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Sozialraub
- Analysen zur Politik des globalen Kapitals
3
Jahre Hartz IV - Soziale Apartheid und geschönte Zahlen
Hans-Dieter
Hey, 2.1.2008 (veröffentlicht auch in der Neuen Rheinischen Zeitung, NRhZ)
Wir
wollen alle positiv ins Neue Jahr gehen. Anlass zum Jubeln bietet uns
deshalb vielleicht eine Zahl: Erstmals in der Geschichte der
Bundesrepublik sind offiziell 40 Millionen Menschen erwerbstätig. Das wünschten
wir uns, darüber freuen wir uns. Doch da ist die andere Seite der
Medaille, die von den meisten Medien verschwiegen wird, denn die wollen
uns ja nicht die gute Laune verderben und die Politik vergrellen. 2009
wird nämlich gewählt.
Geschönte
Zahlen
Am
29. November meldete WDR.de: „Die Arbeitsagenturen leeren sich
weiter“, und Tagesschau.de wußte: „Zahl der Erwerbslosen auf 3,38
Millionen gesunken“. Tatsächlich ist jedoch das Wachstum um ca. 600.000
sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze angesichts eines Anstiegs
beim Bruttoinlandsprodukt von bis zu 2,7 Prozent dann eher marginal, zumal
nur die Hälfte dieser Arbeitsstellen Vollzeitarbeitsplätze sind. Schon
das relativ hohe Wachstum von 3,2 Prozent im Jahr 2000 hat keine deutliche
Bewegung in den Arbeitsmarkt gebracht. Nach 30 Jahren
Massenarbeitslosigkeit in diesem Lande kann man das nicht wirklich als
Erfolg verkaufen. Deshalb nützt es dem aufmerksamen Bürger, genauer auf
die Details zu schauen.
Im
Oktober 2007 war die Zahl der „offiziell” als erwerbslos Gemeldeten
mit 3,43 Millionen genauso hoch wie im Oktober 1993.[1] Da es 1993 noch
keine Arbeitsmarktreformen und keine Agenda 2010 gab, kann mit Recht der
Erfolg der rot-grünen Arbeitsmarktreformen in Frage gestellt werden. Der
Eindruck verstärkt sich besonders, zählt man alle Erwerbslosen zusammen
und frisiert sie nicht, damit die Statistik besser aussieht. Addiert man nämlich
die Erwerbslosen, die Arbeitslosengeld I und Arbeitslosengeld II bekommen,
ergibt sich ein ganz anderes Bild. Danach wurden 2005 ca. 6,7 und 2006 ca.
6,8 Millionen Erwerbslose gemeldet. [2] Im November 2007 waren es 6,1
Millionen Erwerbslose, die Arbeitslosengeld I und II bekamen.
Doch
dies ist nicht alles. Im November 2007 waren es 1,94 Millionen des
Personenkreises „Sozialgeld“, die bei den offiziellen Zahlen
ausgelassen werden. Insgesamt erhalten wir damit eine Erwerbslosenzahl von
über 8 Millionen. Ständig dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen müssen
auch die Teilnehmer an den oft äußerst zweifelhaften Arbeitsmarktmaßnahmen.
Trotzdem sind sie nicht in der Arbeitslosenstatistik aufgeführt. Im Jahre
2005 nahmen 1,24 und 2006 ca. 1,16 Millionen an solchen Maßnahmen teil.
[2] Statistische Berücksichtigung finden auch weder die Erwerbslosen, die
krank gemeldet waren, noch die 287.000, die 2007 mit entsprechenden
Renteneinbußen in den Vorruhestand geschickt wurden.
„Ein-Euro-Jobs“
Beschäftigte
mit Aufwandsentschädigung (Ein-Euro-Jobber) werden ebenfalls nicht mitgezählt,
obwohl mit ihnen überhaupt kein Arbeitsverhältnis begründet wird. Im
Jahre 2005 wurden von der Bundesagentur für Arbeit 290.700
Ein-Euro-Jobber angegeben. Das Institut für Arbeitsmarkt- und
Berufsforschung IAB konnte der BA auch noch falsche Zahlen nachweisen.
Tatsächlich betrug ihre Anzahl 381.700. Im Jahr 2006 stieg diese Zahl um
27,5 Prozent. [3] Mitte 2007 wurden ca. 382.000 Ein-Euro-Jobber gezählt.
[4] Doch gerade die Beschäftigten mit Mehraufwandsentschädigung sind das
politische Machtinstrument des „Förderns und Forderns“ des neuen „Work-Fare-State
Germany“. Es wird politisch benutzt, um die Löhne insgesamt zu drücken
- unter Inkaufnahme einer inzwischen enorm gewachsenen Armut.
Die
Entwicklung der „Ein-Euro-Jobs“ als Arbeitsmarktinstrument stellt sich
als ein Desaster ohne gleichen dar, denn die Hälfte der Betriebe mit
Ein-Euro-Jobbern erfüllt überhaupt nicht die gesetzlichen
Voraussetzungen dafür. Nur zwei Prozent aller Betriebe haben
beabsichtigt, Ein-Euro-Jobber im Anschluss einzustellen, 78 Prozent der
Betriebe erklären, dass sie für eine Festeinstellung keinen finanziellen
Spielraum haben. 45 Prozent aller Betriebe geben offen an, auf diese Weise
Arbeitsplätze ganz oder z.B. als Vertretung zu ersetzen. [5]
Die
„Nachdenkseiten“ machen deshalb deutlich, worum es geht: „...die
herrschaftlich inspirierte Zurichtung der Erwerbslosen als sich selbst
verwertende und von jeglichen eigenen Ansprüchen befreite
Selbstunternehmer – insbesondere für den Niedriglohnbereich; die
generelle politische Disziplinierung, Erpressung und Einschüchterung der
regulär Beschäftigten, um Löhne zu senken, die Arbeitszeit zu verlängern,
Schutzrechte abzuschaffen etc.; die radikale Senkung der
Lebensunterhaltungskosten für die erwerbslosen Menschen“. [6] Das ist
soziale Apartheid einer inzwischen rücksichtslos gewordenen
Politikerkaste als Vollzugsbeamte des Kapitalismus, der den Bezug zur
gesellschaftlichen Realität der Menschen verloren hat.
Arbeit,
Arbeit über alles?
Ein-Euro-Jobs,
die Schwächung der Gewerkschaften, hohe Dauerarbeitslosigkeit, der Druck
des „Work-Fare-State“, Angst vor Arbeitsplatzverlust und die sinkende
Verweildauer der Beschäftigten in den Betrieben haben dazu geführt, dass
es um ihre Verhandlungspositionen am „Arbeitsmarkt“ immer schlechter
bestellt ist. Diese Situation spiegelt sich in der Entwicklung der Beschäftigungsstruktur
wieder.
Während
bejubelt wird, dass inzwischen 40 Millionen Menschen
sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, bleibt unbeachtet, dass
sich die Kurve zu ungunsten der Vollzeitbeschäftigung entwickelt hat. In
den letzten fünf Jahren sank die Anzahl der Vollzeitarbeitsstellen um über
1,6 Millionen, während im gleichen Zeitraum die Teilzeitarbeit anstieg.
1993 waren es noch 25,5 Millionen Vollzeitstellen, die bis 2006
kontinuierlich auf 20,9 Millionen sanken. Im gleichen Zeitraum stieg die
Zahl der Teilzeitbeschäftigungen von 3,1 auf 4,5 Millionen. Eine
besondere Zunahme gab es bei den Mini-Jobs und den geringfügig Beschäftigten.
So wuchs allein die Anzahl der geringfügig Beschäftigten von 2003 mit
noch 5,5 bis 2007 auf 6,9 Millionen an. [2] Die Arbeitsmarktreformen mit
der Entwicklung hin zu geringen Beschäftigungen haben damit die Krise auf
dem Arbeitsmarkt deutlich verschärft und die Einnahmebasis der
Sozialversicherungen über die Jahre deutlich verschlechtert.
Der
Sanktionsmechanismus von Hartz IV, zu jeglichen Bedingungen zu arbeiten,
beschert auch den Leiharbeitsunternehmen volle Taschen. Ihr Anteil an der
Gesamtbeschäftigung hat sich von 1995 bis 2006 von knapp 165.800 auf
579.711 mehr als verdreifacht. In den meist ausbeuterischen Betrieben
verdienen die Beschäftigten oft nur die Hälfte für die gleiche Tätigkeit,
und die wenigsten haben einen Tarifvertrag. Seit 2004 dürfen Entleiher
auch befristet einstellen mit der Folge, dass Befristungen mehrmals
aneinander gereiht werden dürfen. Die Risiken und der Druck für die
Beschäftigten sind damit enorm gestiegen. Doch nur 15 Prozent von ihnen
ist es vergönnt, von Leiharbeit in eine reguläre Beschäftigung zu
wechseln. [2]
Pest
oder Cholera: Hartz IV oder Hungerlöhne
Inzwischen
bekamen schon 15 Prozent aller arbeitsfähigen Menschen mindestens einmal
Arbeitslosengeld II aufgebrummt, inklusive Überprüfung der Vermögensverhältnisse.
Seit Einführung von Hartz IV kamen rund drei Millionen
Bedarfsgemeinschaften hinzu, von denen weniger als die Hälfte aus der
Hilfsbedürftigkeit wieder herausfanden. [2] Im Juli 2007 mussten 1,3 Mio.
Beschäftigte zu ihrem Gehalt noch Arbeitslosengeld-II beantragen, um über
die Runden zu kommen, davon waren über 400.000 Vollzeitbeschäftigte.
2007 arbeiteten bereits 19 Prozent aller Beschäftigten – also rund 8
Millionen Menschen – in Niedriglohnbereichen mit Armutslöhnen.
Neben
der Schwächung der Gewerkschaften – nur 60 Prozent der Beschäftigten
haben noch eine Tarifbindung – hat die Situation auf dem Arbeitsmarkt zu
insgesamt sinkenden Löhnen geführt. In diesem Jahr werden sie bei einer
Umsatzsteuererhöhung auf 19 Prozent und einer Preissteigerung von 3
Prozent nun zum 15. Mal in Folge einen Reallohnverlust hinnehmen müssen,
trotz einiger Erfolge bei Tarifauseinandersetzungen. Mitte des Jahres
bekamen außerdem 1,8 Millionen Kinder zum Armutsgehalt der Eltern Hartz
IV, 170.000 mehr als 2006. [7]
Druck
und Verarmung gehen weiter
Der
freie Fall der Arbeitsverhältnisse zu Dumpinglöhnen als Folge von Hartz
ist ungebremst. Im Mai diesen Jahres klagte EU-Kommissar Vladimir Spidla:
„Wenn es so ist, dass jemand arbeitet und trotzdem zum Sozialamt gehen
muss, weil der Lohn zum Leben nicht reicht, dann steht dies im krassen
Widerspruch zum europäischen Sozialmodell.“ [8] Und so wird auf allen
politischen Ebenen die Frage nach einem generellen Mindestlohn diskutiert
- auch in der CDU. Dies führt jedoch gelegentlich zu geistigen
Aussetzern, wie bei dem Vorsitzenden des Sachverständigenrates, Bert Rürup,
der einen Stundenlohn von 4,50 Euro für angemessen hält. Bei einer
40-Stunden-Woche sind dies 780 Euro, netto also rund 617 Euro. Rürup müsste
Herrn Spidla mal erklären, wie man in Deutschland davon leben kann. Da
das Arbeitslosengeld II mit mindestens 700 Euro für eine Einzelperson höher
ist, könnte sich ein Mindestlohn um 4,50 Euro plus Ergänzung mit
Arbeitslosengeld II allerdings als gigantischer Kombilohn herausstellen
und die Gelüste der Arbeitgeber herausfordern. Und deshalb fordern auch
inzwischen viele Arbeitgeber den gesetzlichen Mindestlohn. Künftig dürften
die Erwerbslosenzahlen weiter sinken, weil der Zwang, zu Hungerlöhnen zu
arbeiten, dadurch erheblich steigt.
Für
Erwerbslose ging Hartz IV bisher jedenfalls nach hinten los: „Was unter
der Losung Fördern und Fordern prima facie nach einem ausbalancierten
Nebeneinander zweier Prinzipien klingt, entpuppt sich bei näherem
Hinsehen als eine umfangreiche Liste an sozialen Einschnitten und
sanktionierenden Regularien, der ein vergleichsweise bescheidenes
Repertoire an Förderaktivitäten gegenüber steht“, so der
Arbeitsmarktforscher Dr. Hartmut Seifert vom WSI. [9]
Auch
in der Verwaltung von Hartz IV stimmt es hinten und vorne nicht. Die
Klagen über verloren gegangene Akten, vergessene Überweisungen oder
erniedrigend behandelte „Kunden” wollen nicht aufhören. Kein Wunder,
dass die Menschen sich zunehmend beschweren und die Zahl der
Gerichtsverfahren gestiegen ist – meist mit Erfolgen für die Kläger.
Allein im Jahr 2006 wurden 390.000 Verfahren eingereicht.
Wunschvorstellungen
der Kapitalisten
Die
Wunschvorstellungen auf der Seite der Kapitalisten gehen offenbar dahin,
dass Einkommen nicht mehr zwingend dazu da ist, dass man davon auch leben
kann. IFO-Präsident Hans-Werner Sinn – laut Bild-Zeitung „der klügste
Wirtschaftsprofessor Deutschlands“ – meinte am 28. Dezember gegenüber
der Süddeutschen Zeitung: „Jeder muss von seiner Hände Arbeit leben können?
Wer so denkt, der verwechselt Wunsch und Wirklichkeit“. Ob man Sinn noch
ernst nehmen kann, sei dahin gestellt. Doch wenn sich Rürup einen
Mindestlohn von 4,50 Euro vorstellt, liegen die Forderungen der anderen
Seite auf dem Tisch. Am 30. Dezember erklärte dann auch der
Mittelstandspolitiker der CDU und Apotheker Michael Fuchs der Welt-online:
„Sittenwidrig ist für mich ein Lohn, der unter der Grundsicherung von
Hartz IV für Alleinstehende ohne Kinder liegt...Damit würde auch die
Grenze zur Sittenwidrigkeit angepasst“. Da hätten wir den Salat: Hartz
IV bleibt die Öffnungsklausel für eine Lohnentwicklung hin zu Hungerlöhnen
nach dem „Ehernen Lohnprinzip“ des Kapitalismus, eingeführt durch
Rot-Grün im Jahr 2005. Ferdinand Lasalle als einer der Begründer der
Sozialdemokratie dürfte sich nun im Grabe herumdrehen, dass das von ihm
entdeckte Prinzip ausgerechnet durch die Sozialdemokraten durchgesetzt
wurde.
Die
Armut bei Hartz-IV-Empfängern nimmt weiter deutlich zu. Nicht nur, dass
die Regelleistung bereits seit 2005 rund 20 Prozent zu niedrig bemessen
wurde. Vor allem die Preissteigerungen der letzten Jahre machen das Überleben
immer schwieriger. Gerade in diesem Jahr sind die Verbraucherpreise
nochmals um 3 Prozent gestiegen, die Strompreise seit 2000 um 50 Prozent.
„Wir hören inzwischen vermehrt, dass warme Mahlzeiten in armen Familien
vom Speiseplan gestrichen werden, um Strom zu sparen“, zitiert
focus-online am 23. Dezember den Freiburger Experten für Armutsfragen
Alfred Schleimer vom Caritas-Verband. Und wem das noch nicht reicht: Nach
einer Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung vom November 2007 steigt die
Zahl derer ständig, denen der Strom abgestellt wird, weil sie ihn nicht
mehr bezahlen können.
Die
Zahl armer Kinder hat sich verdoppelt
17
Prozent aller Kinder in Deutschland gelten offiziell als arm, mehr als 2,5
Millionen Kinder leben auf oder unter dem Sozialhilfeniveau, so der
Politologe Prof. Dr. Butterwegge aus Köln am 23. Dezember gegenüber
Welt-online. Damit hat sich ihre Zahl seit 2005 verdoppelt. Nicht einmal
„Für gesunde Kinderernährung reicht das Geld...”, so die Ernährungswissenschaftlerin
Mathilde Kersting im Stern 52/07. Pro Tag stehen Kindern 3,42 Euro zu, wo
mindestens 4,68 Euro erforderlich wären. Für Schulmaterial sind gerade
mal 1,76 Euro vorgesehen und für Spielzeug 86 Cent im Monat. Das Kinder
die Zukunft unseres Landes bedeuten, findet offensichtlich nur in den
realitätsfernen Sonntagsreden der Politiker vor Wahlen statt.
Und
wenn ein arroganter, unbelehrbarer und 87jähriger Helmut Schmidt im
Hamburger Tagesspiegel am 10. Dezember meint: „Das Jammern über Armut
in Deutschland muss endlich aufhören“, dann sollte ihm ein guter Freund
ein Kissen für sein Fenster kaufen, damit er auf die Alster schauen kann
und ihm raten: „Helmut, tue Deutschland einen letzten Dienst und halte
endlich den Mund“.
[1]
BIAJ, Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Berufsjugendhilfe,
31.10.07
[2]
Bundesagentur f. Arbeit, 2007
[3]
Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Berufsjugendhilfe, 23.01.07
[4]
Böcklerimpuls 5/2007
[5]
Alexandra Wagner, Ein-Euro-Jobs – eine Zwischenbilanz im Mai 2007
[6]
Wolfgang Lieb, Nachdenkseiten vom 21. August 2007
[7]
A. Buntenbach, Bundesvorstand DGB, Rede v. 16.6.07
[8]
Hannoversche Allgemeine Zeitung v. 18.05.07
[9]
Hartmut Seifert, Die Hartz-Gesetze, Enttäuschte Hoffnungen und neue
Probleme 8/07 |