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Was
wollten die polnischen Arbeiter 1980?
Und
was bekamen sie?
Von
Günter Ackermann/20. August 2005
Werner
Pirker hat Recht, wenn er schreibt: „Das widerspiegelte den hohen Grad an Entfremdung zwischen der
Arbeiterklasse und der sozialistischen Staatsmacht, das
Demokratiedefizit.“
Ich
studierte von 1979 bis 1981 in Polen und habe die gesamte Entwicklung
miterlebt. Zunächst einmal verschwanden im Sommer 1980 wichtige
Grundnahrungsmittel aus den Regalen der Geschäfte. Das ging nicht in
allen Wojewodschaften gleichzeitig. So telefonierte ich im Juni mit
meiner damaligen Freundin, die in Karpacz (Riesengebirge) Urlaub machte.
Sie sagte mir, dort gebe es keine Butter. Ich nahm in Lódz an einem
einjährigen Sprachkurs für ausländische Studenten zur Vorbereitung
auf das Studium in Polen teil. Ich hielt das für übertrieben und auch
nur vorübergehend. Das war es nicht. Kurze Zeit später war auch in Lódz
Butter aus den Regalen der Supermärkte verschwunden. Die
Versorgungssituation spitzte sich soweit zu, dass schließlich in den
Supermärkten nur noch Essig und ungarischer Wein zu bekommen war (Wein
galt damals unter den polnischen Alkoholkonsumenten als weibisch und
wurde daher stehen gelassen). Allerdings wurde diese Versorgungskrise im
Laufe von 1980/1981 durch die ständig wieder aufflammenden Streiks noch
verschärft. Grund war aber auch, dass private Geschäftemacher
wichtiger Güter privat zu überhöhten Preisen verkauften. Teilweise
wurden sie ganz einfach aus gestohlen oder unterschlagen. Die Korruption
war allgegenwärtig. Alles, was es in den Läden nicht gab, war „na
lewo“ zu bekommen – gegen Aufpreis natürlich.
Die
am meisten betroffenen waren die Arbeiter. Ihr Unmut wuchs. Man kreidete
diese Zustände der Partei- und Staatsführung an und vor allem dem
sozialistischen System. Klar, dass das die Kirche ausnutzte. Der katholische
Primas Kardinal Wyszynski,
ließ keine Gelegenheit verstreichen die Mängel anzuprangern. Er und
sein Nachfolger Glemp versuchten erfolgreich Einfluss des katholischen
Klerus bei Solidarnosc zu bekommen.
Exkurs:
Die Rolle der katholischen Kirche in der jüngeren Geschichte
Polens
Wyszynski
hat die Lüge, Katholik und Pole seien Synonyme erneut aufgegriffen. Er
wandte das gegen die Regierung der Volksrepublik Polen an. Das hat aber
nie gestimmt und stimmt noch immer nicht. Es gibt in allen großen
polnischen Städten evangelische Gemeinden, es gibt sogar Moslems, die
dort seit Jahrhunderten ansässig sind und es gibt immer noch sehr viele
Juden. Über eine Millionen Polen bekennen sich zu anderen Religionen.
Da ist noch nicht eingerechnet die Nichtgläubigen oder jene, die nur
bedingt religiös sind.
Das
zeigt sich besonders an der hohen Zahl der Abtreibungen in Polen der
damaligen Zeit. In Polen galt ein sehr freies Abtreibungsrecht. Damals
polemisierte übrigens die katholische Kirche nicht dagegen – es hätte
die Schäfchen nachdenklich machen können. Das gilt auch für die
Ehescheidungsrate und die Wiederverheiratung Geschiedener. Alles ist in
der katholischen Kirche Todsünde, aber die Menschen interessiert das
nur wenig.
In
der polnischen Geschichte hat die katholische Kirche bis zum
bismarckschen Kulturkampf nie die Rolle des Hüters der nationalen
Identität gespielt. Als König Stanislaw August Poniatowski am 2. Mai
1781 eine demokratische Verfassung einführte – die erste Verfassung
Europas, noch vor der französischen – kam es zum Aufstand der reichen
Adligen (Magnaten) gegen den König. Der hohe Klerus unterstützte die
Magnaten. Dieser Aufstand schwächte den polnischen Staat nachhaltig, er
wurde leichtes Opfer der Teilungsmächte.
1981,
am 200. Jahrestag der Verfassung, wurde im polnischen Radioeine Messe
des Primas zum Jahrestag dieser Verfassung übertragen. Mit der größten
Selbstverständlichkeit tat die Kirche so, als sei das alles auf sie zurück
zu führen.
Derer
Beispiele gibt es viele. So der Komponist Chopin, der mit der Kirche
nichts am Hut hatte und sogar mit der Schriftstellerin George Sand,
einer verheirateten Frau, eine Liebesbeziehung hatte, also in Todsünde
lebte. Sein Herz wird wie eine Reliquie in einer Kirche in Warszawa
aufbewahrt.
Oder
der Politiker und Soldat Tadeusz Kościuszko. Tadeusz Kościuszko
(* 4. Februar 1746 in Mereszowszczyzna, Polen; heute Belarus; gest. 15.
Oktober 1817 in Solothurn, Schweiz)
Die
katholische Kirche hatte im österreichischen Teilungsgebiet nach den
Teilungen Polens mit der Staatsmacht keine Probleme. Auch im preußischem
Teilungsgebiet gab es erstmal eine enge Zusammenarbeit. Der Kirche oblag
sogar die Schulaufsicht. Erst als Bismarck nach der Reichsgründung die
kirchlichen Schulen durch staatliche, die kirchliche Trauung durch eine
weltliche ersetzte und die Ehescheidung eingeführt wurde, kam es zu
Auseinandersetzungen. Das wurde noch verschärft, weil Bismarck
versuchte die Polen zu germanisieren.
Nach
dem 1. Weltkrieg und der Wiedergründung des polnischen Staates spielte
die katholische Kirche die Rolle als Staatskirche. Sie gebärdete sich
als extrem antikommunistisch, antisowjetisch und antijüdisch. Der
Primas damalige von Polen Kardinal Hlond tat sich hervor als bekennender
Antisemit, der alles Böse in dieser Welt von den Juden ausgehen sah.
Er
gehörte 1939, nach der Okkupation Polens durch die Nazis eine Gruppe
von Polen an, die vergeblich mit den Nazis ein Bündnis gegen die UdSSR
eingehen wollten. Ihr Preis war nur, Hitler möge einen polnischen
Staat, ähnlich der Slowakei und Kroatien von Gnaden der Nazis zulassen.
Das Projekt scheiterte.
Nach
dem Krieg gab es in der polnischen Kleinstadt Kielce zu einem Judenprogrom. Juden sollten, so wurde in Umlauf gesetzt, ein
christliches Kind rituell geschändet und ermordet haben. Hlond
rechtfertigte dieses Verbrechen und meinte, das sei der Ausdruck dessen,
dass die Polen nicht den von Juden gebrachten Kommunismus haben wollten.
Ende
Exkurs
Die
Streiks 1980/1981
Innerhalb
von Wochen spitzten sich die Widersprüche zu. Zunächst in Gdansk, dann
in Warszawa bei der Traktorenfabrik Ursus, im schlesischen
Industrierevier, in der Textilindustrie in Lódz usw. kam es zu Streiks.
Die Staatsmacht war hilflos. Einerseits konnte und wollte sie nicht mit
polizeilichen oder gar militärischen Mitteln vorgehen, andererseits
hatte sie kein Konzept der Auseinandersetzung mit diesem Phänomen.
Zunächst
wurde der Parteichef Gierek gestürzt. Sein Nachfolger wurde ein
gewisser Kania, der seinerseits dann von General Jaruzelski abgelöst
wurde. Zunächst wurde die sich gründende „Solidarnosc nicht
registriert, also nicht zugelassen.
Die
Begründung: Es bedürfe keiner neuen Gewerkschaft, es sei bereits
eine vorhanden. Dann gab man doch nach und am 31. August 1980 gab es
dann die legale Gewerkschaft Solidarnosc.
In
den Monaten danach entzündeten sich immer wieder
an kleineren Vorkommnissen große Streiks. So wollten die
polnischen Bauern auch eine Solidarnosc gründen. Die Regierung lehnte
ab. Die Begründung: Bauern seien Unternehmer und Gewerkschaften seien für
sie nicht da. In Bydgoszcz drangen Solidarnoszcz-Anhänger in das Gebäude
des Sejm der Wojewodschaft (entspricht einem Landtag) ein und
protestierten während der Sitzung lautstark. Sie verlangten reden zu dürfen.
Nach
einigem Hickhack durften sie reden. Als aber dann die Sitzung
geschlossen wurde weigerten sie sich, den Sitzungssaal zu verlassen. Der
Parlamentspräsident ließ den Saal durch die Miliz (Polizei) räumen.
Da sich die Solidarnosc-Anhänger wehrten, gab es einige mit Hautabschürfungen,
Blutergüssen und blutigen Nasen. Das war der Anlass zum Generalstreik
im ganzen Land. Die Bauern-Solidarnosc wurde schließlich doch
zugelassen.
Die
PVAP war durch und durch verfault
Partei
und Regierung waren hilflos. Um das ganze Ausmaß der Vertrauenskrise zu
verdeutlichen, ein Beispiel: Lódz war immer die Hochburg der
sozialistisch-kommunistischen Arbeiterbewehung in Polen. Hier wirkte z.B.
Feliks Dzierzynski, ein enger Kampfgefährde Lenins.
Bei
der Revolution 1905 begannen die bewaffneten Kämpfe in Russland nicht
in Petersburg, sondern in Lódz, das damals zu Kongresspolen, also
Russland, gehörte.
Während
der Naziokkupation war hier die führende Widerstandsgruppe die
kommunistische AL, im übrigen Polen dominierte die bürgerlich-antikommunistische
AK.
1981
am 1. Mai gab es in Lódz zwei Maikundgebungen. Die offizielle der
regierenden PVAP am Denkmal der Opfer der Revolution von 1905 und die
der Solidarnosc vor der Kathedrale mit Messe und Predigt des Bischofs.
An der der Partei nahmen mal eben
500 teil, dagegen waren es an der Kathedrale 50.000. Und das in einer
ehemaligen kommunistischen Hochburg!
Es
gab damals von der PVAP-Führung keinerlei Ansätze einer inhaltlichen
Auseinandersetzung mit Solidarnosc. Nur in Schlesien gab es einige
Parteifunktionäre, die sich im Forum Katowice organisierten, die es
taten. Natürlich wurden diese in der westlichen Propaganda als
Stalinisten bezeichnet. Was sie taten, nämlich vom kommunistischen
Standpunkt Solidarnosc zu kritisieren, wäre eigentlich Aufgabe der
Parteiführung gewesen.
Das
war die Situation. Die PVAP hatte in der Arbeiterklasse jeglichen Kredit
verloren. Sie war zur Partei der Karrieristen verkommen und – von
Ausnahmen abgesehen – zu keiner ideologischen Auseinandersetzung fähig..
Der
Übergang zum Kapitalismus
Deshalb
war es auch nicht verwunderlich, dass in Polen der Übergang zuk
Kapitalismus von Seiten der Eliten so reibungslos klappte. Aus der PVAP
wurde die Sozialdemokratie Polens. Der ehemalige PVAP-Chef, General
Jaruzelski und letzte Präsident der Volksrepublik erklärte, als die katholische Regierung Tadeuz Mazowiezki ihr
Amt antrat, er sei der Präsident aller Polen. Einige Jahre vorher hatte
er noch das Kriegsrecht ausgerufen und mittels Militär regiert.
Das Bekenntnis zum
Marxismus-Leninismus war nicht Bedingung um in der PVAP Mitglied werden
zu können. Mir begegneten während meiner zwei Jahre in Polen nur zwei,
die von sich sagten, sie seien Kommunisten: der Philosophiedozent an
unserem Institut der Uni Lódz und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am
Schlesischen wissenschaftlichen Institut. Der Dozent sagte,
er sei Eurokommunist, der andere gehörte dem Forum Katowice an.
Parteimitglieder aber begegnete ich vielen, als Kommunist mochte sich
keiner bezeichnen.
Der Kapitalismus hatte längst
ehe die Volksrepublik zum kapitalistischen Staat mutierte, in Polen
Einzug gehalten.
Neben der offiziellen staatlichen Wirtschaft gab es
eine vielfältige private Schattenwirtschaft. Neben der schon seit der
Mitte der 50er Jahre wieder weitgehend privaten Landwirtschaft, gab es
private Handwerksbetriebe,
privaten Einzelhandel und auch halbindustrielle Produktionsstätten. Und
es gab eine zweite Währung, für die alles zu haben war: der US-Dollar.
Die
Inhaber der privaten Betriebe verdienten zum Teil ein Vielfaches dessen, was
ein Industriearbeiter verdiente. Sie verdienten es oft sogar in Dollars,
Sie brauchten sich auch nicht in die
Schlangen zu stellen um ein Stück Butter oder Fleisch zu bekommen, Sie
deckten ihren Bedarf bei privaten Anbietern, deren Preise um ein
Vielfaches über den Preisen in staatlichen Geschäften lag.
Die wichtigste Ursache der
Misere war sicherlich die verfehlte Politik der PVAP. So hatte die PVAP
in den 50er Jahren unter Gomulka die landwirtschaftlichen
Produktionsgenossenschaften aufgelöst und wieder private Kleinbauern
eingeführt.
Das landwirtschaftlich nutzbare Land in Polen
war vor dem Krieg fast vollständig in der Hand von Magnaten und Adligen. Die
Bodenreform nach dem Krieg gab den Bauern das Land – das
Land des mit Abstand größten Großgrundbesitzers, der Kirche, wurde ausgenommen.
Jeder landlose Bauer bekam – je
nach Bodenqualität – 5 bis 10 ha Land. Ein polnischer Bauer
produzierte kaum für den Markt, fast nur für den Eigenbedarf. Die Flächen
waren zu klein. Mehr als 2-3 Schweine im Jahr mästete kaum ein Bauer,
mehr als 2-3 Milchkühe, meist sogar nur eine, hatte kein Bauer im Stall
stehen. Die polnische Landwirtschaft konnte den Bedarf der Bevölkerung
an landwirtschaftlichen Produkten nicht decken. Da ein Teil der Erzeugnisse in
private Kanäle floss – legal, aber auch illegal durch Diebstahl –
fehlte es in staatlichen Geschäften an Lebensmittel.
Das
Ergebnis
im Rückblick
Inzwischen sind die Früchte
der Wiedereinführung des Kapitalismus in Polen überdeutlich zu sehen:
massenhafte Verarmung großer Teile der der Bevölkerung.
So besteht die bekannte
Leninwerft nicht mehr in alter Form. Die Arbeiter der
Ursus-Traktorenfabrik in Warszawa, eine der Zentren von Solidarnisc
damals, haben ihren Job längst verloren – Ursus gibt es nicht mehr.
An die Textilindustrie der
zweitgrößten polnischen Stadt Lódz erinnert nur noch die „Allee der
Weber“, das Webereimuseum und Industrieruinen. Das Manchester des
Ostens ist entindustrialisiert.
In Schlesien gibt es noch ein
paar Kohlebergwerke und Hüttenbetriebe, aber deren Fortbestehen ist
infrage gestellt. Die
Betriebe, die hohen Gewinn abwerfen, sind in ausländischer – v.a.
deutscher – Hand.
Die polnischen Arbeiter, die
1980 zur Solidarnosc strömten, sind die Verlierer. Sie verloren ihren
Arbeitsplatz, ihre Existenzgrundlage und sie verloren jegliche soziale
Sicherheit.
1980/1981 lautete die beliebteste
Parole der Arbeiter bei Streiks: „Teraz dosc“ – es ist genug. Sie
wollten nicht die Abschaffung des Sozialismus. Sie gaben sich aber der
falschen Hoffnung hin, man könne die Vorteile beider Systeme, die des
Kapitalismus und die des Sozialsmus bekommen, also soziale Sicherheit
mit Überangebot an Waren. Ähnliche Illusionen machten sich ja auch
viele DDR-Bürger 1990.
G.A.
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