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Die
kapitalistische Gesellschaft war und ist
immer ein Schrecken ohne Ende. Und wenn jetzt dieser Gesellschaft
durch diesen reaktionärsten aller Kriege ein Ende mit Schrecken
bereitet wird, so haben wir keinen Grund, zu verzweifeln.
Wladimir Iljitsch
Lenin (1916)
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Wladimir Iljitsch
Lenin
Das
Militärprogramm der proletarischen Revolution [1]
(1916)
Geschrieben im September
1916.
Zuerst veröffentlicht im September und Oktober 1917 in der Zeitschrift Jugend-Internationale,
Nr.9 u. 10.
Unterschrift: N. Lenin.
Nach dem deutschsprachigen Text der Zeitschrift.
Transkription und HTML-Markierung: Einde O’Callaghan für das Marxists’
Internet Archive.
In Holland, Skandinavien,
in der Schweiz hört man aus der Mitte der revolutionären
Sozialdemokraten, die gegen die Lüge der Sozialchauvinisten von der
„Landesverteidigung“ in diesem imperialistischen Kriege kämpfen,
Stimmen, man solle den alten Punkt des sozialdemokratischen
Minimalprogramms: „Miliz“ oder „Volksbewaffnung“ durch einen neuen
ersetzen: „Entwaffnung“. Die Jugend-Internationale eröffnete
die Diskussion über diese Frage und brachte in Nr.3 einen redaktionellen
Artikel für die Entwaffnung. In den neuesten Thesen des Genossen R. Grimm
[2]
ist leider auch der Entwaffnungsidee eine Konzession gemacht worden. In
den Revuen Neues Leben [3] und Vorbote ist die Diskussion eröffnet.
Wir wollen die Argumente der Entwaffnungsanhänger untersuchen.
I Das grundlegende
Argument besteht darin, die Forderung der Entwaffnung sei der klarste,
entschiedenste, konsequenteste Ausdruck des Kampfes gegen jeden
Militarismus und gegen jeden Krieg.
In diesem grundlegenden
Argument besteht eben der Grundirrtum der Entwaffnungsanhänger. Die
Sozialisten können nicht gegen jeden Krieg sein, ohne aufzuhören,
Sozialisten zu sein.
Erstens
waren die Sozialisten niemals und können niemals Gegner revolutionärer
Kriege sein. Die Bourgeoisie der „großen“ imperialistischen Mächte
ist durch und durch reaktionär geworden, und wir erkennen den Krieg, den diese
Bourgeoisie jetzt führt, für einen reaktionären, sklavenhalterischen,
verbrecherischen Krieg an. Nun, wie steht es aber mit einem Kriege gegen
diese Bourgeoisie? Zum Beispiel mit einem Kriege der von dieser
Bourgeoisie unterdrückten, von ihr abhängigen oder kolonialen Völker für
ihre Befreiung? In den Leitsätzen der Gruppe Internationale
lesen wir in Paragraph 5: „In der Ära dieses entfesselten Imperialismus
kann es keine nationalen Kriege mehr geben.“ Das ist offenbar unrichtig.
Die Geschichte des 20.
Jahrhunderts, dieses Jahrhunderts des „entfesselten Imperialismus“,
ist voll von Kolonialkriegen. Aber das, was wir Europäer,
imperialistische Unterdrücker der Mehrzahl der Völker der Welt, mit dem
uns eigentümlichen niederträchtigen europäischen Chauvinismus
„Kolonialkriege“ nennen, das sind oft nationale Kriege oder nationale
Auf stände von seiten dieser unterdrückten Völker. Eine der
grundlegendsten Eigenschaften des Imperialismus besteht eben darin, daß
er die Entwicklung des Kapitalismus in den rückständigsten Ländern
beschleunigt und dadurch den Kampf gegen die nationale Unterdrückung
ausbreitet und verschärft. Das ist Tatsache. Und daraus folgt
unvermeidlich, daß der Imperialismus nationale Kriege öfters erzeugen muß.
Junius [1*],
der in seiner Broschüre die genannten Leitsätze verteidigt,
sagt, in der imperialistischen Epoche führe jeder nationale Krieg gegen
eine von den imperialistischen Großmächten zum Eingreifen einer andern,
mit der ersten konkurrierenden, ebenfalls imperialistischen Großmacht,
und dadurch werde jeder nationale Krieg in einen imperialistischen
verwandelt. Dieses Argument ist aber auch unrichtig. Es kann so
sein, es ist aber nicht immer so. Mehrere Kolonialkriege in den Jahren
1900 bis 1914 gingen nicht diesen Weg. Und es wäre einfach lächerlich,
wenn wir erklärten, daß z.B. nach dem jetzigen Krieg, wenn er mit der äußersten
Erschöpfung der kriegführenden Länder endigt, es „keinen“
nationalen, fortschrittlichen, revolutionären Krieg meinetwegen seitens
Chinas im Bunde mit Indien, Persien, Siam usw. gegen die Großmächte
geben „kann“.
Die Verneinung jeder Möglichkeit
nationaler Kriege unter dem Imperialismus ist theoretisch unrichtig,
historisch offenkundig falsch, praktisch gleicht sie dem europäischen
Chauvinismus: Wir, die wir zu den Nationen gehören, die Hunderte
Millionen Menschen in Europa, Afrika, Asien usw. unterdrücken, wir sollen
den unterdrückten Völkern erklären, ihr Krieg gegen „unsere“
Nationen sei „unmöglich“!
Zweitens.
Bürgerkriege sind auch Kriege. Wer den Klassenkampf anerkennt, der kann
nicht umhin, auch Bürgerkriege anzuerkennen, die in jeder
Klassengesellschaft eine natürliche, unter gewissen Umständen
unvermeidliche Weiterführung, Entwicklung und Verschärfung des
Klassenkampfes darstellen. Alle großen Revolutionen bestätigen das. Bürgerkriege
zu verneinen oder zu vergessen, hieße in den äußersten Opportunismus
verfallen und auf die sozialistische Revolution verzichten.
Drittens
schließt der in einem Lande siegreiche Sozialismus keineswegs mit einem
Male alle Kriege überhaupt aus. Im Gegenteil, er setzt solche voraus. Die
Entwicklung des Kapitalismus geht höchst ungleichmäßig in den
verschiedenen Ländern vor sich. Das kann nicht anders sein bei der
Warenproduktion. Daraus die unvermeidliche Schlußfolgerung: Der
Sozialismus kann nicht gleichzeitig in allen Ländern Siegen. Er
wird zuerst in einem oder einigen Ländern siegen, andere werden für eine
gewisse Zeit bürgerlich oder vorbürgerlich bleiben. Das muß nicht nur
Reibungen, sondern auch direktes Streben der Bourgeoisie anderer Länder
erzeugen, das siegreiche Proletariat des sozialistischen Staates zu
zerschmettern. In solchen Fällen wäre ein Krieg unsererseits legitim und
gerecht, es wäre ein Krieg für den Sozialismus, für die Befreiung
anderer Völker von der Bourgeoisie. Engels hatte vollständig recht, als
er in seinem Briefe an Kautsky vom it September 1883 [4]
ausdrücklich die Möglichkeit von „Verteidigungskriegen“ des
Sozialismus, der schon gesiegt hat, anerkannte. Er meinte nämlich
die Verteidigung des siegreichen Proletariats gegen die Bourgeoisie
anderer Länder.
Erst nachdem wir die
Bourgeoisie in der ganzen Welt, und nicht nur in einem Lande
niedergeworfen, vollständig besiegt und expropriiert haben, werden Kriege
unmöglich werden. Und es ist wissenschaftlich gar nicht richtig – und
gar nicht revolutionär – wenn wir eben das Wichtigste, die
Niederwerfung des Widerstandes der Bourgeoisie, das Schwierigste, das am
meisten Kampf Erfordernde im Übergange zum Sozialismus umgehen
oder vertuschen. Die „sozialen“ Pfaffen und die Opportunisten sind
gerne bereit, von dem zukünftigen friedlichen Sozialismus zu träumen,
sie unterscheiden sich aber von den revolutionären Sozialdemokraten eben
dadurch, daß sie von erbitterten Klassenkämpfen und Klassenkriegen,
um diese schöne Zukunft zur Wirklichkeit zu machen, nicht denken und
sorgen wollen.
Wir dürfen uns nicht
durch Worte täuschen lassen. Zum Beispiel ist der Begriff
„Landesverteidigung“ manchem verhaßt, weil dadurch die offenen
Opportunisten und die Kautskyaner die Lüge der Bourgeoisie im gegebenen
Räuberkriege verdecken und vertuschen. Das ist Tatsache. Aber daraus
folgt nicht, daß wir verlernen sollen, über die Bedeutung der
politischen Schlagworte nachzudenken. „Landesverteidigung“ im
gegebenen Kriege anerkennen, heißt diesen Krieg für einen
„gerechten“, dem Interesse des Proletariats dienlichen halten, weiter
nichts und abermals nichts. Denn Invasion ist in keinem Kriege
ausgeschlossen. Es wäre einfach dumm, „Landesverteidigung“ seitens
unterdrückter Völker in ihrem Kriege gegen die
imperialistischen Großmächte oder seitens des siegreichen Proletariats
in seinem Kriege gegen irgendeinen Galliffet [2*]
eines bürgerlichen Landes nicht anerkennen zu wollen.
Es wäre theoretisch
grundfalsch, zu vergessen, daß jeder Krieg nur die Fortsetzung der
Politik mit andern Mitteln ist der jetzige imperialistische Krieg ist die
Fortsetzung der imperialistischen Politik zweier Gruppen von Großmächten,
und diese Politik wurde durch die Gesamtheit der Verhältnisse der
imperialistischen Epoche erzeugt und genährt. Aber dieselbe Epoche muß
notwendig die Politik des Kampfes gegen nationale Unterdrückung und des
Kampfes des Proletariats gegen die Bourgeoisie erzeugen und daher die Möglichkeit
und die Unvermeidlichkeit erstens der revolutionären nationalen Auf- stände
und Kriege, zweitens der Kriege und Aufstände des Proletariats gegen
die Bourgeoisie, drittens der Vereinigung beider Arten von revolutionären
Kriegen usw.
II Dazu kommt noch eine
weitere allgemeine Erwägung. Eine unterdrückte Klasse, die nicht danach
strebt, Waffenkenntnis zu gewinnen, in Waffen geübt zu werden, Waffen zu
besitzen, eine solche unterdrückte Klasse ist nur wert, unterdrückt, mißhandelt
und als Sklave behandelt zu werden. Wir dürfen, ohne uns zu bürgerlichen
Pazifisten und Opportunisten zu degradieren, nicht vergessen, daß wir in
einer Klassengesellschaft leben und daß außer dem Klassenkampfe keine
Rettung daraus möglich und denkbar ist. In jeder Klassengesellschaft, sie
möge auf der Sklaverei, Leibeigenschaft oder, wie heute, auf der
Lohnsklaverei beruhen, ist die unterdrückende Klasse bewaffnet.
Nicht nur das heutige stehende Heer, sondern auch die heutige
Miliz, die schweizerische auch nicht ausgenommen, ist Bewaffnung der
Bourgeoisie gegen das Proletariat. Ich glaube, diese elementare
Wahrheit nicht beweisen zu brauchen; es genügt, Militäraufgebote während
der Streiks in allen kapitalistischen Ländern zu erwähnen.
Die Bewaffnung der
Bourgeoisie gegen das Proletariat ist eine der größten, kardinalsten,
wichtigsten Tatsachen der heutigen kapitalistischen Gesellschaft. Und
angesichts dieser Tatsache will man den revolutionären Sozialdemokraten
zumuten, sie sollen die „Forderung“ der „Entwaffnung“ aufstellen!
Das wäre eine vollständige Preisgabe des Klassenkampfstandpunktes und
jedes Gedankens an die Revolution. Wir sagen: Bewaffnung des Proletariats
zum Zwecke, die Bourgeoisie zu besiegen, zu expropriieren und zu entwaffnen
– das ist die einzig mögliche Taktik der revolutionären Klasse, eine
Taktik, die durch die ganze objektive Entwicklung des
kapitalistischen Militarismus vorbereitet, fundiert und gelehrt wird. Nur
nachdem das Proletariat die Bourgeoisie entwaffnet hat, kann es, ohne an
seiner weltgeschichtlichen Aufgabe Verrat zu üben, die Waffen zum alten
Eisen werfen, was es auch ganz sicher dann – aber nicht früher
– tun wird.
Und wenn der heutige
Krieg bei reaktionären Sozialpfaffen, bei weinerlichen Kleinbürgern nur
Schrecken, nur Erschrockenheit, nur Abscheu vor Waffengebrauch, Tod, Blut
usw. erzeugt, so sagen wir dagegen: Die kapitalistische Gesellschaft war
und ist immer ein Schrecken ohne Ende. Und wenn jetzt dieser
Gesellschaft durch diesen reaktionärsten aller Kriege ein Ende mit
Schrecken bereitet wird, so haben wir keinen Grund, zu verzweifeln.
Nichts anderes als Ausfluß der Verzweiflung ist objektiv die Predigt, die
„Forderung“ – besser zu sagen: der Traum – von der
„Entwaffnung“ in jetziger Zeit, wenn offen, vor aller Augen der einzig
legitime und revolutionäre Krieg, der Bürgerkrieg gegen die
imperialistische Bourgeoisie, durch diese Bourgeoisie selber vorbereitet
wird.
Wer das für eine
„graue Theorie“, „bloße Theorie“ hält, den erinnern wir an zwei
weltgeschichtliche Tatsachen: an die Rolle der Trusts und der
Fabrikarbeit der Frauen einerseits, an die Kommune 1871 und die
Dezembertage 1905 in Rußland anderseits.
Es ist die Sache der
Bourgeoisie, die Trusts zu fördern, Kinder und Frauen in die Fabriken zu
jagen, sie dort zu martern, zu korrumpieren, unsäglichem Elend
preiszugeben. Wir „unterstützen“ diese Entwicklung nicht, wir
„fordern“ so etwas nicht, wir kämpfen dagegen. Aber wie kämpfen
wir? Wir erklären, die Trusts und die Fabrikarbeit der Frauen sind progressiv.
Wir wollen nicht zurück, zum Handwerk, zum vormonopolistischen
Kapitalismus, zur Hausarbeit der Frauen. Vorwärts über die Trusts usw.
hinaus und durch sie zum Sozialismus.
Das gleiche gilt, mutatis
mutandis [3*]
von der heutigen Militarisierung des Volkes. Heute militarisiert die
imperialistische – und andere – Bourgeoisie nicht nur das ganze Volk,
sondern auch die Jugend. Morgen wird sie meinetwegen die Frauen
militarisieren. Wir antworten darauf: Desto besser! Nur immer schneller
voran – je schneller, desto näher ist der bewaffnete Aufstand gegen den
Kapitalismus. Wie können sich die Sozialdemokraten durch die
Militarisierung der Jugend usw. einschüchtern oder entmutigen lassen,
wenn sie das Beispiel der Kommune nicht vergessen. Es ist doch keine
„Theorie“, kein Traum, sondern Tatsache. Und es wäre wirklich zum
Verzweifeln, wenn die Sozialdemokraten allen ökonomischen und politischen
Tatsachen zum Trotz daran zu zweifeln begännen, daß die imperialistische
Epoche und die imperialistischen Kriege naturnotwendig,
unvermeidlich zur Wiederholung dieser Tatsachen führen müssen.
Es war ein bürgerlicher
Beobachter der Kommune, der im Mai 1871 in einer englischen Zeitung
schrieb: „Wenn die französische Nation nur aus Frauen bestände, was wäre
das für eine schreckliche Nation.“ Die Frauen und die Jugend vom 13.
Jahr an kämpften während der Kommune neben den Männern, und es wird
nicht anders sein in kommenden Kämpfen um die Niederwerfung der
Bourgeoisie. Die proletarischen Frauen werden nicht passiv zusehen, wie
die gut bewaffnete Bourgeoisie die schlecht bewaffneten oder gar nicht
bewaffneten Proletarier niederschießt, sie werden wieder, wie 1871, zu
den Waffen greifen, und aus der heutigen „erschrockenen“ oder
entmutigten Nation – richtiger: aus der heutigen, durch die
Opportunisten mehr als durch die Regierungen desorganisierten
Arbeiterbewegung – wird ganz sicher, früher oder später, aber ganz
sicher ein internationaler Bund „schrecklicher Nationen“ des
revolutionären Proletariats erstehen.
Jetzt durchdringt die
Militarisierung das ganze öffentliche Leben. Die Militarisierung wird
alles. Der Imperialismus ist erbitterter Kampf der Großmächte um Teilung
und Neuteilung der Welt – er muß daher zur weitern
Militarisierung in allen, auch in kleinen, auch in neutralen Ländern führen.
Was sollen die proletarischen Frauen dagegen tun?? Nur jeden Krieg und
alles Militärische verwünschen, nur die Entwaffnung fordern? Niemals
werden sich die Frauen einer unterdrückten Klasse, die revolutionär ist,
mit solcher schändlichen Rolle bescheiden. Sie werden vielmehr ihren Söhnen
sagen:
Du wirst bald groß sein,
man wird dir das Gewehr geben. Nimm es und erlerne gut alles Militärische
– das ist nötig für die Proletarier, nicht um gegen deine Brüder zu
schießen, wie es jetzt in diesem Räuberkriege geschieht und wie dir die
Verräter des Sozialismus raten, sondern um gegen die Bourgeoisie deines
eigenen Landes zu kämpfen, um der Ausbeutung dem Elend und den Kriegen
nicht durch fromme Wünsche, sondern durch das Besiegen der Bourgeoisie
und deren Entwaffnung ein Ende zu bereiten.
Wenn man nicht eine
solche Propaganda und eben eine solche im Zusammenhange mit dem jetzigen
Kriege treiben will, dann höre man gefälligst auf, große Worte von der
internationalen revolutionären Sozialdemokratie, von der sozialen
Revolution, von dem Kriege gegen den Krieg im Munde zu führen.
III Die Anhänger der
Entwaffnung sind gegen die Volksbewaffnung unter anderem auch deshalb,
weil die letztere Forderung leichter zu Konzessionen an den Opportunismus
führen soll. Wir haben das Wichtigste untersucht: das Verhältnis der
Entwaffnung zum Klassenkampfe und zu der sozialen Revolution. Jetzt wollen
wir die Frage des Verhältnisses zum Opportunismus untersuchen. Einer der
wichtigsten Gründe für die Unannehmbarkeit der Forderung der Entwaffnung
besteht eben darin, daß durch diese Forderung und die dadurch
unvermeidlich entstehenden Illusionen unser Kampf gegen den Opportunismus
geschwächt und entkräftet wird.
Kein Zweifel, dieser
Kampf steht auf der Tagesordnung in der Internationale. Der Kampf gegen
den Imperialismus, wenn dieser Kampf nicht unzertrennlich mit dem Kampfe
gegen den Opportunismus verbunden ist, ist hohle Phrase oder ein Betrug.
Einer der Hauptfehler von Zimmerwald und Kienthal [5]
und eine der Hauptursachen des möglichen Fiaskos dieser Keime der dritten
Internationale bestehen eben darin, daß die Frage vom Kampfe gegen den
Opportunismus nicht offen gestellt worden ist, geschweige denn entschieden
im Sinne des unvermeidlichen Bruches mit den Opportunisten. Der
Opportunismus hat – für eine gewisse Zeit – gesiegt in der europäischen
Arbeiterbewegung. In allen größeren Ländern bildeten sich zwei
Hauptschattierungen desselben: erstens der offene, zynische und darum
weniger gefährliche Sozialimperialismus der Plechanows, Scheidemänner,
Legiens usw., Albert Thomas und Sembat, Vandervelde, Hyndman, Henderson
usw.; zweitens der verdeckte kautskyanische: Kautsky-Haase und
„Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft“ [6]
in Deutschland, Longuet, Pressemane, Mayéras usw. in Frankreich, Ramsay
MacDonald und andere Führer der „Unabhängigen Arbeiterpartei“ [7]
in England, Martow, Tschcheidse usw. in Rußland, Treves und andere
sogenannte linke Reformisten in Italien.
Der offene Opportunismus
arbeitet offen und direkt gegen die Revolution und gegen die beginnenden
revolutionären Bewegungen und Ausbrüche, im direkten Bunde mit den
Regierungen, mögen die Formen dieses Bündnisses verschieden sein: von
einer Teilnahme an der Regierung an bis zur Teilnahme an
Kriegsindustriekomitees (in Rußland). [8]
Die verdeckten Opportunisten, die Kautskyaner, sind für die
Arbeiterbewegung viel schädlicher und gefährlicher, weil sie ihre
Verteidigung des Bundes und der „Einigkeit“ mit den ersteren durch
wohlklingende „marxistische“ Worte und „Friedens“losungen
verdecken und plausibel machen. Der Kampf gegen beide Formen des
herrschenden Opportunismus kann nur auf allen Gebieten der
proletarischen Politik geführt werden: parlamentarische Tätigkeit,
Gewerkschaften, Streiks, Wehrfragen usw. Die Haupteigentümlichkeit
aber, die beide Formen des herrschenden Opportunismus
auszeichnet, besteht darin, daß man die konkreten Fragen der
Revolution und die allgemeine Frage vom Zusammenhange des
jetzigen Krieges mit der Revolution verschweigt, vertuscht oder im
Polizeisinne „beantwortet“. Und das – nachdem man unmittelbar vor
diesem Kriege unzählige Male inoffiziell und im Basler Manifest [9] offiziell ganz unzweideutig auf den Zusammenhang eben dieses
kommenden Krieges mit der proletarischen Revolution hingewiesen hatte! Und
der Hauptfehler der Forderung der Entwaffnung ist auch der, daß alle
konkreten Fragen der Revolution dadurch umgangen werden. Oder sind etwa
die Entwaffnungsanhänger für eine ganz neue Art entwaffneter Revolution?
Weiter. Wir sind absolut
nicht gegen den Kampf um Reformen. Wir wollen nicht die unangenehme Möglichkeit
ignorieren, daß die Menschheit im schlimmsten Falle noch einen zweiten
imperialistischen Krieg durchmachen wird, wenn die Revolution trotz den
mehrfachen Ausbrüchen der Massengärung und Massenempörung und trotz
unseren Bemühungen aus diesem Kriege noch nicht geboren wird.
Wir sind Anhänger eines Reformprogrammes, das auch gegen die
Opportunisten gerichtet werden muß. Die Opportunisten wären nur froh,
wenn wir ihnen allein den Kampf um Reformen überließen, uns selbst aber
in ein Wolkenkuckucksheim einer „Entwaffnung“ vor der schlechten
Wirklichkeit drücken. Entwaffnung ist nämlich Flucht aus der schlechten
Wirklichkeit, kein Kampf gegen sie.
In so einem Programm würden
wir etwa sagen: „Die Parole und die Anerkennung der
Vaterlandsverteidigung in dem imperialistischen Kriege 1914-1916 ist nur
Korrumpierung der Arbeiterbewegung durch eine bürgerliche Lüge.“ So
eine konkrete Antwort auf eine konkrete Frage würde theoretisch
richtiger, für das Proletariat viel nützlicher, für die Opportunisten
viel unerträglicher sein als die Forderung der Entwaffnung und die Absage
an „jede“ Landesverteidigung! Und wir könnten hinzufügen: „Die
Bourgeoisie aller imperialistischen Großmächte, Englands, Frankreichs,
Deutschlands, Österreichs, Rußlands, Italiens, Japans, der Vereinigten
Staaten, ist so reaktionär geworden und vom Streben zur Weltbeherrschung
durchdrungen, daß jeder Krieg seitens der Bourgeoisie dieser
Länder nur reaktionär sein kann. Das Proletariat soll nicht nur gegen
jeden solchen Krieg sein, sondern auch die Niederlage ‚seiner‘
Regierung in solchen Kriegen wünschen und zur revolutionären Erhebung
benutzen, wenn eine solche Erhebung zur Verhinderung des Krieges mißlingt.“
Was die Miliz betrifft,
so würden wir sagen: Wir sind nicht für eine bürgerliche, sondern nur für
eine proletarische Miliz. Deshalb keinen Mann und keinen Groschen nicht
nur für das stehende Heer, sondern auch für die bürgerliche Miliz auch
in solchen Ländern wie die Vereinigten Staaten, die Schweiz, Norwegen
usw., um so mehr, als wir selbst in den freiesten republikanischen Staaten
(z.B. in der Schweiz) die fortschreitende Verpreußung der Miliz,
besonders seit 1907 und 1911, und deren Prostituierung zu Militäraufgeboten
gegen die Streiks sehen. Wir können fordern: Wahl der Offiziere durch die
Mannschaften, Abschaffung jeder Militärjustiz, Gleichstellung der ausländischen
Arbeiter mit den einheimischen (besonders wichtig für imperialistische Länder,
die fremde Arbeiter in steigender Zahl, wie z.B. die Schweiz, schamlos
ausbeuten und rechtlos machen), weiter das Recht jeder, sagen wir, hundert
Einwohner des Staates, freie Vereinigungen zur Erlernung des
Kriegshandwerks zu bilden, freie Wahl der Instruktoren, Entschädigung
derselben auf Staatskosten usw. Nur so könnte
das Proletariat alles
Militärische wirklich für sich und nicht für seine
Sklavenhalter erlernen, was absolut in seinem Interesse liegt. Und jeder
Erfolg, sei es auch nur ein Teilerfolg der revolutionären Bewegung –
z.B. Eroberung einer Stadt, eines Industrieortes, eines Teiles der Armee
– wird naturnotwendig, das hat auch die russische Revolution bewiesen,
dazu führen, daß das siegreiche Proletariat eben dieses
Programm zu verwirklichen gezwungen sein wird.
Endlich kann man natürlich
den Opportunismus mit bloßen Programmen niemals besiegen, sondern nur mit
Aktion. Der größte und verhängnisvollste Fehler der zusammengebrochenen
zweiten Internationale bestand darin, daß man Worte und Taten trennte,
Heuchelei und revolutionäre Phrase (siehe das jetzige Verhältnis von
Kautsky und Cie. zum Basler Manifest) gewissenlos förderte. Entwaffnung
als soziale Idee, d.h. eine solche Idee, die von irgendeiner sozialen
Umgebung geboren ist und auf eine soziale Umgebung wirken kann und nicht
nur eine persönliche Schrulle bleibt, entspring offenbar aus den
kleinlichen und ausnahmsweise „ruhigen“ Verhältnissen einiger
Kleinstaaten, die abseits der blutigen Weltstraße des Krieges liegen und
weiter zu liegen hoffen. Man betrachte die Argumentation der norwegischen
Entwaffnungsanhänger: Wir sind klein, unser Heer ist Mein, wir können
nichts gegen Großmächte (und darum auch nichts gegen die gewalttätige
Einbeziehung in einen imperialistischen Bund mit irgendeiner
Gruppe der Großmächte ...) wir wollen ruhig bleiben in unserem Winkel
und Winkelpolitik treiben, wir fordern Entwaffnung, bindende
Schiedsgerichte, „permanente“ (etwa wie für Belgien?) Neutralität
usw.
Kleinstaatliches
Beiseite-sein-Wollen, kleinbürgerliches Streben, von großen Weltkämpfen
fernzubleiben, seine etwaige Monopolstellung zum engherzigen Passivsein
ausnützen – das ist die objektive gesellschaftliche Umgebung,
die der Idee der Entwaffnung einen gewissen Erfolg und Verbreitung in
einigen Kleinstaaten sichern kann. Natürlich ist solches Streben illusionär
und reaktionär, der Imperialismus wird sowieso die Kleinstaaten in den
Wirbel der Weltwirtschaft und der Weltpolitik einbeziehen.
Der Schweiz sind z.B.
durch ihre imperialistische Umgebung zwei Linien der Arbeiterbewegung
objektiv vorgeschrieben: Die Opportunisten streben im Bunde mit der
Bourgeoisie danach, aus der Schweiz einen republikanisch-demokratischen
Verein zum Profitempfangen von den Touristen der imperialistischen
Bourgeoisie zu machen und die „ruhige“ Monopolstellung recht hübsch
und ruhig zu wahren. Wir wirklichen Sozialdemokraten der Schweiz streben
danach, die relative Freiheit und die „internationale“ Lage der
Schweiz dazu auszunützen, um dem engem Bunde der revolutionären Elemente
in den Arbeiterparteien Europas zum Siege zu verhelfen. Die Schweiz
spricht Gott sei Dank keine „selbständige“ Sprache, sondern drei
Weltsprachen, und zwar solche, die in angrenzenden kriegführenden Staaten
gesprochen werden. Wenn 20.000 Mitglieder aus der schweizerischen Partei
zwei Rappen wöchentlich „Extrakriegssteuer“ zahlen – man würde
z.B. 20.000 Franken jährlich bekommen – mehr als genug, um in drei
Sprachen für die Arbeiter und für die Soldaten in kriegführenden Ländern
alles das periodisch zu publizieren, und dem Verbote der Generalstäbe zum
Trotz zu verbreiten, was die Wahrheit enthält: über die beginnende
Erhebung der Arbeiter, deren Verbrüderung in Schützengräben, deren
Aussichten auf revolutionäre Waffenbenutzung gegen die imperialistische
Bourgeoisie ihrer „eigenen“ Länder usw.
Das ist nicht neu. Das
wird eben durch die besten Zeitungen, La Sentinelle, Volksrecht,
Berner Tagwacht [10],
schon gemacht, nur leider in nicht genügendem Maße. Nur durch solche Tätigkeit
kann der schöne Beschluß des Aarauer Parteitages [11]
zu etwas mehr als einem schönen Beschluß gemacht werden. Und es genügt,
die Frage zu stellen: Entspricht dieser Richtung der
sozialdemokratischen Arbeit die „Entwaffnungs“forderung?
Offenbar nicht. Objektiv
entspricht die Entwaffnung der opportunistischen, engnationalen, beschränkt
kleinstaatlichen Linie der Arbeiterbewegung. Objektiv ist die Entwaffnung
das nationalste, das spezifisch nationale Programm der Kleinstaaten, kein
internationales Programm der internationalen revolutionären
Sozialdemokratie.
Anmerkungen
1.
Artikel Das Militärprogramm der proletarischen Revolution wurde
im September 1916 in deutscher Sprache für die Presse der skandinavischen
linken Sozialdemokraten geschrieben, die während des ersten Weltkriegs
gegen den Punkt des sozialdemokratischen Programms „Volksbewaffnung“
auftraten und die falsche Losung der „Entwaffnung“ auf stellten.
Im Dezember 1916 wurde
der Artikel im Sbornik Sozial-Demokrata, Nr.2 in
umgearbeiteter Fassung, betitelt Über die Losung der Entwaffnung,
veröffentlicht. (Siehe Lenin, Werke, deutsche Ausgabe,
Bd.23, S.91-161.)
Im April 1917 übergab
Lenin kurz vor seiner Abreise nach Rußland den ersten, in deutscher
Sprache geschriebenen Artikel der Redaktion der Jugend-Internationale.
Der Artikel wurde 1917 in den Nummern 9 und 10 dieser Zeitschrift veröffentlicht.
Jugend-Internationale
– Organ der internationalen Vereinigung sozialistischer
Jugendorganisationen, die sich der Zimmerwalder Linken angeschlossen
hatte. Die Zeitschrift erschien von September 1915 bis Mai 1918 in Zürich.
Eine Einschätzung der Jugend-Internationale findet sich
in der Notiz Jugend-Internationale. (Siehe Lenin, Werke,
deutsche Ausgabe, Bd.23, S.163-7.)
2.
Gemeint sind die Thesen zur Militärfrage, die R. Grimm, einer der Führer
der schweizerischen Sozialdemokratischen Partei, im Sommer 1916 im
Zusammenhang mit der Vorbereitung zu dem außerordentlichen Parteitag der
Sozialdemokratischen Partei der Schweiz ausgearbeitet haue. Der Parteitag
war ursprünglich für Februar 1917 angesetzt und sollte über die
Stellung der Schweizer Sozialisten zum Krieg entscheiden.
3.
Neues Leben – Organ der Sozialdemokratischen Partei der
Schweiz; erschien in Bern von Januar 1915 bis Dezember 1917. Die
Zeitschrift vertrat die Ansichten der rechten Zimmerwalder; Anfang 1917
bezog sie eine sozialchauvinistische Position.
4.
Siehe Marx/Engels, Werke, deutsche Ausgabe, Bd.35, S.358.
5.
Gemeint sind die internationalen sozialistischen Konferenzen der
Internationalisten in Zimmerwald und Kienthal (Schweiz).
Die erste
Internationale Sozialistische Konferenz fand in Zimmerwald vom 5.-8.
September 1915 statt. In der Konferenz kam es zu einer Auseinandersetzung
zwischen den revolutionären Internationalisten mit Lenin an der Spitze
und der kautskyanischen Mehrheit. Lenin bildete aus den linken
Internationalisten die Zimmerwalder Linke, in der nur die Partei der
Bolschewiki die einzig richtige, bis zu Ende konsequente
internationalistische Position gegen den Krieg einnahm.
Die Konferenz nahm ein
Manifest an, das den Weltkrieg als imperialistischen Krieg
charakterisierte; sie verurteilte die Haltung der Sozialisten die für die
Kriegskredite gestimmt hatten und sich an bürgerlichen Regierungen
beteiligten; sie forderte die Arbeiter Europas auf zum Kampf gegen den
Krieg, für einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen.
Die Konferenz nahm ferner
eine Sympathie-Erklärung für die Opfer des Krieges an und wählte die
Internationale Sozialistische Kommission.
Über die Bedeutung der
Zimmerwalder Konferenz siehe die Artikel Lenins Ein erster Schritt
und Die revolutionären Marxisten auf der Internationalen
Sozialistischen Konferenz vom 5.-8. September 1915. (Siehe Lenin, Werke,
deutsche Ausgabe, Bd.21, S.389-95 u. 396-400.)
Die zweite
internationale Sozialistische Konferenz tagte vom 24-30. April 1916
in Kienthal. In dieser Konferenz war der linke Flügel geschlossener und
stärker als auf der Konferenz in Zimmerwald. Lenin erreichte die Annahme
einer Resolution, die Kritik am Sozialpazifismus und an der
opportunistischen Tätigkeit des Internationalen Sozialistischen Büros übte.
Das Manifest und die Resolutionen, die in Kienthal angenommen wurden,
bedeuteten einen Fortschritt in der Entwicklung der internationalen
Bewegung gegen den Krieg.
Die Zimmerwalder und die
Kienthaler Konferenz trugen zur Herausbildung und Vereinigung der
internationalistischen Elemente bei, stellten aber die Frage des Kampfes
gegen den Opportunismus nicht offen auf, bezogen keinen konsequent
internationalistischen Standpunkt und nahmen die wichtigsten Leitsätze
der Politik der Bolschewiki – Umwandlung des imperialistischen Krieges
in den Bürgerkrieg, Niederschlagung der eigenen imperialistischen
Regierungen im Krieg, Organisierung der III. Internationale – nicht an.
6.
Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft – Organisation der
deutschen Zentristen, die im März 1916 von Reichstagsabgeordneten, die
sich von der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion abgespaltet hatten,
gebildet wurde. Diese Gruppe wurde zum Kern der 1917 gegründeten
zentristischen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die
die offenen Sozialchauvinisten rechtfertigte und für die
Aufrechterhaltung der Einheit mit ihnen eintrat.
7.
Unabhängige Arbeiterpartei (ILP – Independent Labour Party)
wurde 1893 gegründet. An der Spitze der Partei standen James Keir Hardie,
R. MacDonald und andere. Sie war in Wirklichkeit „unabhängig nur vom
Sozialismus, aber sehr abhängig vom Liberalismus“ (Siehe Lenin, Werke,
deutsche Ausgabe, Bd.8, S.352). Während des ersten Weltkriegs trat die
Unabhängige Arbeiterpartei zunächst mit einem Manifest gegen den Krieg
hervor (13. August 1914), später hingegen, in der Londoner Konferenz der
Sozialisten der Entente-Länder im Februar 1915, stimmten die Unabhängigen
der in dieser Konferenz angenommenen sozialchauvinistischen Resolution zu.
Seitdem standen die sich mit pazifistischen Phrasen tarnenden Führer der
Unabhängigen auf den Positionen des Sozialchauvinismus. Nach der Gründung
der Kommunistischen Internationale im Jahre 1919 beschlossen die Führer
der Unabhängigen Arbeiterpartei unter dem Druck der linken Massen der
Parteimitglieder den Austritt aus der II. Internationale. 1921 traten die
Unabhängigen der sogenannten zweieinhalbten Internationale bei und
schlossen sich 1923 wieder der II. Internationale an.
8.
Die Kriegsindustriekomitees wurden 1915 in Rußland von der
imperialistischen Großbourgeoisie gebildet. Die Bourgeoisie, der es darum
zu tun war, die Arbeiter zu beeinflussen und ihnen die
Vaterlandsverteidigung schmackhaft zu machen, kam auf die Idee, bei diesen
Komitees „Arbeitergruppen“ zu bilden. Für die Bourgeoisie war es von
Vorteil, für diese Gruppen solche Vertreter der Arbeiter zu gewinnen, die
unter der Arbeiterschaft für die Erhöhung der Arbeitsproduktivität in
den Rüstungsbetrieben agitieren würden. Die Menschewiki beteiligten sich
aktiv an diesem von der Bourgeoisie ins Leben gerufenen
pseudopatriotischen Unternehmen. Die Bolschewiki erklärten den
Kriegsindustriekomitees den Boykott und führten ihn mit Unterstützung
der Mehrheit der Arbeiter erfolgreich durch.
9.
Basler Manifest – das Manifest über den Krieg, das auf dem außerordentlichen
Kongreß der II. Internationale, der am 24. und 25. November 1912 in Basel
(Schweiz) stattfand, einstimmig angenommen wurde. Das Manifest verwies auf
die räuberischen Ziele des drohenden imperialistischen Krieges und rief
die Arbeiter aller Länder auf, einen energischen Kampf gegen den Krieg zu
führen. Für den Fall des Ausbruchs eines imperialistischen Krieges
empfahl das Manifest den Sozialisten, die ökonomische und politische
Krise, die durch den Krieg hervorgerufen werden würde, für den Kampf um
die sozialistische Revolution auszunützen.
Die Führer der II.
Internationale, Kautsky, Vandervelde u. a., hatten auf dem Kongreß für
das Manifest gestimmt. Aber als 1914 der imperialistische Weltkrieg
ausbrach, ließen sie das Basler Manifest in Vergessenheit geraten und
stellten sich auf die Seite ihrer imperialistischen Regierungen.
10.
La Sentinelle (Die Schildwache) – Organ
der sozialdemokratischen Organisation des Kantons Neuchätel (französische
Schweiz); gegründet 1884 in La Chaux-de-Fonds. In den ersten Jahren des
ersten Weltkriegs stand die Zeitung auf der Seite der Internationalisten.
Am 13. November 1914 veröffentlichte sie in Nr.265 in gekürzter Fassung
das Manifest des ZK der SDAPR, Der Krieg und die russische
Sozialdemokratie. (Siehe Lenin, Werke, deutsche
Ausgabe, Bd.21, S.11-21.)
Volksrecht
– Organ der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und des Kantons Zürich;
erschien seit 1898 in Zürich. Im ersten Weltkrieg veröffentlichte die
Zeitung Artikel der linken Zimmerwalder und u. a. Lenins Artikel Zwölf
kurze Thesen über H. Greulichs Verteidigung der Landesverteidigung, Über
die Aufgaben der SDAPR in der russischen Revolution und Die
Machenschaften der republikanischen Chauvinisten. Später war die
Zeitung antikommunistisch eingestellt.
Berner
Tagwacht – Organ der Sozialdemokratischen Partei der
Schweiz, das 1893 in Bern gegründet wurde. Zu Beginn des ersten
Weltkriegs wurden in dieser Zeitung Artikel von Karl Liebknecht, Franz
Mehring und anderen linken Sozialdemokraten veröffentlicht. 1917 begann
die Zeitung offen die Sozialchauvinisten zu unterstützen. Sie ist später
antikommunistisch orientiert.
11.
Gemeint ist der Parteitag der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz in
Aarau, der am 20. und 21. November 1915 stattfand. Einen zentralen Platz
in der Tagesordnung des Parteitags nahm die Stellung der Schweizer
Sozialdemokratie zu der Zimmerwalder Vereinigung der Internationalisten
ein. Um diese Frage entspann sich ein Kampf der drci Richtungen in der
Schweizer Sozialdemokratie: 1. der Antizimmerwalder (Greulich, Pflüger
u.a.), 2. der Anhänger der Zimmerwalder Rechten (Grimm u.a.) und 3. der
Anhänger der Zimmerwalder Linken (Platten u.a.).
R. Grimm brachte eine
Resolution ein, in der die Sozialdemokratische Partei der Schweiz
aufgefordert wurde, sich der Zimmerwalder Vereinigung anzuschließen und
die politische Linie der rechten Zimmerwalder zu billigen. Die Schweizer
linken Sozialdemokraten brachten zu Grimms Resolution einen Abänderungsantrag
ein, in welchem die Entfaltung eines revolutionären Massenkampfes gegen
den Krieg als notwendig erkannt und erklärt wurde, daß nur die
siegreiche Revolution des Proletariats dem imperialistischen Krieg ein
Ende bereiten kann.
Mit Stimmenmehrheit nahm
der Parteitag den Abänderungsantrag der Linken an.
Fußnoten der Redaktion
1*. Junius – Pseudonym Rosa Luxemburgs.
2*. Galliffet – französischer General, berüchtigt
wegen der brutalen Abrechnung mit den Teilnehmern der Pariser Kommune im
Jahre 1871.
3*. mit den nötigen Änderungen.
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| „Ich
bin kein kapitalistischer Soldat; ich bin ein
proletarischer Revolutionär. Ich gehöre nicht zur regulären Armee
der Plutokratie, wohl aber zur irregulären Armee des Volkes. Ich
verweigere den Gehorsam, in den Krieg zu gehen für die Interessen
der Kapitalistenklasse. Ich bin gegen jeden Krieg außer einem
Kriege. Für diesen Krieg
stehe ich mit meiner ganzen Seele, und das ist der Weltkrieg für
die soziale Revolution. An diesem Kriege bin ich bereit
teilzunehmen, wenn die herrschenden Klassen einen Krieg überhaupt
notwendig machen wollen.“
Eugene Debs |
Wladimir
Iljitsch Lenin zum Krieg:
Rede
auf der internationalen Kundgebung in Bern, 8. Februar 1916
Nach
dem deutschsprachigen Text der „Berner Tagwacht“ Nr. 33; 9. Februar
1916
Parteigenossen!
Seit mehr als anderthalb Jahren wütet der europäische Krieg. Und mit
jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Tage des Krieges wird es für die
Arbeitermassen immer klarer, daß das Zimmerwalder Manifest die Wahrheit
gesagt hatte, als es sagte, daß die Phrasen von der
„Vaterlandsverteidigung“ und dergleichen nichts als Betrug der
Kapitalisten sind. Mit jedem Tage wird es klarer, daß es der
Krieg der Kapitalisten ist, der großen Räuber, die darüber
streiten, welcher von ihnen mehr Beute bekommen soll, mehr Länder
berauben, mehr Nationen unterdrücken und unterjochen soll.
Es
klingt unwahrscheinlich, besonders für schweizerische Genossen, es ist
aber doch wahr, daß auch bei uns in Rußland nicht nur der blutige
Zarismus, nicht nur die Kapitalisten, sondern auch ein Teil der
angeblichen oder der gewesenen Sozialisten davon spricht, daß Rußland
einen „Verteidigungskrieg“ führt, daß Rußland nur gegen die
deutsche Invasion kämpft. Es ist aber in Wirklichkeit der ganzen Welt
bekannt, daß der Zarismus seit Jahrzehnten mehr als hundert Millionen
fremder Völker in Rußland selbst unterjocht, daß Rußland seit
Jahrzehnten die Raubpolitik gegen China, Persien, Armenien, Galizien
betrieben hat. Weder Rußland
noch Deutschland, noch irgendeine andere Großmacht können vom
„Verteidigungskrieg“ sprechen;
alle Großmächte führen einen imperialistischen, einen kapitalistischen
Krieg, einen Raubkrieg, einen Krieg zur Unterjochung kleiner und fremder Völker,
einen Krieg zum Nutzen der Profite der Kapitalisten, die jetzt aus den
furchtbaren Leiden der Massen, aus dem Blute der Proletarier das rote Gold
ihrer Milliardenprofite schlagen.
Vor
vier Jahren, als es schon klar wurde, daß der Krieg kommt, sammelten sich
die Vertreter der Sozialisten der ganzen Welt zum Internationalen
Sozialistenkongreß in Basel im November 1912. Es war schon kein Zweifel
darüber, daß der kommende Krieg ein Krieg zwischen den Großmächten,
zwischen den großen Räubern sein wird, daß die Schuld am Kriege die
Regierungen und die Kapitalistenklasse aller Großmächte tragen.
Und das Basler Manifest, das einstimmig von den sozialistischen
Parteien der ganzen Welt angenommen wurde, sprach diese Wahrheit offen
aus. Das Baseler Manifest erwähnt mit keinem einzigen Wort den
„Verteidigungskrieg“, die Vaterlandsverteidigung“. Es
geißelt die Regierungen und die Bourgeoisie aller Großmächte
ohne Ausnahme. Es sagt offen, daß der Krieg das größte
Verbrechen sein wird, daß die Arbeiter es als Verbrechen ansehen,
aufeinander zu schießen, daß die furchtbaren Schrecken des Krieges, die
Empörung der Arbeiter dagegen zu einer proletarischen Revolution
mit Notwendigkeit führen muß.
Als
der Krieg wirklich kam, da sah man, daß der Charakter dieses Krieges in
Basel richtig beurteilt worden war. Aber die Sozialisten- und
Arbeiterorganisationen folgten nicht einmütig dem Basler Beschlusse,
sondern spalteten sich. In allen Ländern der Welt sehen wir jetzt die
Sozialisten- und Arbeiterorganisationen in zwei große Lager geteilt. Der
kleinere Teil - namentlich die Führer, die Funktionäre, die Beamten -
hat den Sozialmus verraten und sich auf die Seite der Regierungen
gestellt. Der andere Teil - zu dem die bewußten Arbeitermassen gehören -
fährt fort, die Kräfte zu sammeln und gegen den Krieg für eine
proletarische Revolution zu arbeiten
Die
Ansichten dieses zweiten Teiles haben ihren Ausdruck unter anderem im
Zimmerwalder Manifest gefunden.
Bei
uns in Rußland führten seit dem Beginn des Krieges die Arbeiterdeputierten
in der Duma einen entschiedenen revolutionären Kampf gegen den Krieg und
gegen die Zarenmonarchie. Die fünf Arbeiterdeputierten, Petrowski,
Badajew, Muranow, Schagow und Samoilow, verbreiteten revolutionäre
Aufrufe gegen den Krieg und betrieben eifrig revolutionäre Agitation. Der
Zarismus hat diese fünf Deputierten verhaften lassen, vor Gericht
gestellt und zur lebenslänglichen Verschickung nach Sibirien verurteilt.
Seit Monaten schmachten jetzt in Sibirien die Führer der Arbeiterklasse
Rußlands. Aber ihr Werk ist nicht zerstört, ihre Arbeit wird in
demselben Sinne von klassenbewußten Arbeitern in ganz Rußland fortgeführt.
Parteigenossen!
Sie haben hier die Vertreter verschiedener Länder gehört, die Ihnen vom
revolutionären Kampfe der Arbeiter gegen den Krieg sprachen. Ich will nur
noch das Beispiel des größten und reichsten neutralen Landes zitieren, nämlich
der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Kapitalisten dieses Landes
schlagen jetzt enorme Profite aus dem europäischen Kriege. Und sie
agitieren auch für den Krieg. Sie sagen, Amerika solle sich ebenfalls zur
Teilnahme an dem Kriege vorbereiten, Hunderte von Millionen Dollar sollen
auf Kosten des Volkes aufgetrieben werden zu neuen Rüstungen und Rüstungen
ohne Ende. Und ein Teil der Sozialisten folgt auch in Amerika diesem betrügerischen,
diesem verbrecherischen Rufe. Aber ich will ihnen vorlesen, was der populärste
Führer der amerikanischen Sozialisten, der Kandidat der sozialistischen
Partei in Amerika auf den Posten des Präsidenten der Republik, Genosse Eugene
Debs, schreibt:
In
der amerikanischen Zeitung „Appeal to Reason“ vom 12. September 1915
sagt er: „Ich bin kein
kapitalistischer Soldat; ich bin ein proletarischer Revolutionär. Ich gehöre
nicht zur regulären Armee der Plutokratie, wohl aber zur irregulären
Armee des Volkes. Ich verweigere den Gehorsam, in den Krieg zu gehen für
die Interessen der Kapitalistenklasse. Ich bin gegen jeden Krieg außer einem
Kriege. Für diesen Krieg stehe
ich mit meiner ganzen Seele, und das ist der Weltkrieg für die soziale
Revolution. An diesem Kriege bin ich bereit teilzunehmen, wenn die
herrschenden Klassen einen Krieg überhaupt notwendig machen wollen.“
So
schreibt an die amerikanischen Arbeiter ihr geliebter Führer, der
amerikanische Bebel, Genosse Eugene Debs.
Und
das beweist Ihnen, Parteigenossen, abermals, daß wirklich in allen Ländern
der Welt die Sammlung von Kräften der Arbeiterklasse sich vorbereitet. Die
Schrecknisse und Leiden des Volkes im Kriege sind furchtbar. Aber wir dürfen
nicht, wir haben keinen Grund, mit Verzweiflung in die Zukunft zu schauen.
Nicht
umsonst werden Millionen von Opfern im Kriege und wegen des Krieges
fallen. Die Millionen, die darben, die Millionen, die da in Schützengräben
ihr Leben opfern, sie leiden nicht nur, sie sammeln auch Kräfte, sie
denken über die wahren Ursachen des Krieges nach, sie stählen ihren
Willen, sie kommen zu immer klarerer und klarerer revolutionärer
Einsicht. Der wachsende Unwille der Massen, die wachsende Gärung,
Streiks, Demonstrationen, Proteste gegen den Krieg dies alles geht in allen
Ländern der Welt vor sich. Und
das gibt uns die Gewähr , daß nach dem europäischen Kriege die
proletarische Revolution gegen den Kapitalismus kommen wird.
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GESCHICHTE
DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION
(BOLSCHEWIKI)
KAPITEL
VI
Die Partei der
Bolschewiki in der Periode des imperialistischen Krieges. Die zweite
Revolution in Russland
(1914 bis März 1917)
3
Theorie und Taktik der
bolschewistischen Partei in den Fragen des Krieges, des Friedens und der
Revolution
Die
Bolschewiki waren keine einfachen Pazifisten (Friedensanhänger), die rührselig
nach Frieden seufzen und sich auf Friedenspropaganda beschränken, wie das
die meisten linken Sozialdemokraten taten. Die Bolschewiki waren für
einen aktiven revolutionären Kampf um den Frieden bis zum Sturz der Macht
der kriegslüsternen imperialistischen Bourgeoisie. Die Bolschewiki
verbanden die Sache des Friedens mit der Sache des Sieges der
proletarischen Revolution; sie hielten für das sicherste Mittel zur
Beendigung des Krieges und zur Erreichung eines gerechten Friedens, eines
Friedens ohne Annexionen und Kontributionen, den Sturz der Macht der
imperialistischen Bourgeoisie.
Der
menschewistischen und sozialrevolutionären Absage an die Revolution, der
verräterischen Losung von der Einhaltung des „Burgfriedens“ während
des Krieges stellten die Bolschewiki die Losung der „Umwandlung des
imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg“ entgegen. Diese
Losung bedeutete, dass die Werktätigen, darunter die in den Soldatenrock
gesteckten bewaffneten Arbeiter und Bauern, die Gewehre gegen ihre eigene
Bourgeoisie kehren und deren Macht stürzen müssen, wenn sie den Krieg
loswerden und einen gerechten Frieden erreichen wollen.
Der
menschewistischen und sozialrevolutionären Politik der Verteidigung des bürgerlichen
Vaterlandes stellten die Bolschewiki die Politik der „Niederlage der
eigenen Regierung im imperialistischen Kriege“ entgegen. Dies
bedeutete, dass es notwendig ist, gegen die Kriegskredite zu stimmen,
illegale revolutionäre Organisationen in der Armee zu schaffen, die Verbrüderung
der Soldaten an der Front zu unterstützen und revolutionäre Aktionen der
Arbeiter und Bauern gegen den Krieg zu organisieren, um diese Aktionen in
den Aufstand gegen die eigene imperialistische Regierung überzuleiten.
Die
Bolschewiki waren der Meinung, dass im imperialistischen Krieg die militärische
Niederlage der zaristischen Regierung für das Volk das geringste Übel wäre,
denn sie würde den Sieg des Volkes über den Zarismus und den
erfolgreichen Kampf der Arbeiterklasse für die Befreiung von
kapitalistischer Sklaverei und imperialistischen Kriegen erleichtern.
Hierbei vertrat Lenin die Auffassung, dass die Politik der Niederlage der
eigenen imperialistischen Regierung nicht nur von den russischen
Revolutionären, sondern von den revolutionären Parteien der
Arbeiterklasse aller kriegführenden Länder durchgeführt werden
müsse.
Die
Bolschewiki waren nicht gegen jeden Krieg. Sie waren nur gegen
den Eroberungskrieg, gegen den imperialistischen Krieg. Die Bolschewiki
waren der Meinung, dass es zwei Arten von Kriegen gibt:
a)
einen gerechten Krieg, der kein Eroberungskrieg, sondern ein
Befreiungskrieg ist, der das Ziel hat, entweder das Volk gegen einen äußeren
Überfall und gegen Unterjochungsversuche zu verteidigen, oder das Ziel
der Befreiung des Volkes von der Sklaverei des Kapitalismus, oder endlich
das Ziel der Befreiung der Kolonien und abhängigen Länder vom Joche der
Imperialisten, und
b)
einen ungerechten, einen Eroberungskrieg, der das Ziel hat,
fremde Länder zu erobern, fremde Völker zu versklaven.
Einen
Krieg der ersten Art unterstützten die Bolschewiki. Was den Krieg der
zweiten Art betrifft, so waren die Bolschewiki der Auffassung, dass man
gegen ihn einen entschiedenen Kampf bis zur Revolution und bis zum Sturz
der eigenen imperialistischen Regierung führen muss.
Gewaltige
Bedeutung für die Arbeiterklasse der ganzen Welt hatten Lenins
theoretische Arbeiten während der Kriegszeit. Im Frühjahr 1916 schrieb
Lenin das Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des
Kapitalismus“. Lenin zeigte in diesem Buch, dass der Imperialismus das höchste
Stadium des Kapitalismus ist, in welchem dieser bereits aus dem
„fortschrittlichen“ Kapitalismus umgeschlagen ist in den parasitären
Kapitalismus, in den faulenden Kapitalismus, dass der Imperialismus
sterbender Kapitalismus ist. Dies bedeutete natürlich nicht, dass der
Kapitalismus von selbst absterben werde, ohne die Revolution des
Proletariats, dass er, faul bis ins Mark, von selbst ein-stürzen werde.
Lenin hat immer gelehrt, dass es ohne die Revolution der Arbeiterklasse
unmöglich ist, den Kapitalismus zu stürzen. Darum wies Lenin, als er den
Imperialismus als sterbenden Kapitalismus bezeichnete, in diesem Buche
zugleich nach, dass der „Imperialismus der Vorabend der sozialen
Revolution des Proletariats ist“.
Lenin
zeigte, dass das kapitalistische Joch in der Epoche des Imperialismus
immer schwerer wird, dass unter den Bedingungen des Imperialismus die Empörung
des Proletariats gegen die Grundlagen des Kapitalismus wächst, dass sich
innerhalb der kapitalistischen Länder Elemente einer revolutionären
Explosion anhäufen.
Lenin
zeigte, dass sich in der Epoche des Imperialismus die revolutionäre Krise
in den kolonialen und abhängigen Ländern verschärft, dass die Kräfte
der Empörung gegen den Imperialismus, dass die Elemente des
Befreiungskrieges gegen den Imperialismus anwachsen.
Lenin
zeigte, dass sich unter den Bedingungen des Imperialismus die Ungleichmäßigkeit
der Entwicklung und die Widersprüche des Kapitalismus besonders verschärft
haben, dass der Kampf um die Märkte für Warenabsatz und Kapitalausfuhr,
der Kampf um Kolonien, um Rohstoffquellen - periodische imperialistische
Kriege um eine Neuaufteilung der Welt unvermeidlich macht.
Lenin
zeigte, dass es gerade infolge dieser Ungleichmäßigkeit der Entwicklung
des Kapitalismus zu imperialistischen Kriegen kommt, die die Kräfte des
Imperialismus schwächen und es möglich machen, die Front des
Imperialismus an dem Punkt zu durchbrechen, der sich als der schwächste
erweist.
Auf
Grund von alledem kam Lenin zu der Schlussfolgerung, dass die
Durchbrechung der imperialistischen Front durch das Proletariat an
irgendeiner Stelle oder einigen Stellen durchaus möglich ist, dass der
Sieg des Sozialismus ursprünglich in einigen Ländern oder sogar in einem
einzeln genommenen Lande möglich ist, dass der gleichzeitige
Sieg des Sozialismus in allen Ländern infolge der Ungleichmäßigkeit der
Entwicklung des Kapitalismus in diesen Ländern - unmöglich ist,
dass der Sozialismus vorerst in einem Lande oder einigen Ländern siegen
wird, während die übrigen Länder für eine gewisse Zeit bürgerliche Länder
bleiben werden.
Hier
die Formulierung, die Lenin dieser genialen Schlussfolgerung in zwei
verschiedenen, in der Periode des imperialistischen Krieges geschriebenen
Artikeln gegeben hat:
1.
„Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung
ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg
des Sozialismus ursprünglich in wenigen kapitalistischen Ländern oder
sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche
Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und
nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen,
der kapitalistischen Welt entgegenstellen und würde die unterdrückten
Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen ...“ (Aus dem Artikel
„über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“, geschrieben im
August 1915.) (Lenin, Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I,
S.753.)
2.
„Die Entwicklung des Kapitalismus geht in den verschiedenen Ländern höchst
ungleichmäßig vor sich. Anders kann es auch nicht sein bei der
Warenproduktion. Daher die unumgängliche Schlussfolgerung: der
Sozialismus kann nicht gleichzeitig in allen Ländern siegen. Er wird
vorerst in einem Lande oder einigen Ländern siegen, die übrigen aber
werden für eine gewisse Zeit bürgerlich oder vorbürgerlich bleiben. Das
muss nicht nur Reibungen hervorrufen, sondern auch das direkte Bestreben
der Bourgeoisie anderer Länder, das siegreiche Proletariat des
sozialistischen Staates niederzuwerfen. In diesen Fällen wäre ein Krieg
von unserer Seite rechtmäßig und gerecht. Dies wäre ein Krieg für den
Sozialismus, für die Befreiung anderer Völker von der Bourgeoisie.“ (Aus
dem Artikel „Das Militärprogramm
der proletarischen Revolution“, geschrieben im Herbst 1916.) (Lenin,
Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 878.)
Das
war eine neue, eine abgeschlossene Theorie der sozialistischen
Revolution, eine Theorie von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus
in einzelnen Ländern, von den Bedingungen seines Sieges, von den
Perspektiven seines Sieges, eine Theorie, die Lenin in ihrem Grundriss
schon im Jahre 1905 in der Broschüre „Zwei Taktiken der
Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ dargelegt hatte.
Sie
unterschied sich von Grund aus von der Konzeption, die bei den Marxisten
in der Periode des vorimperialistischen Kapitalismus im Schwange
war, als die Marxisten der Meinung waren, dass der Sieg des Sozialismus in
irgendeinem einzelnen Lande unmöglich sei, dass der Sieg des Sozialismus
in allen zivilisierten Ländern gleichzeitig erfolgen werde. Lenin hat auf
Grund der vorhandenen Daten über den imperialistischen
Kapitalismus, die er in seinem vortrefflichen Buch „Der Imperialismus
als höchstes Stadium des Kapitalismus“ darlegte, diese Konzeption als
veraltet verworfen, sie umgekehrt, und eine neue theoretische Konzeption
aufgestellt, die den gleichzeitigen Sieg des Sozialismus in allen Ländern
als unmöglich ansieht, den Sieg des Sozialismus in einem einzeln
genommenen kapitalistischen Lande hingegen als möglich
anerkennt.
Die
unabschätzbare Bedeutung der Leninschen Theorie der sozialistischen
Revolution besteht nicht nur darin, dass sie den Marxismus um eine neue
Theorie bereichert und ihn weitergeführt hat. Ihre Bedeutung besteht auch
noch darin, dass sie den Proletariern der einzelnen Länder eine
revolutionäre Perspektive gibt, ihre Initiative für den Ansturm gegen
die eigene nationale Bourgeoisie auslöst, sie lehrt, die Kriegssituation
zur Organisierung eines solchen Ansturms auszunutzen, und ihren Glauben an
den Sieg der proletarischen Revolution festigt.
Das
war die theoretische und taktische Einstellung der Bolschewiki zu den
Fragen des Krieges, des Friedens und der Revolution.
Auf
Grund dieser Einstellung führten die Bolschewiki ihre praktische Arbeit
in Russland durch.
Trotz
grausamer Polizeiverfolgungen unternahmen die Dumadeputierten - die
Bolschewiki Badajew, Petrowski, Muranow, Samoilow und Schagow - zu Anfang
des Krieges eine Rundreise durch eine Reihe von Organisationen und hielten
Referate über die Stellung der Bolschewiki zum Kriege und zur Revolution.
Im November 1914 wurde eine Beratung der bolschewistischen Fraktion der
Reichsduma zur Erörterung der Frage der Stellung zum Kriege veranstaltet.
Am dritten Tage wurden sämtliche Teilnehmer dieser Beratung verhaftet.
Das Gericht verurteilte alle Deputierten zur Aberkennung der Rechte und
zur Verbannung nach Ostsibirien. Die zaristische Regierung beschuldigte
die bolschewistischen Deputierten der Reichsduma des „Hochverrats“.
Vor
Gericht entrollte sich ein Bild der Tätigkeit der Dumadeputierten, das
unserer Partei Ehre machte. Die bolschewistischen Deputierten benahmen
sich vor dem zaristischen Gericht mutig und verwandelten es in eine Tribüne
zur Entlarvung der Eroberungspolitik des Zarismus.
Anders
benahm sich der in diesem Prozess mitangeklagte Kamenew. Infolge seiner
Feigheit sagte er sich schon bei der ersten Gefahr von der Politik der
bolschewistischen Partei los. Kamenew erklärte vor Gericht, dass er mit
den Bolschewiki in der Frage des Krieges nicht einverstanden sei, und bat,
zum Beweise dessen den Menschewik Jordanski als Zeugen vorzuladen.
Große
Arbeit leisteten die Bolschewiki gegen die Kriegsindustriekomitees, die
mit der Kriegsversorgung beschäftigt waren, und gegen die Versuche der
Menschewiki, die Arbeiter dem Einfluss der imperialistischen Bourgeoisie
zu unterwerfen. Die Bourgeoisie hatte ein Lebensinteresse daran, den
imperialistischen Krieg vor der Allgemeinheit als einen Krieg des ganzen
Volkes hinzustellen. Die Bourgeoisie erlangte während des Krieges durch
die Schaffung ihrer allrussischen Organisation, der Semstwo- und Stadtverbände,
großen Einfluss auf die Staatsangelegenheiten. Notwendig war es für sie,
auch die Arbeiter ihrer Führung, ihrem Einfluss zu unterwerfen. Die
Bourgeoisie ersann hierfür ein Mittel - die Schaffung von
„Arbeitergruppen“ bei den Kriegsindustriekomitees. Die Menschewiki
griffen diese Idee der Bourgeoisie auf. Es war für die Bourgeoisie
vorteilhaft, in diese Kriegsindustriekomitees Arbeitervertreter
hineinzuziehen, die unter den Arbeitermassen für die Notwendigkeit einer
Erhöhung der Arbeitsproduktivität in den Munition, Geschütze, Gewehre,
Patronen herstellenden Fabriken und anderen Rüstungsbetrieben agitieren
sollten. „Alles für den Krieg, alles in den Krieg“, das war die
Losung der Bourgeoisie. In Wirklichkeit bedeutete diese Losung:
„Bereichere dich, was das Zeug hält, an den Kriegslieferungen und an
dem Raub fremder Territorien.“ Die Menschewiki nahmen aktiv an dieser
pseudopatriotischen, von der Bourgeoisie eingefädelten Sache teil. Sie
halfen den Kapitalisten durch gesteigerte Agitation für die Teilnahme der
Arbeiter an der Wahl von „Arbeitergruppen“ bei den
Kriegsindustriekomitees. Die Bolschewiki waren gegen diese Mache. Sie
waren für den Boykott der Kriegsindustriekomitees und führten diesen
Boykott erfolgreich durch. Ein Teil der Arbeiter jedoch nahm trotzdem an
der Tätigkeit der Kriegsindustriekomitees unter Leitung des bekannten
Menschewiks Gwosdew und des Provokateurs Abrossimow teil. Als jedoch die
Arbeiterbevollmächtigten im September 1915 zwecks endgültiger Wahl der
„Arbeitergruppen“ der Kriegsindustriekomitees zusammentraten, da
stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Bevollmächtigten gegen die
Beteiligung an diesen war. Die Mehrheit der Arbeitervertreter nahm eine
scharfe Resolution gegen die Beteiligung an den Kriegsindustriekomitees an
und erklärte, dass die Arbeiter sich die Aufgabe stellen, für den
Frieden, für den Sturz des Zarismus zu kämpfen.
Große
Arbeit entfalteten die Bolschewiki auch in Armee und Flotte. Sie erklärten
den Massen der Soldaten und Matrosen, wer an den unerhörten Greueln des
Krieges und den Leiden des Volkes schuld ist, sie machten ihnen klar, dass
die Revolution für das Volk der einzige Ausweg aus dem imperialistischen
Gemetzel ist. Die Bolschewiki schufen Zellen in Armee und Flotte, an der
Front und in der Etappe, und verbreiteten Flugblätter mit Aufrufen gegen
den Krieg.
In
Kronstadt schufen die Bolschewiki das „Hauptkollektiv der Kronstädter
Militärorganisation“, das mit dem Petrograder Parteikomitee enge
Verbindung unterhielt. Beim Petrograder Parteikomitee wurde eine militärische
Organisation zur Arbeit in der Garnison geschaffen. Im August 1916 meldete
der Leiter der Petrograder Geheimpolizei, dass in dem „Kronstädter
Kollektiv die Sache sehr ernst, konspirativ betrieben wird und dass die
Teilnehmer lauter verschwiegene und vorsichtige Leute sind. Auch an Land
hat dieses Kollektiv seine Vertreter“.
Die
Partei betrieb an der Front Agitation für die Verbrüderung zwischen den
Soldaten der kriegführenden Armeen und hob hervor, dass der Feind die
Weltbourgeoisie ist und dass man den Krieg nur durch Umwandlung des
imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg beendigen kann, dadurch,
dass man die Gewehre gegen seine eigene Bourgeoisie und ihre Regierung
richtet. Immer mehr häuften sich die Fälle, dass einzelne Truppenteile
sich weigerten, zum Angriff vorzugehen. Solche Tatsachen waren schon 1915
und besonders 1916 zu verzeichnen.
Besonders
große Arbeit entfalteten die Bolschewiki in den Armeen der Nordfront im
Ostseegebiet. Der Oberbefehlshaber der Nordfront General Russki erstattete
Anfang 1917 im Instanzenwege Meldung über die gewaltige revolutionäre
Arbeit, die die Bolschewiki an dieser Front entfaltet hatten.
Der
Krieg bedeutete den größten Umschwung im Leben der Völker, im Leben der
internationalen Arbeiterklasse. Er setzte das Schicksal der Staaten, das
Schicksal der Völker, das Schicksal der sozialistischen Bewegung auf eine
Karte. Darum war er zugleich der Prüfstein, die Probe für alle Parteien
und Strömungen, die sich sozialistisch nannten. Bleiben diese Parteien
und Strömungen der Sache des Sozialismus, der Sache des
Internationalismus treu, oder werden sie es vorziehen, die Arbeiterklasse
zu verraten, ihre Banner einzurollen und sie der eigenen, der nationalen
Bourgeoisie zu Füßen zu legen? So stand damals die Frage.
Der
Krieg zeigte, dass die Parteien der II. Internationale die Probe nicht
bestanden, dass sie die Arbeiterklasse verrieten und vor der eigenen
nationalen, imperialistischen Bourgeoisie die Banner einzogen.
Diese
Parteien konnten auch nicht anders handeln, sie, die in ihrer Mitte den
Opportunismus groß gezüchtet hatten und in der Praxis der Zugeständnisse
an die Opportunisten, an die Nationalisten erzogen waren.
Der
Krieg zeigte, dass die Partei der Bolschewiki die einzige Partei war, die
die Prüfung in Ehren bestand und der Sache des Sozialismus, der Sache des
proletarischen Internationalismus bis zu Ende treu blieb.
Das
ist auch verständlich: nur eine Partei von neuem Typus, nur eine im
Geiste des unversöhnlichen Kampfes gegen den Opportunismus erzogene
Partei, nur eine von Opportunismus und Nationalismus freie Partei, nur
eine solche Partei konnte die große Prüfung bestehen und der Sache der
Arbeiterklasse, der Sache des Sozialismus und des Internationalismus, treu
bleiben.
Die
bolschewistische Partei war gerade eine solche Partei.
siehe
auch |