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Rente
erst mit 67 Jahren
Müntefering
auf Rentenklau
Von
Gerd Höhne/31. Januar 2007
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Berlin
will erst mit 67 Rente zahlen. Wer früher Rente bekommt, muss erhebliche
Verringerungen der Rentenhöhe in kauf nehmen. Das alles sei nötig, sagt
Münterfering, damit das Rentensystem überhaupt zu finanzieren sei und führt
den demografischen Faktor als Grund ein. Er meint den Umstand, dass die
Fortschritte der Medizin die Menschen älter werden ließen, während
immer weniger Kinder geboren würden. Zwar werden die Menschen älter,
zwar werden immer weniger Kinder geboren, dennoch müsste deshalb das
Rentenalter nicht herauf gesetzt werden.
Junge
Menschen, die sich heute Kinder zulegen wollen, sehen sich entweder mit
dem Problem konfrontiert, dass ein Elternteil – meist die Mutter – aus
dem Beruf für Jahre aussteigen muss. Später dann findet sie keinen neuen
Job.
Bei
Arbeitslosen steht das Problem, dass ihre Kinder in Armut und Verzicht
geboren werden und aufwachsen müssen. All das, was besser vediendne Eltern ihren Kindern bieten können, können
sie nicht.
Zwar
gibt es seit einigen Jahren einen Rechtsanspruch auf einen
Kindergartenplatz, aber die Realität sieht anders aus. Wie kann eine
Familie in einer Großstadt, die von Hartz IV leben muss, also nicht
einmal 400 €, es sich leisten, das Kind in den Kindergarten zu bringen,
wenn der nur mit Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist?
So
kostet ein Einzelticket im Gebiet Rhein/Ruhr 2,10 €, das wären 21,00
€ die Woche in der niedrigsten Preisstufe. Ein Monatsticket kostet 56,15
€, das wären mehr als 10 % des ALG II. Und die Preise steigen
weiter. Während 2006 die Preise zweimal angehoben wurden, ist jetzt schon
wieder eine Preiserhöhung angekündigt. Für Hartz IV-Empfänger ist das
unerschwinglich.
Kinder
bekommen, bedeutet sozialen Abstieg, Familien mit mehreren Kindern
bedeutet gar sozialen Absturz.
Und
später, wenn diese Kinder die Schule verlassen, erwartet viele die
Arbeitslosigkeit. Trotz des gepriesenen „Lehrstellenpaktes“ fehlen in
Deutschland pro Jahr mindesten 100.000 Lehrstellen – wobei den Glücklichen,
die eine Lehrstelle ergattern – nach der Lehre erneut Arbeitslosigkeit
droht. Viele Eltern verzichten also auf Kinder.
Trotzdem
ist das nicht der Grund für den Geldmangel der Rentenkassen. Derer gibt
es viele. So z.B. zahlt nicht der Staat für die Renten der ehemaligen
DDR-Bürger und der Übersiedler aus Polen, Russland usw., sondern die
Rentenkassen. Und ganze gut verdienende Bevölkerungsgruppen müssen gar
nichts einzahlen.
Aber
auch das ist noch nicht der Hauptrund des Geldmangels der Rentenkassen.
Der Hauptgrund ist die hohe Arbeitslosigkeit. Und die haben, das wird
jeder einsehen müssen, die großen Konzerne verursacht. Sie
rationalisierten die Produktion, verlagerten ganze Bereiche in Billiglohnländer
und schickten ihre Beschäftigten zu den Arbeitsämtern. Das jüngste
Beispiel ist die AEG in Nürnberg. Die verlagerte ihre Produktion nach
Legnice in Westpolen. Die dortigen Arbeiter verdienen mal eben 400 € im
Monat, was nur unbeträchtlich über der polnischen Armutsgrenze liegt.
Klar,
dass da die Sozialkassen belastet werden und die Einnahmen zurückgehen.
Aber gegen die Arbeitslosigkeit macht die Regierung bekanntlich nichts,
sie macht eine Politik gegen die Arbeitslosen.
Das
Geschrei vom Abbau der „Lohnnebenkosten“
Wir
hören es seit vielen Jahren. Schon Kohl hausierte damit, nicht minder
Schröder und nun Merkel/Müntefering: „Die Lohnnebenkosten müssen
runter, Sonst keine Arbeitsplätze und die Wirtschaft ist auf dem
Weltmarkt nicht konkurrenzfähig.“
Aber
trotz Wiederholungen wird es nicht wahrer. Einer, der das auch mal sagte,
Norbert Blüm, sieht es heute kritisch. Er warte noch heute auf die
versprochenen Arbeitsplätze. Dagegen boomt die Exportindustrie.
Zunächst
muss mal gesagt werden, dass es überhaupt keine Lohnnebenkosten gibt. Der
sog. „Arbeitgeberanteil“ an den Sozialversicherungsbeiträgen
wird von den Unternehmen als Lohnkosten kalkuliert. Wenn man
diese Kosten verringert, verringert man auch die Löhne und steigert die
Rate der Ausbeutung der Arbeitskraft. Es werden die Profite erhöht. So
einfach ist das. Das Gerede von zu hohen Lohnnebenkosten ist nur die
Nebelwand, hinter der der kapitalistische Staat dem Großkapital zusätzliche
Profite zuschanzt. Die Zeche zahlen die Opfer.
Das
Geld fehlt dann natürlich in den Sozialkassen, der Renten- und
Krankenversicherung. Aber es wird gebraucht für die Renten und für die
Gesundheitskosten.
Jetzt
behaupten die Politiker der bürgerlichen Parteien, wenn sie nicht das
System der Renten- und Krankenversicherung reformierten, bräche es
zusammen.
Es
ist aber tatsächlich genau so, wie bei der Schröderschen Steuerreform: Man
verschenkt Steuern, indem man den Reichen und Superreichen die Steuern
senkt und dann fehlt es im Staatssäckel. Da aber die aggressiver
Kriegspolitik nicht aufgegeben wird, denn immerhin will das deutsche Großkapital
im Poker um Energiequellen und Absatzmärkte nicht waffenlos das Feld
Konkurrenten überlassen, werden die Sozialleistungen abgebaut.
Bei
den Renten- und Gesundheitskassen ist es nicht anders. Die
Gesundheitsreform vor ein paar
Jahren ist schon für viele eine ärztliche Behandlung unerschwinglich
gemacht und alle Versicherten der gesetzlichen Kassen wurden erheblich belastet.
Mit der neuen Gesundheitsreform wird das fortgesetzt.
Ähnlich
bei den Renten. Seit einigen Jahren wurden die Renten nicht den
gestiegenen Lebenshaltungskosten angepasst. Die Steuerpflichtigkeit der
Renten wurde gesteigert und jeder Rentner muss nun Krankenverssicherung
zahlen. Das alles war schon eine effektive Senkung der realen Rente.
Eine
Erhöhung des Rentenalters auf 67 ist nicht anderes als eine verschleierte
Senkung der Renten –
Eine
Luftnummer
Es
ist schlichtweg bewusste Verschleierung der Tatsachen, wenn behauptet
wird, das sei unabdingbar. Es geht darum, erneut die
„Lohnnebenkosten“, also die Profite zu steigern, indem die Unternehmen
weniger Lohnkosten in Form von Sozialkosten zahlen müssen.
Müntefering
behauptet, er wolle mit seinem Programm 50+ alteren Arbeitslosen Arbeitsplätze
verschaffen. Zunächst sei mal festgestellt, dass kein Kapitalist einen
Arbeiter –
gleichgültig ob der mehr oder weniger verdient – einstellt, wenn er
nicht an dessen Arbeitskraft verdienen kann. Wenn der Staat mit Kombilohn
oder was immer etwas zuzahlt, werden nur die Profite erhöht, nicht aber
die Chancen Arbeit zu finden. Das verlagert sich nur zu jenen, die
Staatknete zu ihren Lohn bekommen und daher dem Kapitalisten weniger
kosten. Zusätzlich wird kein Arbeitsplatz geschaffen.
Das
bisher praktizierte ist zusätzlich für bestimmte Unternehmen eine gute
Quelle die Staatskasse anzuzapfen. Und das ganz legal.
Es
sieht so aus: Es gibt Ausschreibungen der Bundesagentur für Arbeit für
Vermittlung einer bestimmten Anzahl älterer Arbeitsloser. Unternehmen
machen Angebote und bekommen den Zuschlag oder nicht. Sie bekommen aus der
BfA-Kasse einen bestimmten Sockelbetrag und für jeden vermittelten
Arbeitslosen eine Prämie.
Wenn
das Unternehmen, oft in kirchlicher Hand, aber auch private, nicht alle
Arbeitslosen vermittelt, muss es für jeden, den es nicht
vermittelten, einen Strafbonus an die BfA zahlen.
Damit
das nicht zum unkalkulierbaren Risiko wird, setzen die Unternehmen ihre
Preise für die Vermittlungen so hoch ein, dass auf jedem Fall Gewinn
dabei rauskommt. So zapft man die Staatskasse legal an. Den angeblich
begünstigten älteren Arbeitslosen bringt s nichts.
Natürlich
bringen all diese Maßnahmen keinen einzigen neuen Arbeitsplatz, sie verstärken
nur den Konkurrenzkampf der Arbeitssuchenden und senken damit das
Lohnniveau – und das wiederum wollen die Kapitalisten.
Fazit
Bereits
jetzt kann nur ein kleiner Teil der Arbeiter und Angestellten bis zum 65.
Lebensjahr arbeiten. Entweder werden sie von den Bossen in den
Vorruhestand gedrängt oder sie sind verschlissen von der Arbeitsbelastung
und können nicht mehr arbeiten. Selbst bei staatlichen Beschäftigungsmaßnahmen
a la ABM könnten sie nicht mehr arbeiten.
Das
wird bei einem Renteneintrittsalter von 67 Jahren nicht anders sein. Wenn
aber einer trotzdem in Rente geht, muss er mit erheblichen Abschlägen von
der Rentenhöhe rechnen.
Genau
das ist gewollt. Damit sinken die Rentenkosten allgemein und das zum
Nutzen vor allen des Großkapitals. Das aber verdiente sich die letzten
Jahre dusslig und dämlich und hat gleichzeitig auch die
Massenarbeitslosigkeit verursacht.
Die
„entsorgten“ nicht mehr gebrauchte Beschäftigte auf Kosten der
Allgemeinheit und rationalisierten damit ihre Produktion und jetzt, wo
alles so teuer geworden ist, zahlen die Betroffenen und die Schuldigen
stecken zusätzliche Profite ein. Genau das ist kapitalistische Politik.
Sich wehren?
Die
Vollstrecker der Politik des Großkapitals gehen äußerst geschickt vor.
Sie versuchen einen Keil zwischen die Generationen zu treiben. Angeblich würden
die heutigen Rentner die Zukunft der heute jüngeren auffressen. Diese
Behauptung kommt an bei vielen jungen Menschen.
Ich
habe kürzlich im Zug erlebt, wie es zu einen Konflikt zwischen Jüngeren
und Älteren kam: Junge Fußballfans benahmen sich daneben, rauchten,
trotz Rauchverbot usw. Als sich einige ältere Frauen erregten und
schimpften, kam es zu einer verbalen Auseinandersetzung. Die Fußballfans
skandierten: „Wir arbeiten nur für eure Rente!“
Wehren
gegen diese Maßnahmen ist notwendig und wichtig, aber, so fürchte ich,
der Prozess des Sozialraubs ist nur schwer zu stoppen.
Vor
ein paar Jahren, als die Montagsdemos aufkamen und bundesweit die Massen
mobilisierten, war das ein guter Anfang gewesen. Aber im Osten brachte sich
die PDS an die Spitze der Bewegung und strebte nur kosmetische
Verbesserungen an, im Westen schaffte das die MLPD. Sie beschränkte den
Prozess auf auf Hartz IV und hinderte diese Bewegung daran, sich zu
politisieren. Die MLPD spannte die Protestbewegung vor ihren quietschenden
Parteikarren und machte sie damit im Westen kaputt.
Trotzdem
ist es für Widerstand nie zu spät.
G.H. |