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Lateinamerika
rückt stärker ab vom USA-Imperialismus
Maiproteste
lateinamerikanischer Billiglöhner in den USA
von
Jens-Torsten Bohlke (Brüssel) 2. Mai 2006
In
den USA bewegen sich am diesjährigen 1. Mai ca. 36 Millionen
mexikanische Billiglöhner ohne USA-Visum. 11 Millionen von ihnen
fordern gerechte Arbeitsverträge. Sie veranstalten den grössten
Kauf-Boykott, den es jemals in der USA-Geschichte gegeben hat. Und sie
singen dabei auf landesweiten Massenprotesten die USA-Hymne, allerdings
in spanischer Sprache als „Nuestro Himno“ („unsere Hymne“). Bush
erklärte dazu, dass er mit der übersetzten Fassung der USA-Hymne nicht
einverstanden ist. „Wer Bürger dieses Landes ist, muss sie auf
englisch singen“, so der USA-Präsident. Wie die kubanische Granma
weiter berichtet, haben einige Künstler mit dem britischen Produzenten
Adam Kidron eine Version der USA-Hymne „in lateinamerikanischem
Rhythmus“ herausgebracht. Der für 1. Mai beschlossene Kaufboykott der
„chicanos“ genannten illegalen Wanderarbeiter richtet sich gegen
„Waren des Nordens“ wie Coca Cola. Und Mexiko ist das Land mit dem höchsten
Coca-Cola-Verbrauch pro Kopf weltweit! Viele Mexikaner wollen sich auch
in Mexiko selbst an diesem Kaufboykott gegen „Waren aus dem Norden“
beteiligen.
US-Interventionsvorbereitungen
gegen Kuba und Venezuela
Amerika
ist aber nicht nur die imperialistische Weltmacht namens USA mit ihren
inneren Klassengegensätzen. Amerika besteht zum grössten Teil aus
Lateinamerika, welches die USA-Finanzclans seit der Monroe-Doktrin
Anfang des 19. Jahrhunderts als ihre auszubeutende Hemisphäre, ihren
Hinterhof betrachten. Mitte April nun entsandte das Pentagon den mit
Atomwaffen hochgerüsteten Flugzeugträger „George Washington“ mit
einer ganzen Armada aus Kriegsschiffen und mehr als 6.500 Mann Besatzung
in die Karibik, als Drohgeste Richtung Havanna, Caracas und die
erstarkende kolumbianische kommunistische Guerrilabewegung FARC.
Angeblich geht es Washington um Bekämpfung von Drogen- und
Menschenhandel. Zuletzt, 1983, wurde mit der 7. US-Marineflotte in ähnlicher
Stärke die Invasion gegen Grenada vorbereitet, so Granma.
Kubas
Wirtschaftslage immer besser
Das
Politbüro des ZK der Kommunistischen Partei Kubas beschloss am 26.
April Massnahmen zur Verbesserung der Parteiarbeit angesichts der
offenbar bevorstehenden schrittweisen Beendigung der
„Sonderperiode“, in welcher Kuba seit dem Zusammenbruch der
sozialistischen Staatengemeinschaft mit extremen Beschränkungen die
Basisversorgung seiner Bürger sicherte. Erhebliche Lohn- und Rentenerhöhungen
demonstrierten den kubanischen Werktätigen kürzlich bereits die
verbesserte Wirtschaftslage der vom Westen jahrzehntelang boykottierten
Insel.
Bürgerlicher
Staatsapparat droht Venezuelas Revolution zu lähmen
Die
bolivarische Linksregierung Venezuelas sieht sich indessen zunehmender
Probleme durch den bürgerlichen Staatsapparat gegenüber, welcher mit Bürokratie
die radikaldemokratischen und revolutionären Umgestaltungen behindert
und immer wieder ausbremst. Zugleich versucht die einheimische
Oligarchie im Bunde mit der CIA ein ähnliches Szenario aufzubauen, wie
es in Chile gegen die Volksfrontregierung von Salvador Allende
seinerzeit bestand: Boykottierende Unternehmer und Freiberufler,
zunehmende politische Morde durch aus dem Untergrund operierende
Todesschwadronen (oft rekrutiert aus kolumbianischen Todesschwadronen),
Kochtopfgeklapper des antikommunistisch mobilisierten Kleinbürgertums.
Eine weitere Vertiefung des revolutionären Prozesses steht in Venezuela
an. Dabei spielen auch die äusseren Bedingungen eine Rolle.
Handelsdiktat
der USA im „Hinterhof“ nun nicht mehr alternativlos
In
Venezuelas südamerikanischer Nachbarschaft zeichnet sich eine
bemerkenswerte neue Blockbildung ab. Kuba, Venezuela und Bolivien
schlossen einen „Handelsvertrag der Völker“, der eine Erhöhung der
venezolanischen Öl- und Gasexporte nach Bolivien vorsieht und als
neuartiges Handelsbündnis für „gerechten Handel“ unter Ausschluss
der USA steht. Venezuela war kurz zuvor aus dem Andenpakt ausgetreten,
nachdem andere Mitgliedstaaten wie Peru, Ekuador und Kolumbien mit den
USA bilaterale Freihandelsabkommen geschlossen hatten. Der bolivianische
Präsident Morales kann sich nun entscheiden, ob Bolivien weiterhin im
Andenpakt verbleibt, deren Verträge für Bolivien immer nachteiliger
werden. Und Washington sieht seinen Traum eines den gesamten
amerikanischen Kontinent umfassenden Freihandelsabkommens namens ALCA
ernsthaft gefährdet. Schon auf dem „Amerika-Gipfel“ im
argentinischen Mar del Plata Ende 2005 erteilten etliche
lateinamerikanische Staaten diesem Projekt der Vorherrschaft der
USA-Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent Absagen. Der venezolanische Präsident
Hugo Chavez, begeistert gefeiert von den Menschenmassen in den Strassen
Mar del Platas, drückte dies folgendermassen aus: „Mr. Danger höchstpersönlich
wollte sich in Mar del Plata ein Fest organisieren: mit Druck,
Erpressung und schmutzigem Krieg. Sein Imperium ist schließlich das
perverseste, mörderischste, moralloseste, dass dieser Planet seit
Jahrhunderten gesehen hat. Wer jetzt wissen möchte, wo ALCA geblieben
ist, der sollte in Mar del Plata buddeln, dort ist ALCA beerdigt
worden“.
EU
spielt USA-treu Inquisition / China dagegen investiert auch in Kuba
Bürgerliche
Journalisten wie der Tagesschau-Korrespondent Michael Castritius
sprechen bereits von einem „in Amerika tobenden Wirtschaftskrieg. Die
USA verlieren nach und nach ihren „Hinterhof“. Ein alternativer
Handelspartner bietet sich Lateinamerika aber längst an: China. Ein
Drittel der chinesischen Auslandsinvestitionen fließen bereits hierher
- Tendenz: rapide steigend.“
Die
EU dagegen verhält sich in der Tradition des Wiener Kongresses 1815 und
der damals gebildeten „Heiligen Allianz der Mächte Europas“, wie ja
auch der EU-Verfassungsentwurf klar zeigt. Ihr Parlament verurteilte kürzlich
sehr mehrheitlich das sozialistische Kuba wegen
Menschenrechtsverletzungen und kann dabei auf die verlässliche Mitmache
linksopportunistischer Verräter wie Andre Brie und den Grossteil der
PDS-Europaparlamentarier zählen. Und wie dem Rotfuchs zu entnehmen ist,
trafen sich PDS-Prominente wie Ulla Jelpke ja bereits zu Beginn der 90er
Jahre gerne auch mit kubanischen „Dissidenten“. Ob sie auch mal nach
Guantanamo Bay einzureisen versuchten? Höchste Zeit, Karl Marx und
Ernesto Che Guevara in Europa wieder so lebendig werden zu lassen, wie
sie es in Lateinamerika derzeit sind.
Jens-Torsten
Bohlke
Brüssel |