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Joseph Dietzgen

Joseph Dietzgen

1828 - 1888

Joseph Dietzgen

Das Wesen der Menschlichen Kopfarbeit

Dargestellt von einem Handwerker

Eine abermalige Kritik der reinen und praktischen Vernunft

(1869)

VORREDE siehe

Kap. 2)

I. Einleitung siehe

II. Die Reine Vernunft oder das Denkvermögen im Allgemeinen siehe

III. Das Wesen der Dinge siehe

IV. Die Praxis der Vernunft in der Physischen Wissenschaft siehe

IV. Die Praxis der Vernunft in der Physischen Wissenschaft

a) Ursache und Wirkung siehe

IV. Die Praxis der Vernunft in der Physischen Wissenschaft

b) Geist und Materie siehe

IV. Die Praxis der Vernunft in der Physischen Wissenschaft

c) Kraft und Stoff siehe

V. „Praktische Vernunft“ oder Moral

a) Das Weise, Vernünftige siehe

V. „Praktische Vernunft“ oder Moral

b) Das sittlich Rechte siehe

V. „Praktische Vernunft“ oder Moral

c) Das Heilige siehe

Joseph Dietzgen

Das Wesen der Menschlichen Kopfarbeit

Dargestellt von einem Handwerker

Eine abermalige Kritik der reinen und praktischen Vernunft

(1869)


Quelle: Ausgewählte Werke in Drei Bänden, Bd. 1, Berlin, Akademie Verlag: 1961, S. 15-139.
Transkription und HTML-Markierung: J.L. Wilm für das Marxists’ Internet Archive.


VORREDE

Hier dürfte der Ort sein, an den geneigten Leser sowohl wie an den ungeneigten Kritiker einige erläuternde Worte zu richten, welche das persönliche Verhältnis des Ver­fassers zu seiner Schrift betreffen. Der nächste Vorwurf, den ich antizipiere, ist Mangel an Gelehrsamkeit, der sich mehr noch indirekt, zwischen den Zeilen, als im Werkchen selbst direkt verrät. Wie darfst du, frage ich mich, dem Publikum deine Bearbeitung eines Gegenstandes vorlegen, der von den Heroen der Wissenschaft, unter anderen von Aristoteles, Kant, Fichte, Hegel usw. ist bearbeitet worden, ohne noch alle Werke deiner berühmten Vorgänger gründlich zu kennen? Wirst du nicht, im besten Falle, das längst Getane wiederholen?

Ich antworte: der Same, welchen die Philosophie in das Erdreich der Wissenschaft gepflanzt, ist längst aufgegangen und hat seine Früchte getragen. Was die Geschichte zu­tage fördert, entwickelt sich geschichtlich, treibt, wächst und vergeht, um in erneuter Form ewig fortzuleben. Die ur­sprüngliche Tat, das originale Werk ist nur fruchtbar in Kontakt mit den Verhältnissen und Beziehungen der Zeit, welche es geboren; schließlich aber wird es zu einer leeren Hülse, die ihren Kern an die Geschichte abgegeben hat. Was die Wissenschaft der Vergangenheit Positives produ­zierte, lebt nicht mehr im Buchstaben seines Autors, sondern ist mehr als Geist, ist Fleisch und Blut geworden in der gegenwärtigen Wissenschaft. Um z. B. die Produkte der Physik zu kennen und dazu Neues zu produzieren, ist es nicht erforderlich, erst die Geschichte dieser Wissenschaft zu studieren und die bisher entdeckten Gesetze an der Quelle zu schöpfen. Im Gegenteil, die geschichtliche For­schung dürfte der Lösung einer bestimmten physischen Aufgabe nur hinderlich sein, indem die konzentrierte Kraft notwendig mehr leistet als die geteilte. In diesem Sinne rechne ich mir den Mangel an anderweitigen Kenntnissen zugut, weil ich eben dadurch der Erkenntnis meines spe­ziellen Objekts um so entschiedener hingegeben bin. Dies Objekt zu erforschen und alles zu lernen, was meiner Zeit davon bekannt ist, habe ich mir ernstlich angelegen sein lassen. Die Geschichte der Philosophie hat sich insofern an meiner Individualität wiederholt, als ich mit dem Bedürfnis nach einer kompakten, systematischen Weltanschauung seit früher Jugend zu spekulieren ausging und schließlich die Befriedigung in der induktiven Erkenntnis des mensch­lichen Denkvermögens gefunden vermeine.

Und es ist nicht das Denkvermögen in seiner mannigfaltigen Erscheinung, es sind nicht die verschiedenen Weisen desselben, sondern seine allgemeinste Form, sein generelles Wesen, was mich befriedigte und was darzustellen mein Zweck ist. Mein Objekt ist demnach möglichst simpel und speziell, so absolut einfach, dass mir seine mannigfaltige Darstellung schwer und häufige Wiederholungen beinah un­vermeidlich wurden. Zugleich ist die Frage nach dem Wesen des Geistes ein populäres Objekt, das nicht nur von Philosophen von Fach, das von der Wissenschaft überhaupt kultiviert ist. Es muss deshalb auch, was zu seiner Erkennt­nis die Geschichte der Wissenschaft beigetragen, in der wissenschaftlichen Anschauung der Gegenwart allgemein lebendig sein. An dieser Quelle dürfte ich mir genügen lassen.

So mag ich denn trotz meiner Autorschaft bekennen, kein Professor der Philosophie, sondern von Profession ein Handwerker zu sein. Denjenigen, welche mir darum die alte Warnung zurufen möchten: „Schuster, bleib bei deinem Leisten!“ antworte ich mit Karl Marx: „Euer nee plus ultra handwerksmäßige Weisheit wurde zur furchtbaren Narr­heit von dem Moment, wo der Uhrmacher Watt die Dampf­maschine, der Barbier Artwright den Kettenstuhl, der Juwelierarbeiter Fulton das Dampfschiff erfunden hat.“ Ohne mich diesen Größen zurechnen zu wollen, darf doch ihr Vorgang mir zur Nacheiferung dienen. Zudem ist auch die Natur meines Gegenstandes noch besonders auf die Standesklasse angewiesen, der ich anzugehören, wenn nicht die Ehre, so doch das Vergnügen habe.

Ich entwickele in dieser Schrift das Denkvermögen als Organ des Allgemeinen. Der leidende, der vierte, der Ar­beiterstand ist insoweit erst der wahre Träger dieses Or­gans, als die herrschenden Stände durch ihre besonderen Klasseninteressen verhindert sind, das Allgemeine an­zuerkennen. Wohl bezieht sich diese Beschränkung zu­nächst auf die Welt der menschlichen Verhältnisse. Aber solange diese Verhältnisse nicht allgemein menschlich, son­dern Klassenverhältnisse sind, muss auch die Anschauung der Dinge von diesem beschränkten Standpunkt bedingt sein. Objektive Erkenntnis setzt subjektiv theoretische Freiheit voraus. Bevor Kopernikus die Erde sich bewegen und die Sonne stehen sah, musste er von seinem irdischen Standpunkt abstrahieren. Da nun dem Denkvermögen alle Verhältnisse Gegenstand sind, hat es von allem zu abstrahieren, um sich selbst rein oder wahr zu erfassen. Da wir alles nur mittels Denken begreifen, müssen wir von allem absehen, um das reine, das Denken im allgemeinen zu erkennen. Diese Aufgabe war zu schwer, solange sich der Mensch an einen beschränkten Klassenstandpunkt gebunden fand. Erst eine historische Entwicklung, welche soweit fortgeschritten, um die Auflösung der letzten Herr- und Knechtschaft zu erstreben, kann soweit der Vorurteile entbehren, um das Urteil im allgemeinen, das Erkenntnis­vermögen, die Kopfarbeit wahr oder nackt zu erfassen. Erst eine historische Entwicklung, welche die direkte all­gemeine Freiheit der Masse im Auge haben kann – und dazu gehören wohl sehr verkannte historische Voraus­setzungen —, erst die neue Ära des vierten Standes findet den Gespensterglauben soweit entbehrlich, um den letzten Urheber alles Spuks, um den reinen Geist entlarven zu dürfen. Der Mensch des vierten Standes ist endlich „reiner“ Mensch. Sein Interesse ist nicht mehr Klassen-, sondern Masseninteresse, Interesse der Menschheit. Die Tatsache, dass zu allen Zeiten das Interesse der Masse mit dem Inter­esse der herrschenden Klasse verbunden war, dass nicht nur trotz, sondern gerade mittels ihrer stetigen Unter­drückung durch jüdische Patriarchen, asiatische Eroberer, antike Sklavenhalter, feudale Barone, zünftige Meister, besonders durch moderne Kapitalisten und auch selbst noch durch kapitalistische Cäsaren die Menschheit stetig „fortgeschritten“ – diese Tatsache nähert sich ihrem Ende. Die Klassenverhältnisse der Vergangenheit waren notwendig für die allgemeine Entwicklung. Jetzt ist diese Entwicklung an einem Standpunkt angekommen, wo die Masse selbstbewußt wird. Die bisherige Menschheit hat sich mittels Klassengegensatzes entwickelt. Sie ist damit so weit gekommen, dass sie nunmehr sich unmittelbar selbst entwickeln will. Die Klassengegensätze waren Erschei­nungen der Menschheit. Der Arbeiterstand will die Klassen­gegensätze aufheben, damit die Menschheit eine Wahrheit sei.

Wie die Reformation von den faktischen Verhältnissen des sechzehnten Jahrhunderts, wie die Erfindung des elektrischen Telegraphen, so ist die Ergründung der Theorie unserer menschlichen Kopfarbeit von den fak­tischen Verhältnissen des neunzehnten Jahrhunderts be­dingt. Insofern ist der Inhalt dieser kleinen Schrift kein individuelles Produkt, sondern ein geschichtliches Gewächs. Ich fühle mich dabei – mit Verlaub für die mystische Phrase – nur als ein Organ der Idee. Mir gehört die Dar­stellung, in betreff deren ich hiermit um freundliche Nach­sicht bitte. Ich bitte den Leser, seine stillen oder lauten Einreden nicht gegen die mangelhafte Form, nicht gegen das zu richten, was ich derart sage, sondern gegen das, was ich sagen will; ich bitte, mich nicht geflissentlich im Buch­staben zu mißverstehen, sondern im Geiste, im Allgemeinen das Verständnis suchen zu wollen. Sollte es mir nicht ge­lungen sein, die Idee mit Erfolg zu entwickeln, sollte auch deshalb meine Stimme auf unserem überfüllten Büchermarkt ersticken müssen, wird doch die Sache, des bin ich sicher, einen talentvolleren Vertreter finden.

Siegburg, d. 15. Mai 1869

Jos. Dietzgen,

Lohgerber

I. Einleitung

Systematisierung ist das Wesen, ist der generelle Aus­druck für die gesamte Tätigkeit der Wissenschaft. Die Wissenschaft will nichts weiter, als die Objekte der Weit für unseren Kopf in Ordnung und System bringen. Die wissenschaftliche Erkenntnis einer Sprache z. B. fordert ihre Einteilung oder Ordnung in allgemeine Klassen und Regeln. Die Ackerbauwissenschaft will nicht, dass die Kar­toffeln nur geraten, sondern für die Art und Weise des An­baues die systematische Ordnung finden, deren Kenntnis instand setzt, mit Vorausbestimmung des Erfolges zu bauen. Das ist das praktische Resultat aller Theorie, dass sie uns mit dem System, mit der Methode ihrer Objekte bekannt macht und also befähigt, in der Welt mit Vorausbestimmung des Erfolges zu agieren. Erfahrung ist wohl die Voraus­setzung dazu; aber allein reicht sie nicht aus. Erst die aus ihr entwickelte Theorie, die Wissenschaft, erlöst vom Spiel des Zufalls. Sie verschafft uns mit dem Bewußtsein die Herrschaft über den Gegenstand und unbedingte Sicherheit in seiner Handhabung.

Der einzelne kann nicht alles wissen. Sowenig wie die Geschicklichkeit und Kraft seiner Hände ausreicht, alles zu produzieren, was er bedarf, sowenig reicht die Fähigkeit seines Kopfes aus, alles zu wissen, was not tut. Glaube ist dem Menschen notwendig. Jedoch nur der Glaube an das, was andere wissen. Die Wissenschaft ist ebenso wie die materielle Produktion eine gesellschaftliche Angelegenheit. „Einer für alle und alle für einen.“

Wie es aber leibliche Bedürfnisse gibt, die jeder nur sich selbst besorgen kann und soll, so gibt es auch wissenschaft­liche Objekte, die zu wissen von allen erfordert ist, und des­halb nicht irgendeiner besonderen Fachwissenschaft an­gehören.

Ein solcher Gegenstand ist das menschliche Denk­vermögen: die Erkenntnis, das Verständnis, die Theorie desselben kann keiner besonderen Zunft überlassen sein. Wohl mit Recht sagt Lassalle: „Das Denken selbst ist in diesem Zeitalter der Teilung der Arbeit zu einem beson­deren Handwerk geworden, und in die elendesten Hände ist dieses Handwerk gefallen – in die unserer Zeitungen.“ Damit sind wir angewiesen, uns diese Bedienung nicht länger gefallen, von der öffentlichen Meinung uns nicht länger harangieren zu lassen, sondern das Selbstdenken wiederaufzunehmen. Einzelne Gegenstände des Wissens oder der Wissenschaft mögen wir Fachleuten überlassen, aber das Denken im allgemeinen ist eine allgemeine An­gelegenheit, die niemand kann erlassen sein.

Vermöchten wir diese Arbeit des Denkens auf ein wissen­schaftliches Fundament zu stellen, dafür eine Theorie zu finden, vermöchten wir die Art und Weise zu entdecken, wie die Vernunft überhaupt Erkenntnisse zeugt, oder die Methode zu finden, nach welcher sich die wissenschaftliche Wahrheit produziert, so würden wir auf dem Gebiete des Wissens überhaupt, für unsere Urteilskraft im allgemeinen dieselbe Sicherheit des Erfolgs erwerben, welche in be­sonderen Disziplinen die Wissenschaft schon längst er­worben hat.

Kant sagt: „Wenn es nicht möglich ist, die verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die gemeinschaftliche Absicht verfolgt werden soll, einhellig zu machen, so kann man überzeugt sein, dass ein solches Studium bei weitem noch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern ein bloßes Herumtappen sei.“

Sehen wir uns heute nun in den Wissenschaften um, so finden wir da viele, vornehmlich die Naturwissenschaften, welche der Anforderung Kants entsprechen, welche mit sicherem Bewußtsein, mit widerspruchsloser Einhelligkeit bei ihren gewonnenen Erkenntnissen beharren und sie weitertragen. „Dort weiß man,“ wie Liebig sagt, „was eine Tatsache, ein Schluß, eine Regel, ein Gesetz ist. Für alles dies hat man Probiersteine, die jeder erst gebraucht, ehe er die Früchte seiner Arbeit in Zirkulation setzt. Die advo­katorische Durchführung einer Ansicht oder die Absicht, einen andern etwas Unbewiesenes glauben zu machen, scheitern augenblicklich an der wissenschaftlichen Moral.“

Dagegen auf anderen Gebieten, dort wo man die konkreten materiellen Dinge verläßt und sich abstrakten, sogenannten philosophischen Gegenständen zuwendet, in Sachen der allgemeinen Welt- und Lebensanschauung, in den Fragen von Anfang und Ende, von Schein und Wesen der Dinge, ob Ursache oder Wirkung, ob Kraft oder Stoff, ob Macht oder Recht, in Fragen der Lebensweisheit, in der Moral, der Religion, der Politik – da finden wir statt „schlagender beweisender Tatsachen“ nur „advokatorische Durchfüh­rungen“, nirgends ein zuverlässiges Wissen, sondern über­all nur ein bloß Herumtappen widersprechender Mei­nungen.

Ja gerade die Koryphäen der Naturwissenschaft be­kunden sich durch ihre Mißhelligkeit bei der Berührung solcher Themen als philosophische Pfuscher. Daraus er­gibt sich dann, dass die wissenschaftliche Moral, die Probier­steine, deren man für die scharfe Unterscheidung zwischen Wissen und Meinen zu besitzen sich rühmt, nur auf einer instinktiven Praxis, aber nicht auf bewußter Erkenntnis, auf keiner förmlichen Theorie beruhen. Obgleich auch unsere Zeit sich auszeichnet durch fleißige Kultur der Wissenschaft, so bezeugt doch auch wieder ihre vielfältige Meinungsverschiedenheit, dass sie nicht versteht, das Wissen mit Vorausbestimmung des Erfolges zu handhaben. Woher sonst die Mißverständnisse? Wer das Verstehen ver­steht, darf nicht mißverstehen. Nur die unbedingte Sicher­heit der astronomischen Rechnungen zeugt für ihre Wissen­schaftlichkeit. Wer zu rechnen versteht, weiß wenigstens zu erproben, ob seine Rechnung wahr oder falsch ist. So muss auch das allgemeine Verständnis des Denkprozesses uns den Probierstein an die Hand geben, das Verstandene vom Mißverstandenen, das Wissen vom Meinen, Wahrheit und Irrtum allgemein und unzweifelhaft zu unterscheiden. Irren ist menschlich, aber nicht wissenschaftlich. Da nun die Wissenschaft eine menschliche Sache ist, mögen Irrtümer ewig bleiben, aber dass man dieselben für wissenschaftliche Wahrheiten ausgibt und, noch mehr, sie allgemein dafür akzeptiert, davon wird das Verständnis des Denkprozesses „ ebensoweit befreien können, wie das Verständnis der Mathe­matik von falschen Rechnungen befreien kann. Es klingt paradox und ist dennoch wahr: Wer die allgemeine Regel, welche Wahrheit und Irrtum scheidet, so genau kennt wie die Regel der Sprachlehre, welche das Hauptwort vom Zeitwort trennt, wird dort wie hier mit gleicher Sicherheit unterscheiden. Von jeher haben Gelehrte sowohl wie Schriftgelehrte einander in Verlegenheit gesetzt mit der Frage: was ist Wahrheit? Diese Frage bildet seit Jahr­tausenden ein wesentliches Objekt, vornehmlich der Philo­sophie. Sie findet schließlich, wie letztere selbst, ihre Auf­lösung in der Erkenntnis des menschlichen Denkvermögens. Mit anderen Worten: Die Frage nach den Kennzeichen der Wahrheit im allgemeinen ist gleich mit der Frage nach dem Unterschiede zwischen Wahrheit und Irrtum. Die Philo­sophie ist die Wissenschaft, welche sich darum bemüht hat und mit dem Rätsel zuletzt sich selbst durch end­liche klare Erkenntnis des Denkprozesses auflöste. Eine kurze Betrachtung des Wesens und des Verlaufs der Philosophie darf also füglich unserem Thema als Einleitung dienen.

Da das Wort in mannigfaltiger Bedeutung gebraucht wird, sei bemerkt, dass hier nur von der sogenannten speku­lativen Philosophie die Rede ist. Wir unterlassen dabei, das Gesagte mit häufigen Zitaten und Quellenangaben zu be­legen, weil das, was wir davon sagen, so offenkundig, so widerspruchslos gilt, dass wir des gelehrten Beiwerks wohl entraten können.

Legen wir den erwähnten Maßstab Kants an, so erscheint die spekulative Philosophie mehr als Tummelplatz differen­ter Meinungen denn als Wissenschaft. Ihre Zelebritäten, ihre klassischen Größen sind nicht einmal einhellig in der Antwort auf die Frage: was ist, was will die Philosophie? Deshalb, um die verschiedenen Meinungen darüber nicht noch mit unserer Privatmeinung zu vermehren, lassen wir alles als Philosophie gelten, was sich so nennt, und suchen aus dieser reichen Bibliothek dickleibiger Bände – ohne vom Besonderen oder Sonderbaren uns beirren zu lassen — das Gemeinschaftliche oder Allgemeine.

Auf diesem empirischen Wege finden wir dann zunächst, dass die Philosophie ursprünglich keine besondere einzelne Wissenschaft ist, neben oder in Gemeinschaft mit anderen Wissenschaften, dass sie vielmehr Gattungsname des Wissens überhaupt, Inbegriff alles Wissens ist, wie die Kunst In­begriff der verschiedenen Künste. Wer sich das Wissen, wer sich die Kopfarbeit zu wesentlicher Beschäftigung machte – jeder Denker ohne Rücksicht auf den Inhalt seiner Gedanken war ursprünglich Philosoph.

Sobald dann mit der fortschreitenden Bereicherung des menschlichen Wissens sich die einzelnen Fächer von der mater sapientiae loslösten, vornehmlich seit Entstehung der modernen Naturwissenschaft, findet sich, dass die Philo­sophie nicht sowohl durch ihren Inhalt als durch ihre Form gekennzeichnet ist. Alle anderen Wissenschaften unter­scheiden sich durch ihre verschiedenen Gegenstände, die Philosophie hingegen durch ihre eigene Methode. Sie besitzt wohl auch einen Gegenstand, einen Zweck; sie will das All­gemeine, die Welt als Ganzes, den Kosmos begreifen. Aber es ist nicht dieser Gegenstand, nicht das Vorhaben, was sie charakterisiert, sondern die Art und Weise, wie sie es ver­folgt.

Alle anderen Wissenschaften beschäftigen sich mit be­sonderen Dingen oder Gegenständen, und wenn auch mit dem All, mit dem Kosmos, dann immer doch nur mit Be­ziehung auf die besonderen Teile oder Momente, woraus sich das Weltall zusammensetzt. Alexander von Humboldt sagt in der Einleitung zu seinem „Kosmos“, dass er sich in diesem Werke auf eine empirische Betrachtung beschränke, auf die physische Forschung, welche mittelst der Mannig­faltigkeit die Gleichartigkeit oder Einheit zu erkennen suche. So gelangen überhaupt die induktiven Wissen­schaften nur auf Grund ihrer Beschäftigung mit dem Ein­zelnen, Besonderen, sinnlich Gegebenen zu allgemeinen Schlüssen oder Erkenntnissen. Sie sagen deshalb von sich: „Unsere Schlüsse beruhen auf Tatsachen.“ Umgekehrt ver­fährt die spekulative Philosophie. Wo auch irgendein be­sonderes Thema ihr als Gegenstand der Forschung dient, so verfolgt sie es doch nicht im Besonderen. Die Offenbarungen der Sinne, die mit Aug' und Ohr, mit Hand und Kopf ge­machte physische Erfahrung, weist sie als trügerische Er­scheinung zurück und beschränkt sich auf das „reine“, von allen Voraussetzungen absehende Denken, um so auf umgekehrtem Wege, mittelst der Einheit menschlicher Ver­nunft die Mannigfaltigkeit des Weltalls zu erkennen. Bei der Frage z. B., welche uns gegenwärtig beschäftigt, bei der Frage: was ist Philosophie? – würde sie nicht von ihrer wirklichen sinnlichen Gestalt, von den hölzernen und schweinsledernen Folianten, von ihren großen und kleinen Abhandlungen ausgehen, um von hier aus zum Begriff zu gelangen. Umgekehrt, der spekulative Philosoph sucht innerlich in sich, in der Tiefe seines Geistes den wahren Be­griff der Philosophie, nach dessen Maßstab er dann die sinn­lich gegebenen Exemplare als echt oder unecht aburteilt. Mit der Erforschung handgreiflicher Objekte hat sich die spekulative Methode wohl niemals beschäftigt, es sei denn, dass wir in jeder unwissenschaftlichen Naturanschauung, welche die Welt mit Hirngespinsten bevölkerte, die Manier der Philosophie wiedererkennen. Die Anfänge der wissen­schaftlichen Spekulation forschten wohl auch nach Sonnen-und Weltenlauf. Seitdem jedoch die induktive Astronomie diese Gebiete mit größerem Erfolg kultiviert, beschränkt die Spekulation sich ganz und gar auf Behandlung mehr ab­strakter Themen. Hier ist sie denn, wie überhaupt, charak­terisiert durch Erzeugung ihrer Resultate aus der Idee oder dem Begriff. —

Für die empirische Wissenschaft, für die Methode der In­duktion ist die erfahrene Mannigfaltigkeit das erste und das Denken das zweite. Dagegen will die Spekulation ohne Hilfe der Erfahrung die wissenschaftliche Wahrheit er­zeugen. Die philosophische Erkenntnis soll sich nicht auf vergängliche Tatsachen stützen, sondern absolut, über Raum und Zeit erhaben sein. Die spekulative Philosophie will keine physische Wissenschaft, sie will Metaphysik sein. Ihre Aufgabe besteht darin, rein aus der Vernunft, ohne Bei­hilfe von Erfahrung ein System zu finden, eine Logik oder Wissenschaftslehre, mittelst deren sich die Wissenswürdigkeiten logisch oder systematisch abwickeln lassen, ähnlich, wie wir grammatisch aus dem gegebenen Stamme eines Wortes seine verschiedenen Formen abzuwickeln vermögen. Die physischen Wissenschaften agieren unter der Voraus­setzung, dass unser Erkenntnisvermögen – um bekannte Bilder zu gebrauchen – einem Stück weichen Wachses ähnlich sei, welches seine Eindrücke von der Außenwelt empfange, oder einer leeren Tafel, die von der Erfahrung beschrieben wird. Die Philosophie hingegen setzt angebo­rene Ideen voraus, welche mittelst des Denkens aus den Tiefen des Geistes zu schöpfen und produzieren sind.

Der Unterschied zwischen spekulativer und induktiver Wissenschaft beruht auf dem Unterschiede zwischen Phantasie und gesundem Menschenverstände. Letzterer zeugt seine Begriffe mittelst der Außenwelt, mittelst der Er­fahrung, während die Phantasie ihr Produkt aus der Tiefe des Geistes, mit sich selbst, von innen heraus zeugt. Jedoch ist diese Zeugung nur scheinbar einseitig. Sowenig der Maler übersinnliche Bilder, übersinnliche Gestalten zu er­finden weiß, sowenig vermag der Denker außerhalb der Er­fahrung liegende, übersinnliche Gedanken zu denken. Wie die Phantasie aus Zusammensetzung von Mensch und Vo­gel Engel schafft oder aus Fisch und Weib Sirenen, in der­selben Art sind alle ihre anderen Produkte, obgleich scheinbar Erzeugnisse ihrer selbst, doch in der Tat nur willkürlich ge­ordnete Eindrücke der Außenwelt. Der Verstand, die Ver­nunft bindet sich an Zahl und Ordnung, an Zeit und Maß der Erfahrung, während die Phantasie das Erfahrene un­gebunden, in willkürlicher Form reproduziert.

Der Drang nach Wissen hat von jeher veranlaßt, auch schon dort, wo wegen Mangel an Erfahrung und Beobach­tung keine induktive Erkenntnis möglich war, dennoch die Erscheinungen der Natur und des Lebens aus dem mensch­lichen Geiste, d. h. spekulativ, zu erklären. Man suchte die Erfahrung durch Spekulation zu ergänzen. In einer folgen­den, durch Erfahrung bereicherten Zeit erkannte man ge­wöhnlich die vorhergegangene Spekulation als Irrtum. Aber dennoch bedurfte es tausendjähriger angehäufter Wieder­holung dieses Enttäuschungsaktes einerseits und der zahlreichsten eklatantesten Erfolge induktiver Methode andererseits, bevor man diese spekulative Liebhaberei ver­lassen mochte.

Gewiß ist auch die Phantasie ein positives Vermögen, und sehr oft geht die spekulative, durch Analogie erworbene Ahnung der erfahrungsmäßigen induktiven Erkenntnis voraus. Nur sollen wir klar, bewußt sein, was und wieviel Vermutung und was und wieviel Wissenschaft. Bewußte Ahnung fordert zu wissenschaftlicher Forschung auf, während vermeintliche Wissenschaft der induktiven For­schung die Türe schließt. Die Erwerbung eines klaren Be­wußtseins über den Unterschied zwischen Spekulation und Wissen ist ein geschichtlicher Prozeß, dessen Anfang und Ende mit Anfang und Ende der spekulativen Philosophie zusammenfällt.

Im Altertum arbeitete der gesunde Menschenverstand mit der Phantasie, die induktive Methode mit der speku­lativen gemeinschaftlich und unentzweit. Die Auseinander­setzung beider beginnt erst mit Erkenntnis der mannig­fachen Täuschungen, welchen bis zur neueren Zeit das noch ungeübte Urteil unterlegen hatte. Statt nun die erfahrenen Täuschungen aus dem Mangel an Verständnis herzuleiten, schrieb man sie der Mangelhaftigkeit der Sinne zu, schalt die Sinne Betrüger und die sinnliche Erscheinung unwahr. Wer kennt nicht das alte Lamento über die Unzuverlässigkeit der Sinne? Die Mißverständnisse der Natur und ihrer Er­scheinungen dienten vorerst zum völligen Zerwürfnis mit der Sinnlichkeit. Man hatte sich getäuscht, und glaubte, ge­täuscht worden zu sein. Der Unmut darüber verkehrte sich zur totalen Mißachtung der sinnlichen Welt. Ebenso kritik­los gläubig, wie man bis dahin das Scheinbare für Wahrheit angenommen, ebenso unkritisch im Zweifel verwarf man jetzt den Glauben an die sinnliche Wahrheit ganz und gar. Die Forschung wandte sich von der Natur, von der Er­fahrung weg und begann mit reinem Denken die Arbeit der spekulativen Philosophie.

Doch nein! So ganz ließ sich die Wissenschaft niemals vom Wege des gesunden Menschenverstandes, von der Wahrheit der sinnlichen Welt abbringen. Die Naturwissen­schaft trat bald dafür ein, und ihre glänzenden Erfolge er­warben der induktiven Methode das Bewußtsein der Fruchtbarkeit, während andererseits die Philosophie nach einem System forschte, mittels dessen sich die großen all­gemeinen Wissenswürdigkeiten ohne Forschung en detail, ohne sinnliche Erfahrung und Beobachtung mit der Ver­nunft allein erschließen.

Solcher spekulativen Systeme besitzen wir nun eine mehr als hinreichende Zahl. Messen wir dieselben mit dem er­wähnten Maße der Einhelligkeit, so findet sieh die Philo­sophie nur einig in einer allgemeinen Uneinigkeit. Die Ge­schichte der spekulativen Philosophie besteht denn auch nicht, wie die Geschichte anderer Wissenschaften, in der allmählichen Ansammlung von Kenntnissen, sondern in einer Reihe mißglückter Versuche, mit der puren Denkkraft, ohne Hilfe der Objekte oder der Erfahrung davon, die all­gemeinen Rätsel der Natur und des Lebens zu erforschen. Den kühnsten Versuch, den künstlichsten Gedankenbau vollendete Hegel im Anfange unseres Jahrhunderts, welcher, einer Redensart nachzusprechen, in der wissen­schaftliehen Welt eine Berühmtheit erlangte wie Napoleon in der politischen. Aber auch die Hegeische Philosophie hat die ihr gestellte Probe nicht bestanden. „Sie ist“, wie Haym („Hegel und seine Zeit“) sagt, „durch den Fortschritt der Welt und durch die lebendige Geschichte be­seitigt worden.“

Das Resultat der Philosophie bis dahin war also die Un­fähigkeitserklärung ihrer selbst. Jedoch werden wir nicht verkennen, dass einer Arbeit, welche Jahrtausende lang die besten Köpfe beschäftigte, wohl etwas Positives zugrunde liegt. Und in der Tat, die Philosophie besitzt eine Ge­schichte – eine Geschichte nicht nur im Sinne einer Reihenfolge mißglückter Versuche, sondern auch eine Ge­schichte im Sinne lebendiger Entwicklung. Aber es ist nicht der Gegenstand, nicht das gesuchte logische Weltsystem, welches sich mit ihr entwickelt, sondern die Methode.

Jede positive Wissenschaft besitzt ein sinnliches Objekt, einen äußerlich gegebenen Anfang, eine Voraussetzung, auf welche sich ihre Erkenntnis steift. Jeder empirischen Wissenschaft unterliegt ein sinnliches Material, ein ge­gebener Gegenstand, infolgedessen ihr Wissen abhängig, unrein ist. Die spekulative Philosophie sucht ein reines, totales, absolutes Wissen. Sie will ohne Material, ohne Er­fahrung, aus „reiner“ Vernunft erkennen. Sie entspringt aus dem begeisterten Bewußtsein von der überlegenen Vor­trefflichkeit der Erkenntnis oder Wissenschaft über die empirische sinnliche Erfahrung. Sie will deshalb ganz und gar über die Erfahrung hinaus, zu einer totalen, reinen Er­kenntnis. Ihr Gegenstand ist die Wahrheit, aber nicht die besondere, nicht die Wahrheit dieser oder jener Sache, son­dern die Wahrheit im allgemeinen, die Wahrheit „an sich“. Die spekulativen Systeme suchen an einem voraussetzungs­losen Anfang, an einem unbezweifelbaren sich selbst tragenden Standpunkt, um von hier aus das überhaupt Un­bezweifelbare zu bestimmen. Die Systeme der Spekulation sind ihrem eigenen Bewußtsein nach vollkommene, ab­geschlossene, in sich selbst begründete Systeme. Jedes speku­lative System fand seine Auflösung in der nachfolgenden Erkenntnis, dass seine Totalität, seine Selbstbegründung, seine Voraussetzungslosigkeit vermeintlich war, dass es sich wie andere Erkenntnisse äußerlich, empirisch hat be­stimmen lassen, dass es kein philosophisches System, son­dern eine relative empirische Erkenntnis ist. Die Speku­lation löste sich schließlich in die Wissenschaft auf, dass das Wissen an sich oder im allgemeinen unrein ist, dass das Or­gan der Philosophie, das Erkenntnisvermögen ohne ge­gebenen Anfang nicht anfangen kann, dass die Wissen­schaft der Erfahrung nicht total, sondern nur insoweit überlegen ist, als sie zahlreiche Erfahrungen zu organisieren vermag, dass also nur insoweit eine allgemeine, objektive Erkenntnis oder die Wahrheit „an sich“ Gegenstand der Philosophie sein kann, als man aus gegebenen besonderen Er­kenntnissen oder Wahrheiten die Erkenntnis oder Wahr­heit im allgemeinen zu charakterisieren, zu erkennen ver­mag. Schlicht gesprochen reduziert sich die Philosophie auf die unphilosophische Wissenschaft des empirischen Er­kenntnisvermögens, auf die Kritik der Vernunft.

Von der Erfahrung des Unterschieds zwischen Schein und Wahrheit geht die neuere, die bewußte Spekulation aus. Sie negiert jede sinnliche Erscheinung, um, von keinem Scheine betrogen, die Wahrheit durch Denken zu finden. Im Verlauf erkennt der folgende Philosoph jedesmal, dass die derartig gewonnenen Wahrheiten der Vorgänger nicht das sind, was sie zu sein prätendieren, sondern ihrem posi­tiven Gehalt nach sich darauf beschränken, die Wissen­schaft des Erkenntnisvermögens, des Denkprozesses ge­fördert zu haben. Durch ihre Negation der Sinnlichkeit, durch das Bestreben, das Denken von allem sinnlich Ge­gebenen, gleichsam von seiner natürlichen Hülle zu schei­den, legte die Philosophie mehr als jede andere Wissen­schaft die Struktur des Geistes bloß. So dass, je älter sie wurde, je mehr sie sich in geschichtlichem Verlauf entwickelte, je klassischer, je frappanter dieser Kern ihrer Ar­beit zu Tage trat. Nach wiederholten Schöpfungen großer Hirngespinste fand sie ihre Auflösung in der positiven Er­kenntnis, dass das reine, philosophische, von jedem ge­gebenen Inhalt absehende Denken auch ein Denken ohne Inhalt, Gedanken ohne Wirklichkeit, Hirngespinste zeugt. Der Prozeß der spekulativen Täuschung und wissenschaft­lichen Enttäuschung setzte sich fort bis in die neuste Zeit, wo endlich die Lösung der Gesamtfrage, die Auflösung der Spekulation mit den Worten Ludwig Feuerbachs beginnt: „Meine Philosophie ist keine Philosophie.“

Die lange Rede der spekulativen Arbeit reduziert sich auf die Erkenntnis des Verstandes, der Vernunft, des Geistes, auf die Enthüllung jener geheimnisvollen Operationen, welche wir Denken nennen.

Das Geheimnis der Art und Weise, wie sich die Wahr­heiten der Erkenntnis zeugen, die Unkenntnis der Tatsache, dass jedes Denken eines Objekts, einer Voraussetzung be­darf, war die Ursache jener spekulativen Irrung, welche in der Geschichte der Philosophie enthalten ist. Dasselbe Ge­heimnis ist heute die Ursache jener vielen spekulativen Irrungen und Widersprüche, welchen wir en passant in den Worten und Werken unserer Naturforscher begegnen. Das Wissen und Erkennen ist dort weit gediehen, jedoch nur so­weit, als man greifbare Gegenstände behandelt. Bei irgend­einem Thema anderer, abstrakterer Art finden wir an Stelle „beweisender Tatsachen“ „advokatorische Durch­führungen“, weil man, wenn auch im besonderen, wenn auch instinktiv, so doch nicht im allgemeinen, nicht mit Bewußtsein, nicht theoretisch weiß, was eine Tatsache, ein Schluß, eine Regel, eine Wahrheit ist. Die naturwissen­schaftlichen Erfolge haben gelehrt, das Instrument des Wissens, den Geist, instinktiv zu handhaben. Jedoch fehlt die systematische Erkenntnis, welche mit Vorausbestimmung des Erfolges agiert. Es fehlt das Verständnis für die Arbeit der spekulativen Philosophie.

Unsere Aufgabe wird nun darin bestehen, das, was die Philosophie positiv Wissenschaftliches langstielig und größtenteils unbewußt gefördert hat, durch eine kurze Rekapitulation zum Bewußtsein zu bringen, d. h. die all­gemeine Natur des Denkprozesses zu enthüllen. Wir werden sehen, wie die Erkenntnis dieses Prozesses uns das Mittel an die Hand gibt, alle die allgemeinen Rätsel der Natur und des Lebens wissenschaftlich zu lösen, wie somit jener fundamen­tale Standpunkt, jene systematische Weltanschauung ge­wonnen ist, welche das langerstrebte Ziel der spekulativen Philosophie war.

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