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„Die
Freiheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn eine
Klasse von Menschen die andere ungestraft aushungern kann.”
Jacques
Roux, ein Linker der Französischen Revolution
von 1789
„Sie
haben mehr Macht als je ein Kaiser besaß“
Jean
Ziegler über sein neues Buch „Das Imperium der Schande”
Das
folgende Interview entstand anlässlich der Herausgabe des jüngsten
Buches von Jean Ziegler und des „Welternährungstags” 2005, der am
16. Oktober begangen wurde. Jean Ziegler ist UN-Sonderberichterstatter für
das Recht auf Nahrung.
Sie
gelten als einer der scharfzüngigsten Kritiker des „globalisierten
Raubtierkapitalismus”, sie haben Großbanken und Multis attackiert und
für die Hungernden gestritten. Ist Ihnen das in die Wiege gelegt
worden?
Nein,
keineswegs. Mein Engagement geht auf Grunderlebnisse in Afrika zurück.
Unmittelbar nach der Ermordung Patrice Lumumbas arbeitete ich einige
Zeit als Angestellter der UNO-Behörde für
Kongo und erlebte dort eine für mich bis dahin unvorstellbare Not und
Unterdrückung. Die UNO war im Hotel Royal
untergebracht. Unter den Fenstern des Royal wiederholte sich
allabendlich, bei Einbruch der Dunkelheit, das gleiche Schauspiel. Lange
Züge hungernder Kinder aus den Vororten von Kinshasa bewegten sich auf
die von den Gurkhas bewachte Barrikade zu. Die schwarzen Kinder durften
die weiße Enklave nicht betreten; sogar das Betteln war ihnen verboten.
Hinter dem Zaun: die Gurkhas. Einer von ihnen richtet manchmal seine
Maschinenpistole in den Himmel. Eine Salve krachte, doch die
abgemagerten Gestalten setzten ihren Weg fort. An der Absperrung
angelangt, brachen die meisten zusammen. Andere warfen sich in einem
letzten Aufbäumen ihrer Kräfte gegen den Stacheldraht und blieben
darin hängen; wieder andere fielen mit ausgestreckten Armen zurück auf
die Straße. Bis an mein Lebensende werde ich den Blick ihrer Augen
nicht vergessen.
Die
Kinder starben unter aller Augen?
Ja.
Wie ein feiner Regen rieselte sanfte Musik die weißen Fassaden des
Hotelgebäudes hinunter, unter den Kronleuchtern im Innern gab irgendein
Botschafter für irgendeinen Geschäftsmann aus irgendeinem europäischen
Land einen Empfang. Dieser erhob sein Champagnerglas und lobte in
salbungsvollen Worten die zivilisatorische Mission des Westens im Kongo.
Die Nase an das Fenster gedrückt, sah ich die Kinder sterben. Die
unerschütterlichen Gurkhas, die mit dem Rücken zum Gebäude standen,
beschränkten sich darauf, den kleinen Köpfen, die in gewissen
zeitlichen Abständen und mit einer schier übermenschlichen
Kraftanstrengung über den Barrikaden auftauchten, mit dem Gewehrkolben
einen Schlag zu versetzen. Andere Soldaten, die nur mit einem Dolch
ausgerüstet waren, befreiten die sterbenden Kinder aus dem
Stacheldraht, in den sie sich verheddert hatten, indem sie ihre Finger
mit der Messerklinge lösten. Anschließend warfen sie die leblosen Körper
auf die Straße. In diesem Augenblick habe ich mir geschworen, nie mehr
– auch nicht zufällig – auf der Seite der Henker zu stehen.
Als
junger Mann wollten Sie nach Kuba gehen.
Es
war eine Nacht im April 1964. Ein Jahr zuvor hatte ich mit der Gruppe
Clarté Kuba bereist. ich wollte dorthin zurückkehren, um dort zu
leben. Die von Che Guevara geleitete kubanische Delegation auf der
ersten Genfer Zuckerkonferenz war im Hotel Intercontinental auf dem
Petit-Saconnex abgestiegen. Die zwölf Kubaner teilten sich drei Zimmer
im siebten Stock. Ich ersuchte sie um ein Gespräch. Wir diskutierten
die ganze Nacht.
Im
Osten zog über dem Montblanc der Morgen herauf. Unten erwachte die
Stadt. Um die in milchiges Licht getauchte Seebucht erloschen nach und
nach die farbigen Neonschilder der Banken, Versicherungen und berühmten
Juweliere. In seiner olivgrünen Uniformjacke stand der hagere Che an
seinem Fenster. Er rief mich zu sich und sagte mit seiner immer ein
wenig heiseren Stimme: „Siehst du diese Stadt? … Hier bist du im
Gehirn des Ungeheuers! Was willst du mehr?… Dein Schlachtfeld ist
hier.”
Seine
schroffe und definitive Ablehnung meines Wunsches auszuwandern, kränkte
mich. Ich war überzeugt, dass der Argentinier an meinem revolutionären
Engagement oder an meinen Fähigkeiten zweifelte. Doch Che Guevara hatte
natürlich recht.
In
Ihrem Buch „Das Imperium der Schande” beschreiben Sie jenes Monster
als „eine neue Klasse von Feudalherrschern, die Kosmokraten der großen
Konzerne”.
Diese
neuen Feudalherren haben mehr Macht als je ein Kaiser, König oder Papst
besessen hat. 2004 kontrollierten die 500 größten Konzerne 52 Prozent
des Weltsozialprodukts. Ihre einzige Handlungs-Maxime ist die
Profitmaximierung. Ihre Profitgier ist grenzenlos. Ihr Wirtschaftskrieg
unter sich und gegen die Völker ist permanent. Sie haben ein weltweites
System der strukturellen Gewalt entwickelt. 140 Jahre vor Christi Geburt
ließ der römische Feldherr Cornelius Scipio Aemilianus Karthago dem
Erdboden gleichmachen und viele seiner 700.000 Bewohner ermorden. Doch
nach seiner Rückkehr nach Rom war er wieder dem ius gentium
unterworfen, dem Rechtssystem, das die Beziehungen von Rom zu anderen Völkern
regelte. Doch heute herrscht die extreme Gewalt permanent. Es handelt
sich nicht mehr, wie es Max Horkheimer verstand, um eine vorübergehende
„Verfinsterung der Vernunft”.
Warum
haben Sie als Ausgangspunkt Ihrer Kritik die Französische Revolution
gewählt?
Mit
dem Zusammenbruch des Staatssozialismus und der damit verbundenen Zurückweisung
des Marxismus ist eine große geistige Leere entstanden – auch bei den
Linken. Ein großer Teil des europäischen Kollektivbewusstseins wurde
verschüttet. Das Buch will den wirklichen Horizont der Geschichte
zeigen, die große Periode der Aufklärung, die die Menschenrechte
postulierte, von denen viele ihrer Verwirklichung harren – das Recht
auf Leben, auf Freiheit, auf Würde, aber nicht zuletzt auch das in der
Präambel der Unabhängigkeitserklärung der USA fixierte
Recht auf das Streben nach Glück. Im 18. Jahrhundert war das pure
Utopie, doch heute verfügt die Menschheit auch über die materiellen
Mittel, diese Rechte zu verwirklichen. Doch zugleich haben Hunger und
Elend heute ein schrecklicheres Ausmaß angenommen als in jeder anderen
Epoche der Menschheit. Während die Französische Revolution dem
Feudalsystem den Todesstoß versetzte, hat jetzt eine Refeudalisierung
der Welt eingesetzt: die transkontinentalen Konzerne dehnen ihre Macht
über den ganzen Planeten aus.
Sie
rufen immer wieder die französischen Revolutionäre Babeuf, Saint-Just
und Jacques Roux als Kronzeugen gegen die neuen Herrscher der Welt an.
Die
Französische Revolution hatte ja schon eine eigene Linksopposition –
Quellen, die ich wieder freigelegt habe. Saint-Just proklamierte, dass
zivile und politische Menschenrechte nichts taugen ohne soziale und
wirtschaftliche Menschenrechte. Roux rief dem Konvent entgegen: „Die
Freiheit ist ein eitles Hirngespinst, wenn eine Klasse von Menschen die
andere ungestraft aushungern kann.” Das gilt heute mehr denn je. In
Argentinien, Brasilien und anderen Ländern Südamerikas gibt es
Demokratie, aber der Hunger nimmt zu. Das heißt nicht, dass Demokratie
und politische Menschenrechte falsch, sondern dass sie vollkommen ungenügend
sind. Deshalb ist der Kampf um wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Rechte unverzichtbar.
Welche
Hoffnungen setzen Sie dabei in die Vereinten Nationen?
Die
UNO hat im Laufe der Jahrzehnte eine Vielzahl
wichtiger Konventionen verabschiedet, gerade auch über Menschenrechte.
Wenn man sich die Texte anschaut, ist das humanitäre Recht in ständiger
Entwicklung begriffen. Aber in der Realität werden immer mehr Schranken
des internationalen Rechts niedergerissen. Jüngstes Beispiel: Der neue USA-Botschafter
John Bolton will die Folter-Konvention den neuen USA-Praktiken
des Kampfes gegen den Terror anpassen. Die Folter soll neu definiert
werden. Nur die bleibende Verstümmelung eines Gefangenen soll verboten
bleiben. Die UNO selbst ist heute äußerst
geschwächt. Die neuen Feudalherren sind weder auf die Staaten noch auf
die UNO angewiesen. Welthandelsorganisation,
Weltbank und Internationaler Währungsfonds genügen ihnen als willige Söldner
ihrer Strategien. In diesem Jahr feierten die Vereinten Nationen ihren
60. Geburtstag. Aber es kann durchaus sein, dass sie ihn nicht lange überleben.
Weshalb
haben Sie dennoch das Amt eines UNO-Sonderberichterstatters
für das Recht auf Nahrung übernommen?
Gewiss,
die Einflussmöglichkeiten dieses Amtes sind gering. Aber ich habe auch
eine Chance gesehen, die wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechte
gleichsam als Waffe gegen das Imperium einzusetzen. Jedenfalls kann ich
mit meinen UNO-Berichten – den fünften
werde ich am 27. Oktober in New York vorlegen – Transparenz über die
Folgen der Herrschaft der neuen Feudalherren schaffen. Die Anzahl der
Menschen, die unter Hunger leiden, steigt von Jahr zu Jahr. Ob jüngst
in Niger, der Mongolei oder den besetzten palästinensischen Gebieten
– überall habe ich das tägliche Massaker des Hungers erlebt. 100.000
Menschen sterben täglich an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen –
meist in den 122 Ländern der Dritten Welt, in denen 4,8 Milliarden
Menschen leben. Hunger ist zu einer Massenvernichtungswaffe geworden.
Dabei sagt derselbe Welternährungsbericht, der diese Opferzahlen
vorlegt, dass die Weltlandwirtschaft in ihrer heutigen Entwicklungsstufe
ohne Problem 12 Milliarden Menschen, das Doppelte der gegenwärtigen
Weltbevölkerung, ernähren könnte – bei 2700 Kalorien pro Tag. Es
gibt keine Fatalität. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.
Die Weltordnung des globalisierten Raubtierkapitalismus ist nicht nur mörderisch.
Sie ist auch absurd. Sie tötet, aber sie tötet ohne Notwendigkeit.
Glauben
Sie, dass das Millenniumsziel – Halbierung des Anteils der Weltbevölkerung,
der unter extremer Armut und Hunger leidet – bis 2015 erreicht wird?
Nein.
Armut und Hunger nehmen immer mehr zu anstatt zurückzugehen. Sehen Sie
sich den Ansturm der Afrikaner auf die spanische Exklave Melilla an. Ob
in Niger, Mali, Senegal oder Mauretanien – viele Familien oder Dörfer
sehen keinen anderen Ausweg aus ihrer Misere, als ihre jungen Männer
nach Europa zu schicken. Sie sammeln Geld für sie, in der Hoffnung,
dass sie den langen Weg durch die Sahara schaffen und die Stacheldrahtzäune
überwinden können.
Was
sollte die EU zur Lösung der Flüchtlingskrise tun?
2004
haben die Industriestaaten ihren Bauern 349 Milliarden Dollar
Produktions- und Exportsubventionen bezahlt… fast eine Milliarde
Dollar pro Tag! Auf dem Markt in der senegalesischen Hauptstadt Dakar
kann man europäisches Obst und Gemüse zu einem Drittel des Preises der
einheimischen Früchte und des Gemüses kaufen. Die europäische
Dumpingpolitik verwüstet die afrikanischen Agrarwirtschaften. Die EU
sollte ihre riesigen Agrarsubventionen abschaffen, die Importschranken für
Waren und Güter aus afrikanischen Ländern senken und die Schulden der
Entwicklungsländer streichen. Die Menschen müssen in ihren Ländern
ein Auskommen in Würde finden – aber nicht durch Almosen. Während
die Industrieländer 2003 der Dritten Welt staatliche Entwicklungshilfe
im Umfang von 54 Milliarden Dollar gewährten, mussten die gleichen Länder
436 Milliarden Dollar als Schuldendienst überweisen. Es kommt also
nicht so sehr darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben,
sondern ihnen weniger zu stehlen.
Als
UNO-Beauftragter haben Sie
nicht selten mit jenen neuen Feudalherrschern debattiert.
Sie
preisen alle die gleichen Instrumente: Man muss privatisieren. Sie
scheuen Fülle und Verfügbarkeit der Güter, das beeinträchtigt den
Maximalprofit. Sie wollen sich nun auch der Natur bemächtigen, der
Wasserquellen vor allem, und Leben – die genetischen Eigenschaften der
Pflanzen und Tiere – zu ihrem alleinigen Nutzen patentieren lassen.
Die
Kosmokraten haben selbst keine Truppen. Doch sie besitzen – so
schreiben Sie – de facto einen bewaffneten Arm: den USA-Staatsapparat.
Der
Raubüberfall auf Irak von März 2003 zeigt das ganz deutlich. Schauen
wir uns nur das Personal an. Condoleezza Rice war, bevor sie in
Washington aufstieg, Direktorin von Chevron, Bush hat sein Vermögen in
der Ölindustrie gemacht, Rumsfeld war bei Texaco und Cheney bei
Halliburton. Der Irak-Krieg ist die direkte Umsetzung der
Konzernstrategie der Ölgesellschaften. Das Ergebnis: fast 2.000 tote
US-amerikanische Soldaten und 160.000 Iraker, die vom Beginn des Überfalls
bis zum Juli dieses Jahres im Krieg bzw. an seinen Folgen starben. Aber
eben: Der Irak besitzt die zweitgrößten Ölreserven der Welt: 112
Milliarden Barrel.
Brasiliens
Präsident Lula erscheint in Ihrem Buch als große Lichtgestalt.
Lula
ist für mich eine große Hoffnung. In Brasilien ist eine demokratische,
antikapitalistische Revolution im Gange, die weitgehend über die
Zukunft der antikapitalistischen Volksbewegung der ganzen Welt
entscheiden wird. Mit dem Programm „fome zero” (Null Hunger) will
Lula den Hunger eliminieren. 44 der 182 Millionen Brasilianer sind
permanent schwerst unterernährt. Doch Lula hat vor allem von der Militärdiktatur
eine Auslandsschuld von über 242 Milliarden Dollar geerbt. Der
Schuldendienst verhindert den Kampf gegen den Hunger. In der
Arbeiterpartei gärt es bereits. Lula befindet sich in einer unmöglichen,
schwierigen Situation, er braucht unsere Solidarität.
Mit
großer Sympathie zitieren Sie Babeuf über den Sturz aller alten
barbarischen Institutionen – eine Utopie?
Nicht
wenn die Opfer der barbarischen Globalisierung zu Akteuren ihres
Schicksals werden. Mit meinem Buch möchte ich helfen, diesen Prozess in
Gang zu setzen, der in einen Aufstand verbündeter autonomer Kräfte der
sich abzeichnenden planetarischen Zivilgesellschaft münden kann. Mein
Buch möchte eine Waffe sein in diesem Kampf. In meinem Genfer Büro hängt
ein Foto. Es zeigt Bertolt Brecht, auf einer Berliner Parkbank sitzend,
ein Buch in der Hand. Darunter steht „Bertolt Brecht – bewaffnet”.
Jean
Ziegler, Das Imperium der Schande. C. Bertelsmann Verlag, München 2005,
320 S., geb., 19,90
Quelle:
„Neues Deutschland” http://www.nd-online.de/
vom 15. Oktober 2005
Der
Schweizer Soziologe und Politiker Jean Ziegler (71) ist seit 2001
Sonderberichterstatter der UNO-Menschenrechtskommission
für das Recht auf Nahrung.
Veröffentlicht
am: 21. Oktober 2005
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