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Ȁltere
haben keine echte Lobby«
Erhöhung
des Renteneintrittsalters ist letztlich Betrug. Weitere Leistungskürzungen
sind zu befürchten. Proteste sind überfällig. Ein Gespräch mit
Gunnar Winkler
Interview:
Ralf Wurzbacher
Quelle:
jungeWelt vom 09.11.2005
*
Gunnar Winkler ist Präsident des Bundesverbandes Volkssolidarität e.
V.
F:
Die Großkoalitionäre in spe haben sich auf die stufenweise Anhebung
des Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre geeinigt. Warum warnen Sie
davor?
Über
eine solche Maßnahme ließe sich allenfalls dann diskutieren, wenn
hinreichend viele Arbeitsplätze für ältere Menschen bis zum 67.
Lebensjahr vorhanden wären. Das ist angesichts der
Massenarbeitslosigkeit aber weder der Fall noch absehbar. Im Gegenteil:
die Zahl sozialversicherungspflichtiger Stellen ist seit Jahren rückläufig.
Man wird das Gefühl nicht los, daß es der Regierung nicht wirklich um
mehr Arbeitsplätze für Ältere geht, sondern um eine versteckte
Rentenkürzung und damit den nächsten Rentenbetrug.
F:
Können Sie den Betrug beziffern?
Wenn
das Renteneintrittsalter ab 2010 schrittweise auf 67 Jahre erhöht wird,
führt dies zu weiteren Rentenkürzungen von bis zu zehn Prozent. Neben
den Abschlägen von 0,3 Prozent monatlich fehlen dann Beitragsleistungen
für zwei Jahre, wenn jemand wie bisher mit 65 in Rente gehen will.
Schon heute müssen in den neuen Bundesländern 70 Prozent der
Neurentner Abschläge hinnehmen, viele Senioren leben nur knapp oberhalb
des Sozialhilfeniveaus. Die Lage wird sich also weiter verschärfen.
F:
Politik und Wirtschaft argumentieren, daß die Menschen bei gestiegener
Lebenserwartung auch länger arbeiten können.
Dagegen
wäre nichts einzuwenden, solange man frei darüber entscheiden könnte,
ob man mit 62 oder 67 Jahren in Rente geht. Heute sind in Deutschland
lediglich 40 Prozent der 55- bis 65jährigen überhaupt noch erwerbstätig.
Ältere Menschen werden in der Mehrzahl gegen ihren Willen vorzeitig
aufs Altenteil geschickt. Jetzt sollen sie dafür auch noch mit weiteren
Rentenkürzungen bestraft werden.
F:
Auch Arbeitssoziologen sprechen von einer »Geisterdiskussion«, solange
nicht vermehrt Arbeitsplätze für ältere Menschen geschaffen werden.
Ist Besserung absehbar?
Ganz
im Gegenteil, in den Betrieben wird konsequent auf die Verjüngung der
Belegschaften gesetzt. In dem Maße, wie dazu auch noch im öffentlichen
Sektor die Privatisierung voranschreitet, verliert die Politik auch noch
ihre letzten Einflußmöglichkeiten auf die Wirtschaftstätigkeit im
Bund, in den Ländern und Kommunen. Angesichts der geplanten
Massenentlassungen von Deutscher Telekom, VW, Ford und Deutscher Bank
droht die Finanzbasis der gesetzlichen Rente weiter geschwächt zu
werden. Und wie reagiert die Poltik? Sie kürzt abermals bei
Rentnerinnen und Rentnern.
F:
Neben der Rente mit 67 sind auch Nullrunden für die nächsten vier
Jahre im Gespräch ...
Auch
das ist so gut wie beschlossen. Damit greift die Politik wiederum jenen
20 Millionen Menschen in die Tasche, die sich überhaupt nicht zur Wehr
setzen können.
F:
Können Sie das tatsächlich nicht? Ihr Kollege vom Sozialverband
Deutschland, Walter Hirrlinger, hat vor Wochen massive Proteste gegen
den drohenden Rentenklau angekündigt.
Die
Machtmittel der älteren Generation sind stark begrenzt. Ab einem
gewissen Alter kann man nicht mehr pausenlos auf die Straße gehen.
Demonstrationen oder Unterschriftensammlungen sind zwar schön und gut,
lassen die Wirtschaft aber kalt. Trotzdem darf man nichts unversucht
lassen, die Politik zur Vernunft zu bringen. Auch ich bin der Meinung,
daß man schnellstmöglich zu einer Großdemonstration mobilisieren
sollte.
F:
Für Herrn Hirrlinger bleibt die Linkspartei.PDS auch weiterhin ein
rotes Tuch – trotz ihrer neuen Stärke und obwohl sie sich gegen
jegliche Sozialkürzungen ausspricht. Wie sehen Sie das als Chef eines
ostdeutschen Sozialverbands?
Ich
mache grundsätzlich keine Wahlpropaganda für irgendeine Partei. Vor
der Bundestagswahl hat auch die SPD lautstark gegen sozialen Kahlschlag
Front gemacht, ohne sich heute daran halten zu wollen. Das Hauptproblem
besteht darin, daß die ältere Generation über keine wirksamen
Mitbestimmungsmöglichkeiten und keine echte Lobby verfügt. Heute sind
bereits rund 25 Prozent der Bevölkerung älter als 60 Jahre. Nach
meinem Demokratieverständnis müßten diese Menschen entsprechend ihrer
Stärke in die politischen Entscheidungsprozesse eingebunden werden. |