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Karl
Marx
Der
Bürgerkrieg in Frankreich
Adresse
des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation
Geschrieben
April/Mai 1871.
Erstmalig in englischer Sprache veröffentlicht als Broschüre in
London, Juni 1871.
Erstmalig in deutscher Sprache veröffentlicht in „Der Volksstaat“,
Leipzig, vom 28. Juni bis 29. Juli 1871 und als Separatabdruck aus dem
„Volksstaat“, Leipzig 1871.
Der vorliegende Abdruck entspricht der letzten, von Friedrich Engels
besorgten Auflage in deutsche Sprache, Berlin 1891.
Einleitung
(Ausgabe 1891)
An
die Mitglieder der internationalen Arbeiterassoziation
in Europa und den Vereinigten Staaten
I
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Am 4. September 1870, als die Pariser Arbeiter die Republik
proklamierten, der fast in demselben Augenblick ganz Frankreich ohne
eine einzige Stimme des Widerspruchs zujubelte - da nahm eine Kabale
stellenjagender Advokaten, mit Thiers als Staatsmann und Trochu als
General, Besitz vom Hôtel de Ville (Stadthaus). Diese Leute waren
damals durchdrungen von einem so fanatischen Glauben an den Beruf von
Paris, in allen Epochen geschichtlicher Krisis Frankreich zu vertreten,
daß, um ihre usurpierten Titel als Regenten Frankreichs zu
rechtfertigen, es ihnen genügend schien, ihre verfallenen Mandate als
Abgeordnete für Paris vorzuzeigen. In unsrer zweiten
Adresse über den letzten Krieg, fünf Tage nach dem
Emporkommen dieser Leute, sagten wir euch, wer sie waren. Und dennoch,
im Sturm der Überrumplung, mit den wirklichen Führern der Arbeiter
noch in Bonapartes Gefängnissen und mit den Preußen schon im vollen
Marsch auf Paris, duldete Paris ihre Ergreifung der Staatsmacht; aber
nur auf die ausdrückliche Bedingung hin, daß diese Staatsmacht dienen
sollte einzig und allein zum Zweck der nationalen Verteidigung. Paris
aber war nicht zu verteidigen, ohne seine Arbeiterklasse zu bewaffnen,
sie in eine brauchbare Kriegsmacht zu verwandeln und ihre Reihen durch
den Krieg selbst einzuschulen. Aber Paris in Waffen, das war die
Revolution in Waffen. Ein Sieg von Paris über den preußischen
Angreifer wäre ein Sieg gewesen des französischen Arbeiters über den
französischen Kapitalisten und seine Staatsparasiten. In diesem
Zwiespalt zwischen nationaler Pflicht und Klasseninteresse zauderte die
Regierung der nationalen Verteidigung keinen Augenblick sie verwandelte
sich in eine Regierung des nationalen Verrats.
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Das erste, was sie tat, war, Thiers auf die Wanderung zu schicken, zu
allen Höfen Europas, um dort Vermittlung zu erbetteln mit dem Angebot,
die Republik gegen einen König auszutauschen. Vier Monate nach Beginn
der Belagerung, als der Augenblick gekommen schien, das erste Wort von
Kapitulation fallen zu lassen, redete Trochu, in Gegenwart von Jules
Favre und andern Regierungsmitgliedern, die versammelten Maires
(Bezirksbürgermeister) von Paris an wie folgt:
„Die
erste Frage, die mir von meinen Kollegen noch am selben Abend des 4.
September vorgelegt wurde, war diese: Kann Paris, mit irgendwelcher
Aussicht auf Erfolg, eine Belagerung durch die preußische Armee
aushalten? Ich zögerte nicht, dies zu verneinen. Mehrere meiner
hier anwesenden Kollegen werden einstehn für die Wahrheit meiner Worte
und für mein Beharren auf dieser Meinung. Ich sagte ihnen, in diesen
selben Worten, daß, wie die Dinge lägen, der Versuch, Paris gegen eine
preußische Belagerung zu halten, eine Torheit sei. Ohne Zweifel, fügte
ich hinzu, eine heroische Torheit; aber das würde auch alles sein ...
Die Ereignisse“ (die er selbst leitete) „haben meine Voraussicht
nicht Lügen gestraft.“
Diese
nette kleine Rede Trochus wurde nachher von einem der anwesenden Maires,
Herrn Corbon, veröffentlicht.
Also:
Am selben Abend, wo die Republik proklamiert wurde, war es Trochus
Kollegen bekannt, daß Trochus „Plan“ in der Kapitulation von Paris
bestand. Wäre die nationale Verteidigung mehr gewesen als ein bloßer
Vorwand für die persönliche Herrschaft von Thiers, Favre und Kompanie
- die Emporkömmlinge des 4. September hätten am 5. abgedankt, hätten
das Pariser Volk eingeweiht in Trochus „Plan“ und hätten es
aufgefordert, entweder sofort zu kapitulieren oder {1} sein eignes Geschick in seine eigne Hand zu nehmen. Statt
dessen aber beschlossen die ehrlosen Betrüger, die „heroische
Torheit“ von Paris durch Behandlung mit Hunger und blutigen Köpfen zu
kurieren und es inzwischen zum Narren zu halten durch großsprechende
Manifeste, wie z.B.: „Trochu, der Gouverneur von Paris, wird nie
kapitulieren!“ und Jules Favre, der auswärtige Minister, „wird
nicht einen Zoll breit unsres Gebiets und nicht einen Stein unsrer
Festungen abtreten“. In einem Brief an Gambetta bekennt derselbe Jules
Favre, daß das, wogegen sie sich „verteidigten“, nicht die preußischen
Soldaten waren, sondern die Pariser Arbeiter. Während der ganzen
Belagerung rissen die bonapartistischen Gurgelabschneider, denen Trochu
weislich das Kommando der Pariser Armee anvertraut hatte, in ihrer
vertraulichen Korrespondenz schnöde Witze über den wohlverstandnen
Hohn |321|
der Verteidigung. Man sehe z.B. die Korrespondenz von Alphonse-Simon
Guiod, Oberkommandant der Artillerie der Pariser Armee, Großkreuz der
Ehrenlegion, an Susane, Divisionsgeneral der Artillerie, welche
Korrespondenz von der Kommune veröffentlicht wurde. Endlich, am 28.
Januar 1871, ließen sie die Trugmaske fallen. Mit dem ganzen Heldenmut
der äußersten Selbsterniedrigung trat die Regierung der nationalen
Verteidigung in der Kapitulation von Paris hervor, als die Regierung
Frankreichs durch Bismarcks Gefangene - eine Rolle von solcher
Niedertracht, daß selbst Louis-Napoleon in Sedan vor ihr zurückgebebt
war. Nach dem 18. März, in ihrer wilden Flucht nach Versailles, ließen
die „Capitulards „ den aktenmäßigen Beweis ihres Verrats in Paris
zurück. Um diesen zu zerstören, sagt die Kommune in einem ihrer
Manifeste an die Provinzen,
„würden
diese Leute nicht davor zurückschrecken, Paris in einen Trümmerhaufen
zu verwandeln, umspült von einem Blutmeer“.
Aber
um einen solchen Ausgang herbeizuführen, dafür hatten mehrere der
Hauptmitglieder der Verteidigungsregierung außerdem noch ganz besondre
Privatgründe.
Kurz
nach Abschluß des Waffenstillstands veröffentlichte Millière,
Abgeordneter für Paris zur Nationalversammlung, jetzt erschossen auf
expressen Befehl von Jules Favre, eine Reihe authentischer gerichtlicher
Aktenstücke zum Beweise, daß Jules Favre, in wilder Ehe lebend mit der
Frau eines in Algier wohnenden Trunkenbolds, durch eine höchst verwegne
Anhäufung von Fälschungen, die sich über eine lange Reihe von Jahren
erstrecken, im Namen der Kinder seines Ehebruchs eine große Erbschaft
erschlichen und sich dadurch zum reichen Mann gemacht hatte; und daß,
in einem von den rechtmäßigen Erben unternommenen Prozesse, er der
Entdeckung nur entging durch die besondre Begünstigung der
bonapartistischen Gerichte. Da über diese trocknen gerichtlichen
Aktenstücke nicht hinwegzukommen war, auch nicht mit noch so viel
rhetorischen Pferdekräften, hielt Jules Favre zum erstenmal in seinem
Leben den Mund, in aller Stille den Ausbruch des Bürgerkriegs
erwartend, um dann das Pariser Volk wütend zu verlästern als eine
Bande ausgebrochner Sträflinge, in hellem Aufruhr gegen Familie,
Religion, Ordnung und Eigentum. Und dieser selbe Fälscher war kaum zur
Herrschaft gekommen, als er, gleich nach dem 4. September, Pic und
Taillefer mitfühlend in Freiheit setzte, die beide, sogar unter dem
Kaiserreich, wegen Fälschung verurteilt waren bei der Skandalgeschichte
mit der Zeitung „L'Étendard“. Einer dieser Edlen, Taillefer, hatte
die Frechheit, unter der Kommune nach Paris hin- |322|
einzugehn und wurde sofort wieder eingesteckt; und darauf rief Jules
Favre von der Tribüne der Nationalversammlung in die Welt hinaus, daß
die Pariser alle ihre Zuchthäusler freiließen!
Ernest
Picard, der Karl Vogt {2} der Regierung der nationalen Verteidigung, der sich selbst
zum Minister des Innern der Republik ernannte, nachdem er vergeblich
gestrebt, der Minister des Innern des Kaiserreichs zu werden - ist der
Bruder eines gewissen Arthur Picard, der als Schwindler von der Pariser
Börse ausgestoßen (Bericht der Pariser Polizeipräfektur vom 31. Juli
1867) und auf eignes Geständnis überführt wurde eines Diebstahls von
300.000 Franken, begangen als Direktor eines Zweigbüros der Société générale“,
Rue Palestro Nr. 5 (Bericht der Polizeipräfektur vom 11. Dezember
1868). Diesen Arthur Picard ernannte Ernest Picard zum Redakteur seines
Blattes „L'Électeur libre“. Während die gewöhnliche Sorte Börsenleute
durch die offiziellen Lügen dieses Ministerialblatts irregeleitet
wurden, lief Arthur Picard hin und her zwischen dem Ministerium und der
Börse und verwandelte hier die Niederlagen der französischen Armeen in
baren Profit. Die ganze Geschäftskorrespondenz dieses biedern Brüderpaars
fiel in die Hände der Kommune.
Jules
Ferry, vor dem 4. September ein brotloser Advokat, brachte es fertig,
als Maire von Paris während der Belagerung, aus der Hungersnot ein Vermögen
für sich herauszuschwindeln. Der Tag, an dem er sich wegen seiner Mißverwaltung
zu verantworten haben wird, wird auch der Tag seiner Verurteilung sein.
Diese
Männer nun konnten ihre tickets-of-leave (1) nur in den Ruinen von Paris finden; sie waren gerade die
Leute, die Bismarck brauchte. Ein wenig Taschenspielerei - und Thiers,
bisher der geheime Zuflüsterer der Regierung, erschien jetzt als ihre
Spitze, mit den ticket-of-leave-Männern als Ministern.
Thiers,
diese Zwergmißgeburt, hat die französische Bourgeoisie mehr als ein
halbes Jahrhundert lang bezaubert, weil er der vollendetste geistige
Ausdruck ihrer eigenen Klassenverderbtheit ist. Ehe er Staatsmann wurde,
hatte er schon seine Stärke im Lügen als Geschichtsschreiber dargetan.
Die |323|
Chronik seines öffentlichen Lebens ist die Geschichte der Unglücke
Frankreichs. Verbündet, vor 1830, mit den Republikanern, erhaschte er
unter Louis-Philippe eine Ministerstelle, indem er seinen Protektor
Laffitte verriet. Beim König schmeichelte er sich ein durch Anhetzung
von Pöbelexzessen gegen die Geistlichkeit, während deren die Kirche
Saint-Germain l'Auxerrois und der erzbischöfliche Palast geplündert
wurden, und durch sein Benehmen gegen die Herzogin von Berry, bei der er
zu gleicher Zeit den Ministerspion und den Gefängnisgeburtshelfer
spielte. Sein Werk war die Niedermetzlung der Republikaner in der
Rue Transnonain, sein Werk die darauffolgenden infamen
Septembergesetze gegen Presse und Assoziationsrecht. 1840, wo er als
Ministerpräsident wieder auftauchte, setzte er Frankreich in Erstaunen
mit seinem Plan, Paris zu befestigen. Den Republikanern, die diesen Plan
als heimtückisches Komplott gegen die Freiheit von Paris anklagten,
antwortete er in der Deputiertenkammer:
„Wie?
Sie bilden sich ein, daß Festungswerke je die Freiheit gefährden könnten?
Vor allem verleumden Sie jede mögliche Regierung, wenn Sie
voraussetzen, sie könnte je versuchen, sich durch ein Bombardement von
Paris aufrechtzuerhalten ... eine solche Regierung wäre nach ihrem
Siege hundertmal unmöglicher als vorher.“
In
der Tat, keine Regierung würde je gewagt haben, Paris von den Forts zu
bombardieren, außer der Regierung, die vorher diese selben Forts den
Preußen ausgeliefert hatte.
Als
König Bomba sich im Januar 1848 an Palermo versuchte, erhob sich Thiers,
damals schon lange kein Minister mehr, abermals in der Kammer:
„Sie
wissen, meine Herren, was in Palermo vorgeht. Sie alle erbeben vor
Schauder“ (im parlamentarischen Sinn), „wenn Sie hören, daß
achtundvierzig Stunden lang eine große Stadt bombardiert worden ist -
von wem? Von einem fremden Feind, in Anwendung des Kriegsrechts? Nein,
meine Herren, von ihrer eignen Regierung. Und weswegen? Weil die unglückliche
Stadt ihre Rechte forderte. Und für die Forderung ihrer Rechte erhielt
sie achtundvierzig Stunden Bombardement ... Erlauben Sie mir, an die
Meinung von Europa zu appellieren. Es heißt der Menschlichkeit einen
Dienst erweisen, wenn man sich erhebt und von vielleicht der größten
Tribüne Europas widerhallen läßt einige Worte“ (jawohl, Worte!)
„der Entrüstung gegen solche Taten. Als der Regent Espartero, der
seinem Lande Dienste geleistet hatte“ (und das war mehr, als Thiers je
getan), „beabsichtigte, Barcelona zu bombardieren zur Unterdrückung
eines Aufstandes, da erhob sich von allen Enden der Welt ein allgemeiner
Schrei der Entrüstung.“
Achtzehn
Monate später befand sich Thiers unter den wütendsten Verteidigern des
Bombardement. von Rom durch eine französische Armee. |324|
Der Fehler des Königs Bomba scheint in der Tat nur darin gelegen zu
haben, daß er sein Bombardement auf achtundvierzig Stunden beschränkte.
Wenige
Tage vor der Februarrevolution, unwirsch ob der langen Verbannung von
Amt und Unterschleif, wozu Guizot ihn verurteilt hatte, und in der Luft
eine herannahende Volksbewegung witternd, erklärte Thiers, in dem
falschen Heldenstil, der ihm den Spottnamen Mirabeau-mouche
(Mirabeau-Fliege) einbrachte, der Deputiertenkammer:
„Ich
gehöre zur Partei der Revolution, nicht allein in Frankreich,
sondern in Europa. Ich wünsche, daß die Regierung der Revolution in
den Händen gemäßigter Männer bleiben möge; ... aber sollte diese
Regierung in die Hände heftiger Leute fallen, selbst in die von
Radikalen, so werde ich darum doch meine Sache nicht im Stich lassen.
Ich werde immer zur Partei der Revolution gehören.“
Die
Februarrevolution kam. Statt das Ministerium Guizot durch das
Ministerium Thiers zu ersetzen, wie das Männlein geträumt hatte, verdrängte
sie Louis-Philippe durch die Republik. Am ersten Tage des Sieges
versteckte er sich sorgfältig, vergessend, daß die Verachtung der
Arbeiter ihn vor ihrem Haß schützte. Dennoch hielt er sich, mit seinem
altbekannten Mut, von der öffentlichen Bühne fern, bis die
Junimetzeleien sie für seine Sorte Aktion freigefegt hatten. Dann wurde
er der leitende Kopf der „Ordnungspartei“ mit ihrer
parlamentarischen Republik, jenem anonymen Zwischenreich, in dem alle
die verschiedener. Fraktionen der herrschenden Klasse miteinander
konspirierten zur Unterdrückung des Volkes, und gegeneinander,
jede zur Wiederherstellung ihrer eigenen Monarchie. Damals wie jetzt
klagte Thiers die Republikaner an als das einzige Hindernis der
Befestigung der Republik; damals wie jetzt sprach er zur Republik wie
der Henker zu Don Carlos: „Ich werde dich morden, aber zu deinem
eignen Besten.“ Jetzt wie damals wird er ausrufen müssen am Tag nach
seinem Siege: „L'Empire est fait!“ - Das Kaiserreich ist fertig.
Trotz seiner heuchlerischen Predigten von „notwendigen Freiheiten“
und seines persönlichen Ärgers gegen Louis Bonaparte, der ihn
gebraucht und den Parlamentarismus hinausgeworfen hatte - und außerhalb
der künstlichen Atmosphäre des Parlamentarismus schrumpft das Männlein,
wie es wohl weiß, zu einem Nichts zusammen -, trotz alledem hatte
Thiers seine Hand in allen Infamien des zweiten Kaiserreichs, von der
Besetzung Roms durch französische Truppen bis zum Kriege gegen Preußen,
zu dem er aufhetzte durch seine heftigen Ausfälle gegen die deutsche
Einheit - nicht als Deckmantel für den preußischen Despotismus,
sondern als Eingriff in das ererbte Anrecht Frankreichs auf die deutsche
Uneinigkeit. Während seine |325| Zwergsarme gern im Angesicht Europas das Schwert des
ersten Napoleon umherschwangen, dessen historischer Schuhputzer er
geworden war, gipfelte seine auswärtige Politik stets in der äußersten
Erniedrigung Frankreichs, von der Londoner Konvention von 1841 bis zur
Pariser Kapitulation von 1871 und zum jetzigen Bürgerkrieg, worin er,
mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis Bismarcks, die Gefangenen von Sedan
und Metz gegen Paris hetzte. Trotz der Beweglichkeit seines Talents und
der Veränderlichkeit seiner Zielpunkte ist dieser Mann sein ganzes
Leben lang an die allerfossilste Routine gekettet gewesen. Es ist klar,
daß ihm die tiefer liegenden Strömungen der modernen Gesellschaft ewig
verborgen bleiben mußten; aber selbst die handgreiflichsten Veränderungen
auf der gesellschaftlichen Oberfläche widerstrebten einem Gehirn,
dessen ganze Lebenskraft in die Zunge geflüchtet war. So wurde er nie müde,
jede Abweichung von dem veralteten französischen Schutzzollsystem als
eine Heiligtumsschändung anzuklagen. Als Minister Louis-Philippes
versuchte er, die Eisenbahnen als ein hirnverbranntes Blendwerk
niederzuschreien; in der Opposition unter Louis Bonaparte brandmarkte er
als eine Entheiligung jeden Versuch zur Reform des verfaulten französischen
Heerwesens. Niemals in seiner langen politischen Laufbahn hat er sich
einer einzigen, auch nicht der geringsten Maßregel von praktischem
Nutzen schuldig gemacht. Thiers war konsequent nur in seiner Gier nach
Reichtum und in seinem Haß gegen die Leute, die ihn hervorbringen. Er
trat in sein erstes Ministerium unter Louis-Philippe arm wie Hob; er
verließ es als Millionär. Als sein letztes Ministerium unter demselben
König (vom 1. März 1840) ihm in der Kammer öffentliche Anklagen wegen
Unterschleif zuzog, begnügte er sich, durch Tränen zu antworten - ein
Artikel, in dem er ebenso flott „macht“ wie Jules Favre oder
irgendein andres Krokodil. In Bordeaux 1871 {3} war sein erster Schritt zur Rettung Frankreichs vom
hereinbrechenden Finanzruin der, sich selbst mit drei Millionen jährlich
auszustatten; es war dies das erste und letzte Wort jener „sparsamen
Republik“, worauf er seinen Pariser Wählern 1869 Aussicht gemacht
hatte. Einer seiner früheren Kollegen aus der Kammer von 1830, selbst
ein Kapitalist - was ihn nicht verhinderte, ein aufopferndes Mitglied
der Pariser Kommune zu sein -, Herr Beslay, sagte neulich in einem
Maueranschlage zu Thiers:
„Die
Knechtung der Arbeit durch das Kapital ist jederzeit der Eckstein Ihrer
Politik gewesen, und seit Sie die Republik der Arbeit im Pariser
Stadthaus eingesetzt sehn, haben Sie ohne Aufhören Frankreich
zugerufen: 'Seht diese Verbrecher!'„
|326|
Ein Meister kleiner Staatsschufterei, ein Virtuose des Meineids und
Verrats, ausgelernt in allen den niedrigen Kriegslisten, heimtückischen
Kniffen und gemeinen Treulosigkeiten des parlamentarischen Parteikampfs;
stets bereit, wenn vom Amte verdrängt, eine Revolution anzufachen und
sie im Blut zu ersticken, sobald er am Staatsruder; mit
Klassenvorurteilen an Stelle von Ideen; mit Eitelkeit an Stelle eines
Herzens; sein Privatleben so infam, wie sein öffentliches Leben
niederträchtig - kann er nicht umhin, selbst jetzt, wo er die Rolle
eines französischen Sulla spielt, die Scheußlichkeiten seiner Taten zu
erhöhen durch die Lächerlichkeit seiner Großtuerei.
Die
Kapitulation von Paris, die den Preußen nicht nur Paris, sondern ganz
Frankreich überlieferte, beschloß die lang andauernden verräterischen
Intrigen mit dem Feinde, die die Usurpatoren des 4. Septembers, wie
Trochu selbst gesagt, schon an diesem selben Tage begonnen. Andrerseits
eröffnete sie den Bürgerkrieg, den sie jetzt, mit preußischer Unterstützung,
gegen die Republik und Paris zu führen hatten. Schon in dem Wortlaut
der Kapitulation selbst war die Falle gelegt. Damals war aber ein
Drittel des Landes in den Händen des Feindes, die Hauptstadt war von
den Provinzen abgeschnitten, alle Verkehrsmittel waren in Unordnung. Es
war unmöglich, unter solchen Umständen eine wirkliche Vertretung
Frankreichs zu erwählen, wenn nicht volle Zeit zur Vorbereitung gegeben
wurde. Gerade deshalb bedang die Kapitulation, daß eine
Nationalversammlung innerhalb acht Tagen zu wählen sei, so daß in
manchen Teilen Frankreichs die Nachricht von der vorzunehmenden Wahl
erst den Tag vorher ankam. Ferner sollte die Versammlung, nach einem
ausdrücklichen Artikel der Kapitulation, gewählt werden für den
einzigen Zweck, über Krieg und Frieden zu entscheiden und
vorkommendenfalls einen Friedensvertrag abzuschließen. Das Volk mußte
fühlen, daß die Waffenstillstandsbedingungen die Fortführung des
Kriegs unmöglich machten, und daß, um den von Bismarck aufgenötigten
Frieden zu bestätigen, die schlechtesten Leute in Frankreich gerade die
besten seien. Aber, nicht zufrieden mit allen diesen Vorsichtsmaßregeln,
hatte Thiers, schon ehe das Geheimnis des Waffenstillstands den Parisern
mitgeteilt worden, sich auf eine Wahlreise nach den Provinzen begeben,
um dort die legitimistische Partei ins Leben zurückzugalvanisieren, die
jetzt mit den Orleanisten die Stelle der augenblicklich unmöglich
gewordnen Bonapartisten auszufüllen hatte. Er hatte keine Angst vor
ihnen. Unmöglich als Regierung des modernen Frankreichs und daher verächtlich
als Nebenbuhler - welche Partei gab ein willkommneres Werkzeug der
Reaktion ab als die Partei, deren Aktion, in Thiers' eignen Worten
(Deputiertenkammer, Januar 1833),
|327|
„sich immer beschränkt hatte auf die drei Hülfsquellen: auswärtige
Invasion, Bürgerkrieg und Anarchie“?
Sie
aber, die Legitimisten, glaubten in Wahrheit an den Advent ihres rückwärtsgewandten
tausendjährigen Reichs. Da waren die Fersen auswärtiger Invasion, die
Frankreich zu Boden traten; da war der Fall eines Kaiserreichs und die
Gefangenschaft eines Bonaparte; und da waren sie selber wieder. Das Rad
der Geschichte hatte sich sichtbarlich zurückgedreht bis zu der Chambre
introuvable (der Landrats- und Junkerkammer) von 1816. In den
Versammlungen der Republik 1846 bis 1851 waren sie vertreten gewesen
durch ihre gebildeten und eingeschulten parlamentarischen Führer; jetzt
aber drängten sich die gemeinen Soldaten der Partei hervor - alle
Pourceaugnacs von Frankreich.
Sobald
diese Versammlung von Ruraux (Krautjunkern) in Bordeaux eröffnet war,
machte Thiers es ihnen klar, daß sie die Friedenspräliminarien sofort
anzunehmen hätten, selbst ohne die Ehrenbezeugung einer
parlamentarischen Debatte, als einzige Bedingung, unter der Preußen
ihnen erlauben werde, gegen die Republik und ihre feste Burg, Paris, den
Krieg zu eröffnen. Die Kontrerevolution hatte in der Tat keine Zeit zu
verlieren. Das zweite Kaisertum hatte die Staatsschuld verdoppelt und
die großen Städte in schwere Lokalschulden gestürzt. Der Krieg hatte
die Ansprüche an die Nation furchtbar erhöht und ihre Hülfsquellen rücksichtslos
verwüstet. Zur Vollendung des Ruins stand da der preußische Shylock
mit seinem Schein für den Unterhalt einer halben Million seiner
Soldaten auf französischem Boden, für seine Entschädigung von fünf
Milliarden und Zinsen zu 5 Prozent auf deren unbezahlte Raten. Wer
sollte die Rechnung zahlen? Nur durch den gewaltsamen Sturz der Republik
konnten die Aneigner des Reichtums hoffen, die Kosten eines von ihnen
selbst herbeigeführten Kriegs auf die Schultern der Hervorbringer
dieses Reichtums zu wälzen. Und so spornte gerade der unermeßliche
Ruin Frankreichs diese patriotischen Vertreter von Grundbesitz und
Kapital an, unter den Augen und der hohen Protektion des fremden
Eroberers, den auswärtigen Krieg zu ergänzen durch einen Bürgerkrieg,
eine Sklavenhalter-Rebellion.
Dieser
Verschwörung stand im Wege ein großes Hindernis - Paris. Paris zu
entwaffnen, war erste Bedingung des Erfolgs. Paris wurde daher von
Thiers aufgefordert, seine Waffen niederzulegen. Dann wurde Paris
aufgehetzt durch die tollen antirepublikanischen Demonstrationen der
Krautjunker-Versammlung und durch Thiers' eigene zweideutige Aussprüche
über den rechtlichen Bestand der Republik; durch die Drohung, Paris zu
enthaupten und zu enthauptstadten (décapiter et décapitaliser); |328|
die Ernennung orleanistischer Gesandten; Dufaures Gesetze wegen der
verfallnen Wechsel und Hausmieten, die den Handel und die Industrie von
Paris mit dem Untergang bedrohten; Pouyer-Quertiers Steuer von 2
Centimen auf jedes Exemplar jeder nur möglichen Druckschrift; die
Todesurteile gegen Blanqui und Flourens; die Unterdrückung der
republikanischen Blätter; die Verlegung der Nationalversammlung nach
Versailles; die Erneuerung des von Palikao erklärten und durch den 4.
September vernichteten Belagerungszustandes; die Ernennung des
Dezemberhelden Vinoy zum Gouverneur, des Gendarmen Valentin zum
Polizeipräfekten und des Jesuitengenerals d'Aurelle de Paladines zum
Oberkommandanten der Nationalgarde von Paris.
Und
nun haben wir an Herrn Thiers und an die Herren von der
Nationalverteidigung, seine Kommis, eine Frage zu richten. Es ist
bekannt, daß durch seinen Finanzminister, Herrn Pouyer-Quertier, Thiers
ein Anlehen von zwei Milliarden beantragt hatte, sofort zahlbar. Ist es
nun wahr oder nicht:
1.
daß dies Geschäft so abgemacht wurde, daß eine Provision von mehreren
hundert Millionen in die Privattaschen von Thiers, Jules Favre, Ernest
Picard, Pouyer-Quertier und Jules Simon floß, und
2.
daß keine Zahlung gemacht werden sollte, bis nach der „Pacification“
von Paris“?
In
jedem Falle muß die Sache sehr dringlich gewesen sein, denn Thiers und
Jules Favre baten ohne alle Scham, im Namen der Versammlung von
Bordeaux, um Besetzung von Paris durch preußische Truppen. Das paßte
aber nicht in Bismarcks Spiel, wie er, spöttisch und ganz öffentlich,
den bewundernden Frankfurter Philistern bei seiner Rückkehr nach
Deutschland erzählte.
II
Paris
war das einzige ernstliche Hindernis auf dem Wege der kontrerevolutionären
Verschwörung. Paris mußte also entwaffnet werden. In Beziehung auf
diesen Punkt war die Bordeauxer Versammlung die Aufrichtigkeit selbst. Wäre
das rasende Gebrüll ihrer Krautjunker nicht hörbar genug gewesen, die
Überantwortung von Paris durch Thiers in die Hände des Triumvirats -
Vinoy, der Dezembermörder, Valentin, der bonapartistische Gendarm, und
Aurelle de Paladines, der Jesuitengeneral - hätte auch den letzten
Zweifel unmöglich gemacht. Aber während die Verschwörer den wahren
Zweck der Entwaffnung frech zur Schau stellten, forderten sie Paris zur
Waffenstreckung auf unter einem Vorwande, der die schreiendste, |329| schamloseste Lüge war. Das Geschütz der Nationalgarde,
sagte Thiers, gehört dem Staat und muß dem Staat wieder abgegeben
werden. Die Tatsache war diese: Von dem Tage der Kapitulation an, als
Bismarcks Gefangene Frankreich an Bismarck ausgeliefert, aber sich
selbst eine zahlreiche Leibwache ausbedungen hatten zu dem ausdrücklichen
Zwecke, Paris nieder zuhalten, - von dem Tage an stand Paris auf der
Wacht. Die Nationalgarde reorganisierte sich und vertraute ihre
Oberleitung einem Zentralkomitee an, das durch ihre ganze Masse, einige
der alten bonapartistischen Abteilungen ausgenommen, erwählt war. Am
Vorabend des Einmarsches der Preußen in Paris besorgte das
Zentralkomitee den Transport nach Montmartre, La Villette und Belleville
der von den Capitulards verräterischerweise in und bei den von den Preußen
zu besetzenden Stadtteilen zurückgelassenen Kanonen und Mitrailleusen. Dies
Geschütz war durch die Beiträge der Nationalgarde selbst beschafft
worden. Als ihr Eigentum war es amtlich anerkannt in der Kapitulation
vom 28. Januar und in dieser besonderen Eigenschaft ausgenommen worden
von der allgemeinen Ablieferung der dem Staat gehörenden Waffen an den
Sieger. Und Thiers war so durch und durch bar eines jeden, auch des
durchsichtigsten Vorwandes, um den Krieg mit Paris einzuleiten, daß er
auf die platte Lüge angewiesen blieb: das Geschütz der Nationalgarde
sei Staatseigentum!
Die
Beschlagnahme des Geschützes sollte nur dienen als Vorspiel der
allgemeinen Entwaffnung von Paris und damit der Entwaffnung der
Revolution vom 4. September. Aber diese Revolution war der gesetzliche
Zustand Frankreichs geworden. Die Republik, ihr Werk, war im Wortlaut
der Kapitulation vom Sieger anerkannt. Nach der Kapitulation war sie
anerkannt worden von allen fremden Mächten; in ihrem Namen war die
Versammlung berufen. Die Pariser Arbeiterrevolution vom 4. September war
der einzige Rechtstitel der Nationalversammlung in Bordeaux und ihrer
vollziehenden Gewalt. Ohne den 4. September hätte die
Nationalversammlung sofort dem 1869 unter französischer und nicht unter
preußischer Herrschaft durch allgemeines Stimmrecht erwählten und
gewaltsam von der Revolution zersprengten gesetzgebenden Körper Platz
machen müssen. Thiers und seine ticket-of-leave-Leute hätten
verhandeln müssen wegen eines Geleitscheines, unterzeichnet von Louis
Bonaparte, um einer Reise nach Cayenne zu entgehn. Die
Nationalversammlung mit ihrer Vollmacht, den Frieden mit Preußen
abzumachen, war nur ein einzelner Zwischenfall in jener Revolution,
deren wahre Verkörperung noch immer das bewaffnete Paris war; dasselbe
Paris, das diese Revolution gemacht, das um ihretwillen eine fünfmonatliche
Belagerung mit ihren Schrecken der Hungers- |330| not ausgehalten und das in seinem trotz Trochus
„Plan“ verlängerten Widerstand die Grundlage eines hartnäckigen
Verteidigungskriegs in den Provinzen geliefert hatte. Und Paris sollte
jetzt entweder seine Waffen niederlegen auf das beleidigende Geheisch
der rebellischen Sklavenhalter von Bordeaux und anerkennen, daß seine
Revolution vom 4. September nur die einfache Übertragung der
Staatsmacht von Louis Bonaparte an seine königlichen Nebenbuhler
bedeute; - oder es mußte vortreten als der selbstopfernde Vorkämpfer
Frankreichs, dessen Rettung vom Untergang und dessen Wiedergeburt unmöglich
waren ohne den revolutionären Umsturz der politischen und
gesellschaftlichen Bedingungen, die das zweite Kaisertum erzeugt hatten
und die unter seiner schützenden Obhut bis zur äußersten Fäulnis
herangereift waren. Paris, noch abgezehrt von fünfmonatlicher
Aushungerung, zauderte keinen Augenblick. Es beschloß heldenmütig,
alle Gefahren des Widerstandes gegen die französischen Verschwörer
auszuhalten, trotzdem, daß noch immer preußische Kanonen von seinen
eignen Forts auf es herabgähnten. Dabei aber, in seinem Abscheu gegen
den Bürgerkrieg, in den Paris hineingetrieben werden sollte, beharrte
das Zentralkomitee in einer verteidigenden Haltung, trotz der
Aufreizungen der Versammlung, der Eingriffe der vollziehenden Gewalt und
der drohenden Truppenzusammenziehungen in und um Paris.
Thiers
selbst eröffnete also den Bürgerkrieg, indem er den Vinoy an der
Spitze eines Haufens Polizeisergeanten und einiger Linienregimenter auf
einen nächtlichen Raubzug gegen Montmartre ausschickte, um dort durch
Überraschung das Geschütz der Nationalgarde wegzunehmen. Es ist
bekannt, wie dieser Versuch scheiterte am Widerstand der Nationalgarde
und an der Verbrüderung der Truppen mit dem Volk. Aurelle de Paladines
hatte schon im voraus seinen Siegesbericht gedruckt, und Thiers hielt
die Maueranschläge bereit, die seine Staatsstreich-Maßregeln verkünden
sollten. Beides mußte jetzt ersetzt werden durch Thiers' Aufrufe, worin
er seinen großmütigen Entschluß verkündete, der Nationalgarde ihre
Waffen zu lassen; er zweifle nicht, sagte er, sie werde sie benutzen, um
sich gegen die Rebellen an die Regierung anzuschließen. Unter allen
300.000 Nationalgardisten entsprachen nur 300 diesem Aufruf des kleinen
Thiers, sich, gegen sich selbst, an ihn anzuschließen. Die ruhmvolle
Arbeiterrevolution des 18. März nahm unbestrittnen Besitz von Paris.
Das Zentralkomitee war ihre provisorische Regierung. Europa schien einen
Augenblick zu zweifeln, ob seine neulichen erstaunlichen Haupt-, Staats-
und Kriegsaktionen irgendwelche Wirklichkeit besäßen, oder ob sie die
Träume einer längst verschwundenen Vergangenheit seien.
|331|
Vom 18. März bis zum Eindringen der Versailler Truppen in Paris blieb
die proletarische Revolution so rein von allen den Gewalttaten, von
denen die Revolutionen und noch mehr die Kontrerevolutionen der „höhern
Klassen“ strotzen, daß die Gegner keine andern Handhaben für ihre
Entrüstung finden als die Hinrichtung der Generale Lecomte und Clément
Thomas und den Zusammenstoß auf der Place Vendôme.
Einer
der bonapartistischen Offiziere, der bei dem nächtlichen Überfall auf
Montmartre eine Rolle spielte, General Lecomte, hatte viermal dem 81.
Linienregiment befohlen, auf einen unbewaffneten Haufen in der Place
Pigalle zu feuern; als die Truppen sich weigerten, schimpfte er sie wütend
aus. Statt Weiber und Kinder zu erschießen, erschossen seine eignen
Leute ihn selbst. Die eingewurzelten Gewohnheiten, die den Soldaten
unter der Zucht der Feinde der Arbeiter beigebracht worden, verlieren
sich selbstredend nicht in demselben Augenblick, wo diese Soldaten zu
den Arbeitern übergehn. Dieselben Leute richteten auch Clément Thomas
hin.
„General“
Clément Thomas, ein malkontenter Ex-Wachtmeister, hatte sich in der
letzten Zeit Louis-Philippes bei der Redaktion des republikanischen
Blattes „Le National“ anwerben lassen, wo er gleichzeitig die Posten
eines verantwortlichen Strohmanns (gérant responsable, der das Absitzen
der Gefängnisstrafen übernahm) und Duellanten bei diesem sehr
kampflustigen Blatt ausfüllte. Als nach der Februarrevolution die
Herren vom „National“ ans Ruder kamen, verwandelten sie diesen alten
Wachtmeister in einen General. Es war dies am Vorabend der Junischlächterei,
die er, wie auch Jules Favre, mitgeplant hatte, und bei der er eine der
niederträchtigsten Henkerrollen übernahm. Dann verschwand er samt
seiner Generalschaft auf lange Zeit, um wieder aufzutauchen am 1.
November 1870. Den Tag vorher hatte die „Regierung der Verteidigung“
im Stadthause Blanqui, Flourens und andern Vertretern der Arbeiter ihr
feierliches Wort gegeben, ihre usurpierte Gewalt in die Hände einer
frei gewählten Pariser Kommune niederzulegen. Statt ihr Wort zu halten,
ließ sie gegen Paris die Bretonen Trochus los, die jetzt die Korsen
Bonapartes vertraten. Der General Tamisier allein weigerte sich, seinen
Namen mit einem solchen Wortbruch zu beflecken, und legte seinen Posten
als Oberkommandant der Nationalgarde nieder. An seiner Stelle wurde
jetzt Clément Thomas wieder ein General. Während seines ganzen
Oberkommandos führte er Krieg, nicht gegen die Preußen, sondern gegen
die Pariser Nationalgarde. Er verhinderte ihre allgemeine Bewaffnung,
hetzte die Bourgeoisbataillone gegen die Arbeiterbataillone, beseitigte
die dem „Plan“ Trochus feindlichen Offiziere und löste, unter dem
Brandmal der Feigheit, dieselben proletarischen |332|
Bataillone auf, deren Heldenmut jetzt ihren erbittertsten Feinden
Bewunderung abgerungen hat. Clément Thomas war ordentlich stolz darauf,
seinen alten Juni-Vorrang als persönlicher Feind des Pariser
Proletariats wiedererobert zu haben. Noch einige Tage vor dem 18. März
legte er dem Kriegsminister Le Flô einen eigenen Plan vor zur
„Ausrottung der Blüte der Pariser Kanaille“. Nach Vinoys Niederlage
konnte er es sich nicht versagen, als Privatspion auf dem Kampfplatz zu
erscheinen. Das Zentralkomitee und die Pariser Arbeiter waren ebenso
verantwortlich für die Erschießung von Clément Thomas und Lecomte,
wie die Prinzessin von Wales für das Geschick der bei ihrem Einzug in
London im Gedränge zu Tode gequetschten Leute.
Die
angebliche Schlächterei unbewaffneter Bürger in der Place Vendôme ist
ein Märchen, wovon Thiers und die Krautjunker in der Versammlung hartnäckig
geschwiegen haben, und dessen Verbreitung sie ausschließlich der
Bedientenstube der europäischen Tagespresse anvertrauten.
Die
„Ordnungsmänner“, die Reaktionäre von Paris, zitterten bei dem
Siege des 18. März. Für sie war es das Wahrzeichen der endlich
hereinbrechenden Volksvergeltung. Die Gespenster der unter ihren Händen
gemordeten Opfer, von den Junitagen 1848 bis zum 22. Januar 1871,
stiegen vor ihren Augen empor. Ihr Schrecken war ihre einzige Strafe.
Selbst die Polizeisergeanten, statt wie sich's gebührte, entwaffnet und
eingesperrt zu werden, fanden die Tore von Paris weit geöffnet, um
sicher nach Versailles zu entkommen. Nicht allein, daß den Ordnungsmännern
nichts geschah, man erlaubte ihnen sogar, sich wieder zu sammeln und
mehr als einen starken Posten mitten in Paris zu besetzen. Diese
Nachsicht des Zentralkomitees, diese Großmut der bewaffneten Arbeiter,
so sonderbar im Widerspruch mit den Gewohnheiten der Ordnungspartei,
wurden von dieser Partei als Zeichen bewußter Schwäche mißdeutet.
Daher ihr alberner Plan, unter dem Deckmantel einer unbewaffneten
Demonstration das noch einmal zu versuchen, was Vinoy mit seinen Kanonen
und Mitrailleusen nicht hatte erreichen können. Am 22. März setzte
sich von den Stadtvierteln des Wohllebens ein Zug „feiner Herren“ in
Bewegung, alle Stutzer in ihren Reihen, und an ihrer Spitze die
wohlbekannten Stammgäste des Kaisertums, die Heeckeren, Coëtlogon,
Henri de Péne etc. Unter dem feigen Vorwand einer friedlichen
Demonstration, aber im geheimen gerüstet mit den Waffen des Meuchelmörders,
ordnete sich diese Bande, entwaffnete und mißhandelte die Posten und
Patrouillen der Nationalgarde, auf die ihr Zug stieß, und, aus der Rue
de la Paix in die Place Vendôme vordringend, versuchte sie, unter dem
Ruf: „Nieder mit dem Zentralkomitee! Nieder |333|
mit den Mördern! Es lebe die Nationalversammlung!“ die dort
aufgestellte Wache zu durchbrechen und so das dahinter gelegene
Hauptquartier der Nationalgarde zu überrumpeln. Als Antwort auf ihre
Revolverschüsse wurden die regelmäßigen gesetzlichen Aufforderungen
an sie gemacht; als diese wirkungslos blieben, kommandierte der General
der Nationalgarde Feuer. Eine Salve zerstreute in wilde Flucht
die albernen Gecken, die erwartet hatten, die bloße Schaustellung ihrer
„anständigen Gesellschaft“ werde auf die Pariser Revolution wirken
wie die Trompeten Josuas auf die Mauern von Jericho. Sie ließen zurück
zwei Nationalgarden tot, neun schwerverwundet (darunter ein Mitglied des
Zentralkomitees) und den ganzen Schauplatz ihrer Großtat bestreut mit
Revolvern, Dolchen und Stockdegen, zum Zeugnis des „unbewaffneten“
Charakters ihrer „friedlichen“ Demonstration. Als am 13. Juni 1849
die Pariser Nationalgarde eine wirklich friedliche Demonstration machte,
um gegen den räuberischen Angriff französischer Truppen auf Rom zu
protestieren - da wurde Changarnier, damals General der Ordnungspartei,
von der Nationalversammlung, und besonders von Thiers, als der Retter
der Gesellschaft ausgerufen, weil er seine Truppen von allen Seiten auf
diese waffenlosen Leute losgelassen hatte, um sie niederzuschießen,
niederzusäbeln und unter ihren Pferdehufen zu zertreten. Damals wurde
Paris in Belagerungszustand erklärt; Dufaure hetzte neue Unterdrückungsgesetze
durch die Versammlung; neue Verhaftungen, neue Ächtungen, eine neue
Schreckensherrschaft traten ein. Aber die „unteren Klassen“ machen
das anders. Das Zentralkomitee von 1871 ließ die Helden der
„friedlichen Demonstration“ einfach laufen, und so waren sie bereits
zwei Tage später imstande, sich unter dem Admiral Saisset zu jener bewaffneten
Demonstration zusammenzufinden, die mit dem bewußten Ausreißen
nach Versailles endigte. In seinem Widerstreben, den durch Thiers' nächtlichen
Einbruch in Montmartre eröffneten Bürgerkrieg aufzunehmen, machte sich
das Zentralkomitee diesmal eines entscheidenden Fehlers dadurch
schuldig, daß es nicht sofort auf das damals vollständig hülflose
Versailles marschierte und damit den Verschwörungen des Thiers und
seiner Krautjunker ein Ziel setzte. Statt dessen erlaubte man der
Ordnungspartei, nochmals ihre Stärke an der Wahlurne zu versuchen, als
am 26. März die Kommune gewählt wurde. An diesem Tage wechselten die
Ordnungsmänner in den Bezirksbürgermeistereien wohlwollende Worte der
Versöhnung mit ihren nur zu großmütigen Siegern, gleichzeitig in
ihren Herzen feierliche Gelübde knurrend, seiner Zeit blutige Rache zu
nehmen.
|334|
Und jetzt schaut die Kehrseite der Medaille! Thiers eröffnete seinen
zweiten Feldzug gegen Paris anfangs April. Die erste Kolonne von Pariser
Gefangenen, die nach Versailles hineinkam, wurde empörend behandelt, während
Ernest Picard, die Hände in den Hosentaschen, herumschlenderte und sie
verhöhnte und die Frauen von Thiers und Favre, in Mitte ihrer
Ehren(?)damen, vom hohen Balkon herab die Schändlichkeiten des
Versailler Pöbels beklatschten. Die gefangenen Liniensoldaten wurden
einfach erschossen; unser tapferer Freund General Duval, der Eisengießer,
wurde ohne alle Form Rechtens gemordet. Galliffet, der „Louis“
seiner Frau, so notorisch durch die schamlose Schaustellung ihres Leibes
bei den Gelagen des zweiten Kaisertums, Galliffet prahlte in einer
Proklamation, daß er die Ermordung einiger durch seine Reiter überraschten
und entwaffneten Nationalgardisten, samt ihrem Hauptmann und Lieutenant,
befohlen habe. Vinoy, der Ausreißer, wurde von Thiers zum Großkreuz
der Ehrenlegion ernannt für seinen Tagesbefehl, worin er vorschrieb,
jeden bei den Kommunalisten gefangenen Liniensoldaten zu erschießen.
Desmaret, der Gendarm, wurde dekoriert, weil er den hochherzigen und
ritterlichen Flourens verräterisch nach Metzgerart in Stücke zerhauen
hatte, Flourens, der am 31. Oktober 1870 der Verteidigungsregierung ihre
Köpfe gerettet hatte. Die „ermunternden Einzelheiten“ seiner
Ermordung wurden von Thiers in der Nationalversammlung mit Behagen des
breiteren mitgeteilt. Mit der aufgeblasenen Eitelkeit eines
parlamentarischen Däumlings, dem man erlaubt, die Rolle des Tamerlan zu
spielen, verweigerte er den Rebellen gegen seine Winzigkeit jedes Recht
zivilisierter Kriegführung, selbst das der Neutralität für ihre
Verbandplätze. Nichts Scheußlicheres als dieser Affe, schon von
Voltaire vorgeahnt, der für eine kleine Zeit seinen Tigergelüsten
freien Lauf lassen kann.
Nachdem
die Kommune (Dekret vom 7. April) Vergeltungsmaßregeln angeordnet und
es für ihre Pflicht erklärt hatte, „Paris gegen die kannibalischen
Taten der Versailler Banditen zu schützen und Aug' um Auge, Zahn um
Zahn zu verlangen“ - stellte Thiers dennoch die grausame Behandlung
der Gefangenen nicht ein; er beleidigte sie obendrein noch in seinen
Berichten wie folgt: „Niemals ist der betrübte Blick ehrlicher Leute
auf so entwürdigte Gesichter einer entwürdigten Demokratie gefallen
„ - ehrlicher Leute wie Thiers selbst und seine ticket-of-leave-Männer.
Trotzdem wurde das Erschießen der Gefangenen für einige Zeit
eingestellt. Kaum aber hatten Thiers und seine Dezembergenerale
gefunden, daß das Vergeltungsdekret der Kommune nur eine leere Drohung
war, daß selbst ihre Gendarmenspione, die in Paris, als
Nationalgardisten verkleidet, abgefangen |335|
waren, daß selbst Polizeisergeanten, Träger von Brandgranaten,
verschont blieben - so fing auch das massenweise Erschießen der
Gefangenen wieder an und wurde bis zum Ende durchgeführt. Häuser, in
welche Nationalgardisten geflüchtet waren, wurden von Gendarmen
umringt, mit Petroleum (das hier zum erstenmal vorkommt) übergossen und
in Brand gesteckt; die halbverbrannten Leichen wurden später von der
Ambulanz der Presse (in Les Ternes) herausgeholt. Vier
Nationalgardisten, die sich am 25. April bei Belle-Epine einigen
berittenen Jägern ergeben hatten, wurden nachher einer nach dem andern
vom Rittmeister, einem würdigen Knecht Galliffets, niedergeschossen.
Einer der vier, Scheffer, für tot zurückgelassen, kroch zu den Pariser
Vorposten und legte gerichtliches Zeugnis ab über diese Tatsache vor
einem Ausschuß der Kommune. Als Tolain den Kriegsminister über den
Bericht dieses Ausschusses interpellierte, erstickte das Geschrei der
Krautjunker seine Stimme; sie verboten Le Flô zu antworten. Es wäre
eine Beleidigung für ihr „ruhmvolles“ Heer, von seinen Taten - zu
sprechen. Der nachlässige Ton, in dem Thiers' Berichte die
Niedermetzelung der bei Moulin-Saquet im Schlafe überraschten
Nationalgardisten und die massenhaften Erschießungen in Clamart
mitteilten, verletzte selbst die Nerven der wahrhaftig nicht überempfindlichen
Londoner „Times“. Aber es wäre lächerlich, die bloß einleitenden
Scheußlichkeiten aufzählen zu wollen, begangen von den Bombardierern
von Paris und den Aufhetzern einer Sklavenhalter-Rebellion unter dem
Schutz des fremden Eroberers. Inmitten aller dieser Schrecken vergißt
Thiers seinen parlamentarischen Jammer von wegen der furchtbaren
Verantwortlichkeit, die auf seinen Zwergschultern lastet, prahlt, daß
l'Assemblée siège paisiblement (die Versammlung tagt in Frieden
weiter), und beweist durch seine steten Festessen, heute mit
Dezembergeneralen, morgen mit deutschen Prinzen, daß seine Verdauung
nicht im mindesten gestört ist, nicht einmal durch die Gespenster von
Lecomte und Clément Thomas.
III
Am
Morgen des 18. März 1871 wurde Paris geweckt durch den Donnerruf: „Es
lebe die Kommune!“ Was ist die Kommune, diese Sphinx, die den
Bourgeoisverstand auf so harte Proben setzt?
„Die
Proletarier von Paris“, sagte das Zentralkomitee in seinem Manifest
vom 18. März, „inmitten der Niederlagen und des Verrats der
herrschenden Klassen, haben begriffen, daß die Stunde geschlagen hat,
wo sie die Lage retten müssen, dadurch, daß |336| sie die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre
eignen Hände nehmen ... Sie haben begriffen, daß es ihre höchste
Pflicht und ihr absolutes Recht ist, sich zu Herren ihrer eignen
Geschicke zu machen und die Regierungsgewalt zu ergreifen.“
Aber
die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in
Besitz nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen.
Die
zentralisierte Staatsmacht, mit ihren allgegenwärtigen Organen stehende
Armee, Polizei, Bürokratie, Geistlichkeit, Richterstand, Organe,
geschaffen nach dem Plan einer systematischen und hierarchischen Teilung
der Arbeit - stammt her aus den Zeiten der absoluten Monarchie, wo sie
der entstehenden Bourgeoisgesellschaft als eine mächtige Waffe in ihren
Kämpfen gegen den Feudalismus diente. Dennoch blieb ihre Entwicklung
gehemmt durch allerhand mittelalterlichen Schutt, grundherrliche und
Adelsvorrechte, Lokalprivilegien, städtische und Zunftmonopole und
Provinzialverfassungen. Der riesige Besen der französischen Revolution
des 18. Jahrhunderts fegte alle diese Trümmer vergangner Zeiten weg und
reinigte so gleichzeitig den gesellschaftlichen Boden von den letzten
Hindernissen, die dem Überbau des modernen Staatsgebäudes im Wege
gestanden. Dies moderne Staatsgebäude erhob sich unter dem ersten
Kaisertum, das selbst wieder erzeugt worden war durch die
Koalitionskriege des alten halbfeudalen Europas gegen das moderne
Frankreich. Während der nachfolgenden Herrschaftsformen wurde die
Regierung unter parlamentarische Kontrolle gestellt, d.h. unter die
direkte Kontrolle der besitzenden Klassen. Einerseits entwickelte sie
sich jetzt zu einem Treibhaus für kolossale Staatsschulden und erdrückende
Steuern und wurde vermöge der unwiderstehlichen Anziehungskraft ihrer
Amtsgewalt, ihrer Einkünfte und ihrer Stellenvergebung der Zankapfel für
die konkurrierenden Fraktionen und Abenteurer der herrschenden Klassen -
andrerseits änderte sich ihr politischer Charakter gleichzeitig mit den
ökonomischen Veränderungen der Gesellschaft. In dem Maß, wie der
Fortschritt der modernen Industrie den Klassengegensatz zwischen Kapital
und Arbeit entwickelte, erweiterte, vertiefte, in demselben Maß erhielt
die Staatsmacht mehr und mehr den Charakter einer öffentlichen Gewalt
zur Unterdrückung der Arbeiterklasse {4}, einer Maschine der Klassenherrschaft. Nach jeder
Revolution, die einen Fortschritt des Klassenkampfs bezeichnet, tritt
der rein unterdrückende Charakter der Staat macht offner und offner
hervor. Die Revolution von 1830 übertrug die Regierung von den
Grundbesitzern auf die Kapitalisten und damit von den entfernteren auf
die direkteren Gegner der Arbeiter. |337|
Die Bourgeoisrepublikaner, die im Namen der Februarrevolution das
Staatsruder ergriffen, gebrauchten es zur Herbeiführung der Junischlächtereien,
um der Arbeiterklasse zu beweisen, daß die „soziale“ Republik
weiter nichts bedeute, als ihre soziale Unterdrückung durch die
Republik; und um der königlich gesinnten Masse der Bourgeois und
Grundbesitzer zu beweisen, daß sie die Sorgen und die Geldvorteile der
Regierung ruhig den Bourgeoisrepublikanern überlassen könnten. Nach
dieser ihrer einzigen Heldentat vom Juni blieb den
Bourgeoisrepublikanern jedoch nur übrig, zurückzutreten aus dem ersten
Glied ins letzte Glied der „Ordnungspartei“ - einer Koalition,
gebildet aus allen konkurrierenden Fraktionen und Faktionen der
aneignenden Klassen in ihrem jetzt offen erklärten Gegensatz zu den
hervorbringenden Klassen. Die angemessene Form ihrer Gesamtregierung war
die parlamentarische Republik mit Louis Bonaparte als Präsidenten; eine
Regierung des unverhohlnen Klassenterrorismus und der absichtlichen
Beleidigung der „vile multitude“ (der schoflen Menge). Wenn, wie
Thiers sagte, die parlamentarische Republik die Staatsform war, die die
Fraktionen der herrschenden Klasse am wenigsten trennte, so eröffnete
sie dagegen einen Abgrund zwischen dieser Klasse und dem ganzen, außerhalb
ihrer dünngesäten Reihen lebenden Gesellschaftskörper. Die Schranken,
die, unter frühern Regierungen, die innern Spaltungen jener Klasse der
Staatsmacht noch auferlegt hatten, waren durch ihre Vereinigung jetzt
gefallen. Angesichts der drohenden Erhebung des Proletariats benutzte
die vereinigte besitzende Klasse jetzt die Staatsmacht rücksichtslos
und frech als das nationale Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die
Arbeit. Aber ihr ununterbrochner Kreuzzug gegen die produzierenden
Massen zwang sie nicht nur, die vollziehende Gewalt mit stets wachsender
Unterdrückungsmacht auszustatten; er zwang sie auch, ihre eigne
parlamentarische Zwingburg - die Nationalversammlung - nach und nach
aller Verteidigungsmittel gegen die vollziehende Gewalt zu entblößen.
Die vollziehende Gewalt, in der Person des Louis Bonaparte, setzte sie
vor die Tür. Der leibliche Nachkomme der Republik der
„Ordnungspartei“ war das zweite Kaisertum.
Das
Kaisertum, mit dem Staatsstreich als Geburtsschein, dem allgemeinen
Stimmrecht als Beglaubigung und dem Säbel als Zepter, gab vor, sich auf
die Bauern zu stützen, auf jene große Masse der Produzenten, die nicht
unmittelbar in den Kampf zwischen Kapital und Arbeit verwickelt waren.
Es gab vor, die Arbeiterklasse zu retten, indem es den Parlamentarismus
brach und mit ihm die unverhüllte Unterwürfigkeit der Regierung unter
die besitzenden Klassen. Es gab vor, die besitzenden Klassen zu retten |338|
durch Aufrechterhaltung ihrer ökonomischen Hoheit über die
Arbeiterklasse; und schließlich gab es vor, alle Klassen zu vereinigen
durch die Wiederbelebung des Trugbilds des nationalen Ruhms. In
Wirklichkeit war es die einzige mögliche Regierungsform zu einer Zeit,
wo die Bourgeoisie die Fähigkeit, die Nation zu beherrschen, schon
verloren und wo die Arbeiterklasse diese Fähigkeit noch nicht erworben
hatte. Die ganze Welt jauchzte ihm zu als dem Retter der Gesellschaft.
Unter seiner Herrschaft erreichte die Bourgeoisgesellschaft, aller
politischen Sorgen enthoben, eine von ihr selbst nie geahnte
Entwicklung. Ihre Industrie, ihr Handel dehnten sich zu unermeßlichen
Verhältnissen aus; der Finanzschwindel feierte kosmopolitische Orgien;
das Elend der Klassen hob sich grell ab gegenüber dem schamlosen Prunk
eines gleißenden, überladnen und schuftigriechenden Luxus. Die
Staatsmacht, scheinbar hoch über der Gesellschaft schwebend, war
dennoch selbst der skandalöseste Skandal dieser Gesellschaft und
gleichzeitig die Brutstätte aller ihrer Fäulnis. Ihre eigne Verrottung
und die Verrottung der von ihr geretteten Gesellschaft wurde bloßgelegt
durch die Bajonette Preußens, das selbst vor Begierde brannte, den
Schwerpunkt dieses Regimes von Paris nach Berlin zu verlegen. Der
Imperialismus ist die prostituierteste und zugleich die schließliche
Form jener Staatsmacht, die von der entstehenden bürgerlichen
Gesellschaft ins Leben gerufen war als das Werkzeug ihrer eignen
Befreiung vom Feudalismus und die die vollentwickelte
Bourgeoisgesellschaft verwandelt hatte in ein Werkzeug zur Knechtung der
Arbeit durch das Kapital.
Der
gerade Gegensatz des Kaisertums war die Kommune. Der Ruf nach der
„sozialen Republik“, womit das Pariser Proletariat die
Februarrevolution einführte, drückte nur das unbestimmte Verlangen aus
nach einer Republik, die nicht nur die monarchische Form der
Klassenherrschaft beseitigen sollte, sondern die Klassenherrschaft
selbst. Die Kommune war die bestimmte Form dieser Republik.
Paris,
der Mittelpunkt und Sitz der alten Regierungsmacht und gleichzeitig der
gesellschaftliche Schwerpunkt der französischen Arbeiterklasse, Paris
hatte sich in Waffen erhoben gegen den Versuch des Thiers und seiner
Krautjunker, diese ihnen vom Kaisertum überkommne alte Regierungsmacht
wiederherzustellen und zu verewigen. Paris konnte nur Widerstand
leisten, weil es infolge der Belagerung die Armee losgeworden war, an
deren Stelle es eine hauptsächlich aus Arbeitern bestehende
Nationalgarde gesetzt hatte. Diese Tatsache galt es jetzt in eine
bleibende Einrichtung zu verwandeln. Das erste Dekret der Kommune war
daher die Unterdrückung des stehenden Heeres und seine Ersetzung durch
das bewaffnete Volk.
|339|
Die Kommune bildete sich aus den durch allgemeines Stimmrecht in den
verschiedenen Bezirken von Paris gewählten Stadträten. Sie waren
verantwortlich und jederzeit absetzbar. Ihre Mehrzahl bestand
selbstredend aus Arbeitern oder anerkannten Vertretern der
Arbeiterklasse. Die Kommune sollte nicht eine parlamentarische, sondern
eine arbeitende Körperschaft sein, vollziehend und gesetzgebend zu
gleicher Zeit. Die Polizei, bisher das Werkzeug der Staatsregierung,
wurde sofort aller ihrer politischen Eigenschaften entkleidet und in das
verantwortliche und jederzeit absetzbare Werkzeug der Kommune
verwandelt. Ebenso die Beamten aller andern Verwaltungszweige. Von den
Mitgliedern der Kommune an abwärts, mußte der öffentliche Dienst für
Arbeiterlohn besorgt werden. Die erworbnen Anrechte und die Repräsentationsgelder
der hohen Staatswürdenträger verschwanden mit diesen Würdenträgern
selbst. Die öffentlichen Ämter hörten auf, das Privateigentum der
Handlanger der Zentralregierung zu sein. Nicht nur die städtische
Verwaltung, sondern auch die ganze, bisher durch den Staat ausgeübte
Initiative wurde in die Hände der Kommune gelegt.
Das
stehende Heer und die Polizei, die Werkzeuge der materiellen Macht der
alten Regierung einmal beseitigt, ging die Kommune sofort darauf aus,
das geistliche Unterdrückungswerkzeug, die Pfaffenmacht, zu brechen;
sie dekretierte die Auflösung und Enteignung aller Kirchen, soweit sie
besitzende Körperschaften waren. Die Pfaffen wurden in die Stille des
Privatlebens zurückgesandt, um dort, nach dem Bilde ihrer Vorgänger,
der Apostel, sich von dem Almosen der Gläubigen zu nähren. Sämtliche
Unterrichtsanstalten wurden dem Volk unentgeltlich geöffnet und
gleichzeitig von aller Einmischung des Staats und der Kirche gereinigt.
Damit war nicht nur die Schulbildung für jedermann zugänglich gemacht,
sondern auch die Wissenschaft selbst von den ihr durch das
Klassenvorurteil und die Regierungsgewalt auferlegten Fesseln befreit.
Die
richterlichen Beamten verloren jene scheinbare Unabhängigkeit, die nur
dazu gedient hatte, ihre Unterwürfigkeit unter alle
aufeinanderfolgenden Regierungen zu verdecken, deren jeder sie, der
Reihe nach, den Eid der Treue geschworen und gebrochen hatten. Wie alle
übrigen öffentlichen Diener, sollten sie fernerhin gewählt,
verantwortlich und absetzbar sein.
Die
Pariser Kommune sollte selbstverständlich allen großen gewerblichen
Mittelpunkten Frankreichs zum Muster dienen. Sobald die kommunale
Ordnung der Dinge einmal in Paris und den Mittelpunkten zweiten Ranges
eingeführt war, hätte die alte zentralisierte Regierung auch in den
Provinzen der Selbstregierung der Produzenten weichen müssen. In einer
kurzen |340|
Skizze der nationalen Organisation, die die Kommune nicht die Zeit
hatte, weiter auszuarbeiten, heißt es ausdrücklich, daß die Kommune
die politische Form selbst des kleinsten Dorfs sein, und daß das
stehende Heer auf dem Lande durch eine Volksmiliz mit äußerst kurzer
Dienstzeit ersetzt werden sollte. Die Landgemeinden eines jeden Bezirks
sollten ihre gemeinsamen Angelegenheiten durch eine Versammlung von
Abgeordneten in der Bezirkshauptstadt verwalten, und diese
Bezirksversammlungen dann wieder Abgeordnete zur Nationaldelegation in
Paris schicken; die Abgeordneten sollten jederzeit absetzbar und an die
bestimmten Instruktionen ihrer Wähler gebunden sein. Die wenigen, aber
wichtigen Funktionen, welche dann noch für eine Zentralregierung übrigblieben,
sollten nicht, wie dies absichtlich gefälscht worden, abgeschafft,
sondern an kommunale, d.h. streng verantwortliche Beamte übertragen
werden. Die Einheit der Nation sollte nicht gebrochen, sondern im
Gegenteil organisiert werden durch die Kommunalverfassung; sie sollte
eine Wirklichkeit werden durch die Vernichtung jener Staatsmacht, welche
sich für die Verkörperung dieser Einheit ausgab, aber unabhängig und
überlegen sein wollte gegenüber der Nation, an deren Körper sie doch
nur ein Schmarotzerauswuchs war. Während es galt, die bloß unterdrückenden
Organe der alten Regierungsmacht abzuschneiden, sollten ihre
berechtigten Funktionen einer Gewalt, die über der Gesellschaft zu
stehn beanspruchte, entrissen und den verantwortlichen Dienern der
Gesellschaft zurückgegeben werden. Statt einmal in drei oder sechs
Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der herrschenden Klasse das Volk
im Parlament ver- und zertreten soll, sollte das allgemeine Stimmrecht
dem in Kommunen konstituierten Volk dienen, wie das individuelle
Stimmrecht jedem andern Arbeitgeber dazu dient, Arbeiter, Aufseher und
Buchhalter in seinem Geschäft auszusuchen. Und es ist bekannt genug, daß
Gesellschaften ebensogut wie einzelne, in wirklichen Geschäftssachen
gewöhnlich den rechten Mann zu finden und, falls sie sich einmal täuschen,
dies bald wieder gutzumachen wissen. Andrerseits aber konnte nichts dem
Geist der Kommune fremder sein, als das allgemeine Stimmrecht durch
hierarchische Investitur zu ersetzen.
Es
ist das gewöhnliche Schicksal neuer geschichtlicher Schöpfungen, für
das Seitenstück älterer und selbst verlebter Formen des
gesellschaftlichen Lebens versehn zu werden, denen sie einigermaßen ähnlich
sehn. So ist diese neue Kommune, die die moderne Staatsmacht bricht,
angesehn worden für eine Wiederbelebung der mittelalterlichen Kommunen,
welche jener Staatsmacht erst vorausgingen und dann ihre Grundlage
bildeten. Die Kommunalverfassung ist versehn worden für einen Versuch,
einen |341|
Bund kleiner Staaten, wie Montesquieu und die Girondins ihn träumten,
an die Stelle jener Einheit großer Völker zu setzen, die, wenn ursprünglich
durch Gewalt zustande gebracht, doch jetzt ein mächtiger Faktor der
gesellschaftlichen Produktion geworden ist. - Der Gegensatz der Kommune
gegen die Staatsmacht ist versehn worden für eine übertriebne Form des
alten Kampfes gegen Überzentralisation. Besondre geschichtliche Umstände
mögen die klassische Entwicklung der Bourgeoisregierungsform, wie sie
in Frankreich vor sich gegangen, in andren Ländern verhindert, und mögen
gestattet haben, daß, wie in England, die großen zentralen
Staatsorgane sich ergänzen durch korrupte Pfarreiversammlungen (vestries),
geldschachernde Stadträte und wutschnaubende Armenverwalter in den Städten
und durch tatsächlich erbliche Friedensrichter auf dem Lande. Die
Kommunalverfassung würde im Gegenteil dem gesellschaftlichen Körper
alle die Kräfte zurückgegeben haben, die bisher der
Schmarotzerauswuchs „Staat“, der von der Gesellschaft sich nährt
und ihre freie Bewegung hemmt, aufgezehrt hat. Durch diese Tat allein würde
sie die Wiedergeburt Frankreichs in Gang gesetzt haben. - Die
Mittelklasse der Provinzialstädte sah in der Kommune einen Versuch zur
Wiederherstellung der Herrschaft, die sie unter Louis-Philippe über das
Land ausgeübt hatte und die unter Louis Bonaparte verdrängt wurde
durch die angebliche Herrschaft des Landes über die Städte. In
Wirklichkeit aber hätte die Kommunalverfassung die ländlichen
Produzenten unter die geistige Führung der Bezirkshauptstädte gebracht
und ihnen dort, in den städtischen Arbeitern, die natürlichen
Vertreter ihrer Interessen gesichert. - Das bloße Bestehn der Kommune führte,
als etwas Selbstverständliches, die lokale Selbstregierung mit sich,
aber nun nicht mehr als Gegengewicht gegen die, jetzt überflüssig
gemachte, Staatsmacht. Es konnte nur einem Bismarck einfallen, der, wenn
nicht von seinen Blut- und Eisenintrigen in Anspruch genommen, gern zu
seinem alten, seinem geistigen Kaliber so sehr zusagenden Handwerk als
Mitarbeiter am „Kladderadatsch“ zurückkehrt - nur einem solchen
Kopf konnte es einfallen, der Pariser Kommune eine Sehnsucht
unterzuschieben nach jener Karikatur der alten französischen Städteverfassung
von 1791, der preußischen Städteordnung, die die städtischen
Verwaltungen zu bloßen untergeordneten Rädern in der preußischen
Staatsmaschinerie erniedrigt. - Die Kommune machte das Stichwort aller
Bourgeoisrevolutionen - wohlfeile Regierung - zur Wahrheit, indem sie
die beiden größten Ausgabequellen, die Armee und das Beamtentum,
aufhob. Ihr bloßes Bestehn setzte das Nichtbestehn der Monarchie
voraus, die, wenigstens in Europa, der regelrechte Ballast und der
unentbehrliche Deckmantel der Klassenherr- |342|
schaft ist. Sie verschaffte der Republik die Grundlage wirklich
demokratischer Einrichtungen. Aber weder „wohlfeile Regierung“ noch
die „wahre Republik“ war ihr Endziel; beide ergaben sich nebenbei
und von selbst.
Die
Mannigfaltigkeit der Deutungen, denen die Kommune unterlag, und die
Mannigfaltigkeit der Interessen, die sich in ihr ausgedrückt fanden,
beweisen, daß sie eine durch und durch ausdehnungsfähige politische
Form war, während alle früheren Regierungsformen wesentlich unterdrückend
gewesen waren. Ihr wahres Geheimnis war dies: Sie war wesentlich eine Regierung
der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden
gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form,
unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.
Ohne
diese letzte Bedingung war die Kommunalverfassung eine Unmöglichkeit
und eine Täuschung. Die politische Herrschaft des Produzenten kann
nicht bestehn neben der Verewigung seiner gesellschaftlichen
Knechtschaft. Die Kommune sollte daher als Hebel dienen, um die ökonomischen
Grundlagen umzustürzen, auf denen der Bestand der Klassen und damit der
Klassenherrschaft ruht. Einmal die Arbeit emanzipiert, so wird jeder
Mensch ein Arbeiter, und produktive Arbeit hört auf, eine
Klasseneigenschaft zu sein.
Es
ist eine eigentümliche Tatsache: Trotz all des großen Geredes und der
unermeßlichen Literatur der letzten sechzig Jahre über Emanzipation
der Arbeiter {5} - kaum nehmen die Arbeiter irgendwo die Sache in ihre
eignen Hände, so ertönen auch sofort wieder die apologetischen
Redensarten der Fürsprecher der jetzigen Gesellschaft mit ihren beiden
Polen: Kapital und Lohnsklaverei (der Grundbesitzer ist jetzt nur noch
der stille Gesellschafter des Kapitalisten), als lebte die
kapitalistische Gesellschaft noch im Stande reinster jungfräulicher
Unschuld, alle ihre Grundsätze {6} noch unentwickelt, alle ihre Selbsttäuschungen noch
unenthüllt, alle ihre prostituierte Wirklichkeit noch nicht bloßgelegt!
Die Kommune, rufen sie aus, will das Eigentum, die Grundlage aller
Zivilisation, abschaffen! Jawohl, meine Herren, die Kommune wollte jenes
Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der vielen in den Reichtum
der wenigen verwandelt. Sie beabsichtigte die Enteignung der Enteigner.
Sie wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie
die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor allem die
Mittel zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in bloße Werkzeuge der
freien und assoziierten Arbeit verwandelt. - |343|
Aber dies ist der Kommunismus, der „unmögliche“ Kommunismus! Nun,
diejenigen Leute aus den herrschenden Klassen, die verständig genug
sind, die Unmöglichkeit der Fortdauer des jetzigen Systems einzusehn
und deren gibt es viele -, haben sich zu zudringlichen und großmäuligen
Aposteln der genossenschaftlichen Produktion aufgeworfen. Wenn aber die
genossenschaftliche Produktion nicht eitel Schein und Schwindel bleiben,
wenn sie das kapitalistische System verdrängen, wenn die Gesamtheit der
Genossenschaften die nationale Produktion nach einem gemeinsamen Plan
regeln, sie damit unter ihre eigne Leitung nehmen und der beständigen
Anarchie und den periodisch wiederkehrenden Konvulsionen, welche das
unvermeidliche Schicksal der kapitalistischen Produktion sind, ein Ende
machen soll - was wäre das andres, meine Herren, als der Kommunismus,
der „mögliche“ Kommunismus?
Die
Arbeiterklasse verlangte keine Wunder von der Kommune. Sie hat keine fix
und fertigen Utopien durch Volksbeschluß einzuführen. Sie weiß, daß,
um ihre eigne Befreiung und mit ihr jene höhre Lebensform
hervorzuarbeiten, der die gegenwärtige Gesellschaft durch ihre eigne ökonomische
Entwicklung unwiderstehlich entgegenstrebt, daß sie, die
Arbeiterklasse, lange Kämpfe, eine ganze Reihe geschichtlicher Prozesse
durchzumachen hat, durch welche die Menschen wie die Umstände gänzlich
umgewandelt werden. Sie hat keine Ideale zu verwirklichen; sie hat nur
die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich
bereits im Schoß der zusammenbrechenden Bourgeoisgesellschaft
entwickelt haben. Im vollen Bewußtsein ihrer geschichtlichen Sendung {7} und mit dem Heldenentschluß, ihrer würdig zu handeln,
kann die Arbeiterklasse sich begnügen, zu lächeln gegenüber den
plumpen Schimpfereien der Lakaien von der Presse wie gegenüber der
lehrhaften Protektion wohlmeinender Bourgeoisdoktrinäre, die ihre
unwissenden Gemeinplätze und Sektierermarotten im Orakelton
wissenschaftlicher Unfehlbarkeit abpredigen.
Als
die Pariser Kommune die Leitung der Revolution in ihre eigne Hand nahm;
als einfache Arbeiter zum erstenmal es wagten, das Regierungsprivilegium
ihrer „natürlichen Obern“, der Besitzenden, anzutasten, und, unter
Umständen von beispielloser Schwierigkeit, ihre Arbeit bescheiden,
gewissenhaft und wirksam verrichteten - sie verrichteten für Gehalte,
deren höchstes kaum ein Fünftel von dem war, was nach einem hohen
wissenschaftlichen Gewährsmann (Professor Huxley) das geringste ist für
einen Sekretär des Londoner Schulrats -, da wand sich die alte Welt in
Wutkrämpfen |344|
beim Anblick der roten Fahne, die, das Symbol der Republik der Arbeit über
dem Stadthause wehte.
Und
doch war dies die erste Revolution, in der die Arbeiterklasse offen
anerkannt wurde als die einzige Klasse, die noch einer
gesellschaftlichen Initiative fähig war; anerkannt selbst durch die große
Masse der Pariser Mittelklasse - Kleinhändler, Handwerker, Kaufleute -,
die reichen Kapitalisten allein ausgenommen. Die Kommune hatte sie
gerettet durch eine weise Erledigung jener immer wiederkehrenden Ursache
des Streits unter der Mittelklasse selbst, der Frage zwischen Schuldnern
und Gläubigern. Derselbe Teil der Mittelklasse hatte sich 1848 bei der
Unterdrückung des Arbeiteraufstandes vom Juni beteiligt; und
unmittelbar darauf war er durch die konstituierende Versammlung ohne
alle Umstände seinen Gläubigern zum Opfer gebracht worden. Aber dies
war nicht der einzige Grund, weswegen er sich jetzt an die Arbeiter
anschloß. Er fühlte, daß es nur noch eine Wahl gab: die Kommune oder
das Kaisertum, gleichviel unter welchem Namen. Das Kaisertum hatte diese
Mittelklasse ökonomisch ruiniert durch seine Verschleuderung des öffentlichen
Reichtums, durch den von ihm großgezognen Finanzschwindel, durch seine
Beihülfe zur künstlich beschleunigten Zentralisation des Kapitals und
die dadurch bedingte Enteignung eines großen Teils dieser Mittelklasse.
Es hatte sie politisch unterdrückt, sie sittlich entrüstet durch seine
Orgien, es hatte ihren Voltairianismus beleidigt durch Überlieferung
der Erziehung ihrer Kinder an die „unwissenden Brüderlein „, es
hatte ihr Nationalgefühl als Franzosen empört, indem es sie kopfüber
in einen Krieg stürzte, der für alle die Verwüstung, die er
anrichtete, nur einen Ersatz ließ - die Vernichtung des Kaisertums. In
der Tat, nach der Auswanderung der hohen bonapartistischen und
kapitalistischen Zigeunerbande aus Paris trat die wahre Ordnungspartei
der Mittelklasse hervor als die „Union républicaine“, stellte sich
unter die Fahne der Kommune und verteidigte sie gegen Thiers'
absichtliche Entstellungen. Ob die Dankbarkeit dieser großen Masse der
Mittelklasse die jetzigen schweren Prüfungen bestehn wird, bleibt
abzuwarten.
Die
Kommune hatte vollständig recht, als sie den Bauern zurief: „Unser
Sieg ist eure Hoffnung!“ Von allen den Lügen, die in Versailles
ausgeheckt und von den ruhmvollen europäischen Preßzuaven
weiterposaunt wurden, war eine der ungeheuerlichsten die, daß die
Krautjunker der Nationalversammlung die Vertreter der französischen
Bauern seien. Man denke sich nur die Liebe des französischen Bauern für
die Leute, denen er, nach 1815, eine Milliarde Entschädigung zahlen mußte!
In den Augen des französischen Bauern ist ja schon die bloße Existenz
eines großen |345|
Grundbesitzers ein Eingriff in seine Eroberungen von 1789. Der Bourgeois
hatte 1848 die Bodenparzelle des Bauern mit der Zuschlagssteuer von 45
Centimen auf den Franken belastet, aber er tat es im Namen der
Revolution; jetzt hatte er einen Bürgerkrieg gegen die Revolution entzündet,
um die Hauptlast der den Preußen bewilligten fünf Milliarden
Kriegsentschädigung den Bauern aufzubürden. Die Kommune dagegen erklärte
gleich in einer ihrer ersten Proklamationen, daß die wirklichen Urheber
des Krieges auch dessen Kosten tragen müßten. Die Kommune würde dem
Bauer die Blutsteuer abgenommen, ihm eine wohlfeile Regierung gegeben
und seine Blutsauger, den Notar, den Advokaten, den Gerichtsvollzieher
und andre gerichtliche Vampire, in besoldete Kommunalbeamte, von ihm
selbst gewählt und ihm verantwortlich, verwandelt haben. Sie würde ihn
befreit haben von der Willkürherrschaft des Flurschützen, des
Gendarmen und des Präfekten; sie würde an Stelle der Verdummung durch
den Pfaffen die Aufklärung durch den Schullehrer gesetzt haben. Und der
französische Bauer ist vor allem ein Mann, der rechnet. Er würde es äußerst
vernünftig gefunden haben, daß die Bezahlung des Pfaffen, statt von
dem Steuereinnehmer eingetrieben zu werden, nur von der freiwilligen Betätigung
des Frömmigkeitstriebs seiner Gemeinde abhängen solle. Dies waren die
großen unmittelbaren Wohltaten, die die Herrschaft der Kommune - und
sie nur - den französischen Bauern in Aussicht stellte. Es ist daher
ganz überflüssig, hier näher einzugehn auf die verwickelteren
wirklichen Lebensfragen, die die Kommune allein fähig und gleichzeitig
gezwungen war, zugunsten des Bauern zu lösen - die Hypothekenschuld,
die wie ein Alp auf seiner Parzelle lastete, das ländliche Proletariat,
das täglich auf ihr heranwuchs, und seine eigne Enteignung von dieser
Parzelle, die mit stets wachsender Geschwindigkeit durch die Entwicklung
der modernen Ackerbauwirtschaft {8} und die Konkurrenz des kapitalistischen Bodenbaus sich
durchsetzte.
Der
französische Bauer hatte Louis Bonaparte zum Präsidenten der Republik
gewählt, aber die Ordnungspartei schuf das zweite Kaisertum. Was der
französische Bauer wirklich bedarf, fing er an, 1849 und 50 zu zeigen,
indem er überall seinen Maire dem Regierungspräfekten, seinen
Schullehrer dem Regierungspfaffen und sich selbst dem
Regierungsgendarmen entgegenstellte. Alle von der Ordnungspartei im
Januar und Februar 1850 erlassenen Gesetze waren eingestandene Zwangsmaßregeln
gegen die Bauern. Der Bauer war Bonapartist, weil die große Revolution,
mit all |346| ihren Vorteilen für ihn, in seinen Augen in Napoleon
verkörpert war. Diese Täuschung, die unter dem zweiten Kaisertum rasch
am Zusammenbrechen war (und sie war ihrer ganzen Natur nach den
Krautjunkern feindlich), dies Vorurteil der Vergangenheit, wie hätte es
bestehn können gegenüber dem Appell der Kommune an die lebendigen
Interessen und dringenden Bedürfnisse der Bauern?
Die
Krautjunker - dies war in der Tat ihre Hauptbefürchtung - wußten, daß
drei Monate freien Verkehrs zwischen dem kommunalen Paris und den
Provinzen einen allgemeinen Bauernaufstand zuwege bringen würden. Daher
ihre ängstliche Eile, Paris mit einer Polizeiblockade zu umgeben und
die Verbreitung der Rinderpest zu hemmen.
Wenn
sonach die Kommune die wahre Vertreterin aller gesunden Elemente der
französischen Gesellschaft war, und daher die wahrhaft nationale
Regierung, so war sie gleichzeitig, als eine Arbeiterregierung, als der
kühne Vorkämpfer der Befreiung der Arbeit, im vollen Sinn des Worts
international. Unter den Augen der preußischen Armee, die zwei französische
Provinzen an Deutschland annexiert hatte, annexierte die Kommune die
Arbeiter der ganzen Welt an Frankreich.
Das
zweite Kaisertum war das Jubelfest der kosmopolitischen Prellerei
gewesen, die Hochstapler aller Länder waren auf seinen Ruf herzugestürzt,
teilzunehmen an seinen Orgien und an der Ausplünderung des französischen
Volks. Selbst in diesem Augenblick noch ist Thiers' rechte Hand Ganesco,
der walachische Lump, und seine linke Hand Markowski, der russische
Spion. Die Kommune ließ alle Fremden zu zu der Ehre, für eine
unsterbliche Sache zu fallen. - Zwischen dem durch ihren Verrat
verlornen auswärtigen Krieg und dem durch ihre Verschwörung mit dem
fremden Eroberer entzündeten Bürgerkrieg hatte die Bourgeoisie Zeit
gefunden, ihren Patriotismus durch die Organisation von Polizeijagden
auf die Deutschen in Frankreich zu betätigen. Die. Kommune machte einen
Deutschen zu ihrem Arbeitsminister |Leo Frankel|. - Thiers, die
Bourgeoisie, das zweite Kaisertum hatten Polen immerfort durch laute
Verheißungen der Teilnahme getäuscht, während sie in Wirklichkeit es
an Rußland verrieten und Rußlands schmutzige Arbeit verrichteten. Die
Kommune ehrte die Heldensöhne Polens, indem sie sie an die Spitze der
Verteidigung von Paris stellte |Jaroslaw Dombrowski und Walery Wróblewski|.
Und, um ganz unverkennbar die neue geschichtliche Ära zu bezeichnen,
die sie einzuleiten sich bewußt war, warf die Kommune, unter den Augen,
hier der siegreichen Preußen, dort der von bonapartistischen Generalen
geführten bonaparti- |347|
stischen Armee, das kolossale Symbol des Kriegsruhms nieder, die Vendôme-Säule.
Die
große soziale Maßregel der Kommune war ihr eignes arbeitendes Dasein.
Ihre besondern Maßregeln konnten nur die Richtung andeuten, in der eine
Regierung des Volks durch das Volk sich bewegt. Dahin gehören die
Abschaffung der Nachtarbeit der Bäckergesellen; das Verbot, bei Strafe,
der bei Arbeitgebern üblichen Praxis, den Lohn herabzudrücken durch
Auferlegung von Geldstrafen auf die Arbeiter unter allerlei Vorwänden -
ein Verfahren, wobei der Arbeitgeber in einer Person Gesetzgeber,
Richter und Vollstrecker ist und obendrein das Geld einsteckt. Eine
andre Maßregel dieser Art war die Auslieferung von allen geschlossenen
Werkstätten und Fabriken an Arbeitergenossenschaften, unter Vorbehalt
der Entschädigung, gleichviel, ob der betreffende Kapitalist geflüchtet
war oder aber vorzog, die Arbeit einzustellen.
Die
finanziellen Maßregeln der Kommune, ausgezeichnet durch ihre Einsicht
und Mäßigung, konnten sich nur auf solche beschränken, die mit der
Lage einer belagerten Stadt verträglich waren. In Anbetracht der
ungeheuren Diebstähle, begangen an der Stadt Paris durch die großen
Finanzkompanien und Bauunternehmer unter Haussmanns Herrschaft, hätte
die Kommune ein weit größeres Recht gehabt, ihr Eigentum zu
konfiszieren, als Louis Bonaparte das der Familie Orléans. Die
Hohenzollern und die englischen Oligarchen, die beide ein gutes Stück
ihrer Besitzungen von geraubtem Kircheneigentum herleiten, waren natürlich
höchst entrüstet über die Kommune, die aus der Säkularisation nur
8.000 Franken profitierte. Während die Versailler Regierung, sobald sie
wieder zu etwas Mut und Stärke gekommen, die gewaltsamsten Mittel gegen
die Kommune anwandte; während sie die freie Meinungsäußerung über
ganz Frankreich unterdrückte und sogar Versammlungen von Delegierten
der großen Städte verbot; während sie Versailles und das übrige
Frankreich einer Spionage, weit schlimmer als die des zweiten
Kaisertums, unterwarf; während sie durch ihre Gendarmen-Inquisitoren
alle in Paris gedruckten Zeitungen verbrannte und alle Briefe von und
nach Paris erbrach; während in der Nationalversammlung die
furchtsamsten Versuche, ein Wort für Paris zu verlautbaren,
niedergeheult wurden in einer, selbst in der Junkerkammer von 1816 unerhörten
Weise; während der blutdürstigen Kriegführung der Versailler außerhalb
und ihrer Versuche der Bestechung und Verschwörung innerhalb Paris - hätte
da die Kommune nicht ihre Stellung schmählich verraten, wenn sie alle
Anstandsformen des Liberalismus, wie im tiefsten Frieden, beobachtet hätte?
Wäre die Regierung der Kommune der des Herrn Thiers verwandt |348|
gewesen, es wäre ebensowenig Veranlassung dagewesen, Ordnungsparteiblätter
in Paris wie Kommunalblätter in Versailles zu unterdrücken.
Es
war in der Tat ärgerlich für die Krautjunker, daß gerade um die Zeit,
wo sie die Rückkehr zur Kirche als einziges Mittel zur Rettung
Frankreichs erklärten, die ungläubige Kommune die eigentümlichen
Geheimnisse des Nonnenklosters Picpus und der Kirche St. Laurent
aufdeckte. Es war eine Satire auf Thiers, daß, während er Großkreuze
auf die bonapartistischen Generale regnen ließ für ihre Meisterschaft
im Schlachtenverlieren, Kapitulationsunterzeichnen und Wilhelmshöher
Zigarettendrehen, die Kommune ihre Generale absetzte und verhaftete,
sobald sie der Vernachlässigung ihres Dienstes verdächtig waren. Die
Ausstoßung und Verhaftung eines Mitgliedes |Blanchet|, das sich unter
falschem Namen eingeschlichen und früher in Lyon sechs Tage Gefängnis
wegen einfachen Bankerotts erlitten hatte - war sie nicht eine
vorbedachte Beleidigung, ins Gesicht geschleudert dem Fälscher Jules
Favre, damals noch immer auswärtiger Minister Frankreichs, noch immer
Frankreich verkaufend an Bismarck, noch immer Befehle diktierend jener
unvergleichlichen belgischen Regierung? Aber in der Tat, die Kommune
machte keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit, wie dies alle die alten
Regierungen ohne Ausnahme tun. Sie veröffentlichte alle Reden und
Handlungen, sie weihte das Publikum ein in alle ihre Unvollkommenheiten.
In
jeder Revolution drängen sich, neben ihren wirklichen Vertretern, Leute
andern Gepräges vor. Einige sind die Überlebenden früherer
Revolutionen, mit denen sie verwachsen sind; ohne Einsicht in die gegenwärtige
Bewegung, aber noch im Besitz großen Einflusses auf das Volk durch
ihren bekannten Mut und Charakter oder auch durch bloße Tradition.
Andre sind bloße Schreier, die, jahrelang dieselben ständigen
Deklamationen gegen die Regierung des Tages wiederholend, sich in den
Ruf von Revolutionären des reinsten Wassers eingeschlichen haben. Auch
nach dem 18. März kamen solche Leute zum Vorschein und spielten sogar
in einigen Fällen eine hervorragende Rolle. Soweit ihre Macht ging,
hemmten sie die wirkliche Aktion der Arbeiterklasse, wie sie die volle
Entwicklung jeder frühern Revolution gehemmt haben. Sie sind ein
unvermeidliches Übel; mit der Zeit schüttelt man sie ab; aber gerade
diese Zeit wurde der Kommune nicht gelassen. Wunderbar in der Tat war
die Verwandlung, die die Kommune an Paris vollzogen hatte! Keine Spur
mehr von dem buhlerischen Paris des zweiten Kaisertums. Paris war nicht
länger der Sammelplatz von britischen Grundbesitzern, irischen
Absentees, amerikanischen Ex-Sklavenhaltern und |349|
Emporkömmlingen, russischen Ex-Leibeignenbesitzern und walachischen
Bojaren. Keine Leichen mehr in der Morgue, keine nächtlichen Einbrüche
und fast keine Diebstähle mehr; seit den Februartagen von 1848 waren
die Straßen von Paris wirklich einmal wieder sicher, und das ohne
irgendwelche Polizei.
„Wir“,
sagte ein Mitglied der Kommune, „wir hören jetzt nichts mehr von
Mord, Raub und Tätlichkeiten gegen Personen: es scheint in der Tat, als
ob die Polizei alle ihre konservativen Freunde mit nach Versailles
geschleppt habe.“
Die
Kokotten hatten die Fährte ihrer Beschützer wiedergefunden - der flüchtigen
Männer der Familie, der Religion und vor allem des Eigentums. An ihrer
Stelle kamen die wirklichen Weiber von Paris wieder an die Oberfläche -
heroisch, hochherzig und aufopfernd wie die Weiber des Altertums. Paris,
arbeitend, denkend, kämpfend, blutend, über seiner Vorbereitung einer
neuen Gesellschaft fast vergessend der Kannibalen vor seinen Toren,
strahlend in der Begeisterung seiner geschichtlichen Initiative!
Und
nun, gegenüber dieser neuen Welt in Paris, siehe da die alte Welt in
Versailles - diese Versammlung der Ghuls aller verstorbnen Regimes,
Legitimisten und Orleanisten, gierig, vom Leichnam der Nation zu zehren
- mit einem Schwanz vorsintflutlicher Republikaner, die durch ihre
Gegenwart in der Versammlung der Sklavenhalter-Rebellion zustimmten, die
die Erhaltung ihrer parlamentarischen Republik von der Eitelkeit des
bejahrten Pickelhärings an der Spitze der Regierung erhofften und 1789
karikierten durch Abhaltung ihrer gespensterhaften Versammlungen im Jeu
de Paume (Ballspielhaus, wo die Nationalversammlung von 1789 ihre berühmten
Beschlüsse faßte). Da war sie, diese Versammlung, die Vertreterin von
allem, was abgestorben war in Frankreich, aufgestützt zur Positur
scheinbaren Lebens durch nichts als die Säbel der Generale von Louis
Bonaparte. Paris ganz Wahrheit, Versailles ganz Lüge, und diese Lüge
losgelassen durch den Mund Thiers'.
Thiers
sagt einer Deputation der Bürgermeister des Seine und Oise-Departements:
„Sie
können sich auf mein Wort verlassen, das ich nie gebrochen
habe!“
Der
Versammlung selbst sagte er, sie sei „die freiestgewählte und
liberalste Versammlung, die Frankreich je besessen“; seiner
buntgemischten Soldateska, sie sei „die Bewunderung der Welt und die
schönste Armee, die Frankreich je gehabt“; den Provinzen, das
Bombardement von Paris sei ein Märchen:
|350|
„Wenn einige Kanonenschüsse gefallen sind, so geschah das nicht durch
die Versailler Armee, sondern durch einige Insurgenten, die glauben
machen wollen, sie schlügen sich, wo sie sich doch nirgends zu zeigen
wagen.“
Dann
wieder sagt er den Provinzen:
„Die
Artillerie von Versailles bombardiert Paris nicht, sie kanoniert es bloß.“
Dem
Erzbischof von Paris sagt er, die den Versailler Truppen nach erzählten
Erschießungen und Repressalien(!) seien lauter Lügen. Er verkündet an
Paris, er beabsichtigte nur, „es von den scheußlichen Tyrannen zu
befreien, die es bedrücken“, und das Paris der Kommune sei in der Tat
„nur eine Handvoll Verbrecher“.
Das
Paris des Thiers war nicht das wirkliche Paris der „schoflen Menge“,
sondern ein Phantasie-Paris, das Paris der Francs-fileurs, das Paris der
Boulevards, männlich wie weiblich, das reiche, das kapitalistische, das
vergoldete, das faulenzende Paris, das sich jetzt mit seinen Lakaien,
seinen Hochstaplern, seiner literarischen Zigeunerbande und seinen
Kokotten in Versailles, Saint-Denis, Rueil und Saint-Germain drängte; für
das der Bürgerkrieg nur ein angenehmes Zwischenspiel war; das den Kampf
durchs Fernglas betrachtete, die Kanonenschüsse zählte und bei seiner
eignen Ehre und der seiner Huren schwor, das Schauspiel sei unendlich
besser arrangiert, als es im Theater der Porte Saint-Martin je gewesen.
Die Gefallnen waren wirklich tot, das Geschrei der Verwundeten war kein
bloßer Schein; und dann, wie welthistorisch war nicht die ganze Sache!
Dies
ist das Paris des Herrn Thiers, ganz wie die Emigration von Koblenz das
Frankreich des Herrn von Calonne war.
IV
Der
erste Versuch der Sklavenhalterverschwörung zur Unterwerfung von Paris,
wonach die Preußen es besetzen sollten, scheiterte an Bismarcks
Weigerung. Der zweite Versuch, am 18. März, endigte mit der Niederlage
der Armee und der Flucht der Regierung nach Versailles, wohin ihr die
gesamte Verwaltungsmaschinerie folgen mußte. Durch Vorspieglung von
Friedensunterhandlungen mit Paris gewann Thiers jetzt die Zeit, den
Krieg gegen Paris vorzubereiten. Aber woher eine Armee nehmen? Die Überbleibsel
der Linienregimenter waren schwach an Zahl und unsicher von Stimmung.
Seine dringenden Anrufe an die Provinzen, Versailles mit ihren
Nationalgarden und Freiwilligen zu Hülfe zu eilen, stießen auf offne
Weige- |351|
rung. Nur die Bretagne sandte eine Handvoll Chouans, die unter der weißen
Fahne fochten, jeder mit dem Herzen Jesu in weißem Linnen auf der
Brust, und deren Schlachtruf war: Vive le Roi! (Es lebe der König!)
Thiers blieb also darauf angewiesen, in aller Eile eine buntscheckige
Bande zusammenzutrommeln, Matrosen, Seesoldaten, päpstliche Zuaven,
Valentins Gendarmen, Piétris Stadtsergeanten und Mouchards (Spitzel).
Diese Armee wäre jedoch bis zur Lächerlichkeit ungenügend gewesen
ohne die nach und nach eintreffenden imperialistischen Kriegsgefangnen,
die Bismarck in Abschlagszahlungen losließ, hinreichend einerseits, den
Bürgerkrieg in Gang und andrerseits Versailles in kriechender Abhängigkeit
von Preußen zu halten. Im Verlauf dieses Kriegs selbst hatte die
Versailler Polizei der Versailler Armee aufzupassen, während die
Gendarmen diese Armee mit sich fortreißen mußten, indem sie sich überall
an den gefährlichsten Posten zuerst aussetzten. Die Forts, welche
fielen, wurden nicht genommen, sondern gekauft. Der Heldenmut der
Kommunalisten überzeugte Thiers, daß der Widerstand vor Paris nicht
durch sein eignes strategisches Genie und die ihm verfügbaren Bajonette
zu brechen war.
Gleichzeitig
wurden seine Beziehungen zu den Provinzen immer schwieriger. Nicht eine
einzige Billigungsadresse lief ein, um Thiers und seine Krautjunker
aufzuheitern. Ganz im Gegenteil. Deputationen und Adressen strömten ein
von allen Seiten und verlangten, in einem keineswegs achtungsvollen Ton,
Versöhnung mit Paris auf Grundlage der unzweideutigen Anerkennung der
Republik, der Bestätigung der kommunalen Freiheiten und der Auflösung
der Nationalversammlung, deren Mandat erloschen sei. In solchen Massen
kamen sie an, daß Dufaure, Thiers' Justizminister, den Staatsanwälten
in einem Zirkular vom 23. April befahl, „den Ruf nach Versöhnung“
als ein Verbrechen zu behandeln! Im Hinblick jedoch auf die
hoffnungslose Aussicht, die ihm sein Feldzug eröffnete, beschloß
Thiers, seine Taktik zu ändern, und schrieb für das ganze Land
Gemeinderatswahlen für den 30. April aus, auf Grund der neuen, von ihm
der Nationalversammlung diktierten Gemeindeordnung. Mit den Intrigen
seiner Präfekten hier, mit der Einschüchterung seiner Polizei dort,
erwartete er ganz zuversichtlich, durch den Wahrspruch der Provinzen der
Nationalversammlung die moralische Macht zu geben, die sie nie besessen
hatte, und von den Provinzen die materielle Macht zu erhalten, deren er
zur Besiegung von Paris bedurfte.
Seinen
Räuberkrieg gegen Paris, verherrlicht in seinen eignen Bulletins, und
die Versuche seiner Minister, in ganz Frankreich eine neue
Schreckensherrschaft zu errichten, hatte Thiers gleich von Anfang für nötig
gehalten, |352|
durch eine kleine Versöhnungskomödie zu ergänzen, die mehr als einem
Zwecke dienen sollte. Sie sollte die Provinzen hinters Licht führen,
die Mittelklasse in Paris anlocken und vor allem den angeblichen
Republikanern der Nationalversammlung die Gelegenheit geben, ihren
Verrat gegen Paris hinter ihrem Glauben an Thiers zu verbergen. Am 21. März,
als er noch keine Armee besaß, hatte er der Versammlung erklärt:
„Komme
was da will, ich werde keine Armee nach Paris schicken.“
Am
27. März erhob er sich wieder:
„Ich
habe die Republik als vollendete Tatsache vorgefunden, und ich bin fest
entschlossen, sie aufrechtzuerhalten.“
In
Wirklichkeit unterdrückte er die Revolution in Lyon und Marseille im
Namen der Republik, während das Gebrüll seiner Krautjunker die bloße
Erwähnung ihres Namens in Versailles niederheulte. Nach dieser
Heldentat milderte er die vollendete Tatsache herab zu einer
vorausgesetzten Tatsache. Die Orléansprinzen, die er vorsichtig aus
Bordeaux wegbeschieden hatte, durften jetzt, in offnem Gesetzesbruch,
frei in Dreux intrigieren. Die Zugeständnisse, die Thiers in seinen
endlosen Zusammenkünften mit den Delegierten von Paris und den
Provinzen in Aussicht stellte - so sehr sie auch fortwährend in Ton und
Färbung wechselten -, liefen schließlich immer darauf hinaus, daß
seine Rache sich voraussichtlich auf die „Handvoll Verbrecher,
beteiligt beim Morde von Clément Thomas und Lecomte“ beschränken
solle, unter der wohlverstandnen Bedingung, daß Paris und Frankreich
den Herrn Thiers selbst rückhaltlos als die beste der Republiken
anerkennen sollte, grade wie er 1830 mit Louis-Philippe getan. Und
selbst die Zugeständnisse - nicht nur, daß er Sorge trug, sie
zweifelhaft zu machen durch die offiziellen Erläuterungen, die seine
Minister in der Nationalversammlung dazu machten; nein, er hatte auch
seinen Dufaure zum Handeln. Dufaure, dieser alte orleanistische Advokat,
war jederzeit der Oberrichter des Belagerungszustands gewesen, wie
jetzt, 1871, unter Thiers, so 1839 unter Louis-Philippe und 1849 unter
Louis Bonapartes Präsidentschaft. Wenn er nicht Minister war,
bereicherte er sich, indem er für die Pariser Kapitalisten plädierte,
und machte politisches Kapital, indem er gegen die von ihm selbst eingeführten
Gesetze plädierte. Jetzt, nicht zufrieden, eine Reihe Unterdrückungsgesetze
durch die Nationalversammlung zu hetzen, die, nach dem Fall von Paris,
die letzten Reste republikanischer Freiheit in Paris ausrotten sollten -
deutete er selbst das Geschick von Paris im voraus an, indem er die, ihm
noch zu langwierige, Verfahrungsweise der Kriegsgerichte abkürzte und
ein neugebacknes drakonisches |353|
Deportationsgesetz einbrachte. Die Revolution von 1848, welche die
Todesstrafe für politische Verbrecher abschaffte, hatte sie durch
Deportation ersetzt. Louis-Napoleon wagte nicht, die Herrschaft der
Guillotine wiederherzustellen, wenigstens nicht offen ausgesprochen. Die
Junkerversammlung, noch nicht kühn genug, selbst nur anzudeuten, daß
die Pariser nicht Rebellen, sondern Mörder seien, mußte deshalb ihre
vorweggenommene Rache gegen Paris auf Dufaures neues Deportationsgesetz
beschränken. Unter allen diesen Umständen würde Thiers seine Versöhnungskomödie
unmöglich so lange fortgespielt haben, hätte sie nicht, was er gerade
wollte, das Wutgeschrei der Krautjunker hervorgerufen, deren wiederkäuender
Verstand weder das Spiel verstand noch die Notwendigkeit seiner
Heuchelei, Falschheit und Hinhaltung.
Angesichts
der bevorstehenden Gemeinderatswahlen vom 30. April, führte Thiers am
27. eine seiner großen Versöhnungsszenen auf. Mitten in einer Flut
sentimentalen Redeergusses rief er von der Tribüne der
Nationalversammlung aus:
„Die
einzige Verschwörung gegen die Republik, die es gibt, ist die von
Paris, die uns zwingt, französisches Blut zu vergießen. Ich wiederhole
es aber und abermals: Laßt diese ruchlosen Waffen fallen aus den Händen
derer, die sie führen, und die Strafe wird augenblicklich aufgehalten
werden durch einen Friedensakt, der nur die kleine Zahl der Verbrecher
ausschließt.“
Den
heftigen Unterbrechungen der Krautjunker antwortete er:
„Sagen
Sie mir, meine Herren, ich bitte Sie inständigst, habe ich unrecht? Tut
es Ihnen wirklich leid, daß ich die Wahrheit sagen konnte, daß der
Verbrecher nur eine Handvoll sind? Ist es nicht ein Glück inmitten all
unsres Unglücks, daß die Leute, die fähig waren, das Blut von Clément
Thomas und General Lecomte zu vergießen, nur seltne Ausnahmen
bilden?“
Frankreich
jedoch hatte nur taube Ohren für Thiers' Reden, in denen er sich
schmeichelte, einen parlamentarischen Sirenensang geleistet zu haben.
Aus allen den 700.000 Gemeinderäten, gewählt in den 35.000 noch bei
Frankreich gebliebenen Gemeinden, setzten die vereinigten Legitimisten,
Orleanisten und Bonapartisten nicht 8.000 durch. Die nachfolgenden Nach-
und Stichwahlen fielen noch feindseliger aus. Die Nationalversammlung,
statt von den Provinzen die so sehr benötigte materielle Macht zu
erhalten, verlor selbst den letzten Anspruch auf moralische Macht: den,
der Ausdruck des allgemeinen Stimmrechts von Frankreich zu sein. Und um
die Niederlage zu vollenden, bedrohten die neugewählten Gemeinderäte
aller französischen Städte die usurpatorische Versammlung von
Versailles mit einer Gegenversammlung in Bordeaux.
|354|
Damit war der lang erwartete Augenblick zum entscheidenden Auftreten für
Bismarck gekommen. Er befahl Thiers im Herrscherton, unverzüglich
Bevollmächtigte für den endgültigen Friedensschluß nach Frankfurt zu
senden. In demütigem Gehorsam gegen den Ruf seines Herrn und Meisters
beeilte sich Thiers, seinen bewährten Jules Favre, unterstützt von
Pouyer-Quertier, abzuschicken. Pouyer-Quertier, ein „hervorragender“
Baumwollspinner von Rouen, ein glühender und selbst serviler Anhänger
des zweiten Kaisertums, hatte an diesem nie etwas Unrechtes entdeckt, außer
dem Handelsvertrag mit England, der seinem eignen Fabrikanteninteresse
schadete. Kaum in Bordeaux zum Finanzminister von Thiers eingesetzt,
klagte er auch schon diesen „unheiligen“ Vertrag an, machte
Andeutungen, daß er bald abgeschafft werde, und hatte sogar die
Unverschämtheit, wenn auch umsonst (da er seine Rechnung ohne Bismarck
gemacht hatte), die sofortige Wiedereinführung der alten Schutzzölle
gegen das Elsaß zu versuchen, wo, wie er sagte, dem keine noch gültigen
internationalen Verträge im Wege stünden. Dieser Mann, der die
Kontrerevolution als ein Mittel ansah, um den Arbeitslohn in Rouen
herunterzudrücken, und die Abtretung französischer Provinzen als ein
Mittel, den Preis seiner Waren in Frankreich heraufzuschrauben - war er
nicht schon im voraus angezeigt als der würdige Genosse Jules Favres,
in seinem letzten, sein ganzes Werk krönenden Verrat?
Als
dies fürtreffliche Paar von Bevollmächtigten nach Frankfurt kam,
schnauzte Bismarck sie alsbald mit dem Kommando an: Entweder
Wiederherstellung des Kaisertums, oder unweigerliche Annahme meiner
eignen Friedensbedingungen! Diese Bedingungen enthielten eine Abkürzung
der Zahlungsfristen für die Kriegsentschädigung, nebst fortdauernder
Besetzung der Pariser Forts durch preußische Truppen, bis Bismarck mit
dem Stand der Dinge in Frankreich sich zufrieden erkläre - so daß Preußen
als höchster Schiedsrichter in den innern Angelegenheiten Frankreichs
anerkannt wurde! Dagegen war er bereit, zur Ausrottung von Paris die
gefangne bonapartistische Armee loszulassen und ihnen die direkte
Unterstützung der Truppen des Kaisers Wilhelm zu leihen. Er verbürgte
seine Ehrlichkeit dadurch, daß er die Zahlung der ersten Entschädigungsrate
von der „Pazifikation“ von Paris abhängig machte. Solch ein Köder
wurde natürlich von Thiers und seinen Bevollmächtigten gierig
verschlungen. Sie unterschrieben den Vertrag am 10. Mai und besorgten
seine Bestätigung durch die Nationalversammlung schon am 18.
In
der Zwischenzeit, vom Friedensschluß bis zur Ankunft der
bonapartistischen Gefangenen, fühlte sich Thiers um so mehr
verpflichtet, seine |355|
Versöhnungskomödie wiederaufzunehmen, als seine republikanischen
Handlanger in äußerster Bedrängnis waren wegen eines Vorwands, um bei
den Vorbereitungen zum Pariser Blutbad ein Auge zuzudrücken. Noch am 3.
Mai antwortete er einer Deputation von versöhnlichen Mittelbürgern:
„Sobald
die Insurgenten sich zur Kapitulation entschließen, sollen die Tore von
Paris eine Woche lang weit geöffnet werden für alle, außer den Mördern
der Generale Clément Thomas und Lecomte.“
Einige
Tage nachher, heftig von den Krautjunkern wegen dieser Zusage zur Rede
gestellt, weigerte er alle Auskunft, fügte aber diesen bezeichnenden
Wink hinzu:
„Ich
sage Ihnen, es gibt Ungeduldige unter Ihnen, die zu viel Eile haben.
Diese müssen noch acht Tage warten; am Ende dieser acht Tage wird keine
Gefahr mehr sein, und die Aufgabe wird dann ihrem Mut und ihren Fähigkeiten
entsprechen.“
Sobald
Mac-Mahon imstande war, zu versprechen, daß er bald in Paris einrücken
könne, erklärte Thiers der Nationalversammlung, er
„werde
in Paris einziehen mit dem Gesetz in der Hand und volle Sühne
verlangen von den Elenden, die das Leben von Soldaten geopfert und öffentliche
Denkmäler zerstört hätten“.
Als
der Augenblick der Entscheidung heranrückte, sagte er zur
Nationalversammlung: „Ich werde ohne Barmherzigkeit sein“; zu Paris,
sein Urteil sei gesprochen; und zu seinen bonapartistischen Banditen,
sie hätten Staatserlaubnis, an Paris ihre Rache nach Herzenslust auszuüben.
Endlich, als am 21. Mai der Verrat dem General Douay die Tore von Paris
geöffnet hatte, enthüllte Thiers, am 22., seinen Krautjunkern das
„Ziel“ seiner Versöhnlichkeitskomödie, die sie so hartnäckig mißverstanden
hatten.
„Ich
habe Ihnen vor einigen Tagen gesagt, wir näherten uns dem Ziele; heute
komme ich Ihnen zu sagen - das Ziel ist erreicht. Der Sieg der Ordnung,
Gerechtigkeit und Zivilisation ist endlich gewonnen.“
Und
das war er. Die Zivilisation und Gerechtigkeit der Bourgeoisordnung
tritt hervor in ihrem wahren, gewitterschwangern Licht, sobald die
Sklaven in dieser Ordnung sich gegen ihre Herren empören. Dann stellt
sich diese Zivilisation und Gerechtigkeit dar als unverhüllte Wildheit
und gesetzlose Rache. Jede neue Krisis im Klassenkampf zwischen dem
Aneigner und dem Hervorbringer des Reichtums bringt diese Tatsache
greller zum Vorschein. Selbst die Scheußlichkeiten der Bourgeois vom
Juni 1848 verschwinden vor der unsagbaren Niedertracht von 1871. Der
selbstopfernde |356|
Heldenmut, womit das Pariser Volk - Männer, Weiber und Kinder - acht
Tage lang nach dem Einrücken der Versailler fortkämpften, strahlt
ebensosehr zurück die Größe ihrer Sache, wie die höllischen Taten
der Soldateska zurückstrahlen den eingebornen Geist jener Zivilisation,
deren gemietete Vorkämpfer und Rächer sie sind. Eine ruhmvolle
Zivilisation in der Tat, deren Lebensfrage darin besteht: wie die Haufen
von Leichen loswerden, die sie mordete, nachdem der Kampf vorüber war!
Um
ein Seitenstück zu finden für das Benehmen des Thiers und seiner
Bluthunde, müssen wir zurückgehn zu den Zeiten des Sulla und der
beiden römischen Triumvirate. Dieselbe massenweise Schlächterei bei
kaltem Blut; dieselbe Mißachtung, beim Morden, von Alter und
Geschlecht; dasselbe System, Gefangne zu martern; dieselben Ächtungen,
aber diesmal gegen eine ganze Klasse; dieselbe wilde Jagd nach den
versteckten Führern, damit auch nicht einer entkomme; dieselbe
Angeberei gegen politische und Privatfeinde; dieselbe Gleichgültigkeit
bei der Niedermetzlung von dem Kampf ganz fremden Leuten. Nur der eine
Unterschied ist da, daß die Römer noch keine Mitrailleusen hatten, um
die Geächteten schockweise abzutun, und daß sie nicht „in ihren Händen
das Gesetz“ trugen, noch auf ihren Lippen den Ruf der
„Zivilisation“.
Und
nach diesen Schandtaten, seht jetzt auf die andre, noch ekelhaftere
Seite dieser Bourgeoiszivilisation, beschrieben durch ihre eigne Presse!
„Während“,
schreibt der Pariser Korrespondent eines Londoner Tory-Blattes, „während
noch einzelne Schüsse in der Ferne ertönen und unverpflegte Verwundete
zwischen den Grabsteinen des Père-Lachaise verenden, während 6.000
erschreckte Insurgenten im Todeskampf der Verzweiflung in den Irrgängen
der Katakomben sich verloren haben und man Unglückliche noch durch die
Straßen treiben sieht, um von den Mitrailleusen schockweise
niedergeschossen zu werden - ist es empörend, die Cafés gefüllt zu
sehn mit Absinthtrinkern, Billard- und Dominospielern; zu sehn, wie
weibliche Verworfenheit sich auf den Boulevards breitmacht, und zu hören,
wie der laute Schall der Schwelgerei aus den Privatzimmerchen vornehmer
Restaurants die Nachtruhe stört.“
Herr
Edouard Hervé schreibt im „Journal de Paris“, einem von der Kommune
unterdrückten versaillistischen Journal:
„Die
Art, wie die Pariser Bevölkerung (!) gestern ihre Befriedigung an den
Tag legte, war in der Tat mehr als frivol, und wir fürchten, das wird
mit der Zeit schlimmer werden. Paris hat jetzt ein festliches Aussehn,
das wahrlich nicht am Platze ist, und falls wir nicht die 'Pariser des
Verfalls' genannt zu werden wünschen, muß dem ein Ende gemacht
werden.“
Und
dann zitiert er die Stelle des Tacitus:
|357|
„Und doch, den Morgen nach jenem schrecklichen Kampf, und selbst ehe
er vollständig ausgefochten war, begann Rom, erniedrigt und verderbt,
von neuem sich zu wälzen in jenem Sumpf der Wollust, der seinen Leib
zerstörte und seine Seele befleckte - alibi proelia et vulnera, alibi
balneae popinaeque (hier Kämpfe und Wunden, dort Bäder und
Restaurants.)“
Herr
Hervé vergißt nur, daß die „Pariser Bevölkerung“, von der er
spricht, nur die Bevölkerung des Paris von Thiers ist, die
Francs-fileurs, die haufenweise von Versailles, Saint-Denis, Rueil und
Saint-Germain zurückkehren, in der Tat das „Paris des Verfalls“.
In
jedem ihrer blutigen Triumphe über die selbstopfernden Vorkämpfer
einer neuen und bessern Gesellschaft übertäubt diese, auf die
Knechtung der Arbeit gegründete, schmähliche Zivilisation das Geschrei
ihrer Schlachtopfer durch einen Hetzruf der Verleumdung, den ein
weltweites Echo widerhallt. Das heitere Arbeiter-Paris der Kommune
verwandelt sich plötzlich, unter den Händen der Bluthunde der
„Ordnung“, in ein Pandämonium. Und was beweist diese ungeheure
Verwandlung dem Bourgeoisverstand aller Länder? Nichts, als daß die
Kommune sich gegen die Zivilisation verschworen hat! Das Pariser Volk
opfert sich begeistert für die Kommune; die Zahl seiner Toten ist
unerreicht in irgendeiner früheren Schlacht. Was beweist das? Nichts,
als daß die Kommune nicht des Volks eigne Regierung, sondern die
Gewalthandlung einer Handvoll Verbrecher war! Die Weiber von Paris geben
freudig ihr Leben hin, an den Barrikaden wie auf dem Richtplatz. Was
beweist das? Nichts, als daß der Dämon der Kommune sie in Megären und
Hekaten verwandelt hat! Die Mäßigung der Kommune, während
zweimonatlicher unbestrittner Herrschaft, findet ihresgleichen nur in
dem Heldenmut ihrer Verteidigung. Was beweist das? Nichts, als daß die
Kommune zwei Monate lang, unter der Maske der Mäßigung und
Menschlichkeit, den Blutdurst ihrer teuflischen Gelüste sorgfältig
verbarg, um sie in der Stunde ihres Todeskampfs loszulassen!
Das
Paris der Arbeiter hat im Akt seiner heroischen Selbstopferung Gebäude
und Monumente mit in die Flammen gezogen. Wenn die Beherrscher des
Proletariats seinen lebendigen Leib in Stücke reißen, dürfen sie
nicht länger darauf rechnen, triumphierend in die unangetasteten Mauern
ihrer Wohnsitze wieder einzuziehn. Die Versailler Regierung schreit:
Brandstiftung! und flüstert dies Stichwort allen ihren Handlangern zu
bis ins entfernteste Dorf, auf ihre Gegner überall Jagd zu machen als
der gewerbsmäßigen Brandstiftung verdächtig. Die Bourgeoisie der
ganzen Welt sieht der Massenschlächterei nach der Schlacht
wohlgefällig zu, aber sie entsetzt sich über die Entweihung von Dach
und Fach!
|358|
Wenn Regierungen ihren Kriegsflotten Staatsfreibrief geben, „zu töten,
zu verbrennen und zu zerstören“, ist das ein Freibrief für
Brandstiftung? Als die britischen Truppen mutwillig das Kapitol in
Washington und den Sommerpalast des Kaisers von China verbrannten, war
das Brandstiftung?{9} Als Thiers sechs Wochen lang Paris bombardierte, unter dem
Vorwand, daß er bloß solche Häuser anzünden wollte, in denen Leute
seien, war das Brandstiftung? - Im Krieg ist Feuer eine vollständig
rechtmäßige Waffe. Gebäude, vom Feinde besetzt, bombardiert man, um
sie anzuzünden. Müssen die Verteidiger sie verlassen, so stecken sie
selber sie in Brand, damit die Angreifer sich nicht darin festsetzen können.
Niedergebrannt zu werden, war stets das unvermeidliche Schicksal aller
in der Schlachtfront aller regelmäßigen Armeen der Welt gelegnen Gebäude.
Aber im Krieg der Geknechteten gegen ihre Unterdrücker, dem einzig
rechtmäßigen Krieg in der Geschichte, da soll dies beileibe nicht
gelten! Die Kommune hat das Feuer im strengsten Sinne des Worts, als
Verteidigungsmittel gebraucht. Sie wandte es an, um den Versailler
Truppen jene langen graden Straßen zu versperren, die Haussmann
absichtlich dem Artilleriefeuer offengelegt hatte; sie wandte es an, um
ihren Rückzug zu decken, grade wie die Versailler in ihrem Vordringen
ihre Granaten anwandten, die mindestens ebensoviel Häuser zerstörten
wie das Feuer der Kommune. Noch jetzt ist es streitig, welche Gebäude
durch die Verteidiger und welche durch die Angreifer angezündet wurden.
Und die Verteidiger nahmen Zuflucht zum Feuer erst dann, als die
Versailler Truppen bereits mit ihrem Massenabmorden der Gefangnen
begonnen hatten. - Zudem hatte die Kommune längst vorher öffentlich
angekündigt, daß, wenn zum äußersten getrieben sie sich unter den Trümmern
von Paris begraben und aus Paris ein zweites Moskau machen werde, wie
die Verteidigungsregierung, freilich nur als Deckmantel ihres Verrats,
dies ebenfalls versprochen hatte. Grade für diesen Zweck hatte Trochu
das nötige Petroleum herbeigeschafft. Die Kommune wußte, daß ihren
Gegnern nichts lag am Leben des Pariser Volks, aber sehr viel an ihren
eignen Pariser Gebäuden. Und Thiers, seinerseits, hatte erklärt, er
werde in seiner Rache unerbittlich sein. Sobald er erst seine Armee
schlagfertig hatte auf der einen Seite, und auf der andern die Preußen
den Ausgang absperrten, rief er aus: „Ich werde erbarmungslos sein!
Die Buße wird vollständig sein, die Justiz streng.“ Wenn die Taten
der Pariser Arbeiter Vandalismus waren, so waren sie der Vandalismus der
|359|
verzweifelnden Verteidigung, nicht der Vandalismus des Triumphs, wie
der, dessen die Christen sich schuldig machten an den wirklich unschätzbaren
Kunstwerken des heidnischen Altertums; und selbst dieser Vandalismus ist
vom Geschichtsschreiber gerechtfertigt worden als ein unumgängliches
und verhältnismäßig unbedeutendes Moment in dem Riesenkampf zwischen
einer neuen, emporkommenden und einer alten, zusammenbrechenden
Gesellschaft. Noch weniger war es der Vandalismus Haussmanns, der das
historische Paris wegfegte, um dem Paris des Bummlers Platz zu schaffen.
Aber
die Hinrichtung der vierundsechzig Geiseln, voran der Erzbischof von
Paris, durch die Kommune! - Die Bourgeoisie und ihre Armee hatten im
Juni 1848 eine längst aus der Kriegführung verschwundene Sitte
wiedereingeführt - das Erschießen ihrer wehrlosen Gefangnen. Diese
brutale Sitte ist seitdem mehr oder weniger angewandt worden bei jeder
Unterdrückung eines Volksaufstandes in Europa und Indien, womit
bewiesen ist, daß sie ein wirklicher „Fortschritt der Zivilisation“
war! Andrerseits hatten die Preußen in Frankreich die Sitte wieder ins
Leben gerufen, Geiseln zu nehmen - unschuldige Leute, die ihnen mit
ihrem Leben für die Handlungen andrer hafteten. Als Thiers, wie wir
sahn, schon vom Anfang des Kampfes an die menschliche Sitte des Erschießens
der kommunalistischen Gefangnen in Kraft setzte, blieb der Kommune
nichts übrig, zum Schutz des Lebens dieser Gefangnen, als zur preußischen
Sitte des Geiselngreifens ihre Zuflucht zu nehmen. Das Leben der Geiseln
war aber und abermals verwirkt durch das anhaltende Erschießen von
Gefangnen durch die Versailler. Wie konnte man ihrer noch länger
schonen nach dem Blutbade, womit Mac-Mahons Prätorianer ihren Einmarsch
in Paris feierten? Sollte auch das letzte Gegengewicht gegen die rücksichtslose
Wildheit der Bourgeoisregierungen - die Ergreifung von Geiseln - zum bloßen
Gespött werden? Der wirkliche Mörder des Bischofs Darboy ist Thiers.
Die Kommune hatte aber und abermals angeboten, den Erzbischof und einen
ganzen Haufen Pfaffen in den Kauf auszuwechseln, gegen den einzigen von
Thiers festgehaltenen Blanqui. Thiers weigerte sich hartnäckig. Er wußte,
daß er der Kommune mit Blanqui einen Kopf geben werde, während der
Erzbischof seinen Zwecken am besten dienen würde als - Leiche. Thiers
ahmte hierin Cavaignac nach. Welchen Schrei des Entsetzens ließen nicht
im Juni 1848 Cavaignac und seine Ordnungsmänner los, als sie die
Insurgenten als Mörder des Erzbischofs Affre brandmarkten! Und doch wußten
sie ganz genau, daß der Erzbischof von den Ordnungssoldaten erschossen
worden. Jacquemet, der Generalvikar des Erzbischofs, hatte ihnen
unmittelbar nach der Tat sein dahin lautendes Zeugnis eingehändigt.
|360|
Dieser ganze Verleumdungschor, den die Ordnungspartei in ihren
Blutfesten nie verfehlt, gegen ihre Schlachtopfer anzustimmen, beweist
bloß, daß der heutige Bourgeois sich für den rechtmäßigen
Nachfolger des ehemaligen Feudalherrn ansieht, der jede Waffe, in seiner
eignen Hand, für gerechtfertigt hielt gegenüber dem Plebejer, während
irgendwelche Waffe in der Hand des Plebejers von vornherein ein
Verbrechen ausmachte.
Die
Verschwörung der herrschenden Klasse zum Umsturz der Revolution durch
einen unter dem Schutz des fremden Eroberers geführten Bürgerkrieg -
eine Verschwörung, deren Spuren wir gefolgt sind vom September bis
herab zum Einmarsch der Mac-Mahonschen Prätorianer durch das St.
Clouder Tor - gipfelte in dem Blutbade von Paris. Bismarck schaut mit
vergnügten Sinnen auf die Trümmer von Paris, in denen er vielleicht
die „erste Rate“ jener allgemeinen Zerstörung der großen Städte
sah, die er bereits erfleht hatte, als er noch ein einfacher Rural in
der preußischen Chambre introuvable von 1849 war. Er schaut zufrieden
auf die Leichen des Pariser Proletariats. Für ihn ist dies nicht nur
die Austilgung der Revolution, sondern zugleich die Austilgung
Frankreichs, das jetzt in Wirklichkeit enthauptet ist, und durch die
französische Regierung obendrein. Mit der allen erfolgreichen Staatsmännern
eignen Seichtigkeit sieht er nur die Oberfläche dieses ungeheuren
geschichtlichen Ereignisses. Wo hat je vorher die Geschichte das
Schauspiel vorgeführt eines Siegers, der seinen Sieg damit krönt, daß
er sich nicht nur zum Gendarmen, sondern auch zum gemieteten Bravo der
besiegten Regierung hergibt? Zwischen Preußen und der Kommune von Paris
war kein Krieg. Im Gegenteil, die Kommune hatte die Friedenspräliminarien
angenommen, und Preußen hatte seine Neutralität erklärt. Preußen war
also keine kriegführende Partei. Es handelte als Bravo; als feiger
Bravo, weil es keinerlei Gefahr auf sich lud; als gemieteter Bravo, weil
es im voraus die Zahlung seines Blutgelds von 500 Millionen von dem Fall
von Paris abhängig machte. Und so kam denn endlich an den Tag der wahre
Charakter jenes Kriegs, den die Vorsehung angeordnet hatte zur Züchtigung
des gottlosen und liederlichen Frankreichs durch das fromme und
sittliche Deutschland! Und dieser unerhörte Bruch des Völkerrechts,
selbst wie es von den Juristen der alten Welt verstanden, statt die
„zivilisierten“ Regierungen Europas aufzurütteln, daß sie dies
rechtsbrüchige Preußen, das bloße Werkzeug des Petersburger
Kabinetts, in die Acht der Völker erklären - treibt sie nur zu der Erwägung,
ob die wenigen Schlachtopfer, die der doppelten Postenkette um Paris
entgehen, nicht auch noch dem Versailler Henker auszuliefern sind!
Daß
nach dem gewaltigsten Krieg der neuern Zeit die siegreiche und die |361|
besiegte Armee sich verbünden zum gemeinsamen Abschlachten des
Proletariats - ein so unerhörtes Ereignis beweist, nicht wie Bismarck
glaubt, die endliche Niederdrückung der sich emporarbeitenden neuen
Gesellschaft, sondern die vollständige Zerbröcklung der alten
Bourgeoisgesellschaft. Der höchste heroische Aufschwung, dessen die
alte Gesellschaft noch fähig war, ist der Nationalkrieg, und dieser
erweist sich jetzt als reiner Regierungsschwindel, der keinen andern
Zweck mehr hat, als den Klassenkampf hinauszuschieben, und der beiseite
fliegt, sobald der Klassenkampf im Bürgerkrieg auflodert. Die
Klassenherrschaft ist nicht länger imstande, sich unter einer
nationalen Uniform zu verstecken; die nationalen Regierungen sind eins
gegenüber dem Proletariat!
Nach
Pfingstsonntag 1871 kann es keinen Frieden und keine Waffenruhe mehr
geben zwischen den Arbeitern Frankreichs und den Aneignern ihrer
Arbeitserzeugnisse. Die eiserne Hand einer gemieteten Soldateska mag
beide Klassen, für eine Zeitlang, in gemeinsamer Unterdrückung
niederhalten. Aber der Kampf muß aber und abermals ausbrechen, in stets
wachsender Ausbreitung, und es kann kein Zweifel sein, wer der endliche
Sieger sein wird - die wenigen Aneigner oder die ungeheure arbeitende
Majorität. Und die französischen Arbeiter bilden nur die Vorhut des
ganzen modernen Proletariats.
Während
die europäischen Regierungen so, vor Paris, den internationalen
Charakter der Klassenherrschaft bestätigen, schreien sie Zeter über
die Internationale Arbeiterassoziation - die internationale
Gegenorganisation der Arbeit gegen die weltbürgerliche Verschwörung
des Kapitals - als Hauptquelle alles dieses Unheils. Thiers klagte sie
an als den Despoten der Arbeit, der sich als ihren Befreier ausgebe.
Picard befahl alle Verbindung der französischen Internationalen mit
denen des Auslandes abzuschneiden; Graf Jaubert, der alte, zur Mumie
gewordene Mitschuldige des Thiers von 1835, erklärte es für die
Hauptaufgabe aller Regierungen, sie auszurotten. Die Krautjunker der
Nationalversammlung heulen gegen sie, und die gesamte europäische
Presse stimmt ein in den Chor. Ein ehrenwerter französischer
Schriftsteller |wahrscheinlich Robinet|, der unsrer Assoziation durchaus
fremd ist, spricht sich aus wie folgt:
„Die
Mitglieder des Zentralkomitees der Nationalgarde, wie auch der größre
Teil der Mitglieder der Kommune, sind die tätigsten, einsichtigsten und
energischsten Köpfe der Internationalen Arbeiterassoziation ... Leute,
durchaus ehrlich, aufrichtig, einsichtig, voll Hingebung, rein und
fanatisch im guten Sinn des Wortes.“
|362|
Der polizeigefärbte Bourgeoisverstand stellt sich natürlich die
Internationale Arbeiterassoziation vor als eine Art geheimer Verschwörung,
deren Zentralbehörde von Zeit zu Zeit Ausbrüche in verschiedenen Ländern
befiehlt. Unsere Assoziation ist aber in der Tat nur das internationale
Band, das die fortgeschrittensten Arbeiter in den verschiedenen Ländern
der zivilisierten Welt vereinigt. Wo immer, und in welcher Gestalt
immer, und unter welchen Bedingungen immer der Klassenkampf
irgendwelchen Bestand erhält, da ist es auch natürlich, daß
Mitglieder unsrer Assoziation im Vordergrund stehen. Der Boden, aus dem
sie emporwächst, ist die moderne Gesellschaft selbst. Sie kann nicht
niedergestampft werden durch noch soviel Blutvergießen. Um sie
niederzustampfen, müßten die Regierungen vor allem die Zwingherrschaft
des Kapitals über die Arbeit niederstampfen - also die Bedingung ihres
eigenen Schmarotzerdaseins.
Das
Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als
der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind
eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger
hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem
sie zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind.
Der
Generalrat:
M.
J .Boon, Fred. Bradnick,
G. H. Buttery, Caihil, William Hales, Kolb, Fred. Leßner, G. Milner,
Thomas Mottershead, Charles Murray, Pfänder, Roach, Rühl, Sadler,
Cowell Stepney, Alf. Taylor, W. Townshend {10}
Korrespondierende
Sekretäre:
Eugene
Dupont, für Frankreich - Karl Marx, für
Deutschland und Holland - Friedrich Engels, für Belgien und
Spanien - Hermann Jung, für die Schweiz - P. Giovacchini,
für Italien - Zévy Maurice, für Ungarn - Antoni Zabicki,
für Polen - J. Cohen, für Dänemark - J. G. Eccarius, für
die Vereinigten Staaten
Hermann
Jung, Vorsitzender - John Weston,
Schatzmeister - Georg Harris, Finanzsekretär - John Hales,
Generalsekretär
256,
High Holborn, London, W. C.
30. Mai 1871
Beilagen
I
|363|
„Die Gefangnenkolonne machte halt in der Avenue Uhrich und wurde in
vier oder fünf Gliedern auf dem Fußsteig aufgestellt, Front nach der
Straße. Der General Marquis de Galliffet und sein Stab stiegen vom
Pferd und inspizierten die Linie, vom linken Flügel anfangend. Der
General ging langsam entlang, die Reihen besichtigend; hier und da hielt
er, einen Mann an der Schulter berührend oder ihn aus den hintern
Gliedern hervorwinkend. Die so Ausgesuchten wurden, meist ohne weitere
Verhandlung, mitten in der Straße aufgestellt, wo sie bald eine kleine
Sonderkolonne bildeten ... Es war augenscheinlich, daß hierbei für Mißgriffe
beträchtlicher Raum gelassen war. Ein berittener Offizier machte den
General auf einen Mann und eine Frau wegen irgendeiner besondern
Missetat aufmerksam. Die Frau, aus den Reihen hervorstürzend, fiel auf
die Knie und beteuerte mit ausgestreckten Armen heftig ihre Unschuld.
Der General wartete eine Pause ab und sagte dann, mit vollständig
ruhigem Gesicht und unbewegter Haltung: Madame, ich habe alle Theater in
Paris besucht, es ist nicht der Mühe wert, Komödie zu spielen (il ne
vaut pas la peine de jouer la comédie) ... Es war an jenem Tage nicht
gut für einen, wenn er merklich größer, schmutziger, reinlicher, älter
oder häßlicher als seine Nebenleute war. Von einem Manne fiel es mir
besonders auf, daß er seine schleunige Erlösung aus diesem irdischen
Jammertal wohl nur seiner eingeschlagnen Nase verdankte ... Über
Hundert wurden so ausgesucht, ein Zug Soldaten zum Erschießen
kommandiert, und die übrige Kolonne marschierte weiter, während jene
zurückblieben. Einige Minuten nachher fing hinter uns das Feuer an, das
- mit kurzen Unterbrechungen - über eine Viertelstunde anhielt. Es war
die Hinrichtung dieser summarisch verurteilten Unglücklichen.“
(Pariser Korrespondent, „Daily News“ vom 8. Juni.)
Dieser
Galliffet, „der Louis seiner Frau, so notorisch durch die schamlose
Bloßstellung ihres Leibes bei den Gelagen des zweiten Kaisertums“,
war während des Kriegs bekannt unter dem Namen des französischen Fähndrich
Pistol.
„Der
'Temps', ein bedächtiges und keineswegs der Sensation ergebnes Blatt,
erzählt eine schauerliche Geschichte von halbtotgeschossenen und vor
ihrem Tod begrabnen Leuten. Eine große Anzahl wurde auf dem Platz bei
St. Jacques-la-Boucherie begraben, manche von ihnen nur leicht mit Erde
bedeckt. Während des Tags überhallte der Straßenlärm alles, aber in
der Stille der Nacht wurden die Bewohner der umliegenden Häuser geweckt
durch fernes Stöhnen, und am Morgen sah man eine geballte Faust aus dem
Boden ragen. Infolgedessen wurde die Wiederausgrabung der Leichen
befohlen ... Daß viele Verwundete lebendig begraben wurden, daran kann
ich nicht im mindesten zweifeln. Für einen Fall kann ich einstehn. Als
Brunel mit seiner Geliebten |364|
am 24. Mai im Hofe eines Hauses des Vendômeplatzes erschossen wurden,
ließ man sie bis zum Nachmittag des 27. liegen. Als man dann endlich
kam, die Leichen zu entfernen, fand man das Weib noch am Leben und nahm
sie zu einem Verbandplatz. Obwohl von vier Kugeln getroffen, ist sie
jetzt außer Gefahr.“ (Pariser Korrespondent, „Evening Standard“
vom 8. Juni.)
II
Der
folgende Brief erschien in der Londoner „Times“ vom 13. Juni:
An
den Redakteur der „Times“
Mein
Herr!
Am
6. Juni 1871 hat Herr Jules Favre ein Rundschreiben an alle europäischen
Mächte erlassen, worin er sie auffordert, die Internationale
Arbeiterassoziation zu Tode zu hetzen. Einige Bemerkungen werden
hinreichen, dies Aktenstück zu kennzeichnen.
Schon
in der Einleitung
zu unsern Statuten ist angegeben, daß die Internationale
gegründet wurde am 28. September 1864, auf einer öffentlichen
Versammlung in St. Martin's Hall, Long Acre, London. Aus ihm selbst am
besten bekannten Gründen verlegt Jules Favre das Datum ihres Ursprungs
hinter das Jahr 1862 zurück.
Um
unsre Grundsätze zu erläutern, gibt er vor, „ihre“ (der
Internationalen) „Druckschrift vom 25. März 1869“ anzuführen. Und
was führt er an? Die Druckschrift einer Gesellschaft, die nicht die
Internationale ist. Diese Sorte Manöver praktizierte er schon, als er,
noch ein ziemlich junger Advokat, den „National“, ein Pariser Blatt,
gegen Cabets Verleumdungsklage verteidigte. Damals gab er vor, Auszüge
aus Cabets Flugschriften vorzulesen, während er von ihm selbst
eingeschobne Zwischensätze vorlas. Dies Taschenspielerstückchen wurde
indes vor vollem Gerichtshof bloßgelegt und, wäre Cabet nicht so
nachsichtig gewesen, er wäre mit seiner Ausstoßung aus dem Pariser
Advokatenstand bestraft worden. Von allen Aktenstücken, die er als
Aktenstücke der Internationalen anführte, gehörte auch nicht eins der
Internationalen an. So sagt er:
„Die
Allianz erklärt sich für atheistisch, sagt der Generalrat,
konstituiert in London, im Juli 1869.“
Der
Generalrat hat nie solch ein Aktenstück erlassen. Im Gegenteil, er
erließ ein Aktenstück,
das die Originalstatuten der „Allianz“ - L'Alliance de la Démocratie
Socialiste in Genf -, die Jules Favre zitiert, annullierte.
|365|
In seinem ganzen Zirkular, das teilweise auch gegen das Kaisertum
gerichtet zu sein vorgibt, wiederholt Jules Favre gegen die
Internationale nur die Polizeimärchen der Staatsanwälte des
Kaisertums, die selbst vor den Gerichtshöfen desselben Kaisertums sich
in ihr elendes Nichts auflösten.
Es
ist bekannt, daß der Generalrat der Internationalen in seinen beiden
Adressen (vom Juli
und September
1870) über den damaligen Krieg die preußischen Eroberungspläne gegen
Frankreich anklagte. Später wandte sich Herr Reitlinger, Jules Favres
Privatsekretär, natürlich vergebens, an einige Mitglieder des
Generalrats, damit der Generalrat eine antibismarcksche Massenkundgebung
zugunsten der Regierung der nationalen Verteidigung veranstalte; es
wurde besonders gebeten, dabei der Republik mit keinem Wort zu erwähnen.
Die Vorbereitungen zu einer Massenkundgebung bei Gelegenheit der
erwarteten Ankunft Jules Favres in London wurden eingeleitet - gewiß in
bester Absicht - gegen den Willen des Generalrats, der in seiner Adresse
vom 9. September die Pariser Arbeiter ausdrücklich und im voraus gegen
Jules Favre und seine Kollegen gewarnt hatte.
Was
würde Jules Favre sagen, wenn seinerseits der Generalrat der
Internationalen ein Rundschreiben über Jules Favre an alle europäischen
Kabinette erließe, um ihre besondre Aufmerksamkeit auf die durch den
verstorbnen Herrn Millière in Paris veröffentlichten Aktenstücke zu
lenken?
Ich
hin, mein Herr, Ihr ergebener Diener.
John
Hales
Sekretär
des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation
256,
High Holborn, London, W. C.
12. Juni 1871
In
einem Artikel über „die Internationale Assoziation und ihre Ziele“
zitiert der Londoner „Spectator“, als frommer Denunziant, unter
andern ähnlichen Kunstgriffen, und noch vollständiger als Jules Favre
getan, das obige Aktenstück der „Alliance“ als das Werk der
Internationalen, und das elf Tage nach der Veröffentlichung obiger
Widerlegung in der „Times“. Dies kann uns nicht wundern. Schon
Friedrich der Große pflegte zu sagen, daß von allen Jesuiten die
protestantischen die schlimmsten sind.
Fußnoten
von Friedrich Engels
(1)
In England gibt man gemeinen Verbrechern nach Verbüßung des größern
Teils ihrer Haft häufig Urlaubsscheine, mit denen sie entlassen und
unter Polizeiaufsicht gestellt werden. Diese Scheine heißen
tickets-of-leave und ihre Inhaber ticket-of-leave-men. [Anmerkung von
Engels zur deutschen Ausgabe von 1871.] <=
Textvarianten
{1}
(1876) fehlt: entweder sofort zu kapitulieren oder <=
{2}
In der englischen Ausgabe Joe Miller, in der französischen Falstaff <=
{3}
(1871 und l876) fehlt: 1871 <=
{4}
(1871 und l876) Unterdrückung der Arbeit <=
{5}
(187I und 1876) Emanzipation der Arbeit <=
{6}
(1871 und l876) Gegensätze <=
{7}
(1876) Tendenz <=
{8}
(1871 und 1876) Ackerbauwissenschaft <=
{9}
In den englischen Ausgaben von 1871 folgt hier noch der Satz: Als die
Preußen, nicht aus militärischen Gründen, sondern aus bloßer Ranküne
und Rachsucht Städte wie Château-dun und zahllose Dörfer mit
Petroleum niederbrannten, war das Brandstiftung? <=
{10}
In der dritten englischen Ausgabe von 1871 sind noch folgende Mitglieder
des Generalrats angeführt: Delahaye, A. Herman, Lochner, J. P. Mac
Donnel, Ch. Mills, Rochat und A. Serraillier. <=
Seitenzahlen
verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag,
Berlin. Band 17, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1.
Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 313-365.
http://www.mlwerke.de/me/me17/me17_319.htm |