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„Wer in Not gerät, ist selber schuld“?

verfasst von Wal Buchenberg

Quelle: Karl-Marx-Diskussionsforum

Auf Kommunisten -online am 16. März 2010 - In ihrer Selbstdarstellung ist die kapitalistische Gesellschaft das Reich der Freiheit, wo jeder nach seinen Fähigkeiten und seinem Bemühen reich und glücklich wird – oder arm und in Not gerät.

„Jeder ist seines Glückes Schmied“ steht mit geschmiedeten Lettern über dem Tor, das in das kapitalistische Glück führt. Auf der Rückseite dieses Tores steht in weniger großen, aber immer noch deutlich lesbaren Buchstaben geschrieben: „Wer in Not gerät, ist selber schuld!“

Diese bürgerliche Selbstdarstellung hat wenig mit den Fakten und wirklichen Verhältnissen zu tun. Jeder weiß, dass jedes individuelle Geschick davon abhängt, in welche Zeitperiode und in welche Familienverhältnisse einer hineingeboren ist.

In Argentinien wurde zwischen 2001 und 2003 festgestellt, dass 1,9 Millionen Babys die während und kurz nach der Finanzkrise geboren wurden, ihr Leben mit durchschnittlich 30 Gramm weniger Gewicht starteten als der langjährige Durchschnitt der Vorjahre. Selber schuld?

Seit Einführung von Hartz IV sind ungewollte Schwangerschaften häufiger geworden. Sozialhilfempfängerinnen bekamen früher (auf Antrag) die Pille umsonst. Der heutige ALGII-Regelsatz stellt monatlich 13,18 Euro für Gesundheitspflege zur Verfügung. Die Pille allein kostet aber monatlich schon 10 bis 15 Euro. Eine Spirale kostet zwischen 150 und 350 Euro (und wirkt vier oder fünf Jahre). Wer ungewollt schwanger wird, weil die Pille zu teuer ist, ist selber schuld?

Jeder weiß, dass der Schulerfolg der Kinder vor allem vom Elternhaus abhängt - und wenn es nur das Geld ist, dass die Eltern für Nachhilfe oder fürs Studium zahlen können.

Jeder weiß, dass die Menge der Existenz- und Lebensmittel der Lohnarbeiter von der Gnade und dem Geschick ihrer Kapitalisten abhängt.

Im Jahr 2009 lebten in Deutschland 6,2 Millionen Überschuldete, die nicht mehr in der Lage waren, ihre Rechnungen zu begleichen. Diese 6,2 Millionen in Not Geratene drücken insgesamt 228 Mrd. Euro Schulden. Das ist die Größenordnung der Ausgaben der Bundesregierung in diesem Jahr (288 Mrd. Euro) (weiter)

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Wer Schulden hat, ist selbst schuld?

Wieso kommt es dann, dass die regionale Verteilung der Verschuldeten so ungleich ist? Wieso gibt es in Regionen, in denen die Profitwirtschaft blüht, weniger Schulden als in den Regionen, die Kapitalisten links liegen lassen?

Die Faktoren, die die Schuldenfalle zuschnappen lassen, sind weitgehend objektive Umstände, die (fast) nicht individuell beeinflussbar sind.

Die häufigste Ursache für private Überschuldung war der Verlust des Arbeitsplatzes (39% aller Fälle). Dieser Grund war bei den Jüngeren (55%) noch häufiger als bei den Älteren (32%).

Das nächste Ursachenbündel, das in Verschuldung stürzt, ist Trennung, Scheidung, Tod des Partners (18% aller Fälle), wenn damit ein zweites Haushaltseinkommen wegfällt. Diese Ursache ist bei Alten (21%) häufiger als bei den Jungen (5%).

Die dritthäufigste Ursache, die Schulden explodieren lässt, sind Erkrankung und Unfall (13% aller Fälle). Davon sind Ältere (18%) mehr betroffen als Jüngere (11%). Erkrankung und Unfall macht mehr Kosten und verringert im schlimmsten Fall das Lohneinkommen.

Als „subjektive“ Gründe für Überschuldung werden genannt:

„Unwirtschaftliche Haushaltsführung (12 Prozent aller Fälle).

Damit haben vor allem Jüngere zu kämpfen (27% der unter 25jährigen, aber nur 7 Prozent der 55-65jährigen).

Dass jedoch „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ nicht einfach individuell verschuldet ist, zeigt der Vergleich zwischen den Rentnern mit den 55-65jährigen.

Bei den Rentner wurde in 20 Prozent aller Fälle „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ festgestellt, bei der Altersgruppe davor (55 bis 65jährige) nur in 7 Prozent der Fälle.

Wenn das monatliche Einkommen plötzlich schrumpft – egal ob durch den Renteneintritt oder durch Arbeitslosigkeit, wird es viel schwieriger, eine „wirtschaftliche Haushaltsführung“ zu erreichen, bei der jeden Monat nicht mehr ausgegeben werden darf, als was monatlich aufs Konto eingeht. Daran ist wenig „Subjektives“.

Bleiben als Ursachen der privaten Überschuldung noch eine gescheiterte Selbständigkeit (13 Prozent aller Fälle) und eine gescheiterte Immobilienfinanzierung (5 Prozent aller Fälle). In eine Selbständigkeit, die wenig Aussichten auf Erfolg hat, werden viele Arbeitslose getrieben. Auch diese Ursache hat wenig mit freier Entscheidung und viel mit wirtschaftlichen Zwängen und Gesetzmäßigkeiten zu tun.

„Selber schuld“ sind allenfalls jene 5 Prozent der Verschuldeten, die sich mit dem Haus- oder Wohnungskauf übernommen haben. Mietwohnungen gibt es (fast) überall reichlich und meist sind sie günstiger als Wohneigentum. Wer eine Immobilie erwirbt, fesselt sich Hände und Füße.

Fazit: In der großen Mehrheit der Fälle, ist es kein persönliches Verschulden, wenn einer in der Schuldenfalle landet.

In der Mehrheit sind einerseits die Kapitalisten schuld, die für „billige“ Kredite werben und ohne Rücksicht auf die Einkommensverhältnisse pünktliche Zins- und Tilgungszahlung verlangen, und andererseits die Kapitalisten, die den Schuldnern mit dem Arbeitsplatz auch die Mittel rauben, die Schulden zurückzuzahlen.

(Daten aus: SchuldnerAtlas Deutschland 2009 von micron/ceg/Creditreform)

Wal Buchenberg, 15. März 2009

P.S. Jn jeder sozialen Umwälzung seit Beginn der Warenproduktion im alten Griechenland wurde die Streichung aller privaten Schulden durchgesetzt. Eine kommunistische Umwälzung wird nicht nur die Schulden streichen, sondern auch alle Gründe und Möglichkeiten einer Neuverschuldung beseitigen.

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