Im
Kapitalismus sind die Menschen frei –
zum Schuften
Wehren
sie sich (siehe unten).
Wehren
sie sich nicht, dann wird es noch schlimmer: sie werden noch mehr
ausgebeutet, verelenden, sie verhungern.
Das
sind die „Freiheiten“ des Kapitalismus –
auch bei uns.
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In
Kolumbien für Arbeitsrechte zu kämpfen, kann das Leben kosten
Von
Knut Henkel, Bogotá
Quelle:
„Alternative
Infogruppe“ vom 18. Februar 2007
Vier
oder fünf Bodyguards begleiten Tovar, wenn er in der gepanzerten
Limousine in Bogotá unterwegs ist, denn er steht auf Todeslisten der
Paramilitärs. Seit Jahren verweist er auf deren gute Verbindungen zu
Wirtschaft und Politik. In den letzten Monaten hat es dafür reichlich
Beweise gegeben. Reihenweise mussten kolumbianische ParlamentarierInnen
zurücktreten, weil ihre Beziehungen zu Paramilitärs bekannt geworden
sind. Tovar macht die Paramilitärs verantwortlich für die meisten Morde
an CUT-Mitgliedern.
400
Morde
Grosse Bündel Blumen stapeln sich auf dem Sortiertisch von María Mercado
Alvárez. Tausende Nelken sortiert die 32-jährige Frau jeden Tag nach Länge,
Farbe und Qualität. Rote, gelbe, weisse, rosa-, orange- oder
limonenfarbene Nelken erntet Colibri Flowers en gros, verpackt und
verschickt sie. Rund zwanzig verschiedene Farben und ein gutes halbes
Dutzend unterschiedlicher Nelkenarten werden in den weitläufigen Treibhäusern
nahe der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá gezogen. Sortiert wird im
Akkord. Kaum eine der Frauen blickt auf, wenn jemand ihren Sortiertisch
passiert. Fünf Millionen Nelken verarbeitet das Unternehmen pro Monat mit
seinen sechshundert MitarbeiterInnen. Colibri Flowers geniesst einen guten
Ruf in der Branche, denn in den Gewächshäusern wird fair und
umweltschonend, also mit wenig Pestizideinsatz, produziert.
Das hat dem Unternehmen das Siegel von Max Havelaar eingebracht und eine
ganze Reihe neuer KundInnen. Colibri Flowers setzt auf ein positives Image
und das Fair Trade-Label, um sein duftendes Produkt in alle Welt zu
exportieren. Mit Erfolg, das Unternehmen verschickt den Grossteil der
Produktion nach Europa und Japan - und nicht in die USA, die wichtigsten
Abnehmerinnen von Schnittblumen aus Kolumbien. Doch selbst in einem
Vorzeigebetrieb wie Colibri Flowers reagieren die Frauen an den
Sortiertischen zurückhaltend auf die Frage, ob sie denn gewerkschaftlich
organisiert sind. María Mercado Alvárez lacht nur, ihre Kollegin am
Nachbartisch zuckt die Schultern und blickt zur Umweltbeauftragten María
Fernando Rojas. «Ein Arbeiterkomitee gibt es, das die Interessen der
Angestellten vertritt», erklärt diese schnell und setzt den Rundgang
durch Sortierhalle und Gewächshäuser fort.
Gewerkschaft unerwünscht
Nicht ein einziges Gewerkschaftsmitglied findet sich in der Belegschaft
von Colibri Flowers. «Kein Einzelfall im kolumbianischen Blumensektor mit
seinen rund 500 Plantagen», sagt Beatrix Fuentes. Die junge Frau ist die
Vorsitzende von Sintrasplendor, der Gewerkschaft der ArbeiterInnen von
Splendor Flowers, einer der grössten Blumenproduzentinnen Kolumbiens.
Sintrasplendor gehört zu der 2001 gegründeten Unión Nacional de
Trabajadores de las Flores, kurz Untraflores, und ist gemäss Fuentes
mit 930 von rund 1400 Untraflores-Mitgliedern das Rückgrat dieser ersten
unabhängigen Branchengewerkschaft im Blumensektor. «El Corzo ist die grösste
Blumenplantage von Splendor Flowers», so die 31-jährige
Gewerkschafterin. 2000 Menschen arbeiteten in den Gewächshäusern der
Plantage, bevor der Betrieb 1998 an den US-amerikanischen Dole-Konzern überging.
Der hat sich damals in den Markt eingekauft und gleich die fünf grössten
Blumenunternehmen des Landes übernommen. «Gleichwohl taucht der Name von
Dole im kolumbianischen Handelsregister nicht auf», sagt Beatriz Fuentes.
Sie ist nicht gut auf den multinationalen Konzern zu sprechen, denn der
will zwei Plantagen in Kolumbien schliessen: El Corzo und Porcelain
Flowers.
Allein ökonomische Gründe seien dafür ausschlaggebend gewesen, sagte
John Amaya, Chef der Dole-Blumensparte, bei einem Besuch in Kolumbien im
letzten Jahr. 2600 ArbeiterInnen sind betroffen, und lange nicht alle
glauben Amaya. So auch Aura Rodríguez, Direktorin der nichtstaatlichen
Organisation Corporación Cactus: «Es wäre nicht das erste Mal, dass
eine unabhängige Betriebsgewerkschaft durch die Schliessung des Betriebs
ausmanövriert wird.» Seit über zehn Jahren kämpft sie für bessere
Arbeitsbedingungen im Blumensektor und hat Dole immer wieder erfolglos
aufgefordert, seine Besitzverhältnisse in Kolumbien offenzulegen. «Mindestens
13 Plantagen gehören zum Dole-Konzern, doch wir glauben, dass es rund 25
sind, die von Dole direkt oder indirekt gemanagt werden.» John Amaya hat
zudem öffentlich eingeräumt, dass es bei El Corzo Arbeitskonflikte gibt.
Das ist ungewöhnlich, denn auf der Plantage existierte bis zur Gründung
von Sintrasplendor 2004 keine Gewerkschaft. «Drei Wochen später kamen
die Funktionäre von Sinaltraflor und gründeten eine Gegengewerkschaft.
Das ist der Versuch uns auszubremsen», sagt Beatriz Fuentes. Kein
Einzelfall, denn die seit 32 Jahren existierende Sinaltraflor sei immer
wieder im Auftrag und Interesse der UnternehmerInnen aktiv geworden.
Dumping beim Arbeitsrecht
Durch die sogenannten gelben Gewerkschaften - wie die den Unternehmen
nahestehenden Gewerkschaften genannt werden - sind die Arbeiterrechte in
vielen Branchen ausgehöhlt worden. Oscar Tascón ist Spezialist für
Menschenrechte bei Sinaltrainal, der Gewerkschaft im Nahrungsmittelsektor.
«Für uns sind die gelben Gewerkschaften ein Phänomen, mit dem wir erst
seit 2005 zu kämpfen haben», sagt der 47-jährige ehemalige Nestlé-Arbeiter.
So habe Sinaltrainal eine ganze Reihe Mitglieder an die gelbe Gegengewerkschaft
in den Abfüllanlagen von Coca-Cola verloren.
Doch noch entscheidender für den Mitgliederschwund bei Sinaltrainal und
anderen Gewerkschaften ist, dass Arbeitsbereiche ausgegliedert und die
gewerkschaftlich organisierten ArbeiterInnen bedroht werden. Bei
Sinaltrainal ist der Rückgang der Mitgliederzahlen dramatisch: «1990
hatten wir 5200 Mitglieder, derzeit sind es noch rund 1600», sagt Tascón.
So haben Nestlé, Coca-Cola oder die kolumbianische Sodawasserfirma
Postobón gewisse Arbeitsbereiche ausgegliedert. Die betroffenen
ArbeiterInnen werden dann von Subunternehmen der oftmals gleichen Firmen
wieder eingestellt, aber zu veränderten Konditionen. «Die Angestellten
der Subunternehmen dürfen sich jedoch nicht gewerkschaftlich
organisieren. Sie erhalten oft nur den gesetzlichen Mindestlohn von
umgerechnet 210 Franken und bei einer Entlassung nicht mal eine Abfindung»,
sagt Tascón. Dieses Modell ist in Kolumbien mittlerweile in allen
Branchen verbreitet.
Beispiel Nestlé
«Ich habe in Valledupar und Bucaragrande bei Nestlé gearbeitet. In
beiden Werken hat das Unternehmen die Rechte der Arbeiter abgebaut», erzählt
Oscar Tascón. Im Oktober 2002 wurde er gemeinsam mit neun Kollegen,
darunter Luciano Enrique Romero, entlassen. Laut Nestlé-Pressesprecher
François-Xavier Perroud haben die neun Gewerkschafter an einem illegalen
Streik in Valledupar teilgenommen. «Wir haben damals eine
Protestversammlung ausserhalb des Fabrikgeländes organisiert, keinen
Streik», sagt Tascón. «Vom Arbeitsministerium wurde das aber als
illegale Arbeitsniederlegung gewertet und galt als Grund für unsere
Entlassung.» Oscar Tascón und seine Kollegen haben sich erfolglos
dagegen gewehrt. Er selbst musste nach mehreren Morddrohungen Valledupar
verlassen und arbeitet jetzt in der unscheinbaren, aber hoch gesicherten
Sinaltrainal-Zentrale in Bogotá. Auch seine Kollegen mussten sich in
Sicherheit bringen. Luciano Enrique Romero hatte nach der Entlassung längere
Zeit in Europa gelebt, bevor er nach Kolumbien zurückkehrte. Im September
2005 wurde seine gefesselte, mit Folterspuren und vierzig Messerstichen übersäte
Leiche gefunden.
Die Witwe Romeros hat zusammen mit Sinaltrainal und dem in Washington ansässigen
International Labor Rights Fund letzten Oktober in Miami in den USA eine
Klage gegen Nestlé eingereicht. Der Konzern sei mitverantwortlich für
den vermutlich von Paramilitärs begangenen Mord. Als Motiv für den Mord
nennt die Klage, dass Luciano Enrique Romero entscheidend an der
Aufdeckung eines Skandals von 2002 beteiligt war. Damals wurde bekannt,
dass Nestlé in Kolumbien längst abgelaufenes Milchpulver verwendet und
umetikettiert hatte. Die Klage gegen Nestlé hat Romeros Witwe inzwischen
zurückgezogen. «Frau Mendoza Mejía wollte nicht zur Märtyrerin werden»,
so der Anwalt vom International Labor Rights Fund.
Nestlé-Pressesprecher Perroud bestreitet auf Anfrage der WOZ, dass der
Schweizer Lebensmittelkonzern verfallenes Trockenmilchpulver verwendet
habe. Genauso verneint er die Mitwirkung Romeros bei der Aufdeckung des
Skandals. Der Konzern gewähre Drittpersonen generell keinen Zugang zu den
Nestlé-Fabriken in Kolumbien selbst. Auch gegenüber den VertreterInnen
der kolumbianischen Gewerkschaft verhält sich der Multi zugeknöpft.
Mehrfach wurden Delegationen am Stammsitz in Vevey nicht empfangen. Anders
in Kolumbien. Dort gibt es gemäss Sinaltrainal immerhin Gespräche mit
Nestlé, unter anderem über die Sicherheit der
GewerkschaftsvertreterInnen.
In den letzten zwanzig Jahren wurden neben Romero neun weitere
organisierte Nestlé-ArbeiterInnen ermordet. Kolumbien gilt für
GewerkschafterInnen als gefährlichstes Land der Welt. «2005 sind 70
Arbeitervertreter ermordet worden», sagt Domingo Tovar, «und bis Mitte
November 2006 wurden schon 71 tote Gewerkschaftsmitglieder registriert.»
Der Fünfzigjährige ist Beauftragter für Menschenrechte der CUT, des grössten
der drei Gewerkschaftsdachverbände des Landes. Tovar gilt als einer der
am besten bewachten Männer Kolumbiens.
Jagd auf Gewerkschaften
Vier oder fünf Bodyguards begleiten Tovar, wenn er in der gepanzerten
Limousine in Bogotá unterwegs ist, denn er steht auf Todeslisten der
Paramilitärs. Seit Jahren verweist er auf deren gute Verbindungen zu
Wirtschaft und Politik. In den letzten Monaten hat es dafür reichlich
Beweise gegeben. Reihenweise mussten kolumbianische ParlamentarierInnen
zurücktreten, weil ihre Beziehungen zu Paramilitärs bekannt geworden
sind. Tovar macht die Paramilitärs verantwortlich für die meisten Morde
an CUT-Mitgliedern. «Seit 1991 wurden nicht weniger als 2205 Kollegen
ermordet», sagt Tovar. Das ist einer der Hauptgründe für die schwache
gewerkschaftliche Organisation in Kolumbien. Dafür mitverantwortlich sind
laut Tovar aber auch die multinationalen Unternehmen: «Sie zeichnen sich
nicht gerade durch grossen Respekt für die Menschen- und Arbeitsrechte
aus», sagt er. «Es gibt Indizien für die Kooperation zwischen Paramilitärs
und den multinationalen Unternehmen wie Coca-Cola, Nestlé, dem
US-amerikanischen Bergbaukonzern Drummond und British Petrol.»
Diese Indizien wie auch die Dokumentation von Drohanrufen, den Einschüchterungsversuchen,
Flugblättern gegen die Gewerkschaften und Zeugenaussagen werden von den
Gewerkschaften zusammengetragen und bildeten die Basis für diverse
gerichtliche Klagen. Allerdings nicht nur in Kolumbien, wo kaum einer der
Morde an GewerkschafterInnen je aufgeklärt wurde und die Klagen oft im
Sand verlaufen, sondern auch in den USA. Dort wurden die Klagen gegen
Coca-Cola, Drummond und Nestlé medienwirksam eingereicht. «Die
Internationalisierung des Widerstands ist die einzige Chance, die wir
haben», sagt Domingo Tovar. Der Boykott der Koffeinbrause an mehreren
US-amerikanischen Universitäten wegen der ermordeten GewerkschafterInnen
stört den Konzern genauso wie die internationale «Coke Kills»-Kampagne
in Europa. Immerhin scheinen die Klagen Wirkung zu zeigen. So hat
Coca-Cola Kontakt mit Sinaltrainal aufgenommen, um über die Klagen und
Vorwürfe zu verhandeln - wenn auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Weniger Lohn
Die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Menschen in Kolumbien nimmt
seit Jahren kontinuierlich ab. Bei 42 Millionen EinwohnerInnen gibt es nur
eine Million Gewerkschaftsmitglieder, davon sind 600 000 im grössten
Dachverband CUT organisiert. Doch nicht nur die Gewalt gegen
GewerkschafterInnen, auch die Veränderung der Beschäftigungsverhältnisse
lässt den Einfluss der ArbeiterInnenvertretungen schwinden. So arbeiten
62 Prozent der kolumbianischen Erwerbstätigen mittlerweile im informellen
Sektor. Diese Veränderung der Arbeitsverhältnisse hat auch eine Senkung
des Durchschnittslohns zur Folge, der laut CUT von 600 auf derzeit 120
US-Dollar gefallen ist.
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