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Warum
wird Hugo Chavez nicht Mitglied der Kommunistischen Partei Venezuelas?
Von
Jens-Torsten Bohlke, Brüssel/12. Februar 2007
Die
marxistisch-leninistische Partei der Kommunisten „ist der bewusste und
organisierte Vortrupp, die höchste Form der Organisation der revolutionärsten
Klasse in der Geschichte, der Arbeiterklasse, deren theoretische Grundlage
der Marxismus-Leninismus ist. Die marxistisch-leninistische Partei der
Arbeiterklasse hat die historische Aufgabe, der Arbeiterklasse das
wissenschaftliche Bewusstsein über ihre historische Mission, über die
Ziele, Aufgaben und die konkreten Bedingungen ihres Klassenkampfes zu
vermitteln, sie für diesen Kampf im revolutionären Sinne zu erziehen und
zu organisieren. Da „die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der
Arbeiter selbst sein kann“, müssen sie sich zur Verwirklichung ihrer
historischen Mission die genaue Kenntnis der gesellschaftlichen Gesetze
und ihrer historisch bestimmten Wirkungsweise aneignen sowie sich
politisch organisieren. „Ohne Klassenbewusstheit und Organisiertheit der
Massen, ohne ihre Schulung und Erziehung durch den Klassenkampf gegen die
gesamte Bourgeoisie kann von sozialistischer Revolution keine Rede sein“
(Lenin 9, 15). (1)
Venezuelas
Präsident Hugo Chavez gehört nicht der Kommunistischen Partei Venezuelas
an, die den revolutionär-demokratischen Präsidenten bei der
Weiterentwicklung des Prozesses der Bolivarischen Revolution jedoch mit
all ihren Kräften unterstützt. Als der kürzlich verstorbene Führer der
KP Venezuelas beerdigt wurde, sang auch Chavez „Die Internationale“
mit in der ersten Reihe des Trauerzuges. Hugo Chavez ist engstens
politisch befreundet und verbündet mit Kubas Partei- und Staatschef Fidel
Castro Ruz sowie dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales. Es ist eine
unumstrittene Tatsache, dass derzeit das sozialistische Kuba und die in
revolutionär-demokratischen Umbrüchen befindlichen Staaten Venezuela und
Bolivien an der Spitze der antiimperialistischen Bewegung unter den
Nichtpaktgebundenen der sog. 3. Welt stehen. Hervorzuheben ist die
herausragende Rolle Kubas und seines Revolutionsführers Fidel Castro bei
der Zerschlagung des Staatsstreiches der venezolanischen
Kompradorenbourgeoisie im Bündnis mit der CIA im Jahre 2002 gegen Hugo
Chavez, was die Verbundenheit zwischen Hugo Chavez und Fidel Castro enorm
gefestigt haben dürfte. Seitdem bildet das sozialistische Kuba tausende
venezolanische Revolutionskader heran, leisten tausende kubanische Ärzte
den entscheidenden Beitrag für die gesundheitliche Betreuung auch der ärmsten
Venezolaner vor Ort in Venezuela, unterstützt der Erdölexporteur
Venezuela das von den USA boykottierte sozialistische Kuba mit Öllieferungen
unter dem Weltmarktpreis und installierten Kuba, Venezuela und Bolivien
den antiimperialistischen Fernsehsender Telesur für die Völker
Lateinamerikas. Ausser Peru, Paraguay, Uruguay und Kolumbien wird
Lateinamerika derzeit von Regierungen politisch verwaltet, welche
zumindest radikal-demokratischen Charakter haben und die Souveränität
der lateinamerikanischen Staaten gegen die politische, militärische und
wirtschaftlich-finanziell-technologische Überlegenheit des
USA-Imperialismus bestmöglich zu verteidigen bemüht sind. In Pentagon,
State Department und CIA dürften die Alarmglocken spätestens schrill geläutet
haben, als auf Geheiss von Hugo Chavez Venezuela eine Million
Kalaschnikow-Feuerwaffen sowie Militärhubschrauber und weitere Waffen in
Russland in 2006 bestellte und die Gestattungsproduktion von
Kalaschnikow-Gewehren in Venezuela begonnen hat, um von Waffenlieferungen
aus USA-Produktion unabhängig zu sein. Da die Wiederwahl von Hugo Chavez
zum Staatspräsidenten Venezuelas in 2006 von der einheimischen
venezolanischen Kompradorenbourgeoisie und dem USA-Imperialismus nicht
verhindert werden konnte, muss entsprechend den Lehren aus dem
faschistischen Militärputsch gegen die sozialistische Volksfrontregierung
des unvergesslichen damaligen chilenischen Präsidenten Dr. Salvador
Allende unbedingt damit gerechnet werden, dass von langer Hand in
Washington die gewaltsame Zerschlagung der Chavez-Regierung und der
Bolivarischen Revolution vorbereitet wird. Bekannt sind diesbezüglich die
Umtriebe von tausenden Todesschwadronären aus Kolumbien, die nach
Venezuela eingeschleust worden waren, dort militärisch trainierten und
letztlich entdeckt wurden und unschädlich gemacht werden konnten. Denn
bisher stand das venezolanische Militär zu seinem Präsidenten, der
selbst aus dem Militär stammt, den USA-Präsidenten Bush als „Mr.
Danger“ und Bösewicht und schlimmsten Terroristen brandmarkt, die USA
„el imperio“, „das Reich“, offenbar auch in Anlehnung an das „3.
Reich“ nennt. Seinem Volke stellt sich der venezolanische Präsident und
Revolutionsführer Hugo Chavez oft sonntags in der Fernsehsendung „Alo
Presidente“, in welcher er auch live mit Fidel Castro telefoniert und
Anrufe des Publikums entgegennimmt. Also ein Präsident „mit dem Gesicht
zum Volke“, wie ich mal in Anlehnung an einen gehaltvollen Song von
Gerhard Schöne anno 1988 hier bewusst ergänze. Ein Präsident, der das
Zeug zum Volkshelden hat und mittlerweile wie ein Volksheld in Venezuela
von den Angehörigen der arbeitenden Klassen gefeiert und bejubelt wird,
denn in den letzten Jahrzehnten vor ihm gab es nur korrupte Vertreter der
Kompradorenbourgeoisie an der Spitze des venezolanischen Staates. Hugo
Chavez ist kein Kommunist. Aber er tut Dinge, die ein Kommunist auch tun würde.(2)
Als
er kürzlich nach seiner Wiederwahl zum Staatspräsidenten Venezuelas den
Amtseid ablegte, schwor Hugo Chavez „ (...) ich schwöre vor meinem
Vaterland, dass ich meinem Arm keine Erholung und meiner Seele keine Pause
gönnen werde, dass ich meine Tage und meine Nächte und mein ganzes Leben
dem Aufbau des venezolanischen Sozialismus widmen werde, dem Aufbau eines
neuen politischen Systems, eines neuen Gesellschaftssystems, eines neuen
Wirtschaftssystems. Ich schwöre bei Christus, dem grössten Sozialisten
der Geschichte (...), auch wenn es mich das Leben kosten sollte, auch wenn
es meine eigene Ruhe kosten sollte. Vaterland, Sozialismus oder Tod. Ich
schwöre.“ (3)
Und
konkret: Er werde die Nationalversammlung um „revolutionäre
Sondergesetze“ bitten, um radikale Massnahmen durchzusetzen: die
Nationalisierung des von den Vorgängerregierungen privatisierten
Telekommunikationskonzerns CANTV, des hauptstädtischen Energieversorgers
Electricidad de Caracas (EDC), „alles, was privatisiert wurde, wird
nationalisiert“, kündigte Hugo Chavez an. (4) Am 19. Januar 2007
erhielt Präsident Hugo Chavez von der Nationalversammlung die geforderten
Sondervollmachten.
Nächster
Schritt soll eine sozialistische Verfassungsänderung werden, wodurch u.a.
eine Vergesellschaftung auch der Nationalbank angestrebt würde. Dritter
Schwerpunkt ist die Volksbildung. Vierter Schwerpunkt sind neue
Machtstrukturen, verbunden damit Schwerpunkt 5 die Stärkung der
kommunalen Räte. Mit ihnen will Hugo Chavez den alten bürgerlichen
Staatsapparat zerschlagen und durch revolutionäre sozialistische
Machtstrukturen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene ersetzen. (5)
Bisher
hatte Hugo Chavez vor allem gegen den Widerstand von Managern und
Arbeiteraristokraten des staatlichen Erdölkonzerns PdVSA mit auch militärischen
Mitteln durchgesetzt, dass die Einnahmen aus dem Ölgeschäft nicht mehr
nur ausschliesslich hochbezahltem Firmenpersonal, sondern der Staatskasse
zufliessen und somit zunehmend für Sozialprogramme verwendet werden.
Verstaatlichungen privatkapitalistischer Unternehmen waren eher spektakuläre
Ausnahmefälle. Von nun an aber beabsichtigt Hugo Chavez die
Verstaatlichung von Banken und wichtigen Betrieben der Industrie und
Infrastruktur des Landes.
Im
nach der Wiederwahl veränderten Regierungskabinett heisst der jüngste
von Präsident Hugo Chavez berufene Minister Venezuelas David Velazquez,
und ist somit erstmals ein Mitglied der KP Venezuelas im
Regierungskabinett vertreten. David Velazquez ist in der Regierung für
Volksbeteiligung und soziale Entwicklung zuständig, bis Mitte 2006 war er
Generalsekretär der Kommunistischen Jugend und hatte als Vorsitzender des
Ausschusses für Bürgerbeteiligung der Nationalversammlung die
Erarbeitung des Gesetzes über die Bildung der kommunalen Räte geleitet,
durch welche die Volksmacht auf lokaler Ebene ausgeübt werden soll. Im Präsidentschaftswahlkampf
war er im Comando Miranda, dem zentralen Wahlkampfstab, für den Kontakt
zu den Massenorganisationen verantwortlich. (6)
Noch
vor dem Jahreswechsel und nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten überraschte
Hugo Chavez mit der Einladung an alle revolutionären Parteien,
Massenorganisationen und alle revolutionären Bürgerinnen und Bürger des
Landes zur Bildung einer Sozialistischen Einheitspartei Venezuelas (PSUV).
Zugleich löste er die gerade im Wahlkampf von ihm initiierte
Chavez-Partei auf. „Die Parteien, die wollen, sollen bleiben, aber natürlich
müssten sie dann aus der Regierung ausscheiden.“
Dies
stellt insbesondere für die Kommunisten Venezuelas ein Dilemma, eine
Zerreißprobe, dar. Sie sprechen sich einerseits konsequent für „die
Herstellung der organischen Einheit der venezolanischen revolutionären
Bewegung“ (7) aus. Des Weiteren verkündet die Führung der KP
Venezuelas den Parteimitgliedern in der Neujahrsbotschaft: „Gleichfalls,
in diesem neuen Jahr, wird die Grundsatzdiskussion über den Aufbau der
„Einheitspartei“ erfolgen, des organischen Instruments der Revolution.
Ihren Klassencharakter, ihre ideologischen Grundlagen, ihr Programm und
ihre Organisationsstruktur. Unsere Partei wird ihre größten
Anstrengungen machen, um dazu beizutragen, dass diese Diskussion
fruchtbare Ergebnisse bringt, ohne dabei mehr Interesse im Kopf zu haben
als das Fortschreiten des venezolanischen Prozesses auf dem Weg der
Nationalen Befreiung und des Sozialismus.“ (8)
Ist
dies bereits eine Öffnung und Orientierung hin zur Selbstauflösung der
KP Venezuelas und Aufgehen der Partei der venezolanischen Kommunisten in
einer Sozialistischen Einheitspartei Venezuelas, wie sie Hugo Chavez
gebildet haben möchte? Seit der letzten Plenartagung des ZK der KP
Venezuelas vom 21. Dezember 2006, wo zum Außerordentlichen Parteitag am
3./4. März 2007 zwecks Entscheidungsfindung in dieser Frage des
Fortbestehens oder Auflösens der KP Venezuelas einberufen wurde, wird
seitens der venezolanischen Kommunisten in Partei und Jugendverband überaus
heftig und kontrovers über die künftige Existenz oder Nichtexistenz der
KP Venezuelas und ihres Jugendverbandes diskutiert. Unüberhörbar sind da
auch die Stimmen, welche sehr wohl eine auch organische Einheit der
revolutionären Bewegung heftig befürworten, aber die Eigenständigkeit
der Kommunistischen Partei Venezuelas nicht dafür preiszugeben bereit
sind. Sie verweisen darauf, dass die KP Venezuelas seit ihrer Gründung
die Hauptlast des revolutionären Kampfes getragen hat und stets die
Hauptzielscheibe brutalster Verfolgungen durch den Klassengegner, das in-
und ausländische Finanzkapital, gewesen ist. Bei der Wahl 2006 hatten die
Kommunisten mit rund 350 000 Stimmen ihre
Stimmenzahl gegenüber der Präsidentschaftswahl 2000 versiebenfacht und
ihren Stimmanteil von 0,9 auf fast 3 Prozent gesteigert. Was verglichen
mit den 7,3 Millionen Stimmen und fast 63% Votum für Hugo Chavez wenig
scheint, jedoch eine grandiose Steigerung seit 2000 darstellt. PODEMOS,
mit 6,59% zweitstärkste Partei bei den Präsidentschaftswahlen, erklärte
mittlerweile ihren Beitritt zur Sozialistischen Einheitspartei Venzuelas.
Unterdessen wächst offenbar auch in der drittstärksten Partei des
bolivarianischen Lagers, der PPT (Heimatland für alle) die Unterstützung
für die PSUV. Hier waren die Vorbehalte am stärksten gewesen. Bereits
ihr Aufgehen in der PSUV erklärt haben der regierungsnahen Tageszeitung
zufolge die von Hugo Chávez gegründete MVR (Bewegung Fünfte Republik),
die von Lina Ron geführte kleine UPV (Venezolanische Volkseinheit) und
die links-sozialdemokratische MEP (Wahlbewegung des Volkes), wächst die
Unterstützung für die Sozialistische Einheitspartei Venezuelas bei
anderen fortschrittlichen Parteien und Organisationen. (9)
Besonders
kompliziert ist die Entscheidungsfindung für die venezolanischen
Kommunisten vor allem deshalb, weil Hugo Chavez am 15. Dezember 2006 mit
seinem Vorstoß nicht etwa nur eine linke Beliebigkeitspartei zu schaffen
anregte, sondern sich in seiner Rede ungewöhnlich deutlich auf
marxistische und leninistische Konzeptionen bezog. So stellte er, nachdem
er die Sozialisierung von Grund und Boden gefordert hatte, fest: „Wir können
nicht nur von sozialistischer Moral sprechen, dann würden wir auf das
Thema des utopischen Sozialismus zurückfallen. (...) Die Veränderung des
Wirtschaftsmodells ist fundamental, wenn wir einen wirklichen Sozialismus
aufbauen wollen. Deshalb muss die Wirtschaft sozialisiert werden, es muss
ein wirklich neues Produktionsmodell geschaffen werden.“ Sozialismus sei
ebenso die „Vertiefung der revolutionären Demokratie“.
(10)
Die
Kommunisten Venezuelas müssen nun sehr genau prüfen und analysieren, ob
es sich bei der Sozialistischen Einheitspartei Venezuelas um eine auf
marxistisch-leninistischer Grundlage handelnde revolutionäre Partei der
arbeitenden Klassen Venezuelas handeln wird, oder ob sich da eher kleinbürgerliche
Kräfte für einen Bourgeoisie-Sozialismus in jener neuen Partei
zusammenfinden. Der im März 2007 bevorstehende Ausserordentliche
Parteitag der KP Venezuelas wird eine qualifizierte Diskussion dieser
Frage widerspiegeln. Es ist nicht anzunehmen, dass die venezolanischen
Kommunisten leichtfertig ihr schärfstes Instrument im Klassenkampf
aufgeben werden. Und es ist auch zu fragen, weshalb Präsident Hugo Chavez
nicht Mitglied der KP Venezuelas geworden ist und als solches seine Anhängerschaft
aufgerufen hat, es ihm gleichzutun, die revolutionär-demokratischen Kräfte
auf marxistisch-leninistischer Grundlage in Gestalt der KP Venezuelas zu
einer organischen Einheit zu verschmelzen. Worin, Herr Präsident Hugo
Chavez, liegt der Vorzug, da eine völlig neue Partei zu gründen? Wäre
interessant, von ihm eine Antwort auf diese Frage auf dem
Ausserordentlichen Parteitag der KP Venezuelas zu erhalten.
Wir
als Kommunisten hier in Europa werden jedenfalls sehr genau hinschauen,
welche Entscheidungen die kampferprobten venezolanischen Kommunisten mit
welcher Begründung da treffen werden. Dabei vertrauen wir darauf, dass
sie den Marxismus-Leninismus schöpferisch auf die gegenwärtigen und künftigen
Herausforderungen des revolutionären Umgestaltungsprozesses in Venezuela
anwenden werden.
Jens-Torsten
Bohlke, Brüssel
(1)
Philosophisches Wörterbuch Bd. 2, Georg Klaus Manfred Buhr, Leipzig 1975,
S. 915
(2)
http://www.puk.de/puk/article.php?sid=250&q=Venezuela
(3)
MinCl - ZUsammenfassung Red Globe
(4)
Revolutionäre Gesetze ... Red Globe
(5)
ebda
(6)
red
globe
(7)
Erklärung des Politbüros der KP Venezuelas vom 20. Dezember 2006
(8)
Tribuna
popular
(9)
red
glone
(10)
communista |