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Kriege,
Empörte, Unterdrückung, Wirtschaftskrise ... Was ist los in der Welt?
Der Politikwissenschaftler James Petras, emeritierter Professor der
Soziologie der Binghamton University in New York und ein herausragender
Kopf der Linken in den USA äußert dazu seine Ansichten für Cubadebate
James
Petras:
„DER
ARABISCHE FRÜHLING WURDE VOM IMPERIALISTISCHEN HERBST ABGELÖST“
von
Dalia González Delgado (DGD)
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke
Auf
Kommunisten-online am 17. Dezember 2011 –
DGD:
Was meinen Sie zum „Arabischen Frühling“, der in Tunesien begann und
dann in Ägypten weiterging? Waren dies wirkliche Revolutionen, die von
den Völkern ausgingen? Oder wurden diese Ereignisse von den Vereinigten
Staaten erdacht? In Libyen intervenierte die NATO. Aber beispielsweise
jetzt in Syrien: Protestiert das Volk gegen Assad? Oder gibt es dort eine
imperialistische Einmischung?
JP:
Der „Arabische Frühling“ war eine Reihe von Volksaufständen, die
zum Sturz des politischen Regimes der US-gestützten Diktatoren führte.
Aber das waren keine politischen Revolutionen.
Und
zwar aus zwei Gründen. Erstens: Der Staatsapparat, die militärischen,
zivilen, juristischen und politischen Strukturen der alten Regime veränderten
sich nicht.
Zweitens:
In Ägypten wurde das Mubarak-Regime von einer Militärjunta abgelöst,
die weiterhin aktive Kämpfer für demokratische Verhältnisse einkerkert,
foltert und ermordet. Anfänglich waren die USA vom Volksaufstand überrascht.
Aber kurz darauf unterstützten sie die Militärjunta in Zusammenarbeit
mit der konservativen Moslembruderschaft.
Nach
der ersten Welle von Volksaufständen für demokratische Verhältnisse in
Ägypten, Tunesien, Marokko, Bahren, Jemen, welche die Vorherrschaft des
US-Imperiums und der Zionisten in Nordafrika, dem Mittleren Osten und den
Golfstaaten herausforderten, starteten die Vereinigten Staaten mittels der
NATO einen Angriff.
Der
„Arabische Frühling“ wurde von einem „imperialistischen Herbst“
abgelöst. Die USA und die NATO bombardierten Libyen. Sie verhängten die
Sanktionen gegen Syrien. Sie begannen die Aggression gegen Iran. Der
Widerstand der Volksmassen geht weiter. Washington unterstützt einen
sogenannten „Regimewechsel“. Was Washington macht, ist das Verstetigen
der mit der NATO und Israel gegen die revolutionären Kräfte gerichteten
Machtstrukturen.
DGD
2.
Was kann für den Mittleren Osten ein Konflikt in Syrien bedeuten? Glauben
Sie, dass Russland dies zulässt?
JP:
Die Schirmherrschaft der NATO über den bewaffneten Kampf gegen das
antiimperialistische Regime von Al Assad in Syrien verfolgt folgende
Ziele:
1.
Iran zu isolieren, um den Krieg vorzubereiten;
2.
Die Befreiung von Palästina aus der Kolonialherrschaft von Israel zu
erschweren;
3.
Die Vorbereitung von Bedingungen für einen NATO-Luftangriff wie in
Libyen;
4.
Die Beseitigung eines russischen Marinestützpunktes an der syrischen
Mittelmeerküste.
Russland
ist sich bewusst geworden, dass die NATO-Angriffe in Syrien genauso wie in
Libyen und Iran die Einkreisung von Moskau und sein Raushalten aus dem
Mittleren Osten verstärken. Russland benutzt wie China sein Vetorecht, um
sich den Sanktionen zu widersetzen, um eine militärische
Auseinandersetzung im Fall eines NATO-Luftkrieges zu verhindern.
DGD:
3.
Die Macht der jüdischen Lobby in den Vereinigten Staaten ist bekannt.
Glauben Sie, dass sie so stark ist, dass die USA sich wagen, Iran
anzugreifen?
JP:
Die jüdisch-zionistische Lobby hat das Weiße Haus, das
US-Finanzministerium, das Pentagon und den Kongress fest im Griff. Ich
nenne dies die „Konfiguration der Zionistischen Macht“ (ZPC - Zionist
Power Configuration - nach den englischen Buchstaben).
Dies
deshalb, weil sie die 52 größten jüdischen Organisationen der
Vereinigten Staaten umfasst, die die Politik bis hin gegenüber dem
Mittleren Osten bei den beiden großen politischen Parteien beherrschen.
Die zionistischen Organisationen im US-Finanzministerium sind die Förderer
der Wirtschaftssanktionen gegen Iran gewesen. Dieses ZPC ist der einzige
Verfechter der Pläne für einen militärischen Angriff gegen Iran. Wohl
wissend, dass dies einen regionalen Krieg und eine wirtschaftliche
Katastrophe heraufbeschwören kann.
DGD:
4.
Wie sehen Sie die politische Lage der Gesellschaft in den USA?
JP:
Die politische Lage in den USA kann auf zwei Ebenen betrachtet werden:
auf der Ebene der Institutionen der Gesellschaft und auf der Ebene der
Zivilgesellschaft.
Bei
der Politik auf der institutionellen Ebene hat es eine Verlagerung hin zu
den äußerst reaktionären Kräften gegeben. Sowohl die Demokratische
Partei als auch die Republikanische Partei unterstützen die
Kolonialkriege in Irak und Afghanistan, die Konfrontation mit China und
Russland. Sie stehen der lateinamerikanischen Integration und der Unabhängigkeit
feindlich gegenüber.
In
der Innenpolitik stimmen der Kongress und das Weiße Haus darin überein,
die Sozialprogramme zu kürzen, um die Banken und die großen Konzerne zu
retten. Sie unterscheiden sich allein beim Ausmaß der Kürzungen oder dem
der Subventionen an die großen Konzerne. Somit wird die institutionelle
Politik von einem Kreis der reaktionären und der ultrareaktionären Kräfte
beherrscht.
In
ihrer Reaktion auf den Rechtsruck der politischen Klasse ist die
Zivilgesellschaft feindlicher gegenüber den politischen Institutionen
geworden. Nur 9% der Wählerschaft hat eine positive Meinung über den
Kongress. Im Klartext: 91% der US-Amerikaner haben eine negative Meinung
über den Kongress. 75% lehnen die Banken ab und unterstützen die
Proteste der Bewegung „Occupy Wallstreet“. Große Mehrheiten der Wähler
unterstützen die Soziale Sicherheit und die öffentlichen
Gesundheitsprogramme, sie widersetzen sich den Kürzungen.
Das
zentrale Thema der US-Politik ist das Auseinanderdriften zwischen den Bürgern
und den Institutionen. Die politischen Parteien, der Kongress und das Weiße
Haus, repräsentieren nicht mehr die Meinungen und die Interessen von 75%
der US-Amerikaner, die ihre Meinung auf grundlegende sozialökonomische
Themen gründen. Wir stehen vor einer politischen Krise: Die Bürger ohne
politische Vertretung, und der Kongress ohne Vertrauen beim Volk.
DGD:
5.
Was kann für Europa das Ende des allgemeinen Wohlfahrtsstaates bedeuten?
JP:
Die kapitalistische Wirtschaftskrise hat die Regierungen, egal ob
konservative oder sozialdemokratische, dazu gebracht, Hunderttausende
Dollars dafür einzusetzen, um das Bankensystem zu retten und die
Sozialprogramme und die Rechte der Arbeiter zu verringern oder zu beenden.
Die
sogenannten „Sparprogramme“ haben große Widerstandsbewegungen der Völker
hervorgebracht. Griechenland ist Zeuge von 12 Generalstreiks gewesen. Die
Arbeiter im Allgemeinen und die jungen Arbeitslosen in Portugal, Spanien,
Italien, Frankreich, Großbritannien und Belgien haben sich in die Massenkämpfe
gegen die Bestrebungen der Staatsmacht zur Auslöschung von 50 Jahren
Sozialgesetzgebung des Wohlfahrtsstaates eingebracht.
Das
„Ende des Sozialstaats“ hat die Intensität und das Ausmaß des
Klassenkampfes erhöht und die „sozialistische Alternative“ auf die
Tagesordnung gesetzt.
DGD:
6.
Zur Bewegung der „Empörten“ in aller Welt. Zum Unterschied
zwischen den Empörten und den Protesten der 68er. Waren jene im Grunde
Proteste gegen eine Kultur, und sind die heutigen Proteste gegen das
Kapital gerichtet? Bei all dem scheint mir, dass es um Proteste gegen das
System geht. Sie richten sich gegen den Neoliberalismus, nicht aber gegen
den Kapitalismus. Sehe ich das richtig? Können diese Proteste einen
wirklichen politischen Wechsel bringen?
JP:
Die sozialen Bewegungen von 1960 bis 1970 waren in großem Maße gegen
den Vietnamkrieg und gegen die Rassendiskriminierung gerichtet. Die
heutigen Bewegungen richten sich gegen die Ungleichheiten des
Kapitalismus, gegen die Anhäufung der Reichtümer und der Macht in der
Wall Street, gegen das Anwachsen der Massenarbeitslosigkeit unter den
Beschäftigten und gegen die Beendigung der Sozialprogramme.
Die
Bewegung „Occupy Wall Street“ schließt ein breites Spektrum von
Gesichtspunkten ein. Einige Gruppen der Gesellschaft wollen zum
regulierten Kapitalismus und den Reformen des Staates im Wohlfahrtsbereich
zurückkehren, während andere Gruppen das „produktive Kapital“ gegenüber
dem Finanzkapital unterstützen. Eine Minderheit setzt sich für die
„Wirtschaftsdemokratie“ ein, was eine Art partizipativer Sozialismus
ist. Die Bewegungen sind stark als Protest und als Widerstand, aber
schwach in der Organisierung einer politischen Alternative.
Es gibt keine landesweite politische Führung oder gar ein ehrgeiziges
Programm. Es gibt eine wirkliche Gefahr, dass Obama und die Demokraten die
Bewegung einverleiben können.
DGD:
7.
Wie lässt sich Marx aus heutiger Sicht lesen? Ist eine sozialistische
Revolution heute möglich?
JP:
Marx ist besonders relevant in diesen Zeiten der kapitalistischen
Krise, weil die letzten 30 Jahre die wachsende Konzentration und
Zentralisation des Kapitals, die Zunahme der klassenbedingten
Ungleichheiten und die Unvereinbarkeit von gesellschaftlichem Wohlstand
und kapitalistischer Expansion aufgezeigt haben.
Die
Vorhersage von Marx über eine sozialistische Revolution gründet sich auf
eine Analyse der kapitalistischen Krise und der Ausbeutung (objektive
Bedingungen), und der Organisation der Klasse und des Bewusstseins
(subjektive Bedingungen). In der Welt heutzutage sind die objektiven
Bedingungen vorhanden, und es reifen die subjektiven Bedingungen allmählich
heran.
Die
sozialistische Revolution ist eine Alternative, wenn die subjektiven
Bedingungen voranschreiten. Andernfalls können die Krisen zum Faschismus,
zu den Kriegen und zur Barbarei führen.
Quelle:
http://www.cubadebate.cu/
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