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»Im
Namen meiner gefallenen Genossen«
Eine
Erklärung von Mikis Theodorakis
Quelle: Kommunistische
Initiative Wien vom 02.01.2006, 23:05
In einer Sitzung der Politischen Kommission der Parlamentarischen
Versammlung des Europarates am 14. Dezember in Paris wurde ein Beschlußentwurf
mit dem Titel Ȇber die Notwendigkeit der internationalen Verurteilung
der Verbrechen totalitärer kommunistischer Regimes« verabschiedet.
Dieses »Dokument« soll der Parlamentarischen Versammlung, die vom 23.
bis 29. Januar zusammentreten wird, zur Beschlußfassung vorgelegt
werden. In dem Beschlußentwurf, der lediglich von einigen konservativen
und liberalen Abgeordneten unterzeichnet wurde, wird dazu aufgefordert,
beim Europarat und in allen Mitgliedsländern des Europarates »Kommissionen
zur Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus« einzusetzen. Sie
sollen die Aufgabe haben, »Fakten zusammenzutragen und konkrete Maßnahmen
vorzuschlagen«.
Dazu
erklärt der griechische Widerstandskämpfer und Komponist Mikis
Theodorakis:
Der
Europarat hat entschieden, die Geschichte abzuändern. Sie zu verdrehen,
indem die Opfer mit den Tätern auf eine Stufe gestellt werden. Die
Helden mit den Verbrechern. Die Befreier mit den Besatzern und die
Kommunisten mit den Nazis.
Er
ist der Meinung, daß die größten Feinde der Nazis, also die
Kommunisten, Verbrecher seien und sogar gleichwertig mit ihnen. Und
jetzt ist er besorgt, und er beklagt sich, daß die Schergen Hitlers von
der internationalen Gemeinschaft verurteilt wurden, gleiches noch nicht
mit den Kommunisten geschehen ist.
Aus
diesem Grunde schlägt er vor, diese Verurteilung jetzt durch die
Vollversammlung des Europarates vollziehen zu lassen.
Inzwischen
macht er sich darüber Sorgen, daß »das öffentliche Bewußtsein für
die von den diktatorischen kommunistischen Regimes begangenen Verbrechen
sehr unterentwickelt ist«. Und auch darüber, daß »kommunistische
Parteien immer noch legal und in einigen Ländern immer noch aktiv sind
und sich nicht von den Verbrechen distanziert haben«.
Mit
anderen Worten, der Europarat verkündet im voraus die Verfolgung von
Kommunisten in Europa, die noch keinen Widerruf geleistet haben, wie er
ihnen dereinst schon von den Henkern der Gestapo oder den Folterern auf
der KZ-Insel Makronisos abverlangt worden war. Vielleicht beschließen
sie morgen, die kommunistischen Parteien zu verbieten, und auf diese
Weise die Tür zu öffnen für den Geist von Hitler und Himmler, die ja
bekanntlich ihre Karriere mit dem Verbot der kommunistischen Parteien
und dem Einkerkern von Kommunisten in die Todeslager begannen.
Am
Ende jedoch ertranken sie selbst im Blut ihrer Opfer, dem der 20
Millionen Toten der kommunistischen Sowjetunion und dem von Tausenden
und Abertausenden ermordeter Kommunisten, die ihr Leben opferten und die
sich in Griechenland und in ganz Europa an die Spitze des nationalen
Widerstandes stellten.
Aber
die Herren im Europarat sind nicht die ersten in ihrem Verlangen, die
von der Geschichte und den Völkern verurteilten Methoden wiederaufleben
zu lassen, weil ihnen schon ihr großer Bruder zuvorgekommen ist, die
USA, die mit Hitler-Methoden ganze Völker hinopfern, wie im Irak, das
sie in ein zerstörtes Land verwandelt haben, voll mit amerikanischen
Gefängnissen, in denen täglich Tausende unschuldiger Opfer auf
grauenvolle Weise gequält werden.
Über
dieses große Verbrechen gegen die Menschlichkeit verliert der Europarat
kein Wort, und ebensowenig über das moderne hitlerische Folterlager von
Guantánamo.
Warum
also sollten wir diesen Leuten glauben, daß sie ernsthaft wegen der
Menschenrechte besorgt sind, wenn sogar ihr eigenes Haus, Europa, zu
einem Tummelplatz für die Flugzeuge der CIA geworden ist, die beladen
sind mit Menschen, die jeglicher Rechte beraubt wurden und die in
Spezialgefängnisse in eben dieses Europas gebracht werden, um dort
gefoltert zu werden?
Solche
Bürger können keine Ankläger sein. Vor dem Gericht der Geschichte,
das eines Tages die unzähligen Verbrechen ihres großen Bruders von
Vietnam bis Chile und von Südamerika bis Irak verurteilen wird, werden
sie sich wegen Tolerierung, wenn nicht gar Mitschuld verantworten müssen.
Unglücklicherweise
bin ich heute gezwungen, eher im Namen der Toten als im Namen der
Lebenden zu sprechen. Im Namen meiner gefallenen kommunistischen
Genossen, derer, die die Gestapo kennengelernt haben, die Todeslager und
die Hinrichtungsplätze erduldet haben, um den Nazismus auszulöschen
und die Freiheit zum Sieg zu führen, habe ich diesen »Herren«
lediglich ein Wort zu sagen: SCHANDE!
[Übersetzung
aus dem Griechischen: Heike Schrader, Athen, junge Welt, 03.01.2006] |