|
Die
Apartheids-Mauer
von
Gideon Levy
Ha'aretz
/ ZNet 03.05.2003
Für
die Israelis ist es ein "Trennzaun", für die Palästinenser eine
"Apartheids-Mauer". Für die Israelis scheint es ideal, für die Palästinenser
eine existenzielle Bedrohung. Für die meisten Israelis ist es die Zauberlösung
für das Übel des Terrorismus. Die Palästinenser fürchten sie zutiefst. Hier
zeigt sich wiedermal, man versteht sich nicht. Hier sind zwei Nationen, von
denen keine die Ängste der anderen begreift. Trennzaun, Schutzwall, Sicherheit,
Krieg gegen den Terror - die Israelis wissen nicht, welchen Preis die Palästinener
dafür zahlen. Nach den (jüdischen) Siedlungen, den Außenposten, den
Umgehungsstraßen, den Konfiszierungen, der Abriegelung, der Umzingelung, nach
Arbeitslosigkeit u. Ausgangssperre nun also auch noch dieses neue Problem für
tausende im Zaungebiet lebende Menschen. Erneut wurden sie zu unschuldigen
Opfern. Den Bauern hat man ihre Felder enteignet, den Winzern ihre Weinberge
zertrampelt, den Schäfern hat man die Weiden genommen, die Grundstücke u.
Brunnen von Bauern liegen nun auf der jenseitigen Seite - der jenseitigen Seite
des Zauns. Es sind arbeitslose Männer, denen man nun auch noch die letzte
Erwerbsquelle vernichtet, ganze Dörfer sind von ihrem Lebensquell
abgeschnitten. Ein Zaun - der israelisches Leben schützen soll -, wird willkürlich
auf dem ohnehin geschrumpften Land dieser Leute errichtet, nicht etwa auf
israelischem Land - Gott bewahre! Aber warum? Weshalb nicht auf israelischem
Land? Diese Leute hat niemand gefragt, niemand hat mit ihnen verhandelt,
koordiniert. Undenkbar, die bloße Vorstellung, sie um Erlaubnis zu fragen! Wer
sind diese Leute schon?
Der
Klang der Hämmer trägt weit. Überall in der nördlichen Westbank ist das Geräusch
zu hören: Eisen auf Fels. Ein schreckliches Hämmern echot aus den Tälern und
von den Hügeln herab. Eine Armada aus Lastwagen u. Bulldozern fährt hin u. her
- zerstört die Berge. Was für ein Anblick: zwischen Tul Karm, Dschenin u.
Qalquilya ist die Erde aufgebrochen u. vernarbt; wie eine große Wunde zieht es
sich hin, längs der gesamten nördlichen Westbank. Was für ein massiver
operativer Eingriff: ein Sicherheitspfad, eine Straße für die Patrouillen,
eine Beton- Infrastruktur - das alles eine gigantische Narbe. Eine hellgrüne
Broschüre ('The Apartheid Wall Campaign'), herausgegeben von den palästinensischen
Umweltorganisationen, informiert über die Statistik. Danach werden während der
ersten Bauphase 2 Prozent des Westbank-Landes enteignet. Mindestens 30 Dörfer
werden einen Teil ihrer Ländereien verlieren, 15 Dörfer zwischen Zaun u. 'Grüner
Linie' eingeklemmt, 160 000 - 180 000 Dunams (entspricht etwa 16 000 - 18 000
Hektar) enteignet, 30 Brunnen für ihre Besitzer unerreichbar. Und diese Zahlen
beziehen sich ausschließlich auf die erste Bauphase bzw. nur auf die nördliche
Westbank.
Die
bevorstehende Katastrophe
An
der Zufahrtsstraße zum kleinen Dörfchen Izbet Tabib (es liegt neben der
Hauptschnellstraße von Qalqilya nach Nablus) erhob sich diese Woche wieder eine
Straßenblockade aus Abfall u. Dreck. Da die Schnellstraße nur von Juden
benutzt werden darf, wird dadurch die Abriegelung des kleinen Dörfchens noch
perfekter. Nur einem Besatzungsapparat kann soetwas Widerwärtiges in den Sinn
kommen: eine Blockade aus Abfall u. Müll. Das alles wird einfach zu einer
riesigen, häßlichen u. grausamen Straßenbarriere zusammenrecycelt. Auf dem
schmutzigen Pfad, der um die Straßenblockade führt, sitzt in seinem Auto der
Gemeinderatsvorsitzende von Izbet Tabib u. winkt uns zu. Die Armee war gestern
gekommen, hatte gegraben u. Erde für die Straßenblockaden ausgehoben. Dabei
hat man das Wasserleitungssystem des Dorfs beschädigt. Die Bewohner haben nun
kein Wasser mehr. Unsere Autofahrt geht durch einen Pinienwald. Wir werden hin-
u. hergerüttelt, über Steinbrocken hinweg. Unser Ziel ist das nächste Dorf.
In den Außenbezirken von Isla sind rechts neben der Straße bereits die
Grabungen für den Zaun sichtbar. In Azun werden große Lastwagen aus Genf
entladen. Sie bringen Mehl in weißen Säcken - ein Geschenk des Internationalen
Roten Kreuzes. Gleichgültig sehen die arbeitslosen Männer des Dorfes der
Entladungsaktion zu. Das hier ist nicht Bagdad oder Kabul. Am Stadtrand stehen
die gelben Taxis versammelt. Sie kennen nur eine Route, und die ist kurz: bis
zur nächsten Straßenblockade. Auch die Taxifahrer sind arbeitslos.
Im
Dorf Jiyus hängt in einem Zimmer des frischrenovierten Rathauses eine Karte mit
dem Verlauf der "Apartheids-Mauer". Sie hängt an der Wand im Büro
von Abdel Ataf Khaled von der 'Palästinensischen Hydrologischen Gesellschaft' (Palestinian
Hydrological Group'). Auf der Karte sind große, breite Purpur- Flecken östlich
der 'Grünen Linie' eingezeichnet. "Wir stehen vor einer Katastrophe",
sagt Khaled, der Hydrologe. Als Aktivist vor Ort kämpft er gegen die Mauer. Im
letzten Juli hätte man über das Dorf eine eintägige Ausgangssperre verhängt.
An dem Tag sei die Israelische Armee mit Bulldozern angerückt u. habe Marker in
die Dorfgrundstücke gepflanzt. Die Bewohner hätten nicht verstanden, was vor
sich ging, hätten nichts begriffen. "Heute wissen wir, das war die
Planungs-Phase", so Khaled. Dann ging die Sache weiter. In der ersten
Septemberwoche des letzten Jahres fanden Bauern Zettel - überall in ihren
Feldern verstreut. Es waren Enteignungsverfügungen, plus Karte. Geht es nach
diesen Verfügungen bzw. nach der eingelegten Karte, so Khaled, würde der Zaun
55 - 58 Meter breit. 292 Dunams (etwa 30 Hektar) Land, auf einer Länge von 4
100 Metern, würden dem Dorf enteignet. "Später fanden wir aber heraus,
dass es 600 Dunams (etwa 60 Hektar) sein werden - auf 6 000 Metern", so
Khaled. Eine Woche später wurde Khaled u. andern Dorfbewohnern von der
Israelischen Armee ein Treffen mit Rami von der (israelischen) 'Zivilen
Administration' anvisiert. Man werde eine Tour durch das betroffene Gebiet
arrangieren. "Die Tour hat die Dorfbewohner geschockt", sagt ihr
Vertreter Khaled. "Wir sind doch Bauern, sagten sie. Sie fragten, wird man
uns auch weiter erlauben, unsere Grundstücke zu bewirtschaften, die auf der
andern Seite der Mauer liegen? Rami sagte 'ja'. Ohne Schwierigkeiten? Ohne
Schwierigkeiten, versprach Rami. Sie haben ihm aber nicht geglaubt".
Letzte
Chance
Jiyus
hat 3 200 Einwohner, 550 Familien. Etwa 300 dieser Familien, so erklärt uns
Khaled, leben ausschließlich von ihrer Subsistenzlandwirtschaft, von der
Bebauung ihres Landes. Die rund 200 andern Familien hätten von Jobs in Israel
gelebt, die nun aber nicht mehr existieren. Auch diese Familien versuchten nun,
Bauern zu werden - ihre letzte Chance. Von den insgesamt zur Gemeinde zählenden
12 500 Dunams Land (etwa 1 250 Hektar), Häuser eingeschlossen, lägen jetzt 8
600 Dunams (etwa 860 Hektar) jenseits der Mauer. "Und wir sprechen hier
nicht von unfruchtbarem Land", betont Khaled, "das ist kultivierte Fläche.
Hier gibt es 120 Treibhäuser. Jedes davon produziert 35 Tonnen Tomaten (oder
Gurken) pro Jahr. Und 7 Brunnen, die sich die Dorfbewohner teilen, liegen jetzt
auch jenseits der Mauer. 700 Dunams (etwa 70 Hektar) sind Obstgartenfläche, 500
Dunams (etwa 50 Hektar) Früchte- und Gemüsefläche, dazu 3 000 Dunams (300
Hektar) Oliven, der Rest ist Weide". Der Hydrologe erklärt: "65 000
Arbeitstage dieser Gemeinde (Jiyus) liegen jetzt jenseits der Mauer". Und
was wird wohl im Sommer aus denjenigen, deren Brunnenwasser auf der anderen
Mauerseite liegt?
"Wenn
die Felder nicht bewässert werden können, droht eine Umweltkatastrophe",
so Khaled. "Davon abgesehen hat die Israelische Armee schon jetzt 6 der 7
Wege zu den Dorffeldern abgeriegelt - noch ehe der Zaun steht. Schon jetzt
braucht man zwei Stunden, bis man die Felder erreicht - egal, in welche
Richtung. Der ganze Tag geht drauf für den Weg auf die Felder und retour. Die
Felderbewirtschaftung ist hier Familiensache. Was geschieht, wenn sie uns eine
Gebühr für die Passage auferlegen? Muss ein Bauern dann jedesmal 50 NIS
(Schekel) zahlen, damit er mit seiner Familie auf sein Feld kann? Meine
Nachbarin hat drei Jahre gearbeitet, bis sie ein bisschen Geld für ein Stück
Land beisammenhatte", fährt Khaled fort. "Sie hat sich 8 Olivenbäume
gekauft - einen Baum für jedes Familienmitglied. Sie hatte nicht geglaubt, dass
die Mauer ausgerechnet bis zu ihren 8 Bäumen hochkommt - dann entdeckte sie
rote Zeichen an ihren Olivenbäumen. Sie war geschockt, denn das bedeutet, genau
hier wird die Mauer entlanglaufen. Die Bäume haben sie schon alle abgeholzt. Für
sie (die Frau) waren die 8 Bäume ihre ganze Existenz. Der Mann, der die 8 Bäume
abgeholzt hat, weiß sicher nicht, was für eine Geschichte dahintersteckt. Hier
gibt es Menschen, für die die Bäume wie ihre Kinder sind." Und Khaled
weiter: "Die Leute hier sagen, wir werden zu Flüchtlingen. Was dann, wenn
die Mauer steht, und das Tor bleibt geschlossen? Schon jetzt ist die Situation
im Dorf sehr schwierig. Dieses Jahr mussten 45 Kinder aus dem Kindergarten
genommen werden, weil ihre Eltern die 35 NIS monatliche Gebühr nicht aufbringen
konnten. 60 Familien wurde der Stromanschluss gekappt, weil sie ihre Schulden an
die Regionalverwaltung nicht bezahlen konnten. Was wird da erst, wenn die Mauer
steht?" Und was verlangen diese Menschen - angesichts der vor ihren Augen
entstehenden Mauer? Khaled: "Drei Dinge: Sie sollen uns unkomplizierten,
leichten Zugang zu unseren Feldern geben. Zweitens wollen wir unseren Landbesitz
behalten. Und wir wollen in Frieden und guter Nachbarschaft mit (den jüdischen
Siedlungen) Kochav Yair, Tzur Yigal und unseren übrigen jüdischen Nachbarn
leben können". Vor dem Dorf haben sich Teenager versammelt. Sie fordern
inzwischen schon etwas anderes: "Geht zurück nach Europa!"
Auf
unsere entsprechende Anfrage schreibt die (israelische) 'Zivile Administration':
"Für Land, das für den Zaunbau physisch übernommen wurde, kann Geld
ausgezahlt werden - für die Überlassung bzw. als Kompensation - sofern der
Besitzer den Nachweis über den Besitz erbringt. Für Ländereien, die auf der
westlichen Zaunseite verbleiben, gilt: Die Besitzer, oder von ihnen beauftragte
Personen, können das Land zu agrikulturellen Zwecken betreten. Der Zugang wird
durch Tore gewährleistet. Diese werden entlang des Zaunverlaufs eingerichtet.
Unser Sicherheitsapparat wird sich um eine Lösung bemühen, sodass die Bewohner
zu ihren Grundstücken und Ländereien passieren können. Nur solche
Landbesitzer können allerdings auf Entschädigung rechnen, deren Land physisch
beschädigt wurde. Für jede Übernahme von Besitz wurde dagegen ein ordnungsgemäßer
Erlass ausgestellt. Dieser Erlass enthält auch eine arabische Version. Zusätzlich
wurde der Erlass auf den zu enteignenden Grundstücken ausgelegt sowie im
jeweils zuständigen Hauptquartier der 'Koordinations- und Verbindungsbüros des
Israelischen Verteidigungsministeriums' ('Offices of Coordination and Liaison of
the Israeli Defense Ministry'). In Kenntnis gesetzt wurde auch das palästinensische
Verbindungsbüro. Einige Tage nach Verteilung der Enteignungsverfügungen wurden
Touren für die Landbesitzer organisiert, und man teilte ihnen mit, welche
Grundstücke man zukünftig noch beschlagnahmen werde".
In
der unabhängigen palästinensischen 'Al-Quds'-Zeitung ist nachzulesen, es sei
geplant, den Bauern, deren Land auf der andern Zaunseite liegt, jedesmal eine
Durchgangsgebühr von 10 NIS pro Person abzuverlangen. Die 'Zivile
Administration' bestreitet dies allerdings. Die Bauern, die wir diese Woche
getroffen haben, wären noch froh über eine solche Gebühr: Schon jetzt läßt
man sie nicht mehr auf ihre Felder - dabei ist der Zaun noch nicht
fertiggestellt. Da ist zum Beispiel Bauer Abed Khaled aus Jiyus. Er hat 8 Kinder
u. 15 Jahre lang in Israel gearbeitet. Jetzt ist er wie alle anderen arbeitslos.
Er ist überzeugt, sein Land ist ihm verloren, er sei nun auch noch seiner
letzten Existenzquelle beraubt: "Keine Arbeit, kein Land", erklärt er
uns diese Woche. "Das Leben ist vorbei".
http://www.zmag.de/article/article.php?id=623
http://www.zmag.de/themen/topic.php?t_id=4
|