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Krise
des Liberalismus
Sieg
der polnischen Zwillinge
Werner Pirker
Quelle: jungeWelt
vom 25.10.2005
Die
Partei Recht und Gerechtigkeit der Zwillingsbrüder Kaczynski hat nach
den Parlamentswahlen nun auch bei den Präsidentenwahlen in Polen den
Sieg davongetragen. Lech Kaczynski ist am Sonntag mit 54,47 Prozent –
bei 45,53 Prozent für seinen Rivalen Donald Tusk – zum polnischen
Staatsoberhaupt gewählt worden. Das erzkonservative Spektrum hat sich
somit gegen das ultraliberale auf der ganzen Linie durchgesetzt. Ist
damit über Polen die Nacht der finstersten Reaktion hereingebrochen?
Viel
finsterer kann es nicht mehr werden. In Polen wütet ein weitgehend zügelloser
Kapitalismus. Die soziale Polarisierung ist stärker als sonstwo in
EU-Europa. Es gibt hungernde Schulkinder im Land an der Wisla und
doppelt so viele von privaten Security-Diensten bewachte Areale der
Reichen als im ganzen übrigen Europa. Diese Tendenz hat sich unter der
Regierung und der Präsidentschaft der Postkommunisten noch verschärft.
Die aus dem realsozialistischen Kaderbestand Gekommenen waren nicht
minder liberal wie der gescheiterte Präsidentschaftsanwärter Donald
Tusk, der ebenso wie die schrecklichen Zwillinge aus der
Solidarnosc-Bewegung kommt. Liberal bedeutet heutzutage: alle Freizügigkeiten
dem Kapital.
Lech
und Jaroslaw Kaczynski gelten als antiliberal. Sie sind eng mit dem
katholischen Klerus verbunden, was düstere Zeiten befürchten läßt.
Sie verheißen die »Vierte Republik«. Das deutet auf einen Umsturz in
Richtung autoritärer Staat hin. Das Strafrecht soll verschärft, die
Befugnisse von Polizei und Gerichten sollen ausgebaut werden. Doch die
Kaczynskis treten auch für die Restaurierung des Sozialstaates ein, der
in Polen praktisch zusammengebrochen ist. Daraus erklärt sich, warum
die linkspopulistische, im kleinbäuerlichen Milieu wurzelnde und nicht
unbedingt liberalen Gesellschaftsvorstellungen anhängende Partei
Samoobrona (Selbstverteidigung) im zweiten Wahlgang Lech Kaczynski
unterstützt hat.
Was
in Polen offenkundig geworden ist, macht sich auch im übrigen Europa
weitgehend bemerkbar: Der liberale Konsens löst sich auf. Im Land des
übersteigerten Marienkults hat das vorerst eine gesellschaftspolitisch
reaktionäre Wendung angenommen. Das aber liegt vor allem an der
Abwesenheit einer eindeutig als sozial fortschrittlich identifizierbaren
Linken. Die neoliberale »Demokratische Linke« hat es nach den
Jahrzehnten eines ungeliebten bürokratischen Sozialismus geschafft,
linke Ideen noch mehr zu diskreditieren, als sie es schon waren. Die
EU-Volksabstimmung in Frankreich aber zeigt, daß der neoliberale
Konsens auch von links aufgebrochen werden kann. Mehr sozial, weniger
liberal. Es bewegt sich was in Europa.
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Wahlsieg
für die Kirche
Rechtskonservativer
neuer Präsident Polens. Regierung will »Liberalisierung« mit Ausbau
autoritären Präsidialsystems verbinden
Tomasz
Konicz
Quelle:
jungeWelt
vom 25.10.2005
Der
Sieger gab sich generös und unversöhnlich zugleich. Polen brauche eine
allgemeine Abrechnung, aber auch Versöhnung, erklärte der neue Präsident
Polens, Lech Kaczynski (PiS), kurz nach Bekanntgabe der ersten verläßlichen
Hochrechnungen zur Stichwahl um das höchste Amt des Landes am Sonntag
abend. Die versöhnliche Geste des Staatschefs war an die »lieben
Freunde« der liberalkonservativen Bürgerplattform (PO) gerichtet,
deren Präsidenschaftskandidat Donald Tusk überraschend klar Kaczynski
unterlag. Laut offiziellem amtlichen Endergebnis vom Montag – und
entgegen aller Prognosen, die Tusk knapp vorne gesehen hatten – errang
Kaczynski fast 55 Prozent der Stimmen. Die Wahlbeteiligung betrug 50,91
Prozent.
Die
während der letzten Wochen zu reinen Wahlkampfveranstaltungen mutierten
Koalitionsverhandlungen sollen nun zügig vorangetrieben und am Freitag
soll eine erste, vorläufige Koalitionsvereinbarung zwischen der PO und
der rechtskonservativen PiS unterschrieben werden. Chef der PiS ist
Jaroslaw Kaczynski, der Zwillingsbruder des neugewählten Präsidenten.
Regierungschef wird aber der eher unbekannte Kazimierz Marcinkiewicz (PiS).
Ein Glätten der Wogen, die der Wahlkampf zwischen beiden Parteien
aufgeworfen hat, scheint indes dringend geboten. Die PiS konzentrierte
sich auf nationalistische Stimmungsmache, unter anderem wurde von den
Konservativen die von Tusk verschwiegene Zwangseinberufung seines Großvaters
in die Wehrmacht thematisiert. Die PO hingegen bemühte sich, Kaczynski
als verkappten Sozialisten darzustellen, da dieser sich bisher weigert,
die sozialen Sicherungssysteme, insbesondere die Krankenversicherung,
weitestmöglich zu privatisieren.
Mit
der Abrechnung droht Kaczynski hingegen den Sozialdemokraten der SLD und
all jenen, die in der Volksrepublik Polen Ämter und Posten innehatten
und diese auch heute noch bekleiden: In einer als Korruptionsbekämpfung
deklarierten »Säuberungswelle« sollen sie aus dem staatlichen Dienst
entfernt werden. Die PiS wird in der kommenden Koalition mit der PO
aller Voraussicht nach die Ministerien für Inneres und Justiz besetzen,
um den von dieser Partei angestrebten autoritären Umbau des polnischen
Staates energisch in Angriff nehmen zu können. Die Juniorpartner der PO
haben das Wirtschaftsressort für sich reserviert, um hier ihren
radikalen »Liberalismus« umzusetzen. Trotz aller sozialen Demagogie
der PiS, die sich im Wahlkampf als eine soziale Partei des »kleinen
Mannes« präsentierte, scheint sich ein Regierungskurs abzuzeichnen,
der eine zunehmende »Liberalisierung« der Wirtschaft mit dem Ausbau
eines autoritären Präsidialsystems verbindet.
Insbesondere
die Unterstützung seitens des katholischen Klerus hat den Sieg
Kaczynskis, der beim ersten Wahlgang noch hinter Tusk lag, möglich
gemacht. Das erzkonservative bis rechtsextreme Lager um das
Medienimperium (Radio- und Fernsehstationen, Tageszeitungen) des
Redemptoristen »Vater Rydzyk« unterstützte die PiS offen. Kaczynski
selbst hat keine Gelegenheit ausgelassen, um seine Verbundenheit mit der
katholischen Kirche zu bekräftigen. Zu der Wahl von Kaczynski riefen
auch die rechtsextreme Liga der Polnischen Familien, die Bauernpartei
PSL und die linksnationalistische Somoobrona (Selbstverteidigung) auf,
die hierdurch einen Durchmarsch der Neoliberalen zu verhindern suchte.
Für
Tusk stimmten hingegen große Teile der Wähler von der
sozialdemokratischen »Vereinigung der Demokratischen Linken« (SLD) und
deren Abspaltung, der »Polnischen Sozialdemokratie« (SdPl). Darüber
hinaus war Donald Tusk ein Kandidat der Wirtschaftselite, über 75
Prozent der befragten »Biznesmen« gaben an, für den Kandidaten der PO
stimmen zu wollen.
Auch
das westliche Ausland hätte sich einen Präsidenten Tusk gewünscht,
der die »europäische Integration« entschieden befürwortet. Kaczynski
hingegen kündigte eine selbstbewußte, den Interessen Polens
verpflichtete Außenpolitik an – und solche Töne lassen naturgemäß
die Alarmglocken in Berlin und Brüssel schrillen. |