Wichtige Rubriken und Beiträge

+++Neu+++

Newsletter bestellen

zur Homepage

Der Krieg der herrschenden Klasse gegen das Volk

Kampf den ideologischen Diversanten

Für den Aufbau der Kommunistischen Partei Deutschlands

Gegen den imperialistischen Krieg

Black Channel

Betrieb&Gewerkschaft

Bildung, Kultur & Wissen

Wider den Block der
Rechten und Trotzkisten

zur Geschichte
der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung

Wissenschaftlicher Sozialismus

Aus den Ländern

Links

Impressum

Archiv

Intern

Proletarischer Internationalismus

zurück

Venezuela-Solidaritätskongress in Duisburg:

Solidarität muss auch kritisch sein

Ein Bericht mit Kommentar

Von Günter Ackermann/30. Oktober 2006

Normalgröße Bild anklicken

wpe1.jpg (140341 Byte)

Hüseyin Aydin (MdB PDS/WASG), Generalkonsul von Venezuela in Frankfurt am Main, Dolmetscherin (von links nach rechts)

Foto: Günter Ackermann

In der alten Feuerwache in Duisburg-Hochfeld fand am 28. und 29. Oktober 2006 ein Soli-Kongress zu Venezuela statt. Redner waren u.a. der Linkspartei Bundestagsabgeordnete Hüseyin Aydin, aus Venezuela u.a. Comandante William Izarra[1], Gonzalo Gómez[2], Gregory Wilpert[3], Ruben Linares[4] und andere.

Woran es lag, dass die Veranstaltung nur mäßig besucht war, vermag ich nicht einzuschätzen. Mir scheint jedoch, es lag bereits am Aufruf und der Themensetzung. Mit dem Motto „Für ein neues bolivarisches Mandat für Präsident Chávez – Unterstützen Sie Hugo Chávez Frías“ hatte der unbedarfte Zeitgenosse den Eindruck, es sei eine Wahlkampfveranstaltung. Zu was aber Wahlkampf in Deutschland unter Deutschen, die eh nicht mit wählen können? Das werden sich viele gesagt haben und sind zu Hause geblieben. Folglich werden sich vielleicht – zieht man die Gäste aus Südamerika und die Veranstalter ab – vielleicht 50 Kongressteilnehmer in der alten Feuerwache in Duisburg-Hochfeld eingefunden haben.

wpe3.jpg (99943 Byte)

siehe oben

Foto: Günter Ackermann

wpe5.jpg (66083 Byte)

Comandante William Izarra bei seinem Vortrag

Foto: Günter Ackermann

1. Eröffnungsrede Hüseyin Aydin (MdB PDS/WASG)

Mich verwirrte allerdings, dass fast die gesamten örtlichen PDS-Trotzkisten – und nur sie – einschließlich des Obertrotzkisten Dierkes, erschienen waren. Diese Herrschaften hatte man bei Veranstaltungen gegen den Krieg am Antikriegstag oder dem Jahrestag des Beginns des derzeitigen Aufstands des palästinensischen Volkes, der 2. Indifata, vergeblich gesucht. Es kann aber auch sein, sie kamen deshalb, weil der PDS-Bundestagsabgeordneter Hüseyin Aydin die Veranstaltung eröffnete. Aydin ist WASG-Mitglied und Dierkes hintertreibt in Duisburg das Zusammengehen der PDS mit der WASG. Für meinen Geschmack waren es jedenfalls zu viele Trotzkisten. Aber das muss ja letztlich nichts über die Konferenz selbst sagen. Ich war ganz unvoreingenommen.

Auch das, was Aydin in seiner Eröffnungsrede sagte, war zunächst akzeptabel. Er meinte, Chavez symbolisiere die Kräfte des Fortschritts und des Kampfes gegen Neoliberalismus und stehe für eine bessere Welt. An ihm sei die amerikanische Freihandelszone, die im Interesse der USA sei, gescheitert. Der Globalisierung des Neoliberalismus müsse die des Widerstands entgegen gesetzt werden.

Dann meinte Aydin, dass die Demokratisierung voranschreiten müsse. Leider warteten bei uns noch viele Linke, aber der Wahlerfolg der „Linkspartei“ zeige, dass sich die Gesellschaft auch hier nach links entwickelt. Es müssten die zahllosen linken Gruppen erreicht werden –  so z.B. die Christen [sic].

Jetzt wunderte ich mich nicht mehr. Mir ist Aydin als parteirechter und antikommunistischer Ideologe der WASG bekannt. Der hatte vor Jahr und Tag versucht, die aus der PDS zur WASG gekommenen Linken rauszuekeln.

Hinter seinem Fortschrittsgetue versteckte sich immer noch der Antikommunist und Gegner wirklicher sozialistischer Politik.

2. Beitrag von William Izarra

Ich gebe zu, es fällt mir schwer, diesen Beitrag wertfrei zu interpretieren. Ich werde es aber versuchen.

Herr Izarra erläuterte uns anhand eines Diavortrags die ideologischen Positionen der bolivarischen Revolution in Venezuela. Er zeigte uns anhand von Bildern, was die Basis des ideologischen Systems in seiner Heimat sei:

- Jesus Christus;

- Simon Bolivar;

- Che Guevara;

- Hugo Chavez.

Vom marxistischen Standpunkt aus eine etwas gewagte Ideologie. Ich will hier gar nicht untersuchen, inwieweit eine Gleichsetzung der vier gerechtfertigt sein kann oder was sonst noch für Vorstellungen in dieser Frage vorhanden sind.

Aber man bedenke, es handelt sich bei der bolivarischen Bewegung in Venezuela um eine nationale Befreiungsbewegung gegen den USA-Imperialismus, die nicht vom Proletariat, sondern von Teilen der Bourgeoisie und vor allem vom Kleinbürgertum und der Bauern getragen wird.

Weiter verglich Comandante Izarra die bolivarische Revolution in seinem Land mit einem Kind. Sie steht am Anfang und beginnt erst. Die im Iran verglich er mit einem jungen Erwachsenen und China mit einem älteren Erwachsenen. Dass aber genau diese, also die derzeit Herrschenden in China, Riesenschritt in Richtung Kapitalismus machen, sei vom Autor dieses Berichts nur am Rande vermerkt.

Im Vortrag des Herrn Izarra kamen weiter Begriffe von Gemeinwohl, soziale Produktion und direkte Teilnahme (gemeint ist direkte Demokratie im Bereich der Kommunen als Beispiel der im Staat). Die Quellen seien wieder: Jesus, Bolivar, Che Guevara und Chavez.

Comandante Isarra sagte weiter, dass Chavez eine Einheitspartei in seinem Lande anstrebe.

Wir Kommunisten wissen, dass Parteien bestimmte Klassen vertreten. Venezuela, immerhin ein Schwellenland in Südamerika mit einer kampferfahrenen Kommunistischen Partei, gegründet am 5. März 1931. Sie ist die älteste linke Partei des Landes. Schlösse sich die KP dieser Einheitspartei an, so unterstellte sie die Interessen des Proletariats Venezuelas denen des Kleinbürgertums. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich darauf einlässt,

Zwar unterstützt die KP die boliviarische Revolution des Präsidenten, aber das ist was ganz anderes, als sich in seiner Einheitspartei gleichschalten zu lassen.

Euro Fario, Chefredakteur der venezolanischen KP-Zeitung Tribuna Publica und Mitglied im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Venezuelas, sagte in einem Interview:

Natürlich ist es oft nicht einfach, weil uns in der Koalition häufig antikommunistische und antimarxistische Vorurteile begegnen. Doch es ist gerade Präsident Chavez, der immer wieder betont, dass auch die KommunistInnen zu seiner Regierungskoalition gehören. Damit öffnet er uns immer wieder Türen und neutralisiert den Anti-Kommunismus der anderen Parteien.

Wir sind Teil der Koalition, weil wir denken, dass zur Zeit nicht die Einführung des Sozialismus, sondern die Verteidigung der Bolivarischen Revolution in Venezuela auf der Tagesordnung steht. In diesem Ziel sind sich alle an der Koalition beteiligten Kräfte einig.“[5]

Ich denke, dass die KP Venezuelas, die lange Zeit im Untergrund kämpfte, sehr wohl aus ihrer revolutionären Vergangenheit, aber auch Fehlern ihrer Bruderparteien, gelernt hat. Da gab es in Asien, in Indonesien, den antiimperialistischen Präsidenten Sukarno mit seiner Politik der NaSuKo – Nation, Sukarnao, Kommunistische Partei. Als 1965 das Militär im Auftrag der USA unter General Suharto gegen Sukarno putschte, begannen die Putschisten einen Massenmord an Kommunisten.

3. Sozialismus des 21. Jahrhunderts

Comandante William Isarra brachte es auch mehrfach: Sozialismus des 21. Jahrhunderts sei das, was Chavez in Venezuala anstrebe. Das genau aber bezweifle ich und das sagt auch die KP Venezuelas: „Wir sind Teil der Koalition, weil wir denken, dass zur Zeit nicht die Einführung des Sozialismus, sondern die Verteidigung der Bolivarischen Revolution in Venezuela auf der Tagesordnung steht.“[6]

Ein anderer Redner, der eigentliche Ideologe dieses neuen Sozialismus, kam auch zu Wort. Ich konnte seinen Ausführungen nicht mehr beiwohnen, habe mich aber kundig gemacht.

3.1 Gregory Wilpert

Wilpert ist US-Amerikaner und Soziologe. Er scheint der Ideologe der Bewegung um den Sozialismus des 21. Jahrhunderts zu sein.

Ich denke, wenn man Chavez und seine Anhänger mit Sympathie wegen ihrer antiimperialistischen Gesinnung und Politik betrachten muss, so markiert Wilpert die Grenze. Seine „Theorie“ des Dritten Weges erhebt universale Gültigkeit und wirkt somit auch direkt auf die Klassenkämpfe in den imperialistischen Ländern. Es lohnt sich daher, kritisch diese „Theorie“ zu betrachten.

In einer Zeit des politischen Umbruchs, in der alte Ideologien wie Rechts und Links, Sozialismus, Liberalismus und Konservatismus die politische Vorstellungskraft nicht mehr in dem Maße fesseln, wie sie es einst taten, brauchen wir neue politische Visionen. Einige haben versucht, einen „dritten Weg" zwischen Sozialdemokratie und Konservatismus zu formulieren. Im Folgenden möchte ich die Vision einer Integralen Politik vorstellen, die auf der Grundlage der Arbeit von Ken Wilbert beruht.“[7]

Allzu bekannte Worte. Das alles ist nicht so neu, wie er es vorgibt. Schon oft haben uns Ideologen der Bourgeoisie erklärt, der Marxismus ist gescheitert, man müsse etwas Neues an seine Stelle setzen. Was dabei herauskam, war der x-te Aufguss der Behauptung, der Kapitalismus sei das Beste, was passieren könne, alles müsse nur etwas sozialer werden. Bei diesem Postulat blieb es dann – es änderte sich nicht. Und es konnte sich auch nichts ändern, denn das Wesentliche, der Kapitalismus, der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung, war geblieben.

Wilpert nennt seinen Neuaufguss dieses Tricks „Integrale Politik“ oder „Integraler Dritter Weg“

„Ein wirklicher dritter Weg für das 21. Jahrhundert sollte über die vorhergehenden Ideologien hinausweisen.“[8]

Worin aber besteht das „Dritte“ seines Weges wirklich? Über welche Ideologien weist die von Gilpert hinaus? Er verrät uns die absolut „neue“ Erkenntnis, dass alle Systeme Teile eines Ganzen sind. Wer noch nicht wusste, dass diese Buchstaben Teile des gesamten Textes sind, erfährt es jetzt. Wilpert beruft sich auf den ungarisch-englischen Schriftsteller Arthur Koestler und nennt das ein Holon, also ein Ganzes, das Teil eines Ganzen ist. Nun ja, aber weiter im Text.

Nach Wilpert gibt es vier Dimensionen von Politik:

Erste Dimension: eine Ideologie, die mehr das Individuum oder das Kollektiv betont;

Zweite Dimension: beschreibt, inwieweit eine Ideologie von äußerer oder innerer Verursachung ausgeht.

Dritte Dimension: Die dritte Dimension politischer Ideologien hat eine Schlüsselbedeutung: der Grad an Einschließen oder Umarmung.

Vierte Dimension: Die vierte Dimension von Politik schließlich ist in der Integralen Vision die Art und die Richtung von erwünschter Veränderung (so wie Bewegung oder Zeit im Bereich der Physik manchmal als vierte Dimension betrachtet wird). Manche Ideologien meinen, dass soziale Veränderung auf revolutionäre Weise stattfinden sollte, andere bevorzugen eine reformerische Art, wieder andere behaupten, dass es überhaupt keine Veränderung geben sollte.

Dabei unterscheidet Gilpert nicht rechts und links, nicht kommunistische, faschistische oder liberale Positionen. Liberal betont mehr das individuelle, Kommunismus und Faschismus das Kollektive. Als ich das las, dachte ich, ich hätte mich verlesen. Dem ist aber nicht so.

Wilperts Fazit: „Integrale Politik behauptet, dass alle diese vier Dimensionen in Betracht gezogen werden müssen wenn wir politische Analysen durchführen und Politik entwerfen. Integrale Politik stellt einen „dritten Weg" in dem Sinne dar, dass es die bestehenden Glaubenssysteme in allen Dimensionen integriert und transzendiert.“[9]

Also alles in einen Topf geworfen, Faschismus, Liberalismus, Kommunismus, Kapitalismus, Sozialismus. Alles gut umrühren, kurz aufkochen lassen und schon ist der Hirsebrei des Sozialismus des 21. Jahrhunderts fertig. Ich fürchte aber, das Zeug ist nicht zu fressen und keiner wird es haben wollen. Das wäre noch das beste an diesem „Sozialismus“. Aber es soll ja wohl auch nur eine trübe Suppe angerichtet werden. Mehr nicht.

Wer das so nicht begreift oder sich nicht vorstellen kann, was damit gemeint ist, halte sich an Wilpert. Der meint, man komme zur Erleuchtung über das Wesen seiner „Intergralen Politik“ indem man „ähnlich wie das Einstimmen auf das Spirituelle, nämlich durch kontemplative Praktiken wie Meditation.“[10]

Er nimmt aber gleich die Erkenntnis, die man durch hui hui und hokuspokus erringen könnte, vorweg. Er traut den Erkenntnissen aus spiritistischen Sitzungen, mit Stühlerücken und Meditation offenbar selbst nicht:

„Integrale Politik bleibt nicht dabei stehen, lediglich Spiritualität der Politik hinzuzufügen. Stattdessen wird ein Platz für Spiritualität in der Politik gefunden, und ein Platz für Politik in der Spiritualität.“[11]

Nun den Dritten Weg verstanden? Etwas vereinfacht ausgedrückt: Hokuspokus wird bei seiner integralen Politik gemacht, wie auch beim Hokuspokus politisiert wird.

Hat Herr Wilpert nicht bemerkt, dass wir täglich vorgesetzt bekomen, wenn wir bürgerliche Politiker hören, die uns ihre Glaubenssätze vermitteln wollen? Hat er nicht bemerkt, dass kapitalistische Wirtschaftswissenschaft nichts anderes ist, als der Versuch, die Zukunft voraus zu sagen, damit es größtmöglicher Profit gesichert werden kann. Machen nicht die Wirtschaftsforschungsinstitute genau das – und liegen mit größter Regelmäßigkeit daneben.

Auch das Gewäsch von „Zwänge der Globalisierung“ hat etwas von Glaubenssätzen. Die Integrale Politik ist längst Bestandteil des täglichen Lebens und das nicht erst seit kurzer Zeit.

Prinzipien der Integralen Politk nach Wilpert sind:

1. Eine integrale Vision: Integrale Politik basiert auf einer Vision die in der Lage ist, Gegensätze zu integrieren und sie als non-dual auszuhalten.“[12]

Also: Nichts mit Klassenunterschieden, nichts mit Klassenkampf, sondern der Klumbatsch des Non-Dualen. Die Klassen lieben sich, denn sie gibt es nicht. Die Bourgeoisie ist proletarisch und das Proletariat ist bourgeois. Die heile Welt der kapitalistischen Ideologen also.

2. Integrale Moral: Der „Alle Quadranten, alle Ebenen"-Ansatz beinhaltet eine integrale Moral, die Wilbert „grundlegende moralische Intuition" nennt. Damit ist gemeint, die größtmögliche Entwicklung für die größtmögliche Zahl von lebenden Wesen zu erhalten und zu fördern.“[13]

Also „größtmögliche Entwicklung für die größtmögliche Zahl von lebenden Wesen zu erhalten und zu fördern.“ Das vertrackte ist nur, dass der Staat des Kapitals behauptet, genau das zu tun. Man müsse das Gesundheitswesen reformieren, der demografische Faktor verlange es, man müsse die Lohnnebenkosten senken, denn sonst sei Arbeit zu teuer, man müsse die Löhne senken (bis auf das Niveau Osteuropas fordern einige), denn sonst müsse die Produktion dorthin verlagert usw. Die Integrale Moral des Herrn Wilpert entpuppt sich als dümmlicher und mieser Abklatsch dessen, was wir eigentlich bekämpfen.

„3. Erst Translation, dann Transformation: Die integrale Perspektive erkennt, wann Fortschritt schrittweise sein sollte, d.h. innerhalb einer gegebenen Entwicklungsebene, und wann er qualitativ sein sollte, d.h. von einer Ebene zur nächsten. Transformation oder Revolution, die Bewegung von einer Ebene zur nächsten, ist nur dann empfehlenswert wenn alle Handlungsmöglichkeiten einer Ebene erschöpft sind und die Gesellschaft bereit ist für den Schritt auf die nächste Ebene.“[14]

Also erst versuchen wir es mal mit der Friede-Freunde-Eierkuchen-Masche. Dann erst Revolution. Was bei Wipert Revolution ist, kann nur erraten werden – mit Sicherheit nicht das, was der Marxismus darunter versteht, nämlich:

„Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.“[15]

„4. Entwicklungspathologien: Integrale Politik versucht zu erkennen, wann eine bestimmte Institution oder ein soziales Arrangement pathologisch wird und entweder weitere Entwicklung abblockt oder tatsächlich gegen die grundlegende moralische Intuition arbeitet.“

Wer wird diese höhere Erkenntnis des Pathologischen bekommen? Die davon betroffenen Menschen, also die unterdrückten und ihrer Existenz beraubten Proletarier? Wenn die nichts zu fressen haben, kein oder ein schlechtes Dach über dem Kopf, wenn die ihrer Rechte beraubt werden/sind, werden sie mit Sicherheit nicht meditieren, sondern rebellieren. Und das ist gut so! Wir Kommunisten werden dazu beitragen, dass es, ehe die Verelendung dramatische Ausmaße annimmt, das Proletariat rebelliert und die kapitalistische Gesellschaftsordnung hinweg fegt.

Dazu aber brauchen wir nicht Wilperts „Integrale Politik“ und seinen angeblichen Sozialismus des 21. Jahrhunderts“

Das, was Wilpert uns hier als neu auftischt, ist eine Variante des „Bourgeoisiesozialismus“, den Marx und Engels bereits im Manifest geißelten:

„Die sozialistischen Bourgeois wollen die Lebensbedingungen der modernen Gesellschaft ohne die notwendig daraus hervor gehenden Kämpfe und Gefahren. Sie wollen die bestehende Gesellschaft mit Abzug der sie revolutionierenden und sie auflösenden Elemente. Sie wollen die Bourgeoisie ohne das Proletariat. Die Bourgeoisie stellt sich die Welt, worin sie herrscht, natürlich als die beste Welt vor. Der Bourgeoissozialismus arbeitet diese tröstliche Vorstellung zu einem halben oder ganzen System aus. Wenn er das Proletariat auffordert, seine Systeme zu verwirklichen und in das neue Jerusalem einzugehen, so verlangt er im Grunde nur, daß es in der jetzigen Gesellschaft stehenbleibe, aber seine gehässigen Vorstellungen von derselben abstreife.“[16]

Wilpert, der meines Wissens Attac politisch nahe steht, tischt uns hier nichts Neues auf – er bedient sich nur des Tricks der bürgerlichen Soziologie, dass etwas ganz Neues entdeckt wurde, Das Neue ist dann nichts anderes, als Altbekanntes. Nur eben neu verpackt oder mit neuem Namen versehen. Wilperts großspurige Behauptung von Drittem Weg, von Sozialismus des 21. Jahrhunderts, riecht nach Verwesung und Fäulnis. Es ist wie ein zig-Mal gebrühter Teebeutel, der auch noch Hunderte Mal ausgelutscht wurde, der tagelang im Müll gelegen  hat und nun als bester Darjeelingtee angepriesen wird. Es ist ungenießbares Gebräu – Sozialismus der 21. Jahrhunderts ist das nicht. Es ist der wiederholte Aufguss jenes bourgeoisen und reaktionären „Sozialismus“, der erfunden wurde, um die Herrschaft des Kapitals zu festigen.

4. Fazit der Konferenz

Über Sinn oder Unsinn solcher Konferenzen kann man verschiedener Meinung sein. Wenn sie dazu dienen sollte, unsere Solidarität mit Völkern, die um ihre Freiheit kämpfen, zu dokumentieren, ist das gut und richtig.

In diesem Fall bin ich eher skeptisch. Wenn es aber auch hier dazu dienen sollte, der antiimperialistischen Politik in Venezuela unsere Solidarität zu zeigen und um über das, was dort passierte, zu informieren, ist das auch gut und richtig,

Wenn, wie hier offenbar vorgesehen, diese Konferenz dazu gedacht war, die dortigen ideologischen Grundlagen als universell gültig zu verkaufen, wird es falsch.

Chavez macht keine sozialistische Politik, er macht im Inneren dringend notwendige soziale  Reformen, wie z.B. Bodenreform und nach außen eine Politik gegen den Imperialismus. Das allein macht es schon unterstützungswert.

Aber als Kommunisten analysieren wir kritisch und wissenschaftlich – machen uns also keine Illusionen. In Venezuela und in anderen Ländern Lateinamerikas wird ein Kampf für die nationale und soziale Befreiung geführt. Das mag die Bedingungen für eine Politik zum Sozialismus verbessern, es ist aber noch keine sozialistische Politik.

Und alle diese Bewegungen, auch die von Chavez, werden scheitern, wenn ihre Politik nicht in eine sozialistische Politik mündet. Wie und wann dies geschieht, ist von den jeweiligen Bedingungen abhängig, sicher ist aber, eine sozialistische Revolution bedarf einer kommunistischen Partei, bedarf der Theorien des Marxismus-Leninismus. Diese Theorien müssen in den Massen getragen werden damit sie die Massen sie ergreifen und zur materiellen Gewalt machen – zur Sozialistischen Revolution. Das gilt hier wie dort, nur die Methoden werden unterschiedlich sein.

G.A.


[1]  William Izarra, Zentrum für Ideologische Bildung, Centros de Formación Ideológica). Bis 2005 Vizeaußenminister Venezuelas für Asien, den Nahen Osten und Ozeanien und heute Teil der Zentren für Ideologische Ausbildung (Centros de Formación Ideológica)

[2]  Gründer der alternativen Nachrichtenagentur „Nationale Vereinigung Kommunaler und Alternativer Medien“ (ANMCLA)

[3]  Gregory Wilpert  ist ein in Venezuela ansässiger Soziologe und Publizist sowie Herausgeber des Informationsmediums „Venezuela Analysis“. Wilpert hat zahlreiche Beiträge über das Modell des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ veröffentlicht und gilt sowohl in Venezuela als auch international als Experte für Themen der Ökonomie und Demokratie für einen nicht-kapitalistischen Entwicklungsweg. Er ist Mitglied des Netzwerkes „Conexión Social“ von bolivarianischen Basisbewegungen in Venezuela.

[4]  Nationale Arbeiterunion

[6]  ebenda

[8]  ebenda

[9]  ebenda

[10]  ebenda

[11]  ebenda

[12]  ebensa

[13]  ebenda

[14]  ebenda

[15]  Marx/Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, siehe

[16]  Marx/Engels, ebenda

zurück

Leserbrief zum Artikel: Venezuela-Solidaritätskongress in Duisburg: Solidarität muss auch kritisch sein, Ein Bericht mit Kommentar

von J-T. B. Brüssel (1. Nov. 2006)

Moin lieber Günter,

ich habe gerade mit der gewohnten Begeisterung (sowohl für die Revolution von Chavez und seiner Basis im Volke als auch für Deine Beiträge bei K-Online) Deinen Bericht über die Venzuela-Veranstaltung in Duisburg gelesen. Dass gerade die Trotzkisten um Dierkes sowie die antikommunistischen "Bourgeoisie-Sozialisten" (Begriffsklärung findet sich bei Friedrich Engels in einem der Vorworte zum "Manifest der Kommunistischen Partei") bestrebt sind, in Deutschland und anderswo in Westeuropa und der Welt das Thema "Venezuela-Solidarität" an sich zu reissen, entspricht voll ihrer Diversantenfunktion innerhalb der Arbeiter- und Volksbewegung und innerhalb jenes politischen diffusen Sammelsuriums namens politisch linksstehend sich definierende Bewegung.

Grösster politischer Freund von Hugo Chavez ist sehr bekanntermaßen für alle wissenden Roten Kubas grossartiger Revolutionsführer Fidel Castro. Und Fidel Castro schaffte es, sich von einem revolutionären Demokraten zu einem Marxisten-Leninisten zu entwickeln, - unter seiner Führung hat das kubanische Volk eine sozialistische Gesellschaft in karibischen Farben aufgebaut und seiner Ausbeutung durch die in- und ausländische Bourgeoisie ein Ende setzen können. Ohne das beherzte Eingreifen von Fidel Castro wäre letztlich der Putsch gegen Hugo Chavez vor wenigen Jahren erfolgreich gewesen, auch diese Geschichte kennen wissende Rote mittlerweile bestens. Daher will ich mal unterstreichen, dass sich Hugo Chavez nicht auf irgendwelche Trotzkisten oder Dritte-Weg-Apologeten des Imperialismus als selbsternannte Beraterstäbe der "Bolivarischen Revolution" verlässt, sondern die Kaderschmiede dieser revolutionären Bewegung derzeit in Kuba liegt, wo abertausende venezolanischer Kader derzeit an Universitäten und Hoch- und Fachschulen für ihre künftige Tätigkeit in Venezuela qualifiziert werden.

Marx, Engels, Lenin, Stalin sind uns hier in Europa relativ nahe und relativ gut bekannt. Sie sind Europäer gewesen. Sie wirkten in Europa. Ihre wissenschaftlichen Lehren dienen den Kommunisten in aller Welt als Richtschnur im politischen Kampf. Jedoch, in Asien spielte ein Mao Tse-Tung eine gewisse grössere Rolle und beeinflussten seine Theorien und Erkenntnisse die revolutionären Bewegungen dort oftmals stärker als jene zuvor genannten Klassiker des Marxismus-Leninismus. Weshalb revolutionäre Bewegungen und kommunistische Parteien in den asiatischen Ländern nicht umhin kommen, auch Teile der Lehren von Mao zu adaptieren, in die eigenen Konzepte aufzunehmen und schöpferisch auf die gesellschaftliche Praxis anzuwenden. In Lateinamerika spielen Che Guevara, das revolutionäre Kuba und die eigenen Helden der dortigen nationalen und sozialen Befreiungsbewegungen (Sandino, Allende, Arbenz, Zapata...) eine grosse Rolle. Und wenn da Jesus aufgeführt wird von William Izarra, so sollten wir dies mal dahingehend untersuchen, ob es im Sinne der Schriften von Friedrich Engels "Über das Urchristentum" / "Otto Bauer und das Urchristentum" zu verstehen ist, wo nachgewiesen wurde, dass das Urchristentum und der Marxismus identische Ziele vertreten. Warum also nicht die kapitalismuskritischen Teile der christlich inspirierten sozialen Bewegungen durch Verweis auf den Revolutionär Jesus ansprechen? Selbst hier in Belgien machen in der Presse immer mal "Christen für den Sozialismus" auf sich aufmerksam ... nach dem Motto "Ja, auch uns gibt es nach wie vor". Und bitte, auf Simon Bolivar (den "Befreier") zurückzugreifen im Konzept der revolutionären Bewegung Lateinamerikas ... dies spricht die Lateinamerikaner an, weil Simon Bolivar für die politische Einheit Lateinamerikas gefochten hat. Und es verwirrt die reaktionären Verfechter der US-imperialistischen Monroe-Doktrin bei der Analyse dessen, was da die revolutionäre Bewegung tatsächlich vorhat. Denn wer von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Che Guevara und Fidel Castro spricht und solche Namen als Vorbilder klar benennt, hat die geballte Einheit aller möglicher Gruppierungen der in- und ausländischen Bourgeoisie sofort mit einem Schlag gegen sich vereint in deren antikommunistischen Reflex. Darf hier nicht auch taktisch klug vorgegangen werden von einer revolutionären Bewegung?

Fidel Castro sieht in Hugo Chavez den Garanten dafür, dass es sich in Venezuela um einen revolutionären Prozess Richtung Sozialismus handelt. Ich vertraue da dem Urteil von Fidel Castro vollauf. Zumal Hugo Chavez die revolutionäre Bewegung in immer mehr Teilen Lateinamerikas voll ins Rollen gebracht hat. Mehr kann da derzeit gar nicht von ihm geleistet werden. Und so verfolge ich den Prozess dort mit wacher Begeisterung, nicht mit blinder Begeisterung. Und wer sich da alles zum Anhänger eines "Bolivarismus" erklärt ... wir wissen ja, wer sich alles als Kommunist ausgibt und schauen da genauer hin, was notwendig ist. Unter den Trittbrettfahrern jeder Revolution findet sich viel Abschaum.

Rote Grüsse,

J.-T. B.

zurück

Spenden für die Homepage: Günter Ackermann, Konto-Nr.: 433 407 436,
IBAN DE62360100430433407436., BIC PBNKDEFF, BLZ: 360 100 43
Postbank Essen. Verwendungszweck: Homepage 
(Bitte eMail-Adresse und Verwendungszweck immer angeben!)

  Bitte immer angeben!