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Hungertod
eines Arbeitslosen – erst ein Anfang?
„Verhungern
sei ein ebenso radikales Mittel gegen Verelendung wie Arsenik gegen
Ratten.“
Von
Gerd Höhne/25. April 2007
Ich
fahre häufig mit der Bahn im Nahverkehr, nicht weit, nur von Duisburg
nach Essen und zwar in S-Bahnen und Regionalzügen. Mir fällt seit
einiger Zeit auf, dass immer mehr Leergutsammler die Züge nach
ausgetrunkenen Flaschen durchkämmen. In S-Bahnen und Regionalzügen gibt
es kaum noch Zugbegleiter, also hindert niemand am Sammeln. An den
Wochenenden, wenn die Fußballfans Bier trinkend die Züge bevölkern, machen sie die größte Beute,
haben da aber auch die meisten Konkurrenten in den Zügen.
Ein
anderes Phänomen: Man nannte das früher Kippen stechen, also um
Menschen, die die Straße nach weggeworfenen Zigarettenkippen absuchen, um sich aus
dem Resttabak Zigaretten drehen zu können. Die waren Jahrzehnte aus dem
Straßenbild verschwunden, im Zuge von Hartz IV tauchen sie wieder auf und
das sind nicht nur Obdachlose, ebenso wie auch die Leergutsammler.
Auch
werden gehäuft die Müllcontainer von Supermärkten durchsucht, es könnte
ja sein, dass da was Essbares drin ist.
Und
schließlich wissen Kindergartenerzieher und Grundschullehrer ein Lied
davon zu singen: Immer mehr Kinder werden unzureichenden ernährt. Es ist
keine Seltenheit, dass Kindergartenerzieher einige Stullen mehr mitbringen
und geben die belegten Brote hungernden Kindern.
Das
alles ist skandalös, ja, sicher ist es das, kein Zweifel. Aber irgendwie
auch normal. Kapitalismus, das wissen wir, beruht auf dem Prinzip des
Marktes. Wer was zu verkaufen hat, was keiner kauft, der bleibt eben auf
der Strecke. Die Ware, die ein Arbeitsloser zu verkaufen hat, ist seine
Arbeitskraft und über 5 Millionen Menschen können diese ihre Ware nicht
verkaufen. Niemand will sie. Das „soziale Netz“, dass unter dem Druck
der Arbeiterbewegung geschaffen wurde – nicht als Geschenk des bürgerliche
Staates, sondern als das Ergebnis des Klassenkampfes – wird immer durchlässiger.
Warum, sagen sich die Herren der Konzerne, sollen wir mit Abgaben und
Steuern unsere Gewinne schmälern, wenn es auch anders geht?
Und
die willfährigen Politiker aus den bürgerlichen Parteien, von der
CDU/CSU, SPD. Grüne und Linkspartei.PDS – von der FDP brauchen wir gar
nicht zu reden, bei denen ist es eh klar – beeilen sich, diese Befehle
des Großkapitals zu erfüllen.
Erstes
Todesopfer der SPD-Reformen
In
Speyer verstarb in der Woche nach Ostern ein 20-jähriger junger Mann „an
einer Unterversorgung seiner Organe“. So nannte es die zuständige
Staatsanwaltschaft im zynischen Beamtentendeutsch. Solche beschönigenden
bürokratischen Umschreibungen haben in diesem unserem Land eine Tradition.
Die Nazis nannten millionenfachen Mord schlicht „Sonderbehandlung“ oder
den Mord an geistige Behinderten Rassehygiene. Und verhungern heißt eben
zynisch „Unterversorgung seiner Organe“. Der junge Mann hat seine Organe
unterversorgt. sein Problem. Bei Verhungern würde man die Schuldigen suchen, bei
dieser Beamtenformulierung ist er selbst dran schuld.
Der
junge Mann, offenbar psychisch labil oder krank, möglicherweise durch die
bürokratischen Schikane und Hürden der Arge, hatte es aufgegeben, sich gegen
diese Willkür zu wehren und einfach nicht mehr reagiert. Es kam die
Drohung mit Kürzungen, dann die Kürzungen – immer noch keine Reaktion.
Es kam die Drohung nach Streichung der Leistungen und schließlich die
Leistungsstreichung. Da er mit seiner 48-jährigen Mutter in einer
„Bedarfsgemeinschaft“ lebte, richtiger: vegetierte, war auch sie
betroffen.
Beide
hatten kein Geld um Lebensmittel zu kaufen und damit ihre „Organe zu
versorgen“. Der Sohn starb vergangene Woche – verhungert. Seine Mutter
fand man, ebenfalle mit „unterversorgten Organen“, aber noch lebend.
Sie kam in ein Krankenhaus. Anzunehmen ist, dass sie, wenn sie wieder entlassen wird, die Zuzahlung für den Krankenhausaufenthalt berappen
muss. Eine weitere Errungenschaft der SPD-Regierung Schröder und seiner
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt.
„Ich
kann meinen Mitarbeitern keinen Vorwurf machen“, laberte ein Hans Grohe
von der regionalen Arbeitsgemeinschaft (Arge) zur Presse. Arge, ein Unwort für
jeden Arbeitslosen, ist die Behörde aus Arbeitsamt und Sozialamt, die
die Arbeitslosen durch Schikane zur Resignation, also Verzicht, zumindest
aber, dass sie sich willenlos fügen, bringen soll. Ziel ist die
Leistungskürzung oder Streichung. Dafür gibt es dann auch noch mehrere
hundert Euro Prämie, wie die Redaktion erfahren hat.
Natürlich
kann Herr Grohe seinen Arge-Beamten, mit gutem Gehalt und gesicherten
Arbeitsplätzen, keinen Vorwurf machen. Der junge Mann hätte eben nicht
resignieren, sondern brav alles machen sollen, was die Beamten der Arge
von ihm erwarten. Seine Arge, meinte deren Speyerer Chef Grohe, habe vom
Gesetzgeber aus nicht den Auftrag, in derartigen Fällen von sich aus
aktiv zu werden. Zynischer geht’s nicht.
Aktiv
werden die Arges bei Leistungsbeziehern. Mittels Telefonterror
und Spitzeln kontrollieren sie sie, mit dem Ziel, ihnen das Geld zu
kürzen oder zu sperren. Aber
wenn einer schon nichts mehr bekommt, soll er doch verhungern!
Der
Speyerer Fall ist jetzt noch eine Meldung für die bürgerliche Presse wert. Ich
fürchte aber, es wird nicht der einzige Fall eines Verhungernden bleiben und bald ist Hungertod so alltäglich, dass er keine Meldung für die bürgerliche
Presse mehr wert ist.
Der
Kapitalismus ist wieder offen kapitalistisch geworden. Der Kapitalismus,
der sich sozial gab – was er niemals wirklich war – kann sich jetzt
wieder normal und kapitalistisch geben. Todesopfer des Kapitalismus? Das
Normalste der Welt – immer schon.
Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts
fielen ihm die sächsischen und schlesischen Weber zum Opfer. Und die
Millionen Hungertode in aller Welt der Gegenwart, gehen auch auf dieses Konto und ganz
zu schweigen von den Opfern der vergangenen und gegenwärtigen Kriege. Sie
starben und sterben für die Profitinteressen des Kapitals.
Auch
früher schon waren die Herrschenden zynisch. Ein britischer
Handelsminister Mitte des 19. Jahrhunderts, Mr. Henley, sagte, die Hungersnot in Irland (1845-1849),
mit bis zu einer Millionen Verhungerter, habe das Problem der Pauper
gemildert, sie sei ebenso radikales Mittel gegen den Pauperismus wie
Arsenik gegen Ratten. Denken Frau Merkel und Herr Müntefering etwa anders? Sie sagen es nur nicht so offen. Oder wie soll die Forderung aus CSU-Kreisen verstanden werden,
Hartz IV weiter zu kürzen und im Gegenzug den Konzernen Steuergeschenke
durch Senkung der Unternehmenssteuer zu machen?
Interessiert
das Kapital und die bürgerlichen Politiker wirklich ein paar
nutzlose verelendete und verhungerte Arbeitslose? Erst, wenn sie zum
Teufel gejagt worden sind, wird der Mensch im Mittelpunkt stehen, nicht
aber der Profit.
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