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„Hätte
die Pariser Kommune nur einen
einzigen Tag Bestand gehabt, wenn sie sich gegenüber den
Bourgeois nicht dieser Autorität des bewaffneten Volks bedient
hätte? Kann man sie nicht, im Gegenteil, dafür tadeln, daß
sie sich ihrer nicht umfassend genug bedient hat?“ |
Von
der Autorität
Von
Friedrich Engels
Aus:.
MEW Band 18, Berlin (DDR) 1973
Einige
Sozialisten haben in letzter Zeit einen regelrechten Kreuzzug gegen das
eröffnet, was sie das Autoritätsprinzip nennen. Sie brauchen nur zu
sagen, dieser oder jener Akt sei autoritär, um ihn zu verurteilen. Mit
diesem summarischen Verfahren wird derart Mißbrauch getrieben, daß es
nötig ist, die Angelegenheit ein wenig aus der Nähe zu betrachten.
Autorität will in dem Sinn des Wortes, um den es sich hier handelt,
soviel besagen wie: Überordnung eines fremden Willens über den
unseren; Autorität setzt auf der anderen Seite Unterordnung voraus. Da
nun diese zwei Worte einen üblen Klang haben und das Verhältnis, das
sie zum Ausdruck bringen, für den untergeordneten Teil unangenehm ist,
handelt es sich um die Frage, ob es nicht ein Mittel gibt, anders
auszukommen; ob wir nicht – unter den gegenwärtigen
gesellschaftlichen Verhältnissen – einen anderen sozialen Zustand ins
Leben rufen können, in dem diese Autorität keinen Sinn mehr hat und
folglich verschwinden muß. Wenn wir die ökonomischen – industriellen
und landwirtschaftlichen – Verhältnisse untersuchen, die die
Grundlage der gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaft bilden, so
finden wir, daß sie die Tendenz haben, die isolierte Tätigkeit mehr
und mehr durch die kombinierte Tätigkeit der Individuen zu ersetzen. An
die Stelle der kleinen Werkstätten isolierter Produzenten ist die
moderne Industrie getreten, mit großen Fabriken und Werkstätten, in
denen Hunderte von Arbeitern komplizierte, mit Dampf angetriebene
Maschinen überwachen; die Fuhrwerke und Karren der großen Landstraßen
sind abgelöst worden durch die Züge der Eisenbahn, wie die kleinen
Ruderboote und Segelfeluken durch die Dampfboote. Maschinen und Dampf
bringen selbst die Landwirtschaft nach und nach unter ihre Herrschaft,
indem sie langsam aber sicher an die Stelle kleiner Eigentümer große
Kapitalisten setzen, die mit Hilfe von Lohnarbeitern große Landflächen
bebauen. Überall tritt die kombinierte Tätigkeit, die Komplizierung
voneinander abhängender Prozesse, an die Stelle der unabhängigen Tätigkeit
der Individuen. Wer aber kombinierte Tätigkeit sagt, sagt Organisation;
ist nun Organisation ohne Autorität möglich?
Nehmen
wir einmal an, eine soziale Revolution habe die Kapitalisten entthront,
deren Autorität heutzutage die Produktion und die Zirkulation der
Reichtümer lenkt. Nehmen wir, um uns ganz auf den Standpunkt der
Antiautoritarier zu stellen, weiter an, der Grund und Boden und die
Arbeitsinstrumente seien zum kollektiven Eigentum der Arbeiter geworden,
die sich ihrer bedienen. Wird die Autorität dann verschwunden sein oder
wird sie nur die Form gewechselt haben? Sehen wir zu.
Nehmen
wir als Beispiel eine Baumwollspinnerei. Die Baumwolle muß mindestens
sechs aufeinanderfolgende Operationen durchlaufen, bevor sie die Gestalt
des Fadens annimmt, Operationen, die – zum größten Teil – in
verschiedenen Sälen vor sich gehen. Außerdem braucht man, um die
Maschinen in Gang zu halten, einen Ingenieur, der die Dampfmaschine überwacht,
Mechaniker für die laufenden Reparaturen und viele ungelernte Arbeiter,
die die Produkte von einem Saal in den anderen zu schaffen haben etc.
Alle diese Arbeiter, Männer, Frauen und Kinder, sind gezwungen, ihre
Arbeit zu einer Stunde zu beginnen und zu beenden, die von der Autorität
des Dampfs festgesetzt ist, der sich keinen Deut um die individuelle
Autonomie kümmert. Es ist also zuerst einmal nötig, daß die Arbeiter
sich über die Arbeitsstunden einigen; sind diese Stunden einmal
festgelegt, so ist jedermann ohne jede Ausnahme ihnen unterworfen.
Weiterhin treten in jedem Saal und in jedem Augenblick Detailfragen über
die Produktionsweise, die Verteilung des Materials etc. auf, Fragen, die
sofort gelöst werden müssen, wenn nicht die gesamte Produktion im
selben Augenblick zum Stehen kommen soll; ob sie nun auf Entscheid eines
an die Spitze jedes Arbeitszweigs gestellten Delegierten gelöst werden
oder, wenn dies möglich ist, durch Majoritätsbeschluß, stets wird
sich doch der Wille eines jeden unterordnen müssen; das bedeutet, daß
die Fragen autoritär gelöst sein werden. Der mechanische Automat einer
großen Fabrik ist um vieles tyrannischer, als es jemals die kleinen
Kapitalisten gewesen sind, die Arbeiter beschäftigen. Wenigstens was
die Arbeitsstunden betrifft, kann man über die Tore dieser Fabriken
schreiben: Laßt alle Autonomie fahren, die Ihr eintretet! Wenn der
Mensch mit Hilfe der Wissenschaft und des Erfindergenies sich die
Naturkräfte unterworfen hat, so rächen diese sich an ihm, indem sie
ihn, in dem Maße, wie er sie in seinen Dienst stellt, einem wahren
Despotismus unterwerfen, der von aller sozialen Organisation unabhängig
ist. Die Autorität in der Großindustrie abschaffen wollen, bedeutet
die Industrie selber abschaffen wollen; die Dampfspinnerei vernichten,
um zum Spinnrad zurückzukehren.
Nehmen
wir als anderes Beispiel eine Eisenbahn. Auch hier ist die Kooperation
einer Unmenge von Individuen absolut notwendig: eine Kooperation, die zu
ganz bestimmten Stunden stattfinden muß, damit es zu keinem Unglück
kommt. Auch hier ist die erste Bedingung des Betriebs ein dominierender
Wille, der jede untergeordnete Frage beiseite schiebt, mag dieser Wille
nun durch einen einzelnen Delegierten repräsentiert sein oder durch ein
Komitee, dem die Ausführung der Beschlüsse einer Mehrheit von
Interessenten übertragen ist. In dem einen wie in dem anderen Fall
haben wir es mit einer ganz ausgesprochenen Autorität zu tun. Mehr
noch: Was geschähe mit dem ersten abgehenden Zuge, wenn die Autorität
der Bahnangestellten über die Herren Reisenden abgeschafft wäre?
Aber
die Notwendigkeit einer Autorität, und zwar einer gebieterischen
Autorität, tritt am anschaulichsten bei einem Schiff auf hoher See
zutage. Hier hängt, im Augenblick der Gefahr, das Leben aller davon ab,
daß alle sofort und absolut dem Willen eines einzelnen gehorchen.
Jedesmal,
wenn ich dergleichen Argumente den wildesten Antiautoritariern
unterbreitete, wußten sie mir nichts zu antworten als: „Ah! Das ist
wahr, aber hier handelt es sich nicht um eine Autorität, die wir den
Delegierten verleihen, sondern um einen Auftrag!” Diese Herren glauben
die Sache verändert zu haben, wenn sie deren Namen verändern. So
machen sich diese tiefen Denker über die Welt lustig.
Wir
haben also gesehen, daß einerseits eine gewisse, ganz gleich auf welche
Art übertragene Autorität und andererseits eine gewisse Unterordnung
Dinge sind, die sich uns aufzwingen unabhängig von aller sozialen
Organisation, zusammen mit den materiellen Bedingungen, unter denen wir
produzieren und die Produkte zirkulieren lassen.
Andererseits
haben wir gesehen, daß die materiellen Produktions- und
Zirkulationsbedingungen durch die Großindustrie und die Großlandwirtschaft
unweigerlich erweitert werden und die Tendenz haben, das Feld dieser
Autorität mehr und mehr auszudehnen. Es ist folglich absurd, vom
Prinzip der Autorität als von einem absolut schlechten und vom Prinzip
der Autonomie als einem absolut guten Prinzip zu reden. Autorität und
Autonomie sind relative Dinge, deren Anwendungsbereiche in den
verschiedenen Phasen der sozialen Entwicklung variieren. Wenn die
Autonomisten sich damit begnügten, zu sagen, daß die soziale
Organisation der Zukunft die Autorität einzig und allein auf jene
Grenzen beschränken wird, in denen die Produktionsbedingungen sie
unvermeidlich machen, so könnte man sich verständigen; sie sind
indessen blind für alle Tatsachen, die die Sache notwendig machen, und
stürzen sich auf das Wort.
Warum
begnügen sich die Antiautoritarier nicht damit, gegen die politische
Autorität, den Staat, zu wettern? Alle Sozialisten sind einer Meinung
darüber, daß der politische Staat und mit ihm die politische Autorität
im Gefolge der nächsten sozialen Revolution verschwinden werden, und
das bedeutet, daß die öffentlichen Funktionen ihren politischen
Charakter verlieren und sich in einfache administrative Funktionen
verwandeln werden, die die wahren sozialen Interessen hüten. Aber die
Antiautoritarier fordern, daß der autoritäre politische Staat auf
einen Schlag abgeschafft werde, bevor noch die sozialen Bedingungen
vernichtet sind, die ihn haben entstehen lassen. Sie fordern, daß der
erste Akt der sozialen Revolution die Abschaffung der Autorität sei.
Haben diese Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist gewiß
das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil
der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren,
Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln
aufzwingt; und die siegreiche Partei muß, wenn sie nicht umsonst gekämpft
haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den
ihre Waffen den Reaktionären einflößen. Hätte die Pariser Kommune
nur einen einzigen Tag Bestand gehabt, wenn sie sich gegenüber den
Bourgeois nicht dieser Autorität des bewaffneten Volks bedient hätte?
Kann man sie nicht, im Gegenteil, dafür tadeln, daß sie sich ihrer
nicht umfassend genug bedient hat?
Also
von zwei Dingen eins: Entweder wissen die Antiautoritarier nicht, was
sie sagen, und in diesem Fall säen sie nur Konfusion; oder sie wissen
es, und in diesem Fall üben sie Verrat an der Bewegung des
Proletariats. In dem einen wie in dem anderen Fall dienen sie der
Reaktion.
Federico
Engels
Geschrieben
zwischen Oktober 1872 und März 1873
http://www.mlwerke.de
Seitenzahlen
verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag,
Berlin. Band 18, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1.
Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 305-308. |