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Spezialdemokraten

Von Günter Ackermann/2. August 2008

Das ehemalige Vorbild aller wahren Spezialdemokraten der SPD, der Ex-Ministerpräsident und spätere Superminister in Schröders Regierung, Wolfgang Clement, soll nun aus der SPD fliegen. Nein, nicht weil er als einer der Väter von Hartz IV Millionen Menschen pauperisieren, verelenden, half, sondern weil er als Lobbyist der Atommafia sich zu weit aus dem Fenster hing und den hessischen Wählern empfahl, nicht die SPD zu wählen. Das macht man natürlich nicht.

Den Besitzlosen, den Einkommensschwächsten der Gesellschaft, die Margarine vom Brot zu stehen, womöglich das Brot gleich mit, das geht für einen gestandenen Spezialdemokraten noch an, aber gegen sie Werbung zu machen…

Da hatte schon vor Jahrzehnten einer seiner Vorgänger als Super- und Wirtschaftsminister Ärger bekommen, Karl Schiller. Der hatte sich gegen Willy Brandt gestellt und sogar, gemeinsam mit Ludwig Erhard, aufgerufen die CDU zu wählen. Schiller wurde zwar nicht aus der SPD ausgeschlossen, er trat aus (später aber wieder ein).

Auch bei Clement geht das nicht so ohne weiteres. Der ehemalige SPD-Chef, ein anderer Vater von Hartz IV, Franz Müntefering und der jetzige Parteichef Beck, beide wegen ihr (a)sozialen Gesinnung hinreichend bekannt, setzen sich für Clement ein und entdecken, dass man in der SPD bitte schon die Streitkultur zu pflegen habe.

Ein anderer in dieser Riege sitzt im Berliner SPS/Linkspartei-Senat und ist dort zuständig für Finanzen, Senator Thilo Sarrazin. Die Finanzen hat er dann auch besonders im Sinn: kein anderer Berliner Lokalpolitiker hat so viele Nebenjobs: es sind 46 Jobs (Juni 2008) Ob er da ein Zubrot in Form von Tantiemen oder anderen Zuwendungen bekommt? Es ist anzunehmen.

Dieser Steineschmeißer im Glashaus hat schon mehrfach mit flotten Sprüchen gegen Arbeitslose von sich Reden gemacht. Sie vertrat er tatsächlich die Ansicht, Empfänger on Hartz IV bekämen noch zu viel. Die bekämen einen Regelsatz von € 4,25 pro Tag, man könne aber mit maximal € 3,98 auskommen. [i] Das war im Februar 2008.

Jetzt furzte der feine Hüter seiner und de Berliner Finanzen erneut und wieder nicht eben wohlriechend. In einem Interview der CDU-nahen Rheinischen Post erklärte unser lieber Thilo:

Ja, die hohen Preise führen dazu, dass die Leute die Nachfrage drosseln. Es gibt ohnehin keinen schnellen Ausweg aus der Situation, weil der wachsende Energiehunger in der Welt nicht nachlässt. Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können. Bei uns waren es zuhause immer 16 Grad. Am Morgen hat mein Vater die Koksheizung befeuert und sie erst am Abend, wenn er von der Arbeit zurückkam, wieder angemacht. Das hielt dann immer gerade für 16 Grad. Ich habe es überlebt.“

Der Überlebende der väterlichen Eiszeiten und Inhaber von einem Senator- und 56 Nebenjobs, scheint höheres im Sinn zu haben. Zurück zur Natur, zu den Ursprüngen der Menschheit. Die brieten ihr karges Mahl mit einpaar zusammengesuchten Holzscheiten in der Höhle und dennoch überlebte die Menschheit. Na also! Hartz IV-Empfängern kann man da auch noch die Mietzuschüsse kürzen, die werden in die Höhlen gejagt und bekommen auch einpaar Holzscheite.

Dass damals die Lebenserwartung etwas niedriger war, die Kindersterblichkeit hoch, die medizinischer Versorgung war noch nicht erfunden, ist nebensächlich. Wenn dann die Pauper, wenn ein strenger Winter sie verhungern und erfrieren lässt, dann hat das den positiven Nebeneffekt, die Bilanz der Bundesagentur für Arbeit zeitigt Überschüsse. Diese wiederum kann damit die Lohnnebenkosten – sprich die Lohnkosten – weiter minimieren helfen und die wahren Bedürftigen, die Kapitaleigner, können mehr verdienen.

Wer meint, das sei zynisch, der irrt sich – nicht. Aber das ist nun mal die Logik des Kapitalismus und entspricht den Vorstellungen einer liberalen Wirtschaftspolitik. So erklärte ein hohes Regierungsmitglied Englands, die irische Hungersnot, bei der Millionen Menschen starben oder Irland verlassen mussten, habe dazu beigetragen, das Problem der Pauperisierung zu vermindern - die Pauper waren nämlich an Hunger und Kälte gestorben oder waren in Scharen in die USA ausgewandert. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Ich möchte bei der Gelegenheit an den Artikel unten in der Jungen Welt hinweisen. (siehe) Das behaupten die Propagandisten des Kapitals doch seit Jahren, durch Harzt IV seien wir wieder auf dem Weg zur Vollbeschäftigung. Und die Statistiken der Bundesagentur scheinen zu beweisen, dass die Arbeitslosenzahlen sinken.

Allerdings blieb die Zahl der Hartz IV-Empfänger bei 7 Millionen konstant. Wie sie dieses Zauberkunststück hinbekamen, die Regierenden? Der Präsident des Deutschen Landkreistags, Hans Jörg Duppré, sagte, der Öffentlichkeit: Die Arbeitslosenstatistik ließe „fast fünf Millionen Menschen außer acht. Das sind nicht weniger als zwei Drittel der Hartz-IV-Empfänger, die nicht in der amtlichen Arbeitslosenstatistik vorkommen.

Man rechnet sie einfach raus und damit ist das Problem gelöst, es gibt keine Pauperisierung in Deutschland man muss nichts für die Armen tun, denn die gibt es nicht. Kapitalistenlogik eben.

G.A.


[i]  Siehe: Friss und verreck! Der Zynismus des Senators, Von Gerd Höhne/12. Februar 2008 siehe

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Hartz IV für jeden elften

Hartz IV sollte ursprünglich die Arbeitslosenzahlen halbieren – tatsächlich führte das Gesetzespaket zu Kinderarmut, gesundheitlicher Verwahrlosung und vielfacher Verelendung

Von Peter Wolter

Quelle: jungeWelt vom 01.08.2008

Von »Entspannung am Arbeitsmarkt« ist die Rede, von »Wirtschaftsaufschwung« oder »guter Konjunktur« – Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger haben aber so gut wie nichts davon. Seit Ende 2005 seien durchgehend mehr als sieben Millionen Menschen von staatlichen Hilfen abhängig, warnte der Deutsche Landkreistag am Donnerstag in Berlin. Das seien neun Prozent der Bevölkerung oder jeder elfte in Deutschland.
Seit dem Höchststand im Mai 2006 hat sich demnach die Zahl von damals 7,4 Millionen Hartz-IV-Empfängern nur um 330000 verringert. Der »isolierte Blick« auf die amtlichen Arbeitslosenzahlen lasse »fast fünf Millionen Menschen außer acht. Das sind nicht weniger als zwei Drittel der Hartz-IV-Empfänger, die nicht in der amtlichen Arbeitslosenstatistik vorkommen«, erklärte Verbandspräsident Hans Jörg Duppré. »Wir dürfen uns nicht dem Anschein hingeben, es sei alles in Ordnung, wenn durchgängig mehr als sieben Millionen Menschen staatliche Hilfen benötigen.«

Eine »dauerhaft erfolgreiche Sozialpolitik« müsse gerade an diesem Problem ansetzen, sagte Duppré weiter. »Zu wenige Menschen können ihre Abhängigkeit von staatlichen Fürsorgeleistungen überwinden, zu viele bleiben im System.« Es gebe außerdem große regionale Unterschiede: »Während in Bayern und Baden-Württemberg etwa jeder zwanzigste Einwohner Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II) bezieht, ist in Berlin ebenso wie in den anderen Stadtstaaten annähernd jeder sechste Einwohner Hartz-IV-Empfänger.« In den Flächenländern im Westen sei jeder vierzehnte, im Osten jeder achte auf staatliche Zuwendungen zum Lebensunterhalt angewiesen. Diese drastischen Unterschiede legen laut Duppré nahe, daß »ganz verschiedene Ansätze gewählt und neue Wege gegangen werden müssen«, um die sozialen Probleme anzugehen.

Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger dürfte allerdings im Laufe der kommenden Monate wieder ansteigen, weil das Wachstum des Bruttoso­zialprodukts nach Erkenntnissen von Wirtschaftsforschern zurückgehen wird. Da ein wachsender Teil der Erwerbstätigen über Zeitarbeitsfirmen angestellt ist, könne auch die Zahl der Arbeitslosen sehr schnell wieder zunehmen. Hinzu kommt, daß sich deren wirtschaftliche Lage angesichts der immer weiter steigenden Heizungs- und Stromkosten noch zusätzlich verschlechtern wird.
»Der Aufschwung ist ganz unten angekommen«, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor einigen Monaten mit unnachahmlicher sprachlicher Brillanz verkündet. Da man »ganz unten« allerdings genau das Gegenteil verspürt, hatte Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) die Ratschläge parat, zur Senkung der Heizungskosten im Winter mehr Pullis zu tragen und einfach weniger zu essen.

Immerhin: Einer der Hauptverantwortlichen für die wachsende soziale Misere, der frühere Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement (SPD), hat mit seinem am Donnerstag verkündeten Parteiausschluß die Quittung bekommen – auch wenn es bei dem Beschluß der Landesschiedskommission vordergründig darum ging, daß er davon abgeraten hatte, bei der hessischen Landtagswahl die Spitzenkandidatin seiner eigenen Partei zu wählen.

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