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Die
Debatte um den Wirtschaftsstandort Deutschland und
die Fakten
Von
Martin Schlegel
Quelle:
Kommunistische-Debatte
Spätestens
seit der Proklamation der Agenda 2010 durch Bundeskanzler Schröder im
Jahr 2003 überbieten sich Parteien, Verbände und Medien mit
Reformvorschlägen für den Umbau des Sozialstaates. Diese Debatten
laufen unter den Schlagworten Standort- oder Schlusslichtdebatte. Beide
Begriffe meinen das Gleiche, der Wirtschaftsstandort Deutschland sei
wegen zu hoher Löhne, zu hohen Lohnnebenkosten für die Unternehmen, zu
kurzer Arbeitszeiten und zu arbeiternehmerfreundlicher gesetzlicher
Regelungen gefährdet. Dies seien auch die Gründe, warum Deutschland
beim Wirtschaftswachstum das Schlusslicht innerhalb der OECD sei. Den
Ton dieser Debatte gibt gut das Buch des Präsidenten des IFO-Instituts,
Hans-Werner Sinn, wieder: „Ist Deutschland noch zu retten?“ Der
Titel suggeriert, dass Deutschland ein nahezu rettungslos verlorener
Wirtschaftsstandort sei, um dann Radikalkuren wie die Rückkehr zur
42-Stundenwoche vorzuschlagen. Mit diesen Debatten wird ein neues
Kapitel in der Auseinandersetzung zwischen Lohnarbeit und Kapital
aufgeschlagen. Gelang es der Arbeiterklasse in den letzten Jahrzehnten,
reale Lohnzuwächse und Arbeitszeitverkürzungen zu erkämpfen, so
versucht nun das Kapital, Lohnsenkungen durch Verlängerung der
Arbeitszeit ohne Lohnausgleich, Senkung der Lohnnebenkosten für die
Arbeitgeber und zunehmend auch direkten Lohnverzicht durchzusetzen.
Begonnen wurden diese Angriffe in der Elektro- und Automobilindustrie,
zwei Branchen, die im letzten Jahrzehnt wachsende Teile ihrer Produktion
in Länder mit niedrigeren Löhnen verlagert haben. Inzwischen werden
diese Forderungen von Arbeitgeberseite flächendeckend erhoben. Die
Drohungen mit Werkschließungen im Inland und Produktionsverlagerungen
ins Ausland sind ein starkes Druckmittel, um Zugeständnisse von den
Arbeitnehmern zu erreichen.
Im
folgenden Artikel werden einige Fakten zu dieser Standortdebatte
zusammengestellt. Es wird sich zeigen, dass in dieser Debatte die Daten
so präsentiert werden, dass sie Argumente für die angebliche
Notwendigkeit von Lohnsenkungen hergeben.
Die
verwendeten Quellen sind im Internet einsehbar. Sie sind leicht unter
Angabe des Titels in einer Suchmaschine zu finden.
1.
Darstellung der Wirtschaftsentwicklung Deutschlands anhand aktueller
Debatten
1.1
Schlusslichtdebatte: Vergleich des Wirtschaftswachstums in den USA und
in Deutschland
Zur
Auseinandersetzung mit der Schlusslichtdebatte wird in diesem Kapitel
vor allem das Wirtschaftswachstum in Deutschland und den USA miteinander
verglichen. Der Grund für diesen Vergleich ist, dass die USA
hierzulande oft als Modellökonomie bezeichnet werden. Die USA gelten
mit China als Wachstumslokomotiven der Weltwirtschaft mit Wachstumsraten
weit über denen Deutschlands und der EU. Oft wird gefolgert, der
Wirtschaftsstandort Deutschland müsse das Wirtschaftsmodell der USA übernehmen,
um zu höherem Wirtschaftswachstum zu kommen. Daher wird im Folgenden
die Frage behandelt, ob die höheren Löhne und Sozialstandards in
Deutschland im Vergleich zu den USA wirklich zu niedrigeren
Wachstumsraten geführt haben. Es zeigt sich, dass das nicht der Fall
ist.
Ein
Vergleich des Wirtschaftswachstums von zwei Ländern ist erst dann
aussagekräftig, wenn er sich über einen längeren Zeitraum erstreckt,
da die Konjunktur- und Krisenzyklen in diesen Ländern nicht
gleichzeitig verlaufen müssen. Der Untersuchungszeitraum sollte also
jeweils einen Wirtschaftszyklus der zu vergleichenden Volkswirtschaften
umfassen. In der öffentlichen Debatte werden statt solcher
Langzeitvergleiche meist jedoch nur die Vierteljahreszahlen zum
Wirtschaftswachstum verwendet. Diese Daten besitzen nicht nur eine
schmale Datenbasis, sondern beruhen häufig auf Schätzungen und Angaben
der Unternehmen zu ihren Umsatz- und Gewinnerwartungen. So mussten in
den letzten 10 Jahren die Angaben zum Wirtschaftswachstum in den USA
nicht nur wegen der Bilanzfälschereien bei Enron, Worldcom und Co.
nachträglich nach unten korrigiert werden, sondern auch wegen zu hoher
Umsatzprognosen von Unternehmen, die ihren Börsenwert steigern wollten.
Diese nachträglichen Korrekturen werden mangels Publizität in der Öffentlichkeit
wenig wahrgenommen.
Anhand
von M3 [1] wird im Folgenden dargestellt, warum die in der öffentlichen
Debatte normalerweise verwendete Größe des Wachstums des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) die Entwicklung einer Volkswirtschaft irreführend
wiedergibt. M3 vergleicht das Wirtschaftswachstum Deutschlands und der
USA für den Zeitraum 1991 bis 2001. Dieser Zeitraum umfasst für
Deutschland zwei Sonderfaktoren, nämlich die deutsche Wiedervereinigung
und die Einführung des Euro. Für die USA fällt in diesen Zeitraum der
erste Golfkrieg und die so genannte „New Economy“ in den Jahren 1995
bis 2000. Im Anschluss an die Betrachtung von M3 werden die
Untersuchungen von DBR1 [2] und SG02 [3] für den Zeitraum von
1971 – 2003 dargestellt, die die Ergebnisse von M3 bestätigen.
Nach
M3 war das Wachstum des BIP im Zeitraum 1991 – 2001 mit 2,9 % in
den USA um 1,3 % höher als in Deutschland. M3 wie auch SG02 führen
aus, warum die Betrachtung des BIP prinzipiell unzureichend für den
Vergleich der Wachstumsraten zweier Volkswirtschaften ist:
Das
BIP ist ein Maß für die in einer Volkswirtschaft in einem bestimmten
Zeitraum erbrachte gesamtwirtschaftliche Leistung, sein Wachstum stellt
also das Produktionswachstum dar und hängt von der Entwicklung der in-
und ausländischen Nachfrage ab. Der Vergleich des BIP-Wachstums berücksichtigt
unter anderem nicht die unterschiedliche Bevölkerungsentwicklung in den
Vergleichsländern. So stieg im betrachteten Zeitraum die Bevölkerung
der USA durch Zuwanderung und höhere Geburtenrate um 1 %, die
Deutschlands dagegen nur um 0,3 %. Um den gleichen Zuwachs des BIP
pro Kopf zu erzielen, musste die US-Industrie ein um 0,7 % höheres
BIP-Wachstum erzielen als die deutsche. Die Differenz bei dem
BIP-Wachstum zwischen Deutschland und den USA verringert sich unter
diesem Gesichtspunkt bereits um fast die Hälfte.
Für
ein Bild der Produktivität einer Volkswirtschaft ist nicht das BIP pro
Kopf, sondern das BIP pro Erwerbstätigen maßgeblich, da sich das BIP
pro Kopf auf die Gesamtanzahl der Bevölkerung eines Landes bezieht,
unabhängig davon, welcher Anteil der Bevölkerung erwerbstätig ist. In
den USA erhöhte sich nach M3 der Anteil der Erwerbstätigen an der
Gesamtbevölkerung von 46,6 % im Jahr 1991 auf 48,6 % im Jahr
2001, in Deutschland sank er im gleichen Zeitraum von 48,1 % auf
47,3 %, was an höherer Arbeitslosigkeit und größerem
Rentneranteil liegt. Betrachtet man das Produktionswachstum pro Erwerbstätigen
so beträgt der Wachstumsunterschied zwischen Deutschland und den USA
nur noch 0,3 %.
Auch
das BIP pro Erwerbstätigen hat nur bedingte Aussagekraft für die
Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft, da es nicht berücksichtigt,
mit welcher Arbeitszeitdauer pro Erwerbstätigen es zustande gekommen
ist. Ein aussagekräftigeres Maß für das tatsächliche Produktivitätswachstum
erhält man, wenn man das Wachstum des BIP auf die Erwerbstätigenstunde
bezieht. Während in den USA das Arbeitsvolumen zwischen 1991 und 2001
um 1 % gestiegen ist, ist es in Deutschland um 0,4 % gefallen.
„Berücksichtigt man schließlich auch diesen Arbeitseinsatzeffekt, so
nivelliert sich der Unterschied zwischen den USA und Deutschland auf
gesamtwirtschaftlicher Ebene vollends.“ (M3) Nach DBR2 [4] wird zur
Berechnung des Produktionswachstums in der EU das gesamte BIP einschließlich
des Staatssektors herangezogen, während es in den USA auf die
Privatwirtschaft außerhalb der Landwirtschaft bezogen wird. Die
aussagekräftigste Vergleichszahl für die Entwicklung einer
Volkswirtschaft ist daher das von M3 genannte Wachstum der
Industrieproduktion pro Arbeitsstunde. Die Stundenproduktion der
US-Industrie wuchs zwischen 1991 und 2001 um 3,6 % pro Jahr, die
der deutschen Industrie um 5 % pro Jahr.
Sowohl das BIP pro Kopf, das pro Erwerbstätigem wie das BIP pro
Erwerbstätigenstunde beinhalten die Wertschöpfung bei einem jeweils
gegebenen technischen Niveau. Ein Anwachsen dieser Größe kann somit
auf produktiveren Maschinen, Intensivierung der Arbeit oder einer
Kombination von beiden Faktoren beruhen. Die höhere Wachstumsrate des
BIP in den USA gegenüber der in Deutschland bedeutet somit, dass das
BIP pro Erwerbstätigenstunde gleich gewachsen ist, nur, dass die US-Bevölkerung
stärker gewachsen ist als die deutsche und länger arbeitet. Das
geringere Wachstum der industriellen Stundenproduktivität in den USA im
Vergleich zur deutschen zeigt darüber hinaus, dass die technologische
Erneuerung der US-Industrie geringer ist als die der deutschen.
Die
Arbeitszeiten der Erwerbstätigen in Deutschland und den USA sind sehr
unterschiedlich. Betrugen nach OECD1 [5] in den USA die
durchschnittlichen jährlichen Arbeitszeiten eines Erwerbstätigen im
Jahr 1979 1833 Stunden und im Jahr 2003 1792 Stunden, so waren es in
Westdeutschland im Jahr 1979 1758 Stunden und im Jahr 2003 in
Gesamtdeutschland 1446 Stunden. In den verschiedenen Veröffentlichungen
zu diesem Thema finden sich unterschiedliche Angaben zu den
Jahresarbeitszeiten. Unstrittig ist, dass die Jahresarbeitszeit der
Erwerbstätigen in den USA deutlich länger ist als die der deutschen.
Der
Bericht DBR1 stützt die Ergebnisse von M3. Da die in DBR1 angegebenen
Daten den Zeitraum von 1971 bis 2003 umfassen, werden sie hier aufgeführt.
Tabelle
1
|
|
Wachstum
des BIP
[% pro Jahr]
|
Wachstum
des BIP pro Kopf
[% pro Jahr]
|
|
|
Deutschland
|
EU
15
|
USA
|
Deutschland
|
EU
15
|
USA
|
|
1971
– 1980
|
3,0
|
3,2
|
3,6
|
2,8
|
2,8
|
2,5
|
|
1981
– 1990
|
1,9
|
2,2
|
3,1
|
1,8
|
2,0
|
2,1
|
|
1991
– 1995
|
2,0
|
1,6
|
2,5
|
1,5
|
1,2
|
1,1
|
|
1996
– 2000
|
1,8
|
2,7
|
4,1
|
1,7
|
2,4
|
2,9
|
|
2001
– 2003
|
0,3
|
1,1
|
1,9
|
0,2
|
0,8
|
0,9
|
|
1971
– 2003
|
2,2
|
2,4
|
3,1
|
2,0
|
2,0
|
2,0
|
In
SG02 Tabelle 49 werden zusätzlich folgende Daten zum Wachstum des BIP
pro Erwerbstätigen angegeben: Im Zeitraum von 1970 bis 2001 wuchs das
BIP pro Erwerbstätigen in Deutschland um 1,7 %, in der EU ohne
Deutschland um 2 % und in den USA um 1,4 %. Berücksichtigt
man den oben genannten stärkeren Rückgang der Jahresarbeitszeit in
Deutschland im Vergleich zu den USA, so wird der Vorsprung des
Produktivitätswachstums (Wachstum pro Erwerbstätigenstunde) für den
Zeitraum von 1970 bis 2001 gegenüber dem in den USA noch deutlicher als
bei Betrachtung des Wachstums des BIP pro Erwerbstätigen. Weder für
die letzten 10 noch für die letzten 30 Jahre ergibt sich somit ein
Wachstumsvorsprung der Leistungsfähigkeit der US-Wirtschaft gegenüber
der deutschen und europäischen.
Auffällig
an den Daten ist, dass das BIP pro Kopf und auch das BIP pro Erwerbstätigen
(SG02 Tabelle 49) in Deutschland seit 1995 langsamer wächst als in den
USA und in den damals 15 EU-Staaten (EU15). Ein Großteil des
Wachstumsunterschieds des BIP pro Erwerbstätigen zwischen den USA und
Deutschland während der „New Economy“–Jahre 1995 bis 2000 ist,
wie M3, M11 [6] und DBR1 darstellen, auf unterschiedliche
Messmethoden (hedonische Preismessung) und unterschiedliche
Erfassungsverfahren der Investitionen in die Informations- und
Kommunikationstechnologie zurückzuführen (vgl. Schlegel [7]).
Seit Mitte der 80er Jahre sind die USA von einem Nettogläubigerland zu
einem Schuldnerland gegenüber dem Ausland geworden, was bedeutet, dass
seitdem ein Teil des Wachstums der US-Wirtschaft auf Pump im Ausland
beruht (siehe die ausführliche Studie SWP1 [8]).
Auf
weitere Aspekte beim Wachstumsvergleich der US- und der deutschen
Wirtschaft ist hinzuweisen: Das US-Wirtschaftswachstum hängt stärker
vom privaten Konsum ab als das deutsche. So liegt der Anteil des
privaten Konsums am BIP in den USA seit 1970 deutlich über dem
deutschen, derzeit beträgt er in den USA rund 70 % [9], in
Deutschland unter 60 %. Der über vergleichbaren Industrieländern
liegende private Konsum der US-Bevölkerung ist auch die Hauptursache
des wachsenden Handelsbilanzdefizits der USA. Im Jahr 2001 verursachte
nach M2 [10] die Einfuhr von Konsumgütern 40 % des
Handelsbilanzdefizits. Andererseits ist vom Verbrauchsverhalten des
amerikanischen Konsumenten das Wirtschaftswachstum vieler Exportnationen
abhängig. Der private Konsum in den USA stieg von 1988 bis zum Jahr
2003 um 53 %, wobei knapp 24 % davon auf die Zeit seit 1998
entfielen. Seit 1988 stiegen aber die Löhne real nur um 6 %
(SWP1). Folge des weit über dem Einkommenswachstum liegenden Wachstums
des privaten Konsums in den USA ist der Rückgang der privaten Sparquote
auf unter 2 % im Jahr 2001 und die stark gewachsene Verschuldung
der privaten Haushalte. Ein Teil des Konsums in den USA wurde angesichts
der niedrigen Zinsen durch Aufnahme höherer Hypotheken auf Immobilien
in der Hoffnung auf weiter steigende Immobilienpreise finanziert. Es ist
davon auszugehen, dass ein Großteil dieser Immobilienpreissteigerungen
spekulativ ist. Der zu erwartende Wertverfall der Immobilien bei
gleichzeitig steigenden Zinsen wird den amerikanischen Konsum dämpfen
und weit reichende Auswirkungen auf die Weltkonjunktur haben. Eine
detaillierte Diskussion diese Themas findet sich in SWP1.
Anzumerken
ist weiterhin, dass die deutsche Wirtschaft deutlich stärker
warenproduzierend orientiert ist als die amerikanische. So trug der
produzierende Sektor in Deutschland im Jahr 2001 30 % zum
Bruttosozialprodukt bei (DESTATIS1 [11] Seite 288), während der
entsprechende Anteil in den USA im Jahr 2000 15 % betrug (ERP04 [12]
Seite 60). Der Anteil des produzierenden Gewerbes am gesamten BIP hat
sich in den USA seit dem Jahr 2000 weiter verringert, da die Produktion
des verarbeitenden Gewerbes in den USA nochmals um 7 % schrumpfte
(ERP04 Seite 54).
Zwar
liegen die Wachstumsraten der Produktivität der deutschen Wirtschaft im
Langzeitvergleich über denen der USA, aber die Nachfrage und damit das
Produktionswachstum sind nicht gleich stark gewachsen, um die durch
Rationalisierung und Verlagerung ins Ausland verloren gegangenen
Arbeitsplätze ersetzen zu können. Betrug 1971 die Arbeitslosenquote in
Deutschland 0,4 %, so betrug sie im Jahr 2003 9,2 % (DESTATIS2 [13]
Tabelle 1.1.11). In den USA betrug die Arbeitslosenquote im Jahr 1970
wie im Jahr 2003 6 %, das heißt, dort baute sich also kein
vergleichbarer Sockel von Langzeitarbeitslosigkeit auf. Der Schluss ist
nahe liegend, dass die steigende strukturelle Arbeitslosigkeit in
Deutschland gerade an dem stärkeren Produktivitätswachstum in
Deutschland liegt. Denn dieses bedeutet, dass relativ immer weniger
Arbeit benötigt wird, um die gleiche Anzahl von Produkten herzustellen.
Dies
kommt wesentlich durch den Einsatz von effektiveren Maschinen zustande,
der andererseits einen höheren Kapitaleinsatz erfordert, um einen neuen
Arbeitsplatz zu schaffen. Wächst dann die Nachfrage nicht mit dem
Produktivitätswachstum, so fallen Arbeitsplätze weg. Den Zusammenhang
zwischen dem höheren Produktivitätswachstum in Deutschland im
Vergleich zu den USA und der höheren Arbeitslosigkeit in Deutschland
belegt auch die Untersuchung von SG02, Seite 313 folgende, in der die
Beiträge von Arbeit, Kapital und technischem Fortschritt zum Wachstum
des BIP getrennt dargestellt werden. Der Schluss ist, dass der Faktor
Arbeit in den Vereinigten Staaten einen wesentlich größeren Beitrag
zum Wirtschaftswachstum geleistet hat als in Deutschland. Um ein
Beispiel für die zunehmende Technologisierung der Produktion in
Deutschland zu geben, werden folgende Daten aus UNECE [14] angeführt.
Seit dem Jahr 2001 ist Deutschland nach Japan der zweitgrößte Anwender
und Produzent von Industrierobotern. Der Einsatz von Industrierobotern
in Deutschland hat sich seit dem Jahr 1990 etwa vervierfacht. Im Jahr
2003 kamen auf je 10.000 Beschäftigte in der Industrie 148
Industrieroboter (mehr als doppelt so viel wie in den USA), im
Automobilbau waren es sogar 1.000 Industrieroboter je 10.000 Beschäftigte.
Zu
den Wachstumsunterschieden des BIP zwischen Deutschland und der EU führt
SG02 auf Seite 211 folgende aus: Mindestens ein Drittel der für die
zweite Hälfte der Neunzigerjahre festgestellten Wachstumsunterschiede
zwischen Deutschland und den europäischen Partnerländern ist auf die
tiefe Krise der Bauwirtschaft zurückzuführen. Ein weiteres Drittel des
Wachstumsunterschieds liegt an den Transferleistungen von den alten
Bundesländern (ABL) zu den neuen Bundesländern (NBL). Von den
durchschnittlich 90 Milliarden Euro Transferleistungen pro Jahr in der
zweiten Hälfte der Neunzigerjahre flossen nur 15 % in
Investitionen. Ein weiterer Grund für die unter dem EU-Durchschnitt
liegenden Wachstumsraten des BIP in Deutschland liegt in der
unterschiedlichen Wirkung der Einführung des Euro auf die einzelnen
Volkswirtschaften. Für Länder, die wegen schwächerer Währung zuvor höhere
Zinssätze als die in Deutschland hatten, führte die Einführung des
Euro zu einer Senkung der Zinssätze und damit zu höheren Investitionen
und zur Entlastung der Staatshaushalte. Für Deutschland, dessen Zinssätze
vor Einführung des Euro die niedrigsten der EU waren, ergaben sich
keine entsprechenden Anreize. Die weitgehend kreditfinanzierten
Transferleistungen in die NBL führten zu einer schnell wachsenden
Verschuldung der öffentlichen Haushalte und dementsprechend steigendem
Schuldendienst und sinkenden staatlichen Investitionen. Nach DESTATIS3 [15]
beträgt der Anteil der Zinsausgaben aller öffentlichen Haushalte an
den Steuereinnahmen derzeit etwa 15 %.
Im
Zusammenhang mit der Debatte, ob die hohen Lohn- und Lohnnebenkosten das
Wirtschaftswachstum in Deutschland behindern, ist insbesondere die
Haltung der Gewerkschaften interessant. Ihre Aufgabe ist es, Lohnerhöhungen
zu erkämpfen, zumindest aber das Lohnniveau und die erreichten
Arbeitsbedingungen zu verteidigen. Den Gewerkschaften und ihren
Forschungsinstituten liegen die hier verwendeten Daten vor, die zeigen,
dass die im Vergleich zu anderen Ländern teilweise höheren Löhne in
Deutschland keinen Wachstumsnachteil diesen Ländern gegenüber
bedeuten. Die Wirtschaftsabteilungen der Gewerkschaften haben sogar
entsprechende Untersuchungen durchgeführt, wie zum Beispiel VERDI mit
dem Bericht: „Mythos Standortschwäche“. Es stellt sich die Frage,
warum die Gewerkschaften mit diesen Erkenntnissen nicht in die Offensive
gehen. Schlimmer noch, mit ihrer Hilfe werden teilweise die
Arbeitszeitverlängerungen und der Lohnabbau durchgesetzt. Dieses
Verhalten der Gewerkschaften erfordert Diskussion.
Zusammenfassung:
Eine
Argumentation, die die Wachstumsraten des BIP dazu benutzt, fehlende
Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu
behaupten, ist nicht seriös. Der Vergleich des Produktionswachstums pro
Erwerbstätigenstunde zeigt, dass das Produktivitätswachstum in
Deutschland im Vergleich zur US-Wirtschaft sowohl in den letzten 10
Jahren als auch in den letzten 30 Jahren höher war. Die höheren Löhne
und Sozialstandards in Deutschland führten zu verstärktem Ersatz
menschlicher Arbeit durch Maschinen. Dadurch wuchs die Produktion pro
Arbeitsstunde in Deutschland stärker als in den USA. Die Forderung,
Deutschland müsse das amerikanische Wirtschaftsmodell übernehmen, um höhere
Wirtschaftswachstumsraten zu erzielen, ist somit Propaganda. Die
eigentliche Frage ist, warum das Absatzwachstum nicht mit dem
Produktivitätswachstum Schritt halten kann, womit das Produktivitätswachstum
beschäftigungsneutral ausfallen würde.
Trotz
des im Vergleich zu Konkurrenten stärkeren Wachstums der Leistungsfähigkeit
der deutschen Wirtschaft wird von den Unternehmerverbänden und den
ihnen nahe stehenden Institutionen und Zeitungen gebetsmühlenhaft der
Untergang des Wirtschaftsstandorts Deutschland beschworen. Den Grund
erkennt man, wenn man die vorgebrachten „Rettungsvorschläge“
ansieht, nämlich die Verlängerung von Arbeitszeit ohne Lohnausgleich,
die Absenkung der Lohnnebenkosten für die Unternehmen und Lohnsenkungen
für die Erwerbstätigen sowie aktuell noch die Senkung der
Unternehmenssteuern. Dass dies der Zweck der Standortdebatte ist, wird
in den nächsten Kapiteln weiter entwickelt.
1.2
Exporterfolge Deutschlands und die Basarökonomiedebatte
Der
Propaganda von dem angeblich nicht konkurrenzfähigen
Wirtschaftsstandort Deutschland widersprechen die wachsenden
Exporterfolge der deutschen Wirtschaft. So stiegen nach DESTATIS4 [16]
die Exporte Deutschlands allein im Jahr 2004 real um mehr als 8 %,
wobei 90 % der Exporte Warenexporte sind. Insgesamt fast 30 %
der Bruttowertschöpfung in Deutschland ging im Jahr 2004 in den Export.
Gegenüber dem Exportüberschuss von 11,2 Milliarden Euro im Jahr 1991
hat sich der Exportüberschuss mit einem Wert von 126,2 Milliarden Euro
im Jahr 2002 mehr als verzehnfacht. Gegenüber dem Handelsüberschuss
von 64,9 Milliarden Euro im Jahr 1998 hat sich der Handelsüberschuss
Deutschlands im Jahr 2002 nahezu verdoppelt (BWA1 [17]).
Da
die These der fehlenden Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft
derzeit der propagandistische Haupthebel ist, um Druck auf die Erwerbstätigen
auszuüben, werden somit Argumente gebraucht, die die deutschen
Exporterfolge relativieren. Dazu dient die Theorie von der Basarökonomie,
die wesentlich von dem Präsidenten des IFO-Instituts, Hans-Werner Sinn,
aufgestellt wurde. Die Theorie behauptet, dass in Deutschland zunehmend
nur noch Handel mit importierten Produkten stattfindet, zu denen in
Deutschland immer weniger Wertschöpfung zugefügt wird, weil die Arbeit
in Deutschland zu teuer sei. Die Exporterfolge deutscher Waren wären
demnach kein Zeichen für die Konkurrenzfähigkeit der deutschen
Wirtschaft, sondern der Länder, aus denen die Vorprodukte stammen,
womit die Verlagerung der Produktion in diese Länder folgerichtig ist.
Die sinkende Wertschöpfungsquote am Export, das heißt der steigende
Importanteil eines Exportprodukts, wird als Beleg für die fehlende
Konkurrenzfähigkeit des deutschen Arbeitsmarkts dargestellt. Die
Theorie der Basarökonomie formuliert damit die Alternative:
Arbeitsplatzverlagerung oder Lohnabbau.
Nach
Tabelle 1 von M15 [18] ergeben sich folgende Daten zum Export
Deutschlands und zum Importanteil am Export:
Tabelle
2
|
|
1991
|
1995
|
2000
|
2002
|
|
Exporte
[Mrd. Euro]
|
347.120
|
421.890
|
662.159
|
732.530
|
|
Importanteil
an den Exporten [%]
|
26,7
|
29,7
|
38,1
|
38,8
|
|
Anteil
der Wertschöpfung des Exports an der gesamten Wertschöpfung in
Deutschland [%]
|
19,8
|
17,9
|
22,0
|
22,4
|
Aus
dieser Tabelle lässt sich ablesen, dass der Export im Jahr 2002 mit
22,4 % trotz gestiegenen Importanteils einen höheren Anteil an der
gesamten Wertschöpfung in Deutschland geleistet hat als 1991 mit 19,8 %.
Das heißt, die Auslandsnachfrage stieg stärker als der Importanteil an
den Exporten, wodurch in Deutschland Arbeitsplätze gesichert wurden.
Ein Grund für die gestiegene Auslandsnachfrage liegt in der
Verbilligung der Exporte durch den gestiegenen Importanteil, es gibt
aber auch andere Gründe, zum Beispiel die seit Jahren im Vergleich zu
Konkurrenten geringer steigenden Lohnstückkosten (DESTATIS4). So fielen
die Lohnstückkosten im Jahr 2004 um 1,3 % gegenüber 2003.
Generell gilt, dass ein wachsender Importanteil am Export dann die inländische
Wertschöpfung verringert, wenn der Umfang des Exports gleich bleibt. Wächst
jedoch die Menge des Exports schneller als sein Importanteil, so steigt
die inländische Wertschöpfung, sofern dieses Wachstum nicht durch
Rationalisierung im Inland aufgefangen wird.
Um
einen Überblick über die ausländischen Vorleistungen an den deutschen
Exporten in verschiedenen Branchen zu geben, wird Tabelle 2 von M15
wiedergegeben (vergleiche DESTATIS4).
Tabelle
3
|
|
1991
|
1995
|
1998
|
2000
|
|
|
[%]
|
[%]
|
[%]
|
[%]
|
|
Textilien
|
37,7
|
46,6
|
51
|
53,8
|
|
Bekleidung
|
51
|
72,8
|
79,2
|
81,6
|
|
Pharmazeutische
Erzeugnisse
|
31
|
33,6
|
38,8
|
43,1
|
|
Chemische
Erzeugnisse
|
26
|
27,7
|
33,2
|
40,7
|
|
Maschinen
|
22
|
24,3
|
27,8
|
31,7
|
|
Büromaschinen,
Datenverarbeitungsgeräte
|
56,8
|
73,1
|
78,7
|
80,2
|
|
Automobilindustrie
|
26,9
|
29,9
|
31,6
|
37,7
|
|
Sonstige
Fahrzeuge
|
56,8
|
51,6
|
62,4
|
67,4
|
|
Verarbeitendes
Gewerbe insgesamt
|
29,5
|
33,1
|
36,4
|
42,4
|
Nach
DBR3 [19] ergibt sich folgendes Bild des Zusammenhangs von
Produktionsverlagerungen ins Ausland und dem Produktionswachstum in
Deutschland: Zum Teil dienen die Standortverlagerungen dazu, die
dortigen Märkte zu bedienen, das gilt vor allem für weit entfernte Märkte
wie China. Zum anderen dienen sie aber auch dazu, kostengünstigere
Vorprodukte für die Weiterverarbeitung in deutschen
Produktionsstandorten zu fertigen. Von dieser Verlagerung sind vor allem
die arbeitszeitintensiven Tätigkeiten betroffen. Sie werden bevorzugt
in die osteuropäischen EU-Beitrittsländer verlagert, zu denen ein großes
Lohngefälle besteht, aber bei denen gleichzeitig die Transportwege kurz
sind. Folge der Verlagerung der Produktion von Teilprodukten aus
Deutschland ins Ausland ist, dass der in Deutschland geleistete Anteil
am Wert des Endprodukts abnimmt.
Dass
die Produktionsverlagerung nicht notwendig zu einem Rückgang der Beschäftigten
in der verlagernden Branche führt, zeigt das Beispiel der
Automobilindustrie. So wuchs die Beschäftigtenzahl in der
Automobilindustrie in Deutschland von 1994 bis 2003 um 20 % (DBR3).
Dies kam zustande, weil die Produktion in der Automobilindustrie allein
in den Jahren 1997 bis 2004 um 50 % wuchs (DBR4 [20]) und
damit höher war als der durch Produktivitätswachstum und die
Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland erfolgte Arbeitsplatzabbau.
Nach M15 wuchs die exportinduzierte inländische Wertschöpfung in der
Automobilindustrie um 80 %. In der Elektroindustrie stieg die
Produktion in den Jahren 1991 bis 2001 um 29 % (DBR3), die Beschäftigungszahl
sank jedoch zwischen 1994 und 2003 um 13 %.
Die
genannten Zahlen decken sich mit Tabelle 77 von SG04 [21]. SG04
beziffert auf Seite 477 den Arbeitsplatzgewinn der deutschen Industrie
durch gestiegenen Export für die Jahre 1995 bis 2001 auf 300.000, wobei
die Arbeitsplätze, die aufgrund des Imports von Vorprodukten
weggefallen sind, abgezogen wurden. Das heißt, derzeit ist der Gewinn
an Arbeitsplätzen für den Export im Inland höher als der Verlust von
Arbeitsplätzen durch gestiegenen Importanteil am Export. M15 beziffert
für die 90er Jahre den Arbeitsplatzabbau im verarbeitenden Gewerbe auf
3,2 Millionen insgesamt. Diese Zahl macht deutlich, dass der wachsende
Importanteil an den Exporten nicht die Ursache für die steigende
Arbeitslosigkeit ist. Schon aus diesem Gesichtspunkt erweist sich die
Basarökonomiedebatte als ein bewusst zur Irreführung eingesetztes
Instrument.
Die
genannten Zahlen zeigen, dass kein notwendiger Zusammenhang zwischen der
Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland und der Reduzierung von
Arbeitsplätzen in Deutschland besteht. Am Beispiel der
Automobilproduktion, wo ein Produktionswachstum von mehr als 50 %
nur rund 20 % mehr Beschäftigung im Inland schuf, wird aber
deutlich, dass ein überproportionales Produktionswachstum erforderlich
ist, bis es im Inland zu Neueinstellungen kommt. Das Produktionswachstum
von 29 % in der Elektroindustrie führte zu Arbeitsplatzabbau, es
reichte also nicht aus, um den Arbeitsplatzabbau durch Rationalisierung
und Produktionsverlagerung ins Ausland zu kompensieren. Ein
Produktionswachstum wie in der Automobilindustrie, das zu
Arbeitsplatzwachstum führte, kann nur stattfinden, wenn die Endprodukte
technologisch führend und vom Preis her konkurrenzfähig sind. Dass das
in der Automobilindustrie der Fall ist, zeigt die Tatsache, dass rund 70 %
der Produkte der deutschen Automobilindustrie exportiert werden (DBR4).
Als wesentlichen Grund für die Konkurrenzfähigkeit deutscher Produkte
benennt SG04 auf Seite 472, dass sich die Kostensituation deutscher
Unternehmer seit 1995 günstiger entwickelte als die ihrer Konkurrenten.
Es
gibt zwei unterschiedliche Kritikansätze gegenüber der Theorie der
Basarökonomie. Der eine (DIW1 [22]) geht vom Außenbeitrag aus, um
daraus auf die Wertschöpfung im Inland zu schließen. Der andere (BWA1,
SG04 und M15) untersucht direkt die inländische Wertschöpfung. Im
Endeffekt kommen beide Ansätze zu gleichen Ergebnissen.
Die
Kritik des DIW-Artikels besteht darin, dass in der Theorie der Basarökonomie
aus der gesunkenen inländischen Wertschöpfungsquote geschlossen wird,
dass die inländische Wertschöpfung selbst gesunken sei, was dann
Ausdruck der abnehmenden Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft
wäre. Der Ansatz, dies aus dem wachsenden Anteil von importierten
Vorprodukten in einzelnen Branchen ableiten zu wollen, ist methodisch
falsch. Für den Nachweis, dass die Wertschöpfung am Export in
Deutschland abnimmt, muss der Außenbeitrag (Exportüberschuss), der aus
der Differenz aller realen Exporte und realen Importe besteht,
untersucht werden. Der Wert der Importe wird bei der Berechnung des Außenbeitrags
von dem Wert der Exporte abgezogen. Selbst wenn man unterstellt, dass sämtliche
Importe Vorleistungen für Exporte wären, so bedeutet ein positiver Außenbeitrag,
dass die Wertschöpfung für den Export im Inland steigt. Betrachtet man
den realen Außenbeitrag nach 1990, so zeigt sich, dass dieser bis auf
drei Quartale durchgehend positiv war. Im Jahr 2004 betrug der Außenbeitrag
nach Angaben des statistischen Bundesamtes 116,8 Milliarden Euro, mit
8,2 % stiegen die Exporte deutlich stärker als die Importe mit 5,2 % [23].
Die Schlussfolgerung des DIW-Artikels ist, dass die These einer
abnehmenden Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen nicht
haltbar ist.
BWA1,
SG04 und M15 kommen auf anderem Weg zum gleichen Schluss. Betrachtet
werden direkt die Wertschöpfung und Wertschöpfungsquoten in der
Gesamtwirtschaft, dem verarbeitenden Gewerbe und dem
Dienstleistungsbereich, M15 betrachtet die Wertschöpfung im
Exportbereich. Das Ergebnis der Untersuchungen ist, dass die inländische
Wertschöpfung insgesamt wie im Exportbereich zugenommen hat. Der Grund
dafür ist, dass die Produktion und damit die Wertschöpfung im Inland
stärker gestiegen ist als die Abnahme der Wertschöpfungsquote durch
Produktionsverlagerung ins Ausland.
Zusammenfassung:
Die
deutsche Industrie bezieht zunehmend mehr Vorprodukte aus dem Ausland.
Der damit verbundene Arbeitsplatzabbau kann nur kompensiert werden, wenn
die Produktion stärker steigt als die inländische Wertschöpfungsquote
sinkt. Die Tatsache, dass der Arbeitsplatzgewinn durch die gestiegenen
Exporte in den letzten 10 Jahren größer war als der
Arbeitsplatzverlust durch Produktionsverlagerung ins Ausland, zeigt,
dass der Hauptgrund für die wachsende Arbeitslosigkeit in Deutschland
nicht die fehlende Wettbewerbsfähigkeit, sondern die zunehmende
Rationalisierung ist. Entgegen der These der Basarökonomie hat die
Wertschöpfung in Deutschland im letzten Jahrzehnt insgesamt wie an den
Exporten zugenommen. Die Propagierung der These von der Basarökonomie
erweist sich somit als Versuch, die These von der mangelnden Konkurrenzfähigkeit
Deutschlands trotz der Exporterfolge aufrecht zu erhalten. Ziel dieser
Debatte ist es, Druck auf die Erwerbstätigen auszuüben, damit sie
Angriffen auf ihre Löhne und Arbeitsbedingungen zustimmen.
1.3
Die Debatte um das Scheitern des Wirtschaftsaufbaus Ost
Regelmäßig
taucht in den wirtschaftspolitischen Debatten das Thema des Erfolgs und
der weiteren Ausgestaltung des Wirtschaftsaufbaus Ost auf. Im Folgenden
wird nicht auf die Debatte selbst eingegangen, sondern es werden einige
Daten zusammengestellt und im Zusammenhang mit der Standortdebatte
Deutschland bewertet.
Die
deutsche Wiedervereinigung brachte einige ökonomische Besonderheiten
mit sich, zum Beispiel die weit gehende Liquidierung der DDR-Wirtschaft
und den Versuch, konkurrenzfähige neue Betriebe durch den vom Staat
gelenkten Geldtransfer von den alten Bundesländern (ABL) in die neuen (NBL)
aufzubauen. Hier sollen nicht die wirtschaftspolitischen Entscheidungen
zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, ihre Finanzierung oder die
Lenkung und Verwendung der Transferleistungen diskutiert werden, das wäre
ein gesondertes Thema. Es werden im Folgenden im Hinblick auf die
aktuelle Debatte über den Aufbau Ost das Wirtschaftswachstum der alten
und neuen Bundesländer getrennt dargestellt und Schlussfolgerungen
gezogen.
Wegen
des Sonderfaktors der hohen Bauinvestitionen in den ersten 5 Jahren nach
der Wiedervereinigung Deutschlands und dem nachfolgenden Einbruch ist es
sinnvoll, das Wachstum der Bauindustrie aus dem gesamten Wachstum des
BIP herauszurechnen, um ein Bild von der Entwicklung des sonstigen
produzierenden Gewerbes zu erhalten. Nach M14 [24] ergeben sich
dann folgende Werte:
Tabelle
4
|
|
Wachstum
des realen BIP
[%]
|
Wachstum
des realen BIP ohne Bau
[%]
|
|
|
Gesamt
|
West
|
Ost
|
Gesamt
|
West
|
Ost
|
|
1992
– 1995
|
1,3
|
0,5
|
7,9
|
0,8
|
0,6
|
3,4
|
|
1996
– 2003
|
1,2
|
1,3
|
1,0
|
1,8
|
1,6
|
3,9
|
|
1992
– 2003
|
1,3
|
1,0
|
3,3
|
1,5
|
1,2
|
3,7
|
Insgesamt
wuchs das BIP in den Jahren 1992 bis 2003 in den NBL mehr als dreimal so
schnell wie in den ABL. Der Vorsprung in den Wachstumsraten wird noch
deutlicher, rechnet man die Bauindustrie heraus. Das Baugewerbe hatte in
Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung zweistellige Zuwachsraten,
weil hohe öffentliche Investitionen in die Infrastruktur wie zum
Beispiel in den Bau von Straßen und in kommunale Einrichtungen getätigt
und steuerliche Subventionen (Abschreibungsmöglichkeiten) für private
Bauten gewährt wurden. Die Zuwachsraten der Bauindustrie kehrten sich
im Jahr 1996 um (Daten in BWA2 [25] 2.4, DBR4 [26]).
Nach BWA2 2.2.2 fällt der Wachstumsvorsprung für das BIP pro Erwerbstätigen
in den NBL noch höher aus, es wuchs in den NBL während der Jahre 1992
bis 2003 um 5 %, in den ABL dagegen nur um 1 %. In absoluten
Zahlen wuchs das BIP pro Erwerbstätigen in den NBL von 44 % im
Jahr 1991 auf 75 % des westdeutschen BIPs im Jahr 2003 (BWA2 2.1).
Dieses stärkere Wachstum des BIP in den NBL ist plausibel, da die nach
der weit gehenden Liquidierung der DDR-Betriebe neu gegründeten
Betriebe meist mit neuester Technologie ausgestattet wurden.
Die
Anzahl der Betriebsgründungen reichte nicht aus, um die durch
Betriebsschließungen und Rationalisierung freigesetzten Arbeiter
aufzunehmen. Die Arbeitslosigkeit war im Jahr 2003 mit 18,5 % in
den NBL mehr als doppelt so hoch wie die von 8,5 % in den ABL (BWA2
1.2). Die Unterbeschäftigungsquote, bei der zusätzlich zu den
registrierten Arbeitslosen noch die stille Reserve und die Erwerbstätigen
in Arbeitsmarktmaßnahmen berücksichtigt wird, betrug im Jahr 2003 in
den NBL 25 %. Diese Quote sank seit 1993 nur um 4 % und läge
ohne die rund eine halbe Million Frühverrentungen seit der Vereinigung
noch höher. Zur Komplettierung des Bildes von der Arbeitsmarktsituation
in den NBL ist noch zu ergänzen, dass im Zeitraum 1993 bis 2001 netto
fast 850.000 Ostdeutsche in den Westen abwanderten und im Jahr 2000
264.000 Ostdeutsche zum Arbeiten in die ABL pendelten (DBR4, SG02).
Andererseits ist darauf hinzuweisen, dass der Anteil der Arbeit
Suchenden im Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter
(Erwerbsbeteiligungsquote) in den NBL um etwa 4 % höher ist als in
den ABL. Bei gleicher Erwerbsbeteiligungsquote in Ost und West wäre die
Arbeitslosenquote in den NBL um 30 % niedriger beziehungsweise die
in den ABL entsprechend höher (M14).
Ein
wichtiger Grund für die hohe Arbeitslosigkeit in den NBL ist, dass die
Löhne schneller stiegen als die Produktivität. Als Folge lagen die
Lohnstückkosten in den NBL 1991 um etwa 30 % und im Jahr 2003 noch
um 8 % über denen in den ABL (BWA3 [27], DBR4). Im
verarbeitenden Gewerbe wurden allerdings aus um 65 % höheren
Lohnstückkosten in den NBL gegenüber denen der ABL im Jahr 1991 um 6 %
niedrigere Lohnstückkosten im Jahr 2003 (DBR4). Die höheren Lohnstückkosten
hatten zur Folge, dass in den NBL Investitionen nur dann interessant
waren, wenn sie subventioniert wurden. Da außerdem die
EU-Beitrittskandidaten in Osteuropa niedrigere Lohnkosten und Steuern
anbieten konnten und die Transportwege nicht viel weiter waren, gingen
viele Investitionen in osteuropäische Länder. Diese Investitionen
erfolgten seit Beginn der Öffnung Osteuropas für den Westen und nicht
erst mit Beginn der EU-Osterweiterung. Durch die Osterweiterung der EU
werden jedoch wegen der EU-Subventionen weitere Anreize geschaffen,
Produktionen in die Beitrittsländer zu verlagern. Die Nettozahlerländer
in der EU finanzieren mit ihren Beiträgen somit teilweise die
Verlagerung von Teilen ihrer Industrie in die Nettoempfängerländer der
EU. Dies war schon vor der Osterweiterung der EU der Fall, gewinnt aber
wegen des starken Lohngefälles zu den osteuropäischen Beitrittsländern
an Bedeutung. In den NBL vereinbaren inzwischen 75 % der
Unternehmen zur Senkung der Lohnkosten die Löhne ohne Tarifvertrag. Nur
noch 10 % der ostdeutschen Unternehmen sind Mitglied eines tariffähigen
Arbeitgeberverbands (DBR4).
Trotz
der Wachstumserfolge in den NBL, die sich vor allem in den
Wachstumsraten des BIP pro Erwerbstätigen zeigen, wird der Abstand zu
den ABL bei dem BIP pro Kopf bleiben oder sogar noch zunehmen. Das liegt
zum einen an der durch Abwanderung schrumpfenden erwerbstätigen Bevölkerung
bei gleichzeitig wachsendem Anteil von Rentnern. Zum anderen gehen mit
dem Rückgang der staatlichen und EU-Subventionen für die NBL auch die
Anlageinvestitionen zurück, sie verringerten sich zwischen 1995 und
2001 um 30 % (DBR4).
Von
den etwa 980 Milliarden Euro Transferleistungen zwischen 1991 und 2003
(ca. 80 Milliarden Euro pro Jahr) von den ABL zu den NBL sind erhebliche
Teile fehlverwendet worden, auch gab es bei den Investitionszulagen
Mitnahmeeffekte von rund einem Drittel (siehe SG04, Tabelle 100, Seite
646 folgende, M15, DBR4). Dennoch sind, wie die aufgeführten Zahlen
zeigen, die Aufbauerfolge beachtlich. Wie erklären sich angesichts
dieser Zahlen Debatten mit dem Inhalt, dass der Wirtschaftsaufbau Ost
gescheitert sei? Was dahinter steckt, wird deutlich, wenn man die in
dieser Debatte eingebrachten Vorschläge zur Abhilfe betrachtet.
Vorgeschlagen wird zum Beispiel eine „Sonderwirtschaftszone Ost“ mit
sinkender Entlohnung, längeren Arbeitszeiten, geringeren
Sozialstandards und insgesamt weniger Rechten für die Arbeitnehmer.
Sinn bekommt diese Debatte im Zusammenhang mit der Standortdebatte, nach
der das „Modell Deutschland“ insgesamt ein Sanierungsfall sei und
nur gesunden könne, wenn die Erwerbstätigen massiv auf ihre bisherigen
Besitzbestände verzichten. Schafft es das Kapital, diese Angriffe
angesichts der höheren Arbeitslosigkeit und mittels der Debatte über
das angebliche Scheitern des Wirtschaftsaufbaus Ost erfolgreich in den
NBL durchzusetzen, so hat es sich damit einen Hebel geschaffen, diese Maßnahmen
auch in den ABL durchzusetzen.
Zusammenfassung:
Die
Wachstumsraten des BIP und des BIP pro Erwerbstätigen lagen zwischen
1992 und 2003 in den NBL deutlich über denen in den ABL. Es kann daher
nicht von einem Scheitern des Wirtschaftsaufbaus Ost gesprochen werden.
Die Debatte um das Scheitern des Wirtschaftsaufbaus Ost dient
offensichtlich dazu, besonderen Druck auf die Erwerbstätigen in den NBL
und nachfolgend in den ABL auszuüben.
2.
Zusammenfassung und Einordnung
Die
bisher anhand aktueller wirtschaftspolitischer Debatten
zusammengetragenen Daten zur Wirtschaftsentwicklung Deutschlands sollen
im Folgenden etwas systematisiert werden. Folgende durchschnittliche
prozentuale Zuwachsraten pro Jahr gab es für BIP, BIP pro Erwerbstätigen,
Erwerbstätigenstunde, Löhne und Unternehmensgewinne. Die
Arbeitslosenquote beschreibt den prozentualen Anteil an den
Erwerbspersonen.
Tabelle
5
|
|
BIP
|
BIP
pro Erwerbs-
tätigen
|
BIP
pro Erwerbs-
tätigenstunde
|
Löhne
|
Vermögens-
und Unternehmens-
gewinne
|
Arbeitslose
Durchschnitt
|
|
|
[%/Jahr]
|
[%/Jahr]
|
[%/Jahr]
|
[%/Jahr]
|
[%/Jahr]
|
[%]
|
|
1971
– 1980
|
3,0
|
2,5
|
3,7
|
9,2
|
5,1
|
1,6
|
|
1981
– 1990
|
1,9
|
1,6
|
2,7
|
4,5
|
7,5
|
5,4
|
|
1991
– 2003
|
1,9
|
1,6
|
2,1
|
2,9
|
3,3
|
7,8
|
|
Quelle
|
DBR1
|
SG04
Tab. 78
|
SG04
Tab. 78
|
DESTATIS2
Tab. 1.1.1
|
DESTATIS2
Tab. 1.1.1
|
DESTATIS2
Tab. 1.1.11
|
Betrachtet
man den Zeitraum von 1991 bis 2003, so hat das BIP preisbereinigt um
fast 25 % zugenommen, während die Anzahl der Erwerbstätigen nur
um etwa 4 % wuchs. Dementsprechend liegt das Wachstum des BIP pro
Erwerbstätigenstunde über dem des BIP, was auf die Rationalisierung
von Produktion und Dienstleistungen zurückzuführen ist. Diese Zahlen
illustrieren, was Karl Marx im 1. Band des Kapitals [28] als
allgemeines Gesetz der kapitalistischen Akkumulation bezeichnete nämlich,
dass die Nachfrage nach Arbeit nicht mit der Zunahme der
Produktionsmittel Schritt hält. Die kapitalistische Akkumulation
produziert notwendig eine im Verhältnis zu ihrem Umfang überflüssige
Arbeiterbevölkerung. Diese von Marx untersuchte grundsätzliche Tendenz
der kapitalistischen Entwicklung war in Deutschland lange Zeit dadurch
verdeckt, dass die durch verbesserte Produktivität gestiegene
Produktion wegen der mitgestiegenen Binnen- und Auslandnachfrage
abgesetzt werden konnte. Dies ist, wie die seit den 80er Jahren stark
steigenden Arbeitslosenzahlen und der wachsende Anteil von
Langzeitarbeitslosen zeigen, seitdem nicht mehr der Fall. Unter
kapitalistischen Produktionsverhältnissen bedroht die Entwicklung der
Produktionsmittel die Existenzgrundlage der Arbeiter, da die Anwendung
von Arbeit sinkt, wenn der Produktionsumfang nach der Ersetzung von
menschlicher Arbeit durch Maschinen nicht dazu proportional steigt.
Zu
den Arbeitslosenzahlen ist anzumerken, dass sie immer geschönt wurden,
wie aktuell der sprunghafte Anstieg der in der Statistik erfassten
Arbeitslosenzahlen im Januar 2005 zeigt. Mehr als 300.000 der neu
registrierten Arbeitslosen kommen dadurch zustande, dass bisher
Sozialempfänger im erwerbsfähigen Alter nicht als Arbeitslose gezählt
wurden. Aber auch die neue Statistik schönt, da zum Beispiel weiterhin
Arbeitslose in Umschulungsmaßnahmen oder Frühverrentete nicht erfasst
werden.
Die
Übersicht zeigt weiter, dass es den Lohnabhängigen mit steigender
Arbeitslosigkeit immer weniger gelang, reale Lohnsteigerungen
durchzusetzen, und dass seit 1980 der durchschnittliche Zuwachs der
Unternehmens- und Vermögensgewinne über dem der Löhne lag. Diese
Tendenz war 2004 besonders deutlich. Während die Löhne auf dem Stand
des Vorjahres blieben, also die verfügbaren Einkommen wegen
Preisanstieg, Praxisgebühr usw. trotz Steuerentlastung real sanken,
nahmen die Unternehmensgewinne um 10,7 % zu (DESTATIS5, Schaubild
16). Bereits 2003 stiegen die Unternehmensgewinne mit 3,5 %
deutlich stärker als die Löhne mit 0,2 %. Die Lohnquote (Anteil
der Löhne am Volkseinkommen) sank von 72,5 % im Jahr 1991 auf 70,1 %
im Jahr 2004, dementsprechend stiegen die Unternehmensgewinne von 27,5 %
auf 29,9 % (DESTATIS5, DESTATIS6 [29]). Zur Ermittlung
von Lohnquote und Unternehmensgewinn in der Volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnung (VGR) des statistischen Bundesamtes sind einige unvollständige
Anmerkungen zu machen (ausführlicher in SF [30]): Die
Unternehmensgewinne werden nicht selbst ermittelt, sondern als Differenz
aus dem BIP und der Lohnquote gebildet. Beide sind Bruttogrößen, das
heißt ohne Berücksichtigung von Steuern und anderen Abgaben. Bei
gleicher Lohnquote können somit die Realeinkommen wegen höherer
Abgaben gesunken sein und umgekehrt die Unternehmensgewinne bei gleicher
Gewinnquote wegen gesunkener Abgaben gestiegen sein. Wie SF ausführt
gibt es darüber hinaus Definitionen für die Ermittlung der Daten zu
der Verteilung des BIP, die tendenziell zur Überschätzung der
Lohnquote und zur Unterschätzung der Gewinnquote führen.
Aber
auch die Angaben der VGR zeigen, dass die viel getadelte „Konsumzurückhaltung“
- im Jahr 2004 sank der private Konsum um 0,3 % - Ausdruck der
Tatsache ist, dass das Realeinkommen der meisten Lohnabhängigen
gesunken ist. Trotz der Zunahme der Unternehmensgewinne gingen die inländischen
Bruttoinvestitionen von 24,4 % des BIP im Jahr 1991 auf 18,6 %
des BIP im Jahr 2003 zurück (DESTATIS3, Seite 259), was bedeutet, dass
ein wachsender Teil der Gewinne im Ausland investiert wird. Nach Angaben
des IFO-Instituts [31] hat sich die Höhe der ausländischen
Direktinvestitionsbestände von 1989 bis 2001 mehr als vervierfacht, im
gleichen Zeitraum wurden in diesen ausländischen Firmen mit deutscher
Beteiligung 2,4 Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Die angeblich für
mehr Inlandsinvestitionen erforderliche Arbeitszeitverlängerung und der
Lohnverzicht führen derzeit offensichtlich zu mehr
Auslandsinvestitionen und damit tendenziell zu
Arbeitsplatzverlagerungen.
Vom
Wirtschaftswachstum von 1,7 % im Jahr 2004 beruht nach DESTATIS5
ein Anteil von 1,2 % auf dem Exportüberschuss. Zirka 30 % des
BIP werden für den Export produziert (vgl. DESTATIS1, DESTATIS3). Der
Exportüberschuss Deutschlands von etwa 117 Milliarden Euro im Jahr 2004
bedeutet, dass Waren von diesem Wert weder durch Investitionen noch
durch privaten Konsum im Inland nachgefragt werden, was in einer
geschlossenen Volkswirtschaft zu einer Überproduktionskrise führen würde.
Die Notwendigkeit, mit der Entwicklung der Produktivkraft den Markt
immer weiter ausdehnen zu müssen, weil sie in zunehmenden Widerspruch
zu den engen Konsumtionsverhältnissen gerät, hat Marx ebenfalls schon
vor 100 Jahren analysiert [32]. An der Wirtschaftsentwicklung
Deutschlands zeigen sich somit derzeit deutlich die Widersprüche der
kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Um die Profite zu erhöhen,
werden die Produktivkräfte entwickelt und die Konsumtionskraft der
Lohnabhängigen beschränkt, was nur bei Ausdehnung der äußeren Märkte
funktionieren kann. Dadurch werden aber die Widersprüche der
kapitalistischen Produktion nicht gelöst, sondern nur zeitweise
verschoben. Die heftig geführte Reformdebatte vernebelt, dass der
Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater
Aneignung innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse
nicht zu lösen ist.
Anmerkungen
Klaus
Borger, Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), KfW-Research Makroscope
Nr. 3: Deutschland – gesünder als man meint.
Bernhard
Gräf, Deutsche Bank Research: US-Dynamik: Wachstumsvorsprung
relativieren.
Sachverständigenrat
zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Zwanzig Punkte
für Beschäftigung und Wachstum, Jahresgutachten 2002/03.
Bernhard
Gräf, Marc Schattenberg, Deutsche Bank Research: Stärkeres
US-Produktivitätswachstum: Großteils ein statistisches Artefakt.
OECD,
OECD Employment Outlook, Statistical Annex.
Petra
Ott-Laubach, KfW-Research, Makroscope11: Triebfedern des
US-BIP-Wachstums 2003.
Martin
Schlegel: Die
New Economy der USA, krisenfreier Kapitalismus?
Jens
van Scherpenberg, Stiftung Wissenschaft und Politik: Der geborgte
Aufschwung. Die wirtschaftliche Bilanz der Regierung Bush 2001 - 2004.
Heinz-Jürgen
Büchner: Privater Verbrauch: Kein Stimulans für Wirtschaftswachstum.
Petra
Ott-Laubach, KfW-Research, Makroscope2: US-Leistungsbilanzdefizit:
Ursachen und Perspektiven.
Statistisches
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Economic
Report of the President 2004, USA.
Statistisches
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Gesamtrechnungen Revidierte Ergebnisse 1970 – 2003.
United
Nations Economic Commission for Europe: Starkes Wachstum von Absatz und
Produktion von Industrierobotern in Deutschland – dem weltweit zweitgrößten
Nutzer und Produzenten von Industrierobotern.
Statistisches
Bundesamt: Datenreport 2004, Seite 245.
Statistisches
Bundesamt 2004, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen
Input-Output-Rechnung Importabhängigkeit der deutschen Exporte 1991,
1995, 1998 bis 2000 und 2002.
Bundesministerium
für Wirtschaft und Arbeit, Wirtschaftsanalysen Nr. 4: Basarökonomie
Deutschland?
Anke
Brenken, Mathias Schwarz, KfW-Research Makroscope15: Wettbewerbsfähigkeit
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Eric
Heymann, Deutsche Bank Research: Industriebranchen in Deutschland: auf
dem Weg zur Basarökonomie?
Hans-Joachim
Frank, Deutsche Bank Research: Autoindustrie boomt und Presse merkt es
nicht.
Sachverständigenrat
zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Erfolge im
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Gustav
Horn, Stefanie Behncke, Wochenbericht des DIW Berlin 40/04: Deutschland
ist keine Basarökonomie.
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Bundesamt, Pressemitteilung vom 13. Januar 2005, Bruttoinlandsprodukt
2004 für Deutschland.
Klaus
Borger, Anke Brenken, KfW-Research Makroscope 14: Wirtschaftslage in den
neuen Ländern – Erfolge seit 1990.
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für Wirtschaft und Arbeit: Wirtschaftsdaten Neue Länder, Juli 2004.
Klaus
Günter Deutsch, Bernhard Gräf, Tobias Just, Jörn Quitzau, Ingo
Rollwagen, Stefan Schneider, Deutsche Bank Research: Perspektiven
Ostdeutschlands – 15 Jahre danach, November 2004.
Jahresbericht
der deutschen Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit 2004.
Karl
Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band, Buch
I: Der Produktionsprozeß des Kapitals, MEW 23, Seite 650 folgende.
Statistisches
Bundesamt 2004, Fachserie 18/Reihe 1.1: Volkswirtschaftliche
Gesamtrechnungen, Jahresergebnisse der Inlandsproduktsberechnung.
Zeitschrift:
„Sozialer Fortschritt“ 2/2004: Die Lohnquote – ein ambivalenter
Indikator für soziale Gerechtigkeit und ökonomische Effizienz.
Sascha
O. Becker, Robert Jäckle, Marc-Andreas Mündler: Kehren deutsche Firmen
ihrer Heimat den Rücken? – Ausländische Direktinvestitionen
deutscher Unternehmen.
Karl
Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band, Buch
III: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion, 15. Kapitel. |