht man die Arbeitskraft nicht mehr, dann ist es dem Kapitalisten schnuppe, ob der Arbeiter was zu essen hat.

Marx schreibt dazu;

„Mr. Henley, der Handelsminister, erklärte (...) seinen versammelten Freunden aus der Landwirtschaft, daß der Pauperismus nur aus Gründen abgenommen habe, die mit dem Freihandel nichts zu schaffen hätten, und zwar vor allem durch die Hungersnot in Irland, (...). Wir müssen zugestehen, daß „die Hungersnot“ ein ebenso radikales Mittel gegen den Pauperismus ist wie Arsenik gegen Ratten.“ (siehe)

Also den Verelendeten nicht Sozialleistungen geben, sondern sie verhungern lassen. Das ist die Schlussfolgerung der Kapitalisten.

Wenn zuviel Arbeitskräfte vorhanden sind, werden also die Lebensbedingungen verschlechtert und das u.U. bis unterhalb es Existenzminimums. Um die Arbeiter gefügig zu machen, senkt man die Sozialleistungen. Wer vor ein paar Jahren noch nicht bereit war, seine Arbeitskraft unter 15 € zu verkaufen, ist heute schon froh, es für 8 bis 10 € zu können. Die Arbeitsämter haben auch keine Probleme Bewerber für die 1 Euro-Jobs zu finden, die Arbeitslosen reißen sich darum.

Der Kapitalismus ist wieder zur Normalität zurückgekehrt. Das, was wir gegenwärtig erleben, ist Kapitalismus in seiner ganzen Brutalität und Normalität. Und niemand hält ihn gegenwärtig auf. Es gibt keine politische Kraft der Arbeiterklasse und es gibt keine Gewerkschaften mehr, die diese Bezeichnung verdienen. Das Proletariat ist unorganisiert und wehrlos den Angriffen des Kapitals ausgeliefert.

Das Geschwätz der Herrschenden von neuer Unterschicht ja oder nein oder Prekariat ist nur Verschleierungsmanöver und soll davon ablenken, dass wir wieder Kapitalismus pur haben. Ein Kapitalismus, der keine Skrupel mehr haben muss, Menschen in den Krieg zu schicken um seiner Profite Willen und auch keine Skrupel mehr hat, Menschen jegliche Existenzgrundlage zu entziehen und junge Menschen schon, bevor sie in den Beruf eintreten, auf den Müll der Gesellschaft wirft.

Letztlich wird das natürlich nicht ohne Widerstand gehen. Natürlich wehren sich die Pauper gegen die Pauperisierung. Aber gegenwärtig sind die Kapitalisten auf dem Vormarsch. Es liegt an uns Kommunisten, diesen Vormarsch zu stoppen. Das Sektenwesen, dass sich in der Bewegung breit gemacht aht, müssen wir überwinden.

G.A.


[1]  Mehrwert siehe

[3]  ebenda

[4]  DIE ZEIT 27.04.2006 Nr.18, siehe

[5]  Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, siehe

[6]  ebenda

Die Unterschicht

Leserbrief von Olaf W.

Da wundere sich doch einer über das Vorhandensein einer Unterschicht im Kapitalismus! Anerkennenswert, dass man diese Tatsache erkannt hat. Wohlweislich dies einer Regierung aus Rot-Grün in die Schuhe zu schieben, als ob solche „Zustände“ im Kapitalismus neu wären! Verhöhnend die Feststellung, es liegt am Mangel an Bildung und an der unzureichenden Bereitschaft der Proletarier, sich Wissen anzueignen.

Aha! Ich habe verstanden! Ich darf nur noch in Deutschland leben, wenn ich bereit bin mir das Machwerk zur Unterdrückung und Ausbeutung anderer Kulturen und Völker anzueignen?

Liebe Staatsführer im demokratischen Bundestag, liebe Frau Merkel! Sie betätigen sich als Vasallen für Kapital und Ausbeutung und Sie glauben, dass die Misere Deutschland in Punkto Arbeit und Wohlstand zu beheben sei, indem alle Deutschen Ihrem „Club“ beitreten?

Nein, meine Damen und Herren! Sie mögen sich für die Sieger über den Kommunismus halten, aber nie hat jemand in der Weltgeschichte über die Vernunft gesiegt! Da möchte ich lieber ein merkelloses Gewissen  haben, nachts ruhig schlafen können und wissen, dass ich meine Arbeit für mich und zum Wohlstand ALLER gemacht habe,  nicht für JEMANDEN der sich Ungehörig auf meine Kosten bereichert! Von mir aus UNTERSCHICHT! Dafür aber in Verstand und Würde!

Olaf Weiß

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Franz Müntefering hätte nur darauf hinweisen wollen das diese Probleme der Verarmung nicht erst durch Hartz IV geschaffen wurden.“

Weiterer Leserbrief zu diesem Thema vom 18. Oktober 2006

Lieber Günter, heute hörte ich eine Sendung wobei Hörere anrufen konnten im WDR 5 über dieses Thema.

Die Mehrzahl der Anrufer befasste sich mit dem Thema sehr ruhig trotzdem konnte man die starken Emotionen heraushören.

Ein Frau die zwar in guter Postion ist aber aus einer Arbeiterfamilie stammt schilderte welch Schicksale vor allem Kinder von Hartz IV Familien haben, sie schilderte mit tränenerstickter Stimme das diese Kinder nicht mehr lachen, und sich über von ihr verteiltes Obst regelrecht hermachen, dann berichtete sie wie systematisch Ältere ja Alte Menschen die selbstständig in einer Wohnung leben von den Sozialbehörden rausgedrängt werden mit der Begründung ihnen stände nur 47 m² Wohnraum zu statt 53 m²zu, um dann Hartz IV Empfänger in diese Wohnungen zu stecken.

Darüber hinaus übernimmt die Arbeitsagentur bei vielen Hartz IV Empfängern die Miete nicht vollständig um aber wenigstens nicht in eine völlig deprimierende Behausung abzugleiten müssen sie von dem Wenigen noch diese Mehrkosten tragen.

Für ein Kind sind in dem Hartz IV Beträgen gerade mal gut ein € pro Monat an Schreib und Schulutensilien vorgesehen. Für die Renovierung der Wohnung die oftmals dem Mieter sogar zur Pflicht gemacht wird bringt es Hartz IV auf ungefähr 2,50 € pro Monat, das alles führt dazu das unabwendbare Ausgaben nach enormen bürokratischen Aufwand und völliger Demütigung der Betroffenen als Kredit gewährt wird, um dann von den geringen „Hungerlöhnen“ bzw. Almosen der Hartz IV Empfänger postwendend wieder abgezogen zu werden.

Ein weiterer Anrufer, offensichtlich ein Werbefachmann, bezeichnete die Diskussion um das Bestehen einer Unterschicht als zynisch und verlogen,

in der Werbebranche und somit im Wirtschaftsleben wäre schon länger der Begriff Unterschicht eine Faktum und wird auch schon seit etlichen Jahren so benannt, es werden extra Werbestrategien dafür entworfen und durchgeführt.

Explizit nannte er das Beispiel Klingeltöne, diese werden mit dem Motto beworden wenn du dir sonst nichts leisten kannst dann gönn dir doch dieses, weil bekannt ist das solche „Attribute“ des Wohlstandes begierig aufgesogen werden weil sie Pseudointegration vorgaukeln.

Ein im Studio anwesender „Experte“ versuchte die Diskussion dann auf ein Nebengleis zu schieben indem er Müntefering „ein wenig“ in Schutz nimmt

Franz Müntefering hätte nur darauf hinweisen wollen das diese Probleme der Verarmung nicht erst durch Hartz IV geschaffen wurden.

Welch ein Hohn spricht aus dieser Worten in dieser Situation, wollen wir ein Diskussion über die Begriffe führen oder gar nur Wortklauberei betreiben? Und ist damit den Menschen geholfen ?

Selbst bei dieser harmlosen Diskussionsrunde zeichnete sich ab dass das Schicksal der Menschen weniger als der Dreck auf der Strasse wert ist.

Und wofür das Ganze Zusammenraffen von riesigen Beträgen? Nur um andere Firmen, Konzerne und Länder regelrecht aufzukaufen um die Betroffenen Menschen dann anschließend wie wertlosen Beifang auf dem Meer zu behandeln.

mfg Eberhard W. , aus K.

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