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Leninismus
- die zweite Phase des wissenschaftlichen Sozialismus
Quelle:
Kominform
vom 22.April 2010
Hans
Heinz Holz zum Geburtstag von Lenin
Die
Grundlegung des wissenschaftlichen Sozialismus erfolgte in zwei
Schritten. Marx und Engels entwickelten die Theorie der gesetzlich
wirksamen Triebkräfte der Geschichte - die Dialektik von Produktivkräften,
Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen und deren politischen
Ausdruck in Klassengegensätzen und Klassenkämpfen. Sie entwarfen das
Programm einer universellen materialistischen Dialektik. Sie zogen
schließlich die politische Konsequenz aus diesen Erkenntnissen, indem
sie die Perspektive der klassenlosen Gesellschaft als Inhalt des
revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse bestimmten.
Der
Beginn der allgemeinen Krise des Kapitalismus, der mit der Herausbildung
imperialistischer Großmächte und deren Konkurrenz zusammenfällt und
zum Ersten Weltkrieg führte, bezeichnet den Übergang zur zweiten Phase
in der Entwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus. Sie hat ihre maßgebliche
Formulierung in den theoretischen Arbeiten und den politischen
Strategiepapieren Lenins gefunden. Charakteristisch ist für sie, dass
allgemeine theoretische Einsichten als direkte Projektionen der
politischen Praxis auf die Lehren von Marx und Engels und der Lehren von
Marx und Engels auf die politische Praxis gewonnen werden. Die bei Marx
und Engels über die komplexe Kritik der politischen Ökonomie
vermittelte Einheit von Theorie und Praxis artikuliert sich nun als
theoriegeleitete Praxis direkt in der politischen Tätigkeit.
Diesen
Übergang hat Lenin vollzogen (und von ihm ausgehend auch Antonio
Gramsci, sodass Togliatti mit Recht vom "Leninismus Gramscis"
sprechen konnte). Und mit Recht spricht man eben deshalb auch vom
Leninismus als einem entwicklungsgeschichtlich eigenständigen
Bestandteil wissenschaftlichen Sozialismus. Mit dem Kampf der
Bolschewiki um die politische Macht wurde die von Marx und Engels
programmierte "Aufhebung der Philosophie" (das heißt der
allgemeinen Theorie) durch "Verwirklichung der Philosophie"
zum historischen Prozess, der sich in der Oktoberrevolution zum ersten
Mal erfolgreich manifestierte.
Das
Versagen der Sozialdemokratie
Genau
an diesem entscheidenden Punkt der Machtfrage hatte die politische
Organisation der Arbeiterklasse, die Sozialdemokratie, versagt. "Der
heutige Opportunismus, verkörpert in der Person seines Hauptvertreters,
des früheren Marxisten K. Kautsky, (...) beschränkt das Gebiet der
Anerkennung des Klassenkampfs auf das Gebiet bürgerlicher Verhältnisse."
(LW 25, 425)
Es
bleibt bei der Verfassungsform der bürgerlichen Demokratie, und das
bedeutet: Es bleibt bei der Herrschaft der Bourgeoisie. Die
Sozialdemokraten weichen vor der Frage des Machtwechsels zurück und
werden damit zum Vollzugsgehilfen des imperialistischen Politik. Von der
Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 bis zur Zerschlagung Jugoslawiens
und zum Truppeneinsatz in Afghanistan heute reicht diese Kette
sozialdemokratischer Anpassungen an die Ziele der Kapitalisten. Das Verhältnis
zur Staatsmacht und zur Staatsform wird darum von Lenin als Bewährungsprobe
sozialistischer Theorie-Praxis-Einheit herausgestellt:
„Die
Formen bürgerlicher Staaten sind außerordentlich mannigfaltig, ihr
Wesen aber ist ein und dasselbe: Alle diese Staaten sind so oder so,
aber in letzter Konsequenz unbedingt eine Diktatur der Bourgeoisie. Der
Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus muss natürlich eine
ungeheure Fülle und Mannigfaltigkeit der politischen Formen
hervorbringen, aber das Wesentliche wird dabei unbedingt das eine sein:
die Diktatur des Proletariats." (LW 25, 425)
In
"Staat und Revolution", geschrieben in den Wochen vor dem
Roten Oktober, hat Lenin nicht nur die wesentlichen Merkmale des
revolutionären Übergangs zum Sozialismus benannt, sondern auch die
Rahmenbedingungen skizziert für die ersten Schritte zum Aufbau einer
sozialistischen Gesellschaft. "Staat und Revolution" ist ein
Schlüsseltext zum Verständnis, wie sozialistische Theorie praktisch
wird.
In
Übereinstimmung mit Marx und Engels hat Lenin keinen Zweifel daran
gelassen, dass die Staatsform, die zur kommunistischen Gesellschaft hinführt,
die Diktatur des Proletariats ist - eben als die Demokratie des
Sozialismus im Aufbau, die das Absterben des Staates herbeiführen soll.
Jeder Staat ist nach dieser Auffassung die Herrschaftsordnung einer
Klasse. Die bürgerliche Demokratie ist die Diktatur der Bourgeoisie,
die sozialistische Demokratie ist die Diktatur des Proletariats. Mit
Diktaturen à la Hitler, Franco und Pinochet hat dieser Begriff nichts
gemein. Wer dies vermischt, treibt intellektuelles Falschspiel.
Genau
das hat Lenin den Sozialdemokraten und insbesondere Kautsky vorgeworfen,
ihre Anpassung an die kapitalistische bürgerliche Gesellschaft durch
Verdrehung des marxistischen Vokabulars zu verschleiern. Wir kennen
diese Methode! Alle die großen Worte, die aus der Französischen
Revolution in den Sprache des Marxismus übergegangen sind, werden auf
den Kopf gestellt. Freiheit, Selbstbestimmung, Menschenrecht werden ins
Feld geführt, wenn Klassenherrschaft, Ausbeutung und Profit gemeint
sind. Wer die Begriffe manipuliert, okkupiert die Gedanken der Menschen.
Klarheit
der Theorie
Lenin
hat sein ganzes Leben lang für die Klarheit und Reinhaltung der Theorie
gekämpft. Von "Was tun" (1901) über "Materialismus und
Empiriokritizismus" (1908) bis zu "Staat und Revolution"
(1917) führt er immer wieder die Auseinandersetzung um die politische
Linie und die organisatorischen Aufgaben mit Hilfe der Präzisierung der
Begriffe, deren sich Kommunisten als Leitfaden ihres Handelns bedienen.
Differenzen in Einzelfragen lassen sich in der Praxis auflösen. Um die
Grundsätze muss gestritten werden.
Lenin
geht darauf im Vorwort zu „Was tun“ ein: „Es wurde klar, dass
die Lösung der Fragen in weitaus höherem Maße aus dem grundlegenden
Gegensatz zwischen den beiden Richtungen in der russischen
Sozialdemokratie zu erklären sind als aus Meinungsverschiedenheiten in
Einzelfragen. (...) So verwandelte sich die Darlegung der Auffassungen
vom Charakter und Inhalt der politischen Agitation in eine Erläuterung
des Unterschieds zwischen trade-unionistischer und sozialdemokratischer
Politik und die Darlegung von den organisatorischen Aufgaben in eine Erläuterung
des Unterschieds zwischen der die Ökonomisten befriedigenden
Handwerkelei und der, unseres Erachtens, notwendigen Organisation der
Revolutionäre." (LW 5, 358 f.)
Das
unmittelbare Herauswachsen der theoretischen Wegweiser für die
praktische Orientierung aus dem politischen Handeln zu fällenden
Entscheidungen wird hier ganz deutlich erkennbar. Theorie wird nicht von
außen an die Praxis herangetragen und als "Politikberatung"
sozusagen aus dem Kopf entwickelt, sondern geht aus der politischen
Praxis hervor, wenn der einzelne Fall im Horizont des Allgemeinen
gesehen wird. Wolfgang Abendroth, der Vater der "Politologie"
in Westdeutschland, hat darum gut leninistisch sein Fach nicht
"Wissenschaft von der Politik", sondern "politische
Wissenschaft" genannt.
Ungenauigkeit
der Begriffe und Verschwommenheit der Konzepte sind Schwachstellen, an
denen die politische Kampffront der Kommunisten aufgebrochen werden
kann. Marx und Engels haben deshalb ihre Programm-Kritiken (Kritik des
Gothaer Programms, Kritik des Erfurter Programms) geschrieben, Engels
hat den "Anti-Dühring" dieser Aufgabe gewidmet.
In
der Vorbereitung auf die revolutionäre Situation spitzte sich das
Problem für Lenin zu. In vielen Marxisten vollzieht sich ja die Wendung
zum Opportunismus nicht einfach aus Feigheit oder Korruption. So fragt
Lenin, wie Kautsky, der "durch seine Polemik gegen die
Opportunisten, an ihrer Spitze Bernstein" bekannt geworden war,
"zu einer unglaublich schmachvollen Verwirrung und zur Verteidigung
des Sozialchauvinismus in der Zeit der schwersten Krise 1914/15"
kam (LW 25, 491 f.). Und er führt diesen Absturz darauf zurück, dass
es auch schon vorher bei Kautsky Schwankungen und begriffliche
Unklarheiten gab, Bruchstellen, an denen die bürgerliche Ideologie in
sein Denken einsickern konnte. Lenins Polemik gegen Kautsky ist nicht
nur moralische Verurteilung eines Verräters, sondern auch der Versuch,
die Ursache des Verrats nicht in persönlichen Unzulänglichkeiten zu
sehen, sondern aus gedanklichen Mängeln zu begreifen.
Charaktereigenschaften sind nicht diskutierbar, Denkfehler aber wohl.
So
kommt Lenin zu dem Schluss: „Ohne revolutionäre Theorie kann es
auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend
betont werden in einer Zeit, wo die zur Mode gewordene Predigt des
Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der
praktischen Tätigkeit paart.“ (LW 5, 379)
Klassenkampf
Der
Kern der revolutionären Theorie ist die Lehre vom Klassenkampf. Im
"Manifest" war der Klassengegensatz im Kapitalismus durch das
Eigentum an den Produktionsmitteln definiert worden; Lohnarbeit und
Kapital sind die beiden klassenbestimmenden Elemente des Produktionsverhältnisses.
Zwischen ihnen gibt es logisch kein Drittes. Die kleinen Privateigentümer
geraten mehr und mehr in die Abhängigkeit von den großen
Kapitaleignern und bilden keine eigene Strukturebene mehr im
Produktionsverhältnis. „Der Kleinbürger befindet sich in einer
solchen Lage, seine Lebensbedingungen sind derart, dass er nicht umhin
kann, sich selbst zu täuschen, es zieht ihn unwillkürlich und
unvermeidlich bald zur Bourgeoisie und bald zum Proletariat. Eine selbständige
Linie kann er ökonomisch gesehen nicht haben.“ (LW
25, 200)
Obwohl
Lenin dieser Logik Rechnung trägt und folglich im Kleinbürgertum keine
eigene politische Kraft, sondern nur eine Manipulationsmasse für die
Bourgeoisie sieht, erkennt er aber die Bedeutung dieser
Gesellschaftsgruppe für die Machtfrage; er betont, „dass jedes
kapitalistische Land drei grundlegende, drei Hauptkräfte aufweist:
Bourgeoisie, Kleinbürgertum und Proletariat. Von der ersten und dritten
Kraft sprechen alle, alle erkennen sie an. Die zweite - das heißt
zahlenmäßig gerade die Mehrheit! - will man weder vom ökonomischen
noch vom politischen noch vom militärischen Standpunkt aus nüchtern
einschätzen.“ (LW 25, 201)
Diese
Bemerkung ist bedeutungsvoll, denn sie verweist auf einen Widerspruch
zwischen Wesen und Erscheinung der kapitalistischen Gesellschaft. Dem
Wesen nach reduzieren sich im Kapitalismus die Klassen auf zwei; und
darum ist die Beseitigung des Kapitalverhältnisses zugleich das Ende
der Klassenspaltung. Stürzt die Arbeiterklasse die Herrschaft der
Kapitalisten, so ist die Menschheit von der Klassenherrschaft befreit.
Das ist die "historische Mission der Arbeiterklasse", nicht
aus philanthropischem Idealismus, sondern als Konsequenz der
zweigliedrigen Struktur der bürgerlichen Gesellschaft.
Im
Erscheinungsbild aber gibt es zwischen Kapitalisten und Arbeitern ein
breites Feld verschiedener Funktionen im gesellschaftlichen
Produktionsprozess. Und dieses Erscheinungsbild ist keine Illusion,
sondern eine Realität, wenn auch nur dem Schein nach eine selbstständige.
Die Angehörigen dieser Zwischenschicht machen die Erfahrung ihrer
Lebensbedingungen und Interessen, aber sie begreifen sie nicht als
hervorgebracht und abhängig vom Kapitalverhältnis. Ihre Vernunft müsste
sie an die Seite der Arbeiterklasse führen, ihre Traditionen und
Vorurteile drängen sie zur Anpassung und Unterwerfung unter die
Bourgeoisie.
Mit
Rücksicht auf diesen "realen Schein" einer pluralistischen
Struktur der Gesellschaft müssen die revolutionären Organisationen im
Kampf um die Macht Aktionsformen finden, in die sie die Masse des
Zwischenfeldes einbinden können; und beim Aufbau des Sozialismus
braucht es Organisationsformen, die die Kleinbürger in diesen Aufbau
einbeziehen und einen Bewusstseinswandel bewirken. Klassenkampf wird so
nicht nur zum Kampf gegen die herrschende Klasse, sondern auch zum Kampf
um die Gewinnung der Schwankenden. In seiner Broschüre von 1917 "über
Verfassungsillusionen" (LW 25, 193 ff.) hat Lenin dieses
strategische Konzept aufgezeigt.
Die
Zustimmung der Mehrheit zu einer fortschrittlich-revolutionären Politik
muss immer wieder von neuem errungen werden. Avantgarde zu sein, ist
keine institutionelle Eigenschaft, sondern einer ständigen Bewährungsprobe
ausgesetzt. Sich einzulassen auf die Motive der vielen, die nicht von
der Klarheit des wissenschaftlichen Sozialismus durchdrungen sind, ist
unerlässlich; aber es liegt zugleich darin die Gefahr, in pragmatischen
Opportunismus abzugleiten, wie Lenin am Beispiel Kautskys zeigte.
Darum
bestand Lenin auf der strengen Präzision der Theorie auch da, wo sie
praktisch wird. Nur kritisch geschärft ist sie die Waffe, die „zur
materiellen Gewalt wird, sobald sie die Massen ergreift“. (Marx, MEW
1, 385)
Dieser
Beitrag aus DKP-Zeitung UZ erschien anlässlich des 135. Geburtstages
Lenins
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