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Erfahrungen in Rafah und in Nablus

aus: http://www.freunde-Palaestinas.de

Michael Sheikh, der Medien-Koordinator der Internationalen Solidaritätsbewegung (International Solidarity Movement - ISM), zu der Rachel Corrie gehörte, hat im Internet-Dienst ElectronicIntifada (16. März) über zwei Ereignisse berichtet, die einerseits in direktem Bezug zur Ermordung Rachel Corries stehen, und die andererseits einen Eindruck vom Vorgehen Israels vermitteln. In seinem Report heißt es u.a.: .

"Rafah: Um 2 Uhr nachmittags erhielt die ISM die Nachricht, daß israelische Militär-Bulldozer dabei seien, Häuser in Rafah im Süden des Gazastreifens niederzureißen. Die Zerstörung ist Teil der israelischen Politik der 'Apartheid-Mauer' gegenüber den besetzten Gebieten. Es sollen die palästinensischen Gemeinden von der Außenwelt abgeriegelt werden durch eine gewaltige Kette von Mauern, die mit Türmen vervollständigt werden, von denen aus militärische Scharfschützen das Leben in diesen Gemeinden überwachen können. Der im Bau befindliche Mauerabschnitt bei Rafah erstreckt sich über die ganze Länge der Grenze zwischen Gaza und Ägypten. Um den Scharfschützen auf den Mauertürmen ein freies Schußfeld zu geben, will die israelische Besatzungsmacht alle Häuser, die sich im Abstand von 70 bis 100 Metern von der Mauer befinden, niederreißen.

Sobald sie von den Zerstörungen erfuhren, machten sich sieben Aktivisten (drei aus den USA, drei Briten, ein Niederländer) vom ISM-Hauptsitz Rafah in Gaza auf den Weg, um sich den Zerstörungen zu widersetzen. Der Ort, wo die Zerstörungen stattfanden, befand sich in einer Gegend von Rafah, die als 'Block O' bekannt ist und die von vier Mauertürmen überwacht wird, darunter dem berüchtigten Salah-ed-Din-Turm, von dem aus israelische Scharfschützen bereits mehrere Einwohner von Rafah ermordet haben. Als die Aktivisten ankamen, sahen sie, daß eine Häuserreihe mit sechs Gebäuden von zwei israelischen Militär-Bulldozern unter dem Schutz eines Panzers systematisch eingeebnet wurde. Weil dort Landminen lagen, konnten sie nicht direkt zu den Bulldozern gelangen, aber sie fanden einen anderen Weg zum Ort der Verwüstung unter Umgehung des Minenfeldes. (...) Sobald sich die Aktivisten den Bulldozern näherten, wurde auf sie von den Türmen und von dem Panzer aus geschossen... Über ihre Megaphone gaben die Aktivisten bekannt, daß sie unbewaffnete internationale Friedensaktivisten sein, und sie gingen weiter voran. Der Panzer und die Soldaten auf den Türmen feuerten weiter Warnschüsse auf sie ab, aber die Aktivisten ließen sich nicht einschüchtern und gingen weiter vor. Jetzt begann der Panzer mit seinem Maschinengewehr auf einige Häuser in der Nähe zu schießen, die, wie die Aktivisten wußten, von Familien bewohnt waren. Also begaben sich die Aktivisten zwischen den Panzer und die Häuser, so daß der Panzer die Leute in den Häusern nicht mehr terrorisieren konnte, obwohl er seinen MG-Beschuß vor die Füße der Aktivisten wieder aufnahm.

In diesem Augenblick scheint ein Angehöriger des palästinensischen Widerstandes eine Rohrbombe auf einen der Bulldozer geworfen zu haben. Diese Wendung erhöhte das Risiko für die Aktivisten, weil jetzt die Gefahr bestand, daß sie in den Bereich eines Schußwechsels zwischen den israelischen Besatzungsstreitkräften und dem palästinensischen Widerstand gerieten, so daß sie sich in ein nahegelegenes Haus zurückzogen, um von dort aus die Zerstörungen zu beobachten und zu filmen. In dem Gebäude stießen zwei alte Frauen zu ihnen, die die Besitzer der Häuser waren, die gerade zerstört wurden, und bei diesem Anblick weinten. Als die Bulldozer die Zerstörung des Blocks von sechs Häusern beendet hatten, zogen sie sich mit dem Panzer zurück.

Als sie abgezogen waren, eilten die Leute aus der Nachbarschaft zu dem Trümmerhaufen, um den ehemaligen Bewohner bergen zu helfen, was es noch zu bergen gab von dem, was einst ihre Wohnungen gewesen waren. Unter den Dingen, die sie wiederfanden, befanden sich ein Fahrrad, ein Wassertank, ein Elektrokabel und einige Bretter. Als sie zwanzig Minuten lang den Schutt durchsucht hatten, begannen die Soldaten auf den Türmen auf sie zu schießen und zwangen sie so, die Trümmer zu verlassen. Ein Mann erzählte einem der Aktivisten, daß das so üblich sei bei solchen Bergungsaktionen: Die Wachposten geben den Leute im allgemeinen etwa eine halbe Stunde, um zu retten, was noch zu retten ist, dann feuern sie auf sie.

Nablus: Um 15.50 Uhr, gerade als die Rafah-Krise sich dem Ende näherte, versuchten zwölf ISM-Aktivisten, Schokolade in das Abu-Sanfar-Haus in Ost-Nablus zu bringen, das die israelische Besatzungsarmee seit vierzig Tagen als Feuerstellung benutzte, während die drei in dem Haus ansässigen Familien in zwei Räumen festgehalten wurden. Als die Aktivisten sich dem Haus näherten, stellten sich ihnen israelische Soldaten unter dem Kommando von Ariel Ze'ev entgegen, der bei in Nablus lebenden Palästinensern und ISM-Aktivisten als irrer Sadist bekannt ist. Ariel und seine Männer wurden gegenüber den Aktivisten schnell gewalttätig und ergriffen dann, um 16.10 Uhr, Hussein Khalili, ein palästinensisches Mitglied der ISM, und zerrten ihn zurück zum Haus, bevor sie Warnschüsse auf die Aktivisten abgaben und sie zum Rückzug zwangen.

Sofort riefen die Aktivisten das ISM-Medienzentrum an, um mich über ihre Situation zu informieren, und ich rief sofort die Menschenrechtsorganisationen Hamoked und Gush Shalom (die Verbündeten der ISM im Kampf gegen die Okkupation) sowie Denis Brenstein von Flashponts Radio in den USA an, bevor ich eine E-Mail an unsere Unterstützer entwarf, in der ich sie über die Ereignisse informierte. Durch unsere vereinten Bemühungen konnten wir Menschen auf der ganzen Welt Husseins Zwangslage deutlich zum Bewußtsein bringen und an sie gemeinsam appellieren, das Bezirkskoordinierungsdienststelle (District Coordination Office - DCO) der israelischen Armee im Bereich Nablus anzurufen und Husseins sofortige Freilassung zu verlangen.

Inzwischen kehrten ein israelisches Mitglied der ISM und ein weiterer Aktivist zum Abu-Sanfar-Haus zurück, um über Husseins Freilassung zu verhandeln. Als Ariel begriff, daß einer der Aktivisten eine israelische Jüdin war, wurde er rasend und versprach, daß er Hussein ihretwegen noch mehr leiden lassen würde und daß er jedesmal, wenn er sie sehe, einen Palästinenser verhaften würde. Er sagte auch, daß er ihn notfalls weitere zwei Wochen festhalten werde "als Revanche" für das, was sie getan hätte. Er ging dann ins Haus und brachte Hussein in den Garten des Abu-Sanfar-Hauses, wo seine Männer Hussein die Hände auf den Rücken banden und ihn zwangen, auf dem steinigen Boden im Regen niederzuknien, während Ariel Ze'ev ihm in den Rücken trat. Hussein wurde gezwungen, nach seiner Schätzung fünfundvierzig Minuten im Regen zu knien. Schließlich ging Ariel hinein, und eine neue Gruppe Soldaten löste seine Handfesseln und brachte ihn unter ein Dach, wo sie ihn verbal beleidigten und ihm sagten, der einzige gute Araber sei ein toter Araber und daß er nur ein elender Friedensstifter sei. Sie sagte auch zu ihm, die israelische Aktivistin sei eine Hure, weil sie den Palästinensern helfe und daß sie dadurch, was sie getan habe, keine Israelin mehr sei und daß man sie aus dem Land jagen sollte. Als Hussein beteuerte, daß die Aktivisten nur zu dem Haus gekommen seien, um den Kindern ein Freude zu machen, sagte der Soldat, daß sie das nicht interessiere und daß sie in Nablus seien, um alle Araber zu töten. 'Auch die Frauen und Kinder?' wollte Hussein wissen. 'Ja!' antworteten sie. 'Sie haben Benzinbomben und Steine auf uns geworfen und unser Leben bedroht, also werden wir auch sie töten!'

Während man Hussein beschimpfte, wurde das DCO des Gebiets Nablus mit Telefonanrufen überschüttet. Wir können natürlich nicht genau wissen, wieviel Menschen anriefen und seine Freilassung verlangten, aber ISM-Aktivisten, die das Abu-Sanfar-Haus beobachteten, sahen einen israelischen Oberstleutnant kommen. Er teilte den Aktivisten mit, daß er die Entscheidung getroffen habe, daß Hussein bis 22 Uhr im Haus festzuhalten und dann freizulassen sei. (...) Um 20.50 Uhr wurde Hussein Khalili freigelassen. Er sagte zu seinen Kaperern, er habe Angst, im dunkeln nach draußen auf die Straße zu gehen, weil Panzer und Soldaten auf den Straßen seien, die ihn erschießen könnten, wenn sie ihn sähen. Man sagte ihm aber, daß alle Soldaten in dem Gebiet über ihn verständigt seien und daß er sicher sein würde. Er ging dann über die Straße in ein Nachbarhaus, wo man ihm Tee und Wasser gab und das Telefon, damit der seine Kameraden in Nablus verständigen konnte, die dann herüberkamen, um ihn nach Hause zu bringen. Sobald ich die Nachricht von seiner Freilassung erhielt, informierte ich seine Frau und schickte dann eine E-Mail an unsere Helfer, um sie von dem Erfolg unserer Telefonkampagne zu informieren. Trotzdem wurde das DCO des Gebietes Nablus bis zum nächsten Morgen weiterhin mit Telefonanrufen überhäuft. Zwei Helfer teilten mir mit, daß der Offizier vom Dienst ihnen gleich nach dem Abheben gesagt habe: 'Hussein Khalili ist freigelassen worden', bevor sie noch den Grund für ihren Anruf nennen konnten. (...) Hätte Ariel Ze'ev seine Drohung, Hussein zwei Wochen lang festzuhalten, wahrgemacht und hätte die ISM sich als machtlos beim Schutz eines ihrer Mitglieder vor einem solchen willkürlichen Übergriff gezeigt, dann hätte sie sich damit vor den Palästinensern wie vor ihren Besatzern als eine írrelevante Bewegung erwiesen. Jedoch konnten wir dank der Anstrengungen unserer Helfer in der ganzen Welt Ariels Drohungen vereiteln und Husseins Freilassung und sein sicheres Geleit in weniger als vier Stunden durchsetzen. Obwohl viele Aktivisten beim DCO anriefen, als Hussein schon freigelassen war, sollten sie nicht das Gefühl haben, daß ihre Anrufe umsonst waren. Das war das erste Mal, daß die ISM und ihre Verbündeten eine Telefonanrufkampagne in solch einem großen Maßstab und in solch einer kurzen Zeit und mit solch einem Erfolg organisiert haben. Überall im besetzten Palästina, aber besonders im Gebiet Nablus geraten die ISM-Aktivisten unter zunehmenden Druck von Seiten der israelischen Besatzungsstreitmacht in dem Bemühen, sie durch Drohungen und Gewalt auf niedrigem Niveau einzuschüchtern und unwirksam zu machen. Wir glauben, daß dies Teil eines israelischen Plans ist, seine Terrorkampagne gegen das Volk von Palästina zu steigern, sobald die USA mit ihrer Invasion des Irak beginnen."

(Übersetzung: Wolfgang Buddrus)

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