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USA-Botschafter
Joseph E. Davia:
„Ich
sprach mit vielen, wenn auch nicht sämtlichen Mitgliedern des
hiesigen diplomatischen Korps; sie sind - vielleicht ‚mit
einer einzigen Ausnahme’ - übereinstimmend der Ansicht, daß
die Verhandlung das Bestehen eines politischen Komplotts und
einer staatsfeindlichen Verschwörung klar erwiesen hat.“ |
Die
große Verschwörung
Darstellung
des antikommunistischen Kampfes 1919-1945
Von
Michael Sayers und Albert E. Kahn
Drittes
Buch - Die fünfte Kolonne in Rußland
Quelle:
Stalinwerke
XX.
DAS ENDE
1.
Tuchatschewski
Rußland
wurde wieder einmal von dem Gespenst des großen Korsen heimgesucht. Der
neue Anwärter auf napoleonischen Ruhm war Michail Nikolajewitsch
Tuchatschewski. Aus dem ehemaligen zaristischen Offizier und Sohn eines
adligen Gutsbesitzers war einer der Kommandeure der Roten Armee
geworden.
Als
der junge Tuchatschewski nach Ablegung seiner Prüfungen die
Alexandrowsk-Militärakademie verließ, tat er den prophetischen
Ausspruch: „Wenn ich nicht mit dreißig Jahren General bin, begehe ich
Selbstmord!“ Den ersten Weltkrieg machte er als Offizier der
zaristischen Armee mit. 1915 wurde er von den Deutschen
gefangengenommen. Leutnant Fervaque, ein französischer Offizier, der
Tuchatschewski im Gefangenenlager kennenlernte, schilderte den
russischen Offizier als skrupellos und ehrgeizig. Er war ein
begeisterter Anhänger Nietzsches. Als von der russischen Revolution die
Rede war, sagte Tuchatschewski: „Viele wünschen sie herbei. Gott
allein weiß, wohin eine Revolution in unserem Lande führen würde. Ich
glaube, eine konstitutionelle Regierung wäre das Ende Rußlands. Wir
brauchen einen Despoten!“
Am
Vorabend der Oktoberrevolution entfloh Tuchatschewski aus der deutschen
Gefangenschaft. Er kehrte nach Rußland zurück und schloß sich dort
den zaristischen Offizieren an, die eine Weiße Armee gegen die
Bolschewiki aufzustellen versuchten. Dann ging er plötzlich zur
feindlichen Partei über. Einem seiner Freunde, dem Hauptmann Dmitri
Golum-Bek, vertraute er seinen Entschluß an, sich von der Sache der
„Weißen“ loszusagen. „Ich fragte ihn, was er zu tun gedenke“,
erzählte Golum-Bek später. Er antwortete: „Ehrlich gesagt, ich gehe
zu. den Bolschewiki. Die Weiße Armee kann nichts ausrichten. Wir haben
keinen Führer.“ Einige Minuten ging er schweigend auf und ab, dann
rief er aus: „Du brauchst mir nicht zu folgen, wenn du nicht willst,
aber ich glaube, richtig zu handeln. In Rußland wird vieles anders
werden!“ 1918 trat Tuchatschewski in die Kommunistische Partei ein.
Er
fand bald seinen Platz unter den Abenteurern, die sich um den
Kriegskommissar Trotzki scharten; aber er ließ sich niemals allzu tief
in Trotzkis politische Intrigen hineinziehen. Da die junge Rote Armee
Mangel an erfahrenen Fachleuten hatte, konnte er als erprobter,
sachkundiger Offizier rasch Karriere machen. Er befehligte die Erste und
Fünfte Armee an der Wrangel-Front, nahm an der erfolgreichen Offensive
gegen Denikin teil und leitete gemeinsam mit Trotzki den unglücklichen
Verteidigungskampf gegen die einfallenden Polen. 1922 wurde er Vorstand
der Militärakademie der Roten Armee. Nachdem es im selben Jahr zum
Abschluß des Vertrages von Rapallo gekommen war, nahm er mit einigen
anderen maßgebenden Offizieren an den militärischen Verhandlungen mit
der Weimarer Regierung teil.
In
den folgenden Jahren stand Tuchatschewski an der Spitze einer kleinen
Gruppe von Militärs und ehemaligen zaristischen Offizieren des
Generalstabs der Roten Armee, die an der Führerschaft ehemaliger
Partisanenkämpfer wie Marschall Budjonny und Marschall Woroschilow
Anstoß nahmen. Zu Tuchatschewskis Gruppe gehörten die Generale Jakir,
Kork, Uborewitsch und Feldman, die dem deutschen Militarismus eine
geradezu sklavische Bewunderung entgegenbrachten. Der trotzkistische
Offizier V. I. Putna, Militärattache in Berlin, London und Tokio, und
General Jan B. Gamamik, ein persönlicher Freund der Reichswehrgenerale
Seeckt und Hammerstem, waren Tuchatschewskis engste Verbündete.
Unter
dem Einfluß Tuchatschewskis, Putnas und Gamarniks bildete sich
innerhalb des Roten Generalstabes bald eine kleine, aber einflußreiche
deutschfreundliche Clique heraus. Tuchatschewski und seine Freunde wußten
von Trotzkis Vereinbarung mit der Reichswehr, die sie als
„politisches“ Abkommen betrachteten, das durch eine Militärallianz
zwischen Tuchatschewskis Gruppe und der deutschen Heeresleitung ergänzt
werden sollte. Hitlers Aufstieg zur Macht beeinträchtigte das geheime
Einverständnis Tuchatschewskis mit dem deutschen Oberkommando in keiner
Weise. Hitler war ein „Politiker“, ebenso wie Trotzki. Die Militärs
hatten eine besondere Art, die Dinge anzusehen…
Seit
dem Entstehen des Blocks der Rechten und Trotzkisten hatte Trotzki in
Tuchatschewski stets den Trumpf der ganzen Verschwörung gesehen, der
erst im letzten, entscheidenden Augenblick ausgespielt werden sollte.
Trotzki erhielt die Verbindung mit Tuchatschewski in erster Linie durch
Krestinski und den trotzkistischen Militärattache Putna aufrecht.
Bucharin betreute später Tomski mit der Aufgabe, für einen ständigen
Kontakt mit der Militärgruppe zu sorgen. Sowohl Trotzki als auch
Bucharin wußten ganz genau, daß Tuchatschewski „Politiker“ und
„Ideologen“ gründlich verachtete, und sie fürchteten seine militärischen
Ambitionen. In einem Gespräch mit Tomski erwog Bucharin einmal die Möglichkeit,
die Militärgruppe zum aktiven Eingreifen aufzufordern. Bucharin sagte:
„Es
würde ein Militärputsch sein. Und die Militärgruppe müßte
logischerweise zu außerordentlich großem Einfluß gelangen … Ich
sehe hier eine bonapartistische Gefahr. Und die Bonapartisten - ich
denke da in erster Linie an Tuchatschewski - werden vor allem einmal mit
ihren Verbündeten und sogenannten Inspiratoren in napoleonischem Stil
kurzen Prozeß machen. Tuchatschewski hat das Zeug zu einem kleinen
Napoleon in sich - und wir wissen ja, wie Napoleon mit den sogenannten
Ideologen verfuhr.“
Bucharin
fragte Tomski:
„Wie
soll der Putsch nach Tuchatschewskis Vorstellung verlaufen?“
„Das
ist Sache der militärischen Organisation“, antwortete Tomski. Er fügte
hinzu, daß die Militärgruppe die Absicht habe, im Augenblick eines
nazistischen Angriffes auf Rußland „die Front zu öffnen“ - mit
anderen Worten, sich dem deutschen Oberkommando zu ergeben. Dieser Plan
war bereits bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet und sowohl von
Tuchatschewski, Putna und Gamarnik als auch von den Deutschen gebilligt
worden.
„In
diesem Fall“, meinte Bucharin nachdenklich, „wird es uns vielleicht
möglich sein, die bonapartistische Gefahr, die mich beunruhigt,
loszuwerden.“
Tomski
verstand nicht, was er meinte. Bucharm erklärte ihm, daß
Tuchatschewski eine Militärdiktatur anstreben würde; möglicherweise würde
er sogar versuchen, die politischen Führer der Verschwörung als Sündenböcke
zu benutzen und sich auf diese Weise populär zu machen. Aber die
Politiker könnten sich leicht revanchieren, wenn sie erst einmal an die
Macht gelangt seien. „Es wird sich vielleicht als notwendig erweisen,
die für die ‚Niederlage’ an der Front Verantwortlichen vor Gericht
zu stellen. Das gibt uns die Möglichkeit, die Massen mit patriotischen
Schlagworten für uns zu gewinnen.“
Zu
Beginn des Jahres 1936 reiste Tuchatschewski nach London, um als militärischer
Vertreter der Sowjetunion an dem Staatsbegräbnis König Georgs V. von
England teilzunehmen. Vor seiner Abreise wurde ihm der längst ersehnte
Titel „Marschall der Sowjetunion“ verliehen. Er war damals bereits
überzeugt, daß der Untergang der Sowjetregierung nahe bevorstehe, daß
ein neues Rußland im Verein mit Deutschland und Japan den Kampf um die
Weltherrschaft antreten werde.
Auf
der Reise nach London nahm Tuchatschewski kurzen Aufenthalt in Warschau
und Berlin, um mit polnischen „Obersten“ und deutschen Generalen zu
konferieren. Er war so zuversichtlich, daß er aus seiner Bewunderung für
das deutsche Militär gar kein Hehl machte.
Bei
einem offiziellen Diner, das die Pariser sowjetische Botschaft nach
seiner Rückkehr aus London veranstaltete, setzte Tuchatschewski die
europäischen Diplomaten durch offene Angriffe auf die Sowjetregierung
in Erstaunen; er kritisierte die Versuche der Sowjetunion, die
westlichen Demokratien für eine Politik der kollektiven Sicherheit zu
gewinnen. Tuchatschewski, der mit Außenminister Nicola Titulescu an
einem Tisch saß erklärte dem rumänischen Diplomaten:
„Monsieur
le Ministre, es ist unrecht, daß Sie Ihre Laufbahn und das Schicksal
Ihrer Nation an Länder ketten, die alt und ‚erledigt’ sind wie Großbritannien
und Frankreich. Wir sollten unsere Blicke auf das neue Deutschland
richten. Für eine gewisse Zeit zumindest wird Deutschland die Führung
des europäischen Kontinents übernehmen. Ich bin überzeugt, daß
Hitler zu unser aller Rettung beitragen wird.“
Diese
Bemerkungen Tuchatschewskis wurden von dem ebenfalls geladenen rumänischen
Diplomaten und Chef des Pressedienstes der Pariser rumänischen
Botschaft, E. Schachanan Esseze, aufgezeichnet. Die berühmte politische
Schriftstellerin Genevieve Tabouis berichtete später in ihrem Buch
„Man nennt mich Kassandra“:
„Ich
sah Tuchatschewski zum letztenmal am Tage nach dem Begräbnis König
Georgs V. Bei einem Diner der sowjetischen Botschaft zeigte sich der
russische General in Gesprächen mit Politis, Titulescu, Herriot und
Boncour sehr aufgeschlossen … Er war gerade von einer Deutschlandreise
zurückgekehrt und wurde nicht müde, die Nazis zu preisen. Er saß zu
meiner Rechten, und als er auf einen Luftpakt zwischen Hitler und den
Großmächten zu sprechen kam, sagte er immer wieder: ‚Die Deutschen
sind schon jetzt unbesiegbar, Madame Tabouis!’ Was veranlaßte ihn zu
so zuversichtlichen Äußerungen? Hatten ihm die deutschen Diplomaten,
die zu diesem Mann aus der alten russischen Schule leichten Zugang
fanden, durch eine besonders herzliche Aufnahme den Kopf verdreht? Ich
war an diesem Abend jedenfalls nicht die einzige, die sich durch seine
begeisterten Reden beunruhigt fühlte. Einer der Gäste - ein
bedeutender Diplomat - flüsterte mir, als wir die Botschaft verließen,
ins Ohr: ‚Nun, ich kann nur hoffen, daß nicht alle Russen so
denken’.“
Im
August 1936 wurde das Verfahren gegen den terroristischen
trotzkistisch-sinoewjewistischen Block eröffnet.
Tuchatschewski erkannte die Gefahr, die ihm durch die sensationellen
Enthüllungen dieses Prozesses und die spätere Verhaftung Pjatakows und
Radeks drohte. Er setzte sich mit Krestinski in Verbindung und teilte
ihm mit, daß der Plan der Verschwörung grundlegend geändert werden müßte.
Die Militärgruppe hätte eigentlich erst nach einem Angriff des
Auslands auf die Sowjetunion in Funktion treten sollen. Aber dieses
Eingreifen von außen wurde immer wieder durch unerwartete
internationale Ereignisse - den französisch-sowjetischen Pakt, die überraschende
Verteidigung von Madrid - verzögert. Die Verschwörer innerhalb Rußlands,
sagte Tuchatschewski, müßten die Entwicklung durch einen Militärputsch
vor dem ursprünglich angesetzten Termin beschleunigen. Die Deutschen würden
ihren russischen Verbündeten sofort zu Hilfe kommen.
Krestinski
versprach, Trotzki sofort zu schreiben und ihm die Notwendigkeit eines
raschen Entschlusses auseinanderzusetzen. In dem Brief, den er im
Oktober an Trotzki absandte, hieß es:
„Wir
glauben, daß trotz der Verhaftung einer großen Anzahl von Trotzkisten
die Hauptkräfte des Blocks bis jetzt nicht in Mitleidenschaft gezogen
sind. Noch ist es möglich zu handeln; aber in diesem Fall wäre es für
das Zentrum von größter Wichtigkeit, daß die Aktion des Auslands
beschleunigt wird.“
Unter
„Aktion des Auslands“ verstand Krestinski den Angriff der Nazis auf
Sowjetrußland…
Kurz
nach Absendung dieser Botschaft hatte Tuchatschewski auf dem Außerordentlichen
VIII. Sowjetkongreß vom November 1936 eine erregte Aussprache mit
Krestinski. Die Verhaftungen nahmen ihren Fortgang, und es lag kein
Grund zu der Annahme vor, daß sie auf die unterste Schicht des Verschwörerapparates
beschränkt bleiben würden. Der militärische Verbindungsmann der
Trotzkisten, Putna, war bereits verhaftet. Es war klar, daß Stalin ein
weitverzweigtes Komplott vermutete und drastische Maßnahmen im Sinn
hatte. Das vorhandene Beweismaterial reichte aus, um Pjatakow und die
anderen zu überführen. Die Verhaftung Putnas, die Entfernung Jagodas
aus der Leitung der NKWD waren Anzeichen dafür, daß die Sowjetbehörden
den Hintergründen der Verschwörung näherkamen. Niemand konnte
voraussagen, wohin die Spur führen würde. Das ganze Unternehmen hing
in der Luft.
Tuchatschewski
war für sofortiges Handeln. Der Block müsse unverzüglich zu einer
Entscheidung gelangen und alle Kräfte für die Unterstützung des Militärputsches
bereit halten.
Krestinski
sprach mit Rosengolz. Die beiden deutschen Agenten schlossen sich
Tuchatschewskis Meinung an. Sie sandten Trotzki ein weiteres Schreiben,
in dem sie ihn von Tuchatschewskis Absicht verständigten, noch vor
Ausbruch eines Krieges loszuschlagen. Gleichzeitig schnitt Krestinski
einige wichtige Fragen der politischen Taktik an. Er schrieb:
„Es
wird notwendig sein, die wahren Ziele des Putsches zu verschweigen. Wir
werden der Bevölkerung, der Armee und dem Ausland eine Erklärung geben
müssen … vor allem wird es angezeigt sein, in unseren
Bekanntmachungen an die Bevölkerung nicht zu erwähnen, daß wir mit
unserem Putsch die Beseitigung der bestehenden sozialistischen Ordnung
beabsichtigen … wir (sollten) uns als sowjetische Rebellen gebärden,
die eine schlechte Sowjetregierung stürzen und eine gute
Sowjetregierung an ihre Stelle setzen wollen … Jedenfalls sollten wir
uns über diese Frage nicht allzu deutlich äußern.“
Die
Antwort erreichte Krestinski gegen Ende Dezember. Trotzki stimmte in
allen Punkten mit Krestinski überein. Er war nach der Verhaftung
Pjatakows natürlich selbständig zu dem Schluß gelangt, daß die Militärgruppe
sofort zum Handeln aufgerufen werden sollte. Während Krestinskis Brief
noch unterwegs war, hatte er bereits an Rosengolz geschrieben und eine
unverzügliche militärische Aktion empfohlen…
„Nach
Erhalt dieser Antwort“, erklärte Krestinski später, „begannen wir
sofort, praktische Vorbereitungen für den Putsch zu treffen.
Tuchatschewski erhielt freie Hand, wir gaben ihm carte blanche für die
selbständige Erledigung seiner Aufgaben.“
2.
Der Prozeß gegen das trotzkistische Parallele Zentrum
Aber
auch die Sowjetregierung ging zu durchgreifenden Maßnahmen über. Die
Enthüllungen des Sinowjew-Kamenew-Prozesses hatten mit aller
Deutlichkeit erwiesen, daß die Verschwörung weit über die Grenzen der
geheimen Linksopposition hinausging. Die eigentlichen Kraftzentren des
Komplottes lagen gar nicht in Rußland, sondern in Berlin und Tokio. Im
Verlaufe der Untersuchung gewann die Sowjetregierung immer größere
Klarheit über den wahren Charakter der Fünften Kolonne der Achsenmächte.
Am
23. Januar 1937 wurde vor dem Militärkollegium des Obersten
Gerichtshofes der UdSSR in Moskau gegen Pjatakow, Radek, Sokolnikow,
Schestow, Muralow und zwölf ihrer Mitverschworenen, darunter wichtige
Agenten des deutschen und japanischen Geheimdienstes, das Verfahren
wegen Landesverrates eröffnet.
Monatelang
hatten die führenden Mitglieder des trotzkistischen Zentrums jede
Schuld abgeleugnet. Aber das Beweismaterial war zu vollständig und erdrückend.
Sie mußten einer nach dem anderen zugeben, Terror- und Sabotageaktionen
geleitet und auf Trotzkis Weisung Beziehungen mit der deutschen und
japanischen Regierung unterhalten zu haben. Aber sowohl während der
Voruntersuchung als auch im Prozeß gaben sie noch immer nicht alle
Zusammenhänge preis. Sie verschwiegen die Existenz der Militärgruppe;
sie erwähnten weder Krestinski noch Rosengolz; sie äußerten kein Wort
über den Block der Rechten und Trotzkisten, die letzte und mächtigste
„Schicht“ des Verschwörerapparates, die sich, noch während sie im
Kreuzverhör standen, fieberhaft auf die Machtergreifung vorbereitete.
In
der Haft deckte der ehemalige Stellvertretende Volkskommissar für Auswärtige
Angelegenheiten, Sokolnikow, die politischen Aspekte der Verschwörung
auf: das Abkommen mit Heß, die Zerstückelung der Sowjetunion, den
Plan, nach dem Sturz der Sowjetregierung eine faschistische Diktatur zu
errichten. Vor Gericht sagte Sokolnikow aus:
„Wir
waren der Ansicht, daß der Faschismus als die höchstorganisierte Form
des Kapitalismus zum Sieg gelangen, Europa erobern und uns vernichten würde.
Es schien daher richtiger, mit dem Faschismus gemeinsame Sache zu
machen…“ Zur Erklärung wurden folgende Argumente vorgebracht: „Es
ist besser, gewisse Opfer, sogar sehr schwere Opfer zu bringen, als
alles zu verlieren … Wir dachten als Politiker… wir glaubten, ein
gewisses Risiko auf uns nehmen zu müssen.“
Pjatakow
gab zu, daß er der Führer des trotzkistischen Zentrums gewesen war.
Das ehemalige Mitglied des Obersten Volkswirtschaftsrates sprach ruhig
und überlegt, in sorgfältig gewählten Worten. Pjatakow bekannte sich
zu der Terror- und Sabotagetätigkeit, die er nachgewiesenermaßen bis
zum Augenblick seiner Verhaftung geleitet hatte. Sein langes, mageres,
blasses Gesicht blieb während seiner Aussage völlig ausdruckslos. Nach
den Worten des amerikanischen Botschafters Joseph E. Davia machte er den
Eindruck eines „Professors, der einen Vortrag hält“.
Wyschinski
versuchte, aus Pjatakow herauszuholen, wie die deutschen und japanischen
Agenten sich den Trotzkisten zu erkennen gaben.
Pjatakow
wich den Fragen aus:
Wyschinski:
„Was veranlaßte den deutschen Agenten Rataitschak, sich Ihnen zu
offenbaren?“
Pjatakow:
„Zwei Leute hatten mit mir gesprochen…“
Wyschinski:
„Gab er sich Ihnen zu erkennen oder machten Sie den Anfang?“
Pjatakow:
„Es gibt wechselseitige Eröffnungen.“
Wyschinski:
„Gaben Sie sich zuerst zu erkennen?“
Pjatakow:
„Wer der erste war, er oder ich - die Henne oder das Ei -, ich weiß
es nicht.“
John
Günther schrieb später in seinem Buch „Inside Europe“:
„In
weiten Kreisen des Auslandes herrschte die nicht ganz zutreffende
Vorstellung, daß sämtliche Angeklagten die gleiche Geschichte erzählten,
daß sie sich verächtlich und kriecherisch benahmen und den Eindruck
von Schafen auf der Schlachtbank machten. Sie vertraten dem Staatsanwalt
gegenüber mit Hartnäckigkeit ihren Standpunkt und gaben gewöhnlich
nur das zu, was sie zugeben mußten…“
Als
die verschiedenen Angeklagten Pjatakow im Verlaufe des Prozesses durch
ihre Aussagen schonungslos zum kaltblütigen, berechnenden politischen Mörder
und Verräter stempelten, verlor er allmählich seine Ruhe und
Ausgeglichenheit. Seine Stimme bekam einen unsicheren, deprimierten
Klang. Die Behörden verfügten über Beweismaterial, dessen Bekanntgabe
ihm einen sichtlichen Schock versetzte. Pjatakow änderte seine Haltung.
Er behauptete, daß ihm schon vor seiner Verhaftung Zweifel an Trotzkis
Führerschaft aufgestiegen seien. Er habe das Abkommen mit Heß nie
gebilligt. „Wir waren in eine Sackgasse geraten“ erklärte Pjatakow
dem Gerichtshof. „Ich suchte einen Ausweg…“ In seiner letzten
Verteidigungsrede sagte er:
„Ja,
ich war viele Jahre hindurch Trotzkist! Ich arbeitete Hand in Hand mit
den Trotzkisten… Glauben Sie nicht, Bürger Richter, … daß ich während
dieser Jahre, die ich in der stickigen trotzkistischen Illegalität
verbrachte, nicht sah, was im Lande vorging! Glauben Sie nicht, daß ich
nicht verstand, was in der Industrie geleistet wurde. Ich sage Ihnen
offen: manchmal, wenn ich aus der trotzkistischen Illegalität
auftauchte und mich an meine praktische Arbeit machte, empfand ich eine
gewisse Erleichterung, und menschlich gesehen war diese Zwiespältigkeit
natürlich nicht einfach eine Sache des äußeren Verhaltens; es war
auch ein innerer Zwiespalt…
In
wenigen Stunden werden Sie Ihr Urteil fällen… Versagen Sie mir eines
nicht, Bürger Richter. Versagen Sie mir nicht das Recht zu fühlen, daß
ich auch in Ihren Augen - wenn auch zu spät - aus mir selbst die Kraft
geschöpft habe, mich von meiner verbrecherischen Vergangenheit
loszusagen!“
Aber
bis zum letzten Augenblick verriet Pjatakow mit keinem Wort die Existenz
der letzten Verschwörer-„Schicht“.
Nikolai
Muralow, der einst Kommandant der Moskauer Garnison und ein führendes
Mitglied der alten Trotzki-Garde gewesen war, hatte seit 1932 gemeinsam
mit Schestow und deutschen „Technikern“ die trotzkistischen Zellen
im Ural geleitet. Er bat den Gerichtshof, sein „offenes Geständnis“
als mildernden Umstand zu werten. Der hochgewachsene, bärtige,
grauhaarige Mann stand während seiner Aussage stramm. Er sagte, daß er
sich nach längerem innerem Kampf entschlossen habe, „die Karten
aufzudecken“. Walter Duranty und andere Zeugen bestätigten, daß die
Worte, die er auf der Anklagebank sprach, einen durchaus ehrlichen Klang
hatten:
„Ich
verzichtete auf einen Verteidiger, und ich verzichtete darauf, selbst
etwas zu meiner Verteidigung vorzubringen, weil ich gewohnt bin, mich
mit guten Waffen zu verteidigen und mit guten Waffen anzugreifen. Ich
habe keine guten Waffen zu meiner Verteidigung… Es wäre meiner unwürdig,
irgend jemandem vorzuwerfen, er habe mich in die trotzkistische
Organisation hineingezogen … Ich mache niemanden dafür
verantwortlich. Ich bin selbst verantwortlich zu machen. Das ist mein
Unglück… Über zehn Jahre war ich Trotzki ein treuer Soldat.“
Karl
Radek, der durch seine dicken Brillengläser in den überfüllten
Zuschauerraum blickte, war während des von Staatsanwalt Wyschinski
geleiteten Kreuzverhörs abwechselnd demütig, einschmeichelnd, unverschämt
und anmaßend. Er gab ebenso wie Pjatakow, aber mit größerer Ausführlichkeit,
seine verräterische Tätigkeit zu. Er behauptete auch, er habe vor
seiner Verhaftung unmittelbar nach Empfang des Briefes, in dem Trotzki
das Abkommen mit der nazistischen und der japanischen Regierung
bekanntgab, den Entschluß gefaßt, sich von Trotzki loszusagen und die
Verschwörung aufzudecken. Wochenlang sei er mit sich zu Rate gegangen.
Wyschinski:
„Und wozu entschlossen Sie sich?“
Radek:
„Der erste Schritt wäre gewesen, zum Zentralkomitee der Partei zu
gehen, eine Erklärung abzugeben und alle Beteiligten zu nennen. Das tat
ich jedoch nicht. Nicht ich ging zur GPU, sondern die GPU kam zu mir.“
Wyschinski:
„Eine geschickte Antwort!“
Radek:
„Eine traurige Antwort.“
In
seiner abschließenden Verteidigungsrede stellte sich Radek als ein von
Zweifeln gequälter Mensch hin, der ständig zwischen der Loyalität für
die Sowjetregierung und der alten Anhänglichkeit an die
Linksopposition, der er seit den ersten Tagen der Revolution als
Mitglied angehörte, hin und her gerissen worden sei. Es wäre seine
feste Überzeugung gewesen, daß die Sowjetunion dem feindlichen Druck
von außen nicht standhalten würde. „Ich hatte eine abweichende
Auffassung in der Hauptfrage“, erklärte er dem Gerichtshof, „in der
Frage der Fortsetzung des Kampfes um den Fünf jahresplan. Trotzki
packte mich bei meinen schweren Zweifeln.“ Er sei stufenweise in den
inneren Kreis der Verschwörung hineingezogen worden. Dann kam die
Verbindung mit den ausländischen Geheimdiensten und schließlich
Trotzkis Verhandlungen mit Alfred Rosenberg und Rudolf Heß.
„Trotzki“, sagte Radek, „stellte uns vor die vollendete Tatsache
dieses Abkommens …“
Dann
erklärte er, wieso er sieh schließlich schuldig bekannt und alles, was
er über die Verschwörung wußte, eingestanden habe:
„Als
ich im Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten dem Leiter der
Untersuchungskommission gegenüberstand, sagte er mir: ‚Sie sind kein
kleines Kind. Hier sind fünfzehn Leute, die alle gegen Sie aussagen.
Sie können sich nicht herausreden, und als vernünftiger Mensch werden
Sie auch nicht versuchen, es zu tun …’ Zweieinhalb Monate lang quälte
ich den Untersuchungsrichter. Es wurde hier die Frage aufgeworfen, ob
wir während der Vernehmungen gemartert wurden. Ich muß sagen, ich
wurde nicht gemartert, sondern ich habe die Untersuchungsrichter
gemartert und gezwungen, eine Menge nutzloser Arbeit zu leisten.
Zweieinhalb Monate lang zwang ich den Untersuchungsrichter, mir durch
Fragestellungen und Konfrontierungen mit anderen Angeklagten seine
Karten aufzudecken, so daß ich wußte, wer gestanden hatte und wer
nicht und was jeder gestanden hatte … Eines Tages kam der
Untersuchungsrichter zu mir und sagte: ‚Sie sind der letzte. Warum
versuchen Sie noch immer, Zeit zu gewinnen? Warum sagen Sie nicht, was
Sie zu sagen haben?’ - Ich antwortete: ‚Ja, morgen werde ich mit
meiner Aussage beginnen.’“
Am
30. Januar 1937 wurde das Urteil verkündet. Die Angeklagten wurden des
Landesverrates für schuldig befunden - sie hatten sich zu einer
„Spionage- und Sabotageagentur der faschistischen Mächte Deutschland
und Japan“ gemacht und beabsichtigt, „ausländischen Aggressoren
beim Raub sowjetischer Gebiete“ behilflich zu sein.
Das
Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR verurteilte Pjatakow,
Muralow, Schestow und zehn andere Angeklagte zum Tode. Radek, Sokolnikow
und zwei untergeordnete Agenten erhielten langjährige Gefängnisstrafen.
In
seiner Schlußrede vom 28. Januar 1937 erklärte Staatsanwalt
Wyschinski:
„Die
Leute, die auf Trotzkis und Pjatakows Weisung mit dem deutschen und
japanischen Geheimdienst in Verbindung traten, suchten durch ihre
Spionagetätigkeit eine Situation herbeizuführen, die eine schwere Gefährdung
nicht nur der Interessen unseres Staates, sondern auch verschiedener
anderer Staaten bedeutet hätte, die ebenso wie wir den Frieden wünschen
und gemeinsam mit uns um die Erhaltung des Friedens kämpfen … Es ist
unser sehnlichster Wunsch, daß die Regierungen aller Länder, die den
Frieden lieben und für den Frieden kämpfen, entschlossene Maßnahmen
ergreifen, um die verbrecherischen Spionage-, Sabotage- und Terrorpläne
der Feinde des Friedens und der Demokratie zu durchkreuzen, jener
dunklen faschistischen Kräfte, die den Krieg vorbereiten und die Sache
des Friedens, das heißt, die Sache der gesamten freidenkenden,
fortschrittlichen Menschheit gefährden.“
Wyschinskis
Worte fanden außerhalb Sowjetrußlands wenig Beachtung; aber es gab ein
paar Diplomaten und Journalisten, die sie hörten und im Gedächtnis
behielten.
Der
amerikanische Botschafter in Moskau, Joseph E. Davies, war von dem Prozeß
tief beeindruckt. Tag für Tag erschien er in Begleitung eines
Dolmetschers im Gerichtssaal und verfolgte den Fortgang der
Verhandlungen mit gespannter Aufmerksamkeit. Davies, der früher einmal
Syndikus gewesen war, äußerte sich anerkennend über den sowjetischen
Staatsanwalt Wyschinski, der von der gesamten sowjetfeindlichen Presse
als „brutaler Inquisitor“ geschildert wurde. Davies stellte eine Ähnlichkeit
zwischen Wyschinski und Homer Cummings fest. „Er war ebenso ruhig,
leidenschaftslos, überlegt, sachkundig und klug. Er führte den
Hochverratsprozeß in einer Weise, die mir als Anwalt Hochachtung und
Bewunderung abnötigte.“
In
einer vertraulichen Mitteilung vom 17. November 1937 an Staatssekretär
Cordeil Hüll bemerkte Botschafter Davies, daß nicht nur er, sondern
fast alle ausländischen Diplomaten in Moskau das Urteil für gerecht
hielten. Davies schrieb:
„Ich
sprach mit vielen, wenn auch nicht sämtlichen Mitgliedern des hiesigen
diplomatischen Korps; sie sind - vielleicht ‚mit einer einzigen
Ausnahme’ - übereinstimmend der Ansicht, daß die Verhandlung das
Bestehen eines politischen Komplotts und einer staatsfeindlichen Verschwörung
klar erwiesen hat.“
Der
breiten Öffentlichkeit wurden diese Tatsachen vorenthalten. Starke Kräfte
waren am Werk, um die Verbreitung der Wahrheit über die Fünfte Kolonne
in Sowjetrußland zu verhindern. Am 11. März 1937 trug Botschafter
Davies in sein Moskauer Tagebuch ein:
„Ein
anderer Diplomat machte gestern im Verlauf eines Gespräches über den
Prozeß eine sehr aufschlußreiche Bemerkung. Er meinte, die Schuld der
Angeklagten sei nicht zu bezweifeln. Darüber seien wir uns als
Augenzeugen des Prozesses einig. Die Außenwelt hingegen sehe den Prozeß
offenbar auf Grund der Presseberichte als abgekartete Sache an. (Er
gebrauchte den Ausdruck „Fassade“.) Und es sei vielleicht ganz gut,
die Außenwelt in diesem Glauben zu lassen.“[67]
3.
Aktion im Mai
Noch
war die Verschwörung nicht erledigt. Obwohl Radeks Geständnis den
Eindruck der Vollständigkeit erweckte, hatte er es ebenso wie Pjatakow
verstanden, den Sowjetbehörden wichtige Tatsachen zu verheimlichen.
Aber am zweiten Verhandlungstag machte Radek einen folgenschweren
Fehler. Seine glatte Zunge verriet ihn. Bei dem Versuch, einer Frage
Wyschinskis auszuweichen, erwähnte er den Namen Tuchatschewski.
„Vitali Putna“, sagte Radek, „überbrachte mir eine Anfrage von
Tuchatschewski.“ Er sprach rasch weiter, ohne Tuchatschewskis Namen
noch einmal zu wiederholen.
Am
nächsten Tag verlas Wyschinski Radeks Aussage: „In welchem
Zusammenhang haben Sie Tuchatschewskis Namen genannt?“ fragte er Radek.
Nach einer kurzen Pause gab Radek ohne Stocken und Zögern die gewünschte
Erklärung. „Tuchatschewski brauchte Informationen über gewisse
Regierungsgeschäfte“, die Radek in der „Iswestija“ zur Verfügung
standen. Der Kommandant hatte Putna mit der Erledigung dieser
Angelegenheit beauftragt. Das war alles. „Tuchatschewski hatte natürlich
keine Ahnung, welche Rolle ich spielte … Ich kenne Tuchatschewskis
Haltung, ich weiß, daß er der Partei und der Regierung absolut ergeben
ist.“
Tuchatschewskis
Name wurde von da an nicht mehr erwähnt. Aber die noch in Freiheit
befindlichen Verschwörer kamen zu der Überzeugung, daß ein weiterer
Aufschub des Endputsches Selbstmord bedeuten würde.
Krestinski,
Rosengolz, Tuchatschewski und Gamarnik hielten in rascher Folge mehrere
Geheimkonferenzen ab. Tuchatschewski begann, die Offiziere der Militärgruppe
auf eine Anzahl von „Spezialkommandos“ aufzuteilen, die im Ernstfall
bestimmte Aufgaben auszuführen hatten.
Ende
März 1937 waren die Vorbereitungen für den Militärputsch nahezu
abgeschlossen. Bei einer Besprechung in Rosengolz Moskauer Wohnung erklärte
Tuchatschewski ihm und Krestinski, daß die Militärgruppe in sechs
Wochen aktionsfähig sein werde. Der Putsch könne für Anfang Mai,
jedenfalls für ein Datum vor dem 15. Mai angesetzt werden. Über die
verschiedenen praktischen Methoden der Machtergreifung sei derzeit
innerhalb der Militärgruppe noch eine Diskussion im Gange.
Rosengolz
berichtete später über die „Variante“, die nach Tuchatschewskis
Ansicht den besten Erfolg versprach: „Eine Gruppe ihm ergebener Militärs
sollte sich unter irgendeinem Vorwand in seiner Wohnung versammeln, sich
den Weg in den Kreml bahnen, die Telephonzentrale des Kremls besetzen
und die Partei- und Regierungsführer umbringen.“ In diesem Plan war
die gleichzeitige Besetzung des Gebäudes des Volkskommissariats für
Innere Angelegenheiten durch Gamarnik vorgesehen.
Auch
Krestinski und Rosengolz zogen dieses Projekt den anderen
„Varianten“ vor, da es am kühnsten und darum aussichtsreichsten
schien…
Gegen
Ende der Besprechung herrschte in Rosengolz Wohnung zuversichtliche
Stimmung. Die Verschwörer konnten mit gutem Grund auf ein Gelingen des
von Tuchatschewski dargelegten Putschplanes hoffen. Pjatakow und die
anderen waren verloren, aber der von den Verschwörern so lange ersehnte
Tag der Entscheidung stand nahe bevor.
Der
Monat April verging wie im Fluge: in fieberhafter Eile wurden die
letzten Vorbereitungen getroffen.
Krestinski
begann, umfangreiche Listen aller Moskauer Persönlichkeiten
zusammenzustellen, „die bei Beginn des Putsches verhaftet oder von
ihren Posten entfernt werden sollten, sowie Listen der Anwärter auf
diese freiwerdenden Stellen“. Berufsmäßige Terroristen, die
Gamarniks Befehl unterstanden, wurden für die Ermordung Molotows und
Woroschilows ausgewählt. Rosengolz wollte versuchen, in seiner
Eigenschaft als Volkskommissar für Außenhandel für den Vorabend des
Putsches eine Unterredung mit Stalin zu vereinbaren und den Sowjetführer
in seinem Hauptquartier im Kreml zu ermorden. Die zweite Maiwoche war
gekommen. Da holte die Sowjetregierung plötzlich zu einem vernichtenden
Schlage aus. Am 11. Mai wurde Marschall Tuchatschewski von seinem Posten
als Stellvertretender Kriegskommissar entfernt; er erhielt ein
untergeordnetes Kommando im Wolgagebiet. General Gamarnik wurde
abgesetzt. Desgleichen die Generale Jakir und Uborewitsch, die in das
Komplott Tuchatschewskis und Gamarniks verwickelt waren. Zwei andere
Generale, Kork und Eidemann, wurden unter der Anklage, geheime
Beziehungen zu Nazideutschland unterhalten zu haben, verhaftet.
„Ich
rechnete mit meiner Verhaftung“, sagte Krestinski später. „Ich
besprach die Lage mit Rosengolz. Da er sich nicht gefährdet glaubte,
erbot er sich, die Verbindung mit Trotzki aufrechtzuerhalten … Einige
Tage später wurde ich verhaftet.“
Durch
eine offizielle Verlautbarung wurde bekanntgegeben, daß Bucharin, Rykow
und Tomski nach gründlicher Beobachtung und Untersuchung unter der
Anklage des Hochverrates standen. Bucharin und Rykow befanden sich in
Haft. Tomski, dem es gelungen war, sich der Verhaftung zu entziehen,
beging Selbstmord. General Gamarnik folgte am 31. Mai seinem
Beispiel. Tuchatschewski und eine Anzahl hochstehender Armeeoffiziere
wurden von der NKWD festgenommen. Bald darauf war auch Rosengolz
verhaftet. Die Säuberungsaktion gegen die Fünfte Kolonne nahm im
ganzen Lande ihren Fortgang.
Am
11. Juni 1937, um 11 Uhr morgens, begann vor einem militärischen
Sondertribunal des Obersten Gerichtshofes der UdSSR die Verhandlung
gegen Marschall M. N. Tuchatschewski und sieben andere Generale der
Roten Armee. Da es sich um militärische Angelegenheiten von
vertraulichem Charakter handelte, fand der Prozeß unter Ausschluß der
Öffentlichkeit vor einem Militärtribunal statt. Die Angeklagten wurden
beschuldigt, mit feindlichen Mächten gegen die Sowjetunion konspiriert
zu haben. Dem Tribunal gehörten die Marschälle Woroschilow, Budjonny
und Schaposchnikow und andere Führer der Roten Armee an. Außer
Tuchatschewski hatten sich sieben Generale zu verantworten:
General
V. I. Putna, ehemaliger Militärattache in London, Tokio und Berlin.
General I. E. Jakir, ehemaliger Kommandant der Leningrader Garnison.
General I. P. Uborewitsch, ehemaliger Kommandant der Roten Armee in
Bjelorußland.
General R. P. Eidemann, ehemaliger Leiter der Ossoaviachim (eine
freiwillige militärische Verteidigungs-Organisation).
General A. I. Kork, ehemaliger Leiter der Frunse-Militärakademie.
General B. M. Feldmann, ehemaliger Leiter der Personalabteilung des
Generalstabes.
General V. M. Primakow, ehemaliger Kommandant der Garnison von Charkow.
Das
offizielle Kommunique lautete:
„Die
Untersuchung hat ergeben, daß die Angeklagten ebenso wie General Jan
Gamarnik staatsfeindliche Beziehungen zu führenden militärischen
Kreisen einer ausländischen Macht unterhielten, die eine der UdSSR
feindliche Politik betreibt. Die Angeklagten arbeiteten für den militärischen
Geheimdienst dieser Macht.“
Sie
lieferten den militärischen Kreisen dieses Landes regelmäßig
Geheiminformationen über die Rote Armee. Die Angeklagten betrieben
Sabotage, um die Rote Armee zu schwächen und dadurch die Niederlage der
Roten Armee im Falle eines Angriffes auf die Sowjetunion
vorzubereiten.“
Am
12. Juni erfolgte die Urteilsverkündung. Das Militärtribunal sprach
die Angeklagten in allen Punkten schuldig. Sie sollten als Landesverräter
von einem Exekutionskommando der Roten Armee erschossen werden. Das
Urteil wurde innerhalb von 24 Stunden vollstreckt.
Auch
diesem Prozeß folgte im Ausland eine Welle sowjetfeindlicher Gerüchte
und Propaganda. Es hieß, die ganze Rote Armee habe sich gegen die
Sowjetregierung erhoben.
Viele
unparteiische Beobachter fühlten sich durch die Ereignisse in Rußland
tief beunruhigt. Man wußte damals noch nichts vom Wesen und von der
Technik der Fünften Kolonne. Am 4. Juli 1937 hatte Joseph E.
Davies, der amerikanische Botschafter in Moskau, eine Unterredung mit
dem Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Maxim Litwinow. Er
erklärte Litwinow mit aller Offenheit, daß die Hinrichtung der
Generale und die Trotzkisten-Prozesse in Amerika und Europa keinen guten
Eindruck gemacht hätten.
„Meiner
Ansicht nach“, erklärte der amerikanische Botschafter dem
Volkskommissar, „haben diese Vorgänge den Glauben Frankreichs und
Englands an die Widerstandskraft der UdSSR Hitler gegenüber erschüttert!“
Litwinow
antwortete mit gleicher Offenheit. Die Sowjetregierung habe sich durch
diese Hinrichtungen und Prozesse die Gewißheit verschaffen müssen, daß
es keinen Verräter mehr auf sowjetischem Boden gebe, der bei Ausbruch
des unvermeidlichen Krieges mit Berlin oder Tokio zusammenarbeiten würde.
„Eines
Tages“, sagte Litwinow, „wird die Welt begreifen, daß wir unsere
Regierung vor dem drohenden Verrat schützen mußten … Wir leisten der
ganzen Welt einen Dienst, indem wir uns gegen die Bedrohung durch Hitler
und die nazistische Weltherrschaft verteidigen und die Sowjetunion als
Bollwerk gegen die nazistische Aggression intakt erhalten.“
Nachdem
Davies sich durch persönliche Nachforschungen ein genaues Bild von der
tatsächlichen Lage in Rußland gemacht hatte, sandte er Staatssekretär
Cordeil Hüll seine „Depesche Nummer 457, Streng vertraulich“. Der
Botschafter gab eine kurze Zusammenfassung der letzten Ereignisse und
wies die wilden Gerüchte über die zunehmende Unzufriedenheit der
Massen und den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der
Sowjetregierung zurück. „Von den Kosaken, die sich nach den Berichten
der Zeitungen auf dem Roten Platz tummeln oder in der Nähe des Kremls
kampieren, ist nichts zu sehen“, schrieb er. Seine Ansicht über den
Fall Tuchatschewski faßte Davies in folgenden Worten zusammen:
„Wenn
wir von der Möglichkeit eines Mordes oder eines auswärtigen Krieges
absehen, erscheint die Stellung der Regierung und des gegenwärtigen
Regimes im Augenblick und wahrscheinlich noch auf längere Zeit hinaus
unerschütterlich. Das Gespenst des Korsen ist vorläufig gebannt.“
4.
Finale
Der
letzte der drei berühmten Moskauer Prozesse wurde am 2. März 1938 im
Gewerkschaftshaus vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes
der UdSSR eröffnet. Das Verfahren dauerte sieben Tage. Die
Sitzungen fanden vormittags und am Abend statt. Militärische
Angelegenheiten wurden in Geheimsitzungen erörtert.
Einundzwanzig
Angeklagte standen vor Gericht, darunter der ehemalige Leiter der GPU,
G. G. Jagoda, und sein Sekretär Pawel Bulanow, die Führer der
Rechten Nikolai Bucharin und Alexei Rykow, die trotzkistischen Führer
und deutschen Agenten Nikolai Krestinski und Arkadi Rosengolz, Christian
Rakowski, Trotzkist und japanischer Agent, die Führer der Rechten und
Agenten Deutschlands Michail Tschernow und Grigori Grinko, der polnische
Agent Wassili Scharangowitsch und elf weitere Verschwörer, Mitglieder
des Blocks, Saboteure, Terroristen und Auslandsagenten, der
trotzkistische Verbindungsmann Sergei Bessonow und die ärztlichen Mörder
Dr. Lewin, Dr. Pletnew und Dr. Kasakow.
Der
amerikanische Korrespondent Walter Duranty, der dem Prozeß beiwohnte,
schrieb in seinem Buch „The Kremlin and the People“:
„Es
war tatsächlich der letzte aller Prozesse, weil diesmal völlige
Klarheit herrschte; die Staatsanwaltschaft hatte genügend
Tatsachenmaterial gesammelt, sie kannte ihre Feinde im Inneren und im
Ausland.
Die
anfänglichen Zweifel und Bedenken waren zerstreut, weil die
aufeinanderfolgenden Prozesse, vor allem wohl der gegen die ,Generale,
das zur Zeit der Ermordung Kirows noch höchst nebelhafte und unvollständige
Bild allmählich ergänzt hatten…“
Die
Sowjetregierung hatte ihre Anklage durch monatelange Voruntersuchungen,
Vergleiche von Zeugenaussagen und Beweismaterial aus früheren
Prozessen, Konfrontation der Angeklagten und Zeugen und gründliche
Kreuzverhöre der in Haft befindlichen Verschwörer auf das
Gewissenhafteste vorbereitet.
In
der Anklageschrift der Sowjetregierung wurde erklärt:
1.
daß die Angeklagten 1932/33 im Auftrag der Geheimdienste ausländischer,
der UdSSR feindlich gesinnter Mächte eine Verschwörergruppe, genannt
„Block der Rechten und Trotzkisten“, gebildet hatten, deren Ziel es
war, im Interesse dieser fremden Mächte Spionage-, Sabotage- und
Terrorakte zu betreiben, die militärische Leistungsfähigkeit der UdSSR
zu untergraben, einen militärischen Angriff dieser Mächte auf die
UdSSR zu provozieren, auf die Niederlage der UdSSR hinzuarbeiten, die
UdSSR zu zerstückeln…
2.
daß der „Block der Rechten und Trotzkisten“ mit gewissen ausländischen
Regierungen in Verbindung getreten war, um deren Waffenhilfe für die
Durchführung seiner verbrecherischen Pläne zu gewinnen;
3.
daß der „Block der Rechten und Trotzkisten“ systematisch Spionage für
diesen Staat betrieben und den ausländischen Geheimdiensten
hochwichtige Staatsgeheimnisse preisgegeben hatte;
4.
daß der „Block der Rechten und Trotzkisten“ in verschiedenen
Zweigen des sozialistischen Aufbaus systematische Störungen und
Sabotageakte durchgeführt hatte (in der Industrie und Landwirtschaft,
im Eisenbahnwesen, auf finanziellem Gebiet, in der Entwicklung des
Gemeindewesens usw.);
5.
daß der „Block der Rechten und Trotzkisten“ eine Reihe von
Terrorakten gegen führende Mitglieder der KPdSU(B) (Kommunistische
Partei der Sowjetunion [Bolschewiki]) und der Sowjetregierung in die
Wege geleitet und Attentate gegen S. M. Kirow, W. R. Menschinski,
V.Kuibischew und A.M.Gorki durchgeführt hatte.
Durch
den Prozeß gegen den „Block der Rechten und Trotzkisten“ wurden die
Arbeitsmethoden der Fünften Kolonne zum erstenmal der Öffentlichkeit
vor Augen geführt. Die von der Achse angewandte Technik des geheimen
Krieges - durch Propaganda, Spionage, Terror, Verräterei hoher Beamter,
die Machinationen der Quislinge, die Heranbildung einer Geheimarmee im
Inneren des Landes, die ganze Strategie der Fünften Kolonne, mit deren
Hilfe die Nazis bereits Spanien, Österreich, die Tschechoslowakei,
Norwegen, Belgien, Frankreich und andere Länder des europäischen und
amerikanischen Kontinents unterminierten, wurde enthüllt. „Bucharin
und Rykow, Jagoda und Bulanow, Krestinski und Rosengolz …“, erklärte
der sowjetische Staatsanwalt Wyschinski in seiner Schlußrede vom 11. März
1938, „sie alle sind aus dem gleichen Holz wie die Fünfte Kolonne.“
Botschafter
Joseph E. Davies, der den Verhandlungen beiwohnte, bezeichnete den Prozeß
in juristischer, menschlicher und politischer Hinsicht als ein erschütterndes
Drama. Am 8. März schrieb er seiner Tochter:
„Alle
elementaren Schwächen und Laster der menschlichen Natur - persönlicher
Ehrgeiz schlimmster Art - werden durch diesen Prozeß zutage gefördert.
Die Fäden eines Komplottes werden sichtbar, das beinahe zum Sturz der
bestehenden Regierung geführt hätte.“
Einige
Angeklagte baten um ihr Leben; sie versuchten, sich aus der
Verantwortung herauszuwinden, indem sie die eigentliche Schuld auf
andere abwälzten und sich als ehrliche, irregeführte Politiker gebärdeten.
Andere schilderten ohne jede Sichtbare Gemütsbewegung die grausigen
Einzelheiten der von ihnen begangenen „politischen“ Morde und ihre
Spionage- und Sabotagetätigkeit unter Anleitung des deutschen und
japanischen militärischen Geheimdienstes. Sie hatten offenbar jede
Hoffnung aufgegeben.
In
seiner abschließenden Verteidigungsrede gab Bucharin eine anschauliche
psychologische Schilderung der inneren Spannungen und Zweifel, von denen
ein großer Teil der einstigen Radikalen, die Sowjetrußland gemeinsam
mit Trotzki an Nazideutschland und Japan verraten hatten, in der Haft
befallen wurden. Er sagte:
„Ich
habe bereits in meiner Hauptaussage erklärt, daß wir gegenrevolutionären
Verschwörer nicht durch die nackte Logik des Kampfes in diese stinkende
Untergrundexistenz getrieben wurden, die im Laufe dieses Prozesses ihr
ungeschminktes Gesicht gezeigt hat. Diese nackte Logik des Kampfes ging
Hand in Hand mit einer gedanklichen und psychologischen Entartung, einer
Entartung, die sowohl uns selbst als auch das Volk erfaßte. Es gibt in
der Geschichte genügend Beispiele einer solchen Degeneration. Man
braucht, nur Briand, Mussolini und andere zu nennen. Bei uns war die
Degeneration zu weit vorgeschritten … Ich will jetzt von mir selbst
sprechen, von den Ursachen meiner Reue. Es muß natürlich zugegeben
werden, daß belastendes Beweismaterial eine große Rolle spielt. Drei
Monate lang verweigerte ich jede Aussage. Dann begann ich zu sprechen.
Warum? Weil ich meine ganze Vergangenheit im Gefängnis einer Neuwertung
unterzogen hatte. Denn wenn man sich fragt: wofür sollst du eigentlich
sterben? - sieht man plötzlich nichts als eine ersehreckende, schwarze
Leere vor sich. Das ist die Antwort, wenn man ohne Reue in den Tod gehen
will … Und wenn man sich sagt: gut, nehmen wir an, ich brauche nicht
zu sterben; nehmen wir an, ich bleibe durch ein Wunder am Leben - wo ist
der Sinn? Ich werde völlig isoliert sein, ein Feind des Volkes, ich
werde mich in einer unmenschlichen Lage befinden, gänzlich abgesondert
von allem, was das Wesen des Lebens ausmacht… Und sofort ergibt sich
die gleiche Antwort. … Dies sind vielleicht die letzten. Worte meines
Lebens… Ich darf a priori schließen, daß Trotzki und die anderen
Verbündeten meines verbrecherischen Tuns sowie die Zweite
Internationale… versuchen werden, uns und besonders mich zu
verteidigen. Ich lehne diese Verteidigung ab… Ich erwarte das
Urteil.“
Das
Urteil wurde am Morgen des 13. März 1938 verkündet. Alle Angeklagten
wurden schuldig befunden. Drei von ihnen - Pletnew, Bessonow und
Rakowski - erhielten Gefängnisstrafen. Die übrigen wurden zum Tod
durch Erschießen verurteilt.
Drei
Jahre später, im Sommer 1941, nach dem Einfall der Nazis in die
Sowjetunion, schrieb der ehemalige amerikanische Botschafter in der
UdSSR, Joseph E. Davies:
„In
Rußland gab es keine sogenannte ‚innere Aggression’, die mit den
Deutschen kooperierte. Hitlers Marsch auf Prag im Jahre 1939 wurde durch
militärische Aktionen der Henlein-Organisationen unterstützt. Ähnliches
geschah bei der Invasion Norwegens. Das Bild, das Rußland bot, war frei
von sudetendeutschen Henleins, von slowakischen Tisos, belgischen
Degrelles und norwegischen Quislingen … Man kann die Gründe in der
Geschichte der sogenannten Verräter- oder Säuberungsprozesse von 1937
und 1938 nachlesen, denen ich persönlich beiwohnte. Bei nochmaliger
Durchsicht der Prozeßberichte und meiner eigenen Aufzeichnungen …
fand ich, daß die den russischen ‚Quislingen’ abgerungenen Geständnisse
und Aussagen buchstäblich alle uns heute bekannten Methoden der
deutschen Fünften Kolonne enthüllten…“
Alle
diese Prozesse, Säuberungsaktionen und Liquidierungen, die damals so
gewaltsam schienen und in der ganzen Welt Empörung hervorriefen,
stellen sich heute klar und deutlich als ein Teil der kraftvollen,
entschlossenen Bemühungen der Stalin-Regierung dar, sich nicht nur
gegen Aufstände im Innern, sondern auch gegen Angriffe von außen zu
schützen. Die verräterischen Elemente im Lande wurden mit aller Gründlichkeit
ausfindig gemacht und beseitigt. Alle Zweifel wurden zugunsten der
Regierung gelöst.
In
Rußland gab es 1941 keine Vertreter der Fünften Kolonne - man hatte
sie erschossen. Die Säuberung hatte das Land von Verrätern gereinigt
und befreit. Die Fünfte Kolonne der Achse in Sowjetrußland war
vernichtet.
ANMERKUNGEN
Trotzkis
Anhänger und Bewunderer in Europa und Amerika ließen eine endlose
Folge von Erklärungen. Pamphleten, Flugschriften und Artikeln
erscheinen, in denen die Moskauer Prozesse als „Stalins Rache an
Trotzki“ und Auswirkungen seiner „orientalischen Rachgier“
dargestellt wurden. Den Trotzkisten und ihren Verbündeten standen viele
führende Zeitschriften offen. In den Vereinigten Staaten erschienen
ihre Erklärungen und Artikel in „Foreign Affairs Quarterly“, „Reader’s
Digest“ „Saturday Evemng Post“, „American Mercury“, „New
York Times“ und anderen bekannten und weitverbreiteten Zeitungen und
Zeitschriften. Zu den Freunden, Anhängern und Bewunderern Trotzkis,
denen durch Presse und Rundfunk reichlich Gelegenheit gegeben wurde,
ihre Ansichten über die Prozesse zu äußern, gehörten: Max Eastman,
Trotzkis ehemaliger Vertreter und offizieller Übersetzer in Amerika;
Alexander Barmine, ein sowjetischer Renegat, der einmal Mitglied des
Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten gewesen war; Albert
Goldman, Trotzkis Rechtsanwalt, der 1941 wegen aufrührerischer Umtriebe
gegen die Armee der Vereinigten Staaten von einem amerikanischen Gericht
verurteilt wurde; „General“ Kriwitzki, ein russischer Abenteurer und
Zeuge des Dies-Komitees, der behauptete, einmal in der GPU eine wichtige
Rolle gespielt zu haben (er beging Selbstmord. Wie er in einem zurückgelassenen
Brief erklärte, als Sühne für seine „großen Sünden“); Isaac Don
Levine, ein altbewährter antisowjetischer Propagandist und Mitarbeiter
der Hearst-Presse, und William Henry Chamberlin, ebenfalls Mitarbeiter
von Hearst, der seine Ansichten über die Prozesse unter dem Titel „The
Russian Purge of Blood“ in der in Tokio erscheinenden
Propaganda-Zeitung „Contemporary Japan“ veröffentlichte. |