| „Im
Krieg werden alle diese Rechte tausend- und
millionenfach zertrampelt, vergewaltigt, verbrannt und in Blut ersäuft.
Aber wenn die Kriegstreiber über ein paar „Dissidenten“, über
mangelnde „Pressefreiheit“ und „Menschenrechte“ in
sozialistischen Ländern jammern, ist all das vergessen. Dann heulen
sofort auch alle Sozialdemokraten, Eurokommunisten und alle
Schattierungen von „Linken“ mit den Wölfen. Wer sich da mit
noch so „human“ klingenden Begründungen anschließt, steht
faktisch – auch wenn er es nicht sehen und nicht zugeben will –
auf ihrer Seite.“ |
Baier
und der Austromarxismus
Von
Walter Winterberg/Februar 2007
Walter
Baier
war einer der Initiatoren der „Internationalen Konferenz über den
Austromarxismus“ in Wien Mitte Dezember 2006, ich nehme sogar an, einer
der maßgeblichen Betreiber dieser Veranstaltung. Sein Referat beschäftigt
sich ausschließlich mit den theoretischen Ansichten des vormaligen
SP-Chefs Otto Bauer. Walter Baier gibt seinen theoretischen Senf dazu.
Historische Bezüge werden weder von Otto Bauer noch von W. Baier
angesprochen. Ich glaube mit gutem Grund. Als ich die Ankündigung dieser
Konferenz las, gingen mir sofort zwei Dinge durch den Kopf.
Hände
weg !
Baier
stellt Marx von den Füßen auf den Kopf.
I.
Als
ich vor längerer Zeit in einer Mitgliederversammlung dem Referenten
Michael Graber auf seine theoretischen Schwärmereien über den
„wahren“ Sozialismus die geschichtliche Realität des nationalen und
internationalen Klassenkampfes im Umfeld des gegenwärtigen Imperialismus
entgegen hielt, wich er der Erörterung konkreter Beispiele mit den für
die jetzige Führung der KPÖ typischen Tricks aus. Er rügte quasi, die
KPÖ sei kein „Geschichtsdebattierklub“. Damit schnitt er jede
Diskussion über die Leistungen und die Schwierigkeiten in der Entwicklung
des „realen Sozialismus“ von vorneherein ab. Das entsprach auch völlig
der Haltung der führenden Funktionäre der KPÖ in den letzten Jahren. Im
offiziell gebilligten Thesenpapier zum 32. Parteitag, das von Gen. Manfred
Groß entworfen wurde, heißt es u.a. in Kapitel 10 wörtlich: „...auf
den Wegen der Veränderung gehen Kommunisten von der gesellschaftlichen
Realität aus...“. Meine Frage lautete: warum geht die Führung der KPÖ
bei ihrer Darstellung des „Realen Sozialismus“, insbesondere der
Politik der Sowjetunion, aber auch bei ihrer Darstellung der Politik der
KPÖ in dieser Zeit in keiner Weise auf die damalige gesellschaftliche
Realität ein? Diese Frage will man nicht hören, die Antwort darauf
lautet schlicht und einfach: Die Führung der KPÖ unter Baier und Co. war
und ist weder bereit noch willens, dies zu tun. Die Tatsache, dass diese Führungsschicht
die damalige Realität nicht selbst erlebt hat, ist keine Entschuldigung
dafür, sich einer objektiven Betrachtung dieser Zeit hartnäckig zu
entziehen bzw. sogar zu widersetzen und den Mitgliedern der Partei - aber
auch der Öffentlichkeit - faktisch ein Geschichtsverbot aufzuzwingen.
II.
Plötzlich
aber besinnt sich Walter Baier wieder der Geschichte, aber nicht der
kommunistischen, sondern der sozialdemokratischen in Form einer Rückbesinnung
auf Otto Bauer und seine theoretischen Ansichten über den „integralen
Sozialismus“. Gemeinsam mit der „Europäischen Linken“ ist es Walter
Baier sogar eine ganze Konferenz wert, um seine und Otto Bauers Ansichten
unter „Linken“ wieder salon- bzw. diskussionsfähig zu machen. Die
Kosten für diese gewiss nicht billige Konferenz trägt offenbar die ELP
(die KPÖ hat ja kein Geld, sagt sie). Und als Sponsor scheint in der
Einladung ganz klein gedruckt das EU-Parlament (!) auf, jenes dezidiert
antikommunistische Parlament, in dem eine satte Mehrheit konservativer und
sozialdemokratischer Abgeordneter zu allem Ja sagt, was sich die Konzerne
und Generäle wünschen.
Ich
werde nun auf einzelne Ausführungen in dem Referat von W. Baier eingehen.
Gleich
auf Seite 1 seines Redekonzepts zitiert er Otto Bauer und dessen
„integralen Sozialismus“, der sich über die Gegensätze, die das
Proletariat gespalten haben, erhebt, um sie zu überwinden. Walter Baier
(in der Folge als W.B. zitiert) stellt diesen Satz gleich als das Motto
dieser Konferenz vor. Dabei drängt sich die Frage auf, WER denn dieses
Proletariat gespalten hat. Es waren nicht einfach irgendwelche Gegensätze,
es waren Parteiführer und Politiker der Sozialdemokratie, die den
Kriegstreibern des Ersten Weltkrieges die Mauer machten. Man kann und soll
doch nicht die Geschichte ausblenden und nur einfach so über Theorie
reden, als ob sich alles im geschichtslosen Raum abgespielt hätte. W.B.
liest bei Otto Bauer eine radikale Selbstkritik heraus, die nach einer
„radikalen Erneuerung“ der getrennten Strömungen der Arbeiterbewegung
verlangt. Das war nach 1934 von Otto Bauer wahrscheinlich sogar ehrlich
gemeint. Aber heute klingt es ganz nach Rechtfertigung für W.B.s
Orientierung auf eine „Erneuerung der KPÖ“, die ja seine politische
Herzensangelegenheit ist. Mit dem Werben um Verständnis für Otto Bauers
zu spät gekommene Einsicht (nach 1934) wirbt W.B. geradezu für seine
„Erneuerung der KPÖ“ im Sinne eines solchen Bauer'schen „Integralen
Sozialismus“. Das lässt sich durchaus so auslegen, dass man der
heutigen Sozialdemokratie im Sinne einer „Integration“ einen Schritt
nach dem anderen entgegen kommen müsse. Wie es beispielsweise die PDS in
Berlin vor exerziert. Soll das die „Synthese“ der Überwindung und die
Vereinigung der beiden gegensätzlichen politischen Ideologien sein, wie
hier von ihm via Otto Bauer angedeutet wird? Bei der heutigen SP sowohl in
Deutschland als auch in Österreich, die doch mit Sozialismus überhaupt
nichts am Hut haben und sich besonders rabiat für die Interessen der
EU-Konzerne engagieren? Will sich W.B. und damit der ihm noch immer hörige
Anhang in der KPÖ im Rahmen der EU in diese Richtung „integrieren“?
W.B.
beschränkt sich auf Seite 2 weiters auf eine rein theoretische Erörterung
von Zitaten Otto Bauers aus dessen Buch „Zwischen zwei Weltkriegen“,
ohne nur im Geringsten konkret auf die damaligen historischen
Gegebenheiten einzugehen. Otto Bauer erkennt nach 1934 z.B., dass die
Kommunisten nicht (mehr) bloß Agitation betreiben (wie ihnen ja die
Sozialdemokratie immer vorgeworfen hat), sondern dass sie tatsächlich den
Kampf gegen den Faschismus organisierten und auch mit Aktionen führten.
Er sieht die Möglichkeit, dass Sozialdemokraten und Kommunisten „um
dieselben Tagesziele kämpfen“. Aber auch nach diesem Zitat
„vergisst“ W.B. offenbar mit Absicht die geschichtliche Realität: die
Führer der SP haben nie gekämpft, – erst gar nicht mit den
Kommunisten, sondern höchstens gegen sie. So z.B. rief die Sowjetunion im
Völkerbund gegen den Widerstand der „westlichen Demokratien“ samt
ihren Sozialdemokraten vergeblich zur kollektiven Sicherheit gegen den
Faschismus auf, oder später für die spanische Republik gegen die hinterhältige
Politik des „Sozialisten“ Leon Blum (aber das konnte Otto Bauer damals
noch nicht wissen, weil er diese gefährliche, auf den nächsten Krieg
treibende Schweinerei ja nicht mehr erlebte).
Die
„Wende“, die Otto Bauer vorschwebte (Zusammenarbeit von
Sozialdemokraten und Kommunisten) erwies sich aber – so sagt W.B. –
als nicht realisierbar. Warum? W.B. weiß es: wegen Stalin konnte es keine
Wendung zum „libertären und demokratischen Sozialismus“ geben. W.B.
war damals allerdings noch nicht auf der Welt, also bezieht er das wohl
ganz allgemein auf die Politik der Sowjetunion vor und nach dem Zweiten
Weltkrieg. Aber interessanterweise weiß es heute sogar die „Wiener
Zeitung“ (30.12.2006), warum das tatsächlich nicht realisierbar war:
„Der Antikommunismus wurde in Österreich wie in Deutschland seitens der
Amerikaner in der Tradition der NS-Propaganda aktiviert...“.
Wohlgemerkt, aktiviert, man kann sogar sagen reaktiviert! Nur W.B., der
weise Führer der KPÖ, weiß das nicht. Er hat bei Otto Bauer und bei
Gramsci nachgelesen, um zu finden, was er für seine „Erneuerung“
brauchen kann. Er hätte, wenn er es schon nicht selbst als Säugling
erleben konnte, bei dem (fast) einzigen Linken in der SPÖ, bei Josef
Hindels nachlesen können, was für ein Naziverseuchter Haufen die SPÖ
nach 1945 war, der gerne von sich aus und nicht nur auf Geheiß und mit
Besoldung der Amerikaner der rabiateste Nachbeter der o.e. NS-Propaganda
zur Anheizung des Kalten Krieges war. Und gerade an diese SP will er sich
jetzt auf dem Weg seiner „Erneuerung“ der KPÖ und quasi mit dem
Schuhlöffel des „Integralen Sozialismus“ des Otto Bauer anbiedern und
„integrieren“. Das gilt doch genau so für die SP in Deutschland. Auch
dort war sie der Amerika hörige Koalitionspartner in Regierungen, über
die etwa die deutsche Zeitschrift „Der Spiegel“ in ihrer Nummer
42/2006 in einem Artikel über das Nürnberger Tribunal schreibt:
„...Obwohl der Prozess radiohörende und zeitungslesende Deutsche mit
einer bis dahin unbekannten Dimension des Nationalsozialistischen Völkermordes
konfrontiert hatte, drang das Entsetzliche kaum ins öffentliche
Bewusstsein – wohl auch deshalb, weil die nunmehr Regierenden den
Schlussstrich suchten.“
Im
aufziehenden Kalten Krieg ging es wieder gegen die Kommunisten, auch um
die Westintegration und eine damit fast zwangsläufig verbundene
Wiederbewaffnung (!!) diesseits der Demarkationslinie (also Deutschlands,
Anm. W.W.). Landesweit organisierten sich Mitleids- und
Begnadigungskampagnen für die Massenmörder von gestern...Konrad
Adenauer...drängte die (westlichen) Alliierten auf die Gewährung der größtmöglichen
Gnade für die zum Tode verurteilten Personen...“ Und die deutschen
Sozialdemokraten waren auch hier mit von der Partie. Bis auf zwei kamen
alle Kriegsverbrecher wieder frei. In dem Artikel heißt es wörtlich
weiter: „Problemlos nahm die Gesellschaft sie auf...“ Für die SPD war
das offenbar auch kein Problem, ihr Problem war gemeinsam mit der CDU eher
das Verbot der KPD und die Verfolgung des VVN.
Aber
so genau will es W.B. auch wieder nicht wissen. Es passt auch nicht in
sein „theoretisches“ Geschwafel. Sein ganz allgemein gehaltener
Hinweis auf den Kalten Krieg ist halt doch ein wenig oberflächlich.
Was
er dann auf Seite 2 als Erneuerungsversuche des „Eurokommunismus“ (den
er selbst in Anführungszeichen setzt) sieht, ist schon vom
antisowjetischen Ansatz her nichts anderes als ein Weg der Anbiederung und
Einschleimung beim US- und EU-Imperialismus gewesen, ein Vorhaben, das
faktisch im Schoß bürgerlicher Regierungsteilhabe gelandet ist. Der sich
zum großen Theoretiker aufspielende W.B. findet Lenins klare
Unterscheidung und Gegenüberstellung von bürgerlicher und proletarischer
Ideologie „eingängig und fatal“ (Seite 4), denn er löst den
politischen Kannibalismus innerhalb der Arbeiterbewegung aus, der
Klassenkampf wird nunmehr in seiner Sicht innerhalb der Linken
ausgefochten. Und daran ist Lenin schuld. So sieht es W.B. Ich sehe es
anders: es ist ja nicht so, dass ein kleiner Klüngel von Kapitalisten
persönlich den Kampf gegen die Arbeiterbewegung austrägt. Dieser Klüngel
wirbt seine (auch proletarischen) Söldnermassen vor allem über die in
seinem Besitz befindliche Medien-, Informations- und Desinformationsmacht
an, indem er ihnen ihr Klassenbewusstsein abkauft und ein solches somit
gar nicht erst entstehen lässt. Wenn somit der Kapitalismus und der
Imperialismus im Stande sind, die SP (Sozialdemokratie) für seine Zwecke
einzuspannen – ist dieser Teil der Arbeiterbewegung dann überhaupt noch
„eine Linke“? Wo wird dann noch „innerhalb“ der Linken gefochten?
W.B. geht hier, blind oder bewusst, an der Geschichte vorbei – die
Sozialdemokratie 1914 mit Kriegskrediten und Monarchie-Patriotismus, 1918
mit Noske in Deutschland und Renner
in Wien, 1933 für Verbot der KPD im Hitler-Reichstag, 1938 mit Renner für
den Anschluss, 1945 mit den alten Nazi gegen die Kommunisten, im Kalten
Krieg für alle Kriege der Imperialisten usw. usf. Wo sieht W.B. da
„Linke“
W.B.
brilliert in „theoretischer“ Abgehobenheit. Was er in der Folge mit
Otto Bauer- und Gramsci-Zitaten verbrämt und mit Seitenhieben gegen
Lenin, Stalin und den Realen Sozialismus im allgemeinen gewürzt von sich
gibt, ist in meinen Augen pseudo-intellektueller Schmus. Die Schriften von
Marx mögen mitunter wegen der Sprache und des Stils der damaligen Zeit
(vor 150 Jahren) nicht leicht zu lesen sein, Lenins Sprache ist nach
Inhalt und Ausdruck aber für jeden Arbeiter klar und verständlich. Kann
mir W.B. erklären, was beispielsweise folgende Passagen aussagen sollen?
(Seite 4 unten) „Anders gesagt sind Ideologien im selben Maße, in dem
sie Interessen ausdrücken, auch das Feld, auf dem diese gebildet werden.
Es führte zu fatalen Schlussfolgerungen und zum Totalitarismus
Stalinscher Prägung anzunehmen, dass Klassen an sich, und ihre Interessen
sich abstrakt und von den Menschen unabhängig feststellen ließen“. (Weiters)
„Aufklärung, so lautet die Alternative zum avantgardistischen und
autoritären Sozialismus, kann in nichts anderem als in der Ermutigung und
in der Ermöglichung der Selbst-Aufklärung bestehen.“ Das ist doch
reines Blah-blah.
Aber
im nächsten Absatz lässt W.B. die Katze aus seinem Sack: „Worum es
hauptsächlich geht, wurde Jahrzehnte später (nach Lenins
„Materialismus und Empiriokritizismus“, Anm. W.W.) mit dem Projekt
eines westlichen Marxismus verbunden, der, indem er die Idee des
revolutionären Handstreichs verwarf, das Paradigma der ideologischen
Avantgarde überwinden und durch ein Paradigma der Kommunikation ersetzen
wollte.“ Jetzt ist es klar: der „westliche“ Marxismus, das heißt
die zahlreichen Theoretiker der vorwiegend sozialdemokratischen
Revisionisten, haben ja schon immer etwas gegen die Erhebung der Massen
unter Führung einer wirklich revolutionären Partei gehabt. Ihre Furcht
und ihr Abscheu vor Revolution, d.h. dem Sinn des Wortes nach vor „Umwälzung“
der Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse, unterscheiden sich im
Wesentlichen überhaupt nicht von derselben Furcht und Abscheu des Groß-
und Kleinbürgertums. Es ist klar, mit dem „revolutionären
Handstreich“ ist natürlich die Oktoberrevolution gemeint, deren
Missbilligung W.B. auf subtilere Art unters „linke“ Volk bringen will.
Außerdem: Paradigma ist immer gut, klingt so intellektuell, damit kann
man schon auf den Putz hauen. Oder meint er mit den „westlichen“
Marxisten manche „Eurokommunisten“, die dann in bürgerlichen
Parlamenten und Regierungen untergeschlüpft sind, um dort
imperialistische Konzernpolitik parlamentarisch-demokratisch mit zu tragen
und zu legitimieren ?
....Vor
einiger Zeit hat sich W.B. noch beleidigt gegen den Vorwurf zur Wehr
gesetzt, er sei ein Revisionist. Ist er nicht – er goutiert und predigt
nur den „reformerischen“ Sozialismus Otto Bauers, selbst wenn dieser
im nachhinein erkennen musste, dass die Reaktion Reformschritte nur so
lange zulässt, bis sie sich (das sagt er allerdings nicht – infolge des
ständigen Zurückweichens der SP) stark genug fühlt, wenn nötig eine
faschistische Diktatur zu errichten. W.B. weist aber auch auf Otto Bauers
Verständnis von Macht und Demokratie hin (Seiten 5/6). Die Ambivalenz,
besser der Widerspruch, in diesem theoretischen Eiertanz stört ihn aber
nicht. Es ist erstaunlich, dass W.B. - immer Otto Bauer zitierend -
anerkennt, dass die Arbeiterbewegung zuerst die „Herrschaft, also die
Macht, erkämpfen“ muss, allerdings nur – eh schon wissen – unter
Ausnützung der Demokratie, also mit den berühmten 51 Prozent. Also –
Macht erkämpfen!? Pfui! Ist Otto Bauer nicht doch ein Bolschewik, ein
Stalinist, als den ihn Seipel, Dollfuß und seine Klerikalfaschisten
verteufelten? Offenbar doch, denn in unserer „erneuerten“ KPÖ galt
vor gar nicht allzu langer Zeit die Erringung der Macht als streng verpönt
(„Wir wollen keine Macht!“ so Mahringer, Stiefsohn, Graber). Otto
Bauer redet sogar von der Notwendigkeit der Errichtung der Diktatur (des
Proletariats)! (Seite 6). Ein politischer Begriff, mit dem unser jetziger
„Sprecher“ der KPÖ Messner stotternderweise im Interview mit Frau
Turnherr (ORF) völlig hilflos nichts anzufangen wusste.
Aber
so will es W.B. in seiner theoretischen Sicht ja auch wieder nicht, denn
das Wesentliche – so lässt er über Otto Bauer für sich sagen – ist
ja nicht die Erringung der Macht, sondern dass man sofort, sobald man sie
hat, diese Macht wieder abbaut und „auf der mittels der Diktatur neu
gewonnenen Basis einer sozialistischen Gesellschaft die Demokratie wieder
herstellen (muss).“ Diese theoretisch von keinem Marxisten bestrittene
historische Vorausschau auf die Zeit nach der Konsolidierung des
Sozialismus benützt W.B. aber unter bewusster Leugnung der damaligen
historischen Gegebenheiten dazu, den erst im Aufbau und im ständigen
Abwehrkampf begriffenen Sozialismus in der Sowjetunion und den anderen
sozialistischen Ländern zu verunglimpfen und sich damit faktisch in die
Schar aller reaktionären und reformistischen Antikommunisten einzureihen.
Genau genommen „argumentiert“ und jammert er im Chor mit allen möglichen
vorgeblichen „Linken“ mit genau den gleichen Vorwürfen und
Verleumdungen wie die miesesten Reaktionäre und rabiatesten
Kriegstreiber.
Das
größte Verbrechen ist der Krieg, er ist die Verkörperung und
Generalisierung aller Verbrechen. Der Imperialismus, allen voran der
US-amerikanische, führt nahezu ununterbrochen Kriege und propagiert stets
seine „Gründe“ dafür in aller Welt. Er braucht hierzu immer wieder
Feindbilder, denen er die brutale Verletzung der „westlichen Werte“
wie „Demokratie“, Menschenrechte, Freiheit und wer weiß was noch
alles vorwirft. Im Krieg werden alle diese Rechte tausend- und
millionenfach zertrampelt, vergewaltigt, verbrannt und in Blut ersäuft.
Aber wenn die Kriegstreiber über ein paar „Dissidenten“, über
mangelnde „Pressefreiheit“ und „Menschenrechte“ in sozialistischen
Ländern jammern, ist all das vergessen. Dann heulen sofort auch alle
Sozialdemokraten, Eurokommunisten und alle Schattierungen von „Linken“
mit den Wölfen. Wer sich da mit noch so „human“ klingenden Begründungen
anschließt, steht faktisch – auch wenn er es nicht sehen und nicht
zugeben will – auf ihrer Seite.
Damit
komme ich zu meiner Einschätzung des Referats von W.B. Genau genommen müsste
man fast jeden Absatz kritisch und mit Bedachtnahme auf die historischen
Verhältnisse sachlich widerlegen. Das ist in einer Diskussion, aber nicht
in Form eines Artikels möglich. Allein die Tatsache der Abhaltung dieser
Konferenz mit dem von W.B. eingeführten „Motto“ bringt seine Absicht
zum Ausdruck, sich unter Benützung von Zitaten Otto Bauers und ihrer
Interpretation durch ihn bei der heutigen (!) Sozialdemokratie anzubiedern
und sich „theoretisch“ vom realen Sozialismus seit 1917 zu
„distanzieren“. Es ist dieselbe ideologisch begründete,
pseudo-intellektuell aufgemotzte, aber im Grunde genommen ganz gewöhnliche
Rückgratlosigkeit und Feigheit, die die Sozialdemokratie seit 1914
beherrscht, als sie Ja zum Krieg sagte. Sich gerade bei dieser – heute
noch mehr verkommenen – Sozialdemokratie salonfähig machen zu wollen,
bedarf keiner weiteren Kommentierung.
Ergänzung
...Als
Ergänzung im Folgenden die Verdeutlichung des Charakters jener SP bzw.
Sozialdemokratie, an die sich W.B. anbiedert.
Das
charakteristische Merkmal der Funktion der sozialdemokratischen Parteien
(in der Folge als SP bezeichnet) besteht in der bodenlosen Verlogenheit,
mit der sie (abgesehen von ihren „theoretischen“ Begründungen) tatsächlich
mit dem bewussten Vorsatz agieren, die Arbeiterbewegung zu lähmen und sie
zu einem Instrument des Antikommunismus sowie zu einem willenlosen Diener
des Kapitals umzuformen. Ich werde mich bei dieser Bloßstellung
vorwiegend auf die österreichische SP(Ö) beziehen. Auf ihre Tätigkeit
in der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg habe ich bereits kurz hingewiesen.
Es
ist geradezu widerlich, wie sich Renner am 15. April 1945 mit seinem
bekannten Brief an Stalin „im Namen des österreichischen Volkes...für
alle Zeiten dankbar“... einschleimte. „Die ganze Menschheit ist in
Ihrer Schuld“ heißt es da weiter. Im gleichen Ton strudelte sich am 1.
Mai 1945 Schärf
in Lobeshymnen auf die Rote Armee ab. Beide taten dies damals nicht etwa
als Privatpersonen, sondern als führende Repräsentanten der SPÖ, die
ihre Wiedererstehung der Tatsache verdankte, dass die Sowjetregierung noch
im Krieg die Gründung demokratischer Parteien im befreiten Teil Österreichs
erlaubte und wünschte. Aber bereits am 7. Juli, also nur zwei Monate später,
flehte Schärf die Westmächte in einer geheimen Botschaft an, so rasch
wie möglich ihre Truppen nach Wien zu entsenden, wobei er einen
kommunistischen Putsch an die Wand malte.
Der
Kalte Krieg war bereits von Truman begonnen worden – und vom ersten Tag
an war die SPÖ mit dem Vokabular und dem Kommunistenhass, den Goebbels
auch der „ostmärkischen“ Bevölkerung eingeimpft und eingetrichtert
hatte, der eifrigste und gehässigste Kalte Krieger. Die SPÖ war da nicht
allein, doch war in ihr im post-nazistischen Österreich (so wie in der
BRD) der Antikommunismus besonders ausgeprägt. Dabei stand auch im
Vordergrund, sich von dem vorhandenen Nazipotential (600.000
NSDAP-Mitglieder, deren Familienangehörige, SA, Hitlerjugend etc.) den größeren
Anteil an Wählerstimmen zu sichern. Die Nazi-Überdauerer Renner, Schärf
und Helmer fanden bald enge Kontakte zu früheren Nazigrößen wie Höttl
(Stellvertreter von Kaltenbrunner), Rösch (Komplize des ersten
Werwolf-Putschversuchs von Soucek u.a., später dann sogar
SP-Innenminister). Helmer ließ den Gestapo-Chef Sanitzer wieder frei,
beschaffte das Geld für die Gründung des VdU und sorgte dafür, dass die
Witwe des hingerichteten Kriegsverbrechers Seyß-Inquart raschest eine für
damalige Zeiten märchenhafte Pension von über 7.000.- Schilling bekam,
nur weil ihr Mann auf Befehl Hitlers einige Tage österreichischer
Bundeskanzler (und Hochverräter) sein durfte. SS-Major Reder, der in
Italien abgeurteilte Massenmörder, wurde auf Betreiben Helmers vorzeitig
frei gelassen und erhielt sofort nach Intervention des SPÖ-Innenministers
Helmer wieder die österreichische Staatsbürgerschaft (die er als Söldner
einer fremden (deutschen) Armee-Sondereinheit nach österreichischem Recht
verloren hatte). Aber gleichzeitig wollte die SP-Landesregierung von Wien
dem Spanienkämpfer und Kommunisten Dr. Dürmayer mit der Begründung, er
hätte in einer fremden Armee gekämpft, die österreichische Staatsbürgerschaft,
die ihm unter dem Faschisten Dollfuß entzogen worden war, verweigern. Über
diese Haltung der SPÖ gibt es genug zeitgeschichtliche Dokumente und
Literatur. So viel zum „Antifaschismus“ der SPÖ.
Nicht
anders verhält es sich mit dem laut verkündeten „sozialistischen“
Ziel der SPÖ und ihrer Abkehr vom Kapitalismus. Renner hatte Stalin
versichert: „Dass die Zukunft des Landes dem Sozialismus gehört, ist
unfraglich und bedarf keiner Betonung.“ Und am 5. August 1945 schrieb
die „Arbeiter-Zeitung“ einen Aufruf des SP-Vorstandes: „Die
kapitalistische Wirtschaftsordnung ... hat den Faschismus gesäugt...und
zum Zweiten Weltkrieg geführt ... Soll sie ... wieder aufgebaut werden?
... Nie und nimmer!“ Es dauerte nicht lange, und der SP-Präsident des
ÖGB, bekannt als Böhm-Schani, verkündete: „Wir sitzen alle im
gleichen Boot!“ Jahre später - nach vier Jahrzehnten
Regierungsbeteiligung und 14 Jahren SP-Alleinregierung (!) - schrieb
Ex-AZ-Chef Paul Blau im „Profil“ (August 1984): „Sie (die SPÖ) ist
zu einem tragenden Pfeiler des nach wie vor Profit orientierten
Wirtschaftssystems geworden, eingebunden in den internationalen
Kapitalismus.“
Die
heutige SP ist das Ergebnis dieser kontinuierlichen Politik ihrer Führer.
Jeder imperialistische Krieg der USA ist von der SPÖ mit mehr oder
weniger großer Begeisterung und Billigung befürwortet und vertreten
worden. Die SPÖ war und ist mit derselben Begeisterung radikalster
Eintreiber in die EU der Konzerne und Militaristen (Ederer, Mock), aber
wenn Wahlen sind, verkündet sie laut: „Wir wollen keine EU der
Konzerne, sondern eine EU für die Menschen!“ Verlogen wie immer. Dass
diese Politik ständig mit Sozialabbau einhergeht, ist das logische
Resultat.
In
dieser SP dürfen Jugendliche und Junge eine Zeit lang „links“ spielen
bis sie sich entweder völlig arrangieren (Cap, Gusenbauer und andere
Karrieristen) oder enttäuscht die Partei verlassen. Der Emigrant Dr. Otto
Leichter, in der ersten Republik Redakteur der Arbeiter-Zeitung,
Austromarxist und Freund von Otto Bauer (seine Gattin Käthe kam im
Nazi-KZ um) kam nach Kriegsende wieder nach Wien, ging aber bald wieder in
die USA zurück. Sein Sohn Heinz darüber: „In der Partei der Schärf
und Helmer war für einen linken Sozialisten kein Platz“ (nachzulesen in
der Arbeiter-Zeitung vom 9. März 1985).
Dass
es in einer solchen Partei nur ein politisches Kredo geben kann, nämlich
den rabiaten und blinden Antikommunismus und den logischen
Karrierekapitalismus der Banker (Elsner, Zwettler, Vranitzky, Androsch,
Verzetnitsch usw.), ergibt sich von selbst. Parteien, die im Kapitalismus
ganz oder auch nur teilweise an der Macht sind, können nur – egal durch
welche (bürgerliche oder proletarische) Wählerschaft „demokratisch“
an die Macht gebracht – kapitalistisch sein. Der US-Schriftsteller Gore
Vidal (ein Cousin des vormaligen Vize-Präsidenten Al Gore) sagte
treffend: „Um das US-amerikanische politische System zu verstehen, muss
man wissen: wir haben nur eine Partei mit zwei rechten Flügeln.“ Genau
so ist es bei uns auch. Die kleinen bürgerlichen Parteien sind nur
schillernde Nuancen, das andere, Rot und Schwarz, ist identisch. Wer's
nicht glaubt, hier der Beweis: für den militaristischen, neoliberalen
Entwurf der EU-Verfassung haben in unserem Parlament alle Abgeordneten
(Ausnahme Frau Rosenkranz) gestimmt.
Und
wer hier irgendwo noch eine „Linke“ sieht oder diese gar in der SPÖ
sucht, ist entweder ein politischer Ignorant bzw. Illusionist oder einer,
der versucht, dort anzudocken, um vielleicht in irgend einer Form dort
auch unter zu kommen und eine Versorgung zu finden. Wer in der
Kommunistischen Partei solche Haltungen und solche Ansichten vertritt und
verbreitet, tut der Partei und der Arbeiterbewegung keinen guten Dienst.
Er sollte lieber früher als später zur SPÖ gehen. Dort passt er auch
besser hin.
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