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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 20. Februar 2006
Wie
in der Großen Koalition die soziale Frage mächtig vorankommt (1)
Schluss
mit der neoliberalen Herzlosigkeit!
Die
Alten dürfen demnächst bis 67 arbeiten.
Wie
schwer die Republik unter der rot-grünen Regierung gelitten hat, wird
erst so richtig klar, seit Frau Merkel mit ihrer schwarz-roten Koalition
angefangen hat, am Standort D ordentlich „durchzuregieren“. Nicht
nur, dass George Bushs USA uns wieder lieb haben, seit mit Schröder und
Fischer die beiden Repräsentanten nationaler Eigenmächtigkeit geräuschlos
und hoffentlich für immer von der politischen Bühne abgetreten sind:
Auch im Innern ist der aufkeimende Optimismus überhaupt nicht mehr zu
bremsen – fulminante Umfragewerte für das herrschende
Kanzlerin/Vizekanzler-Paar sind der Beweis und machen zugleich tüchtig
Dampf. Die Nation blickt wieder froh in die Zukunft: Die Wirtschaft
– das sind, zur Erinnerung, diejenigen, die sich mittels
der Arbeit und zu Lasten der lohn- resp. gehaltsabhängigen Mehrheit im
Land bereichern, und zwar in den letzten Jahren in besonders stattlichem
Umfang – die Wirtschaft also blickt „endlich, endlich
wieder“ hoffnungsfroh in die Zukunft und treibt einen IFO-Geschäftsklimaindex
nach dem andern in Höhe: Deutschlands Kapitalherren rechnen mit einem
„besseren Investitionsklima“, der Einzelhandel hofft, dass „der
Verbraucher seine langjährige zähe Kaufzurückhaltung“ endlich ad
acta legt; denn „wir freuen uns auf große sportliche Ereignisse“!
Schon die Olympischen Spiele in Turin – und erst recht die Fußballweltmeisterschaft
im eigenen Land – werden zweifellos „die Nachfrage nach den neuen
Plasma-Bildschirmen in die Höhe treiben“. Das wird der
Binnenwirtschaft Wachstumszahlen bescheren wie schon seit Jahren nicht
mehr.
Und
nicht nur die Herren des großen Geldes sind sturzzufrieden, sondern
erst recht auch die regierenden Damen und Herren von der großen
Politik: Die „Blockade“ durch einen oppositionellen Bundesrat ist
aufgelöst; die Regierungsmehrheit ist überwältigend; die Opposition
ist in drei fast gleich große Teile zerrissen, von denen die
freidemokratische des Herrn Westerwelle eigentlich auch gerne für die
Kanzlerin gewesen wäre; es kann also „gehandelt“ werden, und es wird
auch „gehandelt“ – wer will da noch im Einzelnen wissen, für wen
und wie und wozu! Das selbstbewusste Volk, das mit seinem
Wahlverhalten seine „politische Klasse“ vorübergehend in so tiefe
Verlegenheit gestürzt hat, will dies mehrheitlich jedenfalls nicht
wissen: Es ist ganz selbstbewusst für die Regierung, von der
sich nach wochenlangem Gezerre herausgestellt hat, dass es sich genau die
mit mehr als Zweidrittel-Mehrheit gewünscht und herbeigewählt hat. Im
Lichte dieses Neubeginns werden auch die alten Sprüche und Ideologien
der Verantwortlichen im Staate neu überdacht und manches wird aus dem
Verkehr gezogen.
So
ist in der neuen Merkel-Müntefering-Republik der „Neoliberalismus“
out; dieses Reizwort ist eindeutig von gestern. Nicht dass sich seit Münteferings
legendärer „Kapitalismus-Kritik“ im letzten Frühjahr im Lande groß
etwas geändert hätte. Es vergeht kein Tag ohne Ankündigung von
ziemlich massenhaften Entlassungen durch Konzerne, die längst die ganze
Welt ihrem Standortvergleich unterziehen. Aber die Miesmacherei, die
sich in all dem Gemecker über „Neoliberalismus“ und
„Heuschrecken“ geäußert hat, die passt kurz nach Regierungsantritt
von Schwarz-Rot nicht mehr in die Landschaft. Stattdessen blüht eine
Debatte um die schönste neue Gerechtigkeit. Die Koalitionspartner
befinden sich nämlich in einem Wettbewerb um die „gerechteste
Politik“, die die Republik je gesehen hat. Die SPD – so hört man
– will sich auf keinen Fall „das Etikett sozial gerecht“
von den Konservativen nehmen lassen. Aber auch die Parteien mit dem
hohen C im Namen verstehen sich aufs Etikettieren: Ihr neuer
Generalsekretär Pofalla findet, dass die große Sache der Gerechtigkeit
u. U. durch das altbackene Attribut „sozial“ doch eher
„eingeengt“ wird, und tobt seinen Einfallsreichtum beim Erfinden
eingängiger Slogans aus, die nicht nur der großen Gerechtigkeit
wirklich gerecht werden, sondern die man auch noch vorwärts wie rückwärts
lesen kann: „Neue Gerechtigkeit durch mehr Freiheit“; eventuell auch
„Mehr Freiheit durch neue Gerechtigkeit“; oder – auch nicht
schlecht- „Neue Freiheit durch mehr Gerechtigkeit“; ersatzweise:
„Mehr Gerechtigkeit durch neue Freiheit“ – irgendwie so was hat er
jedenfalls seiner Partei verordnet. Kein Zweifel, wem wir das verdanken!
Ganz
in diesem Sinne hat die Merkel-Müntefering-Volksfront mit „Mut und
Entschlossenheit“, so das Selbstlob des Vizekanzlers, die Rentenfrage
angepackt und ihren Koalitionsvertrag noch überboten. Die Experten der
Rentenversicherungen haben nämlich ausgerechnet, dass nicht nur das
durchschnittliche Lohnniveau im Lande, sondern wegen der vielen
innovativen Arbeitsplatzschaffungs-Instrumente, wie Mini- und
Ein-Euro-Jobs, auch die gezahlte Lohnsumme insgesamt gesunken ist. Da
die als Basis der Berechnung der aktuellen Rentenzahlungen dient, müssten
die Renten – streng versicherungsmathematisch betrachtet – im
gleichen Maße wie die in 2005 gezahlten Nettolöhne sinken.
Dokumentiert wird mit dieser schönen Rechnung nichts anderes als die
zunehmende Verarmung der arbeitenden Bevölkerung in den letzten Jahren;
aber das hält niemand für einen Skandal; und die Folgen für die Rente
gelten eher als ein naturwüchsiger Sachzwang, den uns „ein
demographisches Rentenproblem“ beschert hat. Hier ist die SPD mit
ihrem unverwechselbaren Etikett „sozial gerecht“ gefragt. Deren
Arbeitsminister Müntefering macht sich auch sofort seine durch und
durch sozialen Gedanken und findet die Lösung: Er kündigt eine Reihe
von nominellen Nullrunden – also faktischen Rentensenkungen – für
Rentner mit der freudigen Botschaft an: „Die Rente wird nicht gekürzt!“
Sie wird nur – auch falls in Zukunft irgendwann einmal die nationale
Lohnsumme wieder steigen sollte –nicht erhöht. Was also jetzt nicht
gekürzt wird, wird später nicht erhöht – so viel soziale
Gerechtigkeit muss einfach sein!
Und
da er gerade schon beim Rentensichern ist, macht der Ex-SPD-Kapo gleich
weiter und propagiert – unerschrocken gegen Gemoser aus den Reihen der
CSU und Unzufriedenheit von Teilen seiner eigenen Partei – die
beschleunigte Einführung der Erhöhung des Renteneintrittsalters. Im
Koalitionsvertrag hieß es noch: Rente erst mit 67 Jahren, das sollte
– sukzessive eingeführt – in 24 Jahren gelten. Im
Arbeitsministerium meint man, das dauert zu lange, und schlägt vor, die
Sache in 12 Jahren perfekt zu machen. Denn, so Müntefering: „Die
Regierung ist schließlich nicht fürs Warten, sondern fürs Handeln gewählt
worden.“ Die Koalition handelt, ihr glorreicher Kompromiss lautet: In
18 Jahren ist es soweit. So mag das Wahlvolk seine Führung:
Entschlossen, ohne lange zu fackeln und unnötige Parteidiskussionen zu
inszenieren, wird ein Beitrag zur Altersarmut in die Wege geleitet, der
dem geneigten überalterten Volk mit der Bitte um Abnicken vorgelegt
wird: „Mit 65 gehört man noch lange nicht zum alten Eisen!“
Natürlich weiß jeder, es geht schlicht um Rentenkürzungen und nicht
darum, den „reichen Erfahrungsschatz altgedienter Mitarbeiter nicht
verkümmern“ zu lassen. Entsprechende Einwände werden durchaus laut;
es wird darauf hingewiesen, dass über 50jährige in modernen
Belegschaften sowieso kaum noch zu finden sind und sie als Arbeitslose
so gut wie keine Chance haben, einen Job zu finden. Das kann die
Zuversicht von Müntefering und seinen Kabinettskollegen aber keineswegs
trüben; über solches Genörgel geht die Regierung offensiv hinweg. Es
gilt nämlich „nach vorne zu denken“: „Beschäftigungshindernisse
für ältere Arbeitnehmer“ müssen zupackend aus dem Weg geräumt
werden, mit der Kürzung der Bezugsfristen des Arbeitslosengeldes für
ältere Arbeitslose ist man da schon auf gutem Wege; zu tun bleibt noch
einiges beim Abbau des „Kündigungsschutzes für ältere
Mitarbeiter“. Und wenn dann immer noch einer mosert, dann kann man gar
nicht oft genug darauf hinweisen, dass „wir Deutschen immer kürzer
arbeiten und immer länger leben!“ Das kann ja wohl auf Dauer nicht
gut gehen – das nutzt niemandem, schon gar nicht „unseren vielen ältern
Mitbürgern“, die – „erfreulicherweise, selbstverständlich“ –
immer älter und dadurch – „seien wir ehrlich“ – zu einem „für
die Gesellschaft immer ernsthafteren Problem“ werden. Das verspricht
die Merkel-Regierung jetzt noch entschlossener anzugehen als ihre rot-grünen
Vorgänger, so will sie den Alten und deren Lebensabend dienen – und
wie der kapitalistische Laden läuft, macht er diesen Zynismus sogar
noch wahr: Die Rente bleibt insgesamt sicher; ob man davon leben
kann, ist eine andere Frage und fällt ganz in die
Selbstverantwortung des mündigen Bürgers. Mehr ist nicht drin und wird
auch nicht versprochen – und angesichts dessen, dass für die
„jungen Arbeitnehmer von heute“ für die Zukunft schon jetzt noch
bescheidenere Renten angekündigt sind, ist das erstens sowieso besser
als gar nichts. Und zweitens kann jedem mitdenkenden Bürger klar sein,
dass der Bedarf an mutigen Sozialreformen noch lange nicht gedeckt ist.
Die neue Regierung verspricht jedenfalls dran zu bleiben, an der „Lösung
der großen sozialen Probleme unserer Gesellschaft“, von denen
allerdings niemand so recht wissen will, wem er sie eigentlich verdankt.
Ein
unerwünschter Expertenbeitrag zum Thema „Rente und Langlebigkeit“
soll schließlich nicht unerwähnt bleiben. Der Renten-Experte und neue
SPD-Abgeordnete Lauterbach hat ermittelt, dass ein linearer Zusammenhang
zwischen Lohn- und nachfolgender Rentenhöhe und Rentenbezugsdauer
besteht: Arme sterben früher, fallen also der Rentenkasse weniger lange
zur Last als Besserverdienende. Hier sieht der Mann eine Gerechtigkeitslücke
– nein, selbstverständlich nicht in der Armut und deren natürlicher
Todesfolge; man ist schließlich Sozialdemokrat. Ungerecht ist das
Beitrags-Ertrags-Verhältnis: Mit ihrer Kurzlebigkeit subventionieren
die Geringverdiener versicherungsmathematisch die Rente der Reichen. Das
sollte man ändern! Klar: Dann lohnt sich das vorzeitige Ableben
wenigstens – rückwirkend.
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Wie
in der Großen Koalition die soziale Frage mächtig vorankommt
(2)
Arbeitslosenzahlen
gehören richtig interpretiert!
Familienförderung saniert den Arbeitsmarkt!
Ende
Januar wird die offizielle Arbeitslosenzahl verkündet: Sie liegt wieder
über 5 Millionen. Das ist zwar einerseits bedauerlich, kann aber
andererseits die positive Stimmung nicht grundsätzlich trüben. Denn es
kommt – wie immer – auf den richtigen Vergleich an: Zwar werden mehr
Arbeitslose gezählt als im Vormonat, aber weniger als im Januar letzten
Jahres. Außerdem kennt man wieder einmal lauter ganz spezielle
einmalige Besonderheiten, die unbedingt bei der Interpretation der
Arbeitslosenzahlen berücksichtigt werden müssen. In diesem Januar war
das z. B. die Tatsache, dass ab Februar 2006 die Laufzeit des
Arbeitslosengeldes für ältere Arbeitnehmer verkürzt wird. Klar, dass
dann die „älteren Arbeitnehmer noch schnell die Chance nutzen und
sich in die Arbeitslosigkeit abmelden“ bzw. die Betriebe, die „ihre
Belegschaften verjüngen wollen, das eben gerade jetzt zu diesem günstigen
Zeitpunkt in die Tat umsetzen“. Entlassungen auf Vorrat finden also
statt, was die Zahlen der Arbeitslosenstatistik erhöht – aber so was
kennt man als Arbeitslosen-Statistiker, findet es völlig normal und
nennt es „Sondereffekt“, der zu berücksichtigen ist. Weniger zu berücksichtigen
ist dagegen die Frage, wie man als „älterer Arbeitsloser“ mit „längerem
Arbeitslosengeld I“ eigentlich so lebt. Die Aussicht, als
Hartz-IV-Empfänger über die Runden kommen zu müssen, ist auf jeden
Fall so abschreckend, dass alles andere schon als Glück gilt. Völlig
unerheblich ist auch die Frage, wer die Arbeit erledigt, die die „auf
Vorrat“ Entlassenen nicht mehr machen – dass das zu Lasten der
„Beschäftigten“ geht, zählt nichts im Vergleich zum Glück einer
„Beschäftigung“. Noch so ein „Sondereffekt“ ist auch in diesem
Januar wieder einmal eine Jahreszeit namens „Winter“, die sich Jahr
für Jahr überraschend übers Land legt und sich immer wieder von neuem
verfälschend auf die Arbeitslosenzahlen auswirkt: Er bricht entweder zu
früh oder spät, zu heftig oder zu mild aus – dann werden die Leute
früher oder später entlassen, manchmal auch gar nicht erst eingestellt
– und schon hat das unabsehbare Folgen für die Nürnberger Statistik.
Das
Erklärungsmuster ist altbekannt: Die jeweilige Höhe der aktuellen
Arbeitslosenstatik muss im Lichte spezieller Besonderheiten des
jeweiligen Monats gesehen werden – womit dann hinreichend klargestellt
ist, dass allein aufgrund der Höhe der Arbeitslosenzahl keine Rückschlüsse
auf den Arbeitsmarkt insgesamt möglich sind. Altbekannt ist auch der Rückschluss,
der seit Jahren aus steigenden Arbeitslosenzahlen gezogen werden muss:
Die Arbeitslosigkeit im Lande muss – entschlossener denn je – mit
sinkendem Lohnniveau und „Deregulierung des Arbeitsmarkts“ bekämpft
werden. Neu ist in diesem Januar allerdings, dass sich in der
demokratischen Öffentlichkeit – außer den notorischen Stänkerern
von der Opposition, die das ihrem parlamentarischen Handwerk schuldig
sind, – so gut wie niemand findet, der den optimistischen Ausblick
madig machen will, den die neuen Hoffungsträger in der großen
Koalition verkünden. Nein, zu diesem Jahresbeginn lassen „wir“ uns
nicht die Stimmung durch die Zahlen aus Nürnberg verderben. Denn im
Unterschied zum Januar vor einem Jahr mit seiner miesen Stimmung haben
wir jetzt – offiziell gezählt – zwar kaum weniger Arbeitslose im
Lande, aber diesmal lautet die Botschaft der „Sondereffekte“ ganz
eindeutig: Man muss sie nur aus der Statistik herausrechnen, und schon
sieht man, dass es „aufwärts“ geht am Arbeitsmarkt“! Und wem
verdanken wir das?!
*
Kaum
im Amt, hat sich die neue Regierung noch einen weiteren Geniestreich
ausgedacht: Mit Steuerpolitik gleichzeitig Familie und Arbeitsmarkt fördern,
heißt die Parole! Dass die deutsche Familie gefördert werden
muss, ist klar. Denn das deutsche Volk ist bekanntlich vom Aussterben
bedroht. Es braucht demzufolge „Kinder statt Inder“; und vor allem
aus den besseren Kreisen. Denn gerade die akademisch Gebildeten versagen
in Sachen nationaler Nachwuchsproduktion. Dabei sind Deutschlands
Akademiker dafür vorgesehen, die Zukunft der Nation zu sichern. Das
machen sie am besten, indem sie erstens an sau-innovativen Arbeitsplätzen
das Wirtschaftswachstum voranbringen und zweitens nebenher noch jede
Menge hochbegabter Kinder in die Welt setzen. Dazu muss man sie natürlich
seitens der Regierung erst einmal befähigen – durch staatliche
Unterstützung in Form von Steuerleichterungen. Und damit diese
Steuererleichterungen auch so richtig die Konjunktur ankurbeln und –
vor allem – Arbeitsplätze schaffen, muss man die Familie nur
konsequent als Arbeitsplatzbeschaffungs-Instrument ins Auge fassen.
Damit ist ein großer steuer-familien-arbeitsmarktpolitischer Wurf
gelungen: Die Steuererleichterungen für Doppelverdiener sollen dafür
sorgen, dass die für ihre Kinderbetreuung zukünftig nicht mehr schwarz
bezahlte Haushaltshilfen anstellen, sondern
„sozialversicherungspflichtige Stellen im haushaltsnahen Bereich“
schaffen. Die Wiederauferstehung des Hauspersonals für die besseren
Leute aus der „guten alten Zeit“ als Lösung der Probleme des
kapitalistischen Arbeitsmarkts; der Bourgeois als Privatmann nimmt dem
globalisierten Kapitalismus die Arbeitslosen ab – so sieht die
modernste Fassung unserer glorreichen „Dienstleistungsgesellschaft“
aus. Nebenbei kommt so auch die Frauenemanzipation schön voran: Die
besserbezahlte Mutti kann sich voll steuer-erleichtert ihrer Karriere
widmen, und die mies bezahlte Dienstkraft im Haushalt steuert nicht nur
Beiträge für die Sozialkassen bei, sondern sie zählt endlich auch als
Frau und als ganz legal berufstätige dazu.
Dieser
wunderbare Plan lässt sich dann doch nicht ganz so wie ursprünglich
geplant in der Koalition durchsetzen. Die Sozis vermissen wieder einmal
die „soziale Gerechtigkeit“ und verlangen „Berücksichtigung der
schlechter verdienenden Alleinerzieher“. Etliche Herren von CDU und
CSU, denen Karrierefrauen schon seit jeher suspekt sind, sehen ihr
„klassisches Frauen- und Mutterbild“ vor die Hunde gehen. Der
Kompromiss, der schließlich gefunden wird, ist dann aber doch genau so
genial wie der ursprüngliche Einfall: Es kommen nämlich alle in der
Gesellschaft verbreiteten „Familienmodelle“ zum Zuge.
Alleinerziehende Alleinverdiener, doppelverdienende Akademikerpaare und
die „klassische Alleinverdiener-Ehe“ im CSU-Sinn, alle können in
Zukunft ein Dreiviertel Kind oder so ähnlich von der Steuer absetzen,
ohne dass sich an der Gesamtsumme, die der neue Finanzminister für
dieses großherzige Projekt eingeplant hat, etwas ändert.
Dass
durch dieses steuerpolitische Kunstwerk der Familienförderung die
nationale Nachwuchsproduktion einen deutlichen Aufschwung nehmen wird
oder gar eine nennenswerte „Belebung des Arbeitsmarktes“ zustande
kommen könnte, halten alle Experten für ausgemachten Quatsch. Dass die
dafür vorgesehene Fördersumme von knapp einer halben Milliarde Euro
ein Witz ist, haben sie längst an den mickrigen Summen vorgerechnet,
die durchschnittliche Musterfamilien als Steuerentlastung zu erwarten
haben. Alle Kenner der Materie sind sich einig: Hier handelt es sich um
„Symbolpolitik“. Doch dieses Schimpfwort aus der verflossen Schröder-Ära
bekommt jetzt ein positives Vorzeichen und damit eine wegweisende
Bedeutung: Ein wichtiges Signal wird gesetzt, wo die sozialen
Brennpunkte unserer „überalterten Gesellschaft“ liegen. Und wem
haben wir das zu verdanken?!
So
führt die Große Koalition die Stimmung im Land zu immer neuen Höhenflügen.
Wer mag da noch fragen, wer eigentlich was davon hat, wenn
die soziale Frage in und für Deutschland so machtvoll
„durchregiert“ vorangebracht wird? Wir lassen uns die gute Laune
doch nicht durch solche miesepetrigen Fragen verderben! |
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