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Praktische
Hilfe
Brief
an den Parteitag der Linken
Von
Dr. Seltsam
Quelle:
jungeWelt
vom 23. Mai 2008
Die
Linke ist mehr als die Partei. Sie umfaßt auch massenweise
Unorganisierte, die die Nase voll haben von Koalitionen und Anpassertum
und reale Machtpolitik erwarten – praktische Hilfe gegen Verelendung
statt Regierungsprojekte. Millionen Arme haben keine andere politische
Vertretung mehr als euch.
Aber
weil ihr nirgends vor Ort seid, wißt ihr nicht, was ganz unten los ist:
Ihr kennt nicht die herzzerreißenden Szenen auf den Ämtern, wenn es
kein Geld für Windeln gibt, die Verzweiflung der Arbeitslosen, die am Fünfzehnten
des Monats keinen Cent mehr auf Tasche haben, die Schmerzen der Omas,
die erst in zwei Wochen zum Arzt gehen können, weil ihnen die zehn Euro
Praxisgebühr fehlen. Das kann sich ein Bundestagsabgeordneter eben
nicht vorstellen, der nicht nur 8000 Euro Staatsknete bekommt, Freifahrt
in Bahn und Flieger, Chauffeure in ekelhaften Protzautos und mit den
Mitarbeitern in den Abgeordnetenbüros das absolutistische Verfügungsrecht
über eine Handvoll Menschen, die meist klüger sind als er selber. Dazu
Aufsichtsratsposten, Stiftungspräsidien und Studienreisen nach Bedarf.
Wenn ihr das alles zusammenrechnet, verfügt jeder Abgeordnete im Monat
über soviel Geld wie hundert »Hartz-IV«-Opfer. Ein Leben gegen
hundert – das verschaffen wir euch, eure Wähler, und was kriegen wir
dafür? Den Hohn eines Parteifunktionärs, die Partei müsse sich davor
hüten, Politik nur für Arme zu machen!
Die
Linken waren immer die Partei der Armen, der Ausgegrenzten, der
Arbeitslosen, der Hoffnungslosen und Hungerleider – genau der
Menschen, über die die Berliner Boygroup, die mit der SPD zusammen die
Hauptstadt verwaltet, die Nase rümpft. In allen anderen westlichen Ländern
kümmert sich die linke Partei um die Unberührbaren, hat eigene
Sozialprojekte und Altenheime. Die Volkshäuser in Italien etwa sind
Arbeitslosencafés, soziale Treffpunkte für eine eigene Kultur gegen
den Mainstream und gleichzeitig Anlaufstelle für die Partei. Solche
Projekte überlassen die Linken in Deutschland den Nazis und den
Kirchen. Eigentlich ist linke Politik stets praktische Hilfe für die
Allerärmsten. Wenn das in Berlin nicht klappt, dann entweder deshalb,
weil man nicht links ist oder weil man keine Ahnung von praktischer
Politik hat.
Mittlerweile
machen die Berliner Tafel und die Heilsarmee mehr linke Aktionen als die
Partei die Linke. In Kreuzberg hat der Pfarrer Rutkowski ein
Gemeindehaus kurzerhand zum Säuferheim umfunktioniert, weil er es nicht
ertrug zuzusehen, wie ein Obdachloser sich eine Handvoll Maden aus
seinem entzündeten Bein kratzte. Das Karl-Liebknecht-Haus als
AIDS-Hospiz – so etwas kann sich der einfache Parteifunktionär nicht
vorstellen: Wo soll er denn dann seine Akten lagern?
Nach
dem Verbot der KPD 1956 haben die nichtsozialdemokratischen Kräfte im
Westen jeden Kontakt zur Sozialarbeit verloren, während sie diese im
Osten guten Gewissens der staatlichen Fürsorge überließen. Bis heute
wissen die Ostfunktionäre gar nicht, was kapitalistisches Elend ist,
sie scheinen in völliger sozialer Blindheit zu leben.
Die
Grundforderung muß sein, daß jeder Parteifunktionär und jeder
Abgeordnete und jeder, der mit Hilfe der Partei einen Posten bekommen
hat, praktische Sozialarbeit leistet. Wer soviel wie hundert
Hartz-IV-Empfänger einnimmt, sollte wissen, daß er soviel nicht
verdient und mindestens 90 Prozent dieser Einnahmen ans Volk zurückgeben
müßte. Die Fraktionsheilige Katja Kipping redigierte jüngst eine
Propaganda-Broschüre zu »Hartz IV«, in der alle Rechtsmittel
angegeben sind, aber keine einzige Parteiadresse, wo der Arme Hilfe
bekommt. Die letzte Diätenerhöhung spendete sie ihrem eigenen »Prager
Frühling«-Verein. So etwas nennt man Selbstbedienung.
Auffällig
ist die Diskrepanz zwischen den arbeitsrechtlichen Forderungen der
Partei, die sich offiziell für Kündigungsschutz und Mindestlohn
einsetzt, deren Abgeordnete aber Mitarbeiter auf 400-Euro-Basis beschäftigen,
grundlos kündigen oder ihren ganzen Stab halbjährlich auswechseln –
Heuern und Feuern als Grundprinzip wie im Wallstreetkapitalismus. Schon
beim Abrutschen der SPD in den Krieg 1914 spielten rechte Mehrheiten auf
den Parteitagen eine verhängnisvolle Rolle, bestehend aus
Parteibeamten, die sofort auf Stütze wären, wenn sie ihren Posten verlören.
Daß diese Funktionäre kein Interesse an einer radikalen linken Politik
haben, die sie »abenteuerlich« nennen würden, ist klar: Wer will
schon seine eigene Existenz gefährden, um anderen zu helfen? Doch links
ist das nicht.
Und auch nicht erfolgreich. Die Linkspartei lebt im Moment von dem
ungeheuren Vertrauensvorschuß, den die Ruinierten und Entrechteten ihr
schenken, weil sie erwarten, daß die Partei etwas für sie tut. Sobald
diese Wähler sich anders orientieren, ist die Linkspartei erledigt,
denn der Platz in der »Mitte« bei den Steuerzahlern und »Leistungseliten«
ist besetzt. Aber mit zehn Millionen Armen, die man organisiert, kann
man jedes Parlament lahmlegen und jede Regierung platzen lassen – eine
Horrorvorstellung für die, die nichts anderes wollen als mitregieren!
Aber keine Angst, die Regierungsbeteiligung kommt so sicher wie das Amen
in der Kirche. Die SPD wird die Linke gebrauchen, um die nächsten
Weisungen des Kapitals durchzusetzen.
In
den letzten Jahren waren viele Chefs der Linkspartei so freundlich, sich
von mir öffentlich befragen zu lassen, so daß ich glaube, ihre
Konzepte zu verstehen. Im Unterschied zu manchen jW-Kollegen billige ich
sie sogar teilweise. Lafontaine will sich an der SPD rächen und
peitscht sie zu demagogischen Höchstleistungen – das sehe ich gern,
aber es ist auch nicht schwer, denn die Beck-SPD ist die dümmste, die
es je gab. Gysis Aufgabe ist, die Fraktionen offenzuhalten für
eventuelle Regierungsbeteiligungen und bei der liberalen Bourgeoisie gut
Wetter zu machen, damit sie sich das gefallen läßt.
Gegen
das Mitregieren ist prinzipiell nichts einzuwenden, doch der Preis dafür
muß mindestens die Verdoppelung von »Hartz IV« sein und zehn Prozent
mehr Gehalt für den öffentlichen Dienst. Wenn man das nicht hinkriegt,
hat man in einer Regierung nichts verloren. Die absurde Idee, der
Ausgleich des Staatshaushalts wäre linke Politik, kann nur Leuten
einfallen, die ihr Betriebspraktikum bei IBM gemacht und auch dort nicht
recht aufgepaßt haben. Denn dies ist der Staat der Bourgeoisie, der
Staat der Reichen, sollen die doch dafür sorgen, wie sie ihn bezahlen.
Die Linke hat nur die Pflicht, ihre Klientel nicht verhungern zu lassen.
Ohne eine klare linke Führung mit Lafontaine und seiner penetranten
Forderung nach einem Systemwechsel und ohne marxistische
Antikapitalisten ist die Linkspartei nur noch eine PDS, das heißt ein
Haufen von Karrieristen, die endlich irgendwie im Westen ankommen wollen
und sonst keine weiteren Ziele verfolgen, als in ihren verlassenen Ostdörfern
Bürgermeister zu werden. Aber die Linke ist mehr als die Linkspartei.
Vielleicht wird sie sich eines Tages ohne sie behelfen müssen.
PS.
Erste Forderung an den Parteitag: Lederer abledern! |