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Die Philippinen heute, beinahe wie Kuba vor dem Sieg der Volksrevolution

Von Jens-Torsten Bohlke/13. Dezember 2006 mehr

Bericht aus den Aufstandsgebieten auf der Insel Mindanao (Philippinen)

Hallo,

bin heute erst wieder zuhause angekommen, nachdem ich 4 Wochen Urlaub auf den Philippinen verbracht habe. Davon allerdings die wenigste Zeit fruchtshakes-schlürfend in irgendwelchen Hotels, die meiste Zeit war ich in sog. „Krisengebieten“ auf der großen südlichen Insel Mindanao unterwegs. Meine ortskundige Begleitung bestand aus einer lieben jungen hübschen Angehörigen der NPA, der kommunistischen Guerrillabewegung des Landes, die ihre Massenbasis unter den Ärmsten der Landbevölkerung hat.

So verbrachte ich einige Zeit in einem kleinen Ortsteil im Forstgelände einer großen Paper Country Inn Corporation (PICOP), wo Menschen zwischen den Fronten leben. Diese Menschen gehen auf „Farmen“ der PICOP als Tagelöhner arbeiten. Ihr Lohn besteht zumeist nur aus etwas Reis, den sie für sich und ihre Familien erhalten. Von diesem Reis geben sie noch etwas für die NPA-Rebellengruppe in der Region ab. Wenn sie von der PICOP überhaupt mal Geld etwa in der Größenordnung von einem 1,70-Euro-Schein sehen, ist dies so eine Art Lottogewinn des jeweiligen Monats.

Diese Leute leben in Holz- und Bambushütten ohne Strom und können sich nur in wenigen Ausnahmefällen ein batteriebetriebenes Radio leisten, welches funktioniert, solange eben gerade mal die Batterie hält. Sie können sich kaum mal eine Kerze leisten, um abends mal Licht zu machen. Es gibt dort keine Familie, in der nicht zumindest latent Hunger herrschen würde. Und in der kleinen „Elementary School“ sitzen die Kinder und lernen nicht mal die englische Sprache, weil niemand ein Schulheft oder gar Schulbuch hat.

Ich organisierte für diese Menschen eine Fahrt in einem kleinen Multicab-Bus, wie die Jeepneys genannt werden, wo 15-25 Leute reinpassen (mit Platz auf dem Dach). Dazu hatte ich gekochten Reis, Brot, gebratene Hähnchenteile und Trinkwasser gekauft. Wir fuhren zu einem Wasserfall in der Gegend, nur ca. 10 km entfernt. Die da mit mir fuhren, waren vor allem Frauen mit ihren Kindern, denn die Männer und Söhne schufteten derweil „auf der Farm“, also bei PICOP.

Der Wasserfall bestand aus Wasserfällen in etlichen, vornehmlich 3 großen Stufen. Das Wasser war kristallklar und hatte Trinkwasserqualität. Der Eintritt zu den kleinen Bambushütten mit Toiletten kostete 20 Pesos pro Person, also umgerechnet 30 Cents. Für den Jeepney zahlte ich die ausgehandelten 700 Pesos, also etwas weniger als 11 Euros. Für das Essen hatte ich ca. 20 Euros ausgegeben.

Das Brot war bereits aufgegessen, als wir ankamen. Mit dem Verzehr von Reis und Hähnchen warteten die Menschen, bis ich als Veranstalter dieses Ausflugs gegessen hatte. Nur eine der älteren Frauen sprach etwas englisch. „Wir sind noch nie hier gewesen, weil wir so arm sind“, sagte sie zu mir.

Die Gegend ist touristisch nicht erschlossen und liegt abseits fester Straßen oder gar der Flughäfen. Zwei Stunden Fahrt auf staubiger oder schlammiger Piste nimmt auf sich, wer in diese Gegend reist. Dazu noch einige weitere Stunden Fahrt auf einer befestigten Landstrasse, dem „Highway“ zwischen Davao und Butuan.

Angesichts der hungrigen Kinderaugen konnte ich nicht viel essen, sondern freute mich daran, wie die Menschen diese wenigen Stunden dort genossen. Ich erfuhr davon, dass im letzten Jahr eine Einheit von ca. 100 Soldaten in jenem Ortsteil aufmarschierte und kampierte, um gegen die NPA-Rebellen im Gebiet zu kämpfen, welche eine große Zahl Soldaten getötet haben sollten. Jene Soldaten hatten Angst vor der listigen NPA, wie sie in vielen einzelnen Gesprächen mit den Dorfbewohnern äußerten. Denn der einzelne Söldner wusste nicht, ob seine Mutter ihn wiedersehen würde nach einer solchen militärischen Operation gegen die NPA.

Die Befehlshaber der Armee-Einheit luden die Dorfbewohner während der Anwesenheit der Truppen im Dorf jeden Monat ein bis zwei Mal zu einer Informationsveranstaltung ein. Dann zeigten sie den Dorfbewohnern auf einer Leinwand Lichtbilder und erklärten ihnen, dass bei einem Sieg der Kommunisten binnen weniger Jahre alle Farmer zu Sklaven gemacht werden würden. Sie zeigten auch die M-16 und fragten, ob jemand diese Waffe kennen würde. Natürlich kannte niemand dieses von den NPA-Rebellen am meisten verwendete Schnellfeuergewehr aus USA-Produktion. Und wer es kannte, sagte den Militärs dies besser nicht. Und natürlich hatte noch nie jemand die NPA irgendwo gesehen. Die Militärs setzten Prämien aus für Hinweise auf NPA-Kämpfer.

Im Dorf gab es nur eine Person, die den Militärs überhaupt Hinweise zu geben bereit war. Diese Person war vom Gouverneur des Gebietes für diesen Ortsteil als „chairman“, also Amtsperson, eingesetzt worden. Alle im Dorf wussten, dass sie die Anwesenheit von NPA vor Ort den Behörden gemeldet hatte und den Militäreinsatz dort verantwortete. Die NPA reagierte mit einer schriftlichen Abmahnung an diese Person. Was soviel bedeutete wie eine Drohung für den Fall, dass diese Person weiterhin denunziert. Wenn diese Person es aber sein lässt mit den Denunziationen, dann passiert ihr auch nichts weiter seitens der NPA.

Bei den Informationsveranstaltungen der Militärs zeigten einige junge Burschen unverhohlen, dass sie der Meinung waren, die Militärs würden ihnen da Lügen auftischen. Diese jungen Burschen wurden hinterher von den Älteren gewarnt, besonnen zu bleiben und das Spiel zu spielen, was aus Selbstschutzgründen beim Leben zwischen den Fronten zu spielen ist. Also besser brav „Ja und Amen“ zu sagen, als sich auf kontroverse Argumentationen mit den Militärs einzulassen. Und denen schon gar nicht zu zeigen, dass die NPA an geheimzuhaltenden Plätzen ebenfalls Informationsveranstaltungen für vertrauenswürdige Dorfbewohner durchführte und dort erläuterte, wofür und warum die Kommunisten für die armen Leute kämpfen. Nach einigen Monaten zog die Militäreinheit weiter, ohne etwas erreicht zu haben. Obwohl ihre Maßnahmen im Dorf so weit gingen, dass der NPA-Nähe Verdächtige rund um die Uhr von extra dafür eingesetzten Söldnern beobachtet wurden, jeder Kontakt von ihnen genau registriert wurde. Sie zog weiter in das benachbarte Hochland. Ich beobachtete selbst aus einem Fenster eines Hauses heraus den Angriff von Hubschraubereinheiten auf vermutete NPA-Stellungen in jenem benachbarten Hochland. Alle beobachteten dies. Die Kinder riefen dann „bombas, bombas“. Davon habe ich auch Fotos.

Ich fragte, was den Interessantes bei den NPA-Informationsveranstaltungen zu erfahren war. Mir wurde erzählt, dass beispielsweise ein Mal eine junge Kämpferin dort berichtete, wie die Militärs ihre Eltern und Brüder umgebracht hatten, so dass sie deshalb ihr Leben lang gegen die Militärs kämpfen wollen würde. In einigen Fällen hätte die NPA auch für ärztliche und Medikamentenversorgung gesorgt, denn eine Krankenversicherung oder gar Geld für Arzt und Medizin hat ja niemand von den armen „Farmern“, wie sich die Landarbeiter-Tagelöhner hier nennen. Das Wenige, was sie haben, teilen sie noch in der Not unter sich gerecht auf.

Bei meinem Abschiedsbesuch in jenem Dorf hatte ich nochmals für eine gute Mahlzeit für alle dort gesorgt. Die Männer freuten sich über das Bier. Ich sagte jener älteren Dame, die immerhin englisch verstand, dass Armut für niemanden eine Schande ist, der davon betroffen ist und mit seinen Möglichkeiten als Mensch gegen die eigene Armut aufbegehrt. Armut ist eine Schande für alle diejenigen, die von dieser Armut profitieren und im Luxus leben, während andere Menschen hungern. Sie meinte zu mir, sie alle wüssten, dass ich Kommunist und ein sehr guter Freund bin.

Was meinst Du dazu?

Rote Grüße,

J.

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