Joseph
Dietzgen
Das
Wesen der Menschlichen Kopfarbeit
Dargestellt
von einem Handwerker
Eine
abermalige Kritik der reinen und praktischen Vernunft
(1869)
Quelle:
Ausgewählte Werke in Drei Bänden, Bd. 1, Berlin, Akademie Verlag:
1961, S. 15-139.
Transkription und HTML-Markierung: J.L. Wilm für das Marxists’
Internet Archive.
Kap. 1)
VORREDE
Hier
dürfte der Ort sein, an den geneigten Leser sowohl wie an den
ungeneigten Kritiker einige erläuternde Worte zu richten, welche das
persönliche Verhältnis des Verfassers zu seiner Schrift betreffen.
Der nächste Vorwurf, den ich antizipiere, ist Mangel an Gelehrsamkeit,
der sich mehr noch indirekt, zwischen den Zeilen, als im Werkchen selbst
direkt verrät. Wie darfst du, frage ich mich, dem Publikum deine
Bearbeitung eines Gegenstandes vorlegen, der von den Heroen der
Wissenschaft, unter anderen von Aristoteles, Kant, Fichte, Hegel
usw. ist bearbeitet worden, ohne noch alle Werke deiner berühmten
Vorgänger gründlich zu kennen? Wirst du nicht, im besten Falle, das längst
Getane wiederholen?
Ich
antworte: der Same, welchen die Philosophie in das Erdreich der
Wissenschaft gepflanzt, ist längst aufgegangen und hat seine Früchte
getragen. Was die Geschichte zutage fördert, entwickelt sich
geschichtlich, treibt, wächst und vergeht, um in erneuter Form
ewig fortzuleben. Die ursprüngliche Tat, das originale Werk ist nur
fruchtbar in Kontakt mit den Verhältnissen und Beziehungen der Zeit,
welche es geboren; schließlich aber wird es zu einer leeren Hülse, die
ihren Kern an die Geschichte abgegeben hat. Was die Wissenschaft der
Vergangenheit Positives produzierte, lebt nicht mehr im Buchstaben
seines Autors, sondern ist mehr als Geist, ist Fleisch und Blut geworden
in der gegenwärtigen Wissenschaft. Um z. B. die Produkte der Physik zu
kennen und dazu Neues zu produzieren, ist es nicht erforderlich, erst
die Geschichte dieser Wissenschaft zu studieren und die bisher
entdeckten Gesetze an der Quelle zu schöpfen. Im Gegenteil, die
geschichtliche Forschung dürfte der Lösung einer bestimmten
physischen Aufgabe nur hinderlich sein, indem die konzentrierte Kraft
notwendig mehr leistet als die geteilte. In diesem Sinne rechne ich mir
den Mangel an anderweitigen Kenntnissen zugut, weil ich eben dadurch der
Erkenntnis meines speziellen Objekts um so entschiedener hingegeben
bin. Dies Objekt zu erforschen und alles zu lernen, was meiner Zeit
davon bekannt ist, habe ich mir ernstlich angelegen sein lassen. Die
Geschichte der Philosophie hat sich insofern an meiner Individualität
wiederholt, als ich mit dem Bedürfnis nach einer kompakten,
systematischen Weltanschauung seit früher Jugend zu spekulieren ausging
und schließlich die Befriedigung in der induktiven Erkenntnis des
menschlichen Denkvermögens gefunden vermeine.
Und
es ist nicht das Denkvermögen in seiner mannigfaltigen Erscheinung, es
sind nicht die verschiedenen Weisen desselben, sondern seine
allgemeinste Form, sein generelles Wesen, was mich befriedigte und
was darzustellen mein Zweck ist. Mein Objekt ist demnach möglichst
simpel und speziell, so absolut einfach, dass mir seine mannigfaltige
Darstellung schwer und häufige Wiederholungen beinah unvermeidlich
wurden. Zugleich ist die Frage nach dem Wesen des Geistes ein populäres
Objekt, das nicht nur von Philosophen von Fach, das von der Wissenschaft
überhaupt kultiviert ist. Es muss deshalb auch, was zu seiner Erkenntnis
die Geschichte der Wissenschaft beigetragen, in der wissenschaftlichen
Anschauung der Gegenwart allgemein lebendig sein. An dieser Quelle dürfte
ich mir genügen lassen.
So
mag ich denn trotz meiner Autorschaft bekennen, kein Professor der
Philosophie, sondern von Profession ein Handwerker zu sein. Denjenigen,
welche mir darum die alte Warnung zurufen möchten: „Schuster, bleib
bei deinem Leisten!“ antworte ich mit Karl Marx: „Euer nee
plus ultra handwerksmäßige Weisheit wurde zur furchtbaren Narrheit
von dem Moment, wo der Uhrmacher Watt die Dampfmaschine, der Barbier
Artwright den Kettenstuhl, der Juwelierarbeiter Fulton das Dampfschiff
erfunden hat.“ Ohne mich diesen Größen zurechnen zu wollen, darf
doch ihr Vorgang mir zur Nacheiferung dienen. Zudem ist auch die Natur
meines Gegenstandes noch besonders auf die Standesklasse angewiesen, der
ich anzugehören, wenn nicht die Ehre, so doch das Vergnügen habe.
Ich
entwickele in dieser Schrift das Denkvermögen als Organ des
Allgemeinen. Der leidende, der vierte, der Arbeiterstand ist insoweit
erst der wahre Träger dieses Organs, als die herrschenden Stände
durch ihre besonderen Klasseninteressen verhindert sind, das Allgemeine
anzuerkennen. Wohl bezieht sich diese Beschränkung zunächst auf
die Welt der menschlichen Verhältnisse. Aber solange diese
Verhältnisse nicht allgemein menschlich, sondern Klassenverhältnisse
sind, muss auch die Anschauung der Dinge von diesem beschränkten
Standpunkt bedingt sein. Objektive Erkenntnis setzt subjektiv
theoretische Freiheit voraus. Bevor Kopernikus die Erde sich
bewegen und die Sonne stehen sah, musste er von seinem irdischen
Standpunkt abstrahieren. Da nun dem Denkvermögen alle Verhältnisse
Gegenstand sind, hat es von allem zu abstrahieren, um sich selbst
rein oder wahr zu erfassen. Da wir alles nur mittels Denken begreifen, müssen
wir von allem absehen, um das reine, das Denken im allgemeinen zu
erkennen. Diese Aufgabe war zu schwer, solange sich der Mensch an einen
beschränkten Klassenstandpunkt gebunden fand. Erst eine historische
Entwicklung, welche soweit fortgeschritten, um die Auflösung der
letzten Herr- und Knechtschaft zu erstreben, kann soweit der
Vorurteile entbehren, um das Urteil im allgemeinen, das Erkenntnisvermögen,
die Kopfarbeit wahr oder nackt zu erfassen. Erst eine historische
Entwicklung, welche die direkte allgemeine Freiheit der Masse im Auge
haben kann – und dazu gehören wohl sehr verkannte historische Voraussetzungen
—, erst die neue Ära des vierten Standes findet den Gespensterglauben
soweit entbehrlich, um den letzten Urheber alles Spuks, um den reinen
Geist entlarven zu dürfen. Der Mensch des vierten Standes ist endlich „reiner“
Mensch. Sein Interesse ist nicht mehr Klassen-, sondern Masseninteresse,
Interesse der Menschheit. Die Tatsache, dass zu allen Zeiten das
Interesse der Masse mit dem Interesse der herrschenden Klasse
verbunden war, dass nicht nur trotz, sondern gerade mittels ihrer
stetigen Unterdrückung durch jüdische Patriarchen, asiatische
Eroberer, antike Sklavenhalter, feudale Barone, zünftige Meister,
besonders durch moderne Kapitalisten und auch selbst noch durch
kapitalistische Cäsaren die Menschheit stetig „fortgeschritten“ –
diese Tatsache nähert sich ihrem Ende. Die Klassenverhältnisse der
Vergangenheit waren notwendig für die allgemeine Entwicklung.
Jetzt ist diese Entwicklung an einem Standpunkt angekommen, wo die Masse
selbstbewußt wird. Die bisherige Menschheit hat sich mittels
Klassengegensatzes entwickelt. Sie ist damit so weit gekommen, dass
sie nunmehr sich unmittelbar selbst entwickeln will. Die
Klassengegensätze waren Erscheinungen der Menschheit. Der
Arbeiterstand will die Klassengegensätze aufheben, damit die
Menschheit eine Wahrheit sei.
Wie
die Reformation von den faktischen Verhältnissen des sechzehnten
Jahrhunderts, wie die Erfindung des elektrischen Telegraphen, so ist die
Ergründung der Theorie unserer menschlichen Kopfarbeit von den faktischen
Verhältnissen des neunzehnten Jahrhunderts bedingt. Insofern ist der
Inhalt dieser kleinen Schrift kein individuelles Produkt, sondern ein geschichtliches
Gewächs. Ich fühle mich dabei – mit Verlaub für die mystische
Phrase – nur als ein Organ der Idee. Mir gehört die Darstellung,
in betreff deren ich hiermit um freundliche Nachsicht bitte. Ich bitte
den Leser, seine stillen oder lauten Einreden nicht gegen die
mangelhafte Form, nicht gegen das zu richten, was ich derart sage,
sondern gegen das, was ich sagen will; ich bitte, mich nicht
geflissentlich im Buchstaben zu mißverstehen, sondern im Geiste, im
Allgemeinen das Verständnis suchen zu wollen. Sollte es mir nicht gelungen
sein, die Idee mit Erfolg zu entwickeln, sollte auch deshalb meine
Stimme auf unserem überfüllten Büchermarkt ersticken müssen, wird
doch die Sache, des bin ich sicher, einen talentvolleren
Vertreter finden.
Siegburg,
d. 15. Mai 1869
Jos.
Dietzgen,
Lohgerber |
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Systematisierung
ist das Wesen, ist der generelle Ausdruck für die gesamte Tätigkeit
der Wissenschaft. Die Wissenschaft will nichts weiter, als die Objekte
der Weit für unseren Kopf in Ordnung und System bringen. Die
wissenschaftliche Erkenntnis einer Sprache z. B. fordert ihre Einteilung
oder Ordnung in allgemeine Klassen und Regeln. Die Ackerbauwissenschaft
will nicht, dass die Kartoffeln nur geraten, sondern für die
Art und Weise des Anbaues die systematische Ordnung finden,
deren Kenntnis instand setzt, mit Vorausbestimmung des Erfolges
zu bauen. Das ist das praktische Resultat aller Theorie, dass sie uns
mit dem System, mit der Methode ihrer Objekte bekannt macht und also befähigt,
in der Welt mit Vorausbestimmung des Erfolges zu agieren. Erfahrung ist
wohl die Voraussetzung dazu; aber allein reicht sie nicht aus. Erst
die aus ihr entwickelte Theorie, die Wissenschaft, erlöst vom
Spiel des Zufalls. Sie verschafft uns mit dem Bewußtsein die Herrschaft
über den Gegenstand und unbedingte Sicherheit in seiner
Handhabung.
Der
einzelne kann nicht alles wissen. Sowenig wie die
Geschicklichkeit und Kraft seiner Hände ausreicht, alles zu
produzieren, was er bedarf, sowenig reicht die Fähigkeit seines Kopfes
aus, alles zu wissen, was not tut. Glaube ist dem Menschen
notwendig. Jedoch nur der Glaube an das, was andere wissen. Die
Wissenschaft ist ebenso wie die materielle Produktion eine gesellschaftliche
Angelegenheit. „Einer für alle und alle für einen.“
Wie
es aber leibliche Bedürfnisse gibt, die jeder nur sich selbst besorgen
kann und soll, so gibt es auch wissenschaftliche Objekte, die zu
wissen von allen erfordert ist, und deshalb nicht irgendeiner
besonderen Fachwissenschaft angehören.
Ein
solcher Gegenstand ist das menschliche Denkvermögen: die
Erkenntnis, das Verständnis, die Theorie desselben kann keiner
besonderen Zunft überlassen sein. Wohl mit Recht sagt Lassalle:
„Das Denken selbst ist in diesem Zeitalter der Teilung der Arbeit zu
einem besonderen Handwerk geworden, und in die elendesten Hände ist
dieses Handwerk gefallen – in die unserer Zeitungen.“ Damit sind wir
angewiesen, uns diese Bedienung nicht länger gefallen, von der öffentlichen
Meinung uns nicht länger harangieren zu lassen, sondern das Selbstdenken
wiederaufzunehmen. Einzelne Gegenstände des Wissens oder der
Wissenschaft mögen wir Fachleuten überlassen, aber das Denken im
allgemeinen ist eine allgemeine Angelegenheit, die niemand
kann erlassen sein.
Vermöchten
wir diese Arbeit des Denkens auf ein wissenschaftliches Fundament zu
stellen, dafür eine Theorie zu finden, vermöchten wir die Art und
Weise zu entdecken, wie die Vernunft überhaupt Erkenntnisse zeugt, oder
die Methode zu finden, nach welcher sich die wissenschaftliche Wahrheit
produziert, so würden wir auf dem Gebiete des Wissens überhaupt, für
unsere Urteilskraft im allgemeinen dieselbe Sicherheit des
Erfolgs erwerben, welche in besonderen Disziplinen die
Wissenschaft schon längst erworben hat.
Kant
sagt: „Wenn es nicht möglich ist, die verschiedenen Mitarbeiter in
der Art, wie die gemeinschaftliche Absicht verfolgt werden soll, einhellig
zu machen, so kann man überzeugt sein, dass ein solches Studium bei
weitem noch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft
eingeschlagen, sondern ein bloßes Herumtappen sei.“
Sehen
wir uns heute nun in den Wissenschaften um, so finden wir da viele,
vornehmlich die Naturwissenschaften, welche der Anforderung Kants
entsprechen, welche mit sicherem Bewußtsein, mit widerspruchsloser
Einhelligkeit bei ihren gewonnenen Erkenntnissen beharren und sie
weitertragen. „Dort weiß man,“ wie Liebig sagt, „was eine
Tatsache, ein Schluß, eine Regel, ein Gesetz ist. Für alles dies hat
man Probiersteine, die jeder erst gebraucht, ehe er die Früchte seiner
Arbeit in Zirkulation setzt. Die advokatorische Durchführung einer
Ansicht oder die Absicht, einen andern etwas Unbewiesenes glauben zu
machen, scheitern augenblicklich an der wissenschaftlichen Moral.“
Dagegen
auf anderen Gebieten, dort wo man die konkreten materiellen Dinge verläßt
und sich abstrakten, sogenannten philosophischen Gegenständen zuwendet,
in Sachen der allgemeinen Welt- und Lebensanschauung, in den Fragen von
Anfang und Ende, von Schein und Wesen der Dinge, ob Ursache oder
Wirkung, ob Kraft oder Stoff, ob Macht oder Recht, in Fragen der
Lebensweisheit, in der Moral, der Religion, der Politik – da finden
wir statt „schlagender beweisender Tatsachen“ nur „advokatorische
Durchführungen“, nirgends ein zuverlässiges Wissen,
sondern überall nur ein bloß Herumtappen widersprechender Meinungen.
Ja
gerade die Koryphäen der Naturwissenschaft bekunden sich durch ihre
Mißhelligkeit bei der Berührung solcher Themen als philosophische
Pfuscher. Daraus ergibt sich dann, dass die wissenschaftliche Moral,
die Probiersteine, deren man für die scharfe Unterscheidung zwischen
Wissen und Meinen zu besitzen sich rühmt, nur auf einer instinktiven
Praxis, aber nicht auf bewußter Erkenntnis, auf keiner förmlichen
Theorie beruhen. Obgleich auch unsere Zeit sich auszeichnet
durch fleißige Kultur der Wissenschaft, so bezeugt doch auch wieder
ihre vielfältige Meinungsverschiedenheit, dass sie nicht versteht, das
Wissen mit Vorausbestimmung des Erfolges zu handhaben. Woher sonst die
Mißverständnisse? Wer das Verstehen versteht, darf nicht mißverstehen.
Nur die unbedingte Sicherheit der astronomischen Rechnungen
zeugt für ihre Wissenschaftlichkeit. Wer zu rechnen versteht, weiß
wenigstens zu erproben, ob seine Rechnung wahr oder falsch ist. So muss
auch das allgemeine Verständnis des Denkprozesses uns den Probierstein
an die Hand geben, das Verstandene vom Mißverstandenen, das Wissen vom
Meinen, Wahrheit und Irrtum allgemein und unzweifelhaft zu
unterscheiden. Irren ist menschlich, aber nicht wissenschaftlich.
Da nun die Wissenschaft eine menschliche Sache ist, mögen Irrtümer
ewig bleiben, aber dass man dieselben für wissenschaftliche Wahrheiten
ausgibt und, noch mehr, sie allgemein dafür akzeptiert, davon wird das
Verständnis des Denkprozesses „ ebensoweit befreien können, wie das
Verständnis der Mathematik von falschen Rechnungen befreien kann. Es
klingt paradox und ist dennoch wahr: Wer die allgemeine Regel, welche
Wahrheit und Irrtum scheidet, so genau kennt wie die Regel der
Sprachlehre, welche das Hauptwort vom Zeitwort trennt, wird dort wie
hier mit gleicher Sicherheit unterscheiden. Von jeher haben
Gelehrte sowohl wie Schriftgelehrte einander in Verlegenheit gesetzt mit
der Frage: was ist Wahrheit? Diese Frage bildet seit Jahrtausenden ein
wesentliches Objekt, vornehmlich der Philosophie. Sie findet schließlich,
wie letztere selbst, ihre Auflösung in der Erkenntnis des
menschlichen Denkvermögens. Mit anderen Worten: Die Frage nach den
Kennzeichen der Wahrheit im allgemeinen ist gleich mit der Frage nach
dem Unterschiede zwischen Wahrheit und Irrtum. Die Philosophie
ist die Wissenschaft, welche sich darum bemüht hat und mit dem Rätsel
zuletzt sich selbst durch endliche klare Erkenntnis des Denkprozesses
auflöste. Eine kurze Betrachtung des Wesens und des Verlaufs der
Philosophie darf also füglich unserem Thema als Einleitung dienen.
Da
das Wort in mannigfaltiger Bedeutung gebraucht wird, sei bemerkt, dass
hier nur von der sogenannten spekulativen Philosophie die
Rede ist. Wir unterlassen dabei, das Gesagte mit häufigen Zitaten und
Quellenangaben zu belegen, weil das, was wir davon sagen, so
offenkundig, so widerspruchslos gilt, dass wir des gelehrten Beiwerks
wohl entraten können.
Legen
wir den erwähnten Maßstab Kants an, so erscheint die spekulative
Philosophie mehr als Tummelplatz differenter Meinungen denn als
Wissenschaft. Ihre Zelebritäten, ihre klassischen Größen sind nicht
einmal einhellig in der Antwort auf die Frage: was ist, was will die
Philosophie? Deshalb, um die verschiedenen Meinungen darüber nicht
noch mit unserer Privatmeinung zu vermehren, lassen wir alles als
Philosophie gelten, was sich so nennt, und suchen aus dieser reichen
Bibliothek dickleibiger Bände – ohne vom Besonderen oder Sonderbaren
uns beirren zu lassen — das Gemeinschaftliche oder Allgemeine.
Auf
diesem empirischen Wege finden wir dann zunächst, dass die Philosophie ursprünglich
keine besondere einzelne Wissenschaft ist, neben oder in Gemeinschaft
mit anderen Wissenschaften, dass sie vielmehr Gattungsname des Wissens
überhaupt, Inbegriff alles Wissens ist, wie die Kunst Inbegriff der
verschiedenen Künste. Wer sich das Wissen, wer sich die Kopfarbeit zu
wesentlicher Beschäftigung machte – jeder Denker ohne Rücksicht
auf den Inhalt seiner Gedanken war ursprünglich Philosoph.
Sobald
dann mit der fortschreitenden Bereicherung des menschlichen Wissens sich
die einzelnen Fächer von der mater sapientiae loslösten, vornehmlich
seit Entstehung der modernen Naturwissenschaft, findet sich, dass die
Philosophie nicht sowohl durch ihren Inhalt als durch ihre Form
gekennzeichnet ist. Alle anderen Wissenschaften unterscheiden sich
durch ihre verschiedenen Gegenstände, die Philosophie hingegen
durch ihre eigene Methode. Sie besitzt wohl auch einen
Gegenstand, einen Zweck; sie will das Allgemeine, die Welt als Ganzes,
den Kosmos begreifen. Aber es ist nicht dieser Gegenstand, nicht das
Vorhaben, was sie charakterisiert, sondern die Art und Weise, wie sie es
verfolgt.
Alle
anderen Wissenschaften beschäftigen sich mit besonderen
Dingen oder Gegenständen, und wenn auch mit dem All, mit dem Kosmos,
dann immer doch nur mit Beziehung auf die besonderen Teile oder
Momente, woraus sich das Weltall zusammensetzt. Alexander von
Humboldt sagt in der Einleitung zu seinem „Kosmos“, dass er
sich in diesem Werke auf eine empirische Betrachtung beschränke,
auf die physische Forschung, welche mittelst der Mannigfaltigkeit
die Gleichartigkeit oder Einheit zu erkennen suche. So gelangen überhaupt
die induktiven Wissenschaften nur auf Grund ihrer Beschäftigung mit
dem Einzelnen, Besonderen, sinnlich Gegebenen zu allgemeinen Schlüssen
oder Erkenntnissen. Sie sagen deshalb von sich: „Unsere Schlüsse
beruhen auf Tatsachen.“ Umgekehrt verfährt die spekulative
Philosophie. Wo auch irgendein besonderes Thema ihr als Gegenstand der
Forschung dient, so verfolgt sie es doch nicht im Besonderen.
Die Offenbarungen der Sinne, die mit Aug' und Ohr, mit Hand und Kopf gemachte
physische Erfahrung, weist sie als trügerische Erscheinung zurück
und beschränkt sich auf das „reine“, von allen Voraussetzungen
absehende Denken, um so auf umgekehrtem Wege, mittelst der Einheit
menschlicher Vernunft die Mannigfaltigkeit des Weltalls zu erkennen.
Bei der Frage z. B., welche uns gegenwärtig beschäftigt, bei der
Frage: was ist Philosophie? – würde sie nicht von ihrer wirklichen
sinnlichen Gestalt, von den hölzernen und schweinsledernen Folianten,
von ihren großen und kleinen Abhandlungen ausgehen, um von hier aus zum
Begriff zu gelangen. Umgekehrt, der spekulative Philosoph sucht
innerlich in sich, in der Tiefe seines Geistes den wahren Begriff der
Philosophie, nach dessen Maßstab er dann die sinnlich gegebenen
Exemplare als echt oder unecht aburteilt. Mit der Erforschung
handgreiflicher Objekte hat sich die spekulative Methode wohl niemals
beschäftigt, es sei denn, dass wir in jeder unwissenschaftlichen
Naturanschauung, welche die Welt mit Hirngespinsten bevölkerte, die
Manier der Philosophie wiedererkennen. Die Anfänge der wissenschaftlichen
Spekulation forschten wohl auch nach Sonnen-und Weltenlauf. Seitdem
jedoch die induktive Astronomie diese Gebiete mit größerem Erfolg
kultiviert, beschränkt die Spekulation sich ganz und gar auf Behandlung
mehr abstrakter Themen. Hier ist sie denn, wie überhaupt, charakterisiert
durch Erzeugung ihrer Resultate aus der Idee oder dem Begriff. —
Für
die empirische Wissenschaft, für die Methode der Induktion ist die
erfahrene Mannigfaltigkeit das erste und das Denken das zweite. Dagegen
will die Spekulation ohne Hilfe der Erfahrung die
wissenschaftliche Wahrheit erzeugen. Die philosophische Erkenntnis
soll sich nicht auf vergängliche Tatsachen stützen, sondern absolut,
über Raum und Zeit erhaben sein. Die spekulative Philosophie will keine
physische Wissenschaft, sie will Metaphysik sein. Ihre Aufgabe
besteht darin, rein aus der Vernunft, ohne Beihilfe von Erfahrung ein
System zu finden, eine Logik oder Wissenschaftslehre, mittelst deren
sich die Wissenswürdigkeiten logisch oder systematisch abwickeln
lassen, ähnlich, wie wir grammatisch aus dem gegebenen Stamme eines
Wortes seine verschiedenen Formen abzuwickeln vermögen. Die physischen
Wissenschaften agieren unter der Voraussetzung, dass unser
Erkenntnisvermögen – um bekannte Bilder zu gebrauchen – einem Stück
weichen Wachses ähnlich sei, welches seine Eindrücke von der Außenwelt
empfange, oder einer leeren Tafel, die von der Erfahrung beschrieben
wird. Die Philosophie hingegen setzt angeborene Ideen voraus, welche
mittelst des Denkens aus den Tiefen des Geistes zu schöpfen und
produzieren sind.
Der
Unterschied zwischen spekulativer und induktiver
Wissenschaft beruht auf dem Unterschiede zwischen Phantasie und
gesundem Menschenverstände. Letzterer zeugt seine Begriffe
mittelst der Außenwelt, mittelst der Erfahrung, während die
Phantasie ihr Produkt aus der Tiefe des Geistes, mit sich selbst, von
innen heraus zeugt. Jedoch ist diese Zeugung nur scheinbar einseitig.
Sowenig der Maler übersinnliche Bilder, übersinnliche Gestalten zu erfinden
weiß, sowenig vermag der Denker außerhalb der Erfahrung liegende, übersinnliche
Gedanken zu denken. Wie die Phantasie aus Zusammensetzung von Mensch und
Vogel Engel schafft oder aus Fisch und Weib Sirenen, in derselben
Art sind alle ihre anderen Produkte, obgleich scheinbar Erzeugnisse
ihrer selbst, doch in der Tat nur willkürlich geordnete Eindrücke
der Außenwelt. Der Verstand, die Vernunft bindet sich an Zahl
und Ordnung, an Zeit und Maß der Erfahrung, während die Phantasie das
Erfahrene ungebunden, in willkürlicher Form reproduziert.
Der
Drang nach Wissen hat von jeher veranlaßt, auch schon dort, wo wegen
Mangel an Erfahrung und Beobachtung keine induktive Erkenntnis möglich
war, dennoch die Erscheinungen der Natur und des Lebens aus dem menschlichen
Geiste, d. h. spekulativ, zu erklären. Man suchte die Erfahrung durch
Spekulation zu ergänzen. In einer folgenden, durch Erfahrung
bereicherten Zeit erkannte man gewöhnlich die vorhergegangene
Spekulation als Irrtum. Aber dennoch bedurfte es tausendjähriger angehäufter
Wiederholung dieses Enttäuschungsaktes einerseits und der
zahlreichsten eklatantesten Erfolge induktiver Methode andererseits,
bevor man diese spekulative Liebhaberei verlassen mochte.
Gewiß
ist auch die Phantasie ein positives Vermögen, und sehr oft geht die
spekulative, durch Analogie erworbene Ahnung der erfahrungsmäßigen
induktiven Erkenntnis voraus. Nur sollen wir klar, bewußt sein, was und
wieviel Vermutung und was und wieviel Wissenschaft. Bewußte Ahnung
fordert zu wissenschaftlicher Forschung auf, während vermeintliche
Wissenschaft der induktiven Forschung die Türe schließt. Die
Erwerbung eines klaren Bewußtseins über den Unterschied zwischen
Spekulation und Wissen ist ein geschichtlicher Prozeß, dessen Anfang
und Ende mit Anfang und Ende der spekulativen Philosophie zusammenfällt.
Im
Altertum arbeitete der gesunde Menschenverstand mit der Phantasie, die
induktive Methode mit der spekulativen gemeinschaftlich und
unentzweit. Die Auseinandersetzung beider beginnt erst mit Erkenntnis
der mannigfachen Täuschungen, welchen bis zur neueren Zeit das noch
ungeübte Urteil unterlegen hatte. Statt nun die erfahrenen Täuschungen
aus dem Mangel an Verständnis herzuleiten, schrieb man sie der
Mangelhaftigkeit der Sinne zu, schalt die Sinne Betrüger und die
sinnliche Erscheinung unwahr. Wer kennt nicht das alte Lamento über die
Unzuverlässigkeit der Sinne? Die Mißverständnisse der Natur und ihrer
Erscheinungen dienten vorerst zum völligen Zerwürfnis mit der
Sinnlichkeit. Man hatte sich getäuscht, und glaubte, getäuscht
worden zu sein. Der Unmut darüber verkehrte sich zur totalen Mißachtung
der sinnlichen Welt. Ebenso kritiklos gläubig, wie man bis dahin das
Scheinbare für Wahrheit angenommen, ebenso unkritisch im Zweifel
verwarf man jetzt den Glauben an die sinnliche Wahrheit ganz und gar.
Die Forschung wandte sich von der Natur, von der Erfahrung weg und
begann mit reinem Denken die Arbeit der spekulativen
Philosophie.
Doch
nein! So ganz ließ sich die Wissenschaft niemals vom Wege des gesunden
Menschenverstandes, von der Wahrheit der sinnlichen Welt abbringen. Die Naturwissenschaft
trat bald dafür ein, und ihre glänzenden Erfolge erwarben der
induktiven Methode das Bewußtsein der Fruchtbarkeit, während
andererseits die Philosophie nach einem System forschte, mittels dessen
sich die großen allgemeinen Wissenswürdigkeiten ohne Forschung en
detail, ohne sinnliche Erfahrung und Beobachtung mit der Vernunft
allein erschließen.
Solcher
spekulativen Systeme besitzen wir nun eine mehr als hinreichende Zahl.
Messen wir dieselben mit dem erwähnten Maße der Einhelligkeit, so
findet sieh die Philosophie nur einig in einer allgemeinen
Uneinigkeit. Die Geschichte der spekulativen Philosophie besteht denn
auch nicht, wie die Geschichte anderer Wissenschaften, in der allmählichen
Ansammlung von Kenntnissen, sondern in einer Reihe mißglückter
Versuche, mit der puren Denkkraft, ohne Hilfe der Objekte oder der
Erfahrung davon, die allgemeinen Rätsel der Natur und des Lebens zu
erforschen. Den kühnsten Versuch, den künstlichsten Gedankenbau
vollendete Hegel im Anfange unseres Jahrhunderts, welcher,
einer Redensart nachzusprechen, in der wissenschaftliehen Welt eine
Berühmtheit erlangte wie Napoleon in der politischen. Aber
auch die Hegeische Philosophie hat die ihr gestellte Probe nicht
bestanden. „Sie ist“, wie Haym („Hegel und seine Zeit“) sagt,
„durch den Fortschritt der Welt und durch die lebendige Geschichte beseitigt
worden.“
Das
Resultat der Philosophie bis dahin war also die Unfähigkeitserklärung
ihrer selbst. Jedoch werden wir nicht verkennen, dass einer Arbeit,
welche Jahrtausende lang die besten Köpfe beschäftigte, wohl etwas
Positives zugrunde liegt. Und in der Tat, die Philosophie besitzt eine
Geschichte – eine Geschichte nicht nur im Sinne einer Reihenfolge mißglückter
Versuche, sondern auch eine Geschichte im Sinne lebendiger
Entwicklung. Aber es ist nicht der Gegenstand, nicht das gesuchte
logische Weltsystem, welches sich mit ihr entwickelt, sondern die Methode.
Jede
positive Wissenschaft besitzt ein sinnliches Objekt, einen äußerlich
gegebenen Anfang, eine Voraussetzung, auf welche sich ihre Erkenntnis
steift. Jeder empirischen Wissenschaft unterliegt ein sinnliches
Material, ein gegebener Gegenstand, infolgedessen ihr Wissen abhängig,
unrein ist. Die spekulative Philosophie sucht ein reines, totales,
absolutes Wissen. Sie will ohne Material, ohne Erfahrung, aus „reiner“
Vernunft erkennen. Sie entspringt aus dem begeisterten Bewußtsein von
der überlegenen Vortrefflichkeit der Erkenntnis oder Wissenschaft über
die empirische sinnliche Erfahrung. Sie will deshalb ganz und gar über
die Erfahrung hinaus, zu einer totalen, reinen Erkenntnis.
Ihr Gegenstand ist die Wahrheit, aber nicht die besondere, nicht die
Wahrheit dieser oder jener Sache, sondern die Wahrheit im allgemeinen,
die Wahrheit „an sich“. Die spekulativen Systeme suchen an einem
voraussetzungslosen Anfang, an einem unbezweifelbaren sich selbst
tragenden Standpunkt, um von hier aus das überhaupt Unbezweifelbare
zu bestimmen. Die Systeme der Spekulation sind ihrem eigenen Bewußtsein
nach vollkommene, abgeschlossene, in sich selbst begründete
Systeme. Jedes spekulative System fand seine Auflösung in der
nachfolgenden Erkenntnis, dass seine Totalität, seine Selbstbegründung,
seine Voraussetzungslosigkeit vermeintlich war, dass es sich
wie andere Erkenntnisse äußerlich, empirisch hat bestimmen lassen,
dass es kein philosophisches System, sondern eine relative empirische
Erkenntnis ist. Die Spekulation löste sich schließlich in die
Wissenschaft auf, dass das Wissen an sich oder im allgemeinen unrein
ist, dass das Organ der Philosophie, das Erkenntnisvermögen ohne gegebenen
Anfang nicht anfangen kann, dass die Wissenschaft der Erfahrung nicht
total, sondern nur insoweit überlegen ist, als sie zahlreiche
Erfahrungen zu organisieren vermag, dass also nur insoweit eine
allgemeine, objektive Erkenntnis oder die Wahrheit „an sich“
Gegenstand der Philosophie sein kann, als man aus gegebenen
besonderen Erkenntnissen oder Wahrheiten die Erkenntnis oder Wahrheit
im allgemeinen zu charakterisieren, zu erkennen vermag.
Schlicht gesprochen reduziert sich die Philosophie auf die
unphilosophische Wissenschaft des empirischen Erkenntnisvermögens,
auf die Kritik der Vernunft.
Von
der Erfahrung des Unterschieds zwischen Schein und Wahrheit geht die
neuere, die bewußte Spekulation aus. Sie negiert jede sinnliche
Erscheinung, um, von keinem Scheine betrogen, die Wahrheit durch Denken
zu finden. Im Verlauf erkennt der folgende Philosoph jedesmal, dass die
derartig gewonnenen Wahrheiten der Vorgänger nicht das sind, was sie zu
sein prätendieren, sondern ihrem positiven Gehalt nach sich darauf
beschränken, die Wissenschaft des Erkenntnisvermögens, des
Denkprozesses gefördert zu haben. Durch ihre Negation der
Sinnlichkeit, durch das Bestreben, das Denken von allem sinnlich Gegebenen,
gleichsam von seiner natürlichen Hülle zu scheiden, legte die
Philosophie mehr als jede andere Wissenschaft die Struktur des Geistes
bloß. So dass, je älter sie wurde, je mehr sie sich in geschichtlichem
Verlauf entwickelte, je klassischer, je frappanter dieser Kern ihrer Arbeit
zu Tage trat. Nach wiederholten Schöpfungen großer Hirngespinste fand
sie ihre Auflösung in der positiven Erkenntnis, dass das reine,
philosophische, von jedem gegebenen Inhalt absehende Denken auch ein
Denken ohne Inhalt, Gedanken ohne Wirklichkeit, Hirngespinste zeugt. Der
Prozeß der spekulativen Täuschung und wissenschaftlichen Enttäuschung
setzte sich fort bis in die neuste Zeit, wo endlich die Lösung der
Gesamtfrage, die Auflösung der Spekulation mit den Worten Ludwig
Feuerbachs beginnt: „Meine Philosophie ist keine
Philosophie.“
Die
lange Rede der spekulativen Arbeit reduziert sich auf die Erkenntnis des
Verstandes, der Vernunft, des Geistes, auf die Enthüllung jener
geheimnisvollen Operationen, welche wir Denken nennen.
Das
Geheimnis der Art und Weise, wie sich die Wahrheiten der Erkenntnis
zeugen, die Unkenntnis der Tatsache, dass jedes Denken eines Objekts,
einer Voraussetzung bedarf, war die Ursache jener spekulativen Irrung,
welche in der Geschichte der Philosophie enthalten ist. Dasselbe Geheimnis
ist heute die Ursache jener vielen spekulativen Irrungen und Widersprüche,
welchen wir en passant in den Worten und Werken unserer Naturforscher
begegnen. Das Wissen und Erkennen ist dort weit gediehen, jedoch nur soweit,
als man greifbare Gegenstände behandelt. Bei irgendeinem
Thema anderer, abstrakterer Art finden wir an Stelle „beweisender
Tatsachen“ „advokatorische Durchführungen“, weil man, wenn auch
im besonderen, wenn auch instinktiv, so doch nicht im allgemeinen, nicht
mit Bewußtsein, nicht theoretisch weiß, was eine Tatsache, ein Schluß,
eine Regel, eine Wahrheit ist. Die naturwissenschaftlichen Erfolge
haben gelehrt, das Instrument des Wissens, den Geist, instinktiv zu
handhaben. Jedoch fehlt die systematische Erkenntnis, welche mit
Vorausbestimmung des Erfolges agiert. Es fehlt das Verständnis für die
Arbeit der spekulativen Philosophie.
Unsere
Aufgabe wird nun darin bestehen, das, was die Philosophie positiv
Wissenschaftliches langstielig und größtenteils unbewußt gefördert
hat, durch eine kurze Rekapitulation zum Bewußtsein zu bringen, d. h.
die allgemeine Natur des Denkprozesses zu enthüllen. Wir werden
sehen, wie die Erkenntnis dieses Prozesses uns das Mittel an die Hand
gibt, alle die allgemeinen Rätsel der Natur und des Lebens
wissenschaftlich zu lösen, wie somit jener fundamentale Standpunkt,
jene systematische Weltanschauung gewonnen ist, welche das
langerstrebte Ziel der spekulativen Philosophie war. |