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Bericht
aus den Aufstandsgebieten auf der Insel Mindanao (Philippinen)
Hallo,
bin
heute erst wieder zuhause angekommen, nachdem ich 4 Wochen Urlaub auf den
Philippinen verbracht habe. Davon allerdings die wenigste Zeit
fruchtshakes-schlürfend in irgendwelchen Hotels, die meiste Zeit war ich
in sog. „Krisengebieten“ auf der großen südlichen Insel Mindanao
unterwegs. Meine ortskundige Begleitung bestand aus einer lieben jungen hübschen
Angehörigen der NPA, der kommunistischen Guerrillabewegung des Landes,
die ihre Massenbasis unter den Ärmsten der Landbevölkerung hat.
So
verbrachte ich einige Zeit in einem kleinen Ortsteil im Forstgelände
einer großen Paper Country Inn Corporation (PICOP), wo Menschen zwischen
den Fronten leben. Diese Menschen gehen auf „Farmen“ der PICOP als
Tagelöhner arbeiten. Ihr Lohn besteht zumeist nur aus etwas Reis, den sie
für sich und ihre Familien erhalten. Von diesem Reis geben sie noch etwas
für die NPA-Rebellengruppe in der Region ab. Wenn sie von der PICOP überhaupt
mal Geld etwa in der Größenordnung von einem 1,70-Euro-Schein sehen, ist
dies so eine Art Lottogewinn des jeweiligen Monats.
Diese
Leute leben in Holz- und Bambushütten ohne Strom und können sich nur in
wenigen Ausnahmefällen ein batteriebetriebenes Radio leisten, welches
funktioniert, solange eben gerade mal die Batterie hält. Sie können sich
kaum mal eine Kerze leisten, um abends mal Licht zu machen. Es gibt dort
keine Familie, in der nicht zumindest latent Hunger herrschen würde. Und
in der kleinen „Elementary School“ sitzen die Kinder und lernen nicht
mal die englische Sprache, weil niemand ein Schulheft oder gar Schulbuch
hat.
Ich
organisierte für diese Menschen eine Fahrt in einem kleinen Multicab-Bus,
wie die Jeepneys genannt werden, wo 15-25 Leute reinpassen (mit Platz auf
dem Dach). Dazu hatte ich gekochten Reis, Brot, gebratene Hähnchenteile
und Trinkwasser gekauft. Wir fuhren zu einem Wasserfall in der Gegend, nur
ca. 10 km entfernt. Die da mit mir fuhren, waren vor allem Frauen mit
ihren Kindern, denn die Männer und Söhne schufteten derweil „auf der
Farm“, also bei PICOP.
Der
Wasserfall bestand aus Wasserfällen in etlichen, vornehmlich 3 großen
Stufen. Das Wasser war kristallklar und hatte Trinkwasserqualität. Der
Eintritt zu den kleinen Bambushütten mit Toiletten kostete 20 Pesos pro
Person, also umgerechnet 30 Cents. Für den Jeepney zahlte ich die
ausgehandelten 700 Pesos, also etwas weniger als 11 Euros. Für das Essen
hatte ich ca. 20 Euros ausgegeben.
Das
Brot war bereits aufgegessen, als wir ankamen. Mit dem Verzehr von Reis
und Hähnchen warteten die Menschen, bis ich als Veranstalter dieses
Ausflugs gegessen hatte. Nur eine der älteren Frauen sprach etwas
englisch. „Wir sind noch nie hier gewesen, weil wir so arm sind“,
sagte sie zu mir.
Die
Gegend ist touristisch nicht erschlossen und liegt abseits fester Straßen
oder gar der Flughäfen. Zwei Stunden Fahrt auf staubiger oder schlammiger
Piste nimmt auf sich, wer in diese Gegend reist. Dazu noch einige weitere
Stunden Fahrt auf einer befestigten Landstrasse, dem „Highway“
zwischen Davao und Butuan.
Angesichts
der hungrigen Kinderaugen konnte ich nicht viel essen, sondern freute mich
daran, wie die Menschen diese wenigen Stunden dort genossen. Ich erfuhr
davon, dass im letzten Jahr eine Einheit von ca. 100 Soldaten in jenem
Ortsteil aufmarschierte und kampierte, um gegen die NPA-Rebellen im Gebiet
zu kämpfen, welche eine große Zahl Soldaten getötet haben sollten. Jene
Soldaten hatten Angst vor der listigen NPA, wie sie in vielen einzelnen
Gesprächen mit den Dorfbewohnern äußerten. Denn der einzelne Söldner
wusste nicht, ob seine Mutter ihn wiedersehen würde nach einer solchen
militärischen Operation gegen die NPA.
Die
Befehlshaber der Armee-Einheit luden die Dorfbewohner während der
Anwesenheit der Truppen im Dorf jeden Monat ein bis zwei Mal zu einer
Informationsveranstaltung ein. Dann zeigten sie den Dorfbewohnern auf
einer Leinwand Lichtbilder und erklärten ihnen, dass bei einem Sieg der
Kommunisten binnen weniger Jahre alle Farmer zu Sklaven gemacht werden würden.
Sie zeigten auch die M-16 und fragten, ob jemand diese Waffe kennen würde.
Natürlich kannte niemand dieses von den NPA-Rebellen am meisten
verwendete Schnellfeuergewehr aus USA-Produktion. Und wer es kannte, sagte
den Militärs dies besser nicht. Und natürlich hatte noch nie jemand die
NPA irgendwo gesehen. Die Militärs setzten Prämien aus für Hinweise auf
NPA-Kämpfer.
Im
Dorf gab es nur eine Person, die den Militärs überhaupt Hinweise zu
geben bereit war. Diese Person war vom Gouverneur des Gebietes für diesen
Ortsteil als „chairman“, also Amtsperson, eingesetzt worden. Alle im
Dorf wussten, dass sie die Anwesenheit von NPA vor Ort den Behörden
gemeldet hatte und den Militäreinsatz dort verantwortete. Die NPA
reagierte mit einer schriftlichen Abmahnung an diese Person. Was soviel
bedeutete wie eine Drohung für den Fall, dass diese Person weiterhin
denunziert. Wenn diese Person es aber sein lässt mit den Denunziationen,
dann passiert ihr auch nichts weiter seitens der NPA.
Bei
den Informationsveranstaltungen der Militärs zeigten einige junge
Burschen unverhohlen, dass sie der Meinung waren, die Militärs würden
ihnen da Lügen auftischen. Diese jungen Burschen wurden hinterher von den
Älteren gewarnt, besonnen zu bleiben und das Spiel zu spielen, was aus
Selbstschutzgründen beim Leben zwischen den Fronten zu spielen ist. Also
besser brav „Ja und Amen“ zu sagen, als sich auf kontroverse
Argumentationen mit den Militärs einzulassen. Und denen schon gar nicht
zu zeigen, dass die NPA an geheimzuhaltenden Plätzen ebenfalls
Informationsveranstaltungen für vertrauenswürdige Dorfbewohner durchführte
und dort erläuterte, wofür und warum die Kommunisten für die armen
Leute kämpfen. Nach einigen Monaten zog die Militäreinheit weiter, ohne
etwas erreicht zu haben. Obwohl ihre Maßnahmen im Dorf so weit gingen,
dass der NPA-Nähe Verdächtige rund um die Uhr von extra dafür
eingesetzten Söldnern beobachtet wurden, jeder Kontakt von ihnen genau
registriert wurde. Sie zog weiter in das benachbarte Hochland. Ich
beobachtete selbst aus einem Fenster eines Hauses heraus den Angriff von
Hubschraubereinheiten auf vermutete NPA-Stellungen in jenem benachbarten
Hochland. Alle beobachteten dies. Die Kinder riefen dann „bombas, bombas“.
Davon habe ich auch Fotos.
Ich
fragte, was den Interessantes bei den NPA-Informationsveranstaltungen zu
erfahren war. Mir wurde erzählt, dass beispielsweise ein Mal eine junge Kämpferin
dort berichtete, wie die Militärs ihre Eltern und Brüder umgebracht
hatten, so dass sie deshalb ihr Leben lang gegen die Militärs kämpfen
wollen würde. In einigen Fällen hätte die NPA auch für ärztliche und
Medikamentenversorgung gesorgt, denn eine Krankenversicherung oder gar
Geld für Arzt und Medizin hat ja niemand von den armen „Farmern“, wie
sich die Landarbeiter-Tagelöhner hier nennen. Das Wenige, was sie haben,
teilen sie noch in der Not unter sich gerecht auf.
Bei
meinem Abschiedsbesuch in jenem Dorf hatte ich nochmals für eine gute
Mahlzeit für alle dort gesorgt. Die Männer freuten sich über das Bier.
Ich sagte jener älteren Dame, die immerhin englisch verstand, dass Armut
für niemanden eine Schande ist, der davon betroffen ist und mit seinen Möglichkeiten
als Mensch gegen die eigene Armut aufbegehrt. Armut ist eine Schande für
alle diejenigen, die von dieser Armut profitieren und im Luxus leben, während
andere Menschen hungern. Sie meinte zu mir, sie alle wüssten, dass ich
Kommunist und ein sehr guter Freund bin.
Was
meinst Du dazu?
Rote
Grüße,
J. |