|
„Der
derzeitige Aufschwung bleibt nämlich nur
zu einem geringen Teil bei den Beschäftigten, die ihn
erwirtschaftet haben. Die gestiegene Produktivität von ca. 1,9
Prozent verblieb genauso in den Taschen der Kapitaleigner wie die
gestiegenen Lebenshaltungskosten von etwa zwei Prozent. Dagegen
stiegen die Unternehmensgewinne 2006 um über 30 Mrd. Euro. Die
Brutto-Löhne in Deutschland sanken dagegen in den letzten zehn
Jahren im Vergleich zum europäischen Ausland um 15 bis 30 Prozent.
Der Reallohnverlust im gleichen Zeitraum lag bei 5,1 Prozent. Auch
in 2006 sanken die nominalen Durchschnitts-Nettolöhne zum Vorjahr
von 1458 auf 1453 Euro. Es gibt keinen Grund zur Zuversicht, dass
dieses Missverhältnis sich ändert.“ |
Arbeit
u. Soziales
Die
kurzen Beine der Statistiker und ihre Medien
Immer
nur die halbe Wahrheit
Von
Hans-Dieter Hey
Quelle:
Neuen
Rheinischen Zeitung - Nummer 96
Aus den unergründlichen Tiefen der
Statistik tauchen binnen eines Monats überraschend hunderttausende neuer
Stellen und 823.817 weniger Arbeitslose in den Medien auf. Landauf landab
wird von einem neuen Wirtschaftswunder gesprochen. Der Sunny-Boy der
Tagesthemen, Tom Buhrow, spricht davon, dass Deutschland das Land
des Lächelns sei. Allerdings bleibt die Frage, wer dabei in Wirklichkeit
Grund zum Lächeln hat.
Schönrechner
Müntefering
3.976
Mio. Erwerbslose für den April 2007 meldet Frank-Jürgen Weise, Chef der
Bundesagentur für Arbeit am 2. Mai und damit 17,2 % oder 823.817
Erwerbslose weniger als im April 2006. Tags zuvor hatte sich schon
Arbeitsminister Müntefering (SPD) die Zahlen schön gerechnet. Denn was
in der höfischen Berichterstattung verschwiegen wird, ist die Tatsache,
dass auch noch im April 2007 immerhin 6,291 Mio. Erwerbslose registriert
waren, die entweder Arbeitslosengeld I oder Arbeitslosengeld II bekamen.
Unbekannt ist auch weitgehend, dass 104.000 Menschen nicht in der
Statistik erscheinen, aber so wenig verdienen, dass sie als „Aufstocker“
zusätzlich Arbeitslosengeld II erhalten, weil sie sonst ihre Familien
nicht ernähren könnten.

Verkünder
Münte – eines Tages schöne Staatsrente
Quelle:
Bundestag
Ins
statistische Nirwana verbannt sind auch die „offiziellen“ ca. 262.000
Ein-Euro-Jobber. Inoffiziell sind es weitaus mehr, einige Fachleute gehen
von mindestens 500.000 aus. In vielen Berufen werden sie - meist von
Kleinbetrieben - rechtswidrig eingesetzt. Knapp die Hälfte des Rückgangs
der Erwerbslosigkeit ist allein auf die Ein-Euro-Jobber zurück zu führen.
Es muss davon ausgegangen werden, dass drei Viertel aller Ein-Euro-Jobs
nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Durch sie wird enormer Druck
auf die Normalarbeitsverhältnisse ausgeübt.
Extra-Gewinne
für Arbeitgeber
Walter
Radermacher, Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes spricht von
„...einer Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, das abgelöst wird
von ganz unterschiedlichen Formen der Erwerbsarbeit, viele davon im
Bereich der marginalen Tätigkeiten, also durch geringe Arbeitszeiten oder
geringe Einkommen geprägte Tätigkeiten“. Die Normalarbeitsverhältnisse
sind im vergangenen Jahr um 152.000 gesunken. Gerade auch im Osten
Deutschlands arbeiten viele aus purer Not für einen 400-Euro-Job im Monat
bis zu 40 Stunden die Woche im rechtsfreien Raum an der Sozialversicherung
vorbei und verschaffen ihren „sozialschmarotzenden“ Arbeitgebern
private Extra-Gewinne. Keine Statistik erfasst das. Auf der anderen Seite
sind ca. 14 % aller Beschäftigten in Deutschland unterbeschäftigt. 40 %
von ihnen verdienen weniger als 400 Euro im Monat.

Getürkte
Zahlen durch 1 Euro-Jobs – nicht nur in BILD
Statistisch
ausgeblendet und deshalb öffentlich nicht existent sind auch die ca. 1,4
Mio. Erwerbslosen, die aus vielerlei Gründen keine staatlichen
Zuwendungen bekommen, aber arbeitslos sind. Und trotz des milden Winters
zum Jahreswechsel ist der saisonale Rückgang der Erwerbslosen von März
auf April von 141.231 Menschen geringer als in den Vorjahren. Dramatisch
ist auch die Entwicklung bei älteren Erwerbslosen. Nur noch 31 % der 55-
59jährigen und 16,4 % der 60- bis 64-jährigen haben überhaupt Arbeit.
Nicht nur Ältere Erwerbstätige sind die Benachteiligten.
Taschenspielertricks
beim Zählen
Auch
ungezählte Jüngere bis zu 25 Jahre sind betroffen. Sie wurden durch das
„Hartz-IV-Fortentwicklungsgesetz“ wieder unter Mutters Schürze
gezwungen, erhalten kein Arbeitslosengeld II und werden deshalb nicht mehr
mitgezählt. Bis Ende des Jahres 2006 stieg die Jungendarbeitslosigkeit
auf skandalöse 16 %. In Nordrhein-Westfalen werden 25 % der Kinder zur
Armut gerechnet. Sie können sich nicht einmal das Mittagessen für 2,50
Euro in der Gesamtschule leisten. Doch auch diese Zahlen sind mit Vorsicht
zu genießen, weil sie - wie jetzt herausgekommen ist - zum Teil schon
sechs Jahre alt sind. Die aktuelle Realität dürfte noch bitterer sein.

Erwerbslosen-Demo
– arm durch Arbeit
Foto:
Hans-Dieter Hey
Nicht
nur die deutsche Statistikkeule hat zugeschlagen. Auch auf europäischer
Ebene wird „bereinigt“. Europaweit soll die Erwerbstätigenquote nach
EU-Regeln auf 70 % gesteigert werden. Mit dieser Zahl werden alle Erwerbstätigen
zwischen 15 und 64 Jahren erfasst, um die Wachstumsentwicklung zu
verfolgen. In Deutschland blieb dieses Ziel seit Jahren mit ca. 65 %
hinter den Erwartungen - unbemerkt, weil in den Medien nicht veröffentlicht.
Durch den Taschenspielertrick, Erwerbstätige mitzuzählen, die auch nur
eine Stunde in der Woche arbeiten, wurde die Statistik schnell mal um 2,2
Mio. Arbeitsplätze angereichert. Dazu sagt das Statistische Bundesamt
nach „Neues Deutschland“ vom 2. Mai: „Nicht richtig erfasst wurden
die so genannten atypischen oder marginalen Beschäftigungen, die der
tradierten Vorstellung des Normalarbeitsverhältnisses nicht mehr
entsprechen“. Mit den statistischen Tricks ist auch Arbeitsagentur-Chef
Weise nicht einverstanden. Spiegel online erklärte er am 2. Mai, dass es
weiterhin viel zu viele Arbeitslose gäbe und viele gar nicht mehr in der
Statistik erschienen. Für eine Überbewertung der Statistik gäbe es
daher keinen Grund. Im Forschungsbericht Nr. 2/2007 bemängelt das
Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, dass es nach der Einführung
von Hartz-IV von den Arbeitsagenturen und Kommunen regelmäßig unvollständige
Zahlen erhält. Beispielsweise ermittelte eine Studie für das 4. Quartal
2005 rund 290.000 Ein-Euro-Jobber, tatsächlich gab es aber 381.000.
Reallohnverlust
von 5,1 Prozent
Während
die negativen Arbeitsmarktdaten in aller Regel als abhängig von
saisonalen Einflüssen oder vom miesen Wetter veröffentlicht werden,
kommen die positiven Arbeitsmarktdaten immer als großer Erfolg der
„Deutschen Wirtschaft“ und ihrem Aufschwung daher. Verantwortlich für
die kurzfristige Konjunkturentwicklung ist wieder der Außenhandel. Der
Exportüberschuss betrug 2006 rund 162 Mrd. Euro. Erinnern wir uns: In den
Wachstumszeiten von 1997-2000 und 1988-1998 lagen die Wachstumsraten über
drei Prozent. Für den Arbeitsmarkt hatte dies außer kurzfristigen
Impulsen keine andauernde Wirkung. Große Euphorie über unser
Wirtschaftswachstum von etwas über zwei Prozent mit Auswirkungen auf
existenzsichernde und sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze ist
ganz sicher nicht angebracht.

Für
viele die einzige Lösung: Dampf machen
Foto:
Hans-Dieter Hey
Der
derzeitige Aufschwung bleibt nämlich nur zu einem geringen Teil bei den
Beschäftigten, die ihn erwirtschaftet haben. Die gestiegene Produktivität
von ca. 1,9 Prozent verblieb genauso in den Taschen der Kapitaleigner wie
die gestiegenen Lebenshaltungskosten von etwa zwei Prozent. Dagegen
stiegen die Unternehmensgewinne 2006 um über 30 Mrd. Euro. Die Brutto-Löhne
in Deutschland sanken dagegen in den letzten zehn Jahren im Vergleich zum
europäischen Ausland um 15 bis 30 Prozent. Der Reallohnverlust im
gleichen Zeitraum lag bei 5,1 Prozent. Auch in 2006 sanken die nominalen
Durchschnitts-Nettolöhne zum Vorjahr von 1458 auf 1453 Euro. Es gibt
keinen Grund zur Zuversicht, dass dieses
Missverhältnis
sich ändert. EU-Kommissar Vladimir Spidla gegenüber der „Hannoverschen
Allgemeinen Zeitung: „Wenn es so ist, dass jemand arbeitet und trotzdem
zum Sozialamt gehen muss, weil der Lohn zum Leben nicht reicht, dann steht
dies im krassen Widerspruch
zum
europäischen Sozialmodell“.
Die
„Wahrheit“ von Kölner Stadt-Anzeiger und Welt
Insgesamt
haben inzwischen dramatische 4,9 Mio. Menschen in Deutschland
Armutseinkommen. Nur noch 44 % aller Beschäftigten haben überhaupt noch
eine Vollzeitstelle, um Ihre Existenz zu sichern. Deshalb ist es auch kein
Wunder, dass die ausländische Presse vom „Armenhaus Deutschland“
spricht, wie die Zeitschrift „ Sonntags-Blick - online“ aus der
Schweiz. Um die Armutsfalle nach unten zu stoppen, fordern die
Gewerkschaften einen gesetzlichen Mindestlohn. Doch sofort geben
beispielsweise „Die Welt“ und der „Kölner Stadt-Anzeiger“ am 9.
Mai als vermeintlich unangreifbare Wahrheit die Meinung
wirtschaftsgesteuerter so genannter Fachleute aus dem IFO-Institut oder
dem IWH-Institut weiter, die angeblich herausgefunden haben wollen, dass
eine Mindestlohneinführung 621.000 Arbeitsplätze kosten würde. So
funktioniert die Angstkeule weiterhin.
Der
Optimist sieht immer den vollen Teil des Glases. Auf den Arbeitsmarkt
bezogen heißt es allerdings, dass dieser volle Teil immer kleiner wird.
Was sagen schon einige hunderttausend neue - meist prekäre - Arbeitsplätze
oder Ein-Euro-Jobs, wenn in den vergangenen Jahren 1,6 Mio.
Normalarbeitsplätze vernichtet wurden? Wenn zum Beispiel die
Automobilindustrie davon ausgeht, dass dort in den nächsten Jahren 25 %
der Arbeitsplätze abgeschafft werden? Wenn Betriebsausgliederungen nicht
nur bei der Telekom zwangsläufig nach allen Erfahrungen Arbeitsplätze
kosten werden? Wenn Zukunftsforscher davon ausgehen, dass es in nicht
allzu ferner Zeit nur noch ca. 30 % Normalarbeitsplätze geben wird, der
Rest sich aber prekär und darüber hinaus auch noch weltweit als
Arbeitsnomaden verdingen muss oder gar keine Chancen mehr hat? Dann ist
Arbeitsminister Müntefering fein raus, weil er eines Tages eine schöne
Staatsrente beziehen wird. Und seine Propagandisten in den üblichen
Medien dürfen weiter Karriere machen. |