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Standpunkt
4, September/Oktober 2000
Offener
Brief an alle Streiter für Demokratie und Menschenwürde
von
Günter Ackermann (September 2000)
Bei
der Ratssitzung am 25. Sept. protestierten im Rathaus junge
Antifaschisten. Sie entrollten Transparente mit der Aufschrift „Rückkehr
der Familie Zumberov“, „Eure Heuchelei kotzt uns an, spart Euch Eure
Kommission...“ „Bleiberecht für alle“ und warfen 2500 Zettel
in den Ratssaal (siehe
Faksimile oben). Oberbürgermeisterin Zieling empörte sich: „Unerhört!
Das war noch nie da! Das sind Feinde des Rechtsstaats!“ Später, als
der Tagesordnungspunkt „Härtefallkommission“ aufgerufen wurde,
erklärte PDS-OL-Ratsherr Dimitri Tsalos, die Kommission habe den
einzigen Zweck, Druck von Rechtsdezernent
Brandt zu nehmen um sein Image aufzuwerten. Er habe eine
Duisburger Familie ins Elend geschickt.
SPD
und CDU empörten sich über die Aktion der Jugendlichen:
„Terrorismus, da stecken Sie dahinter!“
Es
war eine Aktion des Protestes gegen die unmenschliche Praxis der
Abschiebungen. Die Aktion im
Rathaus war gewaltfrei, was von der Aktion Brandts gegen die Zumberovs
nicht gesagt werden kann.
In
einer Presseerklärung teilten die Gruppen „Rote Aktion“ und „Rezisto“
mit:
„Heute
soll im Rat über die Einrichtung einer Härtefallkomission für
„Fälle“ wie die Zumberovs beraten werden. Dies dient ...
dazu politische Verantwortlichkeiten ... zu vertuschen und weitere
Abschiebungen zu legitimieren. Darüber hinaus soll der einschlägig
bekannte (Un)-Rechtsdezernent Jürgen. C.Brandt aus der Schußlinie
der öffentlichen Diskussion genommen werden. Gerade jetzt, wo die
Bundesregierung (SPD-Grüne) eine bundesweite Antifa-Kampagne initiiert,
passen Diskussionen, die die alltägliche und rassistische
Abschiebepraxis des Deutschen Staates (Duisburg ist kein Einzelfall) ins
Licht der Öffentlichkeit zerren, nicht ins Bild des neu entdeckten
staatlichen Antifaschismus. Die Kommission soll daher auch dazu dienen
das angekratzte Image der Duisburger Stadtregierung zu kitten.“
Brandt
selbst wirkte nervös. Er versteckte, als die Handzettel in den Ratssaal
flatterten, sein Gesicht und lief die ersten Stunden der Ratssitzung
alle zehn Minuten aus den Sitzungssaal.
Die
Gruppen Rezisto und Rote Aktion, die die Aktion durchführten,
demonstrierten gegen die unmenschliche Praxis der Abschiebungen und der
Heuchelei. Zivilcourage und Mut, wie hier gezeigt, gibt es viel zu
wenig. OB Zielings Ausspruch „Das sind Feinde des Rechtsstaats“,
zeigt, wie die Regierenden mit Zivilcourage umgehen. (siehe auch
Zumberov-Dokumentation Seite
6 f)
G.A.
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Der
Zumberov-Skandal
Kreisvorstand
PDS-Duisburg (Juli/August 2000)
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Die
Opfer:
Samanta
Zumberov (damals 9 Jahre, oben), geboren in Duisburg und ihr
Bruder Aynur Zumberov (damals 12 Jahre, unten), aufgewachsen in
Duisburg. Duisburg ist ihre Heimat. |
Am
19. Juli wurde die Duisburger Familie Zumberov nach Mazedonien
abgeschoben. Mit kurzer Unterbrechung lebte die vierköpfige
Familie seit 1988 in Duisburg, Ajnur (12) war neun Monate alt,
als er nach Deutschland kam, Samanta (9) ist in Duisburg
geboren. Beide Kinder haben ihre Sozialisation in Duisburg
erfahren. In Mazedonien droht der Roma-Familie nicht nur soziale
Verelendung, sondern auch Gefahr für Leib und Leben.
Menschenrechtsorganisationen berichten von systematischen
Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen, die Roma in
Mazedonien ausgesetzt sind. |
Vorgeschichte
Nachdem
ein Asylantrag abgelehnt wurde, kam es zu einem Petitionsverfahren im Düsseldorfer
Landtag. Das interessierte die Duisburger Stadtspitze nicht. Im Januar
1996 kulminierte der von ihr auf die Familie ausgeübte Druck so sehr,
dass sich die eingeschüchterten und verzweifelten Zumberovs
entschlossen, „freiwillig“ auszureisen. Im Februar 1996 entschied
der Petitionsausschuss zugunsten der Familie, doch die Duisburger
Stadtverwaltung hatte Tatsachen geschaffen.
In
Mazedonien fanden die Eltern keine Arbeit – die Zahl der Erwerbslosen
in diesem Land ist doppelt so hoch wie die Zahl der Beschäftigten, das
wirkt sich für die dort lebenden Roma derart aus, dass sie einer
besonders schlimmen Ausgrenzung ausgesetzt sind und unter menschenunwürdigen
Bedingungen leben müssen. So verfügen sie faktisch über keine
Krankenversicherung (European Roma Rights Center, 1999) und
leiden an Krankheiten aufgrund schwieriger sanitärer Bedingungen (UNICEF,
1999). Fälle von Folter oder Misshandlung durch die Polizei mehren sich
(Amnesty International, 1998; International Helsinki
Federation for Human Rights, 1999). Der Versuch des Vaters, mittels
eines Markstands ein Einkommen zu erlangen, endete damit, dass
mazedonische Sicherheitskräfte den Markstand zertrümmerten und den
Vater niederknüppelten.
Die
Situation blieb völlig aussichtslos, so dass die Familie 1998 nach
Duisburg zurückkehrte und sich abermals an den Petitionsausschuss
wendete. Dieser entschied im Januar 2000 zum zweitem Mal zugunsten der
Familie. (Dabei berief er sich wiederholt auf die sog.
„Altfallregelung“.) Innenminister Behrens reagierte prompt und
stufte die Entscheidung des Petitionsausschusses als „nicht bindend“
ein, der Duisburger Stadtdirektor und Rechtsdezernent Brandt sprach von
einer „rechtswidrigen“ (!) Entscheidung (Schreiben vom 19. Mai). Die
Proteste von Kirche, GEW und Ralph Giordano hatten keine Wirkung. In der
Ratssitzung am 19. Juni stellte die grüne Fraktion einen Antrag auf
Erteilung einer Aufenthaltsbefugnis für die Zumberovs durch
Brandts Behörde. Mit billigen Argumenten wurde der Antrag nicht
behandelt, die Grünen zogen ihn zurück. (Im Duisburger Rat gibt es
eine rosa-grüne „Kooperation“ - de facto eine Koalition). Als sich
die Anzeichen mehrten, dass der Staatsapparat vollziehen will, begab
sich die Familie im Mai ins Kirchenasyl.
Bruch
des Kirchenasyls
Am
11. Juli entführte Brandt mit einem großen Polizeiaufgebot die Familie
aus dem Kirchenasyl, der Familienvater wurde umgehend in den
Abschiebeknast Büren gebracht; ein Pfarrer wurde verhaftet („Beihilfe
zu illegalem Aufenthalt“). Die Mutter und die Kinder mussten sich in
ein Duisburger Übergangsheim begeben. Die Stadtverwaltung teilte ihnen
mit, dass sie bis zum 27. Juli gemeinsam mit dem Vater abgeschoben
werden. Die massiven Proteste der Duisburger Kirche wischte Brandt
arrogant beiseite. Nach mehreren Beratungen entschloss sich die PDS, zu
versuchen, den Abschiebeflug zu verhindern. Eine anderen Weg gab es
nicht mehr.
Deportation
Am
18. Juli erfuhren wir aus sicherer Quelle, dass am nächsten Tag die
Abschiebung stattfinden soll. Die Sprecher der PDS suchten die Mutter
auf, klärten sie über die geplante Aktion auf und vergewisserten sich
ihres Einverständnisses. Während der Nacht und des nächsten Morgens
wurde in Erfahrung gebracht, welcher Flug es sein wird und eine
Bordkarte organisiert. Die Aktion im Flugzeug sollte Kreissprecher
Dimitri Tsalos durchführen. Als er die Kabine des Fliegers betrat,
waren die Zumberovs bereits an Bord. Unmittelbar neben dem Flugzeug
befanden sich mehrere BGS-Beamte in Bereitschaft.
Nachdem
der Rüssel abgedockt wurde (erst dann überträgt sich das
„Hausrecht“ vom BGS auf den Piloten) begann Dimitri Tsalos mittels
Flugblätter und Gespräche die Passagiere über die Situation aufzuklären,
und forderte sie auf, das Anschnallen zu verweigern. Dadurch sollte
erreicht werden, dass der Pilot die Familie Zumberov aussteigen lässt,
damit er gemäß Vorschrift – mit angeschnallten Passagieren - starten
kann. In der Vergangenheit gab es ähnliche Aktionen, die erfolgreich
verliefen. Ein wesentlicher Faktor hierbei ist, dass sofort nach der
Durchführung unter anderem eine breite Öffentlichkeit hergestellt
werden muss, um die verhinderte Deportation zu einem unbefristeten
Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik zu entwickeln.
Mindestens
zehn Passagiere folgten der Aufforderung und verweigerten das
Anschnallen. In der Folge kam es zu kontroversen Auseinandersetzungen
mit den Flugbegleiterinnen. Der Pilot war über die Geschehnisse
informiert, verweigerte aber jedes Gespräch. Als er schließlich den
Flieger Richtung Startbahn bewegte, blieben mindestens sechs Personen
nicht angeschnallt. Dimitri Tsalos wies die Flugbegleiterinnen mit großem
Nachdruck darauf hin, dass die Crew dabei sei, gegen zentrale
Sicherheitsbestimmungen zu verstoßen. Die Flugbegleiterinnen zeigten
sich unbeeindruckt, schließlich kam es vorschriftswidrig - trotz nicht
angeschnallter Passagiere - zum Start. (Es handelte sich um die Macedonian
Airlines, Flug IN 331, Düsseldorf, 19. Juli 2000, Abflug
planmäßig 11.50 Uhr.)
In
Skopje begleitete Dimitri Tsalos die Zumberovs weiter. Vater und Mutter
waren apathisch, die Kinder verstört. Das Verhalten der mazedonischen Zöllner
der Familie gegenüber war deutlich abweisender Art. Nachdem Stunden später
der zuständige Beamte die Zumberovs ihrem Schicksal überlassen hatte,
äußerten sie immer wieder, dass sie alles versuchen werden, um nach
Duisburg zurückzukehren. Den Kindern ging es sehr schlecht – nicht
Mazedonien, sondern die Bundesrepublik ist ihr Herkunftsland. Sie
sprechen kein Wort serbokroatisch. Das „Herkunftsland“ Mazedonien
gewährt den Kindern - sowie den Eltern - nicht Mal die Staatsbürgerschaft.
Perspektiven
Die
Familie befindet sich gegenwärtig in einer hoffnungslosen Situation.
Sie wohnt bei Verwandten außerhalb Skopjes, unter sehr ärmlichen
Bedingungen. Der Unterstützerkreis in Duisburg (Kirche, GEW, PDS und
andere) ist mit den Zumberovs in Kontakt und berät momentan, wie sie
zurück nach Duisburg kommen können. Die Situation ist sehr schwierig,
aber nicht aussichtslos. Torpediert werden die Bemühungen des Unterstützerkreises
dadurch, dass Oberbürgermeisterin Zieling versucht, das Engagement der
PDS zu kriminalisieren. U.a. geht es um eine in der zweiten Juli-Woche
bundesweit geführten Email-Aktion, die ihren Ursprung bei
PDS-Mitgliedern hatte. Ziel war es, per Emails („Abschiebung
verhindern“) den Rechner von Rechtsdezernenten Brandt lahmzulegen.
(Die Aktion war erfolgreich.)
Erst
nach der Abschiebung wendete sich OB Zieling in dieser Frage schriftlich
an die PDS-OL-Ratsfraktion. Weil der Aufruf zu der Email-Aktion vom
Fraktionsrechner ausging, und weil Stadtrat Dimitri Tsalos den Aufruf
mitunterzeichnet hatte, habe die PDS-OL-Fraktion ihre Pflichten
verletzt, so die Oberbürgermeisterin. Zieling hat bei der Duisburger
Staatsanwaltschaft Anzeige gestellt, droht mit dem Verwaltungsgericht
und beschuldigt Dimitri Tsalos des „Verstoßes gegen die
Treuepflicht“ (Gemeindeordnung Nordrhein-Westfalen). Erfreulich ist,
dass sich ein gewisser Widerstand der SPD-Basis in Duisburg abzeichnet.
Unter anderem kam es zu ersten Austritten.
Die
Taktik, der die Stadtspitze folgt, ist bekannt, wir lassen uns nicht
einschüchtern. Wir werden weiter mit dem Unterstützerkreis für die Rückkehr
der Zumberovs kämpfen. Zudem fordert der KV alle fortschrittlichen Kräfte
in NRW auf, in die Öffentlichkeit zu gehen, um darauf hinzuweisen, dass
es 57 weitere Kirchenasyle in diesem Bundesland gibt, die jetzt in großer
Gefahr sind. Duisburg ist ein Präzedenzfall: Es handelt sich um den
ersten Bruch von Kirchenasyl in NRW seit vielen Jahren.
Kreisvorstand
PDS-Duisburg
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Hanna
Ackermann: Rede zum Antikriegstag 2000
Der
Schoß ist fruchtbar noch
Heute
vor 61 Jahren begann der blutigste aller Kriege mit einem Überfall
des Nazi-Deutschland auf meine Heimat.
Nach
Kriegsende hatte Polen 6 Millionen Opfer zu beklagen. Polnische Städte
lagen in Schutt und Asche, die Hauptstadt Warschau war zu 95 % zerstört.
Deutsche
Soldaten, Polizisten, SS-Leute und zivile Beamte vertrieben polnische
Menschen von Haus und Hof, brannten Städte und Dörfer nieder,
errichteten Konzentrationslager.
Eine
der Ursachen lag im deutschen Pflichtbewusstsein: Man macht, was
befohlen wird, und hinterfragt nicht. Befehl ist Befehl. Aufträge
werden ausgeführt – selbst dann, wenn sie erkennbar unmenschlich
sind.
Es
gab auch Beispiele menschlichen Verhaltens von Deutschen im besetzten
Polen. So sollte meine Tante als junge Frau zur Zwangsarbeit nach
Deutschland verschleppt werden. Ein Feldwebel der Wehrmacht verhinderte
es. Er wurde zur Strafe an die Front nach Stalingrad versetzt.
Ich
möchte hier aber vom deutschen Pflichtbewusstsein sprechen, das mit
dazu beigetragen hat, die Verbrechen an anderen Völkern zu begehen. Man
bekommt von oben gesagt, tue dies oder jenes, frage nicht nach
Gerechtigkeit und Humanität. Man erfüllt seine Pflicht mit Überzeugung.
Wir
hatten erst vor wenigen Wochen in unserer Stadt ein Beispiel eines
solchen Verhaltens.
Die
mazedonische Roma-Familie Zumberov wurde entgegen der Empfehlung des
Petitionsausschusses des Landtags aus dem Kirchenasyl entführt, der
Vater mit Handschellen in den Knast gebracht und die Familie wenige Tage
später deportiert. Stadtdirektor Jürgen C. Brandt tat nur seine
Pflicht. Angeblich konnte er nicht anders. Humanität und Gerechtigkeit
spielten hier keine Rolle.
Gegen
jene, die der Familie halfen, sind mir zur Zeit drei Strafverfahren
bekannt.
Es
gab Deutsche während des Krieges, die gegen den Faschismus kämpften.
Sie wurden in Konzentrationslager verschleppt. Kommunisten und
Sozialdemokraten trugen die
Hauptlast des Widerstands gegen Hitler in Deutschland. Sie hatten auch
die meisten Opfer zu beklagen. Daran erinnere ich Herrn Brandt heute.
Wir
leben nicht in einer Diktatur nazistischer Art, sondern in einer
Demokratie. Menschlichkeit wäre im Fall der Familie Zumberov möglich
und erforderlich gewesen. Aber sie blieb auf der Strecke.
Ich
bin eine in Duisburg lebende Polin, ich fühle mich als Duisburgerin,
und als solche bin ich entsetzt über das Verhalten gegenüber der
Roma-Familie: Deutsche Gründlichkeit mit schrecklichen Konsequenzen.
Jürgen
C. Brandt warb vor zwei Wochen für die Einbürgerung ausländischer
Einwohner. Gegen eine hilflose und mittellose Familie ging er jedoch mit
äußerster Härte vor. Zumberovs leben heute in Elend in einem
Roma-Ghetto in Mazedonien. Die Zukunftschancen der Kinder sind zerstört,
aber deutsche Beamte haben ihre Pflicht gründlich erfüllt; ohne zu
hinterfragen. Humanität, Gerechtigkeit – und etwas Zivilcourage hätten
unserer Stadt gut getan.
Der
Schoß ist fruchtbar noch.
Hanna
Ackermann
Sprecherin
der PDS-Duisburg
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Durch
unsere heftige Kritik an
seinem Handeln in die Enge getrieben und nach langem Zögern,
entschloss sich Dierkes schließlich auf den Zug der Solidarität
im letzten Moment aufzuspringen und verfasste diesen offenen
Brief.
In
dem Brief hieißt es u.a. „Sie
sind ein hartnäckiger Wiederholungstäter. Das werden wir Ihnen
nicht vergessen.“
Was
das beim Trotzkisten Hermann Dierkes bedeutet, zeigte sich
jetzt, als er Brandt gegenüber den Vorwürfen der Grünen,
Brandt stehe rechts, in Schutz nahm und für den Erhalt des Jobs
für Brandt im Rat stimmte. Dass er ein Doppelzüngler ist,
zeigte sich schon damals. (siehe) |
„Herr
Brandt, Sie sind ein hartnäckiger Wiederholungstäter!“
Hermann
Dierkes (Sommer 2000)
Werter
Herr Brandt,
entgegen
zahlreicher Bitten und Proteste, entgegen einem zweifachen Votum des
Petitionsausschusses des Landtags, haben Sie die Abschiebung der
Roma-Familie Zumberov nach Mazedonien angeordnet. In ein Land, in dem
auch nach Berichten des Auswärtigen Amts diese Volksgruppe unter
Diskriminierung und Verfolgung zu leiden hat. Das macht mich zornig und
traurig zugleich. Was treibt Sie eigentlich zu derartigen Handlungen?
Wie vereinbart sich das mit Ihrer politischen Herkunft, Ihrer Kenntnis
geschichtlicher Zusammenhänge?
Kommen
Sie der Öffentlichkeit doch nicht mit rechtsstaatlichen Zwängen.
Diese Ausrede ist oberfaul. Gerade Ihre Partei, die SPD, hat in der
soeben abgeschlossenen Haushaltsdebatte einen Erlass der
Kommunalaufsicht für Städte mit Haushaltssicherungskonzepten, bei den
Realsteuern über dem Landesdurchschnitt vergleichbarer Städte zu
liegen, missachtet und sich durch Fraktionssprecher Lachmann ausdrücklich
zu diesem zivilen „Ungehorsam“ bekannt. Mir ist nicht bekannt, dass
Sie als Rechtsdezernent dieser Stadt gegen diesen offenen Rechtsbruch
eingeschritten wären. Im Gegenteil, durch Ihr Schweigen im Rat haben
sie Zustimmung zum Ausdruck gebracht. Ihre Rechtsstaatlichkeit richtet
sich offenbar weniger nach Grundsätzen als nach tagespolitischer
Opportunität.
In
Wahrheit steht Ihr staatliches Handeln rechts. Sie haben einer
verfolgten Familie und insbesondere Kindern, die ihren Lebensmittelpunkt
hier bei uns hatten, Gewalt angetan und sie wissentlich Gefahren für
Leib und Leben ausgesetzt. Der von Ihnen – in einem Atemzug – geäußerte
Dank an Pfarrer und Vollzugsbeamte für ihren „menschlichen Umgang“
mit den Zumberovs kann nur als schlimmer Zynismus gewertet werden. Sie
haben der Politik – gemessen an den Menschenrechten – nachhaltig
geschadet.
Und:
Sie sind ein hartnäckiger Wiederholungstäter. Das werden wir Ihnen
nicht vergessen.
21.
Juli 2000
gez.
Hermann Dierkes
Fraktionsvorsitzende
der PDS-Offenen Liste im Rat der Stadt Duisburg
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Dimitri
Tsalos
im
Jahr 2000 Sprecher des PDS-Kreisverbandes Duisburg und Ratsherr |
Gescheiterte
Härtefallkommission – gescheitertes Alibispiel
von
Dimitri Tsalos
Die
im Rat der Stadt am 25. September knapp gescheiterte Härtefallkommission
war der Versuch der Stadtspitze, sich selber den Unschuldsbeweis
zu liefern. Ausgerechnet jene Fraktionen, die die
Kirchenasyl-brechende und abschiebende Stadtregierung tragen,
haben plötzlich die Menschlichkeit entdeckt. Uneigennütziger
Zufall ist das nicht. Die SPD bangt um ihr Ansehen, die Grünen
bangen um ihre Basis und der rechte Rechtsdezernent Brandt bangt
um seinen Job. Da hätte sich die Einrichtung einer toll
klingenden aber rechtlosen Kommission angeboten, um der Stadtöffentlichkeit zu
zeigen: Seht her, wir sind die Gutmenschen und Abschiebung ist
Pfui. |
Aber
selbst die Einrichtung der Kommission hätte außer Acht gelassen, daß
es sich bei den Einwohnern Duisburgs entgegen dem Idealtypus der
Stadtspitze um
reflektierende Wesen handelt. Taten zählen mehr als Worte, und wenn die
Kommission über eine drohende Abschiebung einfach nicht beraten hätte
dürfen oder ihre Entscheidungen schlicht übergangen worden wären
(beide Möglichkeiten waren in der SPD-Grünen Vorlage ausdrücklich
vorgesehen), hätten im ersten Schritt Organisationen wie amnesty
international die Kommission verlassen. Sehr schnell hätte dann die
Kommission völlig an Glaubwürdigkeit verloren. Ob sie anschließend
noch offiziell von den Mehrheitsfraktionen aufgelöst worden wäre (auch
dies war laut Vorlage praktisch jederzeit möglich) ist nur ein
Nebenaspekt.
Die
Frage, ob die Kommission Abschiebungen verhindern hätte können, stellt
sich deswegen nicht, weil das Duisburger Ordnungsamt einem
unnachgiebigen Rechtsdezernenten untersteht, der eine asoziale und
autoritäre Flüchtlingspolitik betreibt. Zudem hat Brandt die Rückendeckung
der „Genossen” in der Stadtspitze und des Rassismus fördernden
SPD-Landesinnenministers Behrens.
Natürlich
gibt es objektive Gründe, die für die Einrichtung einer unabhängigen,
mit wirklichen Kompetenzen ausgestatteten
Härtefallkommission sprechen. Doch jeder Vorschlag, der zum
jetzigen Zeitpunkt von der Stadtspitze kommt, ist nichts weiter als der
Versuch, von den eigenen Taten abzulenken. Erst wenn die Zumberovs nach
Duisburg zurückkehren können und Brandt zurückgetreten ist, hat die
SPD das Recht, Vorschläge zu Menschenrechtskommissionen zu
unterbreiten. Alles andere dient einer ordinären Sicherung der Macht. |
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