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Wahlbeobachtung
in Venezuela
Wie
ein Volk dem Präsidenten Tribut zollt
Von
M. K.
Eingeladen
vom nationalen Wahlrat (consejo nacional electoral, CNE) landen wir am
Mittwoch, 29.11., am Flughafen Simon Bolívar in Maiquetía bei Caracas.
Wir, das sind Wahlbeobachterinnen und Wahlbeobachter aus 96 Ländern,
darunter Abgeordnete, Akademikerinnen und Akademiker, Wissenschaftler,
Repräsentantinnen und Repräsentanten sozialer Bewegungen, Vertreter von
Wahlinstitutionen, Bürgermeister, Juristen, Intellektuelle und
Kirchenvertreter.
Zusammensetzung
der internationalen Wahlbeobachtung
Wir
sind insgesamt 415 internationale Wahlbeobachter, aufgeteilt in 130 Repräsentanten
der EU, 60 der Organisation Amerikanischer Staaten (OEA), jeweils 10
Beobachter des Mercosur und des Jimmy Carter Centers und unser
Internationales Wahlbeobachtungsprogramm des CNE mit 205 Vertreterinnen
und Vertretern (vgl. Diario Vea, 02.12.2006). Zum Teil findet die
Wahlbeobachtung seit Juli dieses Jahres statt.
Entweder
- oder?
Auf
der Fahrt vom Internationalen Flughafen nach Caracas hängen die
Wahlplakate am Strassenrand. Ich sehe nur Plakate von Hugo Rafael Chávez
Frías im Namen seiner Partei MVR (Bewegung V. Republik) und – weitaus
rarer – die von Manuel Rosales, dem Oppositionskandidaten und
derzeitigen Gouverneur des erdölreichsten Bundesstaats Zulia. Es ist
offensichtlich: der Präsidentschaftswahlkampf spielt sich zwischen Chávez
und Rosales ab. Die ursprünglich über 20 Kandidatinnen und Kandidaten
haben sich immer weiter dezimiert. Am Wahltag, dem 3. Dezember, stehen
noch ca. 15 Kandidatinnen und Kandidaten zur Wahl, die Restlichen haben
ihre Wahl zugunsten des Oppositionskandidaten Rosales zurückgezogen. Und
treffend beschreibt die Wochenzeitung „Las verdades de Miguel“ vom
30.11., dass die Zeiten vorbei sein, in denen man hörte, dass die
Menschen nicht wüssten, für wen sie wählen sollten. „Es ist der
Moment des entweder-oder gekommen“.
Putschgerüchte
Und
die Stimmung – das hört man auf der Strasse wie in den Medien – ist
angespannt. Die Präsidentin des CNE, Tibisay Lucena, fordert in einer
Pressekonferenz die Bevölkerung auf, am 3. Dezember ruhig und
pazifistisch zu bleiben. Die Zeitung La Voz vom 30.11. lässt die
Astrologin Yahemir Zambrano zu Wort kommen, die spirituell spürt, dass am
3D (wie der 3. Dezember nun genannt wird) etwas passieren könnte und
daher die Aufforderung an die Gemeinschaft formuliert, am Sonntag
Konflikte zu vermeiden. Aus dem barrio 23 enero werden Flugblätter und
SMS verschickt, die zu Wachsamkeit und Vorsicht auffordern. Nachdem
Rosales schon Wochen vor den Wahlen dem CNE Wahlbetrug vorgeworfen und ein
Putschszenario in Aussicht gestellt hat (mit dem bekannten Verweis auf die
Zivilgesellschaft, die sich der demokratischen Grundordnung bekennen
soll), ist offensichtlich, dass seine Haltung am Wahlabend entscheidend
sein wird.
Unser
Wahlprogramm (das Internationale Wahlbeobachtungsprogramm des CNE) hat die
Zahl der internationalen Wahlbeobachter verdoppelt und wirkt sicherlich
auch gegen den zum Teil von der Opposition erhobenen Vorwurf vor, keine
internationale Präsenz im Land zu haben, die die demokratische Wahl überprüfen
soll. Dabei sind neben uns offiziellen Wahlbeobachterinnen und
Wahlbeobachtern aus dem Ausland noch nationale Wahlbeobachtungsteams
unterwegs, sowie 5 Tausend nationale, wie internationale Journalisten.
Eine Präsenz, die seinesgleichen sucht.
Wahlsystem
in Venezuela
In
den darauffolgenden Tagen werden wir in einem Seminar über das
lateinamerikanische Wahlsystem auf unsere Mission geschult. Insbesondere
im Vergleich zu den anderen Andenstaaten wird deutlich, dass Venezuela ein
äußerst sicheres wie modernes Wahlsystem hat, das auf die Arbeit der
verfassungsmäßig eingerichteten 5. Gewalt im Lande (nach Art. 292 der
Verfassung der bolivarischen Republik Venezuelas von 2000), des nationalen
Wahlrats CNE, zurückgeht.
Wahlregistrierung
Das
venezolanische Wahlsystem ist ein Registrierungssystem, d.h. um wählen zu
können, muss man sowohl gemeldet, als auch für die Wahl registriert
sein. Das Projekt „Mision Identidad“ ist durch die Viertel gefahren
und hat die „Legalisierung“ der Bevölkerung vorangetrieben. Das
nationale Statistikinstitut geht von über 17 Millionen Venezolanerinnen
und Venezolanern aus, die über 18 Jahre alt sind und damit wahlberechtigt
sind. Insgesamt hat Venezuela über 27 Millionen EinwohnerInnen und ist
damit – vergleichbar mit anderen lateinamerikanischen Ländern – ein
äußerst „junges“ Land. Der CNE hat die registrierten
Wahlberechtigten auf 16 Millionen erhöht, was damit 59, 51% der Bevölkerung
entspricht, die Registrierungsquote ist mit 88% so hoch wie nie in der
Geschichte Venezuelas (vgl. Realidades del sistema electoral venezolano,
CNE, S. 3). Allein von den
letzten Wahlen im Dezember 2005 bis heute wurden 1.452.196 WählerInnen
neu registriert.
Die
Frage bleibt aber offen, warum überhaupt ein Registrierungssystem
bestehen bleibt.
1
Wahlberechtigter – X Pässe?
Die
Kritik des Systems der Wahlregistrierung ist vielfältig. Eine Kritik ist,
dass es Menschen gibt, die mehrere Pässe haben und somit mehrmals wählen
können. Bei den letzten vier Wahlen wurden 53 Wähler mit mehrfacher
Identität erwischt und ordnungs- wie strafrechtlich stark belangt. Eine
Relevanz für die Präsidentschaftswahlen wird aber auch bei der
vermutlich höheren Dunkelziffer nicht anzunehmen. Aber dass solche Fälle
weiterhin möglich bleiben, wird vom CNE nicht bestritten. In dem
Wahlzentrum Auyantepuy in Caroni, Guayana im Bundesstaat Bolívar erzählte
eine Frau dem österreichischen Wahlbeobachter Erich Wartecker aus unserer
Gruppe, dass ein Mann mehrmals gewählt hat und nach jeder Wahl die
obligatorische Tinte am Zeigefinger im Klo mit Chlor entfernt habe. Darauf
angesprochen, sei er geflohen.
Tote
Wähler?
Eine
weitere Kritik insbesondere der Opposition ist, dass auch Tote wählen könnten.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich gerade die Opposition
diese Kritik zu eigen macht. Waren es doch gerade sie, die im Rahmen des
gescheiterten Abwahlreferendums 2004 bei der Unterschriftensammlung 2003
tausende tote Venezolaner auf ihren Listen vorzufinden waren.
Die
Möglichkeit der Stimmabgabe für Tote besteht in folgenden Fällen: wenn
der Totenschein nicht vom Gesundheitsministerium ans Innen- und
Justizministerium übermittelt wird und sich jemand anderes des Passes
(bei ähnlichem Aussehen und kopierter Unterschrift) annimmt. Durch den
biometrischen Fingerabdruckcheck (s. weiter unten) ist dann aber die Wahl
nur möglich, wenn der Tote vormals nie biometrisch gewählt hat und der
Wahlbetrüger selbst nicht wählt. Das gilt allerding nur in den Bundesländern,
in denen der Fingerabdruckcheck bereits automatisch vorgenommen wird. In
einigen Bundesländern wie in Bolívar, wo ich war, waren aber die
Fingerabdruckmaschinen noch nicht eingeführt, so dass hier der Vergleich
nur bei Indizmomenten hätte durchgeführt werden können. Bei vorhandenen
Fingerabdruckmaschinen ist aber zumindest eine doppelte Wahl (für den
Toten und für sich selbst) ausgeschlossen. Dennoch kann die Möglichkeit
der toten Wähler nicht komplett ausgeschlossen werden. Dabei bleibt aber
zu berücksichtigen, dass der CNE seit 1999 690.000 Verstorbene aus dem
Wahlregister gestrichen hat, bei 110.000 in den 30 Jahren zuvor insgesamt.
Eine wesentliche Beeinträchtigung der Wahlergebnisse ist also abwegig.
Wahlprozedere
Venezuela
hat ein automatisches und elektronisches Wahlsystem eingeführt. D.h. die
Wahl findet nicht nur mit Wahlzetteln statt, sondern die Wahl wird in
Maschinen eingegeben. Dabei hat die Wählerin bzw. der Wähler bei
Eintritt in den Wahlraum zunächst seinen Pass vorzuzeigen, der auf der
Liste der WählerInnen für diesen Wahlraum vorhanden sein muss. Die Daten
werden abgeglichen und der Wähler muss sowohl einen Fingerabdruck als
auch seine Unterschrift tätigen. In anderen Bundesländern wurde auch der
Fingerabdruck maschinell verarbeitet und abgeglichen. Das ermöglicht den
Wählern, an dem Ort ihrer Wahl wählen zu können, zumal es eine
Briefwahlmöglichkeit in Venezuela nicht gibt. Anschließend wird die
Instruktion des Wahlvorgangs anhand eines Beispielwahlzettels erläutert.
Dann geht der Wähler in die Wahlkammer und muss bei Bestätigung durch
Knopfdruck innerhalb von 3 Minuten den Präsidentschaftskandidaten und die
Partei und Organisation wählen. Auf einem Bildschirm erscheint dann das
Foto des Kandidaten und die Partei, die dann noch mal durch Druck auf den
Bildschirm bestätigt werden muss. Die Wahl wird ausgedruckt und der Wähler
kann auf dem Wahlzettel sehen, ob die Wahl auch so getätigt wurde, wie
er/sie wollte. Den Wahlzettel steckt er in die Wahlurne. Vor Verlassen des
Raums hat er seinen Zeigefinger in ein Tintenfass zu stecken, der belegt,
dass gewählt wurde.
Wahlauszählung
Durch
die mannigfaltigen Diskussionen um das Wahlsystem in Venezuela sind die
Techniken auch noch in den letzten Monaten erheblich ausgebaut worden. Am
Ende des Wahltages druckt die Maschine pro Wahltisch die Wahlergebnisse
aus. Zusätzlich werden alle Wahlzettel noch einmal ausgedruckt und mit
dem Gesamtergebnis abgeglichen. Daneben belegen die Unterschriften auf den
Wahllisten die Übereinstimmung der Anzahl der WählerInnen. Als zusätzliche
Sicherheit werden 54% der Stimmen manuell ausgezählt. Diese ganze
Wahlauszählung ist ein öffentlicher Akt. Vor den Wahlen konnten sich
Zeugen von politischen Organisationen oder KandidatInnen melden, um bei
der Auszählung dabei zu sein.
Mein
Eindruck der Wahlauszählung war, dass es sehr gewissenhaft vorgenommen
wurde. Die WahlhelferInnen waren bis spät in den Abend sehr konzentriert,
obwohl sie doch schon in den frühen Morgenstunden aufgestanden waren. In
einem Fall wurde eine zusätzlich Überprüfung vorgenommen, da die
Maschinen in einem Wahlzentrum in zwei Fällen die exakt gleiche
Stimmenanzahl und –verteilung hatte, was sich jedoch als richtig erwies.
Ankunft
in Guayana
Am
2. Dezember flogen wir aus Caracas mit einer Wahlbeobachtungsgruppe von 9
Personen nach Guayana im Bundesstaat Bolívar. Bolívar liegt im Südosten
des Landes und grenzt an Brasilien. Guayana wurde vor 40 Jahren wortwörtlich
aus dem Boden gestampft und ist eine Industriestadt. Das örtliche
Wasserkraftwerk produziert 75% des für Venezuela erforderlichen Stroms.
Unsere Ankunft bewirkte eine gewisse Medienaufmerksamkeit in Presse und
Fernsehen.
Im
Bolívar leben 1,5 Millionen Menschen, wovon gut 900.000 unter 18 Jahre
alt sind. Zur Wahl registriert waren gut 1.200.000 Personen, die in 553
Wahlzentren und 1.643 Wahltischen wählen konnten.
Die
Wahl am 3D
Am
Sonntag früh schlug mitten in der Nacht die Trommel, um die Wählerinnen
und Wähler für die Wahl zu wecken. Chávez hatte die AktivistInnen
aufgefordert, möglichst früh zu den Wahlen zu gehen, damit der
Wahlprozess möglichst reibungslos abläuft. Wir trafen Menschen, die sich
um 3 Uhr nachts zur Wahl angestellt hatten. Offiziell sollten die
Wahllokale von 6 Uhr früh bis 4 Uhr nachmittags geöffnet sein, wobei die
Maßgabe ausgegeben wurde, dass alle, die sich bis 4 Uhr in die Schlange
gestellt haben, noch wählen können.
Unsere
Gruppe teilte sich in 3 Teile auf, so dass wir à 3 Personen mit Fahrern,
CNE-Vertretern und Zivilpolizisten losfuhren. Unsere Kleingruppe
beobachtete in der Gemeinde Caroni, Distrikte Cachamay, Simon Bolívar,
Universität und Unare 9 Wahlzentren mit insgesamt 74 Wahltischen und
einer potentiellen Wählerschaft von 38.831 Menschen.
Öffnungszeiten
Nicht
alle Wahlzentren machten wirklich um 6 Uhr früh auf. In der Schule
Mercedes Prospert zum Beispiel erzählte mir eine Wählerin, dass erst um
7:30 Uhr die Tore geöffnet wurden. Schon vor den Toren der Wahlzentren
standen zum Teil Menschenmassen, bis sie in das Gebäude kamen und sich
dort noch 1-2 mal anstellen mussten, um schließlich wählen zu können.
Die meisten WählerInnen jedoch, die ich gefragt habe, meinten, sie
warteten seit ca. 2 Stunden und das sei nicht viel. Im Liceum Luis
Perfetti standen die Leute der Schlange und riefen im Chor „Wir wollen wählen“.
„Wir
wollen wählen“
Das
Bedürfnis, an der Wahl zu partizipieren, ist aus aktuell deutscher Warte
unvorstellbar. Die Mehrheit der Wähler will ihrem Präsidenten Tribut
zollen, sie weiß, worum es geht. Im zuvor erwähnten Wahlzentrum Perfetti
war eine Maschine bei unserer Ankunft bereits das dritte Mal ausgefallen
und die Alternative, manuell zu wählen, vorerst nicht möglich, da keine
Wahlzettel vorhanden waren wie in der Schule Diego de Ordaz, wo die
Umstellung auf manuelle Wahl innerhalb von 15 Minuten umgesetzt wurde. Im
besagten Wahlzentrum erzählte mir Bompart Pinango Rommy, dass er seit 2
1/2 Stunden auf die Beendigung seiner Wahl warte, was er mit seiner
Stoppuhr belegte. Er hat gewählt, aber der Wahlzettel als Beleg wurde
nicht mehr ausgedruckt. Das Bedürfnis, gültig zu wählen, war derart groß
und war ernstlich besorgt, dass seine Stimme nicht zählen würde. Eine
Stunde später – so wurde uns telefonisch mitgeteilt – wurde die
Maschine endgültig repariert.
Unübersichtlicher
Wahlzettel
Der
Wahlzettel, der elektronisch bedient wurde, hatte 86 Parteien zu Auswahl,
die ca. 15 KandidatInnen repräsentierten, d.h. viele Parteien unterstützten
Chávez oder Rosales. Die Wahl wurde aber nicht – wie bei anderen Wahlen
– für den Präsidentschaftskandidaten mit unterstützenden Parteien
abgegeben, sondern jeweils für die Partei und ihren Kandidaten. Dadurch
konnte nach der Wahl die genaue Stimmanzahl der jeweiligen Parteien
ermittelt werden. Andererseits war der Wahlzettel dadurch auch ziemlich unübersichtlich.
Die Parteien hatten nach ihrer Stimmanzahl bei den vorherigen Wahlen die Möglichkeit,
ihren Platz zu wählen. Chávez MVR wählte links oben, Rosales „Un
Nuevo Tiempo“ (Eine neue Zeit, UNT) rechts unten. Die meisten der
unterstützenden Parteien positionierten sich um MVR bzw. UNT, aber nicht
alle.
Probleme,
die Maschine zu bedienen
Vor
Betreten der Wahlkabine wurde das Wahlprozedere erklärt und in vielen Fällen
auch während der Wahl noch mal erläutert. Nichtsdestotrotz erlebte ich
mehrere Fälle, in denen insbesondere ältere Menschen (die eine sehr hohe
Beteiligung an den Wahlen ausmachten, wie die Medien berichteten)
Schwierigkeiten hatten, die Wahl durchzuführen. Teilweise wurden sie von
ihren Kindern oder Enkeln begleitet, es bestand aber auch die Möglichkeit
der Präsidenten des Wahlraums, auf Nachfrage nachzuhelfen. Vor den Wahlen
wurde eine große Medienkampagne zur Bedienung der Wahlmaschinen
gestartet: im Fernsehen, in den Zeitungen und auf Veröffentlichungen des
CNE wurde das Wahlsystem erklärt.
Geheimhaltung
der Wahl
Trotz
Vorhaltungen der Kritiker des automatischen Wahlsystems wurde die
Stimmabgabe derart eingestellt, dass eine Rückverfolgung der Wahl und der
wählenden Person nicht erfolgen kann. Zunächst einmal wird die Abfolge
der Stimmabgabe automatisch geändert. Ausserdem hat niemand in den
Wahllokalen Zugang zu den Daten der Maschinen. Die Fingerabdruckmaschinen
sind nicht mit den Wahlmaschinen verbunden, so dass auch ein Zusammenhang
hierzu nicht hergestellt werden kann.
Insgesamt
erschien mir aber die Mehrheit der Wahlbevölkerung an der Geheimhaltung
der Wahl nicht sonderlich interessiert. Oft wurde mir auf dem Gang gesagt,
für wen die Person gewählt hat. In einem Fall wollte ein Mann bei Erläuterung
des Wahlsystems am Probeblatt bereits auf dieses drücken. Auch die
Tatsache, dass sich die Parteien links oben und rechts unten polarisiert
haben, führte dazu, dass oftmals ersichtlich war (zumindest für die
WahlhelferInnen im Raum), für wen gewählt wird, denn die Pappen, die die
Wahlkabine umstellten, waren in den meisten Lokalen, die ich gesehen habe,
nicht so hoch, dass man den Kopf nicht gesehen hätte. Die Höhe der
Pappen – so wurde mir gesagt – unterlag der Hoheit der Wahlpräsidenten
eines jeden Raums.
Wartezeit
Aus
deutscher Sicht warteten die Leute ewig. Dies wurde aber offensichtlich
nicht so empfunden. Aus den Erfahrungen der letzten Wahlen wurden auch die
Wahlzentren neu geordnet, so dass annähernd die gleiche Anzahl der Wählerschaft
pro Wahltisch (in den von uns besuchten Wahlzentren ca. 500-700 Wähler
pro Tisch) registriert waren.
Wo
wählen?
Einige
Verwirrungen erlebte ich auch über den Ort, wo gewählt werden soll. In
der Schule Gran Sabana Fe y Alegria erzählte mir eine Frau, dass sie
schon im zweiten Wahlzentrum und auch hier nicht wählen konnte.
Schriftliche Wahlbenachrichtigungen gibt es in Venezuela nicht, was aber
auch daran liegt, dass in bestimmten Vierteln keine Postzustellung
funktioniert (wie mir vom barrio 23 de enero berichtet wurde). Vor den
Wahlen wurde aber medienwirksam informiert, dass man per Internet sein
zuständiges Wahllokal herausfinden kann. Außerdem war eine gratis
Telefonnummer vom CNE geschaltet, über das man egal von welchem Telefon
aus (Festnetz oder Handy) sein zuständiges Amt herausfinden konnte. Am
Wahltag selbst hörte ich eine Radiosendung, die diesen Service ebenfalls
anboten.
In
einigen Wahlzentrenn hingen vor den Toren die Listen der registrierten Wähler,
teilweise konnten die WählerInnen dies jedoch auch erst drinnen erfahren.
Politisches
Klima
Während
der Wahl war es verboten, politische Symbole zu tragen. Ich habe auch
keine eindeutig bestimmten Parteien zuzuordnenden direkten Symbole
gesehen. In dem reichen Viertel Cachamay im Zentrum Nazaret waren jedoch
viele WählerInnen mit blauen und weißen Kleidungstücken ausgestattet,
die Symbole der Opposition. Mir wurde von einem Fall berichtet, dass sich
jemand beschwert habe, da ein Wähler ein rotes T-Shirt mit blauen
Streifen getragen habe, und diese rote T-Shirt sei ein eindeutige
Bekenntnis zu Chávez.
Wenn
wir als internationale Wahlbeobachter die Wahlzentren betraten,
beklatschten uns nach meinem Empfinden insbesondere die Vertreter der
Opposition. Auch in den Zentren wurde ich mehrfach von Oppositionellen
angesprochen, die mir Betrügereien meldeten, aber auf Nachfrage in den
meisten Fällen nicht glaubwürdig erschienen. Eine Frau steckte mir auch
ihre Telefonnummer zu, damit ich mich später bei ihr melden und den
Betrug notieren sollte.
Wahlauszählung
Weitaus
aufgeheizter war die Stimmung nach Schließung der Wahllokale, die sich
zum Teil deutlich über 16 Uhr hinauszögerten. Vor den Wahlzentren
standen die Vertreter verschiedener politischer Überzeugungen – teils
zusammen, teils örtlich getrennt -, um die Wahlergebnisse als erste zu
erfahren. Es wurden Sylvesterknaller und -raketen gezündet, was aus
meiner Sicht eine gewisse Aggressivität vermittelte.
In
den Wahlzentrenn selber waren jede Menge sogenannter Wahlzeugen anwesend,
die sich vor der Wahl als Vertreter politischer Parteien und Kandidaten
melden konnten. Trotz dieser Konstellationen erlebte ich relative Ruhe bei
der Abgleichung, obwohl insbesondere Vertreter der Opposition zu uns kamen
und uns ihre politischen Haltungen erzählten.
In
einem Wahllokal standen vor dem Zenter ausschließlich Vertreter der
Opposition. Sie riefen ihre Slogans „Er wird gehen“ (gemeint ist Chávez)
oder „Demokratie ja, Kommunismus nein“. Sie sagten, sie würden in
ihren verfassungsmäßigen Rechten eingeschränkt, da sie als Anwohner
nicht bei der Auszählung dabei sein dürften. Die Normen des CNE
schreiben aber eindeutig vor, dass nur die Wahlzeugen bei der Auszählung
dabei sein dürfen. Ich fragte, was nicht demokratisch sei, worauf mir
aufgebraust geantwortet wurde „Es gibt keine Demokratie“.
Als
wir aus dem Wahlzentrum herausgingen – und dies war noch vor offizieller
Bekanntgabe der Ergebnisse – kam ein Vertreter auf mich zu, und wollte
die lokalen Ergebnisse von mir wissen. Ich sagte, dass wir als
Wahlbeobachter erst Stellungnahmen nach offizieller Beendigung des
Wahlprozesses abgeben können und ich daher auf seine Fragen nicht
antworten kann. Er lief mit uns zum Auto und wurde immer aufbrausender,
schrie, er will mit mir reden. Ich versuchte, ihm klar zu machen, dass er
gerne mit mir reden kann, ich aber Beobachterin bin keine Wahlverkünderin,
worauf er mir so nah kam, dass die Zivilpolizei einschritt und ihn zu
Boden warf.
Wahlergebnisse
Gegen
22 Uhr veröffentlichte die Präsidentin des CNE, Dr. Tibisay Lucena, die
erste Hochrechnung. Danach erhielt Hugo Rafael Chávez Frias 5.936141 und
Manuel Rosales 3.715392 Stimmen, was in Prozenten 61,3 zu 38,3 % ausmachte
und dem Endergebnis (61,62%-38.12%) bei einer Wahlenthaltung von 25%
(hervorzuheben: bei der Wahl der Nationalversammlung 2005 enthielten sich
75% der registrierten Wähler) nahezu entspricht.
Besonders
hervorzuheben ist die – wenn auch knappe – Mehrheit, die Chávez im
Bundesstaat Zulia (in dem Rosales Gouverneur ist) erhielt.
Stellungnahme
Rosales
Entscheidend
war nun die Stellungnahme des Oppositionskandidaten Manuel Rosales. Während
Chávez vom Balkon des Volkes aus dem Präsidentenpalast Miraflores in
Caracas zu den jubelnden Massen sprach, die trotz Regengüssen in die
Stadt gezogen waren, ließ Rosales – zur Erleichterung aller – verkünden,
dass er die Wahlniederlage akzeptiere. Sicherlich beraten von seinem
Wahlmanager Petkoff, einem Ex-Guerillero, zitierte Rosales ein Gedicht
Berthold Brechts, dass der Kampf langen Atem erfordert. Tags drauf veröffentlichte
die Zeitung El Mundo ein Bild, in dem eine Frau der Opposition wütend an
Rosales Hemdärmel reist und ihn vermutlich zur Nichtakzeptanz der
Wahlergebnisse bewegen will.
Populistischer
Wahlkampf von Rosales
Die
Akzeptanz war auch nach Rosales Verlautbarungen vor den Wahlen durchaus überraschend.
Sein Wahlkampf war auch alles andere als sachlich. So verteilte er breit
auf den Strassen sogenannte MI NEGRA Karten, mit denen er versprach, bei
erfolgreicher Wahl „ohne Bürokratie und Korruption“ direkt Geld
auszuzahlen. Auf der Strasse musste man Namen und Passnummer eintragen,
woraufhin ein Vertreter „an die Tür klopfen wird und Dir die
personalisierte Geldkarte MI Negra überreichen wird“. Es wird
versprochen, dass „jede Familie zwischen 600 Tausend und 1 Millionen Bolívares
pro Monat“ erhalten wird (bei einem aktuellen Mindestlohn von ca.
525.000 Bolívares).
Wahlauswertung
in Venezuela
Doch
der Kampf geht trotz Anerkennung der Wahlergebnisse weiter. Wie in
Venezuela üblich, reagiert der Großteil der Presselandschaft mit
Halbwahrheiten. Die Oppositionszeitung EL NACIONAL versuchte, den Wahlsieg
Chávez als Niederlage zu deuten. So habe Chávez sein Ziel, 10 Millionen
Stimmen zu erreichen, nicht geschafft, was er am 15. August 2004 jedoch
erreicht habe. Fakt ist jedoch, dass zum Abwahlreferendum 14 Millionen Wähler
registriert waren, wovon 5.800.000 für Chávez stimmten.
Weiter
berichtet EL NACIONAL, dass 4 von 10 Bürgern gegen die Regierung sein.
Fakt ist jedoch, dass 3,8 von 10 tatsächlichen Wählern für Rosales
gestimmt haben, aber nur 14% der gesamten, sowie 22% der wahlregistrieren
Bevölkerung.
Aber
diese Art der Information ist durchaus nicht allein. Am Montag nach der
Wahl hörte ich am Kiosk einen Mann – offensichtlich von der Opposition
– telefonieren. Er sagte, noch haben wir nicht verloren, noch fehlen
Stimmen, die noch nicht ausgezählt werden. Bei der Telefongesellschaft
CANTV äußerten Mitarbeiter, dass Venezuela zur Hälfte „chavistisch“
zur Hälfte Opposition sei.
Die
Tage nach den Wahlen wurde sowohl in Bolívar als auch in Caracas viel
gefeiert, mehr als sonst trugen Menschen politische Symbole, aber das
normale Leben ging weiter. Chávez bedankte sich bei Rosales für die
Akzeptanz der Wahlen und äußerte, zu Gesprächen jederzeit bereit zu
sein, aber ohne Konditionen.
Wahlauswertung
der internationalen Wahlbeobachter
Unsere
Wahlbeobachtergruppe aus Bolívar (mit Vertretern aus Argentinien, Equador,
Kolumbien, Spanien, Österreich und Deutschland) verfasste einstimmig die
Auswertung, dass grundsätzlich keiner Bedenken bezüglich Transparenz und
demokratischem Wahlprozess bestehen. In diesem Sinne war auch unsere
Gesamtauswertung des Internationalen Wahlprogramms des CNE. Transparenz,
Umsetzung der Normen des Wahlprozesses und insgesamt ein Bild guter
Organisation und Durchführung. Auch die Organisation Amerikanischer
Staaten wie die EU konnten keine Unregelmäßigkeiten feststellen, die die
Legitimität der Wahlen beeinträchtigen könnten.
Internationale
Wahlbeobachtung als moderner Kolonialismus
Mit
dieser Wahl wurde die aktuelle Regierung Venezuelas zum 11. Mal seit 1998
legitimiert. Eine Frequenz, die weltweit seinesgleichen sucht.
Und
dennoch: die Opposition im Land wie auch die internationale Räsonanz
zwingt viele Länder dazu, internationale Wahlbeobachter nicht nur in ihr
Land zu lassen, sondern ihren Aufenthalt und Reise auch noch bezahlen zu müssen.
Das
Auswärtige Amt selbst verkündet, dass allein im Jahr 2004 über fünfhundert
Vertreter Deutschlands in 24 Länder geschickt wurden, um beim
„Demokratisierungsprozess zu helfen“. Die umgekehrte Frage, warum wir
in Deutschland nicht venezolanische Wahlbeobachter einladen, da diese
zumindest aus rechtsstaatlicher Sicht weitaus mehr Erfahrung haben als wir
(sie haben eine verfassungsgebende Nationalversammlung gewählt, sie haben
die Möglichkeit, nach der Hälfte der Amtszeit die Mandatsträger abzuwählen,
sie haben breite Zeugenbeteiligung bei Wahlen, sie haben große
Wahlbeteiligung), wird den meisten absurd erscheinen und darin versteckt
sich auch der nach wie vor in breiten der Bevölkerung dominante
Kulturimperialismus, der darin besteht, dass wir meinen, ohne Skrupel in
die Souveränität fremder Staaten eingreifen zu können. Und nichts
anderes ist der Charakter internationaler Wahlbeobachtung, ist doch die
Durchführung Wahlen eigentlich zweifellos ein nationaler Hoheitsakt.
Aber
Venezuela vertritt die Politik
der hohen Transparenz. Der CNE lässt sich die Einladung von
Wahlbeobachtern viel kosten, und auch Chávez zeigt immer wieder der Öffentlichkeit,
wenn Unwahrheiten über die Politik im Land kursieren. Auch wenn sie
wissen, dass die Wahlen eindeutig ausgehen werden (so zumindest die
verschiedenen Wahlprognosen vor der Wahl) ist es die derzeitige Politik,
sich die internationale Präsenz ins Land zu holen und so eine weitere
Legitimitätsebene zu schaffen. |