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Die
politische Klasse
Von
Torsten Reichelt (Dresden)
Der
Begriff „Klasse“ ist, wenn’s um die Einteilung von Menschen bezüglich
ihrer gesellschaftlichen Stellung geht, nicht besonders beliebt. Das
erinnert so an Klassengegensätze und Klassenkampf, Herrschende und
Beherrschte, Ausbeutende und Ausgebeutete, Unterdrücker und Unterdrückte.
Wer in solchen Kategorien denkt, ist nicht mehr weit davon entfernt, zu
fragen, wozu z.B. seine Klasse, die Arbeiterklasse, welche sowieso die
ganzen gesellschaftlichen Werte schafft, eine andere Klasse, die
Kapitalistenklasse, braucht, deren gesellschaftliche Aufgabe darin
besteht, sich einen großen Teil dieser gesellschaftlichen Werte
aneignen, anzuhäufen oder zu verschlemmen. – Alles mit der Begründung,
das stünde ihnen wegen des Risikos und der Verantwortung zu, was sie
lauthals von ihren politischen und Medienlakaien in die Runde krähen
lassen. Bloß, dass das Risiko hauptsächlich das Risiko ihrer
Lohnarbeiter ist, für weniger Lohn mehr arbeiten zu müssen und
letztlich auf die Straße zu fliegen und die Verantwortung darin
besteht, die Arbeiter so anzustellen, auszupressen und zu feuern, dass
der Profit immer das mögliche Maximum erreicht.
Deshalb
beschäftigen die Kapitalisten zu Hunderten und Tausenden Dummköpfe und
/ oder Verräter, welche behaupten, diese in ihrer Charakterisierung
wesentlich auf Marx und Engels zurückgehenden Klassen gäbe es nicht
mehr, gäbe es in dieser Form nicht mehr, ihre unvereinbaren
Interessengegensätze bestünden nicht mehr oder es gäbe mal eben
andere und / oder neue Klassen. So schlug eines Tages auch die
ideologische Geburtsstunde der „politischen Klasse“, deren Existenz
mir erst gestern wieder von einem recht bekannten „Linken“, der sich
ansonsten auch ganz gern mal auf Marx beruft, verkündet wurde.
Nun,
was soll diese „politische Klasse“ sein? Soweit ich den
verschwommenen Begriff verstanden habe, umfasst diese Klasse alle
Menschen, welche politische Entscheidungsträger sind. Ihre Handlungen
sind darauf ausgerichtet, Angehörige der politischen Klasse zu bleiben
(bzw. weniger schmeichelhaft, ihren Platz am parlamentarischen Diätenfressnapf
oder sonstige existenzsichernde politische Ämter zu behalten). Das
macht sie zutiefst volks- oder besser wählerverbunden, weil sie ja
wiedergewählt werden und / oder ihre politische Karriere fortsetzen
wollen.
Allerdings
hat die Sache ein paar Haken. Angeblich leben wir ja in einer
Demokratie. Somit bestimmte ja JEDER wahlberechtigte Bürger die
Politik, wäre also der „politischen Klasse“ zuzurechnen. Zumindest
jeder, welcher sein Wahlrecht noch wahrnimmt, obwohl er längst gemerkt
hat, dass die Stelle, an der er sein Kreuz macht, nur an den Gesichtern
und Sprüchen der Parlamentarier etwas ändert, nicht aber an der
Politik. Darüber hinaus wäre mir völlig schleierhaft, warum Parlament
und Regierung von Myriaden von Lobbyisten, hauptsächlich denen von Großunternehmen,
umschwärmt werden wie der Hundehaufen von Fliegen. Sie sind ja nur auf
Wiederwahl aus, wahre und integere Volksvertreter, deren Auftrag die
Interessenvertretung der Wähler und deren Ziel die Wiederwahl ist. Die
Kapitalisten sind wohl – folgt man dieser Interpretation – doch
ziemlich dumm, haufenweise Geld in Lobbyarbeit und Zuwendungen,
Beraterhonorare, Aufsichtsratsposten und Parteispenden zu stecken, da
das bei den nur dem Wahlbürger verpflichteten Rittern von der
aufrechten Gestalt sowieso nicht zieht.
Aber
sei's drum, lassen wir die „politische Klasse“ mal gelten. Das würde
dennoch nichts am Marxschen Klassenbegriff ändern. Denn der bezieht
sich auf die Stellung in der Produktion, also auf die ökonomische Basis
der Gesellschaft, nicht auf ihren ideologisch-politischen Überbau. Und
die Angehörigen der „politischen Klasse“ stammen bekanntlich aus
verschiedenen ökonomischen Klassen, leisten Lohnarbeit (beispielsweise
als Berater), sind Selbständige oder nebenbei Eigentümer von
Unternehmen, welche selbst Lohnarbeiter beschäftigen.
Klassen
sind Mengen von Elementen, welche sich durch grundlegende gemeinsame
Eigenschaften und grundlegende Unterschiede zu den Elementen anderer
Klassen auszeichnen. Diese Klasseneinteilung wird durch die Zuordnung
eines Elements in anderen Zuordnungssystemen nicht angetastet. Betrachte
ich z.B. das Geschlecht, kann ich Männer und Frauen (bis auf seltene
unklare Fälle) unterscheiden. Das ändert sich auch dann nicht, wenn
ich zudem noch in Blonde, Brünette, Rothaarige oder Kleine und Große,
Dicke und Dünne unterscheide.
Die
„politische Klasse“ hat NICHTS mit der Marxschen Klassenzuordnung
aufgrund der Stellung des Individuums im Produktionsprozess zu tun,
sowenig wie andere angebliche neue Klassen. Auch eine Änderung der
Marxschen Klassenmerkmale ist nicht eingetreten. All die Bemühungen,
Klassenbegriffe und -definitionen zu verwischen, sind nichts Anderes als
Versuche, den Klassenkampf und seine objektiven Ursachen zu leugnen.
Das
klingt zunächst recht theoretisch, hat aber ganz unmittelbare
Auswirkungen auf aktuelle Kämpfe um soziale Zugeständnisse der
Herrschenden. Z.B auf die aktuelle Mindestlohninitiative, zu welcher
sich (bisher) ver.di, NGG, IGM, Linkspartei.PDS und WASG zusammenfanden.
Einige
„Linke“ vertreten die Auffassung, die Politik werde von der
„politischen Klasse“ bestimmt und deren Motiv sei die Wiederwahl.
Weshalb Massendemonstrationen ausreichen würden, um die Angehörigen
dieser „Klasse“ davon zu überzeugen, dass sie den Mindestlohn einführen
müssen, weil sie ja wiedergewählt werden wollen.
Aber
soziale Maßnahmen werden nur dann vom Parlament beschlossen, wenn man
dessen Auftraggeber, die Kapitalisten, mittels Streik und Boykott unter
Druck setzt. Wenn ihnen der Profit wegbricht, greifen die zum Telefon
und rufen ihre Lobbyisten an. Die gehen dann zu ihren Parlamentariern
und weisen die Zustimmung zur Gesetzesvorlage an. So, wie schon zu
Bismarcks Zeiten Sozialgesetze nur durch ökonomische Gewalt gegen die
Herrschenden erzwungen wurden – und nicht, weil eine „politische
Klasse“ wiedergewählt werden wollte.
Das
Verständnis der gesellschaftlichen Klassenstruktur hat ganz
unmittelbare Auswirkungen auf ganz aktuelle politische Kämpfe. Diese
sind nur erfolgreich zu führen, wenn man Volksverdummer, wie z.B. die
Verkünder der „politischen Klasse“, bloßstellt. |