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Sozialschmarotzer
Teil 1:
Die
Version der Herrschenden
von
Torsten Reichelt
Was
ist ein Sozialschmarotzer? Nun, „Langenscheidts Fremdwörterbuch“
schweigt sich dazu aus. Zwei philosophische Wörterbücher und
„Wilhelm Liebknechts Volks-Fremdwörterbuch“ helfen auch nicht
weiter. Dafür aber die Leute vom „Stern“ (siehe),
nachlesbar z.B. auf der Internetseite. Also existiert der Begriff und
wird versucht, durch ausreichend häufige Wiederholung in den
kapitalistischen Medien in das Bewußtsein ihrer Konsumenten zu hämmern.
Gerade in letzter Zeit, oft mit Bezugnahme auf eine Brandschrift des
Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit „Vorrang für die Anständigen
- Gegen Missbrauch, 'Abzocke' und Selbstbedienung im Sozialstaat“ vom
August 2005.
Liest
man aber diesen Bericht, kommt das Wort darin gar nicht vor! Nur eine ähnliche
Formulierung: „Das
können wir uns aber nur leisten, wenn wir die Schmarotzer und
Trittbrettfahrer aus dem System ausschalten" sagt auf Seite 24 der
Mannheimer Sozialamtsleiter Hermann Genz nicht nur, sondern er sagt es
„zu Recht“ (die Autoren, ebenda). Soso, „ausschalten“ will der
freundliche Herr die Schmarotzer also.
Schon
vorher, auf Seite 10, wird eine synonyme Formulierung „nicht“
verwendet: „
Biologen verwenden für 'Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur
Befriedi gung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen -
ihren Wirten - leben', übereinstimmend die Bezeichnung 'Parasiten'. Natürlich
ist es völlig unstatthaft, Begriffe aus dem Tierreich auf Menschen zu
übertragen. Schließlich ist Sozialbetrug nicht durch die Natur
bestimmt, sondern vom Willen des Einzelnen gesteuert.“ Soso,
Begriffe aus der Biologie sind also nicht übertragbar (was ich
anzweifle, da der Mensch ebenso biologisches Wesen ist). Aber warum das
so sein soll, offenbart die Denkweise der Autoren des Berichts: Weil die
Sozialbetrüger SCHLIMMER sind als jeder Schmarotzer, ääh, Parasit aus
dem Tierreich.
Was
aber enthält dieser Bericht? Zunächst ein Vorwort vom damaligen
Bundesminister Wolfgang Clement. Zuerst beteuert er: „Bei der
umfassenden Reform des Arbeitsmarktes kommen wir mit großen Schritten
voran.“ Nun, vielleicht hat er nur vergessen, zu erwähnen, in welche
Richtung. Eine weitere Aussage ist unzweifelhaft: „die Betreuung und
Vermittlung von Arbeitslosen wird stetig intensiver“. Wer davon
betroffen ist, weiß, daß das stimmt. Nur die Wortwahl „intensiver“
sollte treffender „aggressiver und repressiver“ lauten. Auf die
faustdicke Lüge: „Die Arbeitsmarktreform ist alles andere als
'sozialer Kahlschlag' oder 'Armut per Gesetz'.“ werde ich später zurückkommen.
Der
übrige Bericht enthält eine Auflistung von Einzelfällen des „Mißbrauchs“
von Sozialleistungen seitens Empfängern, aber auch Firmen, welche die
gesetzlich verordnete Zwangsarbeit und die „Vermittlungsgutscheine“
der Arbeitsagenturen im Wert von bis zu 2000€ egoistisch und – oh
Entsetzen – ohne die Absicht der wirklichen Schaffung von Arbeitsplätzen
ausnutzen. Dann wird noch ein wenig gegen Jene gehetzt, welche den
ALG-II-Opfern juristische Hilfe anbieten, z.B. in Form von
Musterwidersprüchen seitens der PDS. Die Autoren des Berichts entblöden
sich nicht, hier den Boden juristischer Argumente zu verlassen: „Der
oben beschriebene 'Musterwiderspruch' ist also nicht rechtlich, wohl
aber politisch zu beanstanden.“ Dann folgen noch Abschnitte, warum die
verschärften Kontrollmaßnahmen „gerecht“ und wirksam sind. Hoppla,
hier ist also plötzlich nicht mehr von „Recht“ (also bürgerlichem
Klassenrecht) sondern sogar „Gerechtigkeit“ die Rede. Allerdings
wird im Text dann wieder von „Recht“ geschrieben. Hier haben
scheinbar die „Experten“ des Bundesministeriums noch etwas
Nachholebedarf in Sachen Bedeutung von Begriffen. Zum Schluß folgt noch
die Ankündigung, die Kontrollen würden strenger und auch der Hinweis
auf „Harte Strafen für Abzocker“ darf nicht fehlen.
Entsprechend,
wie es sich für eine Brandschrift gehört, fällt die Wortwahl aus,
einmal in Form der Charakterisierung der „Sozialschmarotzer“:
„Missbrauch ... Abzocke ... Selbstbedienung ... beispiellose[r]
Dreistigkeit und Ignoranz ... geahndet und geächtet ... Sozialbetrug
... Mitnahme-Mentalität ... Melkkuh Sozialstaat ... Sozialmissbrauch
... fadenscheinige Angabe oder Ausrede ...“. Und selbstverständlich
fehlte auch die Einschüchterung nicht: “Strafanzeige ...
unnachgiebige Konsequenz ... ohne falsche Rücksichten ... Nun ermittelt
die Justiz ... Post vom Staatsanwalt ... setzt ihn auf die Liste der
gesuchten Betrüger ...“ Irgendwann hörte ich mit der Sammlung auf,
weil mir übel wurde. Woher kam gleich der Report? Aus dem
Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit oder aus dem
Bundespropagandaministerium?
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Sozialschmarotzer
Teil 2:
Die
Wahrheit
von
Torsten Reichelt
Einen
Hinweis darauf, wer die Sozialschmarotzer (diesmal nicht in Anführungszeichen)
sind, die für leere Kassen bei sowohl den unteren sozialen Schichten
als auch dem Staat sorgen, findet sich in einem anderen Bericht der
Bundesregierung: „Lebenslagen in Deutschland: Der 2. Armuts- und
Reichtumsbericht der Bundesregierung“.
Das
Bruttosozialprodukt ist in den vergangenen Jahren – bis auf einen
kurzen Knick 2003 – kontinuierlich gestiegen, wenn auch langsam. Davon
kommt in den unteren Einkommensschichten immer weniger an – und auch
seitens des Staates ist das Geheule über „leere Kassen“ zur
Rechtfertigung weiterer „Reformen“ kaum noch auszuhalten. Nun, wo
isses denn hin?
Die
wachsende Armut in der BRD ist nicht nur Gegenstand der Untersuchungen
von Wohlfahrtsverbänden, sondern auch des genannten Berichtes. Auf
verschlungenen Wegen wird ein sogenanntes „Armutsrisiko“ ermittelt
(wer mag, kann sich diese mathematisch-statistische Meisterleistung an
Verwirrung im Report selbst ansehen). Aber welch abenteuerlich Ergebnis
liefert das? „Insgesamt hat das Armutsrisiko von 1998 bis 2003 von
12,1 % auf 13,5 % leicht zugenommen“ steht
„ Öffentliche Transfers der Sozialversicherungen und der Gebietskörperschaften
(z. B. Renten, Kindergeld, BAFöG, Sozialhilfe) senken das Armutsrisiko
im Jahr 2003 um rund zwei Drittel“ gegenüber. Also geringfügige
Zunahme oder sprunghafte Senkung trotz geringfügiger Zunahme oder was
nun?
Aber
nicht nur laut diesem Bericht steigt das Risiko. Die Armut – auch die
von Kindern – nimmt ganz konkret zu: „Rund eine Million
Kinder unter 15 Jahren leben in Deutschland von Sozialhilfe. 965.000
waren es im Jahr 2004, das sind gut drei Prozent mehr als im Jahr zuvor,
wie das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden bekannt gab. Seit
dem Inkrafttreten von Hartz IV am Jahresanfang sind nach Schätzungen
von Sozialverbänden deutlich mehr Kinder betroffen. Von mehr als 1,5
Millionen geht der Deutsche Kinderschutzbund aus, wie Bundesgeschäftsführerin
Gabriele Wichert sagt.“ (FAZ.NET, 19. August 2005).
Also
nochmal: wo isses denn hin? Auch darüber weiß der „ Armuts- und
Reichtumsbericht“ Auskunft zu geben: „Allerdings sind die Privatvermögen
in Deutschland sehr ungleichmäßig verteilt. Während die unteren 50 %
der Haushalte nur über etwas weniger als 4% des gesamten Nettovermögens
(ohne Betriebsvermögen) verfügen, entfallen auf die vermögendsten 10
% der Haushalte knapp 47 %. Der Anteil des obersten Zehntels ist bis
2003 gegenüber 1998 um gut 2 Prozentpunkte gestiegen. Diese Entwicklung
ist zum größten Teil auf eine Steigerung der von den Haushalten selbst
eingeschätzten Höhe ihrer Immobilienvermögen zurückzuführen, was
vor allem die Vermögen der reicheren Haushalte beeinflusst, da sie sehr
viel häufiger als die übrigen Haushalte über Immobilien verfügen; im
obersten Zehntel besitzt praktisch jeder Haushalt Grundvermögen, im
untersten Zehntel nur rund 6 %. Auch sind die geschätzten
Immobilienwerte bei den Haushalten im obersten Zehntel durchschnittlich
über zehnmal so hoch wie bei denen im untersten Zehntel.“
Leider
existiert kein Bericht darüber, inwieweit Diejenigen, auf welche der
Reichtum konzentriert ist, zum gesellschaftlichen Reichtum beitragen.
Aber das kann sich Jeder selbst fragen: stehen die Brüder Albrecht an
den ALDI-Kassen? Kann Jemand, der ja als Reicher und Schöner ständig
– schon für die Boulevard-Presse (die Seinesgleichen gehört) – mit
Luxusleben beschäftigt ist, so viel arbeiten wie ein Arbeiter im
Schichtbetrieb? Kann Jemand so viel mehr arbeiten, daß -
gegenüber Vollbeschäftigten an der unteren Einkommensgrenze -
Millionengehälter gerechtfertigt sind? Ist „Verantwortungtragen“
wirklich eine Arbeit, die zudem überproportional entlohnt wird?
Für
jeden denkenden Menschen ist klar: Sozialschmarotzer existieren. Nur
nicht dort, wo ihre eigenen Zeigefinger hinzeigen. Oder wo sie von ihren
Lakaien in Staat, Management und Medien hinzeigen lassen. |
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