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Fragebogenaktion
der Arbeitsbehörde in Hamburg für Hartz IV-Empfänger:
„Durch
das Überangebot an Waren vergeht mir oft die Lust, etwas zu kaufen.“
Von
Günter Ackermann/4. September 2007
Da
wird in der „freien und Hansestadt“ Hamburg den Hartz IV-Empfängern
ein Fragebogen vorgelegt, den sie freiwillig – sagte das Arbeitsamt –
ausfüllen müssen. Man will, sagt man, maßgeschneidert etwas für die
Arbeitslosen tun.
Kritiker
finden den Fragebogen eine Frechheit, Verletzung der Persönlichkeitsrechte
der Befragten und schlicht rechtswidrig. Da aber Arbeitslose –
Langzeitarbeitslose allemal – vor allem das Recht haben, zu gehorchen
und sich der Willkür zu beugen – folgt man den Vorstellungen der
Politiker und der Kapitalvertreter –, wollen wir die Geschichte mal
unter die Lupe nehmen.
Treuherzig
wird versprochen: „Alle Ihre Angaben werden streng vertraulich für dieses
Forschungsvorhaben sowie entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen zum
Datenschutz genutzt. Das bedeutet: alle erhobenen Daten werden nur in
anonymisierter Form , d.h. ohne Namen und Adresse (…) ausgewertet.
Ergebnisse, die wir an die ARGE Hamburg weiterleiten, lassen keine Rückschlüsse
darauf zu, welche Person welche Angaben gemacht hat.“ Und es wird
treudoof versichert: „der
Datenschutz ist voll und ganz gewährleistet!“
Na,
wenn die sagen, muss es ja stimmen. Oder?
Nur
passt nicht zu dieser Zusicherung, dass die erste Frage nach der
Kundennummer des Arbeitslosen ist. Wer die hat, hat auch den Namen. Warum
also diese Frage?
Das
ganze fängt erstmal rein blödsinnig an:
Es
wird nach der Muttersprache gefragt. Der Ausfüller muss eintragen, ob er
deutsch als Muttersprache hat, und deutsch fließend, ausreichend bis gut
oder eher schlecht beherrscht. Es erhebt sich hier die bescheidene Frage,
ob jemand, der „eher schlecht“ deutsch beherrscht, einen Fragebogen von
neun Seiten und 40 Fragen rein sprachlich beantworten kann.
Dann
folgen Fragen, die eher harmlos sind. Sie richten sich auf die Arbeit der
Job-Center und die Förderungsmaßnahmen. Diese Fragen sind auch überflüssig,
denn es befindet sich ja wohl in der Akte, ob ein Arbeitsloser Trainingsmaßnahmen
oder Deutschkurse angeboten bekam oder mitgemacht hat. Da das Arbeitsamt
diverse Druckmittel hat, nach denen es den Arbeitslosen zwingen kann,
diese Maßnahmen zu nutzen, dürfte der auch angegeben haben, warum er das
nicht nutzte. Was soll also diese Frage?
Es
folgen dann Nonsens-Fragen. Zum Beispiel Frage 20: „Wie wichtig sind
Ihnen die folgenden Aspekte, die mit Arbeit verbunden sind/sein können?“
Was
soll da einer, der bereits ALG II bekommt, also Langzeitarbeitsloser ist,
da antworten? Vorgegeben ist z.B.: „Über die Arbeit Kontakt zu anderen Menschen zu erhalten“
Bei
der immer mehr um sich greifenden Pauperisierung
und den damit verbundenen Problemen, finden sich in den Großstädten
immer mehr Gruppen von Abdachlosen auf den Straßen.
Da
immer mehr ins Lumpenproletariat hinabsinken, löst sich das Problem,
Kontakt zu anderen Menschen zu finden, auf öffentlichen Plätzen mit
Billigbier und Billigschnaps. Gut bezahlte Arbeit gibt es eh für diese
Menschen nicht mehr. Selbst dann nicht, wenn die Arbeitsämter sich
ernsthaft bemühten.
Mit
Frage 21. Wird es dann persönlich. Zunächst fragt die ARGE Hamburg zu „Verhaltensweisen,
Einstellungen und Gewohnheiten“
Man
kann folgendes z.B. ankreuzen:
„Ein
Leben voller Veränderungen reizt mich“
Ob
der Autor des Fragebogen meint, dass es
den Arbeitslosen reizte, als er entlassen wurde, brachte das doch
eine Veränderung, sogar bei vielen eine traumatische.
Oder:
„Ich
bin Optimist.“
Oder
Allgemeinplätze:
„Man
ist nie zu alt, um Neues zu lernen.“
Mit
Frage 22 wird es dann sehr intim. Man stellt Fragen „zu
verschiedenen Lebensbereichen, zur Arbeit, zur Familie, zur Freizeit, zu
Geld und Konsum.“
So
zum Beispiel:
„Durch
das Überangebot an Waren vergeht mir oft die Lust, etwas zu kaufen.“
Na
wenn das der Grund ist, dass Hartz IV-Empfänger so wenig kaufen, geht’s
ja noch. Immerhin, satte 350 € im Monat können sie auf den Kopf hauen.
Jetzt wissen wir auch, warum so wenig von
ihnen neue Autos kaufen: Es gibt zu viele Autos und Automarken.
Oder ist die Frage einfach nur zynisch?
Dann
wird es auch noch fromm:
„In meinem Leben spielen christliche Wertvorstellungen eine Rolle.“
Manchmal
hat man wirklich den Eindruck, die Bundesagentur für Arbeit macht auf
Gottvater. Was aber verstehen sie unter christlichen Wertvorstellungen?
Linke Backe hinhalten, rechte auch? Egal, den Arschtritt bekommt der
Arbeiter doch, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Gesundbeten und
christliche Werte helfen da wenig.
Weiter:
„Ich
esse gern exotische Gerichte (z.B. aus Indien, Japan oder Mexiko).“
Der
Chefvolkswirt der Deutschen Bank sagte vor Jahresfrist, wer in Deutschland
Arbeit haben will, müsse sich mit Löhnen wie in Osteuropa zufrieden
geben, wer das nicht will, möge nach Arabien gehen. Sollten die
Fragesteller das im Kopf gehabt haben, als sie diese Frage formulierten?
Es fehlt dazu aber die Erwähnung arabischer Gerichte.
Oder:
„Dinge wie Tarot, Kristalle oder
Mandalas, helfebn mir dabei, in schwierigen Lebenssituationen die richtige
Entscheidung zu finden.“
Ich
muss gestehen, da hatte ich eine Bildungslücke. Was ist Tarot und Mandala
zum Teufel? Aber dazu gibt es ja das Internet. Tarot ist eine Art
Kartenlegerei, Mandala
verstehe ich in diesem Zusammenhang gar nicht, muss also spekulieren,
nehme aber an, es ist, wie auch der Hinweis auf Kristalle im Bereich
Hokuspokus angesiedelt.
Weiter:
„Wenn
ich es mir genau überlege, war das Leben in der DDR gar nicht so
schlecht.“
Das
mag ja zutreffen, aber die Hartz IV-Behörde wird ja wohl kaum die DDR
wieder einführen wollen. Was soll also diese Frage?
Das
gilt auch für die Frage: „Ich schaue mir gern Filme an, in denen viel Gewalt vorkommt.“
Was,
zum Teufel, geht das einen Arbeitsvermittler an? Als Standman sind die
meisten absolut ungeeignet, die Hartz IV bekommen. Wozu also dann diese
Frage?
Und
zu Sex und Moral kommt auch eine Frage:
„Ich
bin für die Gleichberechtigung homosexueller Lebensweisen in unserer
Gesellschaft.“
Auch
hier: Was geht es die Arbeitsagentur an, ob ich dafür bin, oder gar
selbst schwul, lesbisch oder bi bin?
Folgende
Frage allerdings kann ich nur als politische Bespitzelung verstehen:
„Ich
finde nichts Schlimmes dabei, wenn jemand versucht, seine Ziele mit Gewalt
durchzusetzen.“
Wie
meinen das die Macher des Fragebogens? Meinen sie es so, dass ein
schikanierter Hartz IV-Empfänger einen Beamten der Arbeitsagentur eins
vor die Nuss gibt oder meinen sie, die Gewalt als Mittel gegen die Gewalt
des bürgerlichen Staats? Ist nicht der bürgerliche Staat mit der Gewalt
der Kapitalinteressen gegen das Volk ausgestattet? Ist das nicht sein
eigentlicher Zweck?
Ich
denke, die meinen, dass der Untertan schön brav zu sein hat und nicht
daran denken soll, sich zu wehren. Soll das Widerstandspotential der Opfer
von Hartz IV heraus gefunden werden? Ich glaube nicht, dass viele den
Fragebogen wahrheitsgemäß ausfüllen. Und das ist auch gut so. Am besten
ist sogar, man wirft ihn den Arbeitvermittler, der einen den Fragebogen
aufdrücken will, in die Fresse.
Was
also soll dieser Fragebogen?
Dass
etwas Positives für die Arbeitslosen dabei herum kommt, halte ich für
ausgeschlossen.
Als
vor ein paar Jahren heraus kam, dass das Arbeitsamt in Dortmund mit Hilfe
einer Telefon-Marketing-Firma Arbeitslose telefonisch bespitzelt, rief ich
die Presseabteilung des Ministeriums an und fragte, wie das zustande käme.
Das habe überhaupt keinen Grund, sagte man, man mache es einfach nur so.
Der Herr am Telefon aber versicherte mir treuherzig, man plane nicht die
telefonische Bespitzelung der Arbeitslosen.
Das
ist inzwischen Schnee von gestern, denn genau das ist jetzt allgemeiner
Brauch.
Ich
denke, dass es auch hier nur ein Versuchsballon ist. Man will testen, ob
die Arbeitslosen solche oder ähnliche Fragebögen, mit womöglich noch
unverschämteren Fragen, akzeptieren.
Man
will den gläsernen Hartz IV-Empfänger, den man drangsalieren und
manipulieren kann. Denn das diese Fragebögen anonym bleiben werden, halte
ich für ein Märchen. Das glauben nur ganz Naive.
G.A.
Das Wort Mandala (Sanskrit, maṇḍala)
bedeutet soviel wie Kreis und bezeichnet ein kreisförmiges oder
quadratisches symbolisches Gebilde mit einem Zentrum, das ursprünglich
im religiösen Kontext verwendet wurde. (Wikipedia)
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