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Der
Verrat der Rechten und Trotzkisten an der
Sowjetmacht
Lenin
zu Trotzki:
„Im
Jahre 1903 war Trotzki Menschewik; 1904 trennte er sich von den
Menschewiki; 1905 kehrte er wieder zu ihnen zurück und paradierte
mit ultrarevolutionären Phrasen, bis er ihnen 1906 wieder den Rücken
kehrte... Trotzki schmarotzt heute auf den Ideen der einen Gruppe,
morgen auf denen der anderen und bildet sich ein, beiden überlegen
zu sein... Ich kann nur sagen, daß Trotzki ausschließlich seine
eigene Gruppe repräsentiert.“ |
Die
große Verschwörung
Drittes
Buch - Die fünfte Kolonne in Rußland
XV.
DER WEG ZUM VERRAT
Quelle:
siehe
1.
Der rebellierende Revolutionär
Vom
Augenblick der „Machtergreifung“ an wurden die Bestrebungen der
internationalen Gegenrevolution in die nazistischen Welteroberungsplane
einbezogen. Hitler mobilisierte die gegenrevolutionären Kräfte, die sich
im Laufe von fünfzehn Jahren in allen Ländern der Welt konsolidiert
hatten. Diese Gruppen, die jetzt in Spionage- und Terrororganisationen der
nazistischen Fünften Kolonne umgewandelt wurden, bildeten die geheime
Vorhut der deutschen Wehrmacht.
Eine
der mächtigsten und wichtigsten Abteilungen der Fünften Kolonne
operierte in Sowjetrußland. Ihr Leiter war einer der interessantesten
politischen Renegaten der Weltgeschichte: Leo Trotzki.
Zur
Zeit der Geburt des Dritten Reiches stand Leo Trotzki bereits an der
Spitze einer internationalen sowjetfeindlichen Verschwörerorganisation,
die über eine starke Anhängerschaft innerhalb der Sowjetunion verfügte.
Trotzki bereitete in der Verbannung den Sturz der Sowjetregierung, seine Rückkehr
nach Rußland und seinen Aufstieg zu jener persönlichen Machtstellung
vor, die er schon einmal in greifbarer Nähe vor sich gesehen hatte.
„Es
gab eine Zeit“, schrieb Winston Churchill in „Great Contemporaries“,
„wo Trotzki unmittelbar neben dem verwaisten Thron der Romanows
stand.“
In
der Weltpresse der Jahre 1919/20 wurde Trotzki mit Vorliebe der „Rote
Napoleon“ genannt. Er war damals Kriegskommissar. In seinem langen,
eleganten Offiziersmantel, mit hohen, glänzenden Stiefeln und einem
Revolver im Gürtel tauchte er an verschiedenen Stellen der Frontlinie
auf, um vor den Soldaten der Roten Armee feurige Ansprachen zu halten. Er
wandelte einen Panzerzug in sein persönliches Hauptquartier um und verfügte
über eine bewaffnete Leibgarde, die Spezialuniformen trug. Im
Heereskommando, in der bolschewistischen Partei, in der Sowjetregierung:
überall hatte er seine Parteigänger. Trotzkis Zug, Trotzkis Garde,
Trotzkis Reden, Trotzkis Äußeres - der schwarze Haarschopf, der kleine
schwarze Spitzbart, funkelnde Augen hinter Zwickergläsern - waren weltberühmt.
In Europa und Amerika wurden die Siege der Roten Armee in erster Linie
„Trotzkis Führergabe“ zugeschrieben.
Der
bekannte amerikanische Auslandskorrespondent Isaac F. Marcosson beschrieb
eine der eindrucksvollen Massenversammlungen, die der Kriegskommissar in
Moskau veranstaltete:
„Trotzki
wußte die Wichtigkeit eines guten Auftritts zu schätzen … Er ließ
sein Publikum eine Weile warten, dann tauchte er im richtigen
psychologischen Moment aus einer Seitentür auf und begab sich mit raschen
Schritten zu dem kleinen Pult, das in allen russischen Versammlungen für
den Redner bereitsteht.
Die
zahlreiche Zuhörerschaft erwartete sein Erscheinen mit fieberhafter
Spannung. Überall hörte man flüstern: ‚Trotzki kommt!’
Sein
Eifer war elementar, beinahe primitiv - ein menschlicher Motor auf
Hochtouren. Er überschwemmte seine Hörer mit einem Schwall von
Beredsamkeit - ich habe nie etwas ähnliches gehört. Seine
hervorstechendsten Eigenschaften waren Eitelkeit und Hochmut.“
Nach
den dramatischen Ereignissen des Jahres 1929, die zu Trotzkis Verbannung führten,
umwoben die sowjetfeindlichen Elemente aller Länder seinen Namen und
seine Persönlichkeit mit einem Mythus.
Aber
im Februar 1917, einen Monat vor dem Zusammenbruch des Zarismus, hatte
Lenin selbst geschrieben:
„Der
Name Trotzki bedeutet: linke Phraseologie und Blockbildung mit dem rechten
Flügel gegen die Ziele des linken Flügels.“.
Lenin
nannte Trotzki den „Judas“ der russischen Revolution.
Man
wird nicht als Verräter geboren. Wie Benito Mussolini, Pierre Laval, Paul
Joseph Goebbels, Jacques Doriot, Wang Tsching-wei und andere berühmte
Abenteurer unserer Zeit begann Leo Trotzki seine Laufbahn als extrem links
gerichtetes oppositionelles Element innerhalb der revolutionären Bewegung
seines Landes.
Der
Name Trotzki war ein Pseudonym für Leo Dawidowitsch Bronstein. Trotzki
wurde im Jahr 1879 in Janowka, einem Dörfchen in der Umgebung von Cherson
in Südrußland, geboren. Seine Eltern waren wohlhabende Bürger. Ursprünglich
hatte er den Ehrgeiz, Schriftsteller zu werden.
„In
meinen Augen“, schrieb Trotzki in seiner Selbstbiographie „Mein
Leben“, „gehörten die Schriftsteller, Journalisten und. Künstler
einer besonderen, schöneren Welt an, einer Welt, die nur den Auserwählten
offensteht.“
Er
begann ein Theaterstück zu schreiben und verkehrte in den literarischen
Salons von Odessa. Damals trug er Schaftstiefel, eine blaue Künstlerjacke,
einen runden Strohhut und einen schwarzen Spazierstock. Während seiner
Studentenzeit schloß er sich einer Gruppe radikalistischer Bohemiens an.
Als er achtzehn Jahre alt war, ertappte ihn die zaristische Polizei bei
der Verteilung sozialistischer Literatur. Er wurde verhaftet und zusammen
mit Hunderten von anderen Studenten und Revolutionären nach Sibirien
verbannt. Im Herbst 1902 gelang es ihm zu entfliehen. Er ging ins Ausland
und verbrachte den größten Teil seines Lebens als Agitator und Verschwörer
in den Hauptstädten Europas, wo er sich in Kreisen der russischen
Emigranten und Sozialisten verschiedener Nationalitäten bewegte.
Während
der ersten Monate des Jahres 1903 arbeitete Trotzki in der Redaktion der
„Iskra“, einer von Lenin im Londoner Exil herausgegebenen Zeitung.
Nach der Spaltung der russischen marxistischen Bewegung in Bolschewiki und
Menschewiki, die im Sommer des gleichen Jahres stattfand, schloß sich
Trotzki den politischen Gegnern Lenins, den Menschewiki, an. Er besuchte
die radikalen russischen Studentenkolonien in Brüssel, Paris und Lüttich,
in der Schweiz und in Deutschland, und polemisierte gegen die Ansicht
Lenins und der übrigen Bolschewiki, daß der Kampf gegen den Zarismus
eine disziplinierte, straffe Parteiorganisation erfordere. In einem 1904
veröffentlichten Pamphlet „Unsere politischen Aufgaben“ warf er Lenin
vor, er versuche, den russischen Radikalen ein „Kasernenreglement“;
aufzuzwingen, wobei er eine Sprache gebrauchte, die stark an seine späteren
Angriffe gegen Stalin erinnert.
Dem
Sieg Japans über das zaristische Rußland im Jahre 1905 folgte der mißglückte
Versuch der „ersten“ russischen Arbeiter und Bauernrevolution. Trotzki
eilte sofort nach Rußland zurück und übernahm eine führende Rolle im
Petersburger Sowjet, dem vorwiegend Menschewiki angehörten. In der
erhitzten Atmosphäre politischer Intrigen und Konflikte, mit der Aussicht
auf die nahe bevorstehende Machtübernahme, fühlte sich Trotzki in seinem
Element. Dieses Erlebnis bekräftigte den sechsundzwanzigjährigen Trotzki
in seiner Überzeugung, daß er zum Führer der russischen Revolution
ausersehen sei. Schon damals sprach er von seinem „Stern“ und seiner
„revolutionären Intuition“.
Später
schrieb er in seinem Buch „Mein Leben“:
„Im
Februar 1905 kam ich nach Rußland; die anderen führenden Emigranten
trafen erst im Oktober und November ein. unter den russischen Genossen war
nicht einer, von dem ich etwas hätte lernen können. Im Gegenteil, ich mußte
die Rolle des Lehrers übernehmen … Im Oktober stürzte ich mich Hals über
Kopf in den Strudel des gigantischen Geschehens; es war, vom persönlichen
Standpunkt gesehen, eine äußerste Kraftprobe. Es galt, in der Feuerlinie
Entscheidungen zu treffen.“
Nachdem
die Revolution von 1905 gescheitert war, schlug Trotzki sein politisches
Hauptquartier in Wien auf. Er bezeichnete Lenin als „Bewerber um den
Diktatorposten“, betrieb Propaganda für seine eigene Bewegung und
suchte sich als Förderer der „internationalen Revolution“
hinzustellen. Trotzki war ständig unterwegs. Von Wien aus bereiste er Rumänien,
die Schweiz, Frankreich und die Türkei, um Anhänger zu werben und
wertvolle Verbindungen mit europäischen Sozialisten und Linksradikalen
anzuknüpfen. Durch seine hartnäckigen Bemühungen brachte er es schließlich
so weit, daß er bei den Menschewiki, den Sozialrevolutionären und der
intellektuellen Boheme der russischen Emigration als wichtigster Gegner
Lenins innerhalb der russischen revolutionären Bewegung galt.
Als
das Zarenregime im März 1917 zusammenbrach, befand sich Trotzki in New
York, wo er zusammen mit seinem Freund, dem Lenin-Gegner Nikolai Bucharin,
die radikale russische Zeitung „Novy Mir“ (Neue Welt) herausgab.
Bucharin gehörte zum äußersten linken Flügel der politischen
Emigration. Jemand nannte ihn einmal den „blonden Maehiavelli in der
Lederjacke“.
[44] Trotzki trat sofort die Rückreise nach Rußland an. In
Halifax wurde er von den kanadischen Behörden verhaftet, die ihn einen
Monat lang in Gewahrsam hielten. Dann wurde er auf Ersuchen der russischen
Provisorischen Regierung freigelassen.
Die
britische Regierung hatte beschlossen, Trotzki die Rückkehr nach Rußland
zu gestatten. Wie aus den Memoiren des englischen Agenten Bruce Lockhart
hervorgeht, hoffte der britische Geheimdienst, aus den
„Meinungsverschiedenheiten zwischen Trotzki und Lenin“ Nutzen zu
ziehen…
Trotzki
traf im Mai in Petrograd ein. Zuerst versuchte er, eine eigene revolutionäre
Partei ins Leben zu rufen - einen aus ehemaligen Emigranten und
Mitgliedern verschiedener radikaler Parteien zusammengesetzten Block der
äußersten Linken. Aber es stellte sich bald heraus, daß eine solche
Bewegung keine Aussicht auf Erfolg hatte. Die revolutionären Massen
standen geschlossen hinter der bolschewistischen Partei.
Im
August 1917 vollzog sich ein sensationeller Umschwung in Trotzkis
politischer Haltung. Nachdem er Lenin und die Bolschewiki vierzehn Jahre
lang bekämpft hatte, suchte er um Aufnahme in die bolschewistische Partei
an.
Lenin
hatte vor Trotzki und seiner durch persönlichen Ehrgeiz bestimmten
Handlungsweise häufig gewarnt; aber jetzt, wo der Entscheidungskampf um
die Errichtung einer Sowjetregierung begonnen hatte, mußte Lenins Politik
auf die Schaffung einer Einheitsfront sämtlicher revolutionärer
Fraktionen, Gruppen und Parteien gerichtet sein. Trotzki wurde in die
bolschewistische Partei aufgenommen.
Es
ist kennzeichnend für Trotzki, daß er seinen Einzug in die Partei zu
einem eindrucksvollen Schauspiel gestaltete. Er führte der Partei die
bunt zusammengewürfelte Schar seiner linken Extremisten zu.
Trotzki
wurde Vorsitzender des Petrograder Sowjets, der im Jahre 1905 der
Schauplatz seiner ersten revolutionären Wirksamkeit gewesen war. Er blieb
während der folgenden entscheidungsschweren Tage auf diesem Posten. Nach
der Bildung der ersten Sowjetregierung - einer Koalition von Bolschewiki,
linken Sozialrevolutionären und ehemaligen Menschewiki - wurde Trotzki
Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten.
2.
Die Linksopposition
Trotzki
war zuerst als Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten und später
als Kriegskommissar der wichtigste Repräsentant der sogenannten
Linksopposition innerhalb der Kommunistischen Partei.
Die Anhänger der Opposition waren schwach an Zahl. Sie unterhielten
weitverzweigte Beziehungen zum Ausland und standen mit den russischen
Menschewiki und Sozialrevolutionären in Kontakt. In den ersten Tagen der
Revolution sicherten sie sich einflußreiche Stellen im Heer, im
diplomatischen Korps und in den obersten Staatsämtern.
Trotzki
übte die Herrschaft über die Opposition gemeinsam mit zwei anderen
radikalen Dissidenten aus: der eine war der schlanke, blonde Nikolai
Bucharin, der sich selbst als „marxistischen Ideologen“ bezeichnete
und eine Gruppe sogenannter „linker Kommunisten“ anführte; der zweite
war der untersetzte, wortreiche linksgerichtete Agitator Grigori Sinowjew,
der zusammen mit Trotzkis Schwager Leo Kamenew eine eigene Gruppe, die „Sinowjewisten“,
leitete. Zwischen Trotzki, Bucharin und Sinowjew kam es häufig zu
Auseinandersetzungen über taktische Fragen; auch persönliche Eifersüchteleien
und widerstreitende politische Ambitionen erschwerten die Zusammenarbeit.
Aber bei ihren wiederholten Versuchen, sich an die Spitze der
Sowjetregierung zu stellen, hielten sie fest zusammen.
Zu
Trotzkis persönlichen Anhängern gehörten: Juri Pjatakow, der radikal
gesinnte Abkomme einer reichen ukrainischen Familie; der Pole Karl Radek,
ein glänzender „linker“ Journalist und Agitator, den der gemeinsame
Kampf gegen Lenin in der Schweiz mit Trotzki zusammengeführt hatte;
Nikolai Krestinski, ein ehemaliger Advokat und ehrgeiziger
sozialdemokratischer Dumaabgeordneter; Grigori Sokolnikow, ein junger
radikaler Kosmopolit, den Trotzki im Volkskommissariat für Auswärtige
Angelegenheiten unterbrachte, und Christian Rakowski, ein gebürtiger
Bulgare, der die rumänischen Sozialisten mit seinem Reichtum unterstützt
hatte. Er zog von einem Land Europas ins andere und studierte in
Frankreich Medizin. Außerdem umgab sich Trotzki, nachdem er
Kriegskommissar geworden war, mit einer Schar zäher, rauher Krieger, der
sogenannten „Trotzki-Garde“, die mit leidenschaftlicher Ergebenheit an
ihrem „Führer“ hing. In dieser militärischen Fraktion der
Trotzki-Partei spielte der hochgewachsene, wagemutige Kommandant der
Moskauer Garnison, Nikolai Muralow, eine wichtige Rolle. An der Spitze der
Leibwache, der Iwan Smirnow, Sergei Mratschkowski und Ephraim Dreitzer
angehörten, stand der ehemalige Sozialrevolutionäre Terrorist Blumkin,
der Mörder des Grafen Mirbach.
Trotzki
trat auch in freundschaftliche Beziehungen zu Offizieren des alten
Regimes, denen er trotz wiederholter Warnungen der bolschewistischen
Partei wichtige militärische Funktionen übertrug. Während des
polnischen Feldzuges von 1920 hatte er sich besonders eng an den
ehemaligen zaristischen Offizier Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski,
einen Mann von geradezu napoleonischem Ehrgeiz, angeschlossen.
Es
war das Ziel der vereinten Kräfte der Linksopposition, Lenin zu verdrängen
und die Macht in Sowjetrußland an sich zu reißen.
Nach
der Niederringung der weißen und interventionistischen Armeen stand die
russische Revolution vor der großen Frage: in welcher Weise soll die
Macht der Sowjets zur Anwendung gebracht werden? Trotzki, Bucharin und
Sinowjew vertraten die Anschauung, daß es unmöglich sei, im „rückständigen
Rußland“ eine sozialistische Ordnung zu errichten. Die Linksopposition
wollte die russische Revolution in ein Kräftereservoir der
„Weltrevolution“ umwandeln, ein Weltzentrum, von dem aus die
Revolutionen anderer Länder in Gang gebracht werden sollten. Lenin und
Stalin betonten mehr als einmal, daß die Theorien der Linksopposition,
wenn man sie ihrer „ultrarevolutionären Phrasen“ entkleidete, auf
einen wilden Machtkampf, „zügellose Anarchie“ und, soweit es sich um
Rußland handelte, auf die Errichtung einer Militärdiktatur unter der Führung
des Kriegskommissars Trotzki und seiner Anhänger hinausliefen.
Auf
dem Sowjetkongreß, der im Dezember 1920 abgehalten wurde, stand diese
Frage zur Diskussion. Es war das kritischste Jahr der Revolution. Die
Menschen hungerten und froren. Der Kongreß versammelte sich im Säulensaal
in Moskau. Die frosterstarrte, von Hunger und Krankheit geplagte Stadt lag
unter einer hohen Schneedecke. Die Sowjetdelegierten saßen in
Schafsfellen, Decken und Pelze gehüllt in der großen, trotz der bitteren
Dezemberkälte ungeheizten Halle.
Lenin
sah blaß und angegriffen aus. Er litt noch immer an den Nachwirkungen der
lebensgefährlichen Verletzungen, die Fanja Kaplan ihm 1918 mit
vergifteten Kugeln beigebracht hatte. Er begab sich auf die Rednertribüne,
um der Linksopposition zu antworten. Er schilderte die furchtbaren Zustände,
die in Rußland herrschten, und rief zur nationalen Einigkeit auf, um die
„unsagbaren Schwierigkeiten“ zu überwinden, die sich der Erneuerung
des wirtschaftlichen und sozialen Lebens entgegenstellten. Er kündete die
Neue Ökonomische Politik an, die den starren „Kriegskommunismus“ ablösen
und den Beginn des Wiederaufbaus durch gewisse Konzessionen an das private
Unternehmertum in Rußland erleichtern sollte. „Wir gehen einen Schritt
zurück“, sagte Lenin, „um in einem späteren Zeitpunkt zwei Schritte
vorgehen zu können!“
Als
Lenin den „vorübergehenden Rückzug“ im Zusammenhang mit der Neuen Ökonomischen
Politik bekanntgab, rief Trotzki aus; „Der Kuckuck hat das Ende der
Sowjetregierung ausgerufen!“
Lenin
dagegen glaubte, daß die Arbeit der Sowjetregierung eben erst begonnen
habe.
Er
sagte dem Kongreß:
„Erst
wenn unser Land elektrifiziert ist, wenn die Industrie, die Landwirtschaft
und das Transportwesen eine den Erfordernissen der modernen
Massenproduktion entsprechende technische Grundlage erhält - erst dann
wird unser Sieg vollständig sein.“
Hinter
dem Rednerpult hing eine große Karte von Rußland, die auf einen Wink
Lenins plötzlich elektrisch beleuchtet wurde. Lenin veranschaulichte dem
Kongreß auf diese Weise die künftige Entwicklung des Landes. Eine große
Zahl winziger, glitzernder Lämpchen war über die Karte verteilt; sie
zeigten den frierenden, hungernden Sowjetdelegierten die Lage der künftigen
Kraftstationen, Staudämme und sonstigen Riesenbauten an, die eines Tages
Ströme von elektrischer Kraft aussenden sollten, um das alte Rußland in
ein modernes, industrialisiertes, sozialistisches Land umzuwandeln.
Erregtes Flüstern und Beifallskundgebungen mischten sich mit Äußerungen
des Zweifels.
Trotzkis
Freund Karl Radek beobachtete das prophetische Schauspiel durch seine
dicken Brillengläser; dann zuckte er die Achseln und flüsterte:
„Elektrofiktion!“ Radeks Bonmot wurde zum trotzkistischen Schlagwort.
Bucharin erklärte, Lenin versuche, die Bauern und Arbeiter mit seinem
„utopischen Geschwätz über Elektrifizierung“ zum Narren zu halten!
Trotzkis
sozialistische und linkskommunistische Freunde und Anhänger im Ausland
hielten Lenin und sein Regime für verloren. Auch viele andere Beobachter
sahen in Trotzki und seiner Linksopposition die kommenden Machthaber. Der
amerikanische Auslandskorrespondent Isaac F. Marcosson behauptete, Trotzki
habe „die Jungkommunisten, den größten Teil der Offiziere und die
Soldaten der Roten Armee hinter sich“. Aber das Ausland überschätzte
Trotzkis Stärke und Popularität ebenso wie er selbst.
Trotzki
reiste im Lande umher, um seine Anhängerschaft zu vergrößern und fester
zusammenzuschließen. In öffentlichen Versammlungen hielt er
theatralische, leidenschaftliche Ansprachen, in denen er die „alten
Bolschewiki“ als „degeneriert“ bezeichnete und die Jugend
aufforderte, sich seiner Bewegung anzuschließen. Aber die russischen
Soldaten, Arbeiter und Bauern, die soeben aus dem siegreichen Kampf gegen
die „Weißen“ Napoleone heimgekehrt waren, verspürten wenig Lust, in
ihren eigenen Reihen einen „Roten Napoleon“ großwerden zu lassen. Sir
Bernard Pares schrieb in seiner „History of Russia“ über Trotzkis
damaliges Verhalten:
„Ein
scharfsinniger Kritiker, der Trotzki aus nächster Nähe beobachtete,
bemerkte sehr richtig, daß er seinem Wesen und seinen Methoden nach der
vorrevolutionären Epoche angehörte. Demagogie war nicht mehr am Platze
…“
Auf
dem X. Parteitag der KPdSU(B) faßte das von Lenin geführte
Zentralkomitee den Beschluß, sämtliche „fraktionellen Gruppen“
innerhalb der Partei zu untersagen, weil sie eine Bedrohung der Einheit
der revolutionären Führung darstellten. Von nun an mußten sich sämtliche
Parteiführer den Entscheidungen und Richtlinien der Majorität
unterwerfen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, aus der Partei
ausgeschlossen zu werden. Das Zentralkomitee verwarnte den „Genossen
Trotzki“ ausdrücklich wegen seiner Fraktionstätigkeit und stellte
fest, daß die durch seine Spaltungsversuche hervorgerufene Verwirrung von
staatsfeindlichen Elementen ausgenutzt werde, um sich unter dem Namen
„Trotzkisten“ in die Partei einzuschleichen. Eine Anzahl maßgebender
Trotzkisten und sonstige Anhänger der Linksopposition wurden, aus ihren
Stellungen entfernt. Trotzkis wichtigste militärische Stütze, Nikolai
Muralow, verlor seinen Posten als Kommandant der strategisch wichtigen
Moskauer Garnison; an seine Stelle trat der alte Bolschewik Klementi
Woroschilow.
Im
April 1922 wurde Stalin zum Generalsekretär des ZK der Partei gewählt;
er war von nun an für die Durchführung der Pläne Lenins verantwortlich.
Nach
der energischen Maßregelung Trotzkis durch die Partei und der Entfernung
seiner Anhänger schmolz seine Gefolgschaft rasch zusammen. Sein Ansehen
war im Schwinden. Die Ernennung Stalins war ein vernichtender Schlag für
die trotzkistische Fraktion in der Partei. Die Macht glitt Trotzki aus den
Händen.
3.
Der Weg zum Verrat
Die
Linksopposition hatte von Anfang an nach zwei Richtungen hin gearbeitet.
In eigenen Zeitungen und Versammlungslokalen wurden die Anschauungen der
Opposition öffentlich propagierte Gleichzeitig fanden hinter den Kulissen
exklusive Geheimkonferenzen statt, in denen Trotzki, Bucharin, Sinowjew,
Radek, Pjatakow und andere die Strategie und Taktik der Opposition
festlegten und planten.
Auf
der Grundlage dieser oppositionellen Bewegung baute Trotzki in Rußland
eine Geheimorganisation auf, die ebenso wie Reillys Apparat auf dem System
der „Fünfergruppen“ beruhte, dessen sich auch die Sozialrevolutionäre
und andere sowjetfeindliche Verschwörer bedient hatten.
1923
war Trotzkis Untergrundbewegung bereits zu einer mächtigen,
weitverzweigten Organisation angewachsen. Die Trotzkisten verwendeten in
ihrem illegalen Nachrichtendienst Spezialcodes, Chiffren und Losungsworte.
In allen Teilen des Landes wurden Geheimdruckereien betrieben. Es gab
trotzkistische Zellen in der Armee, im diplomatischen Korps und in den
staatlichen und parteilichen Körperschaften.
Viele
Jahre später berichtete Trotzki, daß sein eigener Sohn, Leo Sedow,
diesem trotzkistischen Verschwörerapparat angehörte, der inzwischen die
Grenzen einer bloßen politischen Oppositionsgruppe innerhalb der
bolschewistischen Partei gesprengt hatte und sich dem allgemeinen
Geheimkrieg gegen die Sowjetregierung einzuordnen begann.
„Im
Jahre 1923“, schrieb Trotzki in der 1938 veröffentlichten Broschüre:
„Leo Sedow: Sohn, Freund und Kämpfer“, „stürzte er sich Hals über
Kopf in die Arbeit der Opposition … So begann er mit siebzehn Jahren das
Leben eines bewußten Revolutionärs. Rasch erfaßte er die Kunst der
konspirativen Arbeit, die Methodik illegaler Versammlungen und der
Herausgabe und Verteilung oppositioneller Schriftstücke. Der Komsomol
(der Kommunistische Jugendverband) entwickelte in kürzester Zeit eigene
Kader von oppositionellen Führern.“
Aber
Trotzki begnügte sich nicht mit der konspirativen. Arbeit innerhalb von
Sowjetrußland…
Im
Winter 1921/22 wurde der ehemalige Advokat und führende Trotzkist Nikolai
Krestinski, ein dunkelhäutiger Mann mit unstetem Blick, Botschafter der
Sowjetunion in Deutschland. Im Rahmen seiner offiziellen Funktionen
stattete Krestinski dem Kommandanten der Reichswehr, General Hans von
Seeckt, einen Besuch ab. Seeckt wußte aus den Berichten seiner
Geheimagenten, daß Krestinski Trotzkist war. Der deutsche General deutete
an, daß die Reichswehr der von Kriegskommissar Trotzki geführten
Opposition sympathisch gegenüberstehe.
Als
Krestinski einige Monate später nach Moskau kam, unterrichtete er Trotzki
über den Inhalt seines Gespräches mit General Seeckt. Trotzki brauchte
damals dringend Geld für die Finanzierung seiner ständig wachsenden
Untergrundbewegung. Er erklärte Krestinski, daß die russische Opposition
ohne ausländische Verbündete nicht auskommen könne und daher bereit
sein müsse, mit freundlich gesinnten Mächten in Beziehung zu treten.
Deutschland gehöre nicht zu den Feinden Rußlands, es werde in absehbarer
Zeit kaum zu einem Zusammenstoß zwischen den beiden Ländern kommen.
Viele Deutsche seien von dem glühenden Wunsch erfüllt, an Frankreich und
England Rache zu nehmen, ihre Blicke seien daher nach dem Westen
gerichtet. Die Politiker der Opposition müßten aus dieser Situation
Kapital schlagen… Als Krestinski 1922 nach Berlin zurückkehrte, gab ihm
Trotzki den Auftrag, General Seeckt im „Verlaufe einer offiziellen
Unterhandlung vorzuschlagen, er möge Trotzki eine bestimmte Summe für
den Ausbau seiner illegalen Bewegung zur Verfügung stellen“.
Die
Angelegenheit nahm nach Krestinskis eigenen Worten folgenden Verlauf:
„Ich
gab den Vorschlag an General Seeckt weiter und nannte einen Betrag von
250000 Goldmark. Nach einer Unterredung mit seinem Mitarbeiter
Generalstabschef Haase erklärte sich der General grundsätzlich
einverstanden. Als Gegenleistung verlangte er, daß ihm gewisse wichtige
militärische Informationen vertraulichen Charakters, wenn auch nicht
regelmäßig, entweder durch mich oder durch Trotzki in Moskau zur Verfügung
gestellt würden. Außerdem sollten wir ihm bei der Erlangung von Visas für
Personen, die er als Spione nach Rußland zu schicken beabsichtigte,
behilflich sein. Diese Gegenforderung des Generals wurde angenommen, die
Vereinbarung trat 1923 in Kraft.“
Am
21. Januar 1924 starb Wladimir Iljitsch Lenin, der Schöpfer und Führer
der Partei der Bolschewiki.
Trotzki
weilte damals im Kaukasus, um sich von einer leichten Influenza zu
erholen. Er kehrte nicht nach Moskau zurück, um an Lenins Begräbnis
teilzunehmen, sondern blieb in dem Badeort Suchum.
„In
Suchum lag ich lange Tage auf dem Balkon mit dem Gesicht zum Meere“,
schrieb Trotzki in „Mein Leben“. „Obwohl es Januar war, brannte die
Sonne hell und heiß … Mit dem Einatmen der Meeresluft sog ich mit
meinem ganzen Wesen die Gewißheit ein, daß im Kampf das historische
Recht auf meiner Seite steht.“
4.
Der Kampf um die Macht
Unmittelbar
nach Lenins Tod machte Trotzki seine Machtansprüche mit aller Offenheit
geltend. Auf dem Parteitag vom Mai 1924 forderte er, daß nicht Stalin,
sondern er selbst als Nachfolger Lenins anerkannt werde. Gegen den Rat
seiner eigenen Verbündeten setzte er eine Abstimmung durch. Die 748
bolschewistischen Delegierten beschlossen einmütig, Stalin als
Generalsekretär beizubehalten, und sprachen damit das Urteil über
Trotzkis persönliche Ambitionen. Die Ablehnung war so eindeutig, daß
selbst Bucharin, Sinowjew und Kamenew sich öffentlich der Majorität
anschließen und gegen ihn stimmen mußten. Trotzki war wütend und
beschuldigte sie des „Verrates“. Aber schon nach wenigen Monaten
vereinigten Trotzki und Sinowjew wiederum ihre Kräfte, um eine „Neue
Opposition“ ins Leben zu rufen.
Die
Neue Opposition ging in ihrer Zielsetzung weiter als alle früheren
separatistischen Gruppen dieser Art. Sie sprach offen die Forderung nach
einer „neuen Führerschaft“ für Sowjetrußland aus und versuchte
durch eine großangelegte Propaganda alle unzufriedenen und leicht
beeinflußbaren Elemente des Volkes zum politischen Kampf gegen die
Sowjetregierung aufzurufen. Trotzki selbst schrieb später:
„Im
Kielwasser dieser Avantgarde schleppte sich eine Schar unzufriedener,
heruntergekommener, verunglückter Existenzen nach.“ Spione, Saboteure
der Torgprom, Weiße Gegenrevolutionäre und Terroristen füllten die
Geheimzellen der Neuen Opposition. Die Zellen begannen Waffenlager
anzulegen. Eine regelrechte trotzkistische Geheimarmee war im Entstehen.
Trotzki
hielt in seiner Selbstbiographie die Worte fest, die er damals zu Sinowjew
und Kamenew sprach: „Wir müssen weit vorausdenken. Wir müssen uns auf
einen langen, schweren Kampf vorbereiten.“
Hauptmann
Sidney George Reilly vom englischen Geheimdienst gewann vom Ausland her
den Eindruck, daß der Augenblick zum Handeln gekommen war. Im Sommer des
Jahres 1924 wurde der in englischen Diensten stehende Anwärter auf die
Diktatur, Boris Sawinkow, nach Rußland geschickt, um den gegenrevolutionären
Aufstand vorzubereiten.
Winston Churchill, der in diesem Komplott eine wichtige Rolle spielte,
bestätigte, daß eine geheime Verbindung zwischen Trotzki und Sawinkow
bestand. In seinem Buch „Great Contemporaries“ heißt es: „Im Juni
1924 wurde er (Sawinkow) von Kamenew und Trotzki nachdrücklich
aufgefordert, nach Rußland zurückzukehren.“
Im
gleichen Jahr ging Trotzkis Anhänger Christian Rakowski als Botschafter
der Sowjetunion nach England. Trotzki bezeichnete ihn 1937 als seinen
Freund, seinen „wahrhaften, alten Freund“. Kurz nach Rakowskis Ankunft
in London erschienen in seinem Büro zwei Offiziere des britischen
Geheimdienstes, Hauptmann Armstrong und Hauptmann Lockhart. Die britische
Regierung hatte sich ursprünglich gegen die Entsendung eines sowjetischen
Vertreters nach London ausgesprochen. Die beiden Offiziere gaben Rakowski
nach dessen eigenen Worten folgende Erklärung:
„Wissen
Sie, warum Ihr Agrement für England erteilt wurde? Wir haben uns bei Mr.
Eastman über Sie erkundigt. Er sagte uns, daß Sie Trotzkis Gruppe angehören
und mit ihm befreundet sind. Einzig und allein aus diesem Grunde hat der
Geheimdienst Ihre Akkreditierung bewilligt.“
Einige
Monate später kehrte Rakowski nach Moskau zurück und berichtete Trotzki
über seine Londoner Erlebnisse. Der englische Geheimdienst wünsche -
ebenso wie der deutsche - mit der Opposition in Verbindung zu treten.
„Darüber muß man nachdenken“, sagte Trotzki. Nach einigen Tagen
beauftragte er Rakowski, die „Verbindung mit dem britischen Geheimdienst
herzustellen“.
Hauptmann
Reilly schrieb während der Vorbereitung seines letzten Coups gegen Rußland
an seine Frau: „In Rußland ist tatsächlich etwas ganz Neues, Starkes
und Bemerkenswertes im Gange.“ Er hatte damals von seinem Agenten, dem
englischen Konsulatsbeamten Commander E., Nachrichten über die Fühlungnahme
mit der Oppositionsbewegung erhalten. Aber im Herbst wurde er bei dem
Versuch, auf sowjetischem Gebiet mit Führern der Opposition
zusammenzutreffen, von einer russischen Grenzwache erschossen.
Wenige
Monate nach Reillys Tod begann Trotzki, wie er später in „Mein Leben“
schrieb, an einer „mysteriösen fieberhaften Erkrankung“ zu leiden. Da
„die Moskauer Ärzte nicht imstande waren, die Ursache der Krankheit
festzustellen“, beschloß Trotzki, nach Deutschland zu fahren.
In
Berlin begab sich Trotzki in eine „Privatklinik“; dort besuchte ihn
Nikolai Krestinski, der die Verbindung mit dem deutschen Geheimdienst
herstellte. Eines Tages, als Trotzki und Krestinski gerade wieder
miteinander konferierten, erschien nach Trotzkis Bericht plötzlich ein
deutscher „Polizeiinspektor“ in der Klinik; er ordnete besondere
Sicherheitsmaßnahmen an, da die deutsche Geheimpolizei soeben einem
Mordkomplott gegen Trotzki auf die Spur gekommen sei. Durch diesen uralten
Trick wurde eine stundenlange, ungestörte Aussprache zwischen Trotzki und
den Vertretern der deutschen Geheimpolizei ermöglicht…
Im
Sommer dieses Jahres traf Trotzki ein neues Abkommen mit dem deutschen
Geheimdienst, dessen Einzelheiten später von Krestinski bekanntgegeben
wurden:
„Damals
hatten wir uns bereits daran gewöhnt, regelmäßig Beträge in guter
Valuta zu erhalten. … Diese Gelder wurden auf unsere verschiedenen
Organisationen im Ausland verteilt und dienten der Verbreitung
trotzkistischer Literatur und ähnlichen Zwecken. Im Jahr 1926, zur Zeit,
als der Kampf der Trotzkisten gegen die Parteileitung den Höhepunkt
erreichte, richtete Seeckt an uns die Aufforderung, ihm unsere bisher nur
sporadischen Spionageberichte von nun an in regelmäßigen Abständen zu
übermitteln. Außerdem sollte die trotzkistische Organisation sich dafür
verbürgen, daß eine künftige trotzkistische Regierung, die im Falle
eines neuerlichen Weltkrieges möglicherweise zur Macht gelangen könnte,
die gerechten Forderungen der deutschen Bourgeoisie berücksichtigen würde.
Es handelte sich hierbei in erster Linie um die Erteilung von Konzessionen
und um sonstige Abkommen.
Trotzki
ermächtigte mich, auf General Seeckts Vorschläge einzugehen. Wir beschränkten
uns nicht mehr wie früher auf gelegentliche Informationen, sondern
richteten einen systematischen Nachrichtendienst ein. Über das
Nachkriegsabkommen wurde eine mündliche Vereinbarung getroffen.
…
Die Geldzuwendungen dauerten an. Von 1923 bis 1930 erhielten wir jährlich
250000 Goldmark, insgesamt etwa 2 Millionen Goldmark.“
Nach
seiner Rückkehr aus Deutschland leitete Trotzki eine Großoffensive gegen
die sowjetische Führerschaft ein. „Der Kampf in der russischen Partei
wurde im Jahre 1926 immer schärfer“, schreibt Trotzki in „Mein
Leben“. „Im Herbst machte die Opposition in den Versammlungen der
Parteizellen einen offenen Ausfall.“ Aber diese Taktik hatte keinen
Erfolg. Weite Kreise der Arbeiterschaft gaben ihrer Entrüstung über die
Spaltungsversuche der Trotzkisten Ausdruck. „Die Opposition“, schrieb
Trotzki, „sah sich genötigt, den Rückzug anzutreten.“
Als
sich die Kriegsgefahr im Sommer 1927 über Rußland zusammenzog, nahm
Trotzki seine Angriffe gegen die Sowjetregierung wieder auf. Er gab in
Moskau folgende Öffentliche Erklärung ab:
„Wir
müssen die Taktik Clemenceaus erneuern, der sich bekanntlich zu einer
Zeit, wo die Deutschen 80 Kilometer von Paris entfernt waren, gegen die
französische Regierung auflehnte!“
Stalin
bezeichnete Trotzki als Verräter. Er sagte: „Eine Art Einheitsfront von
Chamberlain
bis Trotzki“ ist im Entstehen.
Auch
diesmal kam es zu einer Abstimmung über Trotzki und seine
Oppositionsbewegung. Eine allgemeine Diskussion ergab, daß die überwältigende
Mehrheit der bolschewistischen Parteimitglieder die trotzkistische
Opposition ablehnte und der Führung Stalins Gefolgschaft leistete. Das
Stimmenverhältnis war 740000 zu 4000.
In
seiner Selbstbiographie berichtet Trotzki, daß nach dieser vernichtenden
Niederlage eine fieberhafte konspirative Tätigkeit einsetzte: „An
mehreren Stellen in Moskau und in Leningrad fanden geheime Versammlungen
von Arbeitern, Arbeiterinnen und Studenten statt, wo zwanzig bis hundert
und zweihundert Menschen zusammenkamen, um einen Vertreter der Opposition
anzuhören. Im Laufe eines Tages besuchte ich zwei, drei, mitunter auch
vier solcher Versammlungen … Die Opposition hatte geschickt eine große
Versammlung im Saal der Technischen Hochschule vorbereitet, der von innen
besetzt wurde … Störungsversuche der Verwaltung blieben erfolglos. Ich
und Kamenew sprachen etwa zwei Stunden.“
Trotzki
bereitete sich mit Hochdruck auf den bevorstehenden Entscheidungskampf
vor. Ende Oktober war sein Entschluß gefaßt: am 7. November 1927, dem
zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution, sollte es zum Aufstand kommen.
Die Führung war den entschlossensten Männern seines Anhanges, ehemaligen
Mitgliedern seiner Leibgarde, anvertraut. In allen Teilen des Landes
wurden Detachements für die Besetzung der strategisch wichtigen Punkte
vorbereitet. Eine politische Demonstration gegen die Sowjetregierung, die
während der großen Moskauer Arbeiterparade am Morgen des 7. November
stattfinden sollte, war als Signal für die allgemeine Erhebung gedacht.
Trotzki
bemerkte dazu später in „Mein Leben“:
„Die
Kerngruppe der Opposition ging dieser Lösung mit offenen Augen entgegen.
Wir wußten genau, daß wir nicht durch Paktieren und Ausweichen unsere
Ideen auf die junge Generation übertragen konnten, sondern nur im offenen
Kampfe, der vor keinen praktischen Folgen zurückschreckt.“
Trotzkis
Aufstandsversuch brach zusammen, bevor er noch recht zur Entwicklung
gekommen war. Als die Arbeiter am Morgen, des 7. November durch die
Moskauer Straßen marschierten, flatterten von den Fenstern mehrstöckiger
Gebäude trotzkistische Flugzettel herab, die das Erscheinen einer
„neuen Führung“ ankündigten.
In
den Straßen zeigten sich plötzlich kleine Gruppen mit trotzkistischen
Transparenten. Sie wurden von den empörten Arbeitern verjagt.
Die
Sowjetbehörden griffen rasch zu. Muralow, Smirnow, Mratschkowski und
andere ehemalige Mitglieder der Trotzki-Garde wurden sofort verhaftet.
Kamenew und Pjatakow wurden in Moskau festgenommen.
Regierungsagenten
beschlagnahmten trotzkistische Geheimdruckereien und Munitionslager.
Sinowjew und Radek wurden in Leningrad verhaftet (sie sollten dort zur
gleichen Zeit einen Putsch durchführen).
Einer
von Trotzkis Anhängern, der Diplomat Joffe, der früher Botschafter in
Japan gewesen war, beging Selbstmord. In manchen Städten wurden die
Trotzkisten in Gesellschaft von ehemaligen weißgardistischen Offizieren,
sozialrevolutionären Terroristen und ausländischen Agenten
angetroffen…
Trotzki
wurde aus der Kommunistischen Partei ausgestoßen und in die Verbannung
geschickt.
5.
Alma-Ata
Trotzki
wurde nach Alma-Ata, der Hauptstadt der unweit der chinesischen Grenze
gelegenen Kasachischen Sowjetrepublik, verbannt. Er bewohnte mit seiner
Frau Natalie und seinem Sohn Sedow ein eigenes Haus. Die Sowjetregierung,
die sich über die wahre Bedeutung und Ausdehnung der trotzkistischen
Verschwörung noch nicht im klaren war, behandelte Trotzki mit großer
Nachsicht. Er durfte einen Teil seiner persönlichen Leibwache, darunter
den ehemaligen Offizier der Roten Armee Ephraim Dreitzer, bei sich
behalten. Man gestattete ihm, Privatbriefe abzusenden und zu empfangen. Er
hatte eine eigene Bibliothek und ein Geheim-„Archiv“ und erhielt von
Zeit zu Zeit den Besuch von. Freunden und Bewunderern.
Trotzki
setzte seine konspirativen Umtriebe auch in der Verbannung fort…
Der
geschickteste Taktiker unter den Trotzkisten, der Diplomat und deutsche
Agent Nikolai Krestinski, legte am 27. November 1927 in einem
vertraulichen Sehreiben an Trotzki die Richtlinien für die nächsten
Jahre fest.
Die
trotzkistische Opposition, schrieb Krestinski, dürfe unter keinen Umständen
versuchen, die offene Agitation gegen die Sowjetregierung fortzusetzen.
Die Trotzkisten müßten sich vielmehr um die Wiederaufnahme in die Partei
bemühen, um neuerlich Schlüsselstellungen in der Sowjetregierung zu
erlangen und den Kampf um die Macht innerhalb des Regierungsapparates
fortzusetzen.
Die
Trotzkisten, meinte Krestinski, sollten bestrebt sein, „langsam und
schrittweise durch unermüdliche Arbeit im Rahmen der Partei und des
Sowjetapparates das Zutrauen der Massen zu gewinnen und den früheren
Einfluß wiederzuerlangen.“
Diese
schlaue Taktik leuchtete Trotzki ein. Krestinski enthüllte später, daß
Trotzki seinen verhafteten und verbannten Anhängern schon nach kurzer
Zeit die Anweisung gab, „sich mit Hilfe falscher Angaben wieder in die
Partei einzuschleichen“, „unsere Tätigkeit im geheimen, fortzuführen“
und „sich mehr oder weniger unabhängige, verantwortliche Posten zu
sichern“.
Pjatakow,
Radek, Sinowjew, Kamenew und andere in der Verbannung lebende Mitglieder
der Opposition sagten sich plötzlich von Trotzki los; sie sprachen von
dem „tragischen Irrtum“ ihrer Vergangenheit und suchten um
Wiederaufnahme in die Kommunistische Partei an.
In
Trotzkis Haus in Alma-Ata liefen die Fäden der sowjetfeindlichen Intrigen
zusammen.
„Die
ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der Opposition waren damals
außerordentlich heftig“, schrieb Trotzki später in seiner Flugschrift
„Leo Sedow: Sohn, Freund und Kämpfer“. Von seinem Exil aus leitete
Trotzki eine geheime Propagandaorganisation und Sabotagetätigkeit gegen
die Sowjetregierung.
Der
geheime Nachrichtendienst, durch den Trotzki die Verbindung mit seinen
eigenen Anhängern und anderen Oppositionsgruppen des Landes
aufrechterhielt, war der Obhut seines Sohnes Leo Sedow anvertraut. Sedow,
der mit einigen zwanzig Jahren bereits alle Künste der konspirativen
Technik beherrschte, stellte seine fanatische Ergebenheit in den Dienst
der Oppositionsbewegung, wobei ihn das egoistische, diktatorische Benehmen
seines Vaters mit Erbitterung und Gehässigkeit erfüllte.
An
die hundert Geheimbotschaften gingen allwöchentlich durch Sedows Hände.
Außerdem schickte Trotzki große Mengen von Propagandamaterial und persönlichen
Briefen ab. Viele dieser Schreiben enthielten „Direktiven“ für seine
Anhänger und sowjetfeindliche Propaganda. „Von April bis Oktober
(1928)“, konnte sich Trotzki rühmen, „erhielten wir rund tausend
politische Briefe und etwa 700 Telegramme. In der gleichen Zeit sandten
wir 500 Telegramme und nicht weniger als 800 politische Briefe ab …“
Im
Dezember 1928 erschien in Alma-Ata ein Bevollmächtigter der
Sowjetregierung. Nach dem in „Mein Leben“ enthaltenen Bericht erklärte
er Trotzki: „Die Arbeit Ihrer Gesinnungsgenossen im Lande hat in der
letzten Zeit einen offen konterrevolutionären Charakter angenommen; Ihre
Lebensbedingungen in Alma-Ata geben Ihnen die Möglichkeit, diese Arbeit
zu leiten.“ Die Sowjetregierung fordere die Einstellung dieser aufrührerischen
Umtriebe. Sollte Trotzki sein Versprechen nicht halten, so werde die
Regierung sich gezwungen sehen, ihn ohne weitere Rücksichtnahme als Verräter
zu behandeln. Trotzki lehnte es ab, dieser Warnung Beachtung zu schenken.
Sein Fall wurde jetzt von dem Sonderkollegium der GPU in Moskau
aufgenommen.
In
der Nummer 41 der „Prawda“ vom 19. Februar 1929 wurde folgende
TASS-Meldung veröffentlicht:
„L.
D. Trotzki wurde auf Anordnung des Sonderkollegiums der GPU wegen
antisowjetischer Tätigkeit aus der UdSSR ausgewiesen. Seinem Wunsche
entsprechend, ist seine Familie mit ihm abgereist.“
Trotzki
war formell aus der Sowjetunion ausgewiesen. Damit begann die merkwürdigste
Phase seines Lebens.
„Verbannung
bedeutet im allgemeinen Abtreten von der Bühne. Im Fall Trotzki trat das
Gegenteil ein“, schrieb später Isaac P. Marcosson in seinem Buch
„Turbulent Years“ - „Solange er innerhalb der Sowjetgrenzen lebte,
glich er einer menschlichen Hornisse, aber auch jetzt, aus einer
Entfernung von vielen tausend Kilometern, ist sein Stachel kaum minder
wirksam. Aus der Ferne wirkend, wurde er zum Erzfeind Rußlands. Dieser
Meister der Demagogie lebte in einer abenteuerlichen Atmosphäre
nationaler und internationaler Konspiration. Er gleicht einer Figur aus
einem Kriminalroman.“
Anmerkungen
Nachfolgend eine chronologische Zusammenstellung von Äußerungen
Lenins über Trotzki und die Rolle, die Trotzki in der revolutionären
Bewegung Rußlands spielte.
1911
„Im Jahre 1903 war Trotzki Menschewik; 1904 trennte er sich von den
Menschewiki; 1905 kehrte er wieder zu ihnen zurück und paradierte mit
ultrarevolutionären Phrasen, bis er ihnen 1906 wieder den Rücken
kehrte... Trotzki schmarotzt heute auf den Ideen der einen Gruppe,
morgen auf denen der anderen und bildet sich ein, beiden überlegen zu
sein... Ich kann nur sagen, daß Trotzki ausschließlich seine eigene
Gruppe repräsentiert.“
1911
„Leute wie Trotzki, die marktschreierische Phrasen von sich geben
... sind die Krankheit unserer Zeit... Jedermann, der Trotzkis Grüppchen
unterstützt, unterstützt die Politik der Lüge und des Betrugs an
den Arbeitern. Die Aufgabe Trotzkis besteht eben darin... den
Arbeitern Sand in die Augen zu streuen ... Mit Trotzki kann man nicht
prinzipiell diskutieren, denn er hat keinerlei Ansichten... Wir können
ihn nur als Diplomaten aller niedrigster Sorte bezeichnen.“
1912
„Dieser Block besteht aus Mangel an Grundsätzen, Scheinheiligkeit
und leeren Phrasen... Trotzki bemäntelt sie mit revolutionären
Phrasen, die ihn nichts kosten und ihn in keiner Weise binden.“
1914
„Die alten Teilnehmer an der marxistischen Bewegung in Rußland
kennen die Figur Trotzkis genau, und für sie lohnt es nicht, von ihr
zu sprechen. Aber die junge Arbeitergeneration kennt sie nicht, und
man muß von ihr sprechen... Derartige Typen sind charakteristisch als
Trümmer geschichtlicher Gestaltungen und Formationen von gestern, wo
die proletarische Massenbewegung in Rußland noch schlief....“
„Noch
niemals, noch in keiner ernsthaften Frage des Marxismus hatte Trotzki
feste Meinungen, immer kroch er in die Risse und Spalte dieser oder
jener Meinungsdifferenzen und lief dabei von einer Seite auf die
andere.“
Trotzki traf erst zwei Monate vor dem Sturz der Zarenregierung
in den Vereinigten Staaten ein, nachdem er im Herbst 1916 aus
Frankreich ausgewiesen worden war. Bucharin, der von Österreich
gekommen war, befand sich schon vor ihm in Amerika.
Bruce Lockhart äußert in seinen Memoiren „British Agent“
die Ansicht, daß die britische Regierung Trotzki gegenüber einen
schweren Fehler beging. „Die Behandlung, die wir Trotzki angedeihen
ließen, war sehr unklug. Wahrend der ersten Revolution hielt er sich
in Amerika auf. Er war damals weder Menschewik noch Bolschewik. Er war
das, was Lenin unter Trotzkist verstand: ein Individualist und
Opportunist. Ein solcher Mensch kann nie ein guter Parteimann werden,
und Trotzki ist es auch nie gewesen. Sein Verhalten vor der ersten
Revolution hatte Lenins schärfste Mißbilligung gefunden ... Im Frühjahr
1917 ersuchte Kerenski die britische Regierung, Trotzki die Rückkehr
nach Rußland zu ermöglichen ... Unser Verhalten war wie stets, wenn
es sich um Rußland handelt, durch eine verhängnisvolle Halbheit
gekennzeichnet. Trotzki wurde wie ein Verbrecher behandelt. In Halifax
wurde er in einem Gefangenenlager interniert... Erst nachdem wir uns
bei ihm gründlich verhaßt gemacht hatten, gestatteten wir ihm die Rückkehr
nach Rußland.“
Über Trotzkis oppositionelles Verhalten während der
Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk siehe II. Kapitel.
Nachdem
Trotzkis Ernennung zum Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten
rückgängig gemacht worden war, bezeichnete er sein Verhalten in
Brest-Litowsk öffentlich als Irrtum und bot Lenin neuerlich seine
vorbehaltlose Mitarbeit an. Trotzki erhielt einen neuen Posten, er
wurde Kriegskommissar. Die militärische und praktische Leitung der
Roten Armee lag vorwiegend in den Händen von Männern wie Stalin,
Frunse, Woroschilow, Kirow, Schtschors und Budjonny. Trotzki, der sich
als Kriegskommissar mit Vorliebe auf den Rat einiger
„Spezialisten“ des alten Zarenreiches verließ, brachte sich
wiederholt in Gegensatz zu militärischen Entscheidungen des
Zentralkomitees und machte sich offenkundiger Überschreitungen seiner
Machtbefugnisse schuldig. In mehreren Fällen konnte Trotzki nur durch
das direkte Eingreifen des Zentralkomitees daran gehindert werden, führende
bolschewistische Militärs, die gegen sein eigenmächtiges Verhalten
an der Front Einspruch erhoben hatten, hinrichten zu lassen.
Im
Sommer 1919 schlug Trotzki mit der Begründung, daß Koltschak keine
Bedrohung im Osten mehr darstelle, vor, die Kräfte der Roten Armee für
den Kampf gegen Denikin nach dem Süden abzuziehen. Stalin wies darauf
hin, daß man damit nur Koltschak die für die Neuorganisierung und
Aufrüstung seiner Armee und die Vorbereitung einer neuen Offensive
notwendige Atempause geben würde. Stalin erklärte als militärischer
Vertreter des Zentralkomitees: „Der Ural mit seinen Fabriken und
seinem Eisenbahnnetz darf Koltschak nicht in die Hände fallen, da er
mit Leichtigkeit die dortigen Großbauern für sich gewinnen und gegen
die Wolga vorstoßen könnte.“ Trotzkis Plan wurde vom
Zentralkomitee abgelehnt, und er nahm an der Ostkampagne, die zur endgültigen
Niederlage Koltschaks führte, nicht mehr teil.
Im
Herbst 1919 entwarf Trotzki einen Feldzugsplan gegen Denikin, der
einen Marsch durch die Donsteppen vorsah, eine fast weglose Gegend, in
der es von gegenrevolutionären Kosakenbanden wimmelte. Stalin, der
vom Zentralkomitee an die Südfront entsandt worden war, schlug statt
dessen einen Vormarsch der Roten Armee durch das Donezbecken vor, in
dem es ein dichtes Eisenbahnnetz, Kohlen Vorräte und eine
sympathisierende Arbeiterbevölkerung gab. Stalins Plan wurde vom
Zentralkomitee angenommen. Trotzki wurde von der Südfront abberufen.
Er erhielt den „Rat“, sich in die Operationen im Süden nicht
einzumischen und die Demarkationslinie der Südfront nicht zu überschreiten.
Stalins Plan kam zur Ausführung, Denikin wurde besiegt.
Zu
den engsten Vertrauten des Kriegskommissars gehörte der ehemalige
zaristische Offizier Oberst Vazetis, der während der Kämpfe gegen
Koltschak als Oberkommandierender gleichzeitig mit Trotzki an der
Ostfront weilte. Die Sowjetbehörden entdeckten, daß Vazetis in
Intrigen gegen die eigene Heeresleitung verwickelt war. Er wurde von
seinem Posten entfernt. In „Mein Leben“ bringt Trotzki merkwürdige
Argumente zur Verteidigung seines ehemaligen Kollegen vor: „Vazetis
erließ in Augenblicken der Begeisterung Dekrete, ohne dabei an die
Existenz des Rates der Volkskommissare und des Allrussischen
Zentralexekutivkomitees zu denken. Etwa ein Jahr später wurde Vazetis
irgendwelcher verdächtiger Absichten und Verbindungen beschuldigt, so
daß man ihn absetzen mußte. Jedoch nichts Ernstes hatte sich hinter
diesen Beschuldigungen verborgen. Es ist möglich, daß er vor dem
Einschlafen in der Biographie Napoleons geblättert und jungen
Offizieren gegenüber einige unbescheidene Gedanken geäußert
hatte.“
Im April 1937 äußerte sich Trotzki folgendermaßen über
seine Verbindung mit dem Mörder Blumkin: „Während des Krieges gehörte
er meinem Militärsekretariat an und stand mit mir in persönlichem
Kontakt ... Er hatte eine ungewöhnliche Vergangenheit. Er war
Mitglied der Linken Opposition der Sozialrevolutionäre gewesen und
hatte an dem Aufstand gegen die Bolschewiki teilgenommen. Er ist der
Mann, der den deutschen Botschafter Mirbach tötete... Ich verwendet
ihn in meinem Militärsekretariat, und auch sonst stand mir Blumkin
stets zur Verfügung, wenn ich einen mutigen Mann brauchte.“
Sämtliche im III. Buch enthaltenen Zitate und Dialoge, die
sich auf die illegale Tätigkeit der Trotzkisten innerhalb von Rußland
beziehen, sind - wenn im Text nichts Gegenteiliges bemerkt ist - den
Zeugenaussagen entnommen, die während der Prozesse vor dem Militärkollegium
des Obersten Gerichtshof der UdSSR in Moskau im August 1936, Januar
1937 und März 1938 gemacht wurden. Dialoge und Ereignisse, an denen
Trotzki und sein Sohn Sedow direkt beteiligt sind, entstammen - wenn
nichts Gegenteiliges vermerkt ist - den Aussagen der in diesen
Prozessen angeklagten Personen.
Diese Erklärung gab Rakowski während der Zeugenvernehmung vor
dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR im März
1938 ab. In der Zeit, von der Rakowski spricht, das heißt, in den
zwanziger Jahren, war der amerikanische Schriftsteller und Journalist
Max Eastman Trotzkis offizieller Übersetzer und einer der wichtigsten
Verbreiter trotzkistischer Propaganda in den Vereinigten Staaten.
Eastman war der erste, der das sogenannte „Lenin-Testament“ veröffentlichte,
ein angeblich authentisches Dokument aus dem Jahr 1923.
Trotzki
gab zu, daß Lenin kein Testament hinterlassen hatte. In einem Brief
an den „New York Daily Worker“ vom 8. August 1925 schrieb er:
„Lenin hat kein Testament hinterlassen. Sowohl der Charakter seiner
Beziehung zur Partei wie der Charakter der Partei selbst machen ein
solches ‚Testament’ völlig unmöglich.“
Der damals amtierende englische Außenminister, ein erbitterter
Feind der Sowjetunion.
Die Opposition brachte es im Verlauf ihrer Agitation nie zu
einer höheren Stimmenzahl als 4000. Obwohl die Partei die Bildung von
„Fraktionen“ untersagte und offiziell auf der revolutionären
Einheit als der Grundlage der sowjetischen Innenpolitik bestand, gewährte
die Sowjetregierung der trotzkistischen Opposition ein erstaunliches
Maß von Rede- und Versammlungsfreiheit. Besonders in der Zeit nach
Lenins Tod, als das Land eine innen- und außenpolitische Krise
durchmachte, war es Trotzki möglich, diese Lage auszunützen, um
seine Gruppe zu einer Massenbewegung auszubauen. Die Opposition
spielte in ihrer öffentlichen Propaganda jedes nur denkbare
politische Argument gegen das Sowjetregime aus. Die Wirtschafts- und
Sozialpolitik der Stalinverwaltung wurde ständig kritisiert. Die
trotzkistische Agitation wurde trotzdem erst von dem Augenblick an
unterdrückt, wo ihre Sowjetfeindlichkeit und die Verbindung mit
anderen sowjetfeindlichen Kräften einwandfrei erwiesen war.
In Trotzkis Abwesenheit übernahm
Nikolai Bucharin vorübergehend die Verantwortung für die Führung
der noch vorhandenen oppositionellen Kräfte. Bucharin war in einen
gewissen Gegensatz zu Trotzki geraten und hatte klugerweise jede
offene Beteiligung an dem mißglückten Putschversuch vermieden. Er
betrachtete nicht Trotzki, sondern sich selbst als den wahren Führer
und Theoretiker der Opposition. Er leitete in Moskau das „Institut für
Rote Professoren“ und umgab sich mit einer Anzahl von „Kaders“ -
wie er sie nannte -, die aus jungen Studenten zusammengesetzt waren.
Bucharin unterrichtete einen Teil dieser Studenten in der Technik der
Konspiration. Er unterhielt auch Beziehungen zu den Intellektuellen
der technischen Berufe, die sich der Industrie-Partei angeschlossen
hatten. Bucharin hatte sich früher als „linker Kommunist“
bezeichnet; jetzt, nach Trotzkis Niederlage, begann er, die Grundsätze
der später als „Rechtsopposition“ bekannten Bewegung zu
formulieren.
Trotzki
hatte nach Bucharins Ansicht voreilig gehandelt. Er führte Trotzkis
Mißerfolg vor allem darauf zurück, daß dieser nicht in Übereinstimmung
mit allen anderen im Lande wirksamen sowjetfeindlichen Kräften
vorgegangen war. Bucharin unternahm nun den Versuch, diesen Fehler
durch seine Rechtsopposition gutzumachen. Die Ächtung der Trotzkisten
war vollzogen, und der erste Fünfjahresplan sollte zu voller
Wirksamkeit gebracht werden. Das Land litt unter neuen Entbehrungen,
Schwierigkeiten und inneren Spannungen. Bucharin organisierte
gemeinsam mit dem Regierungsbeamten Alexei Rykow und dem
Gewerkschaftsführer Tomski sowie in geheimer Zusammenarbeit mit den
Agenten der Torgprom und den Menschewiki eine Rechtsopposition
innerhalb der Kommunistischen Partei. Die Grundlage der
Rechtsopposition war der offene Widerspruch gegen den Fünfjahresplan.
Aber hinter den Kulissen, in geheimen Zusammenkünften mit Trotzkis
Vertretern und Agenten der anderen illegalen Organisationen,
formulierte Bucharin das wahre Programm der „Rechtsopposition“.
Bucharin
erklärte später: „Mein Programm würde auf wirtschaftlichem Gebiet
praktisch auf folgende Punkte hinauslaufen: Staatskapitalismus, das
Wohlergehen des einzelnen Muschiks, Einschränkung der
Kollektivwirtschaften, Konzessionen für das Ausland, Aufgabe des Außenhandelsmonopols,
mit einem Wort, die ‚Wiederherstellung des Kapitalismus in Rußland’...
Unser Programm innerhalb des Landes (war) die Blockbildung mit den
Menschewiki, Sozialrevolutionären und der gleichen... Politisch
gesehen ein Zurückgreifen auf Methoden, die zweifellos Elemente des
Zarentums... und des Faschismus... enthalten.“
Bucharin
gewann durch die neue politische Linie seiner Opposition Anhänger aus
den Reihen der Streber unter den höheren Beamten, die nicht an den
Erfolg des Fünf jahresplanes glaubten. Die Führer der
Kulaken-Organisationen, die sich der Kollektivierung mit Erbitterung
widersetzten, verschafften der Rechtsopposition Bucharins jene
Massenbasis, um die sich Trotzki immer vergeblich bemüht hatte.
Trotzki war zuerst darüber verstimmt, daß Bucharin die Führung der
von ihm gegründeten Bewegung an sich gerissen hatte; nach einer
kurzen Zeit der Rivalität, die sich bis zum offenen Kampf steigerte,
wurden die Gegensätze beigelegt. Die öffentliche, „legale“ Phase
der Rechtsopposition dauerte bis zum November 1929; damals wurde in
einer Plenarversammlung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei
erklärt, daß die Verbreitung der Anschauungen der Rechtsopposition
mit der Parteizugehörigkeit unvereinbar sei. Bucharin, Rykow und
Tomski wurden aua ihren hohen Stellungen entfernt.
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