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Das
Geld ist letztendlich die Wertform, die interessiert
–
aber
die Wertform und nicht der Wert, sondern nur ein Wertäquivalent.
Der
Wert – einige kritische Bemerkungen zum Artikel vom 1. Sept. 2010 (Gegenstandpunkt
2-10)
Von
Werner Schmidt
Kommunissten-online
vom 21. September 2010 –
Unter Punkt I. 1. heißt es: „
Da ist Erstens festzuhalten, dass vor dem zweckmäßigen Gebrauch von
Produkten das Verfügungsrecht des Produzenten steht: der
eigentumsrechtliche Ausschluss aller Interessenten, die das Produkt
brauchen, von dessen Verwendung. Voraussetzung, Ausgangspunkt und
bleibende Grundlage der herrschenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung
ist - so absurd wie in der Marktwirtschaft selbstverständlich – der
Gegensatz zwischen Herstellung und Bedürfnis, der mit dem
Eigentumsrecht des Produzenten gesetzt ist; .“
Natürlich
ist der Produzent zunächst einmal der Eigentümer. Das war bereits in
vorausgegangenen Gesellschaftsordnungen so. Der Schmied produziert eine
Axt, die erst produziert sein muss, ehe sie verkauft oder gar verwendet
werden kann. Wenn er die Axt produziert hat, geht er damit auf den
Markt, um sie zu verkaufen. Sie befindet sich solange in seinem
Eigentum, bis sich ein Käufer findet, der sie ihm mit Geld oder mit
Naturalien bezahlt. Was ist daran absurd? In Gesellschaften mit
Privateigentum an den Produktionsmitteln hat der Eigentümer an den
Produktionsmitteln eben auch das Eigentum an den Produkten. Das hat MARX
im „Kapital“ des Langen und Breiten nachgewiesen. Wieso jetzt ein
„eigentumsrechtlicher Ausschluss aller Interessenten“ konstruiert
werden muss, ist mir schier unbegreiflich.
Der
Satz geht weiter: „
wobei man sich ruhig auch schon daran erinnern darf, dass in dieser
Gesellschaft als Produzent gilt, wer das Eigentumsrecht am
Produktionsprozess besitzt: Hersteller ist nicht der Mensch, der –
bzw. insofern er – tatsächlich Hand anlegt, sondern die Rechtsperson,
die Firma in der Regel, die das Produkt hat herstellen lassen und der es
daher nach Recht und Gesetz gehört.“
Ich
will hier nicht über den Unterschied von Sachen und Menschen als Eigentümer
philosophieren, zumal ja das bürgerliche Recht durchaus Sachen (GmbH,
AG) als Rechts„person“ kennt. Nochmal, der Eigentümer an
Produktionsmitteln lässt produzieren. Dazu mietet er (gegen Lohn)
doppelt freie Lohnarbeiter, denen er den Wert ihrer Arbeitskraft vergütet.
Gegen diese Miete verzichten die Eigentümer der Arbeitskraft auf
jegliches Eigentumsrecht an den Produkten. Damit geht das Eigentum an
den Produkten automatisch an den über, der noch im Produktionsprozess
verbleibt, den Eigentümer der Produktionsmittel. Er besitzt das
Eigentum an Produktionsmitteln, nicht am Produktionsprozess.
„Aufgelöst
wird dieser fundamentale Antagonismus zwischen Herstellung und Benutzung
im Kaufakt: durch das Geld, das dem Eigentümer seinen produktiven
Aufwand, seine gesellschaftliche Teil-Arbeit, vergütet.“
Jetzt
wird der Hund in der Pfanne verrückt. Erstens kann ich beim besten
Willen keinen Antagonismus zwischen Herstellung und Benutzung erkennen.
Die Herstellung ist immer die Voraussetzung für die Benutzung. Findet
hingegen keine Benutzung statt, ist bald auch die Produktion hinfällig.
Herstellung und Benutzung bedingen einander. Wo da ein Antagonismus sein
soll, erschließt sich mir auf die Kürze nicht. Der Kaufakt „vergütet … dem Eigentümer seinen produktiven Aufwand“. Wenn
das heißen soll: „Durch den Verkauf von Waren wird vorgeschossenes
Kapital wieder verfügbar und kann für den Ersatz verbrauchten
Materials, Ersatz verschlissener Maschinen und neuen Lohn eingesetzt
werden.“, so ist das zweifellos richtig. Warum aber muss man dazu
solch einen Galimathias verzapfen? Wenn aber der Profit als „Vergütung“
des Kapitalisten bezeichnet wird, ist das ein Rückfall in übelste Vulgärökonomie
und hat mit der MARXschen Werttheorie höchstens noch den Namen gemein.
„Man
sieht daran: Es ist im Ansatz verkehrt, sich den Tauschwert der Waren,
i.e. ihre ökonomische Bestimmung, im Verkauf einen Preis zu erzielen,
mit der Selbstverständlichkeit erklären zu wollen, dass für ihre
Herstellung ein bestimmtes Quantum Arbeit verausgabt worden ist, und
nicht mit den gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen, unter denen
allein Arbeit Tauschwert hervorringt.“
Dazu
MARX: „Es
ist also nur das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die
zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige
Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt.“ [1]
Und
er bekräftigt: „Als
Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit.“
[1]
Wie
ist das nun mit den „gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen“? MARX
selbst spricht von der Unsinnigkeit, durch Aufschläge auf den Preis
einen Vorteil erzielen zu wollen, obwohl das im Einzelfall durchaus
funktionieren kann, wie wir aus Erfahrung wissen. Kann es aber auch
gesamtgesellschaftlich funktionieren? Dazu MARX: „Gesetzt nun, es
sei durch irgendein unerklärliches Privilegium dem Verkäufer gegeben,
die Ware über ihrem Wert zu verkaufen, zu 110, wenn sie 100 wert ist,
also mit einem nominellen Preisaufschlag von 10%. Der Verkäufer
kassiert also einen Mehrwert von 10 ein. Aber nachdem er Verkäufer war,
wird er Käufer. Ein dritter Warenbesitzer begegnet ihm jetzt als Verkäufer
und genießt seinerseits das Privilegium, die Ware 10% zu teuer zu
verkaufen. Unser Mann hat als Verkäufer 10 gewonnen, um als Käufer 10
zu verlieren. Das Ganze kommt in der Tat darauf hinaus, daß alle
Warenbesitzer ihre Waren einander 10% über dem Wert verkaufen, was
durchaus dasselbe ist, als ob sie die Waren zu ihren Werten
verkauften.“ [2]
Auch
ENGELS hat sich damit beschäftigt, als er seine Streitschrift gegen die
Thesen Eugen DÜHRINGs verfasste. Er schrieb dazu: „Der
praktisch geltende Wert einer Sache besteht nach Herrn Dühring aus zwei
Teilen: erstens aus der in ihr enthaltenen Arbeit und zweitens aus dem
´mit dem Degen in der Hand´ erzwungenen Besteuerungsaufschlag. Mit
andern Worten, der heute geltende Wert ist ein Monopolpreis. Wenn nun,
nach dieser Werttheorie, alle Waren einen solchen Monopolpreis haben, so
sind nur zwei Fälle möglich. Entweder verliert jeder als Käufer das
wieder, was er als Verkäufer gewonnen hat; die Preise haben sich zwar
dem Namen nach verändert, sind aber in Wirklichkeit - in ihrem
gegenseitigen Verhältnis – gleichgeblieben; alles bleibt wie es war
und der vielberühmte Verteilungswert ist bloßer Schein.“ [3]
Somit
löst sich die DÜHRINGsche Blase vom „gewaltsamen Aufschlag“
genauso in Nebel auf, wie die „gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse,
unter denen allein Arbeit Tauschwert hervorbringt“. Nochmal, der
Tauschwert setzt zum einen den Gebrauchswert der Ware voraus. Etwas, das
nicht gebraucht wird, hat auch keinen Gebrauchswert und sei sein Wert
noch so groß. Da nützen auch die „gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse“
nichts, denn das Ding wird eben nicht gekauft. Zum anderen ergibt sich
sein Tauschwert letztendlich aus der in ihm „festgeronnenen
Arbeitszeit“. Nicht mehr und auch nicht weniger. Alles übrige
Geschwafel dient dazu, den wahren Sachverhalt zu verwischen und anstelle
der wissenschaftlichen Aussage die Sternguckerei zu stellen. Diese
Verschlimmbesserung der MARXschen Werttheorie können wir uns sparen.
„Sie
(die Arbeit d.V.) zählt selber nur als Quelle von Eigentum, nicht an
etwas, sondern von Eigentum schlechthin.“
Jetzt brat mir einer einen Storch, was ist „Eigentum schlechthin“?
Es geht also gar nicht um das Eigentum an Produktionsmitteln, um dadurch
Art und Umfang der Produktion bestimmen und sich den Mehrwert aneignen
zu können? Wir lösen also die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse
in der Produktion auf, deklarieren das Ganze als „Eigentum
schlechthin“ und verkaufen
das alles als „Weiterentwicklung „ der MARXschen Lehre. Soweit,
liebe Genossen vom GegenStandpunkt, war weiland schon Eugen DÜHRING.
Und das Ergebnis dürfte bekannt sein.
„Ihr
erstes Attribut (der Arbeit d.V.) heißt deswegen privat und drückt
aus, dass ihr Zweck nicht in dem gesellschaftlichen Bedürfnis liegt,
das ihr Produkt als Teil der gesellschaftlicher Produktion mit seinem
Gebrauchswert befriedigt, sondern in der Macht des Produzenten, sein
Produkt dem Bedürfnis danach vorzuenthalten – nicht um es doch selber
zu benutzen, sondern um es gegen ein Stück allgemeiner Verfügungsmacht
herauszugeben.“ Das soll
heißen: Der Kapitalist lässt nicht produzieren, weil damit ein
Gebrauchswert geschaffen wird, sondern weil er für die Ware Geld
bekommt. Nur übersehen die Verfasser, dass der Kapitalist noch so sehr
Ware produzieren lassen kann, wenn sie keinen Gebrauchswert hat, bleibt
sie liegen. Essig ist´s mit dem Geld oder „dem Stück allgemeiner
Verfügungsmacht“. Kein Kapitalist lässt produzieren, um die Ware auf
Halde zu legen, denn nichts anderes heißt „sein Produkt dem Bedürfnis
danach vorzuenthalten“. Es sei denn, er will darauf warten, dass die
Preise eventuell doch steigen. Nur hat sich gezeigt, dass infolge des
wissenschaftlich-technischen Fortschritts die Preise der Waren
(zumindest technischer) verfallen. Brot und Brötchen, die seit der
Wende im Preis steil nach oben kletterten, lassen sich aber schlecht
aufheben. Warum zum Kuckuck sollte dann ein Kapitalist noch einen Haufen
Geld für Werbung ausgeben, nur um sein Erzeugnis „dem Bedürfnis
danach vorzuenthalten“?
„In
diesem rein negativen Sinn hat der Reichtum, auf den es in der
Marktwirtschaft wirklich ankommt, das in Geld gemessene Eigentum, im
Quantum Arbeit sein Maß.“
Wo sind denn auf einmal die „gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse“
geblieben, die vorhin noch ihren Anteil an der Erzielung von Tauschwert
hatten? Die haben sich plötzlich verflüchtigt. Wozu mussten sie vorher
aber erst hineingebracht werden?
„Wie
viel derart abstrakten Reichtum die Arbeit tatsächlich zustande bringt,
hängt freilich wiederum gar nicht von ihr ab – von ihrem konkreten
Inhalt und der konkreten Mühsal sowieso nicht, aber auch nicht von
ihrem wirklichen in Zeiteinheiten gemessenen Quantum. Die verbindliche
und einzig gültige Art, den abstrakten Nutzen der Arbeit zu
quantifizieren, das hergestellte Quantum Eigentum zu beziffern, ist der
Verkaufsakt, in dem das Produkt seinen Gebrauchswert los und seine
Wert-„Natur“ realisiert wird. Und da: im Preis, der für die Ware zu
erzielen ist, als Bestimmungsgrad für dessen Höhe, macht sich der
konkrete arbeitsteilige Zusammenhang geltend, in dem die produzierten Güter
zum Lebensprozess der Gesellschaft beitragen, nämlich das Bedürfnis
nach der hergestellten Ware und der technische Stand ihrer
Herstellung.“
Plötzlich
spielt „das Quantum Arbeit“ wieder keine Rolle in der Wertschöpfung.
Liebe Genossen, Ihr müsst Euch nun mal langsam entscheiden. Nach MARX
ist allein die Arbeitskraft (mithin nicht: die Arbeit) Wertschöpfer.
Demzufolge ist auch der Schöpfer aller Werte, nicht allen Reichtums. Da
wir aber in dieser Darstellung einmal den Naturreichtum ausklammern
wollen, ist sie sehr wohl die Quelle des gesellschaftlichen Reichtums.
Zur Herstellung von Waren wird nun einmal die Arbeitskraft gebraucht.
Damit ist sie auch die Quelle des Mehrwerts, aus dem der Profit und der
geschaffene gesellschaftliche Reichtum entspringen, egal ob er konkret
oder abstrakt ist. Demzufolge sind alle sogenannten Wertschöpfungen, an
denen die Arbeitskraft nicht beteiligt ist, keine Wertschöpfungen,
sondern Wertblasen. Wie das Ganze ausgeht, hat die letzte Krise gezeigt,
als diese Blasen hochgingen.
Der
Preis ist also nach Eurer Auffassung das Hauptmerkmal der Ware. Er wird
Eurer Meinung nach bestimmt von dem Bedürfnis, diese Ware haben zu
wollen und dem technischen Stand der Herstellung. Ehrlich gesagt, weiß
ich nicht, wie ich aus einem Bedürfnis nach einer Ware, ihren Wert
bestimmen soll. Es ist mir schon klar, dass Angebot und Nachfrage den
Preis beeinflussen. Nach dieser Theorie müsste bei Einführung einer
neuen Technologie (z.B. neue Fernsehergeneration) am Anfang das Bedürfnis
danach sehr hoch sein und ebenfalls der technische Stand ihrer
Herstellung, denn die neuen Dinger sind schweinisch teuer. Mit der Zeit
werden sie immer billiger, das würde bedeuten, die Nachfrage sinkt
drastisch und der technische Stand nimmt ab. In der Regel ist das ganze
Gegenteil der Fall. Weil die Zeitspanne zur Herstellung immer geringer
wird, demzufolge immer weniger „geronnene Arbeitszeit“ in den Geräten
steckt, deshalb werden sie billiger. Und der Kapitalist haut die
billiger werdenden Fernsehgeräte auf den Markt, solange der das
vertragen kann.
Was
sagt MARX dazu?
„Die
Ware ist zunächst ein äußerer Gegenstand, ein Ding, das durch seine
Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt.“
[4]
„Gebrauchswerte
bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches immer seine
gesellschaftliche Form sei. In der von uns zu betrachtenden
Gesellschaftsform bilden sie zugleich den stofflichen Träger des –
Tauschwerts.“ [5]
„Als
Gebrauchswerte sind die Waren vor allem verschiedener Qualität, als
Tauschwerte können sie nur verschiedener Quantität sein, sie enthalten
also kein Atom Gebrauchswert. … Betrachten wir nun das Residuum der
Arbeitsprodukte. Es ist nichts von ihnen übriggeblieben als dieselbe
gespenstische Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte
unterschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung
menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer
Verausgabung. … Als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen
gesellschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte.“
[6]
„Ein
Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt
menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert
ist.“ [7]
Das
sind MARX´ klare Aussagen. Ich weiß nicht, was daran verbessert oder
gar verschlimmbessert werden muss. Zumal Eure Aussagen sich lesen wie
das Delphi´sche Orakel. Für MARX ist die abstrakte Arbeit die Arbeit,
die gesellschaftlich notwendig geleistet werden muss, um diese Ware
herzustellen. Dabei ist es völlig gleichgültig, welcher Arbeiter unter
welchen Bedingungen seine Arbeitskraft dafür verausgabt. Wird aber eine
konkrete Ware hergestellt, ist auch die Arbeit, die die Arbeitskraft bei
ihrer Herstellung leisten muss genau definiert. Es ist aber egal, wie
groß dieses Quantum an Arbeitskraft ist, das hineingesteckt wird, der
Kapitalist wird nur den Wert für die „gesellschaftlich notwenige
Arbeitszeit“ erhalten, plusminus einem Betrag, der sich aus Angebot
und Nachfrage ergibt. In der Regel aber werden die Waren zu ihrem Wert
ausgetauscht.
Unter
I. 2. geht es weiter: „Deswegen schafft diese Arbeit auch kein Eigentum für die wirklichen
Subjekte, die sie leisten, sondern für die Rechtsperson, die deren
Arbeitskraft durch Kauf unter ihr Kommando gebracht hat und darüber als
ihr Eigentum verfügt: …“ Das ist ganz einfach falsch. MARX
tritt dieser Auffassung auch eindeutig entgegen, in dem er schreibt: „Damit
ihr Besitzer sie (die Arbeitskraft d.V.) als Ware verkaufe, muß er über
sie verfügen können, also freier Eigentümer seines Arbeitsvermögens
seiner Person sein.“ Weiter schreibt er: „Die
Fortdauer dieses Verhältnisses erheischt, daß der Eigentümer der
Arbeitskraft sie stets nur für bestimmte Zeit verkaufe, denn verkauft
er sie in Bausch und Bogen, ein für allemal, so verkauft er sich
selbst, verwandelt sich aus einem Freien in einen Sklaven, aus einem
Warenbesitzer in eine Ware.“ [8] Dem gibt es nichts hinzu zufügen.
„…
anders kommen eigentumslose Arbeitskräfte überhaupt nicht zu
irgendeiner gesellschaftlich produktiven Tätigkeit, und anders kommt
ihrer produktiven Tätigkeit überhaupt nicht die ökonomische Leistung
zu, Eigentum zu vermehren.“
Hatten Tagelöhner und Knechte keine produktiven Tätigkeiten ausgeführt,
die in gesellschaftlichem Interesse lagen? Hatten Sklaven keinen Beitrag
am Reichtum der römischen Senatoren? Ihr macht es Euch sehr leicht,
Genossen, wenn es um die Beantwortung gesellschaftlicher und
historischer Erscheinungen geht. Ich habe keine
Gesellschaftswissenschaften studiert, aber ich kann lesen. Dabei fällt
mir auf, dass MARX etwas ganz anderes schreibt, als Ihr das tut. Ich
denke, dass die Behauptung des Gegenteils von MARX´ Thesen, keine
„Weiterentwicklung“ des Marxismus ist, ja noch nicht einmal ein
Beitrag zu dessen besserem Verständnis. MARX ist schon schwer zu lesen,
aber was Ihr an Verklausulierungen unter die Massen haut, dass ist
unverständlich. Aber weiter.
„Die
Rolle die … der Arbeit zukommt, kennzeichnet MARX mit einem
kleingeschriebenen „v“. Das Kürzel soll ausdrücken, dass die
Leistung der Arbeit, Wert zu schaffen, in Wahrheit die Leistung des
Preises ist, der für die Verfügung über Arbeitskraft zu entrichten
ist.“
Also, noch mal von vorn. Wert schaffen in Wahrheit die Preise. „Der
Wert der Waren ist in ihren Preisen dargestellt, bevor sie in die
Zirkulation treten, also Voraussetzung und nicht Resultat derselben.“
[9] Da pfuscht Euch MARX schon wieder dazwischen, und komisch, es stimmt
auch noch, was er sagt. Der Preis ist also nur die Wertform, nicht der
Wert selbst. Bei Euch aber liest sich das genau andersherum. Und zur
Arbeit (richtiger: Arbeitskraft und ihrem Wert)ist oben schon genug
gesagt worden.
Was
aber ist nun dieses v? Es ist ganz einfach das „variable“ Kapital,
also die Arbeitskräfte. Die können nämlich ziemlich einfach entlassen
und auch wieder eingestellt werden. Mit dem „c“ für
„konstantes“ Kapital
kennzeichnet MARX hingegen die Produktionsmittel, genauer die
Arbeitsmittel, die nicht so einfach ausgetauscht werden können. Das Kürzel
soll bei MARX eben dies ausdrücken und nichts anderes.
„Die
Erzeugung von Wert findet also durch den Einsatz von Geld als Kapital
und dessen Leistung statt: als Verwertungsprozess.“
Wenn das heißen soll, dass erst Kapital investiert wird, um daraus
Profit zu schöpfen, so ist das zweifellos richtig. Nur welche Leistung
des Kapitals meinen die Autoren? Da muss ich passen. Einige Sätze
weiter lassen dann die Autoren die Katze vollends aus dem Sack und
siehe, sie war rabenschwarz. Sie schreiben: „In
dieser rechenweise ist festgeschrieben, nicht nur, worauf es in der
Marktwirtschaft ankommt, sondern auch, dass die Quelle des Wertzuwachses
der Wert selber ist.“ Der Wert schafft Wert. Da zieht sich Münchhausen
an seinem eigenen preußischen Zopf aus dem Dreck.
Unter
I. 3. Heißt es dann aber plötzlich wieder: „Zum
Einsatz kommen da alle erdenklichen Maßnahmen und Techniken zur Senkung
des Preises für Arbeitskraft, also vor allem des Quantums an Arbeit,
das zur Herstellung von Gütern für den Verkauf nötig ist.“ Wozu
sollte der Kapitalist das tun, wenn doch der „Wert den Wert“
schafft? Ist etwa doch das „Quantum Arbeitszeit“, dass in der Ware
steckt verantwortlich für den Wert und damit auch für den Preis? Glückwunsch!
Nach langer Irrfahrt seid Ihr zurück bei MARX. Wer aber dachte, Ihr
habt Euch besonnen, wurde schmählich enttäuscht; das Wortgeklingel
ging weiter.
„
… bemißt sich an der Menge des verfügbaren Geldes die Fähigkeit
eines jeden Unternehmens, in eigener Regie die Bedingungen für die
Steigerung der Profitrate zu verbessern.“
Zunächst einmal, in wessen Regie sonst? Jedes Unternehmen kämpft für
sich allein, von Monopolabsprachen einmal abgesehen. Aber auch da
versucht jeder, den anderen zu übervorteilen. Dazu
MARX: „Diese Veränderung in der technischen Zusammensetzung des Kapitals,
das Wachstum in der Masse der Produktionsmittel, verglichen mit der
Masse der sie belebenden Arbeitskraft, spiegelt sich wider in seiner
Wertzusammensetzung, in der Zunahme des konstanten Bestandteils des
Kapitalwerts auf Kosten seines variablen Bestandteils.“ [10] Ergo
ergibt sich daraus, die Profitrate sinkt. Das findet seinen Niederschlag
im Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate.
„Inhalt
des Wertgesetzes ist die Degradierung der produktiven Arbeit zum bloßen
quantitativ wirksamen Hilfsmittel für die Schaffung von Geld, …“
MARX schreibt: „Der Wert einer Ware verhält sich zum Wert jeder anderen Ware wie zur
Produktion der einen notwendigen Arbeitszeit zu der für die Produktion
der anderen notwendigen Arbeitszeit.“ [11]
Das ist das Wertgesetz. Da steht nichts von der „Schaffung von
Geld“, und da steht auch nichts von „Degradierung der produktiven
Arbeit“. Natürlich ist letztendlich das Geld die Wertform, die
interessiert, aber die Wertform und eben nicht der Wert, sondern nur ein
Wertäquivalent.
Mit
diesen Bemerkungen möchte ich es bewenden lassen. Mit dem Finanzsektor
kenne ich mich zu wenig aus, da ich mich mit dieser Problematik noch
nicht intensiv beschäftigt habe. Ehrlich gesagt, habe ich es auch nicht
vor. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mit jedem einzelnen Satz das
Richtige getroffen habe. Sicher bin ich mir allerdings, dass im Wesen
die Ausführungen von Karl MARX stimmen. Und dazu steht der Beitrag von
GegenStandpunkt in diametralem Gegensatz. Dieser Gegensatz ist mit
„Weiterentwicklung“ der MARXschen Lehre m.E. nicht zu erklären. In
meinen Augen ist es ein Versuch der Revision des Marxismus, eine
Revision an entscheidender Stelle.
Werner
Schmidt
Quellennachweis:
[1]
Karl MARX „Das Kapital Kritik
der politischen Ökonomie“ Bd. 1, Dietz Verlag Berlin 1973 S. 54
[2]
ebenda S. 175
[3]
Friedrich ENGELS „Herrn Eugen Dührings Umwälzung der
Wissenschaft (Anti-Dühring)“ Dietz
Verlag Berlin S.176/176
[4]
bis [11] Karl Marx „Das
Kapital“ Bd.1 [4] S. 49; [5] S. 50; [6] S. 52; [7] S. 53; [8] S. 182;
[9] S. 172 [10] S. 651; [11]
S. 54
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Der
Wert
Brief
an unsere Leser,
die
Marx’sche „Arbeitswertlehre“
und
die Leistung des Finanzkapitals betreffend
Quelle:
GegenStandpunkt
-10-2
Auf
Kommunisten-online am 1. September 2010 –
In unseren Artikeln zur Finanzkrise und zum Begriff des
Finanzkapitals haben wir ein paar grundsätzliche Bestimmungen
der umfangreichen Geschäfte aufgeschrieben, die das Finanzkapital
jenseits der Versorgung von Landwirtschaft und Industrie mit Leihkapital
betreibt. Uns selber haben wir u.a. klargemacht und unseren Lesern
Einsichten wie die zugemutet, dass die Bewirtschaftung von Wertpapieren
ein Wachstum eigener Art und Größe hervorbringt – das sich den Titel
„Blase“ immer und nur dann verdient, wenn etwas schief geht –;
dass das Finanzkapital dabei mannigfache Zuständigkeiten in der
„Realwirtschaft“ gewinnt, seine Gewinne aber nicht mit Mehrwert
bezahlt werden; dass darauf seine außergewöhnliche Macht beruht, mit
seinen Erfolgen wie Misserfolgen über Wohl und Wehe aller geläufigen
Leistungen und Interessen zu entscheiden, die den Charme der
Marktwirtschaft ausmachen; etc. Tatsache ist ja, dass das Finanzgewerbe
verbriefte, handelbare Rechtsansprüche auf Erträge akkumuliert, die
mit der Produktion von Mehrwert nie und nimmer einzulösen wären –
woraus folgt, dass es darum offenbar auch nicht geht. Tatsache ist auch,
dass die massenhafte Entwertung solcher Anspruchstitel die gesamte
Geldwirtschaft in Gefahr bringt, deswegen von den zuständigen
Staatsgewalten auf eigene Rechnung mit einer gigantischen Wertgarantie
abgewendet wird und dann sogar deren Garantiemacht in Frage stellt –
ein überdeutlicher Beleg dafür, dass es sich bei diesen eigentümlichen
Wertobjekten nicht um eigentlich ungedeckte, „letztlich“ nichtige
bloße Ansprüche handelt, sondern um den „Kern“ des
marktwirtschaftlichen Reichtums, der auf keinen Fall – wie Fachleute
es in Anlehnung an den Super-GAU in der Atomindustrie gerne ausdrücken
– eine „Schmelze“ erleiden darf. Tatsache ist schließlich auch,
dass der marktwirtschaftliche Sachverstand sein Publikum seit Beginn der
Krise mit Informationen über die Konstruktionsweise und Einschätzungen
von Sinn und Gefahren mehrfach verpackter Schuldpapiere zumüllt, die
nichts erklären – woraus wir den Schluss gezogen haben, wir sollten
eine Erklärung der politischen Ökonomie dieses Sektors der
Marktwirtschaft dagegen setzen.
Dass
unseren Lesern der Nachvollzug dieser Erklärung nicht leichter fällt
als der Redaktion ihre Erarbeitung, ist eine Sache und jedenfalls kein
Wunder. Eine andere Sache sind Reaktionen unserer Leserschaft, die auf
ernste theoretische Schwierigkeiten schließen lassen, unsere Ableitung
des Finanzkapitals und seiner Geschäfte aus den von Marx erklärten
Prinzipien der politischen Ökonomie des Kapitals mit eben diesen
Prinzipien in Einklang zu bringen. Einige Kritiker finden das, was wir
über den Wert finanzkapitalistischer Geldanlagen sagen, überhaupt
unverträglich mit dem, was sie bei Marx über „wertschaffende
Arbeit“ gelernt haben, und bestreiten, dass Marx so revidiert werden
darf. Das wäre uns zwar egal, wenn Marx Unrecht hätte. Weil wir aber
ganz im Gegenteil in dessen Kritik des Kapitals die theoretische
Grundlage für unsere Kritik des Finanzkapitals gefunden haben, sind wir
uns sicher, dass unsere Kritiker mit ihrer Vorstellung vom Wert falsch
liegen, und auch, dass es an Unklarheiten beim Verständnis der
Marx’schen Wertlehre liegt, wenn es so arge Probleme mit der
Vereinbarkeit unserer Erläuterungen des Finanzkapitals und jener
„Lehre“ gibt. Deswegen hier ein Angebot zur Klärung.
I.
Vielleicht
ist ja einfach nicht gut verstanden, was die Warenanalyse in Marx’
Kritik der politischen Ökonomie mit ihrem Schluss vom Tauschwert auf
den Wert und die Arbeit als dessen Quelle und Maß wirklich sagt.
1.
Die
Tatsache, dass der Reichtum an Gütern, von denen die Menschen
heutzutage leben, arbeitsteilig produziert wird, dass also in jedem
Produkt ein Stück der gesellschaftlich geleisteten Arbeit steckt, ist
banal und nichts, was zu beweisen oder zu erklären wäre; auch Marx
macht davon kein Aufhebens. Von Interesse ist die Frage, welchen Zwecken
und Notwendigkeiten eine arbeitsteilige Produktion gehorcht, in der
keine planende Instanz die Arbeit aufteilt, in der weder die inhaltliche
Spezifikation noch der jeweilige Umfang der zu leistenden Arbeiten
bedarfsgerecht festgelegt oder überhaupt ermittelt werden; in der
vielmehr die Herstellung des Reichtums an Gütern auf Gelderwerb
berechnet ist und seine Verteilung übers Geld stattfindet. Da ist als
Erstes festzuhalten, dass vor dem zweckmäßigen Gebrauch von Produkten
das Verfügungsrecht des Produzenten steht: der eigentumsrechtliche
Ausschluss aller Interessenten, die das Produkt brauchen, von dessen
Verwendung. Voraussetzung, Ausgangspunkt und bleibende Grundlage der
herrschenden gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist – so absurd wie in
der Marktwirtschaft selbstverständlich – der Gegensatz zwischen
Herstellung und Bedürfnis, der mit dem Eigentumsrecht des Produzenten
gesetzt ist; wobei man sich ruhig auch schon daran erinnern darf, dass
in dieser Gesellschaft als Produzent gilt, wer das Eigentumsrecht am
Produktionsprozess besitzt: Hersteller ist nicht der Mensch, der –
bzw. insofern er – tatsächlich Hand anlegt, sondern die Rechtsperson,
die Firma in der Regel, die das Produkt hat herstellen lassen und der es
daher nach Recht und Gesetz gehört. Aufgelöst wird dieser fundamentale
Antagonismus zwischen Herstellung und Benutzung im Kaufakt: durch das
Geld, das dem Eigentümer seinen produktiven Aufwand, seine
gesellschaftliche Teil-Arbeit, vergütet. Die marktwirtschaftliche
Gewohnheit begnügt sich für das Einverständnis mit dieser Transaktion
mit der Erinnerung daran – und mehr hat der systemeigene Sachverstand
zur Erläuterung ihres guten Sinns auch nicht anzubieten –, dass
der Geldempfänger sich für den Erlös seinerseits Bedarfsartikel
kaufen kann. So löst sich die Sache ganz nach der Seite der konkreten
Gebrauchsgüter hin auf, und das Geld kürzt sich als bloßer Vermittler
einer gelungenen Arbeitsteilung heraus – obwohl doch zugleich jeder
weiß, dass es in der Marktwirtschaft genau darauf ankommt: aufs Geld,
die quantitativ bemessene Zugriffsmacht auf alle möglichen Güter. Das
Gut, um das es bei der Produktion für den Verkauf wirklich geht und in
dem die angestrebte Vergütung für die geleistete Arbeit tatsächlich
besteht, ist das durchs Geld repräsentierte Quantum
Eigentum woran auch immer, ein Stück ausschließender Verfügungsmacht
getrennt von dem Produkt,
mit dem es in die Welt gekommen ist. Diese real existierende
Abstraktion: die Austauschbarkeit des Produkts, verwirklicht in einer
Geldsumme, heißt – nicht nur bei Marx – Wert.
Man
sieht daran: Es ist im Ansatz verkehrt, sich den Tauschwert der Waren,
i.e. ihre ökonomische Bestimmung, im Verkauf einen Preis zu erzielen,
mit der Selbstverständlichkeit erklären zu wollen, dass für ihre
Herstellung ein bestimmtes Quantum Arbeit verausgabt worden ist, und
nicht mit den gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen, unter denen
allein Arbeit Tauschwert hervorbringt. Von sich aus erzeugt menschliche
Arbeit irgendeinen konkreten Nutzeffekt. Wenn sie Tauschwert schafft,
dann ist sie selber schon in jeder Hinsicht dadurch definiert,
dass ihr Produkt zu Geld wird. Nämlich so:
Sie
zählt selber nur als Quelle von Eigentum, nicht an etwas, –
sondern von Eigentum schlechthin. Ihr erstes Attribut heißt deswegen privat
und drückt aus, dass ihr Zweck nicht in dem gesellschaftlichen Bedürfnis
liegt, das ihr Produkt als Teil gesellschaftlicher Produktion mit seinem
Gebrauchswert befriedigt, sondern in der Macht des Produzenten, sein
Produkt dem Bedürfnis danach vorzuenthalten – nicht um es doch selber
zu benutzen, sondern um es gegen ein Stück allgemeiner
Verfügungsmacht herauszugeben. Der Nutzen, den seine Arbeit schafft,
besteht nicht in ihrem Nutzen für den Benutzer ihres Produkts, sondern
in dem Quantum privater
Zugriffsmacht, das durch das Produkt repräsentiert wird und im
Verkauf in verallgemeinerter Form, vom Produkt getrennt, in Form von
Geld, beim Verkäufer bleibt.
Das
zweite ökonomische Attribut der wertschaffenden Arbeit – heißt
folglich abstrakt und drückt
aus, dass diese Arbeit als Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit,
also ausgerechnet als besonderer Beitrag zu einem gesellschaftlichen
Produktionsprozess, nur insofern zählt, als ihr Produkt sich als
austauschbar erweist, anderen gleich gilt, soweit sie selber also dasselbe
leistet wie alle anderen Teilarbeiten. Das Wertschaffende an ihr ist
das, was sie mit jeder beliebigen produktiven Tätigkeit gemeinsam hat
– und das ist das pur Negative: die Verausgabung von Lebenszeit und
-kraft im Dienst am Eigentum.
Ihren ökonomischen Zweck erreicht die wertschaffende Arbeit nicht durch
den konkreten Nutzeffekt, den sie stiftet – der wäre bei steigender
Produktivkraft der Arbeit ja mit einem abnehmenden Aufwand an Zeit und
Kraft zu haben –, sondern allein durch die Menge, also die Dauer
des Einsatzes von Arbeitskraft überhaupt. In der Kombination mit dem
ersten Merkmal ergibt sich damit bereits ein komplettes Paradox: Als private
ist die Arbeit dadurch als nützlich bestimmt, dass ihr Nutzeffekt ganz
beim Produzenten verbleibt; der Nutzeffekt, den sie als abstrakte
Arbeit hervorbringt, liegt in dem schieren Verbrauch von Arbeitskraft.
Schon damit steht fest: Wenn die ganze Ökonomie der marktwirtschaftlich
geteilten Arbeit auf einem solch paradoxen Verhältnis beruht, dann nur,
weil seine beiden Momente tatsächlich voneinander getrennt, als
Interessengegensatz zwischen Privateigentümer als Nutznießer und
Arbeitskraft als Verschleißteil des gesellschaftlichen
Produktionsprozesses existieren. Hier ist aber zunächst nur das Moment
an der wertschaffenden Arbeit festzuhalten, auf das das Attribut
‚abstrakt‘ verweist: die Absurdität, dass der Reichtum an Gütern,
den diese schafft, ökonomisch allein danach zählt, in welchem Umfang für
seine Herstellung Arbeitszeit verbraucht und Arbeitskraft verschlissen
wird. In diesem rein negativen Sinn hat der Reichtum, auf den es in der
Marktwirtschaft wirklich ankommt, das in Geld gemessene Eigentum, im
Quantum Arbeit sein Maß.
–Wie
viel derart abstrakten Reichtum die Arbeit tatsächlich zustande
bringt, hängt freilich wiederum gar nicht von ihr ab – von ihrem
konkreten Inhalt und der konkreten Mühsal sowieso nicht, aber auch
nicht von ihrem wirklichen in Zeiteinheiten gemessenen Quantum. Die
verbindliche und einzig gültige Art, den abstrakten Nutzen der Arbeit
zu quantifizieren, das hergestellte Quantum Eigentum zu beziffern, ist
der Verkaufsakt, in dem das Produkt seinen Gebrauchswert los und seine
Wert-„Natur“ realisiert wird. Und da: im Preis, der für eine Ware
zu erzielen ist, als Bestimmungsgrund für dessen Höhe, macht sich der
konkrete arbeitsteilige Zusammenhang geltend, in dem die produzierten Güter
zum Lebensprozess der Gesellschaft beitragen, nämlich das Bedürfnis
nach der hergestellten Ware und der technische Stand ihrer Herstellung.
Zur Geltung kommt dieser Zusammenhang, die Gebrauchswertseite der
Arbeit, freilich nach den Gesetzen des Eigentums: als praktizierter
Interessengegensatz zwischen
den verschiedenen Warenanbietern sowie zwischen Produzenten und
Konsumenten, nämlich in der Konkurrenz
um den Preis. Hier muss die Arbeit beweisen, dass sie das
Attribut gesellschaftlich notwendig
verdient. Dieses Attribut drückt deswegen auch nicht die Selbstverständlichkeit
aus, dass auch die marktwirtschaftlich produzierende Gesellschaft mit
ihrem absurden und gemeinen Begriff von Reichtum letztlich vom
materiellen Nutzen der auf den Markt geworfenen Güter lebt: Es steht für
den Umstand, dass sich in der Marktwirtschaft alle konkreten
gesellschaftlichen Bedürfnisse und alle technischen Qualitäten der
Arbeit in Notwendigkeiten des
Geldes verwandeln. Der gesellschaftliche Bedarf zählt nach dem
Quantum geldförmiger Zugriffsmacht, das jedem einzelnen Bedürfnis zu
Gebote steht; die Produktivkraft der Arbeit kommt zur Geltung als
Mittel, in Konkurrenz gegen andere Hersteller die verschiedenen Bedürfnisse
auszunutzen und die dafür verfügbare Zahlungsfähigkeit abzugreifen.
So entscheiden die wirklich verausgabten Arbeitsstunden noch nicht
einmal, was sie zum Eigentum des juristischen Privatproduzenten
beitragen; es ist umgekehrt: Der in der Konkurrenz erzielte Gelderlös
entscheidet darüber, wie viel gesellschaftlich
durchschnittlich notwendige Arbeit die individuell
geleistete Arbeit repräsentiert, in welchem Umfang also das
aufgewandte Quantum an Arbeitszeit als Wertquelle wirksam geworden ist
– und ob überhaupt.
2.
Die
Herstellung von Gütern in der Marktwirtschaft wird von dem Interesse an
Geld bestimmt. Dieses Interesse ist als Bestimmungsgrund der
gesellschaftlichen Arbeit so abstrakt wie sein Gegenstand: Es richtet
sich auf das pure Quantum ökonomischer Verfügungsmacht. Es enthält
keinen Gesichtspunkt, unter dem es abschließend erfüllt wäre. Sein
Erfolgskriterium heißt: möglichst viel, also immer mehr vom Gleichen.
Reichtum, der sein Maß im Geld hat, ist eben deswegen maßlos: Es ist
seine ökonomische Natur, nie genug
zu sein.
Dieser
Reichtum richtet sich feindlich gegen die konkrete Arbeit, die den
gesellschaftlichen Reichtum an nützlichen Gütern schafft, einschließlich
der Subjekte, die sie leisten. Denn er definiert als die eigentliche ökonomische
Leistung der produktiven Arbeit einen Erfolg, der allein darin besteht,
dass er auf Kosten der produktiv Arbeitenden geht, und gar nicht in
deren Hand liegt: „Produktiv“ im marktwirtschaftlichen Sinn ist
Arbeit ja dadurch, dass die pure Verausgabung von Arbeitskraft und
Lebenszeit in dem Maß Eigentum schafft, wie die Konkurrenz ums Geld der
Kundschaft diesen Aufwand praktisch als notwendig bestätigt. Bequeme
Versorgung und freie Zeit für die Arbeitenden schließt diese Form des
Reichtums nicht ein, sondern aus; wertschaffende Arbeit bedeutet
maximalen Verzehr von Arbeitskraft.
Die
Verrichtung derartiger Arbeit als ökonomischer Normalfall beruht auf
einer Notwendigkeit, die der Sorte Reichtum geschuldet ist, der diese
Arbeit dient: Die gesellschaftliche Arbeitskraft wird für die Erzeugung
von immer mehr Geld benutzt und verschlissen, weil sie gar keine Chance
hat, sich der Macht des Eigentums selber zu bedienen; sie dient dem
Eigentum, weil sie selber keines hat, vielmehr durch die Macht des
Eigentums von allem Benötigten, von Subsistenz- und Produktionsmitteln
getrennt ist. Arbeitskräfte, die mit ihrer Arbeit Wert schaffen, tun
das deswegen, weil sie von sich aus nicht in der Lage sind, in
gesellschaftlicher Arbeitsteilung für sich zu sorgen, sondern darauf
angewiesen, durch und für die Macht des Eigentums in Dienst genommen zu
werden.
Diese
Indienstnahme geschieht ihrerseits nach den Regeln der Marktwirtschaft:
„Das Geld“, konkret also: die geldbesitzende Elite, die im einschlägigen
Jargon passenderweise „die Wirtschaft“ heißt, kauft den
eigentumslosen Leuten Arbeitskraft und Lebenszeit ab. Es verwandelt auf
die Art deren Arbeitsfähigkeit in seine
eigene Potenz, durch die Verausgabung eines Quantums Arbeit Wert
zu schaffen. Nur so, als Besitzstand der Käufer, als Teil der Macht des
Eigentums, tut die gesellschaftliche Arbeitskraft überhaupt den Dienst,
auf den es ökonomisch ankommt. Deswegen schafft diese Arbeit auch kein
Eigentum für die wirklichen Subjekte, die sie leisten, sondern für die
Rechtsperson, die deren Arbeitskraft durch Kauf unter ihr Kommando
gebracht hat und darüber als ihr Eigentum verfügt: Wertschaffende
Arbeit produziert die Macht, die sie in Dienst nimmt. Und – nochmals
– umgekehrt: Diese abstrakte Produktivkraft entfaltet die Arbeit nur,
weil die Privatmacht des Geldes sich ihrer bemächtigt hat – anders
kommen eigentumslose Arbeitskräfte überhaupt nicht zu irgendeiner
gesellschaftlich produktiven Tätigkeit, und anders kommt ihrer
produktiven Tätigkeit überhaupt nicht die ökonomische Leistung zu,
Eigentum zu vermehren. Denn dass am Produkt nur dessen Austauschbarkeit
zählt, nur das Eigentum daran, also nur die im Eigentumsrecht begründete
Verfügungsmacht, die im Geld zum ökonomischen Gegenstand wird: Das
liegt nicht an der Arbeit, sondern daran, dass sie per Kauf der Macht
des Eigentums inkorporiert ist und dem Rechtssubjekt, das über den
Arbeitsprozess gebietet, als dessen
Leistung zugerechnet wird. So wird mit der wertschaffenden Arbeit
eingekaufter Dienstkräfte tatsächlich die Kommandogewalt des Geldes selber
produktiv: Die produziert neues Eigentum.
Dabei
ist mit der Masse der mobilisierten Arbeitsstunden und dem am Markt
erstrittenen Gelderlös noch nicht entschieden, ob die Macht des
angewandten Geldes dem eigenen Zweck, dem Interesse an Geldvermehrung,
überhaupt gerecht wird und gegebenenfalls in welchem Maß. Verlangt ist
nicht einfach viel, sondern die Vermehrung des geldförmigen Eigentums,
jenes Wachstum also, von dem der marktwirtschaftliche Sachverstand gar
nicht anzugeben braucht, was denn da immerzu wachsen soll, weil sich das
systematisch von selbst versteht. Dieser Erfolg erfordert einen Überschuss
der eingenommenen Geldsumme über den Betrag, den die Verfügung über
das eingesetzte Quantum Arbeit sowie der Einsatz von Produktionsmitteln
kosten. Das Geld muss sich als Quelle seiner eigenen Vermehrung betätigen;
erst damit bewährt es sich als Kapital:
als „Hauptsumme“ mit der Macht, Zuwachs zu generieren.
Die
Rolle, die hierfür der Arbeit zukommt, kennzeichnet Marx mit einem
klein geschriebenen „v“. Das Kürzel soll ausdrücken, dass die
Leistung der Arbeit, Wert zu schaffen, in Wahrheit die Leistung des
Preises ist, der für die Verfügung über Arbeitskraft zu entrichten
ist: Die produktive Arbeit ist ein Teil des Kapitals, das sich da betätigt,
und zwar derjenige, der sich mit dem Kommando über ein Stück
gesellschaftlicher Arbeit als variabel,
nämlich zur Selbstvergrößerung fähig erweist. Diese Macht ist umso
größer, je weniger die Arbeitskraft kostet und je mehr ihr Einsatz an
Erlös einbringt. Für die Arbeitskräfte bleibt deswegen nur so viel
Geld übrig, dass sie davon den Aufwand für ihr
Eigentum, die vom Kapital benötigte Arbeitskraft eben, bestreiten können;
so bleiben sie den Geldbesitzern als Verfügungsmasse erhalten. An ihnen
bleibt außerdem die Mühsal hängen, in der der private Nutzen ihrer
Arbeit für den Tauschwert der Produkte besteht. Die Ausbeute daraus,
der geschaffene abstrakte Reichtum, gehört den Eigentümern, den
rechtlichen Herren des Arbeitsprozesses, den Marx deswegen in aller
wissenschaftlichen Sachlichkeit als Ausbeutung
kritisiert.
Die
Erzeugung von Wert findet also durch den Einsatz von Geld als Kapital
und als dessen Leistung
statt: als Verwertungsprozess.
Den Erfolg messen die Eigentümer an dem Überschuss, den sie durch den
Einsatz ihres Geldes erzielen, über das eingesetzte Geld, berechnet auf
Lohnkosten und den rechnerischen Wertverlust der eingesetzten
Produktionsmittel: als Profitrate.
In dieser Rechenweise ist festgeschrieben, nicht nur, worauf es in der
Marktwirtschaft ankommt, sondern auch, dass die Quelle des Wertzuwachses
der Wert selber ist.
3.
Der
Verwertungsprozess dient keinem außerhalb von ihm liegenden Zweck,
sondern allein der Vergrößerung der in Geld realisierten Verfügungsmacht,
mit der er unerbittlich stets von neuem anfängt: der Akkumulation
von Kapital. Dieser unendliche Kreislauf vollzieht nicht die Vermehrung
von nützlichen Gütern nach, bildet nicht wachsenden gegenständlichen
Reichtum in abstrakten Ziffern ab. Es ist umgekehrt: Kapitalakkumulation
ist der ganze ökonomische Inhalt der Marktwirtschaft; die Bedürfnisse
des Kapitalwachstums, die sich für die Eigentümer und Sachwalter des
Kapitals als Notwendigkeiten erfolgreichen Konkurrierens darstellen,
definieren die materiellen Bedürfnisse der Gesellschaft und die
Bedingungen, unter denen die sich durch die Herstellung von Gütern für
den Verkauf ausnutzen lassen – in seinen berüchtigten Reproduktionsschemata
erläutert Marx die Subsumtion der gesellschaftlichen
Arbeitsteilung unter die Erfordernisse der Akkumulation.
Das
wesentliche Mittel der Kapitalvermehrung, in der kapitalistischen
Praxis: die entscheidende Waffe im Konkurrenzkampf der Kapitalisten, ist
wiederum – wie könnte es bei diesem unendlichen Kreislauf der
Verwertung anders sein – der Akkumulationserfolg: die Größe
des eingesetzten Kapitals. In einer Welt, in der schlechterdings alles käuflich
ist, bemisst sich an der Menge des verfügbaren Geldes die Fähigkeit
eines jeden Unternehmens, in eigener Regie die Bedingungen für die
Steigerung der Profitrate zu verbessern. Zum Einsatz kommen da alle
erdenklichen Maßnahmen und Techniken zur Senkung des Preises für
Arbeitskraft, also vor allem des Quantums an Arbeit, das zur Herstellung
von Gütern für den Verkauf nötig ist. Das Kapital perfektioniert
seine Produktionsmittel; die technische Produktivkraft der Arbeit selbst
wird vom Kapital immer wieder „neu erfunden“ und den Arbeitskräften
aufgenötigt; so macht sich praktisch geltend, dass die Potenz der
Arbeit ins Eigentum ihrer Anwender übergegangen ist. Entsprechend
konkret wirksam wird im Produktionsprozess der abstrakte Charakter der
Arbeit, derer sich das Kapital zur Schaffung von Tauschwert bedient:
Alle geistigen Potenzen der Arbeit – technisches Wissen, Planung der
Arbeit... – existieren getrennt vom arbeitenden Personal, stehen den
Arbeitskräften in Apparaten vergegenständlicht oder in Funktionären
personifiziert als Potenzen des Kapitals gegenüber, fungieren als
Produktivkräfte nach dessen Bedarf und Entscheidung; selbst ihre
eigenen beruflichen Fertigkeiten wenden die bezahlten Arbeitskräfte,
sogar die auf den höheren Stufen der betrieblichen Hierarchie, nicht
wirklich nach ihrem Ermessen an, sondern nur so und nur so lange, wie
das Unternehmen es für zweckmäßig erachtet. Die konkrete produktive Tätigkeit
selber ist in einer fortgeschrittenen Marktwirtschaft ein sehr
abstrakter Dienst an fremdem Privateigentum: der Vollzug
vorgeschriebener und vorgegebener Teilarbeiten, deren Einteilung und
Zusammenhang ganz in der Hand der Firma liegt.
Dass
der enorme technische Fortschritt, mit dem das Kapital den zur Güterherstellung
nötigen Arbeitsaufwand senkt, den Arbeitskräften nichts erspart,
versteht sich von selbst. Das ökonomische Grundgesetz, wonach nur das
Gleichgültig-Austauschbare an den verschiedenen Teilarbeiten
marktwirtschaftlich zählt, und das auch nur, soweit der Ertrag der
Arbeit zum Preis der Arbeitskräfte in einem profitbringenden Verhältnis
steht, wird durch fortschrittliche Technik ja überhaupt nicht
relativiert; die Arbeitszeiten bleiben lang und die Anforderungen an die
Leistungsfähigkeit flexibel; Einsparungen beim Arbeitsaufwand haben
Arbeitskräfte mit ihrer Entlassung auszubaden.
Eine
etwas zwiespältige Konsequenz ergibt sich für die Veranstalter und
Nutznießer der wertschaffenden Arbeit. Die Unternehmen, die mit der
Verbilligung des Kostenfaktors und der Effektivierung des
Produktionsfaktors Arbeit den Konkurrenzkampf gegen andere Produzenten
gewinnen, weil sie ihre Ware preiswerter anbieten können, steigern
ihren Gewinn. Die Masse des abstrakten, in Geld nachgezählten
kapitalistischen Reichtums steigern sie damit nicht entsprechend. Soweit
der Preisvorteil, mit dem sie ihren Absatz steigern, von den
Konkurrenten wieder egalisiert wird, verschlechtert sich, tendenziell
und insgesamt, das Verhältnis zwischen Gesamtaufwand und Ertrag –
also die Profitrate, um die es doch geht.
Dass
so – wie Marx es ausdrückt – die Methoden der Profitmacherei dem
beabsichtigten Effekt in die Quere kommen können, haben Marx-Kenner so
aufgefasst, als behielte die Gleichung, wonach der Wert sein Maß in dem
Zeitquantum produktiver Arbeit hätte, letztlich Recht gegen
die Ausnutzung der gesellschaftlichen Wertschöpfung durch die
kapitalistische Profitmacherei. Das ist verkehrt, verrät dieselbe
Fehldeutung der Marx’schen „Wertlehre“, die wir hier korrigieren möchten;
deswegen hier noch einmal die Erinnerung: Inhalt des „Wertgesetzes“
ist die Degradierung der produktiven Arbeit zum bloß quantitativ
wirksamen Hilfsmittel für die Schaffung von Geld, i.e. von
Mengeneinheiten privaten Eigentums getrennt vom Eigentum an irgendetwas
Bestimmtem und als derart abstrakte Verfügungsmacht vergegenständlicht;
und als herrschendes ökonomisches Prinzip gibt es ein solches Gesetz überhaupt
nur, weil alle produktive Arbeit der Gesellschaft durch die Macht des
Eigentums in Beschlag genommen ist und als Hilfsmittel für die
schrankenlose Vermehrung des Eigentums: für die Akkumulation von
Kapital eingesetzt wird. Dass produktive Arbeit nur als abstrakte,
wertschaffende zählt, ist keine der Arbeit eignende Fähigkeit, die vom
Kapital okkupiert wird: Mit dem Kauf von Arbeitskraft, der Aneignung
ihrer produktiven Potenzen, ihrer rechtlichen Verwandlung in seine
eigene Potenz macht das kapitalistische Eigentum seine
ökonomischen Bestimmungen, nämlich seine Macht über Arbeit und Reichtum, erst wirklich zu dem
ökonomischen Inhalt, auf den es bei der Produktion nützlicher Güter
ankommt, also zu den maßgeblichen ökonomischen Bestimmungen der
Arbeit – nämlich: abstrakt, privat und als gesellschaftlich
notwendige wertbildend zu sein. Wenn aus den Methoden des Kapitals zur
Steigerung seines Wachstums eine dem Effekt entgegenwirkende Tendenz
folgt, dann kollidiert die Macht des Geldes da nicht mit einem ihr
vorausgesetzten Gesetz; schon gar nicht scheitert dann die
Profitmacherei an einer Eigengesetzlichkeit der Arbeit, die dafür
ausgenutzt wird. Dann produziert vielmehr das Kapital selber einen
Widerspruch zwischen der Wachstumspotenz, die es sich einverleibt hat,
dem kleinen „v“, und dem Aufwand, den es für die Steigerung dieser seiner
Potenz treibt; es demonstriert, dass die gesellschaftliche
Notwendigkeit, die das der abstrakten Arbeit abgewonnene Wertquantum
bestimmt, allein von ihm definiert wird. Und es bewältigt die
selbstverschuldete Verzögerung seines Wachstums dementsprechend; so nämlich,
dass es genau so weitermacht und die Einsparung von Arbeitskosten durch
immer perfektere und technologisch immer weiter entwickelte, daher
tendenziell auch immer kostspieligere Methoden der Ausbeutung
unerbittlich vorantreibt. Wer davon den Schaden hat, wer da scheitert,
das lässt sich z.B. an den Arbeitslosenziffern ablesen, die zur
kapitalistischen Konkurrenz unvermeidlich dazugehören.
4.
Der
Zweck der marktwirtschaftlichen Güterherstellung, die Akkumulation von
Kapital, wird dadurch ganz wesentlich gefördert, dass Teilfunktionen
des Verwertungsprozesses in eigenen Branchen als selbständiges Geschäft
abgewickelt werden. Der wichtigste dieser Teilbereiche, der Warenhandel,
spielt dabei eine besondere Rolle innerhalb der marktwirtschaftlichen
Arbeitsteilung: Zur Herstellung des Reichtums an Gütern trägt er gar
nichts bei, sofern man ihm nicht alle nötigen Transportleistungen
zurechnen will. Notwendig ist er als unerlässliche Etappe in der
Verwirklichung des kapitalistischen
Zwecks der Güterproduktion: Er organisiert systematisch, im Großen
und flächendeckend bis zum letzten Verkaufsakt, die Abtrennung
des Werts der produzierten Güter von dem stofflichen Reichtum,
der ja bloß dem abstrakten Reichtum als Vehikel dient. Der Warenhandel
ist damit der Teil des Verwertungsprozesses, der erst wirklich über das
Quantum entscheidet, in dem überhaupt neues Eigentum geschaffen worden
ist; logischerweise hat er Anteil an diesem Reichtum. Und selbstverständlich
sind da Kapitalisten aktiv, die die Arbeit, die für die kapitalistische
Form des Produktionsprozesses, das Kaufen und Verkaufen, nötig sind,
von schlecht bezahlten und kräftig ausgenutzten Dienstkräften
erledigen lassen und dafür vom Wert der vermarkteten Waren so viel an
sich bringen, wie sie ihren Lieferanten und ihren Kunden abpressen können.
Einen
Beitrag anderer Art zur Akkumulation des Kapitals leistet das
Finanzgewerbe. Es ist nicht Teil des Verwertungsprozesses, sondern macht
diesen insgesamt zu seinem Geschäftsobjekt: Es trennt
die Verfügung über Geld
von dessen Entstehungsprozess ab, macht es sich und seinen Kunden
in der verselbständigten Form des Kredits verfügbar. Mit seinem geschäftlichen
Zugriff auf das aufgehobene wie das zirkulierende Geld der Gesellschaft
sowie kraft staatlicher Lizenz und Ermächtigung geht das Finanzgewerbe
dabei so weit, in ganz großem Stil seine Zahlungsversprechen als
gesellschaftliches Zahlungsmittel zirkulieren und seine
Verbindlichkeiten als Geldkapital wirken zu lassen. Was wir dazu in den
bisher erschienenen drei Kapiteln über das Finanzkapital aufgeschrieben
haben, wird sicher nicht dadurch leichter verständlich, dass wir es in
Kurzfassung wiederholen. Im Hinblick auf die Zweifel, ob wir da nicht
doch eine Revision der Marx’schen Wertlehre vornehmen, kann vielleicht
aber doch ein Hinweis von Nutzen sein.
Mit
seinen Kreditgeschäften bringt das Finanzgewerbe von ihm geschöpfte
Zahlungsmittel in Umlauf. Die repräsentieren in Geldeinheiten gemessene
Verfügungsmacht; und darin unterscheiden sie sich in gar nichts von dem
Geld, das das anderweitig engagierte Kapital dadurch schöpft und mehrt,
dass es Güter für den Tausch produziert und im Verkauf das Eigentum
als solches von seinem Gegenstand trennt und dagegen verselbständigt.
Ein Rechtsverhältnis zwischen Eigentümern ist das eine Geld so gut wie
das andere: ein Rechtsverhältnis des Ausschlusses und der Zugriffsmacht
in der irrationalen, von Marx als ‚fetischartig‘ verachteten Gestalt
eines Dings, das der Verfügungsmacht des Eigentums ein quantitatives Maß
verpasst. Da sind nicht zwei Sorten Wert unterwegs, sondern ein und
derselbe abstrakte Reichtum; in unterschiedlicher Verwendung, aber in
derselben kapitalistischen Mission, sich zu vermehren. Die Macht dazu
funktioniert in beiden Fällen aus demselben Grund, nämlich nur
deswegen, weil das staatlich durchgesetzte Regime des Eigentums den
gesamten gesellschaftlichen Lebensprozess beherrscht. Denn auch darin
unterscheiden sich produktives und Finanzkapital überhaupt nicht: Mit
der Verwendung des Geldes als Geldquelle machen sie die Gesellschaft
insgesamt zur Manövriermasse der Macht ihres auf Vermehrung
programmierten Eigentums und dafür haftbar, dass ihre Rechnungen
aufgehen – wie sie sich dabei
voneinander unterscheiden und wie ihre unterschiedlichen Geschäftsaktivitäten
zusammenhängen, davon handeln unsere drei Artikel.
Anders
gesagt: Wer verstanden hat, was für ein Unding der abstrakte Reichtum
ist, um den es einzig und allein geht, wenn nützliche Güter einzig und
allein für den Tausch gegen Geld fabriziert werden – dazu die
Erinnerungen in den vorstehenden drei Punkten –, der hat damit
noch nicht erklärt, was das Finanzkapital mit dieser Abstraktion alles
anstellt, wie es mit seiner Kreditschöpfung den sich verwertenden Wert
verselbständigt und vervielfacht und wie es daran verdient. Der wird
aber auf alle Fälle die Abstraktion des Eigentums schlechthin, die die
Kommandanten des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses dem Reichtum an Gütern,
den sie herstellen lassen, als dessen wahre ökonomische Natur beilegen
und zum totalitär herrschenden Zweck und Sachzwang machen, nicht für
wirklicher, handfester oder wie auch immer substanzieller halten als die
ökonomische Macht, die die Finanzkapitalisten mit ihren verbrieften
Schulden in Händen halten und mit ihren spekulativen Geschäften ausüben
und die sich durch ihren Gebrauch vermehrt, ohne dass deswegen auch nur
eine Ware mehr hergestellt und verkauft worden sein müsste. Was in
deren Händen als Kapital fungiert, nennt Marx im Gegensatz zu den
Produktionsmitteln und Arbeitskräften, die die anderen Kapitalisten als
ihr Eigentum in Besitz nehmen und zu Potenzen der Verfügungsmacht ihres
Geldes degradieren, „fiktiv“; er erinnert daran, dass die Welt ohne
die Reichtümer des Finanzkapitals gebrauchswertmäßig kein bisschen ärmer
wäre, nichts konkret Nützliches fehlen würde – übrigens
ebensowenig wie ohne den „Fetisch“ Geld. Damit will er aber gerade nicht
gesagt haben, die Macht, die diesem rechtsförmig fingierten Kapital im
System der politischen Ökonomie des Eigentumsrechts zukommt, wäre eine
bloße Einbildung oder auch nur im Geringsten weniger real als das, was
andere Kapitalisten – solche, die an den materiellen Bedürfnissen der
Menschheit und deren geschäftlicher Ausnutzung Geld verdienen – in
ihren Bilanzen aufschreiben. Die selber halten ja im Gegenteil ihren
Reichtum erst dann für wirklich real, und kapitalistisch frei anwendbar
ist er ja auch wirklich nur dann, wenn er die Gestalt einer Ziffer auf
ihrem Bankkonto angenommen hat. In diesem verrückten System sind es
tatsächlich die vom Kreditgewerbe hergestellten und vermarkteten
Schuldverhältnisse, die die ganze Macht des Werts repräsentieren und
universell anwendbar machen. Es ist das ‚fiktive‘ Kapital, das seine
Produzenten dazu befähigt, alle anderen kapitalistischen Geschäfte zu
finanzieren, zu dirigieren, in Schwung zu bringen oder abzuwürgen –
und insgesamt zu gefährden, wenn das Spekulieren nach seinen eigenen
Kriterien nicht mehr gelingt.
Deswegen
sind es im Übrigen auch solche Geschäfte – mit dem Kreditrisiko, mit
der spekulativen Bewertung von Wertpapieren, mit Spekulationspapieren
zur Absicherung gegen Verluste aus spekulativen Engagements, schließlich
mit der Abtrennung solcher Spekulationspapiere von ihrem
Versicherungszweck und der Vermarktung reiner Finanzwetten –, mit
denen sich in der globalen Marktwirtschaft am meisten Geld verdienen lässt.
In dieser Welt gelten Herstellung und Vertrieb der absurdesten Derivate
glatt als geldwerte Dienstleistung, so wie die Herstellung von
Armbanduhren und der Vertrieb von Nüssen oder Nachrichten; nur viel,
viel teurer. Und wenn der marktwirtschaftliche Sachverstand Recht hat
mit seinem Dogma, dass die Höhe eines Entgelts – zumindest im Prinzip
– den Wert des entgoltenen Dienstes ausdrückt, dann leistet in Sachen
Wertschöpfung tatsächlich niemand so viel wie Investmentbanker, die
Verpackungen für Derivate erfinden.
II.
1.
Unsere
Überlegungen zur Macht des Kreditsektors, Geld zu schöpfen, Kredit zu
vergeben und mit Techniken eigener Art Geldkapital zu akkumulieren, sind
von manchen skeptischen Lesern so verstanden worden, als läge uns
daran, die Unabhängigkeit dieser Geschäftssphäre von der Welt der
kapitalistischen Ausbeutung der Arbeit zu beweisen; als wollten wir
quasi den Derivatekünstlern recht geben, die ihre Tätigkeit nicht für
das hinterletzte Produkt des Systems der Lohnarbeit, sondern für die
wahre Quelle des Reichtums der modernen Weltwirtschaft halten. Dabei
wird wohl übersehen, dass die Ableitung des Finanzgeschäfts und seiner
Autonomie aus den Prinzipien der politischen Ökonomie des Kapitals die
theoretische Rückführung der Branche und ihrer aparten Stellung im und
zum sonstigen kapitalistischen Betrieb auf diese Prinzipien leistet.
Vielleicht hilft auch in dieser Hinsicht ein Hinweis:
Die
Freiheiten in Sachen Geldschöpfung und Gewinnerwirtschaftung, die das
Finanzgewerbe sich herausnimmt, halten wir für die zu erklärende
Sachlage; sie in Abrede zu stellen, weil man sich eine Erklärung der
Kapitalakkumulation zurechtgelegt hat, die dazu nicht passt, ist nicht
gut. Diese Freiheiten sind die Errungenschaften einer Macht über den
gesellschaftlichen Geldverkehr und den geschäftlichen Gebrauch des
Geldes, die nicht vom Himmel gefallen ist, sondern in der politischen Ökonomie
des Geldverdienens ihre Grundlage hat: Die Macht des Finanzkapitals,
durch den Handel mit ge- und verliehenem Geld Geld zu machen, beruht
darauf, dass in der Marktwirtschaft überhaupt Geld als Geldquelle
fungiert – die kommerzielle Kundschaft der Banken treibt ja nichts
anderes. Diese Macht des Geldes, durch seinen geschäftlichen Gebrauch
mehr zu werden, ist ihrerseits keine mysteriöse Eigenschaft des Geldes,
obwohl sie in der Marktwirtschaft glatt so wirkt, nämlich als sachliche
Gegebenheit. Sie ist die Konsequenz daraus, dass sich in diesem System
ein Lebensunterhalt nur mit dem Erwerb von Geld erwirtschaften lässt,
die meisten Betroffenen aber nie genug Geld haben, um dessen Macht zur
Selbstvermehrung durch den richtigen geschäftlichen Gebrauch
freizusetzen; die sind vielmehr genötigt, für Geld zu arbeiten – dafür
nämlich, dass für die Minderheit, die genug davon hat, „das Geld
arbeitet“. Welche Jobs die auf Gelderwerb durch Arbeit angewiesene
Mehrheit sucht und findet, ist im System der marktwirtschaftlichen
Freiheit egal; da ist nichts unmöglich; in allen erdenklichen
Dienstleistungen kann die Arbeit suchende Menschheit ihre Chance finden.
Dabei wird allerdings ein Unterschied gern übersehen, der für die
allgemeine unbedingte Notwendigkeit, sich Geld zu beschaffen,
entscheidend ist: Auch die fortschrittlichste kapitalistische
Gesellschaft, in der die Industrie zu den aussterbenden Branchen gezählt
wird, lebt von den materiellen Gütern, die mit materiellen
Produktionsmitteln hergestellt werden müssen. Auch wenn die meisten
Lohnabhängigen und kleinen Selbstausbeuter mit anderen Aufgaben beschäftigt
werden – massenhaft solchen, die mit der Vermarktung von Gütern, der
Verwaltung der mit Geld wirtschaftenden Gesellschaft, den finanziellen
Sachzwängen der bürgerlichen Existenzweise zu tun haben –: Die
Gesellschaft lebt von der
Arbeit, die die lebensnotwendigen Güter
produziert. Der allgemeine Zwang, für Geld zu arbeiten, hat seinen
letzten ökonomischen Grund darin, dass die Produktionsmittel für diese
Güter denen gehören, die darin ihr Geld angelegt haben und nur
produzieren lassen, was und wenn es sich für ihr Geldinteresse lohnt.
Mit der Notwendigkeit des Gelderwerbs für den Lebensunterhalt ist eine Produktionsweise
definiert.
Die
Freiheiten des Finanzkapitals sind also das systemeigene Produkt
der kapitalistischen Produktionsweise.
Der Stoff des Finanzgeschäfts bezeugt, dass es aus dem System der
Lohnarbeit folgt.
2.
In
unserer umgekehrt argumentierenden Erklärung des Finanzgewerbes legen
wir allerdings Wert darauf, dass diese Branche sich vom kapitalistischen
Produktions- und Verwertungsprozess förmlich trennt, mit eigenen
Mitteln und Methoden Geldmacht akkumuliert und sich als maßgeblicher
Anstifter und zusammenfassender Nutznießer auf das Geschäftsleben
bezieht, das im marktwirtschaftlichen Jargon „Realwirtschaft“ heißt.
Weshalb das theoretisch nötig und sachlich wichtig ist, ist wohl auch
nicht recht verstanden worden; deswegen auch dazu zwei Hinweise, ein
methodischer und ein sachlicher.
In
einer Ableitung, so wie Marx sie fürs Kapital lehrbuchmäßig darlegt
und wie wir versucht haben sie fortzusetzen, ist – wenn sie richtig
ist – jedes wichtige Ergebnis der Ausgangspunkt für Konsequenzen, die
ihrer eigenen „Logik“ folgen und nicht mehr der, die zu diesem
Ergebnis geführt hat. Das fängt bei Marx schon mit dem Übergang vom
Tauschwert der Ware zum Geld als allgemeinem Äquivalent an; mit dem
Fortgang vom Geld als allgemeinem Zugriffsmittel zum Geld als Zweck und
als Kommandomittel über seine eigene Quelle beginnt die politische Ökonomie
des produktiven Kapitals; usw. Wenn dann – auf viel späterer Stufe
– die Geldhändler aus ihrem Dienst an der Geldzirkulation ein Geschäft
mit dem Verleihen aktuell nicht gebrauchter Geldsummen machen, nämlich
fremdes Kapital vergrößern und dafür am Profit partizipieren, dann
ist die Natur dieses Geschäfts
zu begreifen. Wer da nur bemerken will, dass Mehrwert umverteilt wird
und der Zins den vom kommerziellen Kreditnehmer ausbeuterisch
angeeigneten Früchten der Arbeit entstammt,
wer sich also, methodisch gesprochen, mit der theoretischen Zurückführung
der Konsequenz auf ihre Herleitung zufrieden gibt, der verpasst das
Entscheidende: dass diese Geschäftssphäre sich mit dem neuen
Instrumentarium der Eigentumsübertragung und der Rück- und
Zinsforderung, also mit der rechtlich
verselbständigten Macht des Geldkapitals auf den Verwertungsprozess des
angewandten Kapitals bezieht. Man muss also schon das verselbständigte
Geldkapital und den Zins als Fortschritt in der – wie Marx es ausdrückt
– „Veräußerlichung des Kapitalverhältnisses“ weiterdenken. Da
gibt es dann den Fortgang – um den wir zu Beginn des 2. Kapitels länger
gerungen haben – vom Gebrauch des Geldes als Leihkapital zum
Kapitalmarkt, auf dem das Kreditverhältnis selber zur Handelsware wird.
Die „Logik“ dieses Handels, die Berechnungen, die da zum Zuge
kommen, die neue ökonomische Kategorie der Bewertung, der spekulativen
Ableitung eines Kapitalwerts aus der erwarteten Rendite: das alles ist
gerade nicht verstanden, wenn man immer nur auf den Endpunkt des
vorherigen Ableitungsschritts zurückblickt und festgehalten haben will,
dass in Wertpapieren „letztlich“ doch auch nichts anderes drinsteckt
als ein Stück Leihkapital. Da werden eben finanzkapitalistische
Rechtsverhältnisse in neuer Weise produktiv. Und wenn der spekulative
Charakter dieser eigenartigen Produktivkraft, die Wertschöpfung per
Bewertung, selber zum Geschäftsobjekt wird, dann liegt mit den
Derivaten schon wieder ein – theoretisch weniger bedeutender,
praktisch dafür recht brisanter – Übergang vor. Nur so jedenfalls
kommt man der Logik der Sache auf die Spur – am Ende eben jener
Verselbständigung des Finanzkapitals, die ihm seine praktische Wucht
verleiht.
Denn
die Macht der Branche: ihre Potenz, sich selbst und die restliche Geschäftswelt
auf Schuldenbasis mit Zahlungsmitteln auszustatten, damit die
Akkumulation des eigenen Geldkapitals wie die Kapitalakkumulation in
allen anderen Geschäftszweigen von den Schranken des schon verdienten
Geldes freizusetzen usw., steht und fällt mit ihrer Autonomie, ihrer
aparten Stellung im und zum System, die sie sich mit ihren Diensten an
dessen Funktionieren verschafft. Das Finanzkapital ist das Gewerbe, das
der Konkurrenz der Kapitalisten insgesamt als die verselbständigte
Zusammenfassung, die systemeigene Vergesellschaftung der Privatmacht des
Geldes gegenübertritt und darüber Regie führt. Damit ist es die
gesamtwirtschaftliche Triebkraft
dafür, dass die kapitalistische Produktionsweise sich sämtlicher
gesellschaftlicher Ressourcen und Überlebensbedingungen bemächtigt;
dass „das“ Kapital alle Länder des Globus zu seinen Investitionssphären
macht; dass es nach seinen Bedürfnissen immer neue anspruchsvolle
Verwertungsbedingungen entwickelt und Mensch und Natur dafür
zurechtmacht, also verschleißt. Kraft seiner Sonderstellung im und zum
System ist das Kreditwesen die
„systemische“ Branche schlechthin: Indem es die weltweite Geschäftswelt
mit Geschäftsmitteln versorgt, für seinen Geschäftserfolg in Beschlag
nimmt und von seinen Erfolgen abhängig macht, geht es wie selbstverständlich
von der totalen und totalitären Herrschaft des Geldes über den
Lebensprozess der Menschheit aus und besorgt das Herrschaftsmittel. In
dieser Funktion wird es von der politischen Gewalt nicht gebremst,
sondern anerkannt, beansprucht und gepflegt; der letzte Teil unseres
Aufsatzes wird davon handeln, wie die Staatsgewalt sich in ihrer
Konkurrenz gegen ihresgleichen dieser
Macht des Finanzkapitals bedient – und wie das Finanzkapital auch
dadurch an Macht gewinnt.
Aus
alldem folgt übrigens ein politischer Schluss: Der Kampf um eine Beschränkung
der Freiheiten des Kreditgewerbes gehört in seiner normalen Fassung und
auch dann noch, wenn er in der Krise zum offenen Streit ausartet, zur
unauflöslichen Symbiose von Staatsmacht und Bankwesen dazu. Auch in
seinen radikalsten Varianten hat er mit einem Kampf gegen die Herrschaft
des Kapitals nichts zu tun. Deren Abschaffung geht nur per Kündigung:
dadurch, dass das Kommando des Geldes über die Arbeit von denen aufgekündigt
wird, die sie tun. Damit ist auch aus der Macht der Finanzwelt die Luft
’raus – und nicht nur aus den Blasen.
©
GegenStandpunkt Verlag 2010
[
1 ]
Praktisch
in jeder Nummer seit Heft 3-07.
[
2 ]
In
den Nummern 3-08, 2-09 und 1-10 dieser Zeitschrift.
3
]
Alle
Welt versteht die Sache lieber umgekehrt: Mit der Krise würde offenbar,
dass die Kredite, die das
Finanzgewerbe vergibt, wichtig und produktiv und überhaupt
unverzichtbar sind, die besseren Kreditpapiere
jedoch, an denen dieses Gewerbe am meisten verdient, eigentlich bloße
Blasenbildner, Vorspiegelung falscher Tatsachen, jedenfalls kein
wirklicher geldwerter Reichtum. Wenn das die Wahrheit wäre: was wäre
dann schlimm daran, dass in der Krise „die Blase platzt“ und die
vorgespiegelten Werte ihrer Nichtigkeit überführt werden? Wenn man über
das Finanzkapital Bescheid wissen will, dann sollte man erst einmal
versuchen zu begreifen, was es leistet und was überhaupt los ist, wenn
seine Rechnungen aufgehen;
nur dann weiß man auch, woran es scheitern kann und was alles fällig
ist, wenn es scheitert. Seine Produkte, weil sie sich entwerten können,
für „eigentlich“ nichtig zu erklären, ihr Kaputtgehen also mehr
oder weniger für ihre Erklärung zu nehmen, ist verkehrt, ist eine Art,
sich das Nachdenken darüber zu ersparen, und ist außerdem bedenklich
nahe an der bürgerlichen Denkweise, die die Dinge nach ihrem Erfolg
beurteilt.
4
]
Es
ist der große Fehler der Freunde der „Arbeitswertlehre“, dass sie
im Wert nicht die Indienstnahme der gesellschaftlichen Arbeit – dieses
notwendigen „Stoffwechsels des Menschen mit der Natur“ – für
einen ihr fremden und feindlichen Zweck erkennen, sondern, den bürgerlichen
Ökonomen ähnlich, den Wert für eine hilfreiche Abstraktion halten, nämlich
für die Gleichsetzung verschiedener Arbeiten und Arbeitsprodukte zum
Zweck ihrer leichteren Vergleichbarkeit und Addition. Ihnen gilt die fürs
Eigentum verrichtete Arbeit als eine ganz vernünftige Weise, die für
die Gesellschaft notwendige Arbeit zu organisieren; kritikwürdig finden
sie nur, dass die bürgerliche Welt nicht zugeben mag, dass der ganze
schöne Wert aus Arbeit stammt. Marx’ Kritik der wertschaffenden
Arbeit verstehen sie als deren Rehabilitation und Aufwertung und setzen
dem bürgerlichen Standpunkt den proletarischen Stolz der „Schöpfer
allen Reichtums und aller Kultur“ entgegen, dass ihre Maloche die
einzige und ganze Quelle des Reichtums sei. Aus dem Dienst, den die
Arbeiterschaft dem Gemeinwesen leistet, leiten ihre
politisch-ideologischen Fürsprecher ab, dass der „volle
Arbeitsertrag“, der ihr zustünde, größer auszufallen hätte als der
Lohn, den man ihr zahlt. Marx aber war kein Freund des echten Werts; er
mochte den Arbeitern nicht dazu gratulieren, dass sie und nur sie den
ganzen Wert schaffen. In seiner Kritik
des Gothaer Programms (1875) tritt er einem entsprechenden Lob
der Arbeit durch die damaligen Sozialdemokraten ausdrücklich entgegen: „Die
Arbeit ist nicht die Quelle allen Reichtums“ – jedenfalls
nicht, soweit nicht vom Wert, sondern vom materiellen Reichtum die Rede
ist. Der hängt ebenso von Bedingungen der Natur wie vom Stand von
Wissenschaft und Technik ab. „Die
Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpferkraft
anzudichten“, setzt Marx hinzu: Sie sind die Nutznießer der
Arbeit, die den Wert schafft. Ein sozialistisches Programm aber hätte
sich solcher „bürgerlicher
Redensarten“ zu enthalten (MEW 19, S. 15).
[
5 ]
Marx
greift zu allerlei verwegenen Bildern, um diese Subsumtion der Arbeit
unter das kapitalistisch angewandte Eigentum, die Inkorporation ihrer
Potenzen durch das Kapital, so kenntlich zu machen, dass auch der an
jede marktwirtschaftliche Gemeinheit gewöhnte Verstand die
„der kapitalistischen Produktionsweise eigentümliche und sie
charakterisierende Verkehrung, ja Verrückung des Verhältnisses von
toter und lebendiger Arbeit“ (Das Kapital Bd. 1, MEW 23, S.
329) begreift: „Das Kapital ist
verstorbene Arbeit, die sich vampyrmäßig belebt durch die Einsaugung
lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“
(ebd. S. 247)
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