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Die
Schuldenlüge der Politiker –
Deutschland schwimmt im Geld (II): |
Spielen
mit Schulden
Warum
Staaten nicht sparen können: In Berlins Politkabarett »Dr. Seltsams
Wochenschau« wurden Geheimnisse der Bourgeoisie offenbart. Von Katarina
Maria Jonas
Quelle:
jungeWelt
vom 09.11.2005
Katarina
Maria Jonas
In
seinen sonntäglichen »Wochenschauen« versteht es der Kabarettist Dr.
Seltsam immer wieder, die Politik ihrer Geheimnisse und Verbrämungen zu
entkleiden und zu zeigen, was Fakt ist. An diesem Wochenende hatte er
zwei Fachleute geladen, die seine Fragen zum aktuell breit diskutierten
staatlichen Sparzwang beantworteten.
Sergej
Goryannoff, Politökonom und Stadtplaner aus Berlin, sprach sofort
Klartext: »Staatsschulden gibt es gar nicht. Der Vergleich mit einem
Privathaushalt ist völlig abwegig. Für jede Anleihe, die der Staat
verkauft, gibt es auch einen Käufer, der sie aus seinem bereits
erwirtschafteten Einkommen bezahlt. Volkswirtschaftlich ist das ein
Nullsummenspiel. Ein Staat kann auch nicht sparen. Sparen kann man nur,
was man hat. Es geht also immer nur um Ausgabenkürzungen. Insofern ist
ein Staat umso reicher, je mehr Schulden er hat, denn das zeigt seine
Kreditwürdigkeit.«
Problem
mit Profitrate
Das
klang schon anders, als in den meisten täglichen Fernseh- und
Zeitungsberichten. Doch Goryannoff legte nach: Kredite seien ein Wechsel
auf die Zukunft, und da liege der Hase im Pfeffer. Denn der Kapitalismus
erlaube keine großen Produktivitätszuwächse mehr. »Das ist nicht
schnell erklärt. Marx spricht vom tendentiellen Fall der
Durchschnittsprofitrate, die die allgemeine Krise des Kapitalismus
verursacht. Das liest heute keiner mehr. Bei den Linken gibt es in bezug
auf die Ökonomie ein echtes PISA-Problem. Bis in die Reihen der PDS
hinein hört man diese dummen Sprüche: Man kann nur ausgeben, was man
einnimmt. Das ist alles Quatsch.« Goryannoff erläuterte: Die Höhe der
Staatsverschuldung werde in ihrer Relation zum Bruttoinlandsprodukt
(BIP) gemessen. Bereits hierbei sei ersichtlich, daß die BRD keineswegs
besonders heftig verschuldet ist. Die Staatsschulden machen derzeit etwa
65 Prozent des BIP eines Jahres aus. Griechenland und Italien lägen
weit über 100 Prozent.
Wer
über Staatsschulden sprechen will, sollte über die USA sprechen, so
der Ökonom und Publizist Rainer Rupp. Erstaunlich sei schon, daß das
irrsinnige Ausmaß der US-Verschuldung hierzulande nahezu ignoriert
werde. Rupp nannte Zahlen, die unter Volkswirten als Allgemeingut
gelten, aber den Zuhörern der »Wochenschau« die Haare zu Berge stehen
ließen.
Die
US-Bundesregierung habe Kredite im Umfang von acht Billionen Dollar im
Umlauf. Davon seien 1000 Milliarden Uraltschulden, die anderen 7 000
Milliarden waren in den letzten 30 Jahren aufgenommen worden. Graphisch
dargestellt ergebe das eine exponentiell ansteigende Verschuldungskurve,
so Rupp. Hinzu kämen die Schulden der Bundesstaaten und Kommunen,
Industrieinvestitionen sowie Kredite der privaten Haushalte: insgesamt
37 Billionen Dollar – 336 Prozent des jährlichen BIP. Das sei eine
unvorstellbare Zahl, die keiner mehr sinnvoll handhaben könne und als
Schulden so grotesk, daß sie die Kreditwürdigkeit der USA längst hätte
untergraben müssen.
Die
größte Volkswirtschaft der Erde ist das Schuldnerparadies schlechthin.
Rupp: »US-Bürger sparen nicht. Autos kaufen sie mit Bankkrediten und
Nahrung per Kreditkarte.« Dadurch hätten sie im Jahre 2004 Waren und
Dienstleistungen in Höhe von 102 Prozent ihres BIP konsumiert. Auf
Pump. Das sei eigentlich unvorstellbar und einmalig in der Welt. Denn es
bedeute nicht nur, daß die restliche Welt den USA bereits zwei Prozent
ihres Alltagskonsums finanziert. Alle Neuinvestitionen (Fabriken,
Forschung, Infrastruktur etc.) der Vereinigten Staaten würden faktisch
vom Ausland finanziert. Allein die Auslandsverschuldung der Supermacht
sich 2004 auf 13000 Milliarden Dollar belaufen – 120 Prozent eines jährlichen
BIP.
Keine
Rückzahlchance
Es
sei ökonomisch kein Szenario denkbar, wie diese Schulden jemals zurückgezahlt
werden könnten, so Rupp weiter. Auch sei die US-Wirtschaft
technologisch längst nicht mehr Weltspitze. Man denke nur an die
energiefressenden Holzhäuser, die die Vororte beherrschen, und an die
benzinsaufenden Autos. Es gebe keine neuartigen US-Produkte, die alle
Welt kauft. Die meisten Exportgewinne erziele die US-Wirtschaft derzeit
mit Ideologieprodukten aus Hollywood. Doch auch die seien immer weniger
gefragt.
Damit
war die »Wochenschau« beim Höhepunkt des Horrorszenarios angekommen.
Rupp schlußfolgerte logisch: Die USA seien ökonomisch angeschlagen,
verfügten aber immer noch über die stärkste Militärmaschinerie der
Welt. Sie wären dumm und dem Untergang geweiht, wenn sie die nicht
einsetzen würden. Möglicherweise sei der letzte Anstoß zum Irak-Krieg
der Entschluß Saddams gewesen, seine Öllieferungen zukünftig nicht
mehr in US-Dollar zu berechnen, sondern in Euro. Ein weltweiter Trend »weg
vom Dollar« würde die US-Ökonomie ins Herz treffen, denn sie könne
aus eigener Kraft den Absturz in die Krise nicht mehr verhindern, so der
frühere NATO-Analytiker und DDR-Kundschafter Rupp. Für die Linke
weltweit stelle sich die Aufgabe, diese Schwäche gnadenlos zu nutzen.
Wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern müsse man den USA
zurufen, daß sie in Wahrheit längst pleite seien und alle es wissen.
Rupp: »Damit zerstören wir das, was die USA noch erhält, ihre Kreditwürdigkeit.«
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