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Kommentar
Gemeinsam
für Armut
SPD und Gewerkschaftsspitzen Hand in Hand
von
Ulrich Schwemin
Quelle:
jungewelt.de/
vom 01.12.2004
Wahre Freundschaft ist selten geworden in
diesen ruppigen Zeiten. Die SPD hat sie sich bewahrt – mit dem DGB.
Jedenfalls hat das Parteichef Franz Müntefering am Montag abend nach
der Sitzung des SPD-Gewerkschaftsrates verkündet. So peinlich wie
dieses Resümee war die ganze Veranstaltung. Gesetzliche Mindestlöhne
standen zur Diskussion. Im Sommer, auf dem Höhepunkt der Proteste gegen
die »Hartz-IV«-Armutsgesetze, hatten Müntefering und die DGB-Führung
das Thema als »Beruhigungspille« unter die Leute gebracht. Erfolglos
war das nicht. Deshalb konnten SPD und DGB am Montag diesen Punkt wieder
von der Agenda nehmen. Statt dessen wurde ein anderes Ziel gestellt: Es
gebe, so DGB-Chef Michael Sommer, die gemeinsame Position, daß
Deutschland keinen Niedriglohnsektor brauche. Er sei froh darüber, in
der SPD Verbündete im Kampf gegen das Lohndumping zu haben.
Solche Sätze muß man zweimal lesen. Weil
sie keinen Inhalt haben, außer, daß man hier literweise von dem Kakao
zu trinken kriegt, durch den man gezogen wird. Schröders Agenda 2010,
die er nicht gegen, sondern gemeinsam mit der Gewerkschaftsspitze
durchzieht, hat auch zum Inhalt, einen umfangreichen Niedriglohnsektor
dauerhaft zu etablieren. Dazu gehören fast acht Millionen sogenannte
Minijobs, für die per Gesetz nur Armutslöhne gezahlt werden. In
Ostdeutschland ist gar ein fast flächendeckendes Niedriglohngebiet
entstanden, in dem 80 Prozent der Betriebe keinerlei Tarifbindung mehr
unterliegen. So ist der Anteil der laut EU-Definition von Armut
betroffenen Haushalte seit 1998, als Schröders Regentschaft begann,
bundesweit von 12,1 Prozent auf 13,5 Prozent gestiegen. Die Zahl der überschuldeten
Haushalte nahm um 13 Prozent auf 3,13 Millionen zu. Die politische
Hauptverantwortung für all diese Horrorentwicklungen trägt die SPD,
Verbündete der Gewerkschaften im Kampf gegen das Lohndumping.
Ob dieser Kampf als erfolgreich abgehakt
wird, wenn 20 Prozent der Haushalte in Armut gestürzt sind oder ob es
40 Prozent sein sollen, darüber hüllen sich SPD und DGB noch in
vornehmes Schweigen. Mindestlohn wollen sie jedenfalls nicht mehr.
Schließlich haben sie ihn längst eingeführt. Aber das lassen die
dicken Freunde vorerst nur andere sagen. Zum Beispiel Wolfgang Franz,
Mitglied des Wirtschafts-Sachverständigenrates, am Dienstag in der
Financial Times Deutschland: »Es ist der Schaffung neuer Arbeitsplätze
für gering qualifizierte Arbeit nicht dienlich, wenn eine zusätzliche
Auffächerung der Lohnstruktur mit dem Stichwort ›Hungerlöhne‹
diskreditiert wird. Das stimmt schon deshalb nicht, weil mit dem neuen
Arbeitslosengeld II ein Mindesteinkommen gewährleistet wird.« |