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Das
Wesen und der Charakter des antikommunistischen
Pseudobegriffes „Stalinismus“
von
Anton Kaute
Quelle:
TA
Auf
Kommunisten-online am 27. Mai 2011 – Im Kampf gegen den
Kommunismus richteten und richten seine Feinde ihre Hauptanstrengungen
stets gegen solche Wesensmerkmale des Marxismus-Leninismus von denen sie
glaubten und glauben den Sozialismus/Kommunismus am härtesten treffen
zu können. Dazu gehören der Bolschewismus, das Sowjetsystem und schließlich
das revolutionäre Wirken J.W. Stalins. Dabei mußten sie ein ganzes
Konglomerat von Lügen, Fälschungen, Desinformationen und was es sonst
noch auf dem Gebiet der Irreführung gibt, auffahren.
Die
Apologeten der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die große
Mehrheit der bürgerlichen Historiker die sich mit Stalin befassen, tun
es in der Regel mit dem Ziel, sozialistisch-kommunistische Ideale im
Interesse des Erhalts der alten aber bereits überlebten
Gesellschaftsordnung zu verteufeln. In diesem Sinne konstruierten sie
den doktrinären, wirklichkeitsfremden und antikommunistischen
Pseudobegriff „Stalinismus“ der im zunehmenden Maße, vor allem
gegen Kommunisten und den Kommunismus eingesetzt wird. Um besser zu
verstehen wie das geschah, funktionierte und heute noch wirkt hilft ein
Rückblick in die Geschichte.
Die
wissenschaftlichen Erkenntnisse der Klassiker des Marxismus-Leninismus
hatten eine große Anziehungskraft auf die Unterdrückten und
Ausgebeuteten der kapitalistischen Länder ausgeübt. Selbst dem wütendsten
Antikommunismus (im Bunde mit Revisionisten und Reformisten) war es bis
Mitte des XX. Jahrhunderts nicht gelungen, die schnelle Verbreitung
sozialistischer und kommunistischer Ideen in der Welt aufzuhalten. Auch
die Große Sozialistische Oktoberrevolution hatte er nicht verhindern können,
was bei aller Gefährlichkeit des Antikommunismus auch die Grenzen
seines Einflusses offenbarte. Die Losung „Hände weg von Sowjetrußland“,
die sich nach dem Roten Oktober 1917 Millionen Menschen aller Kontinente
zu eigen gemacht hatten, verdeutlichte dies. Für die junge Sowjetunion
und ihre Bürger war das von unschätzbarer Bedeutung und eine große
Hilfe. Um die Menschen davon abzuhalten, sich dem
sozialistisch-kommunistischen Gedankengut zu öffnen und von der
Teilnahme an antikapitalistischen Aktionen fernzuhalten, benötigten und
konstruierten die Antikommunisten aller Schattierungen wirksame
„Argumente“ bzw. Waffen im Kampf gegen den Kommunismus. Gebraucht
wurde eine schärfere Speerspitze des Antikommunismus, ein tief und lang
wirkendes Todschlagsargument, vergiftetes Hirnfutter für die Unterdrückten
und Ausgebeuteten in den kapitalistischen Ländern und für die Werktätigen
die bereits dabei waren den Sozialismus aufzubauen. Dabei nutzten sie
skrupellos aber geschickt alles aus, was sich der jungen Sowjetmacht an
Schwierigkeiten aller Art in den Weg stellte. Darunter auch die
Tatsache, daß im Kampf des Sowjetstaates gegen konterrevolutionäre
innere und äußere Feinde auch repressive Maßnahmen angewendet werden
mußten. Unter Bezug auf solche Tatbestände ist ein noch nie gekanntes
Lügengebäude aufgebaut worden. Dieses richtete sich zunächst gegen
Stalin und im weiteren gegen die Führungsorgane der KPdSU(B) und des
Sowjetstaates, gegen die Kommunisten und den Kommunismus insgesamt. Ein
bewußt zusammengeführtes Gemenge von Entstellungen, Falschaussagen,
aus dem Zusammenhang gerissene Fakten und nicht bewiesene Behauptungen
das den Menschen seit Jahrzehnten eingetrichtert wird, hat dazu geführt,
daß das Wort „Stalinismus“ starke Emotionen auslöst. Bei vielen
Menschen verbinden sich damit Vorstellungen vom blutrünstigen Diktator,
des grausamen „roten Terrors“, des Millionenfachen Massenmordes an
unschuldigen Menschen. So katastrophal, wie sich die ideologische,
politische und psychologische Totschlagskeule namens „Stalinismus“
in den vergangenen Jahrzehnten auf die kommunistische- und
Arbeiterbewegung auswirkte, erfüllt sie auch heute noch den erwünschten
Zweck.
Die
dem „Stalinismus“ zugewiesene Funktion besteht vor allem in der
Brechung des antiimperialistischen Widerstandes, in der Diskreditierung
des konsequentesten Kampfes gegen imperialistische Kriegspolitik und zur
Rechtfertigung der kapitalistischen Ausbeuterordnung. Es soll ablenken
von der Tatsache, das die kapitalistische Profitwirtschaft den einfachen
Menschen bereits ein Meer von Blut und kaum vorstellbares Leid gebracht
hat. Die Erfahrungen haben gezeigt, daß immer dann, wenn Feinden und
Gegnern des Sozialismus/Kommunismus die Argumente ausgehen, sie den
„Stalinismus"-Knüppel hervorholen. Hinter der lauthalsen
„Kritik" an Stalin ist aber deutlich die Absicht erkennbar, die
Werte und Ziele zu diskreditieren, denen er dreißig Jahre an der Spitze
der KPdSU(B) und des Sowjetstaates gedient hat. Stalin wird bespuckt,
weil die sozialistischen/kommunistischen Ideen und ihre Träger bespuckt
werden sollen. Aber so wie sich Stalins persönliche Interessen mit den
Interessen der sozialistischen Revolution deckten, steht heute die
Wertung Stalins in engem Zusammenhang mit der Geschichte und der Zukunft
des Sozialismus/Kommunismus.
An
der zweckbestimmten Schaffung des durch und durch verlogenen
Pseudobegriffes „Stalinismus“ haben viele „Kremelforscher“, bürgerliche
Ideologen, Historiker und Politiker der kapitalistischen Welt ihren
Anteil. Aber auch Renegaten und andere Feinde der Sowjetmacht in der
Sowjetunion selbst bzw. aus dem Ausland widmeten sich dieser unrühmlichen,
niederträchtigen Politik. Es ist eine Tatsache, daß zu den ersten, die
das Wort „Stalinismus“ im hetzerischen, kriminalisierenden Sinne
gebrauchten, Trotzki gehörte. Jener Mann, der sich schon zu Lebzeiten
in seiner fraktionellen, parteifeindlichen Tätigkeit von seinem persönlichen
Hass gegen Stalin leiten ließ. Trotzki war es, der allen, die sich dafür
interessierten (und das waren viele in den kapitalistischen Ländern)
aber auch unter den in der Sowjetunion verbliebenen Feinden der
Sowjetmacht), politische Munition gegen die Lenin-Stalinsche Partei und
Stalin als Persönlichkeit lieferte. Viele, die Stalin als Verbrecher
darstellten, berufen sich auf Trotzki, als könne er Kronzeuge sein.
Doch welchen Wert haben Aussagen eines Kronzeugen, der so abgrundtief
von persönlichem Haß gegen den „Beschuldigten" erfüllt ist?
Trotzki hatte es u.a. nie verwinden können, daß, den bewaffneten
Aufstand im Oktober 1917 betreffend, nicht er sondern Stalin in die
militärische Führungsgruppe, die den Aufstand leitete, bestimmt wurde.
Er konnte sich auch nicht damit abfinden, daß ihm Stalin während der
Konterrevolution und der ausländischen Intervention (als Trotzki
Oberbefehlshaber der Sowjetarmee war) von Lenin persönlich in mehreren
Fällen als Kontrolleur vorgesetzt wurde und daß 1922 auf dem XI.
Parteitag der KPR(B) nicht er, sondern Stalin zum Generalsekretär des
Zentralkomitees gewählt wurde. Trotzkis Haß-, Hetz- und Schmähschriften,
die er speziell Stalin „widmete", dienten und dienen noch heute
als „Quellenlagerstätte", aus der ungezählte antikommunistische
Historiker nach Herzenslust schöpfen. Doch diese Quellen sind, wie
nicht anders zu erwarten, in hohem Maße vergiftet.
Auch
manche „demokratischen Sozialisten", ja sogar sogenannte
Kommunisten, sprechen davon, daß man Stalins „Verbrechen", seine
„Massenmorde", seinen „Verrat am Marxismus-Leninismus"
usw. hart kritisieren muß. Allerdings wollen sie es „von links"
tun; und sie glauben ernsthaft, das sei etwas anderes - wohl besseres -
als das, was von rechts mit dem kriminalisierenden Schlagwort
„Stalinismus" beabsichtigt wird. Doch sie sagen nicht, worin der
Unterschied besteht. Ob Antikommunismus von „links" oder von
rechts, im Grunde bleibt sich das wohl gleich. Darauf hat bekanntlich
schon Lenin hingewiesen.
Es
ist an der Zeit, daß die fortwährend unheilvoll, vor allem auf die
kommunistische Weltbewegung wirkende „Stalinismus“-Konstruktion
entschieden bekämpft wird; nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt nicht
halbherzig, sondern offensiv mit Herz, Verstand und ganzer Kraft.
Aufbauend auf Tatsachen, im Interesse der Wahrheit und mit ihr gilt es,
den Menschen aller Generationen ein reales Geschichtsbild über die
„Zeit unter Stalin" zu vermitteln. Natürlich erfordert das die
gesamte „Stalinismus“-Konstruktion, und nicht nur das Lügengewebe,
welches um Stalins Person gewoben wurde, zu durchleuchten. Der
„Begriff" als solcher gibt den Menschen weder Wissen über Stalin
noch Verständnis für die sogenannte Stalin-Ära. Die Machwerke des
„Stalinismus" das kann nicht oft genug betont werden, haben alle
nur das Ziel, Stalin als Verbrecher abzustempeln, um den
Sozialismus/Kommunismus zu diskreditieren. Es gibt in der Geschichte
viele Beispiele grober Verunglimpfungen und Verketzerungen von Menschen
und gesellschaftlichen Bewegungen, die sich dem Fortschritt verschrieben
hatten. Aber wie dies im Falle Stalins und der Kommunisten geschah und
geschieht, dürfte jedoch seinesgleichen suchen. Es geht letztlich nicht
nur um eine Person, um einen Menschen, - und sei er auch noch so
bedeutungsvoll in der Geschichte -, sondern um entschieden mehr: So zum
Beispiel um die historische Wahrheit über die Entstehung, Gestaltung
und die Verteidigung des ersten sozialistischen Staates der Arbeiter und
Bauern in der Geschichte der Sowjetunion und anderer sozialistischer Länder.
Es geht um die wirklichen Ursachen für die Niederlage des Sozialismus,
die Benennung des Verrats und der Verräter und um den künftigen Weg
zum Sozialismus/Kommunismus. Auch in Bezug auf Stalin sollte gelten: Wer
die Geschichte fälscht, verursacht ebenso Unheil wie ein Kartograph,
der falsche Karten für die Navigation anfertigt. Wer es bewußt tut,
begeht ein Verbrechen an der Geschichtsschreibung.
Natürlich
birgt das Bemühen, Anschuldigungen gegen Stalin hinterfragen zu wollen,
die „Gefahr" in sich, als „linksradikal" bezeichnet und
kriminalisiert zu werden. Doch hat es jemals zu etwas Gutem geführt,
wenn man aufhört, nach der Wahrheit zu suchen, ihr gerecht zu werden,
sie zu verteidigen? Die Zeit ist überreif, daß Kommunisten für die
Darstellung und das Wirken Stalins entsprechende
geschichts-wissenschaftliche Kriterien heranziehen.
Wie
kaum in einer anderen Frage kommt es für das Begreifen des damit im
Zusammenhang Stehenden auf den Standpunkt an. Genauer, auf den
Klassenstandpunkt. Gewisse bürgerliche Historiker und Vertreter der
„freien Marktwirtschaft", sprich, der kapitalistischen
Gesellschaft, denen die Profitmaximierung alles und der Mensch wenig
bedeutet, werden in der Regel mit keinem Argument und sei es noch so
wahr und richtig von ihrer „Stalinismustheorie" abzubringen sein.
Ist sie doch einer ihrer schärfsten Waffen zur Verteidigung des
kapitalistischen/imperialistischen Systems. Die sogenannten Lohnabhängigen
jedoch, soweit sie nicht schon vollkommen vom Kapital korrumpiert sind,
können den Weg zur Überwindung der antikommunistischen „Stalinismus“-Lüge
finden und begehen. Voraussetzung dafür ist natürlich, daß sie sich
vom Standpunkt der Arbeiterklasse leiten lassen, der die Bereitschaft
einschließt, die Wahrheit zu suchen.
Kommunisten
dürfen sich nicht an der Schande des Verrates gegenüber einem der
bedeutendsten proletarischen Revolutionäre, einem Führer der
internationalen kommunistischen Bewegung beteiligen in dem sie sich zur
Bedienungsmannschaft des Flaggschiffes des Antikommunismus, seiner
Speerspitze namens „Stalinismus“ machen. Schließlich gibt es neben
analogen Faktoren auch ein politisches Gewissen und eine kommunistische
Moral. Die Wiedererstarkung der internationalen kommunistischen- und
Arbeiterbewegung erfordert zwingend die Entlarvung des sogenannten
„Stalinismus“. Dieser politisch-ideologische und theoretische Kampf
dient der Entfernung eines vergifteten Stachels, der bewußt in den Köpfen
der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung getrieben
wurde. Es ist moralische Pflicht, vor allem der Kommunisten, in diesem
Kampf voranzugehen.
Zweiter
Teil
Die
Rolle J. W. Stalins in der Geschichte und die reaktionären,
konterrevolutionären Versuche, ihn und damit den Kommunismus zu
verleumden.
Kaum
jemand wird bestreiten, daß die Beschreibung der Biographien historisch
bedeutender Persönlichkeiten ein wissenschaftliches Herangehen
erfordert. Dies muß natürlich auch für Stalin gelten, denn wer wird
schon leugnen wollen oder können, daß dieser zu den herausragendsten
Menschen des vergangenen Jahrhunderts gehört. Aber leider wird bei der
Analyse seines Lebens und Wirkens dieser Grundsatz all zu oft, bewußt
oder unbewußt, verletzt. Ein symptomatisches Beispiel dafür ist die
Tatsache, daß Entscheidungen, die Stalin zu treffen hatte oder die
unter seiner Führung in den obersten Partei- und Staatsorganen
getroffen werden mußten, häufig unter Mißachtung dialektischer und
historischer Zusammenhänge bewertet werden. Vieles, was über Stalin
gesagt und geschrieben wurde und wird, ist von Einseitigkeit geprägt
und hält auch anderen wissenschaftlichen Kriterien nicht stand.
Um
das Leben J. W. Stalins umfassend zu beschreiben, wäre es zweckmäßig,
seinen Kinder- und Jugendjahren entsprechende Aufmerksamkeit zu widmen.
Doch angesichts der Notwendigkeit, die vielen Verleumdungen, denen er
als führender Bolschewik, sozialistischer Revolutionär, Politiker und
Staatsmann ausgesetzt war, als Lügen zu entlarven, muß der Schwerpunkt
auf diesen Abschnitt seines Lebens gelegt werden. Deshalb zu seinen
Kinder- und Jugendjahren nur das Wichtigste.
Josef
Wissarionowitsch Stalin, geboren am 21. Dezember 1879 in der georgischen
Stadt Gori, war der Sohn eines georgischen Bauern und Schuhmachers.
Seine Mutter entstammte einer leibeigenen Bauernfamilie. Im Alter von
neun Jahren wurde er 1888 in die geistliche Elementarschule von Gori
aufgenommen, die er 1894 abschloß. Im gleichen Jahre wurde Stalin Schüler
eines geistlichen griechisch-orthodoxen Seminars in Tiflis. Diese
Seminare waren damals Diskussionsstätte für Befreiungsideen
verschiedener Art, darunter auch marxistisch-internationalistische. Das
in Stalin Widerspruch und Empörung hervorrufende Jesuitenregime im
Seminar nährte und verstärkte in ihm die revolutionäre Gesinnung. Auf
eine diesbezügliche Frage des deutschen Schriftstellers Emil Ludwig
hatte sich Stalin dazu geäußert: „Aus Protest gegen das schändliche
Regime und die jesuitischen Methoden die im Seminar angewandt wurden,
war ich bereit Revolutionär zu werden und wurde tatsächlich Revolutionär,
ein Anhänger des Marxismus, dieser wahrhaft revolutionären Lehre.“1)
Stalin
wurde wegen Propagierung des Marxismus im Mai 1899 aus dem Seminar
ausgeschlossen, nachdem er bereits ein Jahr vorher Mitglied der SDAPR
geworden war. Er machte sich mit den grundlegenden Werken von Marx,
Engels und Lenin vertraut. Der Kreis seiner theoretischen Interessen
wurde immer umfassender. Er studierte Philosophie, Politische Ökonomie,
Geschichte, Naturwissenschaften und las Werke der Klassiker der schöngeistigen
Literatur. Zur Zeit der russischen Revolution von 1905 war Stalin
bereits ein vielseitig gebildeter Marxist.
Nachdem
sich Lenin und Stalin 1903 erstmals persönlich kennengelernt hatten,
wurden beide enge Gefährten, besonders im Kampf um den Sieg der Großen
Sozialistischen Oktoberrevolution. Als Schüler Lenins stand Stalin über
drei Jahrzehnte an der Spitze der KPdSU(B) und des ersten
sozialistischen Staates der Arbeiter und Bauern in der Geschichte. Eine
solche Persönlichkeit und diese Periode, in der
marxistisch-leninistische Theorie erstmals in die Praxis umgesetzt und
sozialistische Geschichte geschrieben wurde, können nicht aus dem Bewußtsein
gestrichen werden, schon gar nicht aus dem Klassenbewußtsein von
Kommunisten. Wer das Leben Stalins zu werten versucht, darf nicht
vergessen, daß er entscheidend zur Entstehung des ersten
sozialistischen Staates der Arbeiter und Bauern in der Geschichte
beigetragen hat, in dem nicht Kapitalisten oder andere Ausbeuter die
Politik bestimmten. Als er illegal, von der Geheimpolizei des Zaren
stets gejagt, mehrmals eingekerkert und verbannt, gegen die zaristische
Selbstherrschaft, für die Menschenrechte aller Geknechteten kämpfte,
galt Rußland noch als das Land der Bastschuhe und Analphabeten. In
historisch sehr kurzer Zeit nach der Großen Sozialistischen
Oktoberrevolution war die Sowjetunion unter den schwierigsten Umständen,
trotz der faschistischen Aggression, gegen die sie sich verteidigen mußte,
zu einer wissenschaftlichen, industriellen, kulturellen und militärischen
sozialistischen Großmacht geworden. Dank der Sowjetunion entstand nach
dem Zweiten Weltkrieg ein Weltsystem sozialistischer Staaten. Die
Sowjetunion hatte einen bedeutenden Anteil an der Beseitigung des
unmenschlichen imperialistischen Kolonialsystems.
Viele
Völker konnten sich dank der Unterstützung durch die sozialistische
Weltmacht von den Fesseln kolonialer Unterdrückung befreien. Selbst die
„Arbeitnehmer“ in den kapitalistischen Ländern verdanken viele
ihrer sozialen Errungenschaften, die sie sich erkämpften, in beträchtlichem
Maße der Existenz der Sowjetunion und der sozialistischen
Staatengemeinschaft. All dies ist mit Stalins Namen untrennbar und
unauslöschlich verbunden. Der Niedergang und der Sturz des Sozialismus
in der Sowjetunion und in Europa begann bzw. erfolgte nicht in den
Jahren zwischen 1917 und 1953. Im Gegenteil, in dieser Periode feierte
er seine größten Triumphe.
Vernunftbegabte
Historiker gehen davon aus, daß der Schlüssel zum Verständnis für
das Handeln von Personen, die eine besondere Rolle in der Geschichte
gespielt haben, in den objektiven Bedingungen ihrer Zeit zu suchen sind.
Warum soll das nicht auch für Stalin gelten? Eine gerechte
wissenschaftliche Bewertung seines Wirkens in den Verstrickungen seiner
Zeit erfordert es, ihr die Biographie Stalins in ihrer Gesamtheit und im
Gesamtzusammenhang mit den inneren und äußeren Bedingungen der
Sowjetunion und der KPdSU(B) zugrunde zu legen. Und was gehört u.a. zu
den Bedingungen, unter denen Stalin und die sowjetische Führung handeln
mußten? Zu den Bedingungen gehörte, daß es notwendig war, in kürzester
Zeit den Bildungsstand der Menschen und die Wirtschaft, insbesondere die
Schwerindustrie, so zu entwickeln, daß ein ständig wachsendes
Lebensniveau der Sowjetbürger und die zuverlässige Verteidigungsfähigkeit
des Landes gegen imperialistische Aggressionen sichergestellt werden
konnte. Stalin selbst faßte dieses Problem in einer Rede am 4. Februar
1931 vor Wirtschaftsfunktionären so zusammen: „Wir sind hinter den
fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen
diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das
zuwege, oder wir werden zermalmt.“A)
Und
mit welchen Kadern war das alles zu bewältigen, da der alte
Staatsapparat vollständig zerschlagen werden mußte? Menschen in
leitenden Positionen, die alle Voraussetzungen für die Bewältigung der
wichtigsten Vorhaben aller Zeiten besaßen, waren äußerst rar. Dazu
kommt ein Aspekt, dem oft zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet worden ist.
Die
Große Sozialistische Oktoberrevolution in Rußland hatte in ihren Sog
nicht nur ehrliche, dem Sozialismus zugewandte und ihm ergebene Menschen
hineingezogen, sondern auch Trittbrettfahrer aller Art: Menschewiki,
Sozialrevolutionäre, Anarchisten, bezahlte und verkappte Agenten. Auch
Kriminelle, getarnt als Revolutionäre, nutzten ihre „Chance".
Selbst Leute wie Trotzki, die noch bis kurz vor der Revolution in
politischer Gegnerschaft zu Lenin standen (und wie sich herausstellte in
entscheidenden Fragen auch danach), mußten in das Räderwerk der
Revolution und ihrer Verteidigung eingebaut werden. Ohne Kontrolle, Mißtrauen
und Härte war da keine Hoffnung auf Erfolg. Sollte die Forderung nach
Verwirklichung der Diktatur des Proletariats in all ihren Bestandteilen
und Wesensmerkmalen, wie das von Marx, Engels und Lenin herausgearbeitet
wurde, nicht Schall und Rauch bleiben, bedurfte es Menschen, die bereit
waren, sich dieser Aufgabe ohne Wenn und Aber zu stellen. Lenin war das
wohl bewußt. Deshalb entsandte er u.a. Stalin an fast alle Brennpunkte
und betraute ihn mit den kompliziertesten Aufgaben und Funktionen. Überall,
wo an der Front des Bürgerkrieges eine ernste Gefahr drohte, wurde
Stalin hingeschickt. Zwischen 1918 und 1920 war er der einzige, den das
ZK der Partei von einer Front an die andere, an die für die
Verteidigung der Revolution kritischsten Stellen entsandte. Im Laufe von
zwei Jahren ging Stalin nacheinander an die Front von Zaryzin, an die
Front bei Perm, an die Front von Petrograd, an die Westfront, an die Südfront,
an die polnische Front im Gebiet von Shitomir und wieder an die Südfront.
„Wenn irgendwo die Rote Armee wankte, wenn die konterrevolutionären
Kräfte größere Erfolge hatten, wenn die Erregung und die Spannung in
Katastrophen umzuschlagen drohten, immer dann tauchte Stalin auf. In Nächten
ohne Schlaf organisierte er, nahm die Leitung in die Hand, brach Widerstände
und führte die Wende herbei."2)
Kein
anderer aus der näheren Umgebung Lenins war zu dessen Lebzeiten mit so
vielen wichtigen Funktionen betraut wie Stalin. Er war, um nur einige zu
nennen: Mitglied des Zentralkomitees der Partei und seines Politbüros,
Mitglied der Leitungsgruppe zur Führung des Aufstandes (Oktober 1917),
Vorsitzender des Organisationsbüros des Zentralkomitees (wichtigstes
kollektives Organ nach dem Polit-Büro), Volkskommissar für
Angelegenheiten der Nationalitäten und Vorsitzender der Arbeiter- und
Bauerninspektion. Nach dem XI. Parteitag der KPR(B) wählte das Plenum
des Zentralkomitees auf Lenins Vorschlag hin Stalin zum Generalsekretär
des Zentralkomitees (3. April 1922). Das ist die nachprüfbare Wahrheit.
Und wie bereits erwähnt, nicht irgendwer beauftragte Stalin mit diesen
für den Sieg über die Konterrevolution und die Sicherung des weiteren
sozialistischen Aufbaues so bedeutsamen Aufgaben, sondern das
Zentralkomitee der Partei und in den meisten Fällen Lenin persönlich.
Würde Lenin so gehandelt haben, wenn er daran gezweifelt hätte, daß
Stalin ein konsequenter Kämpfer für den endgültigen Sieg der
sozialistischen Revolution und ihr entschiedener Verteidiger war? Die
Sympathie Lenins für seinen Schüler und Kampfgefährten Stalin
entstammte übrigens nicht erst aus den Revolutionstagen und den Jahren
danach. In einem Brief an Maxim Gorki hatte er Stalin z.B. bereits 1913
als seinen „prächtigen Georgier“ bezeichnet.3)
Stalin
wurde im Verlauf der Jahrzehnte vieler und unvorstellbarer Verbrechen
bezichtigt. Hat er sie wirklich begangen? Bekannt ist, daß Lebensumstände
(jahrelanger illegaler Kampf gegen die zaristische Selbstherrschaft,
Verrat durch engste Mitarbeiter, Erfahrungen mit dem weißen Terror u.a.)
verbunden mit dem unbeugsamen Willen, den sozialistischen Aufbau zu
sichern, bei ihm zu Härte und Strenge geführt hatten. Er selbst sagt
dazu: „Als die Bolschewiki zur Macht gelangt waren, ließen sie
anfangs gegenüber ihren Feinden Milde walten. Die Menschewiki bestanden
weiter legal und gaben ihre eigene Zeitung heraus. Die Sozialrevolutionäre
bestanden ebenfalls weiter legal und hatten eine eigene Zeitung. Sogar
die Kadetten gaben ihre Zeitung weiter heraus.
Als
General Krasnow seinen konterrevolutionären Marsch auf Leningrad
unternahm und uns in die Hände fiel, hätten wir ihn aufgrund der
Kriegsverhältnisse in Gefangenschaft behalten können; mehr noch, wir hätten
ihn erschießen müssen. Wir aber haben ihn auf sein ‚Ehrenwort’ hin
freigelassen. ... Derselbe Krasnow, den wir auf sein ‚Ehrenwort’ hin
freigelassen hatten, organisierte die weißgardistischen Kosaken. Er
vereinigte sich mit Mamontow und führte zwei Jahre lang einen
bewaffneten Kampf gegen die Sowjetmacht. Wir überzeugten uns davon,
welchen Fehler wir begangen hatten, als wir Milde walten ließen.“4)
Soweit
Stalin persönlich über Milde und Härte. Man muß kein Hellseher sein,
um zu verstehen, daß es angesichts der Gefahren, die dem jungen
Sowjetstaat von allen Seiten drohten und die von konterrevolutionären
Aktivitäten im Inneren der Partei noch verstärkt wurden, ein schmaler
Grat war zwischen notwendiger Härte, Unduldsamkeit und Verantwortung
einerseits und Gerechtigkeit in jedem Falle. Das interessiert aber
Stalins Gegner nicht. Um ihn zu diskreditieren, wird nach dem Prinzip
vorgegangen, daß der Zweck die Mittel heiligt. Die Methoden, derer man
sich bedient, um Stalin zum blutrünstigen Diktator und Verbrecher zu
stempeln, sind vielfältig und skrupellos. Vor keinen Gemeinheiten aller
Art wird zurückgeschreckt. Nie in der Geschichte ist Leichenfledderei
in einem solchen Ausmaß geübt worden, wie an diesem Menschen.
Bei
der Einschätzung bzw. Darstellung charakteristischer Eigenschaften
Stalins, seiner Auffassungsgabe, Befähigung etc. gehen die
Feststellungen der „Stalinbiographen“ so weit auseinander, daß
schon aus diesem Grunde die Unseriösität solcher Erkenntnisse deutlich
wird. Hier findet man alles: Er sei einfältig und dumm, unfähig,
mittelmäßig, sehr intelligent, gerissen und hinterhältig, listig und
blutrünstig, grausam, geisteskrank, machtgierig, eifersüchtig, kalt
berechnend, rachsüchtig und (nach Solschenizyn) ein boshafter Idiot
gewesen. Selbst Bauernschläue und die Art eines netten Großvaters
billigt man ihm zu. Aber wie er sich auch gibt und was er tut, letztlich
geschieht alles nur zur Tarnung seiner „kriminellen“ Ziele. Tat
Stalin etwas Gutes, dann war es Heuchelei, eine hinterhältige Falle.
Machte er einen Fehler, war er sowieso ein Verbrecher. Wie hätte Stalin
handeln sollen, um bei seinen Feinden als „anständiger Mensch“ zu
gelten? Stalin werden oft niedere Beweggründe für sein Wirken
unterstellt. Alles wird ihm zum Nachteil ausgelegt.
Seine
umsichtige, bedächtige Art, sein Vermögen zuzuhören sind natürlich
auch reine Taktik. Selbst das konsequente Eintreten Stalins für die
strenge Ahndung von Vergehen hoher Staats- und Parteifunktionäre gegen
die sowjetische Gesetzlichkeit war angeblich nur eine rein taktische
Variante zur Verschleierung machtbesessener krimineller Absichten, im
besonderen zur Beseitigung unliebsamer Konkurrenten. Der ehemalige
USA-Botschafter in der Sowjetunion J. E. Davies ist da allerdings
anderer Meinung. Er schreibt in seinem Buch „Als USA-Botschafter in
Moskau“ (Zürich 1943) u.a.: „Er [Stalin] gilt durchweg als ein
sauber lebender Mensch, bescheiden, zurückhaltend, zielbewußt, ein
Mann von eingleisigem Denken, dessen Sinnen und Trachten auf den
Kommunismus und die Hebung des Proletariats gerichtet ist. ... Er hat
einen gescheiten Humor. Und einen großen Geist. Scharfsinnig,
durchdringend klug und vor allem, so empfinde ich ihn, weise. Wenn Du
Dir eine Persönlichkeit ausmalen kannst, die in allen Stücken das
volle Gegenteil von dem ist, was der rabiateste Stalingegner sich
auszudenken vermöchte, dann hast Du ein Bild dieses Mannes“.5)
1)
J.W. Stalin Werke Band 13 S. 103
2.)Henri
Barbusse, „Stalin-Eine neue Welt“. Rotfront-Reprint Berlin 1996
(Nachdruck) S.68
3)
W.I. Lenin, „Briefe an Gorki“, 1908-1919. Wien 1924; S. 74.
4)
J.W. Stalin, Werke, Bd.13, Berlin 1955, S. 96.
5)
J.E. Davies, „Als USA-Botschafter in Moskau“, Zürich 1943, S. 147,
276.
A
(Stalin, Werke, Bd.13, S. 36).
Dritter
Teil
Um
Stalin als hervorragenden Revolutionär, Arbeiterführer und Staatsmann
in den Augen der Weltöffentlichkeit zu demontieren, scheuen seine
Gegner und Feinde keine Mittel. Besonders grobe Lügen, welche über ihn
verbreitet worden sind, stehen, wie bereits erwähnt, im Zusammenhang
mit den persönlichen Lenin-Stalin-Beziehungen. Insbesondere Stalins
Gegner aus dem Lager der Renegaten und Revisionisten waren und sind es,
die über das Verhältnis der beiden Parteiführer und Staatsmänner
solche Lügen in Umlauf setzen. So z.B. jene, daß Lenin als sogenannten
zweiten Mann und eigentlichen Stellvertreter nicht Stalin sondern
Trotzki betrachtet hätte. Aber man lese nur die verschiedenen Schriften
Lenins. Es ist wohl wahr, daß der Name Trotzki in ihnen öfter genannt
wird als Stalin. Nur: Stalins Namen erwähnt Lenin bis auf verschiedene
kleine Ausnahmen im positiven Sinne, während er sich mit Trotzki überwiegend
negativ kritisch auseinandersetzen muß. Und dies nicht nur in der Zeit
vor der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, als Trotzki generell
auf der Lenin entgegengesetzten Seite stand, sondern auch für die Zeit
nach dem Roten Oktober.
Im
„Brief an den Parteitag" bescheinigt ihm Lenin sogar, nie
Bolschewist gewesen zu sein. Und diesen Trotzki sollte Lenin sich als
„zweiten Mann", als Stellvertreter oder Nachfolger auserkoren
haben? Das ist schon mehr als lächerlich. Außerdem: Warum hat Lenin im
April 1922, als es erforderlich war, in einer äußerst schwierigen
Situation die Kampfkraft der Partei zu erhöhen, Stalin und nicht
Trotzki zum Generalsekretär des ZK vorschlagen? Stalins Weg führte über
den gefährlichen illegalen Widerstand gegen die zaristische
Selbstherrschaft und über ein intensives Studium des
Marxismus-Leninismus direkt an die Seite Lenins, dessen treuer Schüler
er war. Trotzki indessen ist ideologisch fast überall zu Hause gewesen.
Er war Freimaurer, Zentrist, ein bißchen Sozialrevolutionär und
schwankte hin und her. Zum Schluß gab er sich als Bolschewik aus.
Immer
wieder neu aufgewärmt wird auch die Behauptung, Stalin sei vom
Leninschen Weg abgewichen und habe den Marxismus-Leninismus verfälscht.
Aber warum sollte gerade er, der von Anfang an stets zu Lenin gehalten
hat, der nie ernsthaft geschwankt hat, dessen ideologischen,
theoretischen und politischen Positionen zu beziehen und zu verteidigen,
warum sollte gerade Stalin, der anläßlich Lenins Tod den bekannten
Schwur geleistet hatte, sein Vermächtnis wie den eigenen Augapfel zu hüten,
Verrat an Lenin geübt haben? Doch der Vorwurf liegt auf dem Tisch: So
wird behauptet, Stalin habe die These von der Möglichkeit des Sieges
des Sozialismus in einem Land „erfunden" und bereits dadurch die
Grundlagen für sein Scheitern gelegt. Dies ist in zweierlei Hinsicht
falsch.
Erstens:
Wäre er wirklich der „Urheber" dieser richtigen Erkenntnis, würde
ihm das durchaus zur Ehre gereichen. Sie hat sich ja in der Praxis als
richtig erwiesen. Nicht die Tatsache, daß unter den damaligen Umständen
der Sozialismus in einem Land (Rußland) siegen konnte, ist Schuld an
seiner Niederlage nach mehr als 70 Jahren. Die sozialistische
Gesellschaftsordnung war ja Anfang der fünfziger Jahre in der
Sowjetunion und in Europa insgesamt (trotz aller Unvollkommenheit) schon
so fest verwurzelt, daß nur unglaublicher und kaum für möglich
gehaltener revisionistischer Verrat von führenden „Kommunisten"
das Werk der Zerstörung hervorbringen konnte. Womit nicht in Zweifel
gestellt werden soll, daß auch andere Faktoren „im Spiel" waren.
Zweitens:
Die Erkenntnis, daß unter Umständen der Sozialismus auch in einem
Lande siegen kann, stammt nicht von Stalin, sondern von seinem
Lehrmeister und Kampfgefährten Lenin. In seiner Schrift „Das Militärprogramm
der proletarischen Revolution" schreibt Lenin: „Die Entwicklung
des Kapitalismus geht höchst ungleichmäßig in den verschiedenen Ländern
vor sich. Das kann nicht anders sein bei der Warenproduktion. Daraus die
unvermeidliche Schlußfolgerung: Der Sozialismus kann nicht gleichzeitig
in allen Ländern siegen. Er wird zuerst in einem oder einigen Ländern
siegen, andere werden für eine gewisse Zeit bürgerlich oder vorbürgerlich
bleiben."1)
Stalin
sei der „Erfinder" der These, daß sich der Klassenkampf im
Verlauf des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaft zeitweilig verstärkt
und er habe damit die Begründung bzw. den Vorwand für die Repressionen
in den zwanziger und dreißiger Jahren geschaffen, lautet eine weitere
Behauptung. Eigentlich beweist dies nur, daß jene, die sie aufstellen,
Lenin nicht kennen. Denn dieser war es, der die folgenden Sätze
schrieb: „Die Aufhebung der Klassen ist... das Werk eines
langwierigen, hartnäckigen Klassenkampfes, der noch nach dem Sturz der
Macht des Kapitals, nach der Zerstörung des bürgerlichen Staates, nach
der Aufrichtung der Diktatur des Proletariats nicht verschwindet (wie
sich manche Flachköpfe vom alten Sozialismus und von der alten
Sozialdemokratie einbilden), sondern nur seine Form ändert und in
vieler Hinsicht noch erbitterter wird."2)
An
anderer Stelle nimmt Lenin zu diesem Problem noch ausführlicher
Stellung. Er schreibt u.a.: Wenn in den ersten Momenten nach dem Oktober
viele naive Leute so dumm waren zu glauben, die Diktatur des
Proletariats wäre etwas Vorübergehendes, Zufälliges, so müßten doch
jetzt sogar die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre begreifen, daß
es eine Gesetzmäßigkeit gibt in dem Kampf, der unter dem Ansturm der
gesamten internationalen Bourgeoisie ausgefochten wird. In der Praxis
haben sich nur zwei Kräfte herausgebildet: die Diktatur der Bourgeoisie
und die Diktatur des Proletariats. Wer das beim Lesen von Marx nicht
begriffen hat, der ist nie Sozialist gewesen, hat nichts vom Sozialismus
begriffen, hat sich nur Sozialist genannt.... In der kapitalistischen
Gesellschaft hat sich der Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat
entwickelt. So lange dieser Kampf noch nicht beendet ist, wird unsere
Aufmerksamkeit vor allem darauf konzentriert sein, ihn zu Ende zu führen.
Er ist noch nicht zu Ende geführt."3)
Wer
sich, nicht nur oberflächlich, mit dem Wirken Lenins und Stalins
vertraut gemacht hat, wird feststellen, daß beide wußten: in
bestimmten Formen geht der Klassenkampf selbst durch die Reihen der
Partei. Das hatten Lenin und Stalin stets beachtet, als sie darauf
verwiesen, daß im Verlaufe des sozialistischen Aufbaus, unter den
Bedingungen der Noch-Existenz des kapitalistischen Weltsystems der
Klassenkampf bestehen bleibt und sich teilweise noch verstärkt.
Revisionisten (Revisionismus), Opportunisten (Opportunismus) in der
Partei, das hieß bürgerliche Ideologie und Politik in der Partei als
Formen des gegen das Proletariat geführten Klassenkampfes - und zwar
unabhängig davon, ob sich deren Träger immer dessen bewußt waren. Natürlich
mußte dagegen angekämpft werden. Insbesondere aus diesem Grunde legte
Lenin, wie kein anderer, wert auf die Erhaltung und Festigung der
Einheit der Partei entsprechend dem beschlossenen Statut und Programm
der Partei, die unverkennbar seine Handschrift trugen.
In
einer Resolution des Parteitages fordert Lenin, daß mit der Opposition
grundsätzlich Schluß gemacht werden muß und er begründete diese
Auffassung ganz konkret. Den Vorstellungen Lenins über den Charakter
der Partei zufolge dürfe es in ihr keine Plattformen, Fraktionen,
Gruppenbildungen geben, sondern nur das eine: Einheit und nochmals
Einheit. Lenin war es dann auch, der dem X. Parteitag des KPR(B) die
bekannte Resolution über die Einheit der Partei zur Beschlußfassung
vorgeschlagen hatte, in der es u.a. heißt: „Der Parteitag ordnet die
sofortige Auflösung ausnahmslos aller Gruppen an, die sich auf der
einen oder anderen Plattform gebildet haben, und beauftragt alle
Organisationen, strengstens darüber zu wachen, daß keinerlei
fraktionelle Kundgebungen zugelassen werden. Die Nichterfüllung dieses
Parteitagsbeschlusses zieht den unbedingten und sofortigen Ausschluß
aus der Partei nach sich. Um innerhalb der Partei und der gesamten
Sowjetarbeit strenge Disziplin herbeizuführen und die größte Einheit
bei Ausmerzung jeglicher Fraktionsmacherei zu erzielen, bevollmächtigt
der Parteitag das ZK im Falle (in Fällen) eines Disziplinbruchs oder
des Wiederauflebens oder der Zulassung der Fraktionsmacherei, alle
Disziplinarmaßnahmen der Partei bis zum Ausschluß aus der Partei ...
in Anwendung zu bringen."4)
Ein
Jahr später, im März 1922, findet der XI. Parteitag der KPR(B) statt.
Auf
der konstituierenden Tagung des neuen ZK wird Stalin zum Generalsekretär
des ZK der Partei gewählt. Es bedarf wohl keines großen Scharfsinns,
um festzustellen, warum gerade auf Stalin die Wahl gefallen war.
Auch
in seinem oft sehr einseitig gewerteten „Brief an den Parteitag"
räumte Lenin der Einheit der Partei die überragende Bedeutung ein.
Selbst die charakterisierenden Bemerkungen zu einigen führenden
Funktionären machte er im Hinblick auf den Erhalt der Einheit. All dies
berücksichtigend formulierte J.W. Stalin dann nach Lenins Tod in seiner
Rede auf dem II. Sowjetkongreß der UdSSR am 26. Januar 1924 den
bekannten Schwur, in dem es u.a. heißt: „Als Genosse Lenin von uns
schied, hinterließ er uns das Vermächtnis, die Einheit unserer Partei
wie unseren Augapfel zu hüten. Wir schwören Dir, Genosse Lenin, daß
wir auch dieses Dein Gebot in Ehren erfüllen werden."5)
Stalin
wäre nicht Stalin gewesen, hätte er sich nicht in der Folgezeit mit
ganzer Kraft für die Einhaltung und Erfüllung dieses Schwures
eingesetzt. Das Vermächtnis Lenins über die Einheit der Partei und den
im Auftrage des Zentralkomitees geleisteten Schwur Stalins mißachtend,
versuchten nach Lenins Tod auch Mitglieder des ZK der KPdSU(B) immer
wieder gegen Beschlüsse, hinter denen eine große Mehrheit stand,
verstoßend, Fraktionen, Gruppen, oder Plattformen zu bilden, die sich
gegen die Mehrheit richteten. Es ist tragisch aber wahr, daß sich an
dieser Spaltungstätigkeit auch ehemalige alte Kader, die schon unter
Lenin zur Parteiführung gehörten, beteiligten. Gegen die Spalter ist
übrigens nicht von Anfang an hart vorgegangen worden. Jahrelang wurde
(legt man Lenins Resolution des X. Parteitages über die Einheit der
Partei als Maßstab an) mit ihnen mehr als behutsam umgegangen. Stalin
selbst hat sich öfter den Zorn des ZK eingehandelt, weil er vorschlug,
nicht zu hart gegen Spalter vorzugehen.
In
seiner Rede in der Sitzung des vereinigten Plenums des ZK und der ZKK
der KPdSU(B) vom 23. 10. 1927 „Die trotzkistische Opposition früher
und jetzt" hat Stalin eindeutig dazu Stellung genommen.6)
Das
Vorgehen gegen die Opposition mußte natürlich kompromißloser werden
als sich herausstellte, daß sie nicht nur eine große Gefahr für die
Kampfkraft der Partei, sondern für den jungen Sowjetstaat wurde. Vor
allem, als sich bereits die dunklen Wolken des bevorstehenden Zweiten
Weltkrieges am Horizont abzeichneten und mit der Möglichkeit gerechnet
werden mußte, daß sich alle imperialistischen Staaten, einschließlich
des faschistischen Deutschlands, gegen die Sowjetunion wenden könnten,
sah es die große Mehrheit des ZK der KPdSU(B) und der gesamten Partei
als an der Zeit an, dem leninschen Vermächtnis entsprechend,
konsequenter mit den parteifeindlichen Fraktionen, Plattformen und
Gruppen, die sich bewußt oder unbewußt zu Handlangern von Feinden außerhalb
der Partei und außerhalb des Landes entwickelt hatten, umzugehen. Aber
da war ein Teil von Wortführern bereits zu konspirativen kriminellen
Handlungen übergegangen. Daß in dieser Auseinandersetzung, die ja
verflochten war mit dem Kampf gegen die noch vorhandene alte innere
Reaktion und der vielfältigen ausländischen Feindtätigkeit, auch
Unschuldige zu Schaden kamen, ist unumstritten. Nach dem, was bereits über
den Kampf um die Einheit der Partei gesagt wurde, müßte es für
Kommunisten einleuchtend sein, daß Parteireinigungen (wie das Wort auch
klingen mag) notwendig waren. Die Idee bzw. der Gedanke für die
Notwendigkeit des ständigen Kampfes um die Einheit und Reinheit der
Partei geht nicht von Stalin aus (obwohl er sich stets für ihn stark
machte), sondern ursächlich von Lenin. Dieser war es, der sich schon
auf dem II. Parteitag der SDAPR (1903), besonders in Auseinandersetzung
mit Martow (zum Parteistatut, insbesondere zum § 1) für die Schaffung
einer revolutionären Kampfpartei einsetzte.
In
seinem Werk „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" hat
Lenin die marxistische Lehre von der Partei weiterentwickelt und die
Organisationsprinzipien der revolutionären proletarischen Partei
ausgearbeitet. Es ist nicht zu übersehen, daß beides mit dem Ringen um
die Einheit und Reinheit im engen Zusammenhang steht. Wie oft manche
auch die Nase rümpfen mögen: Begründer der Partei neuen Typs war
Lenin.
Die
von ihm geschaffene und von Stalin verteidigte bolschewistische Partei
basierte auf dem demokratischen Zentralismus, dem Organisationsprinzip
der revolutionären Arbeiterpartei. Er beinhaltet die breite
innerparteiliche Demokratie ebenso wie die unbedingte Verbindlichkeit
der Beschlüsse der höheren Organe für die Organe und die Mitglieder,
sowie die Forderung einer straffen Parteidisziplin. Damit ist auch
bereits gesagt, daß, wie es die erwähnte Leninsche Resolution des X.
Parteitages vorsah, mit aller Strenge gegen parteischädigende Aktivitäten
aller Art vorzugehen war. Um noch einmal deutlich zu machen, daß es
auch in Fragen des Kampfes um die Einheit und Geschlossenheit der Partei
zwischen Lenin und Stalin keine unterschiedlichen Auffassungen gab, sei
eine Bemerkung Lenins zitiert, die er im Politischen Bericht des ZK der
KPR(B) an den XI. Parteitag machte:
„Wenn
jemand, sei er auch von der besten Absicht geleitet, in einem Augenblick
Panik verbreitet, wo wir einen unerhört schwierigen Rückzug durchführen
und wo alles darauf ankommt, daß volle Ordnung gewahrt bleibt - in
solch einem Augenblick muß die geringste Verletzung der Disziplin
streng, hart, erbarmungslos bestraft werden, und das gilt nicht nur
hinsichtlich mancher unserer innerparteilichen Angelegenheiten....7)
Fußnoten:
1)
W.I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. II, Berlin 1972, S.773.
2) W.I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. V, Berlin 1972, S.133.
3) W.I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. V, Berlin 1972, S.44ff.
4) Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage,
Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK, Teil 1, Moskau 1941 S.
364-366, russisch.
5) J.W. Stalin, Werke, Bd. 6, Berlin 1952, S. 42.
6) J.W. Stalin, Werke, Bd.10, Berlin 1953, S. 150ff.
7) W.I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. VI, Berlin 1972, S. 536.
Fortsetzung
Teil 3 aus TA November 2006
Anton
Kaute
Lenin
hatte das im Zusammenhang mit der Einführung der NÖP gesagt, die einen
Rückzug bedeutete, um neue Kraft zu sammeln. Aber gab es, insbesondere
in den dreißiger Jahren, als die drohenden Wolken des Krieges
heranzogen, nicht auch solche gefährlichen „Augenblicke"?
Aber
Stalin unterstellt man nicht nur die Verfälschung der Lehren von Marx,
Engels und Lenin. Wenn irgendwo und irgendwann eine namhafte Persönlichkeit
auf unnatürliche Weise um ihr Leben kam, steckte angeblich immer Stalin
dahinter. So z.B. bei Kirow, Trotzki, Swerdlow, Kuibischew, Frunse,
Shdanow, Münzenberg. Und nicht nur das, auch mancher ausländischer
Politiker oder Staatsmann, dessen Todesursache nicht ganz eindeutig geklärt
war, wird auf das „Mordkonto“ Stalins geschrieben. Beweise sind in
keinem der genannten Fälle vorgelegt worden.
„Stalin
war machtbesessen“ lautet eine weitere verleumderische Behauptung. War
er das wirklich? Und wenn, in welchem Sinne? Bewiesen ist, daß er seine
ganze Persönlichkeit uneigennützig für den Sieg der sozialistischen
Revolution, für die Festigung der Sowjetmacht und für den Aufbau der
sozialistischen Gesellschaft in der Sowjetunion zur Verfügung stellte.
Niemals hatte er Lenins Feststellung vergessen, daß die Machtfrage
letztendlich das Entscheidende für die Verteidigung der sozialistischen
Errungenschaften ist. Wenn das unter Machtbesessenheit verstanden werden
soll, so kann man dem nur zustimmen. Aber das meinen die Stalin-Kritiker
nicht. Allgemein bekannt ist übrigens, daß Stalin zu Lenins Lebzeiten
wie keine andere führende Persönlichkeit unauffällig und bescheiden
im Hintergrund arbeitete. Im Rampenlicht der Öffentlichkeit standen
meist andere. Er indes war vor allem mit den viel Zeit und Kleinarbeit
erfordernden Problemen der Organisationsarbeit befaßt, auf die auch
Lenin so großen Wert legte. „Ist die richtige politische Linie
gegeben, entscheidet die Organisation alles.“ Erinnern wir uns?
Dem
Vorwurf der „Machtbesessenheit" widerspricht die Tatsache, daß
Stalin außerordentlich bescheiden lebte. Jeder, der viel mit Sowjetbürgern
zu tun hatte (und ehrlich ist), wird anerkennen müssen, daß dies im
Volk fast sprichwörtlich verankert war.
Stalin
mochte es auch nicht, wenn ihm gegenüber Lobhudeleien ausgesprochen
wurden. Davon zeugt u.a. ein Brief an Schatunowski. Stalin schreibt:
„Sie sprachen von Ihrer Ergebenheit mir gegenüber. Mag sein, daß
Ihnen diese Worte nur zufällig entschlüpft sind. Mag sein. Sollten
Ihnen jedoch diese Worte nicht zufällig entschlüpft sein, so würde
ich Ihnen raten, das ‚Prinzip’ der Ergebenheit gegenüber Personen
über Bord zu werfen. Das ist nicht bolschewistische Art. Seien Sie der
Arbeiterklasse, der Partei, Ihrem Staat ergeben. Das ist notwendig und
gut. Aber verwechseln Sie diese Ergebenheit nicht mit der Ergebenheit
gegenüber Personen, mit diesem hohlen und unnützen
intelligenzlerischen Phrasengeklingel:“1)
Unvoreingenommene
Kenner der Problematik wissen um die einfache, bescheidene Lebensführung
Stalins, die durchaus im Einklang mit seinem immensen Arbeitseifer
stand. Um diese Tugenden (wo gibt es sie heute noch beim Großteil der
Politprominenz) können auch seine Gegner und Feinde keinen Bogen
machen.
Es
zu akzeptieren und daraus anständige Schlußfolgerungen zu ziehen,
kommt heute aber selten vor. Ein makabres Beispiel bietet der Potsdamer
Professor Wolfgang Ruge, der sich in Lächerlichkeiten versteigt, die
kaum zu überbieten sind. Er schreibt im „Neuen Deutschland“ vom 3.
April 1997 u.a.: „Zweifellos imponierte.... die vorgeschützte
Bescheidenheit Stalins, der seinen Ruf der Selbstlosigkeit seit seinem
Eintritt in die Partei mit wahrhaft orientalischer List gepflegt
hatte." Da muß man wohl doch sagen: dümmer geht's nimmer. Stalin,
der neunzehnjährig im Jahre 1898 in die Partei eintrat, beschloß
sofort, in weiser Voraussicht, daß er einmal daraus Nutzen ziehen könnte,
ein Leben lang Bescheidenheit vorzutäuschen! Vielleicht hat er mit
„orientalischer List“ damals schon auf den Posten des Generalsekretärs
des ZK der KPdSU(B) hingearbeitet? Daß ein Mensch aus ehrlichen
Motiven, weil es sich für einen guten Kommunisten so gehört, selbstlos
und bescheiden sein will, ist natürlich Menschen wie W. Ruge nicht
vorstellbar.
Einfachheit,
Bescheidenheit und Zurückstellung persönlicher Belange hinter die
gesellschaftlichen Erfordernisse verlangte Stalin auch von den Partei-
und Staatsfunktionären, vor allem von denen, die „ganz oben“ tätig
waren. Ob das immer allen gefallen hat?
Oft
gehen „Kritiker“, die sich für besonders klug halten, mit der
„Entdeckung“ hausieren, daß Stalin hinsichtlich seiner Fähigkeiten
als Theoretiker nicht an das Niveau Lenins heranreichte. Nun, ganz
abgesehen davon, daß in Fragen der marxistisch-leninistischen Bildung
keiner dieser Leute, die das vorbringen, Stalin in dieser Beziehung
ebenbürtig ist, sei darauf verwiesen, daß er selbst Lenins einmalige
Genialität nie in Frage gestellt hat.
Oft
wies Stalin darauf hin, daß er sich nur als Schüler Lenins verstand,
der sein Werk in Ehren fortsetzen wolle. Man lese und durchdenke in
diesem Zusammenhang, was er im April 1932 in einer Unterredung mit dem
deutschen Schriftsteller E. Ludwig äußerte: „Was mich betrifft, so
bin ich ein Schüler Lenins, und das Ziel meines Lebens ist es, ein würdiger
Schüler Lenins zu sein. Die Aufgabe, der ich mein Leben widme, besteht
darin, den Aufstieg einer anderen Klasse zu fördern, nämlich der
Arbeiterklasse. Würde nicht ein jeder Schritt in meiner Arbeit, die dem
Aufstieg der Arbeiterklasse und der Festigung des sozialistischen
Staates dieser Klasse gilt, darauf gerichtet, die Lage der
Arbeiterklasse zu festigen und zu verbessern, so würde ich mein Leben
als zwecklos ansehen.“2)
Das
Bekenntnis Stalins „nur“ ein Schüler Lenins zu sein, heißt natürlich
nicht, wie oft behauptet wird, sein Intellekt, seine Reden und Schriften
seien primitiv und mittelmäßig gewesen. Es ist unschwer möglich, sich
vom Gegenteil zu überzeugen, wenn man seine Arbeiten liest oder besser
studiert. Natürlich spekulieren die Stalin-Hasser darauf, daß es möglichst
wenige tun.
Es
stimmt, daß Stalin nie darauf aus war, die Rednertribüne zum Parlament
zu machen. Er war in seinen Reden sogar noch nüchterner als Lenin. Beim
Lesen seiner Reden und anderen Ausarbeitungen kann aber leicht
festgestellt werden, daß es ihm unbedingt darauf ankam, in verständlicher
Form das auszudrücken, von dem er überzeugt war, um auch andere zu überzeugen.
Er verstand es zu berücksichtigen, an wen seine Worte und Gedanken
gerichtet waren.
Im
krassen Widerspruch zu den geschichtlichen Tatsachen treten Gegner und
Feinde Stalins fast regelmäßig mit der infamen Verleumdung auf, Stalin
(der „Stalinismus“) habe mehr Opfer zu verantworten als Hitler und
der Faschismus. Stalin und Hitler werden gleichgesetzt. Als Beweis für
diese Behauptung werden u.a. die „Moskauer Prozesse“ der
unmittelbaren Vorkriegszeit, mit denen ein harter Schlag gegen die in
der Sowjetunion installierte „Fünfte Kolonne“ geführt worden war,
angegeben. Angeblich sind diese Prozesse nur Schauveranstaltungen gegen
Unschuldige gewesen. Aber viele ausländische Diplomaten, Juristen,
Schriftsteller u.a., die an den Prozessen teilnahmen, z.B. auch der
damalige US-Botschafter J. E. Davies, waren da anderer Meinung. Davies
schrieb dazu in seinem Buch „Als USA-Botschafter in Moskau“, Zürich
1944 folgendes: „An der Erscheinung der Angeklagten war nichts Auffälliges.
Sie schienen alle gut genährt und psychisch normal zu sein.“...
„Die Absicht war, dem Publikum die Freiwilligkeit der Geständnisse
der Beschuldigten in offener Gerichtsverhandlung glaubwürdig zu machen.
Wäre diese im geheimen Verhör erfolgt oder mit der Unterschrift der
Angeklagten vorgelegt worden, so hätte ihre Beweiskraft vielleicht
bestritten werden können. Nun aber kann, angesichts der mündlichen
Selbstanschuldigungen in offener Gerichtsverhandlung die Tatsache dieser
Schuldbekenntnisse niemals in Frage gestellt werden.“... „Natürlich
muß ich gestehen, daß ich ein Vorurteil gegen die Glaubwürdigkeit der
Erklärungen der Angeklagten hatte....Objektive Betrachtung“ ...
„ließ mich jedoch widerstrebend zu dem Schluß kommen, der Staat habe
tatsächlich seine Anklage bewiesen, wenigstens insofern, als das
Vorhandensein einer ausgedehnten Verschwörung und geheimer Ränke gegen
die Sowjetregierung... außer Frage gestellt, und gemäß den
bestehenden Gesetzen die in der Anklageschrift behaupteten Verbrechen
begangen wurden und strafbar seien.“... „Wollte man behaupten, der
Vorgang sei erfunden und inszeniert worden, um ein hochdramatisches
politisches Schauspiel zu geben, so hieße dies, die schöpferische
Genialität eines Shakespeare verbunden mit der Regiekunst eines
Belascos annehmen“ ... „Alles in allem genommen würde es mir schwer
fallen, mir einen Gerichtshof vorzustellen" ... „der zu einem
anderen Ergebnis gekommen wäre“ ... „Ich habe mit vielen, ja mit
fast allen Mitgliedern des hiesigen Diplomatischen Korps gesprochen und,
mit vielleicht einer einzigen Ausnahme, waren alle der Auffassung, die
Verhandlungen hätten deutlich das Vorhandensein eines politischen
Geheimplanes und einer Verschwörung zum Zwecke der Beseitigung der
Regierung bewiesen.“ ... „Sofort nach Schluß der Sitzungen empfing
ich unsere Pressekorrospondenten, darunter Duranti, Deuel, Nutter und
Bess, zu Erfrischungen in unserer Wohnung, und wir sprachen gründlich
die ganze Lage durch. Sie stimmten alle einmütig der obengeschilderten
Auffassung zu.“
Stalin
unterdrückte angeblich Kritik, diktierte und zwang anderen rücksichtslos
seinen Willen auf, haben „Stalin-Forscher“ herausgefunden. Das paßt
natürlich zur Behauptung, er sei ein gewalttätiger Diktator gewesen.
Doch
war das wirklich so? Unvoreingenommene Menschen, die sich bemühen,
diese Behauptung z.B. anhand von Protokollen der Politbüro-Beratungen
und ZK Tagungen zu prüfen, werden sagen müssen, daß die Tatsachen
eine andere Sprache sprechen. Personen, die oft mit Stalin zu tun hatten
(z.B. aus dem wissenschaftlichen, künstlerischen oder militärischen
Bereich), waren es, die solchen Lügen widersprachen. Eine der populärsten
von ihnen war der Marschall der Sowjetunion Shukow. Liest man dessen
Erinnerungen aus dem Großen Vaterländischen Krieg, kann leicht
festgestellt werden: Kollektivität war für Stalin von erstrangiger
Bedeutung.
Im
Kollektiv sah er den Platz, an dem es galt, um verbindliche
Mehrheitsbeschlüsse auf der Basis marxistisch-leninistischer Grundsätze
zu ringen. Allerdings kämpfte er auch energisch um die Mehrheit für
Positionen, die er selbst vertrat und von deren Richtigkeit er überzeugt
war. Daß Stalin mitunter auch das letzte und entscheidende Wort sagen
mußte, verlangte seine Verantwortung in Partei, Staat und Gesellschaft.
Es entsprach den von Lenin geschaffenen Prinzipien und Regeln in der
Partei, daß jeder sich an gefaßte Beschlüsse zu halten hat.
Kritik
und Selbstkritik als Entwicklungsgesetz der marxistisch-leninistischen
Partei hatte zu Stalins Zeiten außerordentliche Bedeutung erlangt. Der
Massenkritik von unten widmete Stalin besondere Aufmerksamkeit.
Nimmt
man alles zusammen, was er zur Kritik und Selbstkritik als Voraussetzung
für fruchtbare gesellschaftliche Entwicklung gesagt und geschrieben
hat, würde daraus ein sehr interessantes Lehrbuch entstehen. Es ist
einfach gelogen, wenn behauptet wird, Stalin selbst habe sich der Kritik
und Selbstkritik entzogen. Im Gegenteil: Er hat sich diesem Prinzip, dem
er so große Bedeutung beimaß, und das er förderte wie kein anderer,
auch persönlich untergeordnet. Darüber gibt es genügend Belege.
Interessenten seien dazu u.a. Stalins Reden auf dem Vereinigten Plenum
des ZK und der ZKK der KPdSU(B) vom 5. August 1927, in der
Vollversammlung des Aktivs der Moskauer Organisation der KPdSU(B) vom
13. April 1928 und auf dem VIII. Kongreß der Kommunistischen Jugendverbände
am 16. Mai 1928 sehr empfohlen.
Stalins
ideologisches, theoretisches und praktisches Wirken, sein Kampf im
Interesse der Arbeiterklasse und aller Ausgebeuteten hat im
wissenschaftlichen Sozialismus einen würdigen Platz eingenommen. Wer
das negiert oder wem das mißfällt befindet sich nicht im Einklang mit
dem Marxismus-Leninismus.
1)
J.W. Stalin, Werke, Bd. 13, Berlin 1955, S. 17.
2)
J.W. Stalin, Werke, Bd. 13, Berlin 1955, S. 94.
Fünfter
Teil
W.
I. Lenin schrieb ein Jahr vor seinem Tode, schon schwer erkrankt, einen
Brief an den bevorstehenden XIII. Parteitag der KPdSU(B). Er sprach ihn
zwischen dem 23. Dezember 1923 und dem 4. Januar 1924 in das Stenogramm.
In diesem Brief äußerte sich Lenin vor allem zu Fragen die den Erhalt
der Einheit der Partei betrafen. Er vermittelt in diesem Zusammenhang
„Erwägungen von rein persönlicher Natur“ zu Mitgliedern der
Parteiführung, darunter zu Stalin und Trotzki. Von verschiedenen
oppositionellen, opportunistischen und revisionistischen Kräften wurde
und wird dieser Brief fälschlicherweise auch als „Testament“
bezeichnet. Jedenfalls ist er eine der wichtigsten „Säulen“ der
gesamten antikommunistischen „Stalinismus“-Konstruktion.
In
Lenins Brief heißt es u.a.: „...24. Dezember 1922. Unter der Stabilität
des Zentralkomitees, von der ich oben gesprochen habe, verstehe ich Maßnahmen
gegen eine Spaltung. ... Ich meine mit Stabilität die Garantie vor
einer Spaltung in allernächster Zeit und beabsichtige, hier eine Reihe
von Erwägungen rein persönlicher Natur anzustellen. Ich denke,
ausschlaggebend sind in der Frage der Stabilität unter diesem
Gesichtspunkt solche Mitglieder des ZK, wie Stalin und Trotzki. Die
Beziehungen zwischen ihnen stellen meines Erachtens die größere Hälfte
der Gefahr jener Spaltung dar, die vermieden werden könnte. ... Genosse
Stalin hat, nachdem er Generalsekretär geworden ist, eine unermeßliche
Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, daß
er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch
zu machen. Anderseits zeichnet sich Genosse Trotzki, wie schon sein
Kampf gegen das ZK in der Frage des Volkskommissariats für
Verkehrswesen bewiesen hat, nicht nur durch hervorragende Fähigkeiten
aus. Persönlich ist er wohl der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK,
aber auch ein Mensch, der ein Übermaß von Selbstbewußtsein und eine
übermäßige Vorliebe für rein administrative Maßnahmen hat. Diese
zwei Eigenschaften zweier hervorragender Führer des gegenwärtigen ZK können
unbeabsichtigt zu einer Spaltung führen, und wenn unsere Partei nicht
Maßnahmen ergreift, um das zu verhindern, so kann die Spaltung überraschend
kommen.
Ergänzung
zum Brief vom 24. Dezember 1922. Stalin ist zu grob, und dieser Mangel,
der in unserer Mitte und im Verkehr zwischen uns Kommunisten durchaus
erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht
geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen,
wie man Stalin ablösen könnte und jemand anderen an diese Stelle zu
setzen, der sich in jeder Hinsicht von Gen. Stalin nur durch einen
Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, daß er toleranter, loyaler, höflicher
und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft usw. ist.
Es
könnte so scheinen, als sei dieser Umstand eine winzige Kleinigkeit.
Ich glaube jedoch unter dem Gesichtspunkt der Vermeidung einer Spaltung
und unter dem Gesichtspunkt der von mir oben geschilderten Beziehungen
zwischen Stalin und Trotzki ist das keine Kleinigkeit, oder eine solche
Kleinigkeit, die entscheidende Bedeutung erlangen kann.
Lenin....Niederschrift: L.F. 4. Januar 1923.“[1]
Den
Anlaß zur Ergänzung vom 4. Januar 1923 bildete ein eher banaler Streit
zwischen Stalin und Lenins Ehefrau N. K. Krupskaja.
Nach
Lenins Schlaganfall vom 16. Dezember 1922 hatte das ZK der KPR(B) am 18.
Dezember Stalin ermächtigt, für die Einhaltung der ärztlichen
Anordnungen zu sorgen. Alles, was den schwerkranken Lenin aufregen
konnte, sollte vom ihm ferngehalten werden. Als Stalin bekannt wurde, daß
N. K. Krupskaja gegen die ärztlichen Behandlungsvorschriften und den
Beschluß des ZK verstieß, indem sie es zuließ, daß Mitglieder des
Politbüros (vor allem Trotzki) die Ruhe Lenins durch Gespräche bzw.
Konsultationen störten und sich von ihm Briefe diktieren ließ, kam es
am 22. l2.1922 zu einem Telefongespräch zwischen Stalin und N.K.
Krupskaja. Stalin hatte sie in diesem Gespräch in scharfer Form
kritisiert und ihr Vorwürfe gemacht. Er wies sie auf die ärztlichen
Verordnungen und den Beschluß des ZK der Partei hin, die im Interesse
der Genesung Lenins festgelegt bzw. gefaßt worden waren.
Aus
einem Brief N. K. Krupskajas an L. B. Kamenew, den sie am 23. 12. 1922
schrieb geht hervor, daß auch die ZKK als oberstes Kontrollorgan der
Partei die Einhaltung des ZK-Beschlusses forderte. Im Brief N. K.
Krupskaja an Kamenew hieß es u.a.: „Lew Borisowitsch, wegen des
kurzen Briefes, den mir Wladimir Iljitsch diktiert hat, erlaubte sich
Stalin mir gegenüber gestern einen groben Ausfall. ... Worüber man mit
Iljitsch reden kann, weiß ich besser als jeder Arzt.... An den
einstimmigen Beschluß der Kontrollkommission, mit dem Stalin zu drohen
sich erlaubte, zweifle ich nicht. ...“[2]
So
weit der Sachverhalt, der der Auslöser für die Ergänzung, die Lenin
am 4. Januar 1923 im „Brief an den Parteitag“ vornahm, war.
Es
sei schon an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht, daß sich die in
der Ergänzung zum Brief vom 24. 12. 1922 gemachten Aussagen Lenins (die
Stalin betreffen) im krassen Gegensatz zu seinen früheren Äußerungen
befinden. Um diesen klären zu können, muß folgender Frage
nachgegangen werden: Welche Rolle hatten in diesem Zusammenhang die
Gespräche gespielt die Trotzki mit Lenin am Krankenbett führte, während
Stalin, der Generalsekretär, bemüht war, der großen Verantwortung,
die nun auf seinen Schultern lastete, gerecht zu werden?
Noch
auf dem XI. Parteitag der KPR(B) im April 1922 schlug Lenin seinen Schüler
Stalin für die Wahl zum Generalsekretär des ZK der Partei vor (acht
Monate vor dem Entstehen des „Briefes an den Parteitag“).
Auf
eben diesem XI. Parteitag hatte Lenin seinen Kampfgefährten Stalin mit
folgenden Worten gewürdigt: „Wir brauchen einen Menschen, zu dem
jeder beliebige Vertreter einer Nation kommen kann, um ihm ausführlich
zu eröffnen, was er auf dem Herzen hat. Wo ist ein solcher Mensch zu
finden? Ich glaube, auch Preobrashenski könnte keine andere Kandidatur
nennen als die des Genossen Stalin. ... Eine großartige Sache. Um aber
die Kontrolle richtig zu handhaben, ist es notwendig, daß an der Spitze
ein Mann steht, der Autorität genießt, sonst werden wir in kleinlichen
Intrigen steckenbleiben und versinken.“[3]
Wenn
man bedenkt, daß Lenin, seitdem er Stalin kannte, stets eine so
positive Meinung von ihm hatte, wird klar, daß seine im „Brief an den
Parteitag“ gemachten Bemerkungen zu Stalins Grobheit eine relativ
spontane Reaktion war. Eine Reaktion auf womöglich überzogene Kritik
Stalins an N. K. Krupskaja und auf dubiose „Informationen“ vor allem
durch Trotzki.
Es
war gewiß eine prekäre Situation, die sich nach Lenins erneutem
Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder vollends erholte, vor allem für
ihn selbst, für seine Ehefrau und auch Stalin ergab. Lenin wollte trotz
seiner schweren Erkrankung und der Tatsache vor Augen, daß er kaum noch
in der Lage war, seinen Aufgaben an der Spitze der Partei und des
Staates nachzukommen, dennoch bis zuletzt in das Geschehen eingreifen.
Das läßt sich anhand der Arbeiten, die er während einer kurzen Phase
der Besserung seines Gesundheitszustandes noch bis März 1923 verfaßte,
nachweisen. Ihn beunruhigte manches, was ihm während seiner Krankheit
trotz der ärztlichen Verbote und des ZK-Beschlusses z. B. von Trotzki
an „Informationen“ zugetragen worden war. Man kann sich auch den
seelischen Zustand, die Empfindlichkeit seiner Ehefrau, die in größter
Sorge um ihren Wladimir Iljitsch war, vorstellen.
Und
Stalin? Auf ihm lastete plötzlich die Hauptverantwortung für alles,
was geschah oder was geschehen konnte. Er fühlte sich gebunden an die
Verordnungen der Ärztekommission und an den ZK-Beschluß, die darauf
gerichtet waren, Lenins Genesung zu fördern. Stalins Haltung zu Beschlüssen
und ihrer Durchsetzung ohne Ansehen der Person ist bekannt. Aber unabhängig
davon, ob er in diesem Falle in seiner Kritik überzogen hatte oder
nicht, er hat sich bei N. K. Krupskaja, die übrigens 1927 Mitglied des
ZK der KPdSU(B) wurde und bis zu ihrem Tode 1939 in dieser Funktion
blieb, für diesen Vorfall entschuldigt. Die Tatsache, daß N. K.
Krupskaja bis ans Ende ihres Lebens an der Seite Stalins - und nicht an
der Seite Trotzkis oder anderer Oppositionsführer tätig war, beweist,
daß der Vorfall aus dem Jahre 1922 für sie aufgehört hatte, eine
Rolle zu spielen.
Als
Lenin die Bemerkungen zu Stalin, Trotzki und anderen führenden
Mitgliedern des ZK der Partei machte, hatte er festgelegt, daß dieser
Teil des Briefes erst nach seinem Tod dem ZK übergeben werden sollte.
N. K. Krupskaja nahm ihn in Verwahrung und übergab ihn dann auch kurz
vor dem XIII. Parteitag der KPR(B) im Mai 1924 dem ZK. Man sollte sich
darüber Gedanken machen, weshalb Lenin nicht wünschte, den Teil des
Briefes, welcher sich mit der Charakterisierung führender Genossen des
ZK beschäftigte, dem ZK noch zu seinen Lebzeiten zu übergeben.
Wir
werden seine Gedanken hierzu nie erfahren. Fakt ist jedenfalls, daß
Stalin im April 1923, als Lenin noch lebte, vom ZK, das auf dem XII.
Parteitag gewählt worden war, als Generalsekretär bestätigt wurde.
Auch nach Übergabe des Teiles des Lenin-Briefes an das ZK (nach Lenins
Tod), der sich u.a. mit der Charakterisierung von ZK-Mitgliedern beschäftigte,
wurde Stalin auf dem XIII. Parteitag der KPR(B) im April 1924 erneut in
das ZK und von diesem als Generalsekretär wiedergewählt.
Stalin
selbst hatte im Zusammenhang mit der Kritik Lenins zweimal seinen Rücktritt
angeboten. Dies wurde jedoch jedesmal vom Plenum des ZK einstimmig
abgelehnt. Stalin selbst sagte dazu unter anderem: „... Gleich in der
ersten Sitzung des ZK-Plenums nach dem XIII. Parteitag ersuchte ich das
Plenum des ZK, mich von der Funktion des Generalsekretärs zu entbinden.
Der Parteitag selbst behandelte diese Frage. Jede Delegation behandelte
diese Frage, und alle Delegationen, unter ihnen auch Trotzki, Kamenew,
Sinowjew, verpflichteten Stalin einstimmig, auf seinem Posten zu
bleiben. Was konnte ich tun? Von meinem Posten davonlaufen? Das ist
nicht meine Art, ich bin niemals von irgendeinem Posten davongelaufen,
und ich habe kein Recht davonzulaufen, denn das wäre Desertion. Wie ich
schon früher sagte, bin ich nicht frei in meinen Entschlüssen und wenn
die Partei mich zu etwas verpflichtet, so muß ich mich fügen. Ein Jahr
danach richtete ich erneut einen Antrag an das Plenum, mich von meiner
Funktion zu entbinden, aber man verpflichtete mich erneut, auf meinem
Posten zu bleiben. Was konnte ich weiter tun?“[4]
Wie
aus dem „Brief an den Parteitag“ mühelos entnommen werden kann, hat
Lenin seine Bemerkungen zu Stalin und Trotzki insbesondere aus Sorge um
die Stabilität im ZK der KPR(B) und um die Einheit der Partei gemacht.
Zum
Glück war das, worum sich Lenin sorgte, nicht eingetreten. Zumindest in
dieser Frage hat sich gezeigt, daß mit Stalin an der Spitze die Einheit
der Partei erhalten blieb. Das hatte allerdings einen harten Kampf um
die Durchsetzung des Beschlusses über die „Einheit der Partei“, der
vom X. Parteitag der KPR(B) im März 1921 auf Lenins Initiative
angenommen worden war, erfordert. Es war ein Kampf zur Zerschlagung des
Trotzkismus, ein Kampf gegen parteifeindliche Fraktionsmacherei und
Gruppenbildungen. Daß Stalin gegenüber Feinden der Partei, Spaltern
und Renegaten grob sein konnte, hat er selbst nie bestritten. Es kann
aber nicht oft genug erwähnt und nachdrücklich betont werden, daß er
sich in allen wesentlichen politischen, ideologischen, theoretischen und
organisatorischen Fragen mit seinem Lehrmeister einig war. Und dies in
den kritischsten Zeiten bzw. Situationen, als es um Leben oder Tod der
Revolution ging.
Auf
Stalin hatte sich Lenin immer verlassen können. Ganz im Gegenteil zu
solchen „alten Kadern“ wie Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Bucharin,
Pjatakow und anderen. Wie immer man über die kritischen Bemerkungen
Lenins gegenüber Stalin im „Brief an den Parteitag“ denken mag, als
Kronzeugen für all das, was Stalin von verschiedener Seite später an
Grausamkeiten angelastet wurde, taugen sie nicht.
Chruschtschow
hat mit der „Geheimrede“ den antikommunistischen Pseudobegriff
„Stalinismus“ zwar nicht erfunden, zu seiner inhaltlichen Ausprägung
und zu seiner Verbreitung bis in die kommunistische Bewegung hinein aber
wesentlich beigetragen.
Dieses
Thema zu behandeln, erfordert zwingend einige Wahrheiten zur Person
voranzustellen. In Chruschtschows Denken und Handeln bestätigen sich
die Hinweise von Marx, Engels und Lenin, daß die bürgerliche Ideologie
historisch bedingt zäh und langlebig ist. Sein Wirken (sichtbar
geworden besonders nach Stalins Tod) war gekennzeichnet:
-
von opportunistisch-revisionistischen,
antimarxistischen-antileninistischen Tendenzen,
-
von Subjektivismus und einem selbstherrlich-schwätzerischen, hinterhältig-feigen
Charakter.
Zu
Stalins Lebzeiten war Chruschtschow einer derjenigen, der in seinen Äußerungen
nicht müde wurde, dessen Leistungen zu preisen. Wenn es denn einen
„Kult“ um Stalin gegeben haben soll - davon wird noch zu sprechen
sein - so war Chruschtschow einer der eifrigsten Verfechter. Noch an
Stalins Bahre (das kann man auf den existierenden Fotos erkennen) zeigte
er ein Gesicht (besser eine Maske), als ob sein eigener gütigster Vater
gestorben wäre. Doch zur gleichen Zeit suchte sein Hirn schon nach
Wegen, wie er Stalin am schnellsten und sichersten in das Reich der
Verdammten befördern könne. Chruschtschow dachte schon in diesen
Augenblicken, als er mit aufgesetzter Trauermine am Sarge Stalins stand,
darüber nach, wie er die Macht in der Partei und im Staat an sich reißen
könnte. Niemals darf vergessen werden, daß sich Chruschtschow durch
Intrigen an die Spitze der KPdSU und des Sowjetstaates putschte.
Nach
dem Tod Stalins wäre es erforderlich gewesen, umgehend einen Parteitag
einzuberufen. Das muß wohl nicht besonders begründet werden. Aber was
geschah? Drei Jahre gingen ins Land, ehe der XX. Parteitag der KPdSU
stattfand. Chruschtschow und seine Kumpane benötigten diese Zeit, um
ihn „vorzubereiten“. Leicht ist ihnen die konterrevolutionäre
Vorbereitung des Parteitages sicher nicht gefallen. Davon zeugt u.a. das
im Juli 1953 durchgeführte Plenum des ZK der KPdSU. Dieses Plenum,
dessen Hauptaufgabe darin bestanden hatte, mit Berija abzurechnen,
konnte Chruschtschow noch nicht für einen Generalangriff gegen Stalin
nutzen. Nur Andeutungen in der Frage des „Personenkults“ waren von
ihm zu hören. Das große Ansehen Stalins im Sowjetvolk war auf diesem
Plenum allgegenwärtig. Sowohl in den Reden und Diskussionsbeiträgen
als auch im (entscheidend von Chruschtschow initiierten) Beschluß des
Plenums widerspiegelte sich die hohe Achtung vor den Leistungen Stalins
und das Treuebekenntnis zu ihm. Im Beschluß des ZK-Plenums vom Juli
1953 heißt es dazu: „Die vom genialen Lenin vor 50 Jahren gegründete
KPdSU hat sich zu einer gigantischen Kraft entwickelt und wurde unter
der Führung des Schülers und Fortsetzers des Werkes Lenins, des großen
Stalin und seiner Kampfgefährten gestählt.“[5]
Fußnoten
[1]
W.I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. VI, Berlin 1972, S. 640ff.
[2]
W.I. Lenin, Briefe. Bd. IX, S. 547f.
[3]
W. I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. VI, Berlin 1972, S. 572f.
[4]
J. W. Stalin, Werke, Bd. 10, Berlin 1953, S. 153.
[5]
Der Fall Berija/Protokoll einer Abrechnung. Aufbau Taschenbuch Verlag,
Berlin 1993, S. 340.
Die
Entlarvung
Chruschtschow
persönlich sagte auf dem Plenum: „Wir alle verehren Stalin... Wir
sind fest davon überzeugt, daß es niemandem gelingen wird, uns von dem
richtigen Weg, auf dem unsere Partei voranschreitet, von dem Weg, den
uns Lenin und Stalin gewiesen haben, abzubringen.“1)
Ja,
Chruschtschows „Zeit“ war noch nicht gekommen. Er traute sich noch
nicht ans Fenster. Aber während er die oben zitierten Worte sprach,
ging er mit wenigen skrupellosen Elementen, wie er selbst eines war, zur
„Sache“ über. Von den 24 Rednern auf dem Plenum des ZK der KPdSU im
Juli 1953 waren drei Jahre später nur noch acht auf ihren Posten. Die
anderen wurden entweder erschossen (Bagirow), aus der Partei
ausgeschlossen oder ihrer Funktion enthoben.2)
So
erging es nicht nur den Mitgliedern des ZK. Ähnlich wurde unter
Chruschtschows Regie auf allen Ebenen der Partei und des Sowjetapparates
mit denen verfahren, die sich weiterhin zu Stalin bekannten.
Chruschtschow wußte natürlich, daß diese „Säuberungen“ nicht ausreichen
würden, um sein Ziel zu erreichen. Er bereitete deshalb im geheimen, im
Zusammenwirken mit dem ZK-Mitglied Pospelow (der nach Chruschtschows
Eingeständnis in seinem Auftrag „Dossiers“ über Stalin
zusammenstellte) und mit Schepilow, eines der schmutzigsten
„Dokumente“, das die Geschichte kennt, den sogenannten
„Geheimbericht“ vor.3)
Niemand
außer Chruschtschow und seinen Komplizen wußte, was da als
„Vorbereitung“ des XX. Parteitages im Gange war, und kein Gremium
hatte dazu etwas beschlossen.
R.
I. Kosolapow, Prof. Dr. der philosophischen Wissenschaften, schreibt
dazu, daß Chruschtschow den „Geheimbericht“,,... als eine Art Solobeilage
dem Wesen nach außerhalb des Parteitages vortrug. Die Verlesung ...
erfolgte, als der Parteitag bereits die neuen, zentralen Leitungsorgane
gewählt und seine Arbeit, genau genommen, schon beendet hatte, als die
Parteitagsdelegierten ihre statutenmäßigen Vollmachten nicht mehr ausüben
und bestenfalls in der Rolle von passiven Zuhörern eines Parteiaktivs
auftreten konnten.“4)
Neben
den vielen Verleumdungen bzw. Lügen, die den Inhalt des „Berichtes“
prägen, zeugen auch folgende Fakten davon, daß er ein
antikommunistisches, konterrevolutionäres Machwerk darstellt, das in
der Geschichte seinesgleichen sucht:
Weder
im ZK der KPdSU noch in seinem Präsidium wurde der„Geheimbericht“
erörtert. Chruschtschow hielt die Rede entgegen dem Willen der Mehrheit
des Präsidiums des ZK. Diskussionen zur Rede waren nicht erlaubt und es
durften keine Notizen gemacht werden. Der Presse wurde es untersagt, über
die Rede Chruschtschows zu berichten. Nicht genug, daß das ZK nicht wußte,
was Chruschtschow vortragen würde, fügte er während der Rede, deren
Text nur ein paar „Vertraute“ kannten, eine Reihe zusätzlicher
Beschuldigungen hinzu. Ausländische Gäste des Parteitages waren
ausgeschlossen, als Chruschtschow den „Geheimbericht“ verlas.
Obgleich beschlossen worden war, den „Geheimbericht“ nicht zu veröffentlichen,
kursierten schon bald Kopien im kapitalistischen Ausland.5)
So
sehr sich manche Kreise auch bemühen, die Wahrheit zu verleugnen: Es
ist eine Tatsache, daß sich, ausgehend vom XX. Parteitag der KPdSU
unter der Ägide Chruschtschows und seiner Kumpane - bis hin zu
Gorbatschow und Jelzin - in der kommunistischen Bewegung dem Wesen nach
konterrevolutionäre Entwicklungen vollzogen.
Einen
vorderen Platz in Chruschtschows sogenannter Geheimrede nimmt das Thema
„Personenkult“ um Stalin ein.
Chruschtschow
stellt das Problem so dar, als ob Stalin mit krimineller Energie seine
Person bewußt als unfehlbar und unantastbar in den Vordergrund gestellt
und dabei jeden Widerstand im Interesse persönlicher Machterhaltung
brutal gebrochen habe.
Nach
Chruschtschows Version hat Stalin höchstpersönlich und bewußt alle
Erfolge beim sozialistischen Aufbau und im Krieg gegen die
faschistischen Aggressoren der Öffentlichkeit als seine persönlichen
Verdienste suggeriert. Es lohnt sich, diese Version auf ihren
Wahrheitsgehalt zu prüfen.
Stalin
selbst hat sich stets dagegen gewandt, wenn er in unangemessener Weise
in den Vordergrund gestellt oder mit hintergründigen Schmeicheleien
konfrontiert wurde.
Zur
Erinnerung sei an dieser Stelle, weil es sich dabei um ein besonders
einprägsames Beispiel handelt, an Stalins Antwort auf einen Brief
Schatunows hingewiesen. Es kann natürlich sein, daß Stalin mit der
Parteiführung die von Marx und Engels vertretene Meinung teilte, der
zufolge in gewissen Grenzen „an einzelne Personen geknüpfte öffentliche
Demonstrationen“, wenn „ein großer Zweck dadurch erreicht werden
kann“, durchaus gerechtfertigt sind.6)
Konnte
es seinerzeit einen größeren „Zweck“ geben, als den Aufbau und die
Sicherung des Sozialismus zu fördern?
Stalin
war sich über die Rolle der Persönlichkeit und die der Volksmassen in
der Geschichte, besonders bei der revolutionären, sozialistisch-kommunistischen
Umgestaltung der Gesellschaft, sehr wohl im Klaren. Das wird verstehen,
wer sich unvoreingenommen mit seinen Reden und Schriften, besser noch
mit seinen Handlungen in der politischen und gesellschaftlichen Praxis
beschäftigt. Ohne das historisch-materialistische,
marxistisch-leninistische Herangehen an diese Frage hätten die Massen
des Sowjetvolkes weder die Aufgaben der Elektrifizierung, der
Industrialisierung, der Kollektivierung noch der Vorbereitung des
Landes auf die militärische Verteidigung bewältigen und den Sieg über
die faschistischen deutschen Aggressoren herbeiführen können. Daß
sich Stalin über drei Jahrzehnte mit äußerster Konsequenz und
Kraftanstrengung, unter Zurückstellung persönlicher und familiärer
Ansprüche für die Erreichung dieser Ziele eingesetzt hat, dürfte
hinreichend bewiesen sein. Wer sich zu Stalins Lebzeiten jahrelang in
der Sowjetunion aufgehalten hat und viel Kontakt zu den „einfachen“
Menschen hatte, wird wissen, daß Stalin aufgrund seines persönlichen
Einsatzes bei breiten Teilen des Sowjetvolkes ein hohes Ansehen hatte.
Stalin wurde verehrt, geehrt und geachtet. Positive Eigenschaften
Stalins strahlten aus, bewirkten verehrenden Respekt und Autorität. Ja,
sogar Huldigungen waren ausgeprägt. Es stellt sich die Frage: War das
überzogen? Wurde hier eine Grenze überschritten? War das schon
„Personenkult“? Es kann darüber gestritten werden. Festzustellen wäre,
daß, wenn „Personenkult“ betrieben wurde, zwei Seiten dazu gehören:
die Person, welche es betraf und jene, die den „Kult“ bewußt oder
unbewußt förderten (oder nichts dagegen taten).
Chruschtschow
sagte im „Geheimbericht“ u.a.: „Trotz allem Schaden, den der
Personenkult um Stalin der Partei und dem Volk zugefügt hat, konnte er
die Natur unserer Gesellschaftsordnung nicht ändern und hat sie auch
nicht geändert.“7)
Was
den zweiten Teil dieses Satzes betrifft, sollte man Chruschtschow
ausnahmsweise recht geben. Die Natur der Gesellschaftsordnung auf dem
Territorium der UdSSR grundlegend zu ändern, blieb ihm und
seinesgleichen vorbehalten. Wer könnte das bezweifeln? Chruschtschow
kommt in der „Geheimrede“ nicht umhin, die großen Errungenschaften
und Erfolge, die unvergänglichen Ruhmestaten bei der
sozialistisch-kommunistischen Gestaltung der Sowjetgesellschaft
anzuerkennen. Er sieht den „Organisator“ dieser Erfolge in der
„gefestigten, einheitlichen Führung“, im „Leninschen Kern des
Zentralkomitees der KPdSU“.8)
Dazu
zwei Bemerkungen. Die erste: Von der Anwesenheit des Verräters
Chruschtschow in diesem „Leninschen Kern“ der „gefestigten
einheitlichen Führung“ abgesehen, mag diese Aussage zutreffen; sie
steht jedoch im Widerspruch zur Behauptung, Stalin hätte diktiert. Er
war nicht nur Teil dieses „Kerns“, dieser „Führung“, sondern er
stand an seiner Spitze. Die zweite: Wenn es tatsächlich einen
Personenkult gegeben hat, welchen Anteil hatte dann der „Leninsche
Kern“, vor allem Chruschtschow, der sich als vollendeter Leninist
begriff und seit 1939 im Politbüro saß, am Entstehen dieses
Personenkults?
Welche
der Lügen Chruschtschows, die er in seinem „Geheimbericht“ von sich
gab, am verwerflichsten sind, ist schwer zu sagen. Aber die
Behauptungen, unter Stalin sei die Sowjetunion nicht gut auf einen möglichen
Krieg vorbereitet worden, Stalin wäre nach Aggressionsbeginn so
deprimiert gewesen, daß er wochenlang seinen Pflichten nicht nachkommen
konnte, daß er später die militärischen Operationen am Globus plante
und dergleichen, gehören wohl dazu.
Diese
Verleumdungen zu entlarven, hat besondere Bedeutung, weil sie
symptomatisch für den gesamten Inhalt seines Machwerkes sind. Mehrere
Heerführer der Roten Armee haben in ihren Erinnerungen Chruschtschows Lügen
zurückgewiesen. Am klarsten hat das der Marschall der Sowjetunion, G.
K. Shukow, getan. Er war zu Beginn des Krieges Chef des Generalstabes
der Roten Armee und wurde unmittelbar danach auch Stalins
Stellvertreter als Oberster Befehlshaber.
Die
Behauptung Chruschtschows, Stalin habe militärische Operationen am
Globus geplant und vorbereitet, zeugt nur von seiner charakterlichen
Verkommenheit und von der Unkenntnis darüber, wie Stalin militärische
Operationen tatsächlich führte. Shukow berichtet über viele
Beratungen mit Stalin, bei denen exakte militärische Karten die
entscheidende Bedeutung hatten. Aus den „Erinnerungen und Gedanken“
Shukows geht auch eindeutig hervor, daß Stalin vom ersten Tage des
Krieges an eine intensive und harte Arbeit leistete. Ihm ist von einer
tage- oder wochenlangen „Depression“ am Beginn des Krieges nichts
bekannt. Die prägnantesten Aussagen Shukows sollen das beweisen:
„Stalin
war ein willensstarker Mensch und kein Feigling. Nach dem 22. Juni 1941
hat Stalin während des ganzen Krieges mit dem ZK der Partei und der
Sowjetregierung fest und sicher das Land, die militärischen
Operationen und die internationalen Angelegenheiten geleitet.“9)
„Stalins
Äußeres, seine leise Stimme, seine konkreten Urteile und sein Wissen
in militärischen Fragen, sowie die Aufmerksamkeit, mit der er sich
meinen Bericht anhörte, hatten mich stark beeindruckt.“10)
„Im
Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag (März 1939) verwies Stalin
auf die Gefahr eines neuen imperialistischen Krieges und betonte, daß
unser Land unablässig eine Politik zur Erhaltung des Friedens durchführte,
zugleich aber eine enorme Arbeit leistete, um die Gefechtsbereitschaft
unserer Roten Armee und unserer Seekriegsflotte zu verstärken. Das war
wirklich der Fall.“11)
„Es
ist... das Verdienst Stalins, daß er die Ratschläge der angesehenen
Militärfachleute richtig erfaßt, ergänzt, entwickelt und in
verallgemeinerter Form als Richtlinien, Direktiven und Vorschriften
unverzüglich an die Truppen zur praktischen Anleitung weitergegeben
hat. ... Außerdem bewährte sich Stalin bei der Sicherung der
Operationen, der Schaffung strategischer Reserven, der Organisierung der
Produktion von Kampftechnik und überhaupt bei der Schaffung all dessen,
was für die Front nötig war, als hervorragender Organisator. Und es wäre
ungerecht, wenn man ihm das nicht hoch anrechnete... Stalin ging in der
Nähe des Tisches auf und ab und hörte den Streitenden aufmerksam zu.
Er selbst war wortkarg und konnte die Redseligkeit anderer nicht leiden.
Oft unterbrach er einen Redner mit Zwischenbemerkungen: ,Kürzer!
Deutlicher!’... Stalin eröffnete die Sitzungen ohne einleitende
Worte, er sprach leise, frei und nur zum Wesen der Sache. Er war
lakonisch und formulierte seine Gedanken klar.“22)
„Von
der militärischen Seite her kenne ich Stalin bestens; habe ich doch den
Krieg mit ihm zusammen begonnen und auch mit ihm beendet. Er beherrschte
die Organisation von Operationen einzelner Fronten und von Frontgruppen
und leitete sie sachkundig, wobei er sich auch in großen strategischen
Fragen gut zurechtfand. In dieser Hinsicht bewährte er sich als
Oberster Befehlshaber besonders bei Stalingrad. Stalin besaß die Fähigkeit,
in der strategischen Lage das Hauptkettenglied zu erkennen. Er war
zweifellos ein würdiger Oberster Befehlshaber.“13)
„Ich
werde häufig nach der Rolle Stalins während der Schlacht bei Moskau
gefragt. Um jene Zeit war Stalin immer in Moskau. Er organisierte die
Kräfte und Mittel zur Zerschlagung des Gegners. Er hat an der Spitze
des Staatlichen Verteidigungskomitees, auf die leitenden Kader der
Volkskommissariate gestützt, eine kolossale Arbeit zur Organisation der
notwendigen strategischen Reserven und der materiell-technischen Mittel
geleistet. Durch seine äußerst harten
Ansprüche
setzte er, das kann man schon sagen, fast Unmögliches durch.“14)
Besonders
in der Anfangsperiode des Krieges, aber auch noch 1942, mußte die Rote
Armee eine Reihe ernster Niederlagen hinnehmen. Chruschtschow wurde
nicht müde, die Verantwortung dafür wider besseren Wissens Stalin
anzulasten. So auch bei der mißlungenen Angriffsoperation der Südwestfront
bei Charkow in der Ukraine im Mai 1942: Im „Geheimbericht“ verkündete
Chruschtschow, daß Stalin persönlich für diese Niederlage
verantwortlich sei. Er soll Informationen des Kriegsrates der Südwestfront
(deren Mitglied Chruschtschow war) mißachtet haben, was zur Vernichtung
eines Teiles der eingesetzten militärischen Kräfte geführt habe.
Marschal
Shukow kannte den wahren Sachverhalt. Er schrieb, unter Anspielung auf
Chruschtschows Lügen: „Die Version, die Kriegsräte der Südwestfront
und der Südfront hätten sorgenerfüllte Meldungen an Stalin gerichtet,
entspricht nicht der Wahrheit. Ich behaupte das, weil ich Zeuge der
Gespräche Stalins gewesen bin.“
Chruschtschow
behauptete auch, daß Stalin den Begriff Volksfeind „eingeführt“
habe, um damit die physische Vernichtung von Menschen zu begründen, die
mit Stalin in irgend etwas nicht übereinstimmten. Er sagte
bezeichnenderweise nicht, wann und wem gegenüber Stalin diesen Begriff
erstmals angeblich „eingeführt“ hat, obwohl (wenn dies stimmen würde)
es leicht gewesen sein müßte, das zu belegen.
Diese
Behauptung ist in mehrfacher Hinsicht verlogen. Unabhängig davon,
welche sowjetische Persönlichkeit das Wort „Volksfeind“ erstmals
ausgesprochen hat, ist doch klar, daß Personen, die sich schwerster
Verbrechen gegen sowjetische Gesetze schuldig machten, Feinde waren.
Wessen Feinde wohl? Etwa nicht Feinde des Volkes, das sich 1936 die
fortschrittlichste Verfassung der Welt (die Stalinsche) gab? Prüfen
wir, was Lenin zur Frage der „Feinde“ für eine Meinung hatte: In
seinem Werk „Der ,linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im
Kommunismus“ (1920) schrieb er u.a.: „... in eine Regierungspartei
versuchen sich unvermeidlich Karrieristen und Gauner einzuschleichen,
die nur verdienen, erschossen zu werden.“15)
Ein
Jahr später, auf dem X. Parteitag, sagte Lenin u.a.: „Sie wissen natürlich,
Genossen, daß alle unsere Feinde in allen ihren zahllosen Presseorganen
dasselbe wiederholen und weitergeben, was unsere bürgerlichen und
kleinbürgerlichen Feinde hier, innerhalb der Sowjetrepublik, hundert-
und tausendfach von Mund zu Mund verbreiten. ... wir haben so viele
Feinde vor uns (die Aufgabe der Diktatur des Proletariats in einem
Bauernland ist so unermeßlich, so schwierig, daß es uns nicht genügt,
wenn die Arbeit nur formal geschlossen und einträchtiger vor sich geht
als früher); ...es ist vielmehr notwendig, daß das nicht bloß formal
geschieht, sondern daß es nicht die geringsten Spuren von
Fraktionsmacherei gibt - wo und wie sie auch bisher zutage getreten sein
mag -, daß diese Spuren unter keinen Umständen bestehen bleiben. Nur
unter dieser Voraussetzung werden wir die riesigen Aufgaben bewältigen,
vor denen wir jetzt stehen.“16)
Wie
man sieht, war es auch Lenin bewußt, daß es „Feinde“ gab. Doch
weder er noch Stalin hatten diesen Begriff erfunden bzw. „eingeführt“.
Chruschtschow
regte sich darüber auf, daß Stalin bestimmte Machenschaften als
volksfeindlich und die Rädelsführer als Volksfeinde bezeichnete.
Aus
historischer Sicht gesehen: Gab es denn damals keinen Klassenkampf und
keine Volksfeinde? Nach Chruschtschows Ansicht wohl nicht (er hätte
sich ja selbst als solchen bezeichnen müssen), was u.a. der Grund dafür
ist, daß sich politische Lumpen entwickeln konnten, von denen die
Sowjetunion, und nicht nur sie, in den Abgrund gerissen wurde. Spätestens
nach Gorbatschows Eingeständnis, daß er seit Jahrzehnten auf die
Zerstörung der Sowjetunion hingearbeitet hat sowie dem jelzinschen
KPdSU-Verbot, müßte es auch den letzten Zweiflern klar sein, daß es
im Land Volksfeinde gegeben hat. Und dies nicht nur an irgend einer
Stelle der Gesellschaft, sondern an deren Spitze.
Es
ist auch juristisch gesehen schlicht unwahr, wenn Chruschtschow sagt, daß
die angeblich von Stalin „eingeführte“ Formel vom „Volksfeind“
für die sowjetische Justiz Anlaß war, um Repressalien auszuüben.
Repressionen hat es gegeben, weil staats- und gesellschaftsfeindliche
Elemente schwere und schwerste Gesetzesverstöße begangen haben oder
Vorschub für solche Verbrechen leisteten. Was war ungerecht oder
falsch daran, wenn solche Handlungen beim Namen (volksfeindlich) genannt
wurden?
Eines
der beliebtesten Anti-Stalin-Argumente Chruschtschows bestand in der
Behauptung, Stalin sei „krankhaft mißtrauisch“ gewesen. In diesem
Zusammenhang nennt er bemerkenswerte Beispiele. Stalin habe von den
Mitgliedern des Politbüros verlangt, daß sie ihn anschauen sollten,
wenn sie mit ihm sprechen. „Warum haben Sie heute so einen unruhigen
Blick?... Weshalb wenden Sie sich heute so oft um und sehen mir nicht
direkt in die Augen?“... „Blind seid Ihr wie junge Katzen, was wird
nur ohne mich; das Land wird untergehen, wenn ihr es nicht versteht, die
Feinde auszumachen.“ soll Stalin gesagt haben.17)
Nach
den Erfahrungen, die mit Leuten wie Chruschtschow, Gorbatschow, Jelzin
und den vielen Wendehälsen, die nach der Zerstörung der
sozialistischen Staatengemeinschaft zutage traten, gemacht wurden, ist
bewiesen, daß auch Mißtrauen gerechtfertigt war.
Chruschtschow
ging auf dem Wege der Verleumdungen noch weiter und behauptete, Stalin
habe persönlich die Folterung von Angeklagten angewiesen. Im
Zusammenhang mit der Verhaftung einer Gruppe von Ärzten, die kurz vor
Stalins Tod (!) verhaftet und angeklagt worden waren, durch falsche
Therapie-Anwendungen hohe Partei- und Staatsfunktionäre ermorden zu
wollen, habe er, um Geständnisse zu erpressen, dem damaligen Minister
für Staatssicherheit, Ignatjew, gesagt: „Wenn Sie keine Geständnisse
der Ärzte erreichen, machen wir Sie um einen Kopf kürzer.“
Chruschtschow will dies mit dem Hinweis beweisen: „Anwesend ist hier
als Parteitagsdelegierter der frühere Minister für Staatssicherheit,
Genosse lgnatjew“.18)
Aber
ist das ein Beweis? Daß Chruschtschow sich in diesem Punkt auf Ignatjew
berief, erfolgte zu einer Zeit, als dieser erleben mußte, wie Berija
und eine Reihe anderer Funktionäre erschossen oder zu langjährigen
Haftstrafen in Arbeitslagern verurteilt worden waren. Bewiesen ist, daß
Ignatjew zwar von Chruschtschow seines Postens enthoben aber nicht
erschossen wurde. Er durfte sogar noch einige Jahre in untergeordneten
Funktionen tätig sein, bis er 1960 auch als 1. Sekretär des
Tatarischen Gebietskomitees abgelöst wurde. Der „Dank“
Chruschtschows war erloschen; der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan.
Wie
bereits erwähnt, war Chruschtschow seit 1939 Mitglied des Politbüros
des ZK der KPdSU(B). Das hinderte ihn nicht daran, eine Reihe wichtiger
Beschlüsse dieses Parteigremiums zu kritisieren. Daran wäre im Prinzip
nichts besonderes. Aber er tat es in einer Art und Weise, als ob er
nicht selbst an der Beschlußfassung beteiligt gewesen wäre. Es ist ja
kein Geheimnis, daß die Politbürobeschlüsse in der Regel einstimmig
gefaßt wurden, also auch mit der Stimme Chruschtschows. Und wenn er
seinerzeit tatsächlich Einwände gehabt hatte oder gar gegen ihre
Annahme war, warum sagte er dann in seiner „Geheimrede“ kein
einziges Wort dazu? Offensichtlich deshalb, weil noch zu viel Zeitzeugen
lebten, die ihn als Lügner hätten entlarven können.
Indem
Chruschtschow suggerierte, er habe mit den Beschlüssen nichts zu tun
gehabt, entlarvte er sich selbst. Chruschtschow ging bewußt nicht
darauf ein, mit welchen offiziellen Begründungen die von ihm
attackierten Beschlüsse angenommen worden waren.19)
Bekanntlich
hatte aufgrund des Kriegsgeschehens dreizehn Jahre kein Parteitag
stattgefunden. Auch Politbüro- und ZK-Tagungen waren in diesem Zeitraum
nicht so kontinuierlich durchgeführt worden, wie vor dem Krieg. Dafür
arbeitete die Parteiführung verstärkt mit Gruppen bzw. Kommissionen,
die sich hauptsächlich aus Mitgliedern und Kandidaten des
Zentralkomitees und des Politbüros zusammensetzten.20)
Diese
Gruppen bzw. Kommissionen waren für die Beratung der verschiedenen
anstehenden Probleme und die entsprechenden Entscheidungsfindungen zuständig.
Chruschtschow, der ja selbst einbezogen war, fand dies plötzlich nicht
nur falsch, sondern er nutzte diese damalige, aus der Not heraus
stattgefundene Organisationsveränderung dazu, um gegen Stalin zu
intrigieren.
Ein
weiterer Beschluß, den Chruschtschow als„ungeheuerlich“ bezeichnete,
betraf die Umsiedlung von Sowjetbürgern in weiter östlich gelegene
Gebiete während des Krieges. Denunziatorisch versuchte er den Eindruck
zu erwecken, als ob es dafür keine Gründe gegeben und nur Angehörige
nichtrussischer Nationalität betroffen hätte.21)
G.
Shukow, der sich in seinen Memoiren ebenfalls mit diesem Problem befaßte,
äußerte sich dazu anders. Er schrieb: „Bis 1942 hatten die
Aggressoren die Riesenfläche von rund 1.800.000 Quadratkilometern
besetzt, ein Territorium auf dem vor dem Krieg rund 50 Millionen Sowjetbürger
lebten. Viele Millionen Sowjetbürger hatten Heim und Hof verlassen und
nach Osten ziehen müssen.“22)
Fußnoten
1)
Der Fall Berija - Protokoll einer Abrechnung, Aufbau Taschenbuch Verlag,
Berlin 1993, Seite 71.
2)
Der Fall Berija - Protokoll einer Abrechnung. Aufbau Taschenbuch Verlag,
Berlin 1993, Seiten 342 ff.
3)
R. J. Kosolapow: Die Wahrheit über Stalin, Marxistisch-leninistische
Schriftenreihe für Geschichte, Politik, Ökonomie und Philosophie, Heft
13, Berlin Seite 7.
4)
ebenda
5)
R. Medwedjew: Geheimrede, Neues Deutschland vom 24. Februar 1996.
6)
Marx/Engels: Werke, Band 22, Seite 264.
7)
Die Geheimrede Chruschtschows, Seite 102.
8)
Der Fall Berija - Protokoll einer Abrechnung. Aufbau Taschenbuch Verlag,
Berlin 1993, Seite 51; Die Geheimrede Chruschtschows, Seite 100.
9)
G. K. Shukow: Erinnerungen und Gedanken, Band 1, Deutscher Militärverlag,
Berlin 1970, Seite 324.
10)
ebenda, Seite 209.
11)
ebenda, Seite 214.
12)
ebenda, Seiten 323 f.
13)
ebenda, Seite 344.
14)
ebenda, Seite 432.
15)
W. I. Lenin: Werke in sechs Bänden, Band 5, Seite 496.
16)
W. I. Lenin: Werke in sechs Bänden, Band 6, Seite 152.
17)
Die Geheimrede Chruschtschows, Seiten 41 und 63.
18)
ebenda
19)
ebenda, Seite 24.
20)
ebenda, Seite 80.
21)
ebenda, Seiten 56 f.
22)
G. K. Shukow: Erinnerungen und Gedanken, Band 2, Deutscher Militärverlag,
Berlin 1970, Seite 39. |