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I.
In welchem Sinne kann man von der internationalen Bedeutung der
russischen Revolution sprechen?
In den ersten Monaten nach der Eroberung der politischen
Macht durch das Proletariat in Rußland (25.Oktober/7.November 1917)
konnte es scheinen, daß infolge der ungeheuren Unterschiede zwischen
dem rückständigen Rußland und den fortgeschrittenen westeuropäischen
Ländern die Revolution des Proletariats in diesen Ländern der unsern
sehr wenig ähnlich sein werde. Jetzt liegt uns bereits eine recht beträchtliche
internationale Erfahrung vor, die mit voller Bestimmtheit erkennen läßt,
daß einige Grundzüge unserer Revolution nicht örtliche, nicht
spezifische nationale, nicht ausschließlich russische, sondern
internationale Bedeutung haben. Ich spreche hier von internationaler
Bedeutung nicht im weiten Sinne des Wortes: Im Sinne der Einwirkung
unserer Revolution auf alle Länder sind nicht einige, sondern alle ihre
Grundzüge und viele ihrer sekundären Züge von internationaler
Bedeutung. Nein, ich spreche davon im engsten Sinne des Wortes, d.h.,
versteht man unter internationaler Bedeutung, daß das, was bei uns
geschehen ist, internationale Geltung hat oder sich mit historischer
Unvermeidlichkeit im internationalen Maßstab wiederholen wird, so muß
man einigen Grundzügen unserer Revolution eine solche Bedeutung
zuerkennen.
Natürlich wäre es ein großer Fehler, diese Wahrheit zu übertreiben
und sie auf mehr als einige Grundzüge unserer Revolution auszudehnen.
Ebenso wäre es verfehlt, außer acht zu lassen, daß nach dem Sieg der
proletarischen Revolution, sei es auch nur in einem der
fortgeschrittenen Länder, aller Wahrscheinlichkeit nach ein jäher
Umschwung eintreten, daß nämlich Rußland bald danach nicht mehr ein
vorbildliches, sondern wieder ein (im „sowjetischen“ und im
sozialistischen Sinne) rückständiges Land sein wird.
Aber im gegebenen historischen Zeitpunkt liegen die Dinge nun einmal so,
daß das russische Vorbild allen Ländern etwas, und zwar etwas überaus
Wesentliches aus ihrer unausweichlichen und nicht fernen Zukunft zeigt.
Die fortgeschrittenen Arbeiter aller Länder haben das längst begriffen
– noch häufiger freilich haben sie es nicht so sehr begriffen als
vielmehr mit dem Instinkt der revolutionären Klasse erfaßt, empfunden.
Daher die internationale „Bedeutung“ (im engen Sinne des Wortes) der
Sowjetmacht und ebenso der Grundlagen der bolschewistischen Theorie und
Taktik. Nicht begriffen haben das die „revolutionären“ Führer der
II. Internationale vom Schlage Kautskys in Deutschland, Otto Bauers und
Friedrich Adlers in Österreich, die sich deshalb auch als Reaktionäre,
als Verteidiger des schlimmsten Opportunismus und Sozialverrats erwiesen
haben. Unter anderem zeigt die 1919 in Wien anonym erschienene Broschüre
„Weltrevolution“ (Sozialistische Bücherei, Heft 11, bei Ignaz
Brand) besonders anschaulich den ganzen Gedankengang und den ganzen
Gedankenkreis, richtiger gesagt, den ganzen Abgrund von Unverstand,
Pedanterie, Gemeinheit und Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse
und das alles unter der Marke „Verteidigung der Idee der
'Weltrevolution'„.
Aber auf diese Broschüre werden wir ein andermal ausführlicher zurückkommen
müssen. Hier wollen wir nur noch eines hervorheben. In den längst
vergangenen Zeiten, als Kautsky noch ein Marxist war und kein Renegat,
ging er an die Frage als Historiker heran und sah voraus, daß eine
Situation eintreten könne, in welcher der Revolutionismus des
russischen Proletariats zum Vorbild für Westeuropa werden würde. Das
war im Jahre 1902, als Kautsky in der revolutionären 'Iskra' den
Artikel „Die Slawen und die Revolution“ veröffentlichte. Man lese,
was er in diesem Artikel schrieb:
»Heute [im Gegensatz zum Jahre 1848] scheint es jedoch, als seien die
Slawen nicht bloß in die Reihe der revolutionären Völker eingetreten,
sondern als verschiebe sich der Schwerpunkt des revolutionären Denkens
und Wirkens immer mehr nach den Slawen zu. Das revolutionäre Zentrum
wandert von West nach Ost. In der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts
war es in Frankreich, zeitweise in England, 1848 trat auch Deutschland
in die Reihe der revolutionären Nationen ein ... Das neue Jahrhundert
jedoch beginnt unter Erscheinungen, die den Gedanken nahe legen, daß
wir einer weiteren Verschiebung des revolutionären Zentrums
entgegengehen, und zwar einer Verschiebung nach Rußland hin ... Rußland,
das so viele revolutionäre Anregungen von dem Westen empfangen, ist
vielleicht jetzt daran, auch seinerseits revolutionäre Anregungen zu
geben. Das Aufflammen der russischen revolutionären Bewegung wird
vielleicht das kraftvollste Mittel sein, jenen Geist des weichlichen
Philistertums und kühlen Staatsmannstums zu bannen, der in unseren
Reihen sich breitzumachen beginnt, und die Leidenschaften des Kampfes
und der Begeisterung für unsere großen Ideale wieder hoch emporlodern
zu lassen. Rußland hat längst aufgehört, für Westeuropa ein bloßer
Hort der Reaktion und des Absolutismus zu sein. Das Verhältnis kehrt
sich jetzt vielmehr um. Westeuropa wird der Hort der Reaktion und des
Absolutismus in Rußland ... Mit dem Zaren wären die Revolutionäre Rußlands
vielleicht schon längst fertig geworden, wenn sie nicht gleichzeitig
gegen seinen Bundesgenossen zu kämpfen hätten, das europäische
Kapital. Hoffentlich gelingt es ihnen diesmal, beide Feinde
niederzuringen, so daß deren unheilige Allianz rascher zusammenbricht
als ihre Vorgängerin. Aber wie immer der jetzige Kampf in Rußland
enden möge, das Blut und das Lebensglück der Märtyrer, das er leider
nur zu reichlich fordern dürfte, wird nicht umsonst dahingegeben
werden. Es wird die Saat der sozialen Umwälzung in der ganzen
zivilisierten Welt befruchten und sie reicher und rascher in die Halme
schießen lassen. Die Slawen waren 1848 der eisige Frost, der die Blüten
des Völkerfrühlings tötete. Vielleicht ist es ihnen beschieden, nun
zum Föhnsturm zu werden, der das Eis der Reaktion zum Bersten bringt
und einen neuen, glücklichen Völkerfrühling mit Macht herbeiführt.«
(Karl Kautsky, „Die Slawen und die Revolution“, 'lskra', russische
sozialdemokratische revolutionäre Zeitung, Nr. 18 vom 10. März 1902.) [2]
Wie gut schrieb Karl Kautsky doch vor 18 Jahren!
zurück
II. Eine der Grundbedingungen des Erfolges der Bolschewiki
Sicherlich sieht jetzt schon fast jeder, daß die Bolschewiki die Macht
keine 2½ Monate, geschweige denn 2½ Jahre hätten behaupten können
ohne die strengste, wahrhaft eiserne Disziplin in unserer Partei, ohne
die vollste und grenzenlose Unterstützung der Partei durch die gesamte
Masse der Arbeiterklasse, d.h. durch alle denkenden, ehrlichen,
selbstlosen, einflußreichen Menschen dieser Klasse, die fähig sind,
die rückständigen Schichten zu führen oder mit sich fortzureißen.
Die Diktatur des Proletariats ist der aufopferungsvollste und
schonungsloseste Krieg der neuen Klasse gegen einen mächtigeren Feind,
gegen die Bourgeoisie, deren Widerstand sich durch ihren Sturz (sei es
auch nur in einem Lande) verzehnfacht und deren Macht nicht nur in der
Stärke des internationalen Kapitals, in der Stärke und Festigkeit der
internationalen Verbindungen der Bourgeoisie besteht, sondern auch in
der Macht der Gewohnheit, in der Stärke der Kleinproduktion. Denn
Kleinproduktion gibt es auf der Welt leider noch sehr, sehr viel; die
Kleinproduktion aber erzeugt unausgesetzt, täglich, stündlich,
elementar und im Massenumfang Kapitalismus und Bourgeoisie. Aus allen
diesen Gründen ist die Diktatur des Proletariats notwendig, und der
Sieg über die Bourgeoisie ist unmöglich ohne einen langen, hartnäckigen,
erbitterten Krieg auf Leben und Tod, einen Krieg, der Ausdauer,
Disziplin, Festigkeit, Unbeugsamkeit und einheitlichen Willen erfordert.
Ich wiederhole, die Erfahrungen der siegreichen Diktatur des
Proletariats in Rußland haben denen, die nicht zu denken verstehen oder
nicht in die Lage kamen, über diese Frage nachzudenken, deutlich
gezeigt, daß unbedingte Zentralisation und strengste Disziplin des
Proletariats eine der Hauptbedingungen für den Sieg über die
Bourgeoisie sind.
Davon wird häufig gesprochen. Es wird aber lange nicht genug darüber
nachgedacht, was das bedeutet, unter welchen Bedingungen das möglich
ist. Sollte man nicht lieber die der Sowjetmacht und den Bolschewiki
gezollten Beifallskundgebungen häufiger mit einer sehr ernsten Analyse
der Ursachen verknüpfen, die bewirkten, daß die Bolschewiki die für
das revolutionäre Proletariat notwendige Disziplin schaffen konnten?
Als Strömung des politischen Denkens und als politische Partei besteht
der Bolschewismus seit dem Jahre 1903. Nur die Geschichte des
Bolschewismus in der ganzen Zeit seines Bestehens vermag befriedigend zu
erklären, warum er imstande war, die für den Sieg des Proletariats
notwendige eiserne Disziplin zu schaffen und sie unter den schwierigsten
Verhältnissen aufrechtzuerhalten.
Und da taucht vor allem die Frage auf: wodurch wird die Disziplin der
revolutionären Partei des Proletariats aufrechterhalten? wodurch wird
sie kontrolliert? wodurch gestärkt? Erstens durch das Klassenbewußtsein
der proletarischen Avantgarde und ihre Ergebenheit für die Revolution,
durch ihre Ausdauer, ihre Selbstaufopferung, ihren Heroismus. Zweitens
durch ihre Fähigkeit, sich mit den breitesten Massen der Werktätigen,
in erster Linie mit den proletarischen, aber auch mit den
nichtproletariscben werktätigen Massen zu verbinden, sich ihnen anzunähern,
ja, wenn man will, sich bis zu einem gewissen Grade mit ihnen zu
verschmelzen. Drittens durch die Richtigkeit der politischen Führung,
die von dieser Avantgarde verwirklicht wird, durch die Richtigkeit ihrer
politischen Strategie und Taktik, unter der Bedingung, daß sich die
breitesten Massen durch eigene Erfahrung von dieser Richtigkeit überzeugen.
Ohne diese Bedingungen kann in einer revolutionären Partei, die
wirklich fähig ist, die Partei der fortgeschrittenen Klasse zu sein,
deren Aufgabe es ist, die Bourgeoisie zu stürzen und die ganze
Gesellschaft umzugestalten, die Disziplin nicht verwirklicht werden.
Ohne diese Bedingungen werden die Versuche, eine Disziplin zu schaffen,
unweigerlich zu einer Fiktion, zu einer Phrase, zu einer Farce. Diese
Bedingungen können aber anderseits nicht auf einmal entstehen. Sie
werden nur durch langes Bemühen, durch harte Erfahrung erarbeitet; ihre
Erarbeitung wird erleichtert durch die richtige revolutionäre Theorie,
die ihrerseits kein Dogma ist, sondern nur in engem Zusammenhang mit der
Praxis einer wirklichen Massenbewegung und einer wirklich revolutionären
Bewegung endgültige Gestalt annimmt.
Wenn der Bolschewismus in den Jahren 1917-1920 unter unerhört schweren
Bedingungen die strengste Zentralisation und eine eiserne Disziplin
schaffen und erfolgreich verwirklichen konnte, so liegt die Ursache dafür
ganz einfach in einer Reihe historischer Besonderheiten Rußlands.
Einerseits ist der Bolschewismus im Jahre 1903 auf der festen Grundlage
der marxistischen Theorie entstanden. Daß aber diese – und nur diese
– revolutionäre Theorie richtig ist, haben nicht nur die
internationalen Erfahrungen des ganzen 19. Jahrhunderts, sondern
insbesondere auch die Erfahrungen mit den Irrungen und Wirrungen, mit
den Fehlern und Enttäuschungen des revolutionären Denkens in Rußland
bewiesen. Im Laufe ungefähr eines halben Jahrhunderts, etwa von den
vierziger und bis zu den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts,
suchte das fortschrittliche Denken in Rußland, unter dem Joch des unerhört
barbarischen und reaktionären Zarismus, begierig nach der richtigen
revolutionären Theorie und verfolgte mit erstaunlichem Eifer und
Bedacht jedes „letzte Wort“ Europas und Amerikas auf diesem Gebiet.
Den Marxismus als die einzig richtige revolutionäre Theorie hat sich Rußland
wahrhaft in Leiden errungen, durch ein halbes Jahrhundert unerhörter
Qualen und Opfer, beispiellosen revolutionären Heldentums,
unglaublicher Energie und hingebungsvollen Suchens, Lernens, praktischen
Erprobens, der Enttäuschungen, des Überprüfens, des Vergleichens mit
den Erfahrungen Europas. Dank dem vom Zarismus aufgezwungenen
Emigrantenleben verfügte das revolutionäre Rußland in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts über eine solche Fülle von internationalen
Verbindungen, aber eine so vortreffliche Kenntnis aller Formen und
Theorien der revolutionären Bewegung der Welt wie kein anderes Land auf
dem Erdball.
Anderseits hatte der Bolschewismus, der auf dieser granitnen
theoretischen Grundlage entstanden war, eine fünfzehnjährige
(1903-1917) praktische Geschichte hinter sich, die an Reichtum der
Erfahrung nicht ihresgleichen kennt. Denn kein anderes Land hatte in
diesen 15 Jahren auch nur annähernd soviel durchgemacht an revolutionärer
Erfahrung, an rapidem und mannigfaltigem Wechsel der verschiedenen
Formen der Bewegung: der legalen und illegalen, der friedlichen und stürmischen,
der unterirdischen und offenen, der Zirkelarbeit und der Massenarbeit,
der parlamentarischen und der terroristischen Form der Bewegung. In
keinem anderen Lande war in einem so kurzen Zeitraum ein solcher
Reichtum an Formen, Schattierungen und Methoden des Kampfes aller
Klassen der modernen Gesellschaft konzentriert gewesen, und zwar eines
Kampfes, der infolge der Rückständigkeit des Landes und des schweren
Jochs des Zarismus besonders schnell heranreifte und sich besonders
begierig und erfolgreich das entsprechende „letzte Wort“ der
amerikanischen und europäischen politischen Erfahrungen zu eigen
machte.
III. Die Hauptetappen in der Geschichte des Bolschewismus
Die Jahre der Vorbereitung der Revolution (1903-1905). Überall ist das
Nahen des großen Sturmes zu spüren. In allen Klassen Gärung und
Vorbereitung. Die Emigrantenpresse im Ausland wirft theoretisch eilig
Grundfragen der Revolution auf. Die Vertreter der drei Hauptklassen, der
drei wichtigsten politischen Strömungen – der bürgerlich-libera!en,
der kleinbürgerlich-demokratischen (die sich hinter den Aushängeschildern
der „sozial-demokratischen“ und der „sozial-revolutionären“
Richtung verbirgt) und der proletarisch-revolutionären -, nehmen im äußerst
erbitterten Kampf der programmatischen und taktischen Auffassungen den
kommenden offenen Kampf der Klassen vorweg und bereiten ihn vor. Alle
Fragen, um derentwillen der bewaffnete Kampf der Massen in den Jahren
1905-1907 und 1917-1920 geführt wurde, kann (und soll) man, in ihrer
Keimform, an Hand der damaligen Presse verfolgen. Und zwischen den drei
Hauptrichtungen gibt es natürlich eine Unmenge Zwischen-, Übergangs–
und Halbgebilde. Richtiger: im Kampf der Presseorgane, Parteien,
Fraktionen und Gruppen kristallisieren sich jene ideologischen und
politischen Richtungen heraus, die wirklich klassenmäßig bestimmt
sind; die Klassen schmieden sich die nötigen ideologischen und
politischen Waffen für die kommenden Schlachten.
Die Jahre der Revolution (1905-1907). Alle Klassen treten offen auf.
Alle programmatischen und taktischen Auffassungen werden durch die
Aktion der Massen erprobt. Streikkämpfe von nie dagewesener Ausdehnung
und Heftigkeit. Hinüberwachsen des wirtschaftlichen Streiks in den
politischen und des politischen Streiks in den Aufstand. Praktische
Erprobung der Wechselbeziehungen zwischen dem führenden Proletariat und
der zu führenden, schwankenden, unbeständigen Bauernschaft. In der
elementaren Entwicklung des Kampfes entsteht die Organisationsform der
Sowjets. Die damaligen Auseinandersetzungen über die Bedeutung der
Sowjets nehmen den großen Kampf von 1917 bis 1920 vorweg. Der Wechsel
der parlamentarischen und der außerparlamentarischen Kampfformen, der
Taktik des Boykotts des Parlamentarismus und der Taktik der Beteiligung
am Parlamentarismus, der legalen und der illegalen Kampfformen sowie
ihre gegenseitigen Beziehungen und Zusammenhänge – alles das zeichnet
sich durch einen erstaunlichen Reichtum des lnhalts aus. Jeder Monat
dieser Periode kam, was die Unterweisung der Massen wie der Führer, der
Klassen wie der Parteien in den Grundkenntnissen der politischen
Wissenschaft betrifft, einem Jahr „friedlicher“
„konstitutioneller“ Entwicklung gleich. Ohne die „Generalprobe“
von 1905 wäre der Sieg der Oktoberrevolution 1917 nicht möglich
gewesen.
Die Jahre der Reaktion (1907-1910). Der Zarismus hat gesiegt. Alle
revolutionären und oppositionellen Parteien sind geschlagen.
Niedergang, Demoralisation, Spaltungen, Zerfahrenheit, Renegatentum,
Pornographie an Stelle der Politik. Verstärkter Hang zum
philosophischen Idealismus; Mystizismus als Hülle konterrevolutionärer
Stimmungen. Gleichzeitig aber erteilt gerade die große Niederlage den
revolutionären Parteien und der revolutionären Klasse eine wirkliche
und überaus nützliche Lektion, eine Lektion in geschichtlicher
Dialektik, eine Lektion über das Verständnis, die Fähigkeit und die
Kunst, den politischen Kampf zu führen. Freunde erkennt man im Unglück.
Geschlagene Armeen lernen gut.
Der siegreiche Zarismus ist gezwungen, die Überreste der vorbürgerlichen,
patriarchalischen Lebensformen in Rußland in beschleunigtem Tempo zu
zerstören. Die bürgerliche Entwicklung Rußlands schreitet erfreulich
rasch vorwärts. Die Illusionen, daß man außerhalb der Klassen, über
den Klassen stehen könne, die Illusionen, daß es möglich sei, den
Kapitalismus zu vermeiden, zerstieben wie Spreu im Winde. Der
Klassenkampf tritt auf ganz neue Art und um so deutlicher in
Erscheinung.
Revolutionäre Parteien müssen stets zulernen. Sie haben gelernt
anzugreifen. Jetzt gilt es zu begreifen, daß diese Wissenschaft ergänzt
werden muß durch die Wissenschaft, wie man sich richtig zurückzieht.
Es gilt zu begreifen – und die revolutionäre Klasse lernt aus eigener
bitterer Erfahrung begreifen – daß man nicht siegen kann, wenn man
nicht gelernt hat, richtig anzugreifen und sich richtig zurückzuziehen.
Von allen geschlagenen oppositionellen und revolutionären Parteien
haben sich die Bolschewiki in größter Ordnung zurückgezogen, mit
geringsten Verlusten für ihre „Armee“, bei größter Erhaltung
ihres Kerns, unter geringsten Spaltungen (ihrer Tiefe und Unheilbarkeit
nach), geringster Demoralisation und größter Fähigkeit, die Arbeit möglichst
umfassend, richtig und energisch wiederaufzunehmen. Und die Bolschewiki
haben das nur erreicht, weil sie die Revolutionäre der Phrase
schonungslos entlarvten und davonjagten, die nicht begreifen wollten, daß
man den Rückzug antreten und es verstehen muß, den Rückzug durchzuführen,
daß man unbedingt lernen muß, selbst in den reaktionärsten
Parlamenten, in den reaktionärsten Gewerkschaften, Genossenschaften,
Versicherungskassen und ähnlichen Organisationen legal zu arbeiten.
Die Jahre des Aufschwungs (1910-1914). Anfänglich vollzog sich der
Aufschwung unglaublich langsam, später, nach den Ereignissen an der
Lena im Jahre 1912, etwas schneller. Unter Überwindung unerhörter
Schwierigkeiten drängten die Bolschewiki die Menschewiki zurück, deren
Rolle als bürgerliche Agenten in der Arbeiterbewegung von der gesamten
Bourgeoisie nach 1905 ausgezeichnet verstanden wurde und die deshalb von
der gesamten Bourgeoisie auf tausendfache Art und Weise gegen die
Bolschewiki unterstützt wurden. Den Bolschewiki wäre es jedoch niemals
gelungen, das zu erreichen, hätten sie nicht die richtige Taktik
angewandt, die illegale Arbeit mit unbedingter Ausnutzung der „legalen
Möglichkeiten“ zu verbinden. In der erzreaktionären Duma eroberten
die Bolschewiki die ganze Arbeiterkurie.
Der erste imperialistische Weltkrieg (1914-1917). Der legale
Parlamentarismus leistet der Partei des revolutionären Proletariats,
den Bolschewiki, infolge des Umstands, daß das „Parlament“ äußerst
reaktionär ist, überaus nützliche Dienste. Die bolschewistischen
Deputierten wandern nach Sibirien. In unserer Emigrantenpresse kommen
alle Schattierungen der Auffassungen des Sozialimperialismus, des
Sozialchauvinismus, des Sozialpatriotismus, des inkonsequenten und des
konsequenten Internationalismus, des Pazifismus und der revolutionären
Ablehnung der pazifistischen Illusionen voll zum Ausdruck. Die gelehrten
Dummköpfe und alten Weiber der II. Internationale, die über die
Unmenge von „Fraktionen“ im russischen Sozialismus und über den
erbitterten Kampf unter ihnen verächtlich und hochmütig die Nase gerümpft
hatten, waren, als der Krieg sie in allen fortgeschrittenen Ländern der
vielgepriesenen „Legalität“ beraubte, unfähig, auch nur annähernd
einen so freien (illegalen) Meinungsaustausch und eine so freie
(illegale) Herausarbeitung der richtigen Auffassungen zu organisieren,
wie das die russischen Revolutionäre in der Schweiz und in einer Reihe
anderer Länder getan haben. Gerade deshalb haben sich sowohl die
offenen Sozialpatrioten als auch die „Kautskyaner“ aller Länder als
die schlimmsten Verräter des Proletariats erwiesen. Und wenn der
Bolschewismus in den Jahren 1917-1920 zu siegen vermochte, so liegt eine
der Hauptursachen dieses Sieges darin, daß der Bolschewismus die Widerwärtigkeit,
Schändlichkeit und Niedertracht des Sozialchauvinismus und des „Kautskyanertums“
(dem die Richtung Longuets [3] in
Frankreich, die Ansichten der Führer der Unabhängigen Arbeiterpartei [4]
und der Fabier [5] in England,
Turatis in Italien usw. entsprechen) bereits seit Ende 1914 schonungslos
entlarvte, die Massen aber sich nachher durch eigene Erfahrung immer
mehr davon überzeugten, daß die Auffassungen der Bolschewiki richtig
waren.
Die zweite Revolution in Rußland (von Februar bis Oktober 1917). Der
unglaublich überalterte und überlebte Zarismus hatte (mit Hilfe der
Schläge und Lasten des äußerst qualvollen Krieges) eine ungeheure
Kraft der Zerstörung erzeugt, die sich gegen ihn richtete. In wenigen
Tagen verwandelte sich Rußland in eine demokratische bürgerliche
Republik, die – unter den Verhältnissen des Krieges – freier war
als ein beliebiges anderes Land der Welt. Die Regierung wurde nun –
wie in den ausgesprochen „streng parlamentarischen“ Republiken –
von den Führern der oppositionellen und revolutionären Parteien
gebildet, wobei der Ruf, Führer einer Oppositionspartei im Parlament,
und sei es auch in dem allerreaktionärsten Parlament, gewesen zu sein,
es einem solchen Führer erleichterte, später eine Rolle in der
Revolution zu spielen.
Die Menschewiki und die „Sozialrevolutionäre“ eigneten sich in
wenigen Wochen alle Methoden und Manieren, alle Argumente und Sophismen
der europäischen Helden der II. Internationale, der Ministerialisten
und des sonstigen opportunistischen Gelichters vortrefflich an. Alles,
was wir jetzt über die Scheidemänner und Noske, über Kautsky und
Hilferding, über Renner und Austerlitz, über Otto Bauer und Fritz
Adler, über Turati und Longuet, über die Fabier und die Führer der
Unabhängigen Arbeiterpartei in England lesen, alles das scheint uns
eine langweilige WiederhoIung, ein Nachleiern bekannter und alter
Melodien zu sein (und ist es in der Tat). Alles das haben wir schon bei
den Menschewiki gesehen. Die Geschichte hat sich einen Scherz erlaubt
und die Opportunisten eines rückständigen Landes genötigt, den
Opportunisten einer Reihe von fortgeschrittenen Ländern zuvorzukommen.
Wenn alle die Helden der II. Internationale Bankrott erlitten und sich
in der Frage nach der Bedeutung und Rolle der Sowjets und der
Sowjetmacht blamiert haben, wenn sich in dieser Frage die Führer der
drei jetzt aus der II. Internationale ausgetretenen sehr wichtigen
Parteien (nämlich der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands [6], der französischen
Longuetisten und der englischen Unabhängigen Arbeiterpartei) besonders
„glänzend“ blamiert und verheddert haben, wenn sie alle sich als
SkIaven der Vorurteile der kleinbürgerlichen Demokratie (ganz im Geiste
der Kleinbürger von 1848, die sich „Sozial-Demokraten“ nannten)
erwiesen haben, so haben wir das alles schon am Beispiel der Menschewiki
gesehen. Die Geschichte hat sich den Scherz erlaubt, daß in Rußland
1905 Sowjets entstanden, daß sie von Februar bis Oktober 1917 von den
Menschewiki verfäIscht wurden, die Bankrott machten, weil sie die Rolle
und Bedeutung der Sowjets nicht zu begreifen vermochten, und daß
nunmehr die Idee der Sowjetmacht in der ganzen Welt geboren worden ist
und sich mit unerhörter Schnelligkeit unter dem Proletariat aller Länder
verbreitet, wobei die alten Helden der II. Internationale infolge ihrer
Unfähigkeit, die Rolle und Bedeutung der Sowjets zu begreifen, überall
ebenso Bankrott machen wie unsere Menschewiki. Die Erfahrung hat
bewiesen, daß in einigen sehr wesentlichen Fragen der proletarischen
Revolution alle Länder unvermeidlich dasselbe werden durchmachen müssen,
was Rußland durchgemacht hat.
Ihren siegreichen Kampf gegen die parlamentarische (faktisch) bürgerliche
Republik und gegen die Menschewiki haben die Bolschewiki sehr vorsichtig
begonnen und gar nicht so einfach vorbereitet – entgegen den
Auffassungen, die man jetzt mitunter in Europa und Amerika antrifft. Zu
Beginn der erwähnten Periode forderten wir nicht zum Sturz der
Regierung auf, sondern schafften Klarheit darüber, daß ihr Sturz ohne
vorherige Veränderungen in der Zusammensetzung und Stimmung der Sowjets
unmöglich ist. Wir proklamierten nicht den Boykott des bürgerlichen
Parlaments, der Konstituante, sondern sagten – seit der Aprilkonferenz
(1917) unserer Partei sagten wir es offiziell im Namen der Partei -, daß
eine bürgerliche Republik mit einer Konstituante besser ist als eine
solche Republik ohne Konstituante, daß aber eine „Arbeiter– und
Bauernrepublik“, eine Sowjetrepublik, besser ist als jedwede bürgerlich-demokratische,
parlamentarische Republik. Ohne diese vorsichtige, gründliche,
umsichtige und langwierige Vorbereitung hätten wir weder den Sieg im
Oktober 1917 erringen noch diesen Sieg behaupten können.
IV. Im Kampf mit welchen Feinden innerhalb der Arbeiterbewegung hat
sich der Bolschewismus entwickelt, gekräftigt und gestählt?
Erstens und hauptsächlich im Kampf gegen den Opportunismus, der sich
1914 endgültig zum Sozialchauvinismus auswuchs, der endgültig auf die
Seite der Bourgeoisie überging und sich gegen das Proletariat wandte.
Das war natürlich der Hauptfeind des Bolschewismus innerhalb der
Arbeiterbewegung. Dieser Feind bleibt auch der Hauptfeind im
internationalen Maßstab. Diesem Feind hat der Bolschewismus stets die
größte Aufmerksamkeit gewidmet und tut es auch heute. Über diese
Seite der Tätigkeit der Bolschewiki ist man jetzt auch im Ausland schon
ziemlich gut unterrichtet.
Etwas anderes muß von einem anderen Feind des Bolschewismus innerhalb
der Arbeiterbewegung gesagt werden. Im Ausland ist es noch allzu wenig
bekannt, daß sich der Bolschewismus entwickelt, formiert und gestählt
hat im langjährigen Kampf gegen den kleinbürgerlichen
Revolutionarismus, der dem Anarchismus ähnelt oder manches von ihm
entlehnt und der in allem, aber auch allem Wesentlichen von den
Bedingungen und Erfordernissen des konsequenten proletarischen
Klassenkampfes abweicht. Theoretisch gilt es für Marxisten als durchaus
feststehend und durch die Erfahrungen aller europäischen Revolutionen
und revolutionären Bewegungen vollauf bestätigt, daß der Kleineigentümer,
der Kleinbesitzer (ein sozialer Typus, der in vielen europäischen Ländern
sehr weit, ja massenhaft verbreitet ist), weil er unter dem Kapitalismus
ständiger Unterdrückung und sehr oft einer unglaublich krassen und
raschen Verschlechterung der Lebenshaltung und dem Ruin ausgesetzt ist,
leicht in extremen Revolutionarismus verfällt, aber nicht fähig ist,
Ausdauer, Organisiertheit, Disziplin und Standhaftigkeit an den Tag zu
legen. Der durch die Schrecken des Kapitalismus „wild gewordene“
Kleinbürger ist eine soziale Erscheinung, die ebenso wie der
Anarchismus allen kapitalistischen Ländern eigen ist. Die Unbeständigleit
dieses Revolutionarismus, seine Unfruchtbarkeit, seine Eigenschaft,
schnell in Unterwürfigkeit, Apathie und Phantasterei umzuschlagen, ja
sich von dieser oder jener bürgerlichen Modeströmung bis zur
„Tollheit“ fortreißen zu lassen – all das ist allgemein bekannt.
Aber die theoretische, abstrakte Anerkennung dieser Wahrheiten bewahrt
die revolutionären Parteien noch keineswegs vor den alten Fehlern, die
stets aus unerwarteten Anlässen, in etwas neuer Form, in früher noch
nicht gekannter Verhüllung oder Umgebung, unter originellen – mehr
oder weniger originellen – Umständen auftreten.
Der Anarchismus war nicht selten eine Art Strafe für die
opportunistischen Sünden der Arbeiterbewegung. Beide Auswüchse ergänzten
einander. Und wenn der Anarchismus in Rußland, obwohl der Anteil des
Kleinbürgertums an der Bevölkerung größer ist als in den westeuropäischen
Ländern, während der beiden Revolutionen (1905 und 1917) und während
der Vorbereitung zu ihnen einen verhältnismäßig geringfügigen Einfluß
ausübte, so muß das zweifellos zum Teil dem Bolschewismus als
Verdienst angerechnet werden, der stets den rücksichtslosesten und
unversöhnlichsten Kampf gegen den Opportunismus geführt hat. Ich sage
„zum Teil', denn von noch größerer Bedeutung für die Schwächung
des Anarchismus in Rußland war der Umstand, daß er in der
Vergangenheit (in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts) die Möglichkeit
hatte, sich ungewöhnlich üppig zu entfalten und seine Unrichtigkeit,
seine Untauglichkeit als führende Theorie der revolutionären Klasse
restlos zu offenbaren.
Der Bolschewismus hat bei seiner Entstehung 1903 die Tradition des
schonungslosen Kampfes gegen den kleinbürgerlichen, halbanarchistischen
(oder zum Liebäugeln mit dem Anarchismus neigenden) Revolutionarismus
übernommen. Diese Tradition ist stets in der revolutionären
Sozialdemokratie lebendig gewesen und hat sich bei uns in den Jahren
1900 bis 1903, als das Fundament der Massenpartei des revolutionären
Proletariats in Rußland gelegt wurde, besonders gefestigt. In drei
Hauptpunkten nahm der Bolschewismus den Kampf auf gegen die Partei, die
am meisten die Tendenzen des kleinbürgerlichen Revolutionarismus verkörperte,
nämlich gegen die Partei der „Sozialrevolutionäre“, und setzte
diesen Kampf fort. Erstens wollte (oder richtiger wohl: konnte) diese
Partei, die den Marxismus ablehnte, durchaus nicht begreifen, daß es
notwendig ist, vor jeder politischen Aktion die Klassenkräfte und ihre
Wechselbeziehungen streng objektiv abzuwägen. Zweitens hielt sich diese
Partei für besonders „revolutionär“ oder „linksradikal“, weil
sie für den individuellen Terror, für Attentate war, was wir Marxisten
entschieden ablehnten. Selbstverständlich lehnten wir den individuellen
Terror nur aus Gründen der Zweckmäßigkeit ab; Leute aber, die es
fertigbrächten, den Terror der Großen Französischen Revolution oder
überhaupt den Terror einer siegreichen und von der Bourgeoisie der
ganzen Welt bedrängten revolutionären Partei „prinzipiell“ zu
verurteilen, solche Leute hat bereits Plechanow in den Jahren 1900-1903,
als er Marxist und Revolutionär war, dem Spott und der Verachtung
preisgegeben. Drittens glaubten die „Sozialrevolutionäre“,
„linksradikal“ zu sein, weil sie über verhältnismäßig geringfügige
opportunistische Sünden der deutschen Sozialdemokratie kicherten, während
sie gleichzeitig die extremen Opportunisten dieser selben Partei, z.B.
in der Agrarfrage oder in der Frage der Diktatur des Proletariats,
nachahmten.
Nebenbei bemerkt hat die Geschichte jetzt in großem, welthistorischem
Maßstab die Ansicht bestätigt, die wir stets verfochten haben, nämlich
daß die revolutionäre deutsche Sozialdemokratie (man beachte, daß
bereits Plechanow in den Jahren 1900-1903 den Ausschluß Bernsteins aus
der Partei forderte und daß die Bolschewiki, die stets diese Tradition
fortsetzten, 1913 die ganze Niedrigkeit, Gemeinheit und Verräterei
Legiens enthüllten) – daß die revolutionäre deutsche
Sozialdemokratie der Partei am nächsten kam, wie sie das revolutionäre
Proletariat braucht, um siegen zu können. Jetzt, im Jahre 1920, nach
all den schmachvollen Bankrotten und Krisen der Kriegszeit und der
ersten Nachkriegsjahre, ist deutlich zu sehen, daß von allen Parteien
des Westens gerade die deutsche revolutionäre Sozialdemokratie die
besten Führer hervorgebracht und sich auch schneller erholt hat,
schneller genesen und wiedererstarkt ist als die anderen. Das sieht man
sowohl am Spartakusbund [7] als
auch am linken, proletarischen Flügel der „Unabhängigen
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“, der einen unentwegten Kampf
gegen den Opportunismus und die Charakterlosigkeit der Kautsky,
Hilferding, Ledebour und Crispien führt. Wirft man jetzt einen
Gesamtblick auf eine vollständig abgeschlossenne Geschichtsperiode, nämlich
die von der Pariser Kommune bis zur ersten Sozialistischen
Sowjetrepublik, so zeichnet sich das Verhältnis des Marxismus zum
Anarchismus überhaupt in ganz bestimmten, scharf ausgeprägten Umrissen
ab. Der Marxismus hat zu guter Letzt recht behalten, und wenn die
Anarchisten mit Recht auf den opportunistischen Charakter der in den
meisten sozialistischen Parteien herrschenden Auffassungen vorn Staat
hinwiesen, so beruhte erstens dieser Opportunismus auf einer Entstellung
und sogar direkten Unterschlagung der Marxschen Auffassungen vom Staat
(in meinem Buch „Staat und Revolution“ habe ich festgestellt, daß
Bebel einen Brief von Engels, der den Opportunismus der landläufigen
sozialdemokratischen Anschauungen über den Staat besonders prägnant,
scharf, offen und klar enthüllt, 36 Jahre lang, von 1875 bis 1911, in
der Schublade verborgen hielt), und zweitens erfolgte die Korrektur
dieser opportunistischen Auffassungen, die Anerkennung der Sowjetmacht
und ihrer Überlegenheit über die bürgerliche parlamentarische
Demokratie, am schnellsten und umfassendsten gerade aus der Mitte der
Strömungen, die in den europäischen und amerikanischen sozialistischen
Parteien am meisten marxistisch waren.
In zwei Fällen nahm der Kampf des Bolschewismus gegen die Abweichungen
nach „links“ in der eigenen Partei einen besonders großen Umfang
an: im Jahre 1908, als es um die Frage ging, ob man an dem erzreaktionären
„Parlament“ und an den durch erzreaktionäre Gesetze eingeschnürten
legalen Arbeitervereinen teilnehmen solle, und im Jahre 1918 (Frieden
von Brest-Litowsk), als es um die Frage ging, ob das eine oder andere
„Kompromiß“ zulässig sei.
Im Jahre 1908 wurden die „linken“ Bolschewiki aus unserer Partei
ausgeschlossen, weil sie sich hartnäckig weigerten, die Notwendigkeit
der Beteiligung an dem erzreaktionären „Parlament“ einzusehen. Die
„Linken“, unter denen es viele vortreffliche Revolutionäre gab, die
später wieder verdiente Mitglieder der Kommunistischen Partei waren
(und es auch weiterhin sind), stützten sich insbesondere auf die guten
Erfahrungen mit dem Boykott im Jahre 1905. Als der Zar im August 1905
die Einberufung eines beratenden „Parlaments“ verkündete, erklärten
die Bolschewiki, im Gegensatz zu allen Oppositionsparteien und auch zu
den Menschewiki, den Boykott dieses Parlaments, und die Revolution vom
Oktober 1905 fegte es in der Tat hinweg. Damals war der Boykott richtig,
nicht weil es schlechthin richtig wäre, sich an reaktionären
Parlamenten nicht zu beteiligen, sondern weil die objektive Lage richtig
eingeschätzt worden war, die zu einer schnellen Umwandlung der
Massenstreiks in den politischen, dann in den revolutionären Streik und
schließlich in den Aufstand führte. Außerdem ging der Kampf damals
darum, ob man die Einberufung der ersten Vertretungskörperschaft dem
Zaren überlassen oder ob man versuchen sollte, diese Einberufung den Händen
der alten Staatsmacht zu entreißen. Da keine Gewißheit darüber
bestand und bestehen konnte, daß eine analoge objektive Lage eintreten
und daß sie sich in der gleichen Richtung und im gleichen Tempo
entwickeln würde, hörte der Boykott auf, richtig zu sein.
Der bolschewistische Boykott des „Parlaments“ im Jahre 1905 hat das
revolutionäre Proletariat um eine außerordentlich wertvolle politische
Erfahrung bereichert, indem er zeigte, daß es bei Kombinierung von
legalen und illegalen, parlamentarischen und außerparlamentarischen
Kampfformen bisweilen nützlich, ja sogar notwendig ist, daß man es
versteht, auf die parlamentarischen Kampfformen zu verzichten. Aber ein
blindes, nachäffendes, kritikloses Übertragen dieser Erfahrung auf
andere Verhältnisse, auf eine andere Situation ist ein schwerer Fehler.
Der Boykott der „Duma“ durch die Bolschewiki im Jahre 1906 war
bereits ein Fehler, wenn auch ein kleiner, leicht korrigierbarer [8]
Fehler. Ein sehr ernster und schwer korrigierbarer Fehler war der
Boykott in den Jahren 1907, 1908 und in den darauffolgenden Jahren, als
einerseits ein besonders rasches Ansteigen der revolutionären Welle und
deren Umschlagen in einen Aufstand nicht zu erwarten war und als sich
andererseits aus der ganzen historischen Situation der sich erneuernden
bürgerlichen Monarchie die Notwendigkeit ergab, legale und illegale
Arbeit miteinander zu kombinieren. Blickt man jetzt auf die vollständig
abgeschlossene historische Periode zurück, deren Zusammenhang mit den
folgenden Perioden schon offen zutage liegt, so wird es besonders klar,
daß die Bolschewiki nicht imstande gewesen wären, in den Jahren
1908-1914 den festen Kern der revolutionären Partei des Proletariats
zusammenzuhalten (geschweige denn ihn zu kräftigen, zu entwickeln, zu
verstärken), wenn sie nicht in härtestem Kampf die Auffassung
durchgesetzt hätten, daß man unbedingt die legalen mit den illegalen
Kampfformen kombinieren muß und daß man sich unbedingt an dem
erzreaktionären Parlament und an einer Reihe anderer von reaktionären
Gesetzen eingeschnürten Institutionen (Versicherungskassen u.dgl.)
beteiligen muß.
Im Jahre 1918 kam es nicht bis zur Spaltung. Die „linken“
Kommunisten bildeten damals, und zwar nicht für lange, nur eine
besondere Gruppe oder „Fraktion“ innerhalb unserer Partei. In
demselben Jahr 1918 gaben die namhaftesten Vertreter des „linken
Kommunismus“, z.B. die Genossen Radek und Bucharin, offen ihren Fehler
zu. Sie hatten geglaubt, der Brester Frieden wäre ein für die Partei
des revolutionären Proletariats prinzipiell unzulässiges und schädliches
Kompromiß mit den Imperialisten. Das war in der Tat ein Kompromiß mit
den Imperialisten, aber gerade ein solches Kompromiß, das unter den
gegebenen Umständen unbedingt notwendig war.
Wenn ich heutzutage höre, wie unsere Taktik bei der Unterzeichnung des
Brester Friedens beispielsweise von den „Sozialrevolutionären“
angegriffen wird, oder wenn ich die Bemerkung des Genossen Lansbury höre,
die er in einer Unterhaltung mit mir machte: »Unsere englischen
Trade-Union-Führer sagen, daß Kompromisse auch für sie zulässig
sind, wenn sie für den Bolschewismus zulässig waren«, so antworte ich
gewöhnlich zunächst mit einem einfachen und „populären“
Vergleich:
Stellen Sie sich vor, daß Ihr Automobil von bewaffneten Banditen
angehalten worden ist. Sie geben ihnen Ihr Geld, Ihren Paß, Ihren
Revolver, Ihren Wagen. Sie werden von der angenehmen Gesellschaft der
Banditen erlöst. Das ist zweifellos ein Kompromiß. „Do ut des.“
(„Ich gebe“ dir mein Geld, meine Waffe, meinen Wagen, „damit du“
mir die Möglichkeit „gibst“, mich wohlbehalten aus dem Staube zu
machen.) Es dürfte indes schwerfallen, einen Menschen zu finden, der
bei gesundem Verstand ein derartiges Kompromiß für „prinzipiell
unzulässig“ oder aber die Person, die ein solches Kompromiß
geschlossen hat, für einen Komplicen der Banditen erklären würde
(obgleich die Banditen, nachdem sie im Automobil Platz genommen hatten,
den Wagen und die Waffe für weitere Raubüberfälle benutzen konnten).
Unser Kompromiß mit den Banditen des deutschen Imperialismus glich
einem solchen Kompromiß.
Als aber die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre in Rußland, die
Scheidemänner (und in erheblichem Maße auch die Kautskyaner) in
Deutschland, Otto Bauer und Friedrich Adler (ganz zu schweigen von den
Herren Renner und Co.) in Österreich, die Renaudel, Longuet und Co. in
Frankreich, die Fabier, die „Unabhängigen“ und die „Trudowiki“
(„Labouristen“[9] in England in den Jahren 1914-1918 und 1918-1920 Kompromisse
mit den Banditen ihrer eigenen, bisweilen aber auch mit denen der
„alliierten“ Bourgeoisie gegen das revolutionäre Proletariat ihres
Landes schlossen, da handelten alle diese Herren wie Komplicen des
Banditentums.
Die Schlußfolgerung ist klar: Kompromisse „prinzipiell“ abzulehnen,
jedwede Zulässigkeit von Kompromissen ,welcherart sie auch seien,
schlechthin zu verneinen, ist eine Kinderei, die man schwerlich ernst
nehmen kann. Ein Politiker, der dem revolutionären Proletariat nützlich
sein möchte, muß es verstehen, die konkreten Fälle gerade solcher
Kompromisse herauszugreifen, die unzulässig sind, in denen
Opportunismus und Verrat ihren Ausdruck finden, die ganze Wucht der
Kritik, die ganze Schärfe der schonungslosen Entlarvung und des unversöhnlichen
Krieges gegen diese konkreten Kompromisse zu richten und den gerissenen
„geschäftstüchtigen“ Sozialisten und parlamentarischen Jesuiten
nicht zu erlauben, sich durch Betrachtungen über „Kompromisse
schlechthin“ herauszuwinden und der Verantwortung zu entziehen. Die
Herren englischen „Führer“ der Trade-Unions sowie der
Fabier-Gesellschaft und der „Unabhängigen“ Arbeiterpartei drücken
sich gerade auf diese Weise vor der Verantwortung für den von ihnen
begangenen Verrat, für ein solches von ihnen eingegangenes Kompromiß,
das in Wirklichkeit den schlimmsten Opportunismus, Treubruch und Verrat
bedeutet.
Es gibt Kompromisse und Kompromisse. Man muß es verstehen, die Umstände
und die konkreten Bedingungen jedes Kompromisses oder jeder Spielart
eines Kompromisses zu analysieren. Man muß es lernen, den Menschen, der
den Banditen Geld und Waffen gegeben hat, um das Übel, das die Banditen
stiften, zu verringern und ihre Ergreifung und Erschießung zu
erleichtern, von dem Menschen zu unterscheiden, der den Banditen Geld
und Waffen gibt, um sich an der Teilung der Banditenbeute zu beteiligen.
In der Politik ist das bei weitem nicht immer so leicht wie in dem angeführten
kindlich einfachen Beispiel. Wer es sich aber einfallen ließe, für die
Arbeiter ein Rezept zu erfinden, das im voraus fertige Entscheidungen für
alle Fälle des Lebens gäbe, oder verspräche, daß es in der Politik
des revolutionären Proletariats keine Schwierigkeiten und keine
verwickelten Situationen geben werde, der wäre einfach ein Scharlatan.
Um allen Mißdeutungen vorzubeugen, will ich versuchen, wenn auch nur
ganz knapp, einige Grundsätze für die Analyse konkreter Kompromisse
aufzustellen.
Die Partei, die mit den deutschen Imperialisten das Kompromiß schloß,
das in der Unterzeichnung des Brester Friedens bestand, hatte sich ihren
Internationalismus seit Ende 1914 durch die Tat erarbeitet. Sie fürchtete
sich nicht, die Niederlage der Zarenmonarchie zu proklamieren und die
„Vaterlandsverteidigung“ in dem Krieg zwischen zwei
imperialistischen Räubern zu brandmarken. Die Parlamentsabgeordneten
dieser Partei wanderten nach Sibirien, anstatt den Pfad zu beschreiten,
der zu Ministersesseln in einer bürgerlichen Regierung führt. Die
Revolution, die den Zarismus stürzte und die demokratische Republik
schuf, bedeutete für diese Partei eine neue, gewaltige Probe: Die
Partei ließ sich auf keine Vereinbarungen mit »ihren« Imperialisten
ein, sondern bereitete deren Sturz vor und stürzte sie auch. Nachdem
diese Partei die politische Macht ergriffen hatte, ließ sie von dem
gutsherrlichen wie dem kapitalistischen Eigentum keinen Stein auf dem
anderen. Nachdem diese Partei die Geheimverträge der Imperialisten veröffentlicht
und zerrissen hatte, schlug sie allen Völkern den Frieden vor und fügte
sich der Gewalt der Räuber von Brest erst dann, als die englischen und
französischen Imperialisten den Frieden vereitelt und die Bolschewiki
alles menschenmögliche getan hatten, um die Revolution in Deutschland
und in anderen Ländern zu beschleunigen. Die absolute Richtigkeit eines
solchen Kompromisses, das von einer solchen Partei unter solchen Umständen
geschlossen wurde, wird mit jedem Tag klarer und offenkundiger für
alle.
Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre in Rußland (ebenso wie
alle Führer der II. Internationale in der ganzen Welt in den Jahren
1914 bis 1920) begannen den Verrat, indem sie direkt oder indirekt die
„Vaterlandsverteidigung“, d.h. die Verteidigung ihrer räuberischen
Bourgeoisie rechtfertigten. Sie setzten den Verrat fort, indem sie mit
der Bourgeoisie ihres Landes eine Koalition eingingen und im Verein mit
ihrer Bourgeoisie gegen das revolutionäre Proletariat ihres Landes kämpften.
Ihr Block, zuerst mit Kerenski und den Kadetten, dann mit Koltschak und
Denikin in Rußland, wie auch der Block ihrer ausländischen
Gesinnungsgenossen mit der Bourgeoisie ihrer Länder, war ein Übergang
auf die Seite der Bourgeoisie gegen das Proletariat. Ihr Kompromiß mit
den Banditen des Imperialismus bestand von Anfang bis zu Ende darin, daß
sie sich zu Komplicen des imperialistischen Banditentums machten.
V. Der „linke“ Kommunismus in Deutschland
Führer
– Partei – Klasse – Masse
Die deutschen Kommunisten, von denen wir jetzt sprechen müssen, nennen
sich nicht „Linke“, sondern – wenn ich nicht irre – „grundsätzliche
Opposition“. Daß sie aber durchaus die Symptome der
„Kinderkrankheit des linken Radikalismus“ aufweisen, wird aus der
weiteren Darlegung ersichtlich.
Die von der „Ortsgruppe Frankfurt a.M.“ herausgegebene kleine Broschüre
„Die Spaltung der KPD (Spartakusbund)“, die den Standpunkt dieser
Opposition vertritt, legt im höchsten Grade plastisch, präzis, klar
und knapp den Wesenskern der Auffassungen dieser Opposition dar. Einige
Zitate werden genügen, um den Leser mit diesem Wesenskern bekannt zu
machen:
»Die Kommunistische Partei ist die Partei des entschiedensten
Klassenkampfes...«
»Politisch stellt sich diese Zwischenzeit' (zwischen Kapitalismus und
Sozialismus) dar als die Periode der proletarischen Diktatur.«
»Nun aber entsteht die Frage: wer soll die Diktatur ausüben: die
kommunistische Partei oder die proletarische Klasse?... ist grundsätzlich
die Diktatur der Kommunistischen Partei oder die Diktatur der
proletarischen Klasse zu erstreben?«
(Hervorhebungen in den Zitaten überall wie im Original.)
Im weiteren beschuldigt der Verfasser der Broschüre die „Zentrale“
der Kommunistischen Partei Deutschlands, daß sie Wege zur Koalition mit
der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands suche und daß
diese „Zentrale“ die Frage »der grundsätzlichen Anerkennung aller
politischen Mittel« des Kampfes, auch des Parlamentarismus, nur
aufgeworfen habe, um ihre wahren und hauptsächlichen Bestrebungen nach
einer Koalition mit den Unabhängigen zu verhüllen. Dann fährt die
Broschüre fort:
»Die Opposition entschied sich für einen anderen Weg. Sie ist der
Meinung, daß es sich bei der Frage der kommunistischen Parteiherrschaft
und Parteidiktatur nur um eine Frage der Taktik handelt. Jedenfalls
stellt die kommunistische Parteiherrschaft die letzte Form aller
Parteiherrschaft dar. Grundsätzlich muß die Diktatur der
proletarischen Klasse erstrebt werden. Und alle Maßnahmen der Partei,
ihre Organisationen, ihre Kampfform, ihre Strategie und Taktik sind
darauf einzustellen. Demzufolge ist jeder Kompromiß mit anderen
Parteien, jede Rückkehr zu den historisch und politisch erledigten
Kampfformen des Parlamentarismus, jede Politik des Lavierens und
Paktierens mit aller Entschiedenheit abzulehnen. Die spezifisch
proletarischen Methoden des revolutionären Kampfes sind mit Nachdruck
zu betonen. Und für die Erfassung weitester proletarischer Kreise und
Schichten, die in dem revolutionären Kampf unter Führung der
Kommunistischen Partei aufzumarschieren haben, sind neue
Organisationsformen auf breitester Basis und mit weitestem Rahmen zu
treffen. Dieses Sammelbecken aller revolutionären Elemente ist die in
den Betriebsorganisationen verankerte Arbeiter-Union. In ihr finden sich
alle Proletarier zusammen, die dem Rufe: Heraus aus den Gewerkschaften!
gefolgt sind. Hier formiert sich das kämpfende Proletariat in
breitester Schlachtreihe. Das Bekenntnis zum Klassenkampf, zum Rätesystem
und zur Diktatur genügt für die Einreihung. Alles weitere, die
politische Erziehung der kämpfenden Massen und die politische
Orientierung im Kampfe, ist Aufgabe der Kommunistischen Partei, die außerhalb
der Arbeiter-Union steht...«
»Zwei Kommunistische Parteien stehen also jetzt einander gegenüber:
Eine Führungspartei, die den revolutionären Kampf zu organisieren und
von oben zu meistern sucht, zu Kompromissen und Parlamentarismus bereit,
um Situationen zu schaffen, die ihr den Eintritt in eine
Koalitionsregierung gestatten, in deren Händen die Diktatur zu liegen hätte,
und eine Massenpartei, die das Emporschlagen des revolutionären Kampfes
von unten erwartet, in diesem Kampfe unter Ablehnung aller
parlamentarischen und opportunistischen Methoden nur eine zielklare
Methode kennt und übt, nämlich die der rücksichtslosen Niederwerfung
der Bourgeoisie, um dann die proletarische Klassendiktatur zur Durchführung
des Sozialismus zu errichten.«
»Hie Führerdiktatur – hie Massendiktatur! das ist die Losung.«
Das sind die wesentlichsten Sätze, die die Auffassungen der Opposition
in der Kommunistischen Partei Deutschlands kennzeichnen.
Jeder Bolschewik, der die Entwicklung des Bolschewismus seit 1903 bewußt
mitgemacht oder aus der Nähe beobachtet hat, wird beim Lesen dieser
Zeilen sofort sagen: »Was für ein alter, längst bekannter Plunder!
Was für eine 'linke', Kinderei«
Sehen wir uns jedoch die angeführten Stellen etwas näher an.
Schon allein die Fragestellung: »Diktatur der Partei oder Diktatur der
Klasse? – Diktatur (Partei) der Führer oder Diktatur (Partei) der
Massen?« zeugt von einer ganz unglaublichen und uferlosen
Begriffsverwirrung. Die Leute mühen sich ab, etwas ganz Besonderes
auszuhecken, und machen sich in ihrem spintisierenden Eifer lächerlich.
Jedermann weiß, daß die Massen sich in Klassen teilen; daß man Massen
und Klassen nur dann einander gegenüberstellen kann, wenn man die überwiegende
Mehrheit schlechthin, nicht gegliedert nach der Stellung in der sozialen
Ordnung der Produktion, den Kategorien gegenüberstellt, die in der
sozialen Ordnung der Produktion eine besondere Stellung einnehmen; daß
die Klassen gewöhnlich und in den meisten Fällen, wenigstens in den
modernen zivilisierten Ländern, von politischen Parteien geführt
werden; daß die politischen Parteien in der Regel von mehr oder minder
stabilen Gruppen der autoritativsten, einflußreichsten, erfahrensten,
auf die verantwortungsvollsten Posten gestellten Personen geleitet
werden, die man Führer nennt. Das alles sind Binsenwahrheiten. Das
alles ist einfach und klar. Wozu bedurfte es statt dessen eines
Kauderwelsch, eines neuen Volapüks? Einerseits sind die Leute offenbar
in Verwirrung geraten, weil sie in eine schwierige Lage kamen, als ein
schneller Wechsel von Legalität und Illegalität der Partei das gewöhnliche,
normale, einfache Verhältnis zwischen Führern, Parteien und Klassen störte.
In Deutschland wie auch in anderen europäischen Ländern hat man sich
zu sehr an die Legalität gewöhnt, an die freie und regelrechte Wahl
der „Führer“ durch regelmäßige Parteitage, an die bequeme
Kontrolle der Klassenzusammensetzung der Parteien durch
Parlamentswahlen, öffentliche Versammlungen, die Presse, die Stimmungen
der Gewerkschaften und anderer Verbände usw. Als man, infolge des stürmischen
Verlaufs der Revolution und der Entwicklung des Bürgerkriegs, von
diesem Gewohnten rasch zum Wechsel von Legalität und Illegalität, zu
ihrer Kombinierung, zu „unbequemen“, „undemokratischen“ Methoden
der Aussonderung oder Bildung oder Erhaltung von „Führergruppen“ übergehen
mußte – da gerieten die Leute außer Fassung und begannen hanebüchenen
Unsinn auszuhecken. Wahrscheinlich sind die holländischen „Tribunisten“
[10], die das Unglück hatten, in einem kleinen Lande mit den
Traditionen und Verhältnissen einer besonders privilegierten und
besonders stabilen Legalität geboren zu sein, und die den Wechsel von
Legalität und Illegalität überhaupt nie gekannt haben, selber in
Verwirrung und außer Fassung geraten und haben zu den absurden
Einfallen beigetragen.
Andererseits macht sich einfach ein unüberlegter, zusammenhangloser
Gebrauch der jetzt in „Mode“ gekommenen Schlagworte „Masse“ und
„Führer“ bemerkbar. Die Leute haben viel davon gehört und sich
fest eingeprägt, daß die „Führer“ angegriffen und der „Masse“
gegenübergestellt werden, aber darüber nachzudenken, wie das eine mit
dem andern zusammenhängt, und sich über die Sache klarzuwerden, dazu
waren sie nicht imstande.
Die Scheidung zwischen „Führern“ und „Massen“ trat in allen Ländern
am Ende des imperialistischen Krieges und nach dem Kriege besonders klar
und schroff in Erscheinung. Die Hauptursache dieser Erscheinung haben
Marx und Engels in den Jahren 1852-1892 viele Male am Beispiel Englands
erläutert. Die Monopolstellung Englands hatte dazu geführt, daß sich
aus der „Masse“ eine halb kleinbürgerliche, opportunistische
„Arbeiteraristokratie“ absonderte. Die Führer dieser
Arbeiteraristokratie gingen in einem fort auf die Seite der Bourgeoisie
über und wurden direkt oder indirekt – von ihr ausgehalten. Marx zog
sich den ehrenvollen Haß dieses Gesindels dadurch zu, daß er sie offen
als Verräter brandmarkte. Der moderne Imperialismus (des 20.
Jahrhunderts) hat für einige fortgeschrittene Länder eine
privilegierte Monopolstellung geschaffen, und auf dieser Grundlage hat
sich überall in der II. Internationale der Typus der verräterischen Führer,
der Opportunisten, der Sozialchauvinisten herausgebildet, die die
Interessen ihrer Zunft, ihrer dünnen Schicht der Arbeiteraristokratie
vertreten. Es kam zu einer Isolierung der opportunistischen Parteien von
den „Massen“, d.h. von den breiten Schichten der Werktätigen, von
ihrer Mehrheit, von den am schlechtesten entlohnten Arbeitern. Der Sieg
des revolutionären Proletariats ist unmöglich ohne Kampf gegen dieses
Übel, ohne Entlarvung, Brandmarkung und Vertreibung der
opportunistischen, sozialverräterischen Führer. Das ist denn auch die
Politik der III. Internationale.
Sich aus diesem Anlaß bis zur Gegenüberstellung der Diktatur der
Massen und der Diktatur der Führer überhaupt zu versteigen ist lächerlicher
Unsinn und dummes Zeug. Besonders komisch ist es, daß in Wirklichkeit
an die Stelle der alten Führer, die allgemein menschliche Ansichten über
einfache Dinge haben, nun praktisch (unter dem Deckmantel der Losung
„Nieder mit den Führern“) neue Führer treten, die hirnverbrannten
Unsinn und wirres Zeug verzapfen. Das sind in Deutschland Laufenberg,
Wolffheim, Horner [11], Karl Schröder,
Friedrich Wendel, Karl Erler [12].
Die Versuche Erlers, die Frage zu „vertiefen“ und die
Entbehrlichkeit und die „Bürgerlichkeit“ der politischen Parteien
überhaupt zu proklamieren – das sind bereits solche Herkulessäulen
der Absurdität, daß man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen
kann. Hier sieht man wahrhaftig: Aus einem kleinen Fehler kann man stets
einen ungeheuerlich-großen machen, wenn man auf dem Fehler beharrt,
wenn man ihn vertieft begründet, wenn man ihn „zu Ende führt“.
Verneinung des Parteibegriffs und der Parteidisziplin – das ist es,
was bei der Opposition herausgekommen ist. Das aber ist gleichbedeutend
mit völliger Entwaffnung des Proletariats zugunsten der Bourgeoisie.
Das ist gleichbedeutend eben mit jener kleinbürgerlichen
Zersplitterung, Unbeständigkeit und Unfähigkeit zur Konsequenz, zur
Vereinigung, zu geschlossenem Vorgehen, die unweigerlich jede
proletarische revolutionäre Bewegung zugrunde richten wird, wenn man
ihr die Zügel schießen läßt. Den Parteibegriff unter dem
Gesichtspunkt des Kommunismus verneinen heißt einen Sprung machen von
der Vorstufe des Zusammenbruchs des Kapitalismus (in Deutschland) nicht
zur niederen und nicht zur mittleren, sondern zur höheren Phase des
Kommunismus. Wir in Rußland erleben (im dritten Jahr nach dem Sturz der
Bourgeoisie) die ersten Schritte des Übergangs vom Kapitalismus zum
Sozialismus oder zur niederen Phase des Kommunismus. Die Klassen sind
bestehengeblieben und werden überall nach der Eroberung der Macht durch
das Proletariat jahrelang bestehenbleiben. Höchstens in England, wo es
keine Bauern (immerhin aber Kleinbesitzer!) gibt, wird diese Frist kürzer
sein. Die Klassen aufheben heißt nicht nur die Gutsbesitzer und
Kapitalisten davonjagen – das haben wir verhältnismäßig leicht
getan -, das heißt auch die kleinen Warenproduzenten beseitigen, diese
aber kann man nicht davonjagen, man kann sie nicht unterdrücken, man muß
mit ihnen zurechtkommen, man kann (und muß) sie nur durch eine sehr
langwierige, langsame, vorsichtige organisatorische Arbeit ummodeln und
umerziehen. Sie umgeben das Proletariat von allen Seiten mit einer
kleinbürgerlichen Atmosphäre, durchtränken es damit, demoralisieren
es damit, rufen beständig innerhalb des Proletariats Rückfälle in
kleinbürgerliche Charakterlosigkeit, Zersplitterung, Individualismus,
abwechselnd Begeisterung und Mutlosigkeit hervor. Innerhalb der
politischen Partei des Proletariats sind strengste Zentralisation und
Disziplin notwendig, um dem zu widerstehen, um die organisatorische
Rolle des Proletariats (das aber ist seine Hauptrolle) richtig,
erfolgreich und siegreich durchzuführen. Die Diktatur des Proletariats
ist ein zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und
friedlicher, militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und
administrativer Kampf gegen die Mächte und Traditionen der alten
Gesellschaft. Die Macht der Gewohnheit von Millionen und aber Millionen
ist die fürchterlichste Macht. Ohne eine eiserne und kampfgestählte
Partei, ohne eine Partei, die das Vertrauen alles dessen genießt, was
in der gegebenen Klasse ehrlich ist, ohne eine Partei, die es versteht,
die Stimmung der Massen zu verfolgen und zu beeinflussen, ist es unmöglich,
einen solchen Kampf erfolgreich zu führen. Es ist tausendmal leichter,
die zentralisierte Großbourgeoisie zu besiegen, als die Millionen und
aber Millionen der Kleinbesitzer „zu besiegen“; diese aber führen
durch ihre tagtägliche, alltägliche, unmerkliche, unfaßbare,
zersetzende Tätigkeit eben jene Resultate herbei, welche die
Bourgeoisie braucht, durch welche die Macht der Bourgeoisie restauriert
wird. Wer die eiserne Disziplin der Partei des Proletariats (besonders während
seiner Diktatur) auch nur im geringsten schwächt, der hilft faktisch
der Bourgeoisie gegen das Proletariat.
Neben die Frage: Führer – Partei – Klasse – Masse sollte man die
Frage der „reaktionären“ Gewerkschaften stellen. Zunächst aber
werde ich mir noch ein paar Schlußbemerkungen auf Grund der Erfahrungen
unserer Partei erlauben. Angriffe auf die „Diktatur der Führer“ hat
es in unserer Partei stets gegeben. Ich erinnere mich der ersten dieser
Angriffe im Jahre 1895, als die Partei formell noch nicht bestand, sich
aber in Petersburg eine zentrale Gruppe herauszubilden begann, der es
oblag, die Führung der Bezirksgruppen zu übernehmen. Auf dem IX.
Parteitag unserer Partei (im April 1920) gab es eine kleine Opposition,
die ebenfalls gegen die „Diktatur der Führer“, die „Oligarchie“
usw. auftrat. Daher hat die „Kinderkrankheit“ „des linken
Kommunismus“ der Deutschen nichts Verwunderliches, nichts Neues,
nichts Schreckliches an sich. Diese Krankheit geht gefahrlos vorüber,
und der Organismus wird danach sogar kräftiger. Andererseits führte
der rasche Wechsel von legaler und illegaler Arbeit, verbunden mit der
Notwendigkeit, gerade den Generalstab, gerade die Führer besonders gut
„zu verstekken“, besonders gut zu konspirieren, bei uns bisweilen zu
äußerst gefährlichen Erscheinungen. Die schlimmste von ihnen war, daß
1912 der Lockspitzel Malinowski in das Zentralkomitee der Bolschewiki
Eingang fand. Er ließ Dutzende und aber Dutzende der besten und
treuesten Genossen hochgehen, brachte sie ins Zuchthaus und
beschleunigte den Tod vieler von ihnen. Wenn er nicht noch größeres
Unheil angerichtet hat, so lag das daran, daß bei uns ein richtiges
Verhältnis zwischen legaler und illegaler Arbeit bestand. Um unser
Vertrauen zu gewinnen, mußte uns Malinowski als Mitglied des
Zentralkomitees der Partei und Abgeordneter der Duma helfen, legale
Tageszeitungen herauszugeben, die es auch unter dem Zarismus verstanden,
den Kampf gegen den Opportunismus der Menschewiki zu führen und in
entsprechend verhüllter Form die Grundsätze des Bolschewismus zu
propagieren. Mit der einen Hand schickte Malinowski viele Dutzende der
besten Vertreter des Bolschewismus in Verbannung und Tod, während er
mit der anderen Hand helfen mußte, vermittels der legalen Presse viele
Zehntausende neuer Bolschewiki zu erziehen. über diese Tatsache sollten
jene deutschen (und auch die englischen und amerikanischen, französischen
und italienischen) Genossen recht gründlich nachdenken, die jetzt
lernen müssen, revolutionäre Arbeit in reaktionären Gewerkschaften zu
leisten. [13]
In vielen, darunter auch in den fortgeschrittensten Ländern schickt die
Bourgeoisie jetzt zweifellos Lockspitzel in die kommunistischen
Parteien, und sie wird das auch in Zukunft tun. Eines der Mittel zur Bekämpfung
dieser Gefahr ist die geschickte Kombinierung von illegaler und legaler
Arbeit.
VI. Sollen Revolutionäre in den reaktionären Gewerkschaften
arbeiten?
Die deutschen „Linken“ betrachten es für sich als entschieden, daß
diese Frage unbedingt verneinend zu beantworten ist. Ihrer Meinung nach
genügen Deklamationen und zornige Ausrufe gegen die „reaktionären“
und „konterrevolutionären' Gewerkschaften (besonders „solid“ und
besonders dumm macht das K. Horner), um „zu beweisen“, daß
Revolutionäre, daß Kommunisten in den gelben, sozialchauvinistischen,
paktiererischen, Legienschen, konterrevolutionären Gewerkschaften nicht
zu arbeiten brauchen, ja sogar nicht arbeiten dürfen.
Wie sehr die deutschen „Linken“ aber auch überzeugt sein mögen, daß
diese Taktik revolutionär sei, in Wirklichkeit ist sie grundfalsch und
enthält nichts als hohle Phrasen.
Um das klarzumachen, will ich mit der von uns gemachten Erfahrung
beginnen – entsprechend dem allgemeinen Plan der vorliegenden Schrift,
die den Zweck hat, auf Westeuropa das anzuwenden, was in der Geschichte
und der heutigen Taktik des Bolschewismus allgemein anwendbar, von
allgemeiner Bedeutung und allgemeiner Gültigkeit ist.
Das Verhältnis zwischen Führer, Partei, Klasse und Masse und damit
zugleich das Verhältnis der Diktatur des Proletariats und seiner Partei
zu den Gewerkschaften hat bei uns jetzt konkret folgende Form
angenommen: Die Diktatur wird durch das in den Sowjets organisierte
Proletariat verwirklicht, dessen Führer die Kommunistische Partei der
Bolschewiki ist, die nach den Angaben des letzten Parteitags (April
1920) 611.000 Mitglieder zählt. Die Zahl der Mitglieder schwankte
sowohl vor als auch nach der Oktoberrevolution sehr stark und war früher,
sogar in den Jahren 1918 und 1919, viel geringer [14].
Wir fürchten eine übermäßige Ausdehnung der Partei, denn in eine
Regierungspartei versuchen sich unvermeidlich Karrieristen und Gauner
einzuschleichen, die nur verdienen, erschossen zu werden. Das letztemal
haben wir – nur für Arbeiter und Bauern – die Tore der Partei weit
geöffnet, als (im Winter 1919) Judenitsch wenige Werst vor Petrograd
und Denikin in Oriol (etwa 350 Werst von Moskau) stand, d.h. als der
Sowjetrepublik höchste, tödliche Gefahr drohte und als Abenteurer,
Karrieristen, Gauner und überhaupt unsichere Elemente keineswegs auf
eine gute Karriere (eher auf Galgen und Folter) rechnen konnten, wenn
sie sich den Kommunisten anschlossen. Die Partei, die alljährlich ihre
Parteitage abhält (bei dem letzten entfiel auf 1.000 Mitglieder 1
Delegierter), wird vom Zentralkomitee geleitet, das aus 19 Personen
besteht und auf dem Parteitag gewählt wird; die laufende Arbeit in
Moskau wird von noch engeren Kollegien geleistet, dem sogenannten „Orgbüro“
(Organisationsbüro) und dem sogenannten „Politbüro“ (Politischen Büro),
die aus je fünf Mitgliedern des Zentralkomitees bestehen und in
Plenarsitzungen des Zentralkomitees gewählt werden. Hier haben wir also
eine regelrechte „Oligarchie“. Keine einzige wichtige politische
oder organisatorische Frage wird in unserer Republik von irgendeiner
staatlichen Institution ohne Direktiven des Zentralkomitees unserer
Partei entschieden.
Die Partei stützt sich bei ihrer Arbeit unmittelbar auf die
Gewerkschaften, die nach den Angaben des letzten Kongresses (April 1920)
gegenwärtig über 4 Millionen Mitglieder zählen und der Form nach
parteilos sind. Faktisch bestehen alle leitenden Körperschaften der
weitaus meisten Verbände und in erster Linie natürlich der Zentrale
oder des Büros aller Gewerkschaften ganz Rußlands (WZSPS –
Gesamtrussischer Zentralrat der Gewerkschaften) aus Kommunisten und führen
alle Direktiven der Partei durch. Im großen und ganzen haben wir also
einen der Form nach nicht kommunistischen, elastischen und verhältnismäßig
umfassenden, überaus mächtigen proletarischen Apparat, durch den die
Partei mit der KIasse und der Masse eng verbunden ist und durch den,
unter Führung der Partei, die Diktatur der Klasse verwirklicht wird.
Ohne die engste Verbindung mit den Gewerkschaften, ohne ihre tatkräftige
Unterstützung, ohne ihre selbstlose Arbeit beim Aufbau nicht nur der
Wirtschaft, sondern auch der Armee, hätten wir das Land selbstverständlich
keine 2½ Monate, geschweige denn 2½ Jahre regieren und die Diktatur
ausüben können. Diese überaus enge Verbindung bedeutet natürlich in
der Praxis eine sehr komplizierte und mannigfaltige Arbeit der
Propaganda, der Agitation, der rechtzeitigen und häufigen Beratungen
nicht nur mit den leitenden, sondern überhaupt mit den einflußreichen
Gewerkschaftlern und einen entschiedenen Kampf gegen die Menschewiki,
die bis jetzt über eine gewisse, wenn auch ganz geringe Zahl von Anhängern
verfügen, die sie zu allen möglichen konterrevolutionären
Machenschaften anleiten – von der ideologischen Verteidigung der (bürgerlichen)
Demokratie, dem Predigen der „Unabhängigkeit“ der Gewerkschaften
(Unabhängigkeit – von der proletarischen Staatsmacht!) bis zur
Sabotage der proletarischen Disziplin usw. usf.
Die Verbindung mit den „Massen“ vermittels der Gewerkschaften halten
wir für ungenügend. Die Praxis hat bei uns, im Laufe der Revolution,
eine solche Institution hervorgebracht wie die Konferenzen parteiloser
Arbeiter und Bauern, die wir auf jede Art und Weise zu unterstützen, zu
entwickeln und zu erweitern bemüht sind, um die Stimmung der Massen zu
verfolgen, um an die Massen näher heranzukommen und ihren Anforderungen
zu entsprechen, um aus ihrer Mitte die besten Kräfte auf Staatsposten
aufrücken zu lassen usw. In einem der letzten Dekrete über die
Umwandlung des Volkskommissariats für Staatliche Kontrolle in die
„Arbeiter– und Bauerninspektion“ wird diesen Konferenzen von
Parteilosen das Recht eingeräumt, Mitglieder der Staatlichen Kontrolle
für Revisionen verschiedener Art zu wählen usw.
Ferner erfolgt selbstverständlich die ganze Arbeit der Partei
vermittels der Sowjets, die die werktätigen Massen ohne Unterschied des
Berufs vereinigen. Die Kreistagungen der Sowjets sind eine solche
demokratische Einrichtung, wie sie die besten demokratischen Republiken
der bürgerlichen Welt noch nicht gekannt haben. Durch diese Tagungen
(welche die Partei so aufmerksam wie nur möglich zu verfolgen bemüht
ist) wie auch durch ständige Abkommandierung klassenbewußter Arbeiter
auf verschiedene Posten im Dorf wird die führende Rolle des
Proletariats gegenüber der Bauernschaft verwirklicht, wird die Diktatur
des städtischen Proletariats verwirklicht, wird der systematische Kampf
gegen die reiche, bourgeoise, ausbeutende und spekulierende Bauernschaft
geführt usw.
So sieht der allgemeine Mechanismus der proletarischen Staatsmacht aus,
wenn man ihn 'von oben', vom Standpunkt der praktischen Verwirklichung
der Diktatur betrachtet. Der Leser wird hoffentlich verstehen, warum dem
russischen Bolschewik, der mit diesem Mechanismus vertraut ist und der
beobachtet hat, wie sich dieser Mechanismus im Laufe von 25 Jahren aus
kleinen, illegalen, unterirdischen Zirkeln entwickelte, das ganze
Gerede, ob „von oben“ oder „von unten“, ob Diktatur der Führer
oder Diktatur der Massen usw., als lächerlicher, kindischer Unsinn
erscheinen muß, als eine Art Streit darüber, ob dem Menschen der linke
Fuß oder die rechte Hand nützlicher ist.
Als ein ebenso lächerlicher, kindischer Unsinn muß uns auch das
wichtigtuerische, überaus gelehrte und furchtbar revolutionäre Gerede
der deutschen Linken über das Thema erscheinen, daß die Kommunisten in
den reaktionären Gewerkschaften nicht arbeiten können und nicht
arbeiten dürfen, daß es statthaft sei, diese Arbeit abzulehnen, daß
man aus den Gewerkschaften austreten und unbedingt eine nagelneue,
blitzsaubere, von sehr netten (und meistens wohl sehr jungen)
Kommunisten ausgeheckte „Arbeiter-Union“ schaffen müsse usw. usf.
Der Kapitalismus hinterläßt dem Sozialismus unvermeidlich einerseits
die alten, in Jahrhunderten herausgebildeten beruflichen und
gewerblichen Unterschiede zwischen den Arbeitern und anderseits die
Gewerkschaften. Diese können und werden sich nur sehr langsam, im Laufe
vieler Jahre zu breiteren, weniger zünftlerischen Produktionsverbänden
(die ganze Produktionszweige und nicht nur einzelne Branchen, Gewerbe
und Berufe umfassen) entwickeln und erst dann dazu übergehen,
vermittels dieser Produktionsverbände die Arbeitsteilung unter den
Menschen aufzuheben und allseitig entwickelte und allseitig geschulte
Menschen, die alles machen können, zu erziehen, zu unterweisen und
heranzubilden. Dahin steuert der Kommunismus, dahin muß und wird er
gelangen, aber erst nach einer langen Reihe von Jahren. Der Versuch,
heute dieses künftige Ergebnis des vollkommen entwickelten, vollkommen
gefestigten und herausgebildeten, vollkommen entfalteten und reifen
Kommunismus praktisch vorwegzunehmen, wäre gleichbedeutend damit, einem
vierjährigen Kind höhere Mathematik beibringen zu wollen.
Wir können (und müssen) beginnen, den Sozialismus aufzubauen, und zwar
nicht aus einem phantastischen und nicht aus einem von uns speziell
geschaffenen Menschenmaterial, sondern aus dem Material, das uns der
Kapitalismus als Erbteil hinterlassen hat. Das ist sehr „schwer“,
wer will es leugnen, aber jedes andere Herangehen an diese Aufgabe ist
so wenig ernst, daß es gar nicht lohnt, davon zu reden.
Zu Beginn der Entwicklung des Kapitalismus bedeuteten die Gewerkschaften
als Übergang von der Zersplitterung und Hilflosigkeit der Arbeiter zu
den Anfängen einer Klassenvereinigung einen riesigen Fortschritt der
Arbeiterklasse. Als die höchste Form der Klassenvereinigung der
Proletarier, die revolutionäre Partei des Proletariats (die ihren Namen
nicht verdient, solange sie es nicht gelernt hat, die Führer mit der
Klasse und mit den Massen zu einem Ganzen, zu etwas Untrennbarem zu
verbinden), sich herauszubilden anfing, da begannen die Gewerkschaften
unvermeidlich gewisse reaktionäre Züge zu offenbaren, eine gewisse zünftlerische
Beschränktheit, eine gewisse Neigung zur politischen Indifferenz, eine
gewisse Stagnation usw. Aber anders als vermittels der Gewerkschaften,
anders als durch ihr Zusammenwirken mit der Partei der Arbeiterklasse
ging die Entwicklung des Proletariats nirgendwo in der Welt vor sich und
konnte auch nicht vor sich gehen. Die Eroberung der politischen Macht
durch das Proletariat bedeutet für das Proletariat als Klasse einen
riesigen Schritt vorwärts, und die Partei muß noch mehr und auf neue,
nicht nur auf alte Art die Gewerkschaften erziehen und leiten, darf aber
gleichzeitig nicht vergessen, daß sie eine unentbehrliche „Schule des
Kommunismus“ sind und noch lange bleiben werden, eine
Vorbereitungsschule für die Proletarier zur Verwirklichung ihrer
Diktatur, eine unentbehrliche Vereinigung der Arbeiter für den allmählichen
Übergang der Verwaltung der gesamten Wirtschaft des Landes in die Hände
der Arbeiterklasse (aber nicht einzelner Berufszweige) und sodann aller
Werktätigen.
Im erwähnten Sinne sind gewisse „reaktionäre Züge“ der
Gewerkschaften unter der Diktatur des Proletariats unvermeidlich. Wer
das nicht begreift, versteht absolut nichts von den grundlegenden
Bedingungen des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Fürchtet
man diese „reaktionären Züge“, sucht man sie zu ignorieren, sie zu
überspringen, so ist das die größte Dummheit, denn das bedeutet, vor
der Rolle der proletarischen Avantgarde zurückzuschrecken, die darin
besteht, daß sie die rückständigsten Schichten und Massen der
Arbeiterklasse und der Bauernschaft schult, aufklärt, erzieht und dem
neuen Leben zuführt. Anderseits wäre es ein noch größerer Fehler,
die Verwirklichung der Diktatur des Proletariats so lange aufzuschieben,
bis es keinen einzigen Arbeiter mehr gibt, der beruflich beschränkt
ist, der zünftlerische und trade-unionistische Vorurteile hat. Die
Kunst des Politikers (und das richtige Verständnis des Kommunisten für
seine Aufgaben) besteht eben darin, die Bedingungen und den Zeitpunkt
richtig einzuschätzen, wo die Avantgarde des Proletariats die Macht mit
Erfolg ergreifen kann, damit sie während und nach der Machtergreifung
auf eine ausreichende Unterstützung genügend breiter Schichten der
Arbeiterklasse und der nichtproletarischen werktätigen Massen rechnen
kann, wo sie nach der Machtergreifung ihre Herrschaft dadurch behaupten,
festigen und erweitern kann, daß sie immer breitere Massen der Werktätigen
erzieht, schult und mitreißt.
Weiter. In Ländern, die fortgeschrittener sind als Rußland, hat sich,
und das mußte so sein, ein gewisser reaktionärer Geist in den
Gewerkschaften zweifellos viel stärker geltend gemacht als bei uns.
Gerade wegen der zünftlerischen Beschränktheit, des beruflichen
Egoismus und des Opportunismus hatten die Menschewiki bei uns eine Stütze
in den Gewerkschaften (und haben sie zum Teil in ganz wenigen
Gewerkschaften auch heute noch). Im Westen haben sich die dortigen
Menschewiki in den Gewerkschaften viel mehr „festgesetzt“, dort hat
sich eine viel stärkere Schicht einer beruflich beschränkten,
bornierten, selbstsüchtigen, verknöcherten, eigennützigen, spießbürgerlichen,
imperialistisch gesinnten und vom Imperialismus bestochenen, vom
Imperialismus demoralisierten Arbeiteraristokratie herausgebildet als
bei uns. Das ist unbestreitbar. Der Kampf mit den Gompers, den Herren
Jouhaux, Henderson, Merrheim, Legien und Co. in Westeuropa ist weit
schwieriger als der Kampf mit unseren Menschewiki, die sozial und
politisch einen völlig gleichartigen Typus darstellen. Dieser Kampf muß
rücksichtslos und, so wie wir es getan haben, unbedingt bis zu Ende geführt
werden, bis zur völligen Diskreditierung aller unverbesserlichen Führer
des Opportunismus und Sozialchauvinismus und ihrer Vertreibung aus den
Gewerkschaften. Man kann die politische Macht nicht erobern (und soll
nicht versuchen, die politische Macht zu ergreifen), solange dieser
Kampf nicht eine gewisse Stufe erreicht hat, wobei diese „gewisse
Stufe“ in den verschiedenen Ländern und unter den verschiedenen Verhältnissen
nicht die gleiche ist; und sie richtig abschätzen können nur kluge,
erfahrene und sachkundige politische Führer des Proletariats jedes
einzelnen Landes. (Bei uns waren ein Maßstab für den Erfolg in diesem
Kampf unter anderem die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung, die im
November 1917, wenige Tage nach der proletarischen Umwälzung vom
25.10.1917, stattfanden. Bei diesen Wahlen wurden die Menschewiki aufs
Haupt geschlagen. Sie erhielten 0,7 Millionen Stimmen – zusammen mit
Transkaukasien 1,4 Millionen gegenüber 9 Millionen Stimmen, die für
die Bolschewiki abgegeben wurden: Siehe meinen Artikel: „Die Wahlen
zur Konstituierenden Versammlung und die Diktatur des Proletariats“ [15]
in Nr. 7/8 der 'Kommunistischen Internationale'.)
Doch den Kampf gegen die „Arbeiteraristokratie“ führen wir im Namen
der Arbeitermassen und um sie für uns zu gewinnen; den Kampf gegen die
opportunistischen und sozialchauvinistischen Führer führen wir, um die
Arbeiterklasse für uns zu gewinnen. Diese höchst elementare und ganz
augenfällige Wahrheit zu vergessen wäre eine Dummheit. Und gerade
diese Dummheit begehen die „linken“ deutschen Kommunisten, die aus
der Tatsache, daß die Spitzen der Gewerkschaften reaktionär und
konterrevolutionär sind, den, Schluß ziehen, daß man ... aus den
Gewerkschaften austreten!!, die Arbeit in den Gewerkschaften ablehnen!!
und neue, ausgeklügelte Formen von Arbeiterorganisationen schaffen müsse!!
Das ist eine so unverzeihliche Dummheit, daß sie dem größten Dienst
gleichkommt, den Kommunisten der Bourgeoisie erweisen können. Denn
unsere Menschewiki sind wie alle opportunistischen,
sozialchauvinistischen und kautskyanischen Führer der Gewerkschaften
nichts anderes als „Agenten der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung“
(was wir immer von den Menschewiki gesagt haben) oder, nach dem
ausgezeichneten und zutiefst wahren Ausdruck der Anhänger Daniel de
Leons in Amerika, „Arbeiterkommis der Kapitalistenklasse“ (Labor
lieutenants of the capitalist class). »Nicht in den reaktionären
Gewerkschaften arbeiten heißt die ungenügend entwickelten oder rückständigen
Arbeitermassen dem Einfluß der reaktionären Führer, der Agenten der
Bourgeoisie, der Arbeiteraristokraten oder der verbürgerten Arbeiter«
(vgl. Engels' Brief von 1858 an Marx über die englischen Arbeiter [16]
überlassen.
Gerade die absurde „Theorie“, wonach sich die Kommunisten an den
reaktionären Gewerkschaften nicht beteiligen dürfen, zeigt am
deutlichsten, wie leichtfertig sich diese „linken“ Kommunisten zur
Frage der Beeinflussung der „Massen“ verhalten und wie sie mit ihrem
Geschrei von den Massen“ Mißbrauch treiben. Will man der „Masse“
helfen und sich die Sympathien, die Zuneigung, die Unterstützung der
„Masse“ erwerben, so darf man sich nicht fürchten vor
Schwierigkeiten, darf man sich nicht fürchten vor den Schikanen, den Fußangeln,
den Beleidigungen und Verfolgungen seitens der „Führer“ (die als
Opportunisten und Sozialchauvinisten in den meisten Fällen direkt oder
indirekt mit der Bourgeoisie und der Polizei in Verbindung stehen) und
muß unbedingt dort arbeiten, wo die Massen sind. Man muß jedes Opfer
bringen und die größten Hindernisse überwinden können, um
systematisch, hartnäckig, beharrlich, geduldig gerade in allen
denjenigen – und seien es auch die reaktionärsten Einrichtungen,
Vereinen und Verbänden Propaganda und Agitation zu treiben, in denen es
proletarische oder halbproletarische Massen gibt. Die Gewerkschaften und
die Arbeitergenossenschaften (diese wenigstens mitunter) sind aber
gerade Organisationen, die Massen erfassen. In England hat sich nach den
Angaben der schwedischen Zeitung „Folkets Dafblad-Politiken“ (vom
10.3.1920) die Mitgliederzahl der Trade-Unions von Ende 1917 bis Ende
1918 von 5,5 auf 6,6 Millionen, d.h. um 19 Prozent erhöht. Ende 1919
schätzte man die Mitgliederzahl auf 7,5 Millionen. Ich habe die
entsprechenden Zahlen über Frankreich und Deutschland nicht zur Hand,
aber die Tatsachen, die von einem starken Anwachsen der Mitgliederzahl
der Gewerkschaften auch in diesen Ländern zeugen, sind ganz
unbestreitbar und allgemein bekannt.
Diese Tatsachen beweisen sonnenklar, was auch durch Tausende anderer
Anzeichen bestätigt wird: Gerade in den proletarischen Massen, den
„unteren Schichten“, unter den Rückständigen, nimmt das
Klassenbewußtsein und das Streben nach Organisation zu. Millionen von
Arbeitern in England, Frankreich, Deutschland gehen zum erstenmal von
der vollständigen Unorganisiertheit zur elementaren, untersten,
einfachsten (für diejenigen, die noch durch und durch von bürgerlich-demokratischen
Vorurteilen erfüllt sind), zugänglichsten Organisationsform, nämlich
zu den Gewerkschaften über, während die revolutionären, jedoch unvernünftigen
linken Kommunisten danebenstehen, „Masse! Masse!“ schreien – und
sich weigern, innerhalb der Gewerkschaften zu arbeiten!! Sie tun das
unter dem Vorwand, die Gewerkschaften seien „reaktionär“!!, und klügeln
eine nagelneue, blitzsaubere „Arbeiter-Union“ aus, die unbefleckt
ist von bürgerlich-demokratischen Vorurteilen und frei von den Sünden
zünftlerischer, eng beruflicher Beschränktheit, eine
„Arbeiter-Union“, die angeblich eine Massenorganisation werden
(werden!) soll und die als Aufnahmebedingung nur (nur!) die
„Anerkennung des Rätesystems und der Diktatur' (siehe die oben angeführte
Stelle) fordert!!
Einen schlimmeren Unverstand, einen größeren Schaden für die
Revolution, als ihn die „linken“ Revolutionäre anrichten, kann man
sich gar nicht ausdenken! Wenn wir jetzt in Rußland, nach 2½ Jahren
unvergleichlicher Siege über die Bourgeoisie Rußlands und der Entente,
die „Anerkennung der Diktatur“ zur Bedingung für den Eintritt in
die Gewerkschaften machen wollten, so würden wir eine Dummheit begehen,
unserem Einfluß auf die Massen Abbruch tun und den Menschewiki Vorschub
leisten. Denn die ganze Aufgabe der Kommunisten besteht darin, daß sie
es verstehen, die Rückständigen zu überzeugen, unter ihnen zu
arbeiten, und sich nicht durch ausgeklügelte, kindische „linke“
Losungen von ihnen absondern.
Kein Zweifel, die Herren Gompers, Henderson, Jouhaux und Legien sind
solchen „linken“ Revolutionären sehr dankbar, die wie die deutsche
„grundsätzliche“ Opposition (der Himmel bewahre uns vor solcher
„Grundsätzlichkeit“!) oder wie manche Revolutionäre unter den
amerikanischen „Industriearbeitern der Welt“ [17]
den Austritt aus den reaktionären Gewerkschaften und die Ablehnung der
Arbeit in ihnen predigen. Kein Zweifel, die Herren „Führer“ des
Opportunismus werden zu allen möglichen Kniffen der bürgerlichen
Diplomatie greifen, werden die Hilfe der bürgerlichen Regierungen, der
Pfaffen, der Polizei, der Gerichte in Anspruch nehmen, um die
Kommunisten nicht in die Gewerkschaften hineinzulassen, um sie auf jede
Art und Weise aus den Gewerkschaften zu verdrängen, um ihnen die Arbeit
in den Gewerkschaften möglichst zu verleiden, um sie zu beleidigen,
gegen sie zu hetzen und sie zu verfolgen. Man muß all dem widerstehen können,
muß zu jedwedem Opfer entschlossen sein und sogar – wenn es sein muß
– alle möglichen Schliche, Listen und illegalen Methoden anwenden,
die Wahrheit verschweigen und verheimlichen, nur um in die
Gewerkschaften hineinzukommen, in ihnen zu bleiben und in ihnen um jeden
Preis kommunistische Arbeit zu leisten. Unter dem Zarismus hatten wir
bis 1905 keinerlei „legale Möglichkeit“, als aber Subatow von der
Ochrana Arbeiterversammlungen und Arbeitervereine der Schwarzhunderter
inszenierte, um Revolutionäre einzufangen und den Kampf gegen sie zu führen,
da schickten wir in diese Versammlungen und Vereine Mitglieder unserer
Partei (an einen von ihnen erinnere ich mich persönlich, nämlich an
Genossen Babuschkin, einen hervorragenden Petersburger Arbeiter, der von
den zaristischen Generalen 1906 erschossen worden ist), die mit der
Masse Verbindung herstellten, es geschickt verstanden, Agitation zu
treiben, und die Arbeiter dem Einfluß der Subatowleute entrissen. [18]
Natürlich, in Westeuropa, das besonders stark durchdrungen ist von
besonders stark eingewurzelten legalistischen, konstitutionellen, bürgerlich-demokratischen
Vorurteilen, läßt sich so etwas schwerer durchführen. Aber man kann
und muß es durchführen, und zwar systematisch durchführen.
Das Exekutivkomitee der III. Internationale muß meiner Ansicht nach
sowohl allgemein die Politik der Nichtbeteiligung an den reaktionären
Gewerkschaften (unter ausführlicher Begründung, warum eine solche
Nichtbeteiligung unvernünftig und für die Sache der proletarischen
Revolution außerordentlich schädlich ist) als auch besonders das
Verhalten einiger Mitglieder der Kommunistischen Partei Hollands, die
– einerlei, ob direkt oder indirekt, offen oder versteckt, ganz oder
teilweise – diese falsche Politik unterstützt haben, direkt
verurteilen und dem nächsten Kongreß der Kommunistischen
Internationale vorschlagen, dasselbe zu tun. Die III. Internationale muß
mit der Taktik der II. Internationale brechen, sie darf die heiklen
Fragen nicht umgehen, nicht vertuschen, sondern muß sie mit aller Schärfe
stellen. Wir haben den „Unabhängigen“ (der Unabhängigen
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands) die ganze Wahrheit ins Gesicht
gesagt, wir müssen auch den „linken“ Kommunisten die ganze Wahrheit
ins Gesicht sagen.
VII. Soll man sich an den bürgerlichen Parlamenten beteiligen?
Die deutschen „linken“ Kommunisten beantworten diese Frage mit größter
Geringschätzung – und mit größter Leichtfertigkeit – verneinend.
Ihre Argumente? In dem oben angeführten Zitat haben wir gelesen:
»... jede Rückkehr zu den historisch und politisch erledigten
Kampfformen des Parlamentarismus ... ist mit aller Entschiedenheit
abzulehnen...«
Das ist bis zur Lächerlichkeit anmaßend gesagt und offenkundig falsch.
„Rückkehr“ zum Parlamentarismus! Gibt es in Deutschland gar schon
eine Sowjetrepublik? Doch wohl nicht! Wie kann man also von einer „Rückkehr“
reden? Ist das nicht eine leere Phrase?
Der Parlamentarismus ist »historisch erledigt«. Im Sinne der
Propaganda ist das richtig. Aber jedermann weiß, daß es von da bis zur
praktischen Überwindung noch sehr weit ist. Den Kapitalismus konnte man
bereits vor vielen Jahrzehnten, und zwar mit vollem Recht, als
„historisch erledigt“ bezeichnen, das enthebt uns aber keineswegs
der Notwendigkeit eines sehr langen und sehr hartnäckigen Kampfes auf
dem Boden des Kapitalismus. Der Parlamentarismus ist im welthistorischen
Sinne „historisch erledigt“, d.h., die Epoche des bürgerlichen
Parlamentarismus ist beendet, die Epoche der Diktatur des Proletariats
hat begonnen. Das ist unbestreitbar. Aber der welthistorische Maßstab
rechnet nach Jahrzehnten. 10 bis 20 Jahre früher oder später, das ist,
mit dem welthistorischen Maßstab gemessen, gleichgültig, das ist –
vom Standpunkt der Weltgeschichte aus gesehen – eine Kleinigkeit, die
man nicht einmal annähernd berechnen kann. Aber gerade deshalb ist es
eine haarsträubende theoretische Unrichtigkeit, sich in einer Frage der
praktischen Politik auf den welthistorischen Maßstab zu berufen.
Der Parlamentarismus ist »politisch erledigt«? Das ist eine ganz
andere Sache. Wäre das richtig, dann hätten die „Linken“ eine
feste Position. Das müßte jedoch durch eine sehr gründliche Analyse
bewiesen werden, die „Linken“ aber verstehen es nicht einmal, an
eine solche Analyse heranzugehen. In den „Thesen über den
Parlamentarismus“, die in Nr. 1 des 'Bulletins des Provisorischen
Amsterdamer Büros der Kommunistischen Internationale' ('Bulletin of the
Provisional Bureau in Amsterdam of the Communist International',
February 1920) veröffentlicht sind und offensichtlich die Ansichten der
holländisch-linken oder links-holländischen Richtung zum Ausdruck
bringen, ist die Analyse, wie wir sehen werden, ebenfalls ganz
miserabel.
Erstens. Die deutschen »Linken« haben entgegen der Meinung so
hervorragender politischer Führer wie Rosa Luxemburg und Karl
Liebknecht bekanntlich schon im Januar 1919 den Parlamentarismus für »politisch
erledigt« gehalten. Wie bekannt, haben sich die „Linken“ geirrt.
Schon das allein stößt sofort und radikal die These um, daß der
Parlamentarismus »politisch erledigt« sei. Den „Linken“ obliegt es
zu beweisen, weshalb ihr unbestreitbarer Fehler von damals jetzt aufgehört
hat, ein Fehler zu sein. Nicht einmal den Schimmer eines Beweises führen
sie an und können sie anführen. Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der
wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für
die tatsächliche Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und
den werktätigen Massen. Einen Fehler offen zuzugeben, seine Ursachen
aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die
Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen – das ist das
Merkmal einer ernsten Partei, das heißt Erfüllung ihrer Pflichten, das
heißt Erziehung und Schulung der Klasse und dann auch der Masse.
Wenn die „Linken“ in Deutschland (und in Holland) diese ihre Pflicht
nicht erfüllen, wenn sie nicht mit größter Aufmerksamkeit, Sorgfalt
und Vorsicht an das Studium ihres offenkundigen Fehlers gehen, so
beweisen sie gerade dadurch, daß sie nicht eine Partei der Klasse,
sondern ein Konventikel, nicht eine Partei der Massen, sondern eine
Gruppe von Intellektuellen und einigen wenigen Arbeitern sind, die die
schlechtesten Eigenschaften der Intellektuellen kopieren.
Zweitens. In derselben Broschüre der Frankfurter Gruppe der
„Linken“, aus der wir oben ausführliche Zitate angeführt haben,
lesen wir:
»Die Millionen der im Banne der Zentrumspolitik« (der Politik der
katholischen Zentrumspartei) »noch marschierenden Arbeiter sind
gegenrevolutionär. Die Landproletarier stellen Legionen gegenrevolutionärer
Truppen.« (S.3 der obengenannten Broschüre.)
Man merkt an allem, daß das allzu schwungvoll gesagt und übertrieben
ist. Aber die hier dargelegte grundlegende Tatsache ist unbestreitbar,
und daß die „Linken“ sie anerkennen, zeugt besonders anschaulich
von ihrem Fehler. Wie kann man denn davon reden, daß der »Parlamentarismus
politisch erledigt« sei, wenn »Millionen« und »Legionen«
Proletarier nicht nur für den Parlamentarismus schlechthin eintreten,
sondern sogar direkt »gegenrevolutionär« sind!? Es ist klar, daß der
Parlamentarismus in Deutschland politisch noch nicht erledigt ist. Es
ist klar, daß die »Linken« in Deutschland ihren eigenen Wunsch, ihre
eigene ideologisch-politische Stellung für die objektive Wirklichkeit
halten. Das ist der gefährlichste Fehler, den Revolutionäre machen können.
In Rußland, wo das überaus barbarische und grausame Joch des Zarismus
besonders lange und in besonders mannigfaltigen Formen Revolutionäre
verschiedener Richtungen hervorgebracht hat, Revolutionäre, deren
Hingabe, Enthusiasmus, Heldenmut und Willenskraft bewundernswert sind,
in Rußland haben wir diesen Fehler an Revolutionären aus nächster Nähe
beobachtet, haben ihn besonders aufmerksam studiert, kennen ihn
besonders gut und sehen ihn deshalb auch bei anderen besonders klar. Für
die Kommunisten in Deutschland ist der Parlamentarismus natürlich »politisch
erledigt«, aber es kommt gerade darauf an, daß wir das, was für uns
erledigt ist, nicht als erledigt für die Klasse, nicht als erledigt für
die Massen betrachten. Gerade hier sehen wir wiederum, daß die
„Linken“ nicht zu urteilen verstehen, daß sie nicht als Partei der
Klasse, als Partei der Massen zu handeln verstehen. Ihr seid verpflichtet, nicht auf das Niveau der Massen, nicht auf das
Niveau der rückständigen Schichten der Klasse hinabzusinken. Das ist
unbestreitbar. Ihr seid verpflichtet, ihnen die bittere Wahrheit zu
sagen. Ihr seid verpflichtet, ihre bürgerlich-demokratischen und
parlamentarischen Vorurteile beim richtigen Namen zu nennen. Aber
zugleich seid ihr verpflichtet, den tatsächlichen Bewußtseins– und
Reifegrad eben der ganzen Klasse (und nicht nur ihrer kommunistischen
Avantgarde), eben der ganzen werktätigen Masse (und nicht nur ihrer
fortgeschrittensten Vertreter) nüchtern zu prüfen.
Selbst wenn keine „Millionen“ und „Legionen“, sondern bloß eine
ziemlich beträchtliche Minderheit von Industriearbeitern den
katholischen Pfaffen und von Landarbeitern den Junkern und Großbauern
nachläuft, ergibt sich schon daraus unzweifelhaft, daß der
Parlamentarismus in Deutschland politisch noch nicht erledigt ist, daß
die Beteiligung an den Parlamentswahlen und am Kampf auf der
Parlamentstribüne für die Partei des revolutionären Proletariats
unbedingte Pflicht ist, gerade um die rückständigen Schichten ihrer
Klasse zu erziehen, gerade um die unentwickelte, geduckte, unwissende
Masse auf dem Lande aufzurütteln und aufzuklären. Solange ihr nicht stark genug seid, das bürgerliche Parlament und alle
sonstigen reaktionären Institutionen auseinanderzujagen, seid ihr
verpflichtet, gerade innerhalb dieser Institutionen zu arbeiten, weil
sich dort noch Arbeiter befinden, die von den Pfaffen und durch das
Leben in den ländlichen Provinznestern verdummt worden sind. Sonst
lauft ihr Gefahr, einfach zu Schwätzern zu werden.
Drittens. Die „linken“ Kommunisten sagen über uns Bolschewiki sehr
viel Gutes. Manchmal möchte man sagen: Wenn sie uns doch weniger loben,
wenn sie doch in die Taktik der Bolschewiki besser eindringen, sich
besser mit ihr vertraut machen wollten! Wir haben uns im September bis
November 1917 an den Wahlen zum bürgerlichen Parlament Rußlands, zur
Konstituierenden Versammlung, beteiligt. War unsere Taktik richtig oder
nicht? Wenn nicht, so muß das klar gesagt und bewiesen werden; das ist
notwendig, damit der internationale Kommunismus eine richtige Taktik
ausarbeitet. Wenn ja, so müssen daraus bestimmte Schlußfolgerungen
gezogen werden. Selbstverständlich kann von einer Gleichsetzung der
Verhältnisse in Rußland und der Verhältnisse in Westeuropa keine Rede
sein. Speziell in der Frage jedoch, was der Satz: „Der
Parlamentarismus ist politisch erledigt!“ bedeutet, muß unsere
Erfahrung unbedingt genau in Betracht gezogen werden, denn solche Aussprüche
verwandeln sich allzu leicht in hohle Phrasen, wenn die konkrete
Erfahrung nicht in Betracht gezogen wird. Hatten wir russischen
Bolschewiki im September-November 1917 nicht mehr als jeder beliebige
Kommunist im Westen das Recht, anzunehmen, daß der Parlamentarismus in
Rußland politisch erledigt sei? Natürlich hatten wir es, denn es kommt
ja nicht darauf an, ob die bürgerlichen Parlamente lange oder kurze
Zeit bestehen, sondern darauf, wieweit die breiten Massen der Werktätigen
(ideologisch, politisch, praktisch) bereit sind, die Sowjetordnung
anzunehmen und das bürgerlich-demokratische Parlament
auseinanderzujagen (oder seine Auseinanderjagung zuzulassen). Daß in Rußland
im September-November 1917 die Arbeiterklasse der Städte, die Soldaten
und die Bauern infolge einer Reihe von besonderen Umständen für die
Annahme der Sowjetordnung und die Auseinanderjagung selbst des
demokratischsten bürgerlichen Parlaments außerordentlich gut
vorbereitet waren, ist eine ganz unbestreitbare und einwandfrei
feststehende historische Tatsache. Und trotzdem haben die Bolschewiki
die Konstituierende Versammlung nicht boykottiert, sondern haben sich
sowohl vor als auch nach der Eroberung der politischen Macht durch das
Proletariat an den Wahlen beteiligt. Daß diese Wahlen außerordentlich
wertvolle (und für das Proletariat im höchsten Grad nützliche)
politische Resultate gezeitigt haben, hoffe ich, in dem obenerwähnten
Artikel bewiesen zu haben, der das Material über die Wahlen zur
Konstituierenden Versammlung in Rußland eingehend analysiert.
Daraus ergibt sich
eine ganz unbestreitbare Schlußfolgerung: Es ist bewiesen, daß sogar
einige Wochen vor dem Siege der Sowjetrepublik, ja sogar nach diesem
Siege die Beteiligung am bürgerlich-demokratischen Parlament dem
revolutionären Proletariat nicht nur nicht schadet, sondern es ihm
erleichtert, den rückständigen Massen zu beweisen, weshalb solche
Parlamente es verdienen, auseinandergejagt zu werden, es ihm
erleichtert, sie mit Erfolg auseinanderzujagen, es ihm erleichtert, den
bürgerlichen Parlamentarismus „politisch zu erledigen“.
Diese Erfahrung nicht in Rechnung stellen und gleichzeitig auf die Zugehörigkeit
zur Kommunistischen Internationale Anspruch erheben, die ihre Taktik
international (nicht als eng oder einseitig nationale, sondern eben als
internationale Taktik) auszuarbeiten hat, heißt einen sehr schweren
Fehler begehen und vom Internationalismus gerade in der Praxis
abweichen, während man ihn in Worten anerkennt.
Betrachten wir nun die „holländisch-linken“ Argumente für die
Nichtbeteiligung an den Parlamenten. Die wichtigste der obengenannten
„holländischen“ Thesen, die vierte These, lautet in der Übersetzung
(aus dem Englischen) folgendermaßen:
»Wenn das kapitalistische Produktionssystem zusammengebrochen ist und
die Gesellschaft sich im Zustand der Revolution befindet, verliert die
parlamentarische Aktion, im Vergleich zur Aktion der Massen selbst, allmählich
ihre Bedeutung. Wenn unter diesen Umständen das Parlament zum Zentrum
und Organ der Konterrevolution wird, andrerseits aber die Arbeiterklasse
ihre Machtinstrumente in Gestalt der Sowjets aufbaut – kann es sogar
notwendig werden, sich all und jeder Beteiligung an der
parlamentarischen Aktion zu enthalten.«
Der erste Satz ist offenkundig falsch, denn die Aktion der Massen z.B.
ein großer Streik – ist immer und keineswegs nur während der
Revolution oder in einer revolutionären Situation wichtiger als die
parlamentarische Aktion. Dieses offenkundig unhaltbare, historisch und
politisch falsche Argument zeigt nur mit besonderer Anschaulichkeit, daß
die Verfasser weder die gesamteuropäischen Erfahrungen (die französische
vor den Revolutionen von 1848 und 1870; die deutsche der Jahre 1878 bis
1890 usw.) noch die russischen Erfahrungen (siehe oben), die zeigen, wie
wichtig es ist, den legalen und den illegalen Kampf zu verbinden, auch
nur im geringsten berücksichtigen. Diese Frage ist im allgemeinen wie
auch speziell deswegen von allergrößter Bedeutung, weil in allen
zivilisierten und fortgeschrittenen Ländern schnell die Zeit heranrückt,
da eine solche Verbindung für die Partei des revolutionären
Proletariats immer mehr und mehr zu einer Notwendigkeit wird –
teilweise schon geworden ist -, und zwar infolge des Heranreifens und
Herannahens des Bürgerkriegs zwischen Proletariat und Bourgeoisie,
infolge der wütenden Verfolgungen der Kommunisten durch die
republikanischen und überhaupt die bürgerlichen Regierungen, die sich
auf jede Art und Weise über die Legalität hinwegsetzen (wie schwer
wiegt allein das Beispiel Amerikas) usw. Diese höchst wichtige Frage
haben die Holländer und überhaupt die Linken absolut nicht begriffen.
Der zweite Satz ist erstens historisch falsch. Wir Bolschewiki
beteiligten uns selbst an den konterrevolutionärsten Parlamenten, und
die Erfahrung hat gezeigt, daß eine solche Beteiligung für die Partei
des revolutionären Proletariats gerade nach der ersten bürgerlichen
Revolution in Rußland (1905) nicht nur nützlich, sondern auch
notwendig war, um die zweite bürgerliche (Februar 1917) und dann die
sozialistische (Oktober 1917) Revolution vorbereiten zu können.
Zweitens ist dieser Satz erstaunlich unlogisch. Daraus, daß das
Parlament zum Organ und „Zentrum“ der Konterrevolution wird (in
Wirklichkeit ist es niemals das „Zentrum“ gewesen und kann es auch
nicht sein, doch das nur nebenbei) und die Arbeiter ihre
Machtinstrumente in Gestalt der Sowjets schaffen, folgt, daß die
Arbeiter sich darauf vorbereiten – ideologisch, politisch und
technisch vorbereiten – müssen, das Parlament durch die Sowjets zu
bekämpfen, das Parlament durch die Sowjets auseinanderzujagen. Daraus
folgt aber keineswegs, daß ein solches Auseinanderjagen durch das
Vorhandensein einer Sowjetopposition innerhalb des konterrevolutionären
Parlaments erschwert oder doch nicht erleichtert würde. Wir haben während
unseres siegreichen Kampfes gegen Denikin und Koltschak kein einziges
Mal gemerkt, daß das Bestehen einer sowjetischen, einer proletarischen
Opposition bei ihnen für unsere Siege gleichgültig gewesen wäre. Wir
wissen sehr wohl, daß uns das Auseinanderjagen der Konstituante am
5.1.1918 nicht erschwert, sondern erleichtert worden ist dadurch, daß
innerhalb der auseinanderzujagenden konterrevolutionären Konstituante
sowohl eine konsequente, die bolschewistische, als auch eine
inkonsequente, die linke sozialrevolutionäre, Sowjetopposition
vorhanden war. Die Verfasser der These haben sich völlig verheddert und
die Erfahrung zahlreicher, wenn nicht aller Revolutionen vergessen, die
davon zeugt, daß es zu Revolutionszeiten besonders nützlich ist, die
Massenaktionen außerhalb des reaktionären Parlaments mit einer
Opposition, die mit der Revolution sympathisiert (oder noch besser: die
Revolution direkt unterstützt), innerhalb dieses Parlaments zu
verbinden, Die Holländer und die „Linken“ überhaupt urteilen hier
wie Doktrinäre der Revolution, die an einer wirklichen Revolution
niemals teilgenommen oder sich in die Geschichte der Revolutionen nicht
vertieft haben oder naiv die subjektive „Ablehnung“ einer bestimmten
reaktionären Institution für deren tatsächliche Zerstörung durch die
vereinten Kräfte einer ganzen Reihe von objektiven Faktoren halten. Das
sicherste Mittel, eine neue politische (und nicht nur eine politische)
Idee zu diskreditieren und ihr zu schaden, besteht darin, sie ad
absurdum zu führen, während man sie verteidigt. Denn jede Wahrheit
kann man, wenn man sie „überschwenglich“ macht (wie der alte
Dietzgen zu sagen pflegte), wenn man sie übertreibt, wenn man sie über
die Grenzen ihrer wirklichen Anwendbarkeit hinaus ausdehnt, ad absurdum
führen, ja sie wird unter diesen Umständen unvermeidlich absurd. Und
eben diesen Bärendienst erweisen die holländischen und die deutschen
Linken der neuen Wahrheit, daß die Sowjetmacht den bürgerlich-demokratischen
Parlamenten überlegen ist. Selbstverständlich wäre jemand, der so wie
früher und ganz allgemein sagen wollte, daß ein Verzicht auf die
Beteiligung an bürgerlichen Parlamenten unter keinen Umständen zulässig
sei, im Unrecht. Ich kann hier nicht versuchen, die Bedingungen zu
formulieren, unter denen ein Boykott von Nutzen ist, denn diese Schrift
stellt sich die viel bescheidenere Aufgabe, im Zusammenhang mit einigen
brennenden Tagesfragen der internationalen kommunistischen Taktik die
russischen Erfahrungen auszuwerten. Die russischen Erfahrungen haben uns
einmal (1905) eine erfolgreiche und richtige und ein andermal (1906)
eine verfehlte Anwendung des Boykotts durch die Bolschewiki geliefert.
Analysieren wir den ersten Fall, so sehen wir, daß es uns gelang, die
Einberufung eines reaktionären Parlaments durch die reaktionäre
Regierung in einer Situation zu verhindern, da sich die außerparlamentarische
revolutionäre Aktion der Massen (insbesondere die Streikbewegung) mit
ungewöhnlicher Schnelligkeit ausbreitete, da keine einzige Schicht des
Proletariats und der Bauernschaft die reaktionäre Regierung irgendwie
unterstützen konnte, da sich das revolutionäre Proletariat durch den
Streikkampf und die Agrarbewegung den Einfluß auf die rückständigen
breiten Massen gesichert hatte. Es ist vollkommen klar, daß diese
Erfahrung auf die gegenwärtigen europäischen Verhältnisse nicht
anwendbar ist. Es ist auch vollkommen klar – auf Grund der oben angeführten
Argumente -, daß ein Verzicht auf die Beteiligung an den Parlamenten,
wie er von den Holländern und den „Linken“, wenn auch nur bedingt,
verfochten wird, grundfalsch und für die Sache des revolutionären
Proletariats schädlich wäre.
In Westeuropa und Amerika hat sich das Parlament den besonderen Haß der
fortgeschrittenen Revolutionäre aus der Arbeiterklasse zugezogen. Das
ist unbestreitbar. Es ist durchaus begreiflich, denn man kann sich
schwerlich etwas Niederträchtigeres, Gemeineres, Verräterischeres
vorstellen als das Verhalten der übergroßen Mehrheit der
sozialistischen und sozialdemokratischen Abgeordneten im Parlament während
des Krieges und nach dem Kriege. Es wäre aber nicht nur unvernünftig,
sondern geradezu verbrecherisch, dieser Stimmung nachzugeben, wenn die
Frage entschieden werden muß, wie das von allen erkannte Übel zu bekämpfen
ist. In vielen Ländern Westeuropas ist die revolutionäre Stimmung
jetzt gewissermaßen eine „Neuheit“ oder „Seltenheit“, auf die
man allzulange, vergeblich, ungeduldig gewartet hat, und vielleicht gibt
man deswegen dieser Stimmung so leicht nach. Natürlich kann ohne
revolutionäre Stimmung unter den Massen und ohne Bedingungen, die das
Anwachsen einer solchen Stimmung fördern, die revolutionäre Taktik
nicht in die Tat umgesetzt werden; wir in Rußland haben uns aber durch
allzulange, schwere, blutige Erfahrungen von der Wahrheit überzeugt, daß
die revolutionäre Taktik auf revolutionärer Stimmung allein nicht
aufgebaut werden kann. Die Taktik muß auf einer nüchternen, streng
objektiven Einschätzung aller Klassenkräfte des betreffenden Staates
(und der ihn umgebenden Staaten sowie aller Staaten der ganzen Welt)
sowie auf der Berücksichtigung der von den revolutionären Bewegungen
gesammelten Erfahrungen aufgebaut werden. Es ist sehr leicht, seinen „Revolutionismus“
nur durch Schimpfen auf den parlamentarischen Opportunismus, nur durch
Ablehnung der Beteiligung an den Parlamenten zu bekunden, aber gerade
weil das nur allzu leicht ist, ist es keine Lösung der schwierigen, überaus
schwierigen Aufgabe. In den europäischen Parlamenten ist es viel
schwieriger, eine wirklich revolutionäre Parlamentsfraktion zu
schaffen, als es in Rußland der Fall war. Gewiß. Aber das ist nur ein
besonderer Ausdruck der allgemeinen Wahrheit, daß es für Rußland in
der konkreten, historisch außerordentlich eigenartigen Situation von
1917 leicht war, die sozialistische Revolution zu beginnen, während es
für Rußland schwerer als für die europäischen Länder sein wird, sie
fortzusetzen und zu Ende zu führen. Bereits Anfang 1918 mußte ich auf
diesen Umstand hinweisen, und die späteren zweijährigen Erfahrungen
haben die Richtigkeit dieser Erwägung vollauf bestätigt. Solche
spezifische Bedingungen wie: 1. die Möglichkeit, den Sowjetumsturz mit
der dank diesem Umsturz herbeigeführten Beendigung des
imperialistischen Krieges zu verbinden, der die Arbeiter und Bauern aufs
äußerste erschöpft hatte; 2. die Möglichkeit, eine gewisse Zeit lang
den auf Tod und Leben geführten Kampf der beiden weltbeherrschenden
Gruppen imperialistischer Räuber auszunutzen, der beiden Gruppen, die
sich nicht gegen die Sowjets, ihren Feind, vereinigen konnten; 3. die Möglichkeit
– teilweise dank der ungeheuren Ausdehnung des Landes und den
schlechten Verkehrsmitteln -, einen verhältnismäßig langwierigen Bürgerkrieg
auszuhalten; 4. das Vorhandensein einer so tief gehenden bürgerlich-demokratischen
revolutionären Bewegung unter der Bauernschaft, daß die Partei des
Proletariats die revolutionären Forderungen von der Partei der Bauern
(der Sozialrevolutionäre, einer Partei, die in ihrer Mehrheit dem
Bolschewismus ausgesprochen feindlich gegenüberstand) übernehmen und
sie dank der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat
unverzüglich verwirklichen konnte – solche spezifische Bedingungen
sind jetzt in Westeuropa nicht vorhanden, und die Wiederkehr solcher
oder ähnlicher Bedingungen ist nicht allzu leicht möglich. Deshalb übrigens
ist es, neben einer Reihe anderer Gründe, für Westeuropa schwerer, als
es für uns war, die sozialistische Revolution zu beginnen. Diese
Schwierigkeit dadurch „umgehen“ zu wollen, daß man die schwere
Aufgabe der Ausnutzung reaktionärer Parlamente zu revolutionären
Zwecken „überspringen“ möchte, ist reinste Kinderei. Ihr wollt
eine neue Gesellschaft schaffen? und ihr fürchtet Schwierigkeiten bei
der Schaffung einer guten Parlamentsfraktion aus überzeugten, treuen,
heldenhaften Kommunisten im reaktionären Parlament! Ist das etwa nicht
Kinderei? Wenn Karl Liebknecht in Deutschland und Z. Höglund in
Schweden es sogar ohne Unterstützung der Massen von unten vermocht
haben, Musterbeispiele einer wirklich revolutionären Ausnutzung
reaktionärer Parlamente zu geben, warum sollte dann eine rasch
wachsende revolutionäre Massenpartei unter den Nachkriegsverhältnissen
der Enttäuschung und Erbitterung der Massen nicht imstande sein, sich
in den schlimmsten Parlamenten eine kommunistische Fraktion zu
schmieden?! Gerade deshalb, weil die rückständigen Massen der Arbeiter
und – in noch höherem Grade – der Kleinbauern in Westeuropa viel stärker
als in Rußland von bürgerlich-demokratischen und parlamentarischen
Vorurteilen durchdrungen sind, gerade deshalb können (und müssen) die
Kommunisten nur in solchen Institutionen wie den bürgerlichen
Parlamenten von innen heraus den langwierigen, hartnäckigen, vor keinen
Schwierigkeiten zurückschreckenden Kampf zur Enthüllung, Zerstreuung
und Überwindung dieser Vorurteile führen.
Die deutschen „Linken“ klagen über die schlechten „Führer“
ihrer Partei und geraten darob in Verzweiflung, wobei sie sich bis zur lächerlichen
„Verneinung“ der „Führer“ versteigen. Aber unter Bedingungen,
wo man die „Führer“ häufig in der Illegalität verstecken muß,
ist es besonders schwer, gute, zuverlässige, erprobte, angesehene „Führer“
herauszubilden, und diese Schwierigkeiten kann man nicht mit Erfolg überwinden,
ohne die legale und die illegale Arbeit miteinander zu verbinden, ohne
die „Führer“ unter anderem auch in der Parlamentsarena zu erproben.
Die Kritik – und zwar die schärfste, schonungsloseste, unversöhnlichste
Kritik – ist nicht gegen den Parlamentarismus oder gegen die
parlamentarische Tätigkeit zu richten, sondern gegen jene Führer, die
es nicht verstehen, die Parlamentswahlen und die Parlamentstribüne auf
revolutionäre, auf kommunistische Art auszunutzen, und noch mehr gegen
diejenigen, die das nicht wollen. Nur eine solche Kritik, natürlich
verbunden damit, daß man die untauglichen Führer fortjagt und durch
taugliche ersetzt, wird eine nützliche und fruchtbringende revolutionäre
Arbeit sein, die gleichzeitig sowohl die „Führer“ erzieht, damit
sie der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen würdig sind, als
auch die Massen erzieht, damit sie lernen, sich in der politischen Lage
zurechtzufinden und die mitunter sehr komplizierten und verwickelten
Aufgaben zu verstehen, die sich aus dieser Lage ergeben.[19]
VIII. Keinerlei Kompromisse?
Wir haben im Zitat aus der Frankfurter Broschüre gesehen, mit welcher
Entschiedenheit die „Linken“ diese Losung aufstellen. Es ist traurig
mitanzusehen, wie Leute, die sich zweifellos für Marxisten halten und
Marxisten sein möchten, die Grundwahrheiten des Marxismus vergessen
haben. Engels, der ebenso wie Marx zu jenen überaus seltenen
Schriftstellern gehört, bei denen jeder Satz einer jeden größeren
Arbeit von bewundernswerter Tiefe des Inhalts ist, schrieb 1874 gegen
das Manifest der 33 blanquistischen Kommunarden folgendes:
»'Wir sind Kommunisten, (schrieben in ihrem Manifest die
blanquistischen Kommunarden), weil wir bei unseren Ziel ankommen wollen,
ohne uns an Zwischenstationen aufzuhalten, an Kompromissen, die nur den
Sieg vertagen und die Sklaverei verlängern.'
Die deutschen Kommunisten sind Kommunisten, weil sie durch alle
Zwischenstationen und Kompromisse, die nicht von ihnen, sondern von der
geschichtlichen Entwicklung geschaffen werden, das Endziel klar
hindurchsehn und verfolgen: die Abschaffung der Klassen, die Errichtung
einer Gesellschaft, worin kein Privateigentum an der Erde und an den
Produktionsmitteln mehr existiert. Die Dreiunddreißig sind Kommunisten,
weil sie sich einbilden, sobald sie nur den guten Willen haben, die
Zwischenstationen und Kompromisse zu überspringen, sei die Sache
abgemacht, und wenn es, wie ja feststeht, dieser Tage 'losgeht' und sie
nur ans Ruder kommen, so sei übermorgen der Kommunismus eingeführt'.
Wenn das nicht sofort möglich, sind sie also auch keine Kommunisten.
Kindliche Naivität, die Ungeduld als einen theoretisch überzeugenden
Grund anzuführen!« (F. Engels, „Programm der blanquistischen
Kommuneflüchtlinge“[20], aus der
deutschen sozialdemokratischen Zeitung 'Der Volksstaat', 1874, Nr. 73,
nach dem Sammelband „Artikel 1871 bis 1875“, russ. Übersetzung,
Petrograd 1919, S. 52/53.)
Engels bringt in demselben Aufsatz seine tiefe Hochschätzung für
Vaillant zum Ausdruck und spricht von dem „unbestrittenen Verdienst“
Vaillants (der ebenso wie Guesde ein hervorragender Führer des
internationalen Sozialismus gewesen war, bevor beide im August 1914 den
Sozialismus verrieten). Aber den offenkundigen Fehler läßt Engels
nicht ohne gründliche Analyse. Sehr jungen und unerfahrenen Revolutionären
scheint es, natürlich ebenso wie kleinbürgerlichen Revolutionären,
sogar wenn sie sehr ehrwürdigen Alters und reich an Erfahrungen sind,
außerordentlich „gefährlich“, unverständlich, ja falsch zu sein,
„Kompromisse zu erlauben“. Und viele Sophisten (die übermäßig
oder allzu „erfahrene“ Politikaster sind) argumentieren ebenso wie
die von Gen. Lansbury erwähnten englischen Führer des Opportunismus:
„Wenn den Bolschewiki dieses oder jenes Kompromiß erlaubt ist, warum
sollen wir dann nicht beliebige Kompromisse schließen dürfen?“ Die
Proletarier aber, die in zahlreichen Streiks geschult worden sind (um
nur diese eine Erscheinungsform des Klassenkampfes herauszugreifen),
pflegen sich die von Engels dargelegte überaus tiefe (philosophische,
historische, politische und psychologische) Wahrheit ausgezeichnet
anzueignen. Jeder Proletarier hat einen Streik mitgemacht, hat
„Kompromisse“ mit den verhaßten Unterdrückern und Ausbeutern
miterlebt, wo die Arbeiter die Arbeit aufnehmen mußten, entweder ohne
überhaupt etwas erreicht zu haben oder indem sie darauf eingingen, daß
ihre Forderungen nur teilweise befriedigt wurden. Jeder Proletarier
erkennt, dank dem Milieu des Massenkampfes und der starken Zuspitzung
der Klassengegensätze, in dem er lebt, den Unterschied zwischen einem
Kompromiß, das durch die objektiven Verhältnisse erzwungen ist (wenn
die Streikkasse leer ist, wenn die Streikenden keine Unterstützung von
außen erhalten, wenn sie bis zum äußersten ausgehungert und erschöpft
sind), einem Kompromiß, das bei den Arbeitern, die ein solches Kompromiß
geschlossen haben, die revolutionäre Hingabe und Bereitschaft zum
weiteren Kampf keineswegs beeinträchtigt – und anderseits einem
Kompromiß von Verrätern, die ihren Eigennutz (Streikbrecher schließen
ebenfalls ein „Kompromiß“!), ihre Feigheit, ihren Wunsch, sich bei
den Kapitalisten lieb Kind zu machen, ihre Empfänglichkeit für Einschüchterungen,
manchmal auch für Überredungskünste, für Almosen, für
Schmeicheleien der Kapitalisten, hinter objektiven Ursachen verbergen
(besonders viele solcher Kompromisse von Verrätern finden wir in der
Geschichte der englischen Arbeiterbewegung bei den Führern der
englischen Trade-Unions, doch haben fast alle Arbeiter in allen Ländern
ähnliche Erscheinungen in dieser oder jener Form beobachtet).
Es gibt natürlich einzelne, außerordentlich schwierige und verwickelte
Fälle, in denen es nur mit größter Mühe gelingt, den wirklichen
Charakter dieses oder jenes „Kompromisses“ richtig zu bestimmen, wie
es Fälle von Mord gibt, in denen es gar nicht so leicht ist zu
entscheiden, ob ein durchaus gerechtfertigter oder sogar notwendiger
Totschlag (z.B. in Notwehr) oder eine unverzeihliche Fahrlässigkeit
oder gar ein fein eingefädelter heimtückischer Plan vorliegt. Es
versteht sich von selbst, daß es in der Politik, wo es sich mitunter um
äußerst komplizierte – nationale und internationale –
Wechselbeziehungen zwischen den Klassen und Parteien handelt, sehr viele
weit schwierigere Fälle geben wird als die Frage, ob ein bestimmtes „Kompromiß“
bei einem Streik berechtigt oder ob es das verräterische „Kompromiß“
eines Streikbrechers, eines verräterischen Führers usw. war. Ein
Rezept oder eine allgemeine Regel, brauchbar für alle Fälle
(„keinerlei Kompromisse“!), fabrizieren zu wollen wäre Unsinn. Man
muß selbst einen Kopf auf den Schultern haben, um sich in jedem
einzelnen Fall zurechtzufinden. Gerade darin besteht unter anderem die
Bedeutung der Parteiorganisation und der Parteiführer, die diesen Namen
verdienen, daß man durch langwierige, hartnäckige, mannigfaltige,
allseitige Arbeit aller denkenden Vertreter der gegebenen Klasse[21]
die notwendigen Kenntnisse, die notwendigen Erfahrungen, das – neben
Wissen und Erfahrung – notwendige politische Fingerspitzengefühl
erwirbt, um komplizierte politische Fragen schnell und richtig zu lösen.
Naive und ganz unerfahrene Leute bilden sich ein, es genüge, die Zulässigkeit
von Kompromissen überhaupt anzuerkennen – und schon werde jede Grenze
verwischt zwischen dem Opportunismus, gegen den wir einen unversöhnlichen
Kampf führen und führen müssen, und dem revolutionären Marxismus
oder Kommunismus. Wenn aber solche Leute noch nicht wissen, daß alle
Grenzen sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft beweglich und
bis zu einem gewissen Grade bedingt sind, so ist ihnen nicht anders zu
helfen als durch anhaltende Belehrung, Erziehung, Aufklärung, durch
politische und alltägliche Erfahrung. Wichtig ist, daß man es
versteht, unter den praktischen Fragen der Politik jedes einzelnen oder
besonderen historischen Augenblicks diejenigen herauszufinden, in denen
die hauptsächliche Spielart der unzulässigen, verräterischen
Kompromisse zum Ausdruck kommt, die den für die revolutionäre Klasse
verhängnisvollen Opportunismus verkörpern, und alle Kräfte auf die
Bloßstellung dieser Kompromisse, auf den Kampf gegen sie zu
konzentrieren. Während des imperialistischen Krieges 1914-1918 zwischen
den zwei Gruppen von Ländern, die gleichermaßen eine Raub– und
Eroberungspolitik trieben, war eine solche hauptsächliche,
entscheidende Spielart des Opportunismus der Sozialchauvinismus, d.h.
das Eintreten für die „Vaterlandsverteidigung“, die in einem
solchen Kriege praktisch der Verteidigung der räuberischen Interessen
der „eigenen“ Bourgeoisie gleichkam. Nach dem Kriege waren die
Verteidigung des räuberischen „Völkerbundes“, die Verteidigung der
direkten oder indirekten Bündnisse mit der Bourgeoisie des eigenen
Landes gegen das revolutionäre Proletariat und die „Räte“bewegung,
die Verteidigung der bürgerlichen Demokratie und des bürgerlichen
Parlamentarismus gegen die „Rätemacht“ die hauptsächlichen Äußerungen
jener unzulässigen und verräterischen Kompromisse, die in ihrer Summe
den für das revolutionäre Proletariat und seine Sache verhängnisvollen
Opportunismus ergaben.
»Demzufolge ist jeder Kompromiß mit anderen Parteien... jede Politik
des Lavierens und Paktierens mit aller Entschiedenheit abzulehnen...«
schreiben die deutschen Linken in der Frankfurter Broschüre.
Ein Wunder, daß diese Linken bei solchen Ansichten den Bolschewismus
nicht entschieden verurteilen! Es ist doch unmöglich, daß die
deutschen Linken nicht wissen, daß die ganze Geschichte des
Bolschewismus, sowohl vor als auch nach der Oktoberrevolution, voll ist
von Fällen des Lavierens, des Paktierens, der Kompromisse mit anderen,
darunter auch mit bürgerlichen Parteien!
Krieg führen zum Sturz der internationalen Bourgeoisie, einen Krieg,
der hundertmal schwieriger, langwieriger, komplizierter ist als der
hartnäckigste der gewöhnlichen Kriege zwischen Staaten, und dabei im
voraus auf das Lavieren, auf die Ausnutzung von (wenn auch zeitweiligen)
Interessengegensätzen zwischen den Feinden, auf Übereinkommen und
Kompromisse mit möglichen (wenn auch zeitweiligen, unbeständigen,
schwankenden, bedingten) Verbündeten verzichten – ist das nicht über
alle Maßen lächerlich? Ist das nicht dasselbe, als wollte man bei
einem schwierigen Aufstieg auf einen noch unerforschten und bisher unzugängliehen
Berg von vornherein darauf verzichten, manchmal im Zickzack zu gehen,
manchmal umzukehren, die einmal gewählte Richtung aufzugeben und
verschiedene Richtungen zu versuchen? Und Leute, die so wenig einsichtig
und so unerfahren sind (noch gut, wenn sich das durch ihre Jugend erklärt:
es ist das natürliche Vorrecht der Jugend, eine Zeitlang solche
Dummheiten zu reden), konnten bei manchen Mitgliedern der
Kommunistischen Partei Hollands – einerlei, ob direkt oder indirekt,
offen oder versteckt, ganz oder teilweise – Unterstützung finden!!
Nach der ersten sozialistischen Revolution des Proletariats, nach dem
Sturz der Bourgeoisie in einem Lande, bleibt das Proletariat dieses
Landes lange Zeit schwächer als die Bourgeoisie, schon allein wegen der
ungeheuren internationalen Verbindungen der Bourgeoisie, dann aber auch
infolge der elementar und ständig vor sich gehenden Wiederherstellung,
Wiederbelebung des Kapitalismus und der Bourgeoisie durch die kleinen
Warenproduzenten des Landes, das die Bourgeoisie gestürzt hat. Einen mächtigeren
Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann
besiegen, wenn man unbedingt aufs angelegentlichste, sorgsamste,
vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, selbst den kleinsten »Riß«
zwischen den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie
der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder
Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede,
selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Verbündeten unter
den Massen zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender,
unsicherer, unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein. Wer das nicht
begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom
wissenschaftlichen, modernen, Sozialismus überhaupt begriffen. Wer
nicht während einer recht beträchtlichen Zeitspanne und in recht
verschiedenartigen politischen Situationen praktisch bewiesen hat, daß
er es versteht, diese Wahrheit in der Tat anzuwenden, der hat noch nicht
gelernt, der revolutionären Klasse in ihrem Kampf um die Befreiung der
gesamten werktätigen Menschheit von den Ausbeutern zu helfen. Und das
Gesagte gilt in gleicher Weise für die Periode vor und nach der
Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat.
Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln,
pflegten Marx und Engels zu sagen [22],
und der schwerste Fehler, das schwerste Verbrechen solcher
„patentierten“ Marxisten wie Karl Kautsky, Otto Bauer u.a. besteht
darin, daß sie das nicht begriffen, daß sie es nicht verstanden haben,
diese Theorie in den wichtigsten Augenblicken der Revolution des
Proletariats anzuwenden. „Die politische Tätigkeit ist nicht das
Trottoir des Newski-Prospekts“ (das saubere, breite, glatte Trottoir
der schnurgeraden Hauptstraße Petersburgs), pflegte schon N.G.
Tschernyschewski [23], der große
russische Sozialist der vormarxschen Periode, zu sagen. Die russischen
Revolutionäre haben seit Tschernyschewski das Ignorieren oder Vergessen
dieser Wahrheit mit unzähligen Opfern bezahlt. Es gilt, um jeden Preis
zu erreichen, daß die linken Kommunisten und die der Arbeiterklasse
ergebenen Revolutionäre Westeuropas und Amerikas die Aneignung dieser
Wahrheit nicht so teuer bezahlen, wie die rückständigen Russen sie
bezahlt haben.
Die russischen revolutionären Sozialdemokraten haben vor dem Sturz des
Zarismus wiederholt die Dienste der bürgerlichen Liberalen in Anspruch
genommen, d.h., sie haben eine Menge praktischer Kompromisse mit ihnen
geschlossen. In den Jahren 1901 und 1902, noch vor der Entstehung des
Bolschewismus, schloß die alte Redaktion der „Iskra“ (zu der
Plechanow, Axelrod, Sassulitsch, Martow, Potressow und ich gehörten)
ein formelles politisches Bündnis (allerdings nicht auf lange) mit
Struve, dem politischen Führer des bürgerlichen Liberalismus, verstand
es aber gleichzeitig, ununterbrochen den rücksichtslosesten
ideologischen und politischen Kampf gegen den bürgerlichen Liberalismus
und gegen die geringsten Äußerungen seines Einflusses innerhalb der
Arbeiterbewegung zu führen. Dieser Politik sind die Bolschewiki stets
treu geblieben. Seit 1905 haben sie systematisch das Bündnis der
Arbeiterklasse mit der Bauernschaft gegen die liberale Bourgeoisie und
den Zarismus verfochten, ohne zugleich jemals die Unterstützung der
Bourgeoisie gegen den Zarismus (z.B. im zweiten Stadium der Wahlen oder
bei Stichwahlen) abzulehnen und ohne den unversöhnlichsten
ideologischen und politischen Kampf gegen die bürgerlich-revolutionäre
Bauernpartei, die „Sozialrevolutionäre“, einzustellen, die sie als
kleinbürgerliche, sich fälschlich zu den Sozialisten zählende
Demokraten entlarvten. Im Jahre 1907 schlossen die Bolschewiki bei den
Wahlen zur Duma auf kurze Zeit formell einen politischen Block mit den
„Sozialrevolutionären“. Mit den Menschewiki waren wir in den Jahren
1903-1912 wiederholt mehrere Jahre hindurch formell in einer
einheitlichen sozialdemokratischen Partei, ohne jemals den ideologischen
und politischen Kampf gegen diese Opportunisten und Schrittmacher des bürgerlichen
Einflusses auf das Proletariat einzustellen. Während des Krieges gingen
wir ein gewisses Kompromiß mit den „Kautskyanern“, den linken
Menschewiki (Martow) und einem Teil der „Sozialrevolutionäre“ (Tschernow,
Natanson) ein, tagten zusammen mit ihnen in Zimmerwald und Kienthal und
erließen gemeinsame Manifeste, haben aber niemals den ideologischen und
politischen Kampf gegen die „Kautskyaner“, gegen die Martow und
Tschernow eingestellt oder abgeschwächt (Natanson starb 1919 als uns
durchaus nahestehender, mit uns fast solidarischer volkstümlerischer
„revolutionärer Kommunist“). Im Augenblick des Oktoberumsturzes
schlossen wir einen zwar nicht formellen, aber sehr wichtigen (und sehr
erfolgreichen) politischen Block mit der kleinbürgerlichen
Bauernschaft, indem wir das Agrarprogramm der Sozialrevolutionäre voll
und ganz, ohne jede Änderung, übernahmen, d.h., wir gingen
unzweifelhaft ein Kompromiß ein, um den Bauern zu beweisen, daß wir
sie nicht majorisieren, sondern uns mit ihnen verständigen wollen.
Gleichzeitig schlugen wir den „linken Sozialrevolutionären“ einen
(bald darauf von uns verwirklichten) formellen politischen Block
einschließlich der Teilnahme an der Regierung vor. Nach Abschluß des
Brester Friedens sprengten die linken Sozialrevolutionäre diesen Block
und gingen später, im Juli 1918, zum bewaffneten Aufstand gegen uns und
in der Folgezeit zum bewaffneten Kampf gegen uns über.
Es ist daher begreiflich, daß wir die Angriffe der deutschen Linken
gegen die Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands, weil sie den
Gedanken an einen Block mit den „Unabhängigen“ (der „Unabhängigen
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“, den Kautskyanern) zuläßt,
für ganz unernst halten und in ihnen einen klaren Beweis dafür sehen,
daß die „Linken“ unrecht haben. Bei uns in Rußland gab es
ebenfalls rechte Menschewiki (die der Regierung Kerenski angehörten),
die den deutschen Scheidemännern entsprechen, und linke Menschewiki (Martow),
die zu den rechten Menschewiki in Opposition standen und den deutschen
Kautskyanern entsprechen. Den allmählichen Übergang der Arbeitermassen
von den Menschewiki zu den Bolschewiki konnten wir deutlich im Jahre
1917 beobachten: Auf dem 1. Gesamtrussischen Sowjetkongreß im Juni 1917
hatten wir nur 13 Prozent der Stimmen. Die Mehrheit gehörte den
Sozialrevolutionären und den Menschewiki. Auf dem II. Sowjetkongreß
(am 25.10.1917 alten Stils) hatten wir 51 Prozent der Stimmen. Warum hat
in Deutschland derselbe, völlig gleichartige Drang der Arbeiter von
rechts nach links nicht sofort zur Stärkung der Kommunisten, sondern
zunächst zur Stärkung der Zwischenpartei der „Unabhängigen“ geführt,
obwohl diese Partei niemals irgendwelche selbständigen politischen
Ideen besaß, niemals eine selbständige Politik trieb, sondern stets
nur zwischen den Scheidemännern und den Kommunisten hin und her
schwankte?
Eine der Ursachen war offensichtlich die fehlerhafte Taktik der
deutschen Kommunisten, die diesen Fehler furchtlos und ehrlich zugeben
und lernen müssen, ihn zu korrigieren. Der Fehler bestand darin, daß
sie eine Beteiligung am reaktionären, bürgerlichen Parlament und an
den reaktionären Gewerkschaften verwarfen; der Fehler bestand in
zahlreichen Äußerungen jener „linken“ Kinderkrankheit, die jetzt
offen zum Ausbruch gekommen ist und um so gründlicher, um so schneller,
mit um so größerem Nutzen für den Organismus kuriert werden wird.
Die Zusammensetzung der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands“ ist ausgesprochen uneinheitlich: Neben den alten
opportunistischen Führern (Kautsky, Hilferding, in hohem Grade offenbar
auch Crispien, Ledebour u.a.), die ihre Unfähigkeit bewiesen haben, die
Bedeutung der Rätemacht und der Diktatur des Proletariats zu erfassen
und den revolutionären Kampf des Proletariats zu leiten, hat sich in
dieser Partei ein linker, proletarischer Flügel gebildet, der
erfreulich rasch anwächst. Hunderttausende Mitglieder dieser Partei
(die, glaube ich, ungefähr drei Viertel Millionen Mitglieder zählt)
sind Proletarier, die Scheidemann den Rücken kehren und sich rasch dem
Kommunismus zuwenden. Dieser proletarische Flügel hat schon auf dem
Leipziger Parteitag der Unabhängigen (1919) den sofortigen und
bedingungslosen Anschluß an die III. Internationale beantragt. Ein „Kompromiß“
mit diesem Flügel der Partei zu fürchten wäre geradezu lächerlich.
Im Gegenteil, die Kommunisten müssen unbedingt die geeignete Form eines
Kompromisses mit ihm suchen und finden, eines Kompromisses, das
einerseits die notwendige völlige Verschmelzung mit diesem Flügel
erleichtern und beschleunigen, anderseits aber die Kommunisten in ihrem
ideologischen und politischen Kampf gegen den opportunistischen rechten
Flügel der „Unabhängigen“ in keiner Weise behindern würde.
Wahrscheinlich wird es nicht leicht sein, die geeignete Form eines
Kompromisses zu finden, aber nur ein Scharlatan könnte den deutschen
Arbeitern und den deutschen Kommunisten einen 'leichten' Weg zum Sieg
versprechen.
Der Kapitalismus wäre nicht Kapitalismus, wenn das „reine“
Proletariat nicht von einer Masse außerordentlich mannigfaltiger Übergangstypen
vom Proletarier zum Halbproletarier (der seinen Lebensunterhalt zur Hälfte
durch Verkauf seiner Arbeitskraft erwirbt), vom Halbproletarier zum
Kleinbauern (und kleinen Handwerker, Hausindustriellen, Kleinbesitzer überhaupt),
vom Kleinbauern zum Mittelbauern usw. umgeben wäre; wenn es innerhalb
des Proletariats selbst nicht Unterteilungen in mehr oder minder
entwickelte Schichten, Gliederungen nach Landsmannschaften, nach
Berufen, manchmal nach Konfessionen usw. gäbe. Aus alledem aber ergibt
sich für die Vorhut des Proletariats, für seinen klassenbewußten
Teil, für die kommunistische Partei absolut unumgänglich die
Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit, zu lavieren, Übereinkommen
und Kompromisse mit verschiedenen proletarischen Gruppen, mit
verschiedenen Parteien der Arbeiter und der Kleinbesitzer zu schließen.
Es kommt nur darauf an, daß man es versteht, diese Taktik so
anzuwenden, daß sie zur Hebung und nicht zur Senkung des allgemeinen
Niveaus des proletarischen Klassenbewußtseins, des revolutionären
Geistes, der Kampf– und Siegesfähigkeit beiträgt. übrigens muß
bemerkt werden, daß der Sieg der Bolschewiki über die Menschewiki
nicht nur vor der Oktoberrevolution 1917, sondern auch nachher die
Anwendung der Taktik des Lavierens, der Übereinkommen und Kompromisse
erforderte, natürlich nur eines solchen Lavierens, solcher Übereinkommen
und Kompromisse, die den Sieg erleichterten und beschleunigten und die
Bolschewiki auf Kosten der Menschewiki festigten und stärkten. Die
kleinbürgerlichen Demokraten (darunter auch die Menschewiki) schwanken
unvermeidlich zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen bürgerlicher
Demokratie und Sowjetsystem, zwischen Reformismus und Revolutionismus,
zwischen Liebe zu den Arbeitern und Furcht vor der proletarischen
Diktatur usw. Die richtige Taktik der Kommunisten muß darin bestehen,
daß man diese Schwankungen ausnutzt, keineswegs darin, daß man sie
ignoriert. Um sie auszunutzen, muß man Zugeständnisse an diejenigen
Elemente machen, die sich dem Proletariat zuwenden, und zwar dann, wenn
sie sich dem Proletariat zuwenden, und insoweit, wie sie sich dem
Proletariat zuwenden – gleichzeitig aber muß man den Kampf gegen
diejenigen führen, die zur Bourgeoisie abschwenken. Die Anwendung der
richtigen Taktik hatte zur Folge, daß der Menschewismus bei uns immer
mehr zerfiel und auch weiter zerfällt, daß die verbohrten
opportunistischen Führer isoliert werden und daß die besten Arbeiter,
die besten Elemente aus der kleinbürgerlichen Demokratie in unser Lager
übergehen. Das ist ein langwieriger Prozeß, und durch einen übers
Knie gebrochenen „Beschluß': „keinerlei Kompromisse, keinerlei
Lavieren!“ kann man dem Wachstum des Einflusses des revolutionären
Proletariats und der Mehrung seiner Kräfte nur schaden.
Ein unzweifelhafter Fehler der „Linken“ in Deutschland ist schließlich,
daß sie starrköpfig darauf bestehen, den Versailler Frieden nicht
anzuerkennen. Je »solider« und »gewichtiger«, je »entschiedener«
und kategorischer diese Ansicht z.B. von K. Horner formuliert wird,
desto unkluger wirkt das. Es genügt nicht, sich von den
himmelschreienden Absurditäten des »Nationalbolschewismus« (Laufenbergs
u.a.) loszusagen, der sich unter den gegenwärtigen Bedingungen der
internationalen proletarischen Revolution – bis zu einem Block mit der
deutschen Bourgeoisie zum Krieg gegen die Entente verstiegen hat. Man muß
verstehen, daß eine Taktik von Grund aus falsch ist, die nicht zugeben
will, daß es für ein Rätedeutschland (wenn bald eine deutsche Räterepublik
entstehen sollte) unbedingt notwendig sein kann, den Versailler Frieden
eine Zeitlang anzuerkennen und sich ihm zu fügen. Daraus folgt nicht,
daß die „Unabhängigen“ recht hatten, die zu einer Zeit, als in der
Regierung die Scheidemänner saßen, als die Rätemacht in Ungarn noch
nicht gestürzt war, als die Möglichkeit der Unterstützung Räteungarns
durch eine Räterevolution in Wien noch nicht ausgeschlossen war – die
unter den damaligen Bedingungen forderten, daß der Versailler
Friedensvertrag unterzeichnet werde. Damals lavierten und manövrierten
die „Unabhängigen“ sehr schlecht, denn sie übernahmen mehr oder
minder die Verantwortung für die verräterischen Scheidemänner und
glitten mehr oder weniger vom Standpunkt des schonungslosen (und kaltblütig
geführten) Klassenkrieges gegen die Scheidemänner auf einen Standpunkt
»ohne Klassen« oder »über den Klassen« hinab.
Gegenwärtig ist aber die Lage unverkennbar so, daß die Kommunisten
Deutschlands sich nicht die Hände binden und nicht versprechen dürfen,
im Fall eines Sieges des Kommunismus den Versailler Friedensvertrag
unbedingt und unter allen Umständen zu annullieren. Das wäre eine
Dummheit. Sie müssen sagen: Die Scheidemänner und Kautskyaner haben
eine Reihe von Verrätereien begangen, die das Bündnis mit Sowjetrußland
und mit Räteungarn erschwert (zum Teil direkt unmöglich gemacht)
haben. Wir Kommunisten werden ein solches Bündnis mit allen Mitteln
erleichtern und vorbereiten, wobei wir keineswegs verpflichtet sind, den
Versailler Frieden unbedingt, und zwar sofort zu annullieren. Die Möglichkeit,
ihn mit Erfolg zu annullieren, hängt nicht nur von den deutschen,
sondern auch von den internationalen Erfolgen der Rätebewegung ab.
Diese Bewegung wurde von den Scheidemännern und Kautskyanern gehemmt,
wir aber fördern sie. Das ist der Kern der Sache, das ist der
grundlegende Unterschied. Und wenn unsere Klassenfeinde, die Ausbeuter,
und ihre Lakaien, die Scheidemänner und Kautskyaner, eine ganze Reihe
von Möglichkeiten verpaßt haben, die deutsche wie die internationale Rätebewegung,
die deutsche wie die internationale Räterevolution zu stärken, so fällt
die Schuld auf sie. Die Räterevolution in Deutschland wird die
internationale Rätebewegung stärken, die das stärkste Bollwerk (und
das einzig zuverlässige, unbezwingbare, international machtvolle
Bollwerk) gegen den Versailler Frieden, gegen den internationalen
Imperialismus überhaupt ist. Die Befreiung vom Versailler Frieden
unbedingt, unter allen Umständen und unverzüglich an die erste Stelle,
vor die Frage nach der Befreiung der anderen vom Imperialismus unterdrückten
Länder vom Joch des Imperialismus zu setzen ist kleinbürgerlicher
Nationalismus (der Kautsky, Hilferding, Otto Bauer und Co. würdig),
aber kein revolutionärer Internationalismus. Der Sturz der Bourgeoisie
in einem beliebigen großen europäischen Land, darunter auch in
Deutschland, ist ein solches Plus für die internationale Revolution, daß
man seinetwegen – wenn es notwendig sein sollte – auf eine längere
Gültigkeit des Versailler Friedens eingehen kann und muß. Wenn Rußland
allein imstande war, zum Nutzen für die Revolution mehrere Monate lang
den Brester Frieden zu ertragen, so ist nichts Unmögliches daran, daß
ein Rätedeutschland im Bunde mit Sowjetrußland zum Nutzen für die
Revolution eine längere Gültigkeit des Versailler Friedens erträgt.
Die Imperialisten Frankreichs, Englands usw. provozieren die deutschen
Kommunisten, stellen ihnen eine Falle: „Sagt doch, daß ihr den
Versailler Frieden nicht unterschreiben werdet!“ Und die linken
Kommunisten gehen wie Kinder in die ihnen gestellte Falle, anstatt
geschickt gegen den heimtückischen und im gegebenen Augenblick stärkeren
Feind zu manövrieren, anstatt ihm zu sagen: »Jetzt werden wir den
Versailler Frieden unterschreiben.« Sich im voraus die Hände zu
binden, dem Feind, der heute besser gerüstet ist als wir, offen zu
sagen, ob und wann wir mit ihm Krieg führen werden, ist eine Dummheit
und keine revolutionäre Tat. Den Kampf aufzunehmen, wenn das
offenkundig für den Feind und nicht für uns günstig ist, ist ein
Verbrechen, und Politiker der revolutionären Klasse, die nicht »zu
lavieren, Übereinkommen und Kompromisse zu schließen« verstehen, um
einem offenkundig unvorteilhaften Kampf auszuweichen, sind keinen
Pfifferling wert.
IX. Der „linke“ Kommunismus in England
In England gibt es noch keine kommunistische Partei, aber es gibt unter
den Arbeitern eine frische, breite, machtvolle, rasch anwachsende
kommunistische Bewegung, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigt; es
gibt einige politische Parteien und Organisationen (die „Britische
Sozialistische Partei“[24], die
„Sozialistische Arbeiterpartei“, die „Sozialistische Gesellschaft
von Süd-Wales“, die „Sozialistische Arbeiterföderation“[25],
die eine kommunistische Partei gründen wollen und darüber bereits
miteinander verhandeln. In der Zeitung 'The Workers' Dreadnought'
(Jahrgang VI, Nr. 48 vom 21.2.1920), dem Wochenblatt der letzten unter
den aufgezählten Organisationen, das von Genossin Sylvia Pankhurst
redigiert wird, finden wir ihren Artikel „Auf dem Weg zu einer
kommunistischen Partei“. Der Artikel schildert den Gang der
Verhandlungen zwischen den vier genannten Organisationen über die
Bildung einer einheitlichen kommunistischen Partei auf der Grundlage des
Anschlusses an die III. Internationale, der Anerkennung des
Sowjetsystems (an Stelle des Parlamentarismus) und der Diktatur des
Proletariats. Wie sich herausstellt, sind ein Haupthindernis für die
sofortige Gründung einer einheitlichen kommunistischen Partei
Meinungsverschiedenheiten aber die Frage der Beteiligung am Parlament
und des Anschlusses der neuen kommunistischen Partei an die alte, zünftlerische,
vorwiegend aus Trade-Unions zusammengesetzte opportunistische und
sozialchauvinistische „Arbeiterpartei“. Die „Sozialistische
Arbeiterföderation“ wie auch die „Sozialistische Arbeiterpartei“ [26]
sprechen sich gegen die Beteiligung an den Parlamentswahlen und am
Parlament, gegen den Anschluß an die „Arbeiterpartei“ aus; ihre
Ansichten weichen in dieser Beziehung von denen aller oder der meisten
Mitglieder der Britischen Sozialistischen Partei ab, die in ihren Augen
den »rechten Flügel der kommunistischen Parteien« in England bildet.
(S.5, der erwähnte Artikel von Sylvia Pankhurst.)
Die grundlegende Teilung ist demnach dieselbe wie in Deutschland, trotz
der ungeheuren Unterschiede in der Form, in der die
Meinungsverschiedenheiten hervortreten (in Deutschland kommt diese Form
der „russischen“ weit näher als in England), und in einer ganzen
Reihe anderer Umstände. Sehen wir uns nun die Argumente der
„Linken“ näher an.
In der Frage der Beteiligung am Parlament beruft sich Genossin Sylvia
Pankhurst auf einen in derselben Nummer veröffentlichten Artikel des
Genossen W. Gallacher, der im Namen des „Schottischen Arbeiterrats“
in Glasgow folgendes schreibt:
»Dieser Arbeiterrat ist entschieden antiparlamentarisch, und hinter ihm
steht der linke Flügel verschiedener politischer Organisationen.
Wir vertreten die revolutionäre Bewegung in Schottland, die bestrebt
ist, in den Industrien [den verschiedenen Produktionszweigen] eine
revolutionäre Organisation und im ganzen Land eine kommunistische
Partei, die sich auf soziale Komitees gründet, aufzubauen. Lange Zeit
haben wir uns mit den offiziellen Parlamentariern herumgezankt. Wir
haben es nicht für nötig gehalten, ihnen offen den Krieg zu erklären,
sie aber fürchten sich, den Angriff gegen uns zu eröffnen.
Eine solche Lage der Dinge kann jedoch nicht lange andauern. Wir sind
dabei, auf der ganzen Linie zu siegen.
Die einfachen Mitglieder der Unabhängigen Arbeiterpartei in Schottland
werden mehr und mehr angewidert von dem Gedanken an das Parlament, und
fast alle Ortsgruppen sind für Sowjets [das russische Wort wird hier in
englischer Transkription gebraucht] oder Arbeiterräte.
Das ist natürlich eine sehr ernste Sache für die Herrschaften, die die
Politik als Beruf (als Einkommenquelle) betrachten, und sie setzen alle
Hebel in Bewegung, um ihre Mitglieder zur Rückkehr in den Schoß des
Parlamentarismus zu bewegen.
Die revolutionären Genossen dürfen diese Bande nicht unterstützen
[Hervorhebungen überall vom Verfasser] Hier steht uns ein schwerer
Kampf bevor. Einer seiner schlimmsten Züge wird der Verrat derjenigen
sein, die sich mehr von persönlicher Ambition als von den Interessen
der Revolution leiten lassen.
Jede Unterstützung des Parlamentarismus trägt ganz einfach dazu bei,
daß die Macht in die Hände unserer britischen Scheidemänner und Noske
gelangt. Henderson, Clynes und Co. sind hoffnungslos reaktionär. Die
offizielle Unabhängige Arbeiterpartei gerät immer mehr unter den
Einfluß bürgerlicher Liberaler, die...ein geistiges Asyl' im Lager der
Herren MacDonald, Snowden und Co. gefunden haben. Die offizielle Unabhängige
Arbeiterpartei steht der Dritten Internationale in bitterer Feindschaft
gegenüber, während die einfachen Mitglieder dafür sind. Die
opportunistischen Parlamentarier irgendwie unterstützen heißt einfach,
diesen Herrschaften in die Hände arbeiten.
Die Britische Sozialistische Partei spielt hier gar keine Rolle ... Hier
bedarf es einer gesunden, revolutionären Industrieorganisation und
einer kommunistischen Partei, die nach klaren, genau festgelegten
wissenschaftlichen Grundsätzen handelt. Können unsere Genossen uns
helfen, solche Organisationen zu schaffen, so werden wir ihre Hilfe gern
annehmen; können sie das nicht, so mögen sie um Himmels willen ihre
Finger davonlassen, wenn sie nicht die Revolution verraten wollen, indem
sie die Reaktionäre unterstützen, die so eifrig nach parlamentarischen
'Ehren' (?)« (Fragezeichen vom Verfasser) »verlangen und die vor
Begierde brennen, zu beweisen, daß sie ebenso gut regieren können wie
die Politiker aus der Klasse der 'Bosse' selbst.«
Dieser Brief an die Redaktion drückt, meiner Ansicht nach, glänzend
die Stimmung und den Standpunkt der jungen Kommunisten oder der unter
der Masse Arbeitenden aus, die eben erst begonnen haben, zum Kommunismus
zu stoßen. Diese Stimmung ist im höchsten Grade erfreulich und
wertvoll; man muß sie zu schätzen und zu unterstützen wissen, denn
ohne sie wäre auf einen Sieg der proletarischen Revolution in England
– und auch in jedem anderen Land – nicht zu hoffen. Mit Leuten, die
einer solchen Stimmung der Massen Ausdruck zu geben und bei den Massen
eine derartige (sehr oft schlummernde, noch nicht bewußte, noch nicht
geweckte) Stimmung hervorzurufen verstehen, muß man behutsam umgehen
und ihnen fürsorglich auf jede Art und Weise helfen. Gleichzeitig aber
muß man ihnen unumwunden und offen sagen, daß die Stimmung allein
nicht genügt, um die Massen im großen revolutionären Kampf zu führen,
und daß die und die Fehler, die der Sache der Revolution treu ergebene
Menschen begehen können oder schon begehen, Fehler sind, die der
Revolution zu schaden vermögen. Der Brief des Gen. Gallacher an die
Redaktion zeigt unzweifelhaft die Keime aller jener Fehler, die von den
deutschen „linken“ Kommunisten gemacht werden und die von den
russischen „linken“ Bolschewiki in den Jahren 1908 und 1918 gemacht
worden sind.
Der Verfasser des Briefes ist erfüllt von edelstem proletarischem Haß
auf die bürgerlichen „Klassenpolitiker“ (einem Haß, der allerdings
nicht nur den Proletariern, sondern auch allen anderen Werktätigen,
allen, um einen deutschen Ausdruck zu gebrauchen, „kleinen Leuten“
einleuchtend und verständlich ist). Dieser Haß des Vertreters der
unterdrückten und ausgebeuteten Massen ist wahrlich „aller Weisheit
Anfang“, die Grundlage einer jeden sozialistischen und kommunistischen
Bewegung und ihrer Erfolge. Aber der Verfasser berücksichtigt offenbar
nicht, daß die Politik eine Wissenschaft und Kunst ist, die nicht vom
Himmel fällt, die einem nicht in die Wiege gelegt wird, und daß das
Proletariat, wenn es die Bourgeoisie besiegen will, seine eigenen,
proletarischen „Klassenpolitiker“ hervorbringen muß, und zwar
Politiker, die nicht schlechter sein dürfen als die bürgerlichen
Politiker.
Der Briefschreiber hat ausgezeichnet begriffen, daß nicht das
Parlament, sondern nur die Arbeiterräte das Werkzeug sein können, mit
dem die Ziele des Proletariats zu erreichen sind, und natürlich ist
derjenige, der das bis jetzt noch nicht begriffen hat, der schlimmste
Reaktionär, mag er auch der größte Gelehrte, der erfahrenste
Politiker, der aufrichtigste Sozialist, der belesenste Marxist, der
ehrlichste Staatsbürger und Familienvater sein. Aber der Briefschreiber
stellt nicht einmal die Frage, denkt gar nicht nach über die
Notwendigkeit, die Frage zu stellen, ob man die Räte zum Sieg über das
Parlament führen kann, ohne „Räte“politiker innerhalb des
Parlaments zu haben, ohne den Parlamentarismus von innen heraus zu
zersetzen, ohne im Schoße des Parlaments den Erfolg der Rate bei der
ihnen zufallenden Aufgabe der Auseinanderjagung des Parlaments
vorzubereiten. Dabei äußert der Verfasser des Briefes den ganz
richtigen Gedanken, daß eine kommunistische Partei in England nach
wissenschaftlichen Grundsätzen wirken müsse. Die Wissenschaft
erfordert erstens, daß man die Erfahrung anderer Länder in Betracht
zieht, besonders wenn andere, gleichfalls kapitalistische Länder eine
ganz ähnliche Erfahrung durchmachen oder unlängst durchgemacht haben;
zweitens, daß man alle Kräfte, Gruppen, Parteien, Klassen, Massen, die
innerhalb des betreffenden Landes wirken, in Rechnung stellt und die
Politik keineswegs nur auf Grund der Wünsche und Ansichten, des Grades
des Klassenbewußtseins und der Kampfbereitschaft nur einer Gruppe oder
Partei bestimmt.
Daß die Henderson, Clynes, MacDonald und Snowden hoffnungslos reaktionär
sind, das stimmt. Ebenso stimmt es, daß sie in den Besitz der Macht
kommen wollen (wobei sie, nebenbei bemerkt, eine Koalition mit der
Bourgeoisie vorziehen), daß sie nach denselben althergebrachten bürgerlichen
Regeln „regieren“ wollen, daß sie, einmal zur Macht gelangt, sich
unweigerlich ebenso verhalten werden wie die Scheidemänner und Noske.
Das alles stimmt. Aber daraus folgt keineswegs, daß eine Unterstützung
dieser Leute Verrat an der Revolution ist, vielmehr folgt daraus, daß
die Revolutionäre der Arbeiterklasse im Interesse der Revolution diesen
Herrschaften eine gewisse parlamentarische Unterstützung gewähren müssen.
Um diesen Gedanken klarzumachen, will ich zwei englische politische
Dokumente aus der letzten Zeit anführen: 1. die Rede des:
Premierministers Lloyd George vom 18.3.1920 (nach dem Bericht des
'Manchester Guardian' vom 19.3.1920) und 2. die Betrachtungen der
Genossin Sylvia Pankhurst, einer „linken“ Kommunistin, in ihrem
obenerwähnten Artikel.
Lloyd George polemisierte in seiner Rede gegen Asquith (der speziell zur
Versammlung eingeladen worden war, aber abgelehnt hatte zu erscheinen)
und gegen diejenigen Liberalen, die keine Koalition mit den
Konservativen, sondern eine Annäherung an die Arbeiterpartei wünschen.
(In dem Brief des Gen. Gallacher an die Redaktion finden wir ebenfalls
einen Hinweis auf die Tatsache, daß Liberale zur Unabhängigen
Arbeiterpartei übertreten.) Lloyd George suchte zu beweisen, daß eine
Koalition der Liberalen mit den Konservativen, und zwar eine enge
Koalition, notwendig sei, denn sonst könne die Arbeiterpartei siegen,
die Lloyd George als Sozialistische Partei »zu bezeichnen vorzieht«
und die das „Gemeineigentum“ an den Produktionsmitteln anstrebe. »In
Frankreich hieß das Kommunismus!«, erläuterte der Führer der
englischen Bourgeoisie in populärer Weise seinen Zuhörern, den
Mitgliedern der parlamentarischen Liberalen Partei, die das bisher
vermutlich nicht gewußt haben, »in Deutschland hieß das Sozialismus,
und in Rußland heißt es Bolschewismus.« Für die Liberalen, legte
Lloyd George dar, sei das grundsätzlich unannehmbar, denn die Liberalen
seien grundsätzlich für das Privateigentum. »Die Zivilisation ist in
Gefahr«, erklärte der Redner, und deshalb müßten die Liberalen und
die Konservativen zusammengehen ...
»Wenn Sie in die landwirtschaftlichen Bezirke gehen', führte Lloyd
George aus, „so werden Sie dort – einverstanden – die alten
Parteigliederungen so stark wie je vorfinden. Sie sind weitab von der
Gefahr. Die Gefahr pocht nicht an ihre Türen. Kommt es aber erst
soweit, so wird dort die Gefahr ebenso groß sein wie jetzt in manchen
industriellen Wahlkreisen. Vier Fünftel der Bevölkerung unseres Landes
leben von Industrie und Handel, kaum ein Fünftel von der
Landwirtschaft. Das ist ein Umstand, den ich ständig im Auge habe, wenn
ich über die Gefahren nachdenke, die uns die Zukunft bringt. Frankreich
hat eine Agrarbevölkerung, und es gibt dort für die öffentliche
Meinung eine solide Basis, die sich nicht sehr rasch ändert und sich
durch revolutionäre Bewegungen nicht sehr leicht erschüttern läßt.
Bei uns liegen die Dinge anders. Unser Land ist kopflastiger als
irgendein anderes Land der Welt, und wenn es ins Schlingern gerät, so
wird aus dem erwähnten Grunde die Katastrophe hier größer sein als in
irgendeinem anderen Land.«
Der Leser sieht daraus, daß Herr Lloyd George nicht nur ein sehr kluger
Mann ist, sondern auch viel von den Marxisten gelernt hat. Es wird nicht
schaden, wenn auch wir von Lloyd George lernen.
Interessant ist noch die folgende Episode aus der Diskussion, zu der es
nach der Rede Lloyd Georges kam:
Herr Wallace: »lch möchte fragen, wie der Premierminister die Wirkung,
seiner Politik in den industriellen Wahlkreisen auf die
Industriearbeiter beurteilt, von denen gegenwärtig so viele Liberale
sind und von denen wir so große Unterstützung erhalten. Könnte das
nicht dazu führen, daß die Arbeiterpartei von Leuten, die uns gegenwärtig
aufrichtig unterstützen, unmittelbar einen überwältigenden Kräftezuwachs
bekommt?«
Der Premierminister: »Ich bin völlig anderer Ansicht. Die Tatsache, daß
Liberale einander bekämpfen, treibt zweifelsohne eine sehr beträchtliche
Anzahl von Liberalen aus Verzweiflung zur Arbeiterpartei, wo bereits
eine ganze Menge von Liberalen, sehr fähigen Leuten, zu finden ist, die
sich damit befassen, die Regierung zu diskreditieren. Die Folge ist
zweifellos, daß sich die öffentliche Meinung stark zugunsten der
Arbeiterpartei ändert. Sie wandelt sich nicht zugunsten der Liberalen,
die außerhalb stehen, sondern zugunsten der Arbeiterpartei. Das zeigen
die Nachwahlen.«
Nebenbei bemerkt, zeigt diese Betrachtung besonders deutlich, wie sich
die gescheitesten Leute der Bourgeoisie verheddert haben und
unweigerlich nicht wiedergutzumachende Dummheiten begehen. Daran wird
die Bourgeoisie denn auch zugrunde gehen. Unsere Leute aber können sich
sogar Dummheiten leisten (allerdings dürfen diese Dummheiten nicht sehr
groß sein und müssen rechtzeitig korrigiert werden), und doch werden
sie schließlich die Sieger sein.
Das andere politische Dokument sind folgende Betrachtungen einer
„linken“ Kommunistin, der Genossin Sylvia Pankhurst:
»Genosse Inkpin« (der Sekretär der Britischen Sozialistischen Partei)
»bezeichnet die Arbeiterpartei als 'die wichtigste Organisation der
Bewegung der Arbeiterklasse'. Ein anderer Genosse von der Britischen
Sozialistischen Partei hat auf der kürzlichen Konferenz der III.
Internationale die Auffassung der Britischen Sozialistischen Partei noch
drastischer zum Ausdruck gebracht. Er sagte: 'Wir betrachten die
Arbeiterpartei als die organisierte Arbeiterklasse.'
Wir teilen diese Ansicht über die Arbeiterpartei nicht. Die
Arbeiterpartei ist zahlenmäßig sehr stark, obgleich ihre Mitglieder zu
einem großen Teil passiv und apathisch sind. Das sind Männer und
Frauen, die den Trade-Unions beigetreten sind, weil ihre Arbeitskollegen
Trade-Unionisten sind und weil sie Unterstützung beziehen wollen.
Wir erkennen jedoch an, daß die zahlenmäßige Stärke der
Arbeiterpartei auch darauf zurückzuführen ist, daß sie die Schöpfung
einer Schule des Denkens darstellt, über deren Grenzen die Mehrheit der
britischen Arbeiterklasse noch nicht hinausgekommen ist, obwohl sich große
Änderungen in den Köpfen der Menschen vorbereiten, die die Lage bald
ändern werden...
... Die Britische Arbeiterpartei wird ebenso wie die sozialpatriotischen
Organisationen anderer Länder im Laufe der natürlichen Entwicklung der
Gesellschaft unvermeidlich zur Macht gelangen. Es ist Sache der
Kommunisten, die Kräfte ins Leben zu rufen, die die Sozialpatrioten stürzen
werden, und wir müssen in unserem Lande diese Arbeit ohne Zögern und
ohne Schwanken leisten.
Wir dürfen unsere Energie nicht verzetteln, indem wir die
Arbeiterpartei stärken. Sie wird unausbleiblich ans Ruder kommen. Wir müssen
unsere Kräfte darauf konzentrieren, eine kommunistische Bewegung zu
schaffen, die sie besiegen wird.
Die Arbeiterpartei wird bald eine Regierung bilden; die revolutionäre
Opposition muß sich zum Angriff auf diese Regierung bereithalten...«
Also, die liberale Bourgeoisie verzichtet auf das durch
jahrhundertelange geschichtliche Erfahrung geheiligte und für die
Ausbeuter außerordentlich vorteilhafte System der 'zwei Parteien' (der
Ausbeuter) und hält es für notwendig, ihre Kräfte zum Kampf gegen die
Arbeiterpartei zu vereinigen. Ein Teil der Liberalen läuft, wie die
Ratten das sinkende Schiff verlassen, zur Arbeiterpartei über. Die
linken Kommunisten sind der Auffassung, daß die Arbeiterpartei
unausbleiblich ans Ruder kommt, und geben zu, daß jetzt die Mehrheit
der Arbeiterschaft hinter ihr steht. Hieraus ziehen sie die sonderbare
Schlußfolgerung, die Genossin Sylvia Pankhurst wie folgt formuliert:
»Die Kommunistische Partei darf keine Kompromisse eingehen ... Sie muß
ihre Lehre rein und ihre Unabhängigkeit vom Reformismus unbefleckt
erhalten. Ihre Mission ist es, ohne haltzumachen oder vom Wege
abzubiegen, direkt zur kommunistischen Revolution vorwärtszuschreiten.«
Im Gegenteil, aus der Tatsache, daß die Mehrheit der Arbeiter in
England noch den englischen Kerenskis oder Scheidemännern Gefolgschaft
leistet, daß sie mit einer Regierung dieser Leute noch nicht die
Erfahrungen gemacht hat, wie sie in Rußland und in Deutschland nötig
waren, damit die Arbeiter in Massen zum Kommunismus übergingen, aus
dieser Tatsache folgt unzweifelhaft, daß sich die englischen
Kommunisten am Parlamentarismus beteiligen müssen, daß sie von
innerhalb des Parlaments der Arbeitermasse helfen müssen, die
Ergebnisse der Regierung der Henderson und Snowden in der Praxis zu
erkennen, daß sie den Henderson und Snowden helfen müssen, die
vereinigten Lloyd George und Churchill zu besiegen. Anders handeln heißt
die Sache der Revolution erschweren, denn ohne eine Änderung in den
Anschauungen der Mehrheit der Arbeiterklasse ist die Revolution unmöglich;
diese Änderung aber wird durch die politische Erfahrung der Massen,
niemals durch Propaganda allein erreicht. »Vorwärts ohne Kompromisse,
ohne vom Wege abzubiegen« – wenn das eine offenkundig ohnmächtige
Minderheit der Arbeiter sagt, die weiß (oder jedenfalls wissen müßte),
daß die Mehrheit nach kurzer Zeit, wenn die Henderson und Snowden über
Lloyd George und Churchill den Sieg davongetragen haben sollten, von
ihren Führern enttäuscht sein und dazu übergehen wird, den
Kommunismus zu unterstützen (oder jedenfalls den Kommunisten gegenüber
Neutralität und größtenteils wohlwollende Neutralität zu üben), so
ist diese Losung offensichtlich falsch. Das ist dasselbe, als wollten
sich 10.000 Soldaten gegen 50.000 Mann des Feindes in den Kampf stürzen,
anstatt „haltzumachen“ und „vom Wege abzubiegen“, ja sogar ein
„Kompromiß“ zu schließen, um das Eintreffen einer Verstärkung von
100.000 Mann abzuwarten, die nicht sofort in Aktion treten können. Das
ist eine Kinderei von Intelligenzlern, aber keine ernste Taktik einer
revolutionären Klasse.
Das Grundgesetz der Revolution, das durch alle Revolutionen und
insbesondere durch alle drei russischen Revolutionen des 20.
Jahrhunderts bestätigt worden ist, besteht in folgendem: Zur Revolution
genügt es nicht, daß sich die ausgebeuteten und unterdrückten Massen
der Unmöglichkeit, in der alten Weise weiterzuleben, bewußtwerden und
eine Änderung fordern; zur Revolution ist es notwendig, daß die
Ausbeuter nicht mehr in der alten Weise leben und regieren können. Erst
dann, wenn die „Unterschichten“ das Alte nicht mehr wollen und die
„Oberschichten“ in der alten Weise nicht mehr können, erst dann
kann die Revolution siegen. Mit anderen Worten kann man diese Wahrheit
so ausdrücken: Die Revolution ist unmöglich ohne eine gesamtnationale
(Ausgebeutete wie Ausbeuter erfassende) Krise. Folglich ist zur
Revolution notwendig: erstens, daß die Mehrheit der Arbeiter (oder
jedenfalls die Mehrheit der klassenbewußten, denkenden, politisch
aktiven Arbeiter) die Notwendigkeit des Umsturzes völlig begreift und
bereit ist, seinetwegen in den Tod zu gehen; zweitens, daß die
herrschenden Klassen eine Regierungskrise durchmachen, die sogar die rückständigsten
Massen in die Politik hineinzieht (das Merkmal einer jeden wirklichen
Revolution ist die schnelle Verzehnfachung, ja Verhundertfachung der
Zahl der zum politischen Kampf fähigen Vertreter der werktätigen und
ausgebeuteten Masse, die bis dahin apathisch war), die Regierung
kraftlos macht und es den Revolutionären ermöglicht, diese Regierung
schnell zu stürzen.
In England reifen, wie das unter anderem gerade aus der Rede Lloyd
Georges zu ersehen ist, unverkennbar beide Bedingungen für eine
erfolgreiche proletarische Revolution heran. Und die Fehler der linken
Kommunisten sind jetzt eben deshalb besonders gefährlich, weil bei
manchen Revolutionären eine nicht genügend durchdachte, nicht genügend
aufmerksame, nicht genügend zielklare, nicht genügend abgewogene
Stellungnahme zu jeder dieser Bedingungen wahrzunehmen ist. Wenn wir
nicht eine revolutionäre Gruppe, sondern die Partei der revolutionären
Klasse sind, wenn wir die Massen mitreißen wollen (und tun wir das
nicht, so laufen wir Gefahr, einfach Schwätzer zu bleiben), so müssen
wir erstens Henderson oder Snowden helfen, Lloyd George und Churchill zu
schlagen (richtiger gesagt sogar: jene zwingen, diese zu schlagen, denn
die ersteren fürchten ihren eigenen Sieg!); zweitens der Mehrheit der
Arbeiterklasse helfen, sich durch eigene Erfahrung davon zu überzeugen,
daß wir recht haben, d.h. sich von der völligen Untauglichkeit der
Henderson und Snowden, von ihrer kleinbürgerlichen und verräterischen
Natur, von der Unvermeidlichkeit ihres Bankrotts zu überzeugen;
drittens den Zeitpunkt näher rücken, zu dem es möglich sein wird, auf
grund der Enttäuschung der Mehrheit der Arbeiter über die Henderson
mit ernsten Aussichten auf Erfolg die Regierung der Henderson mit einem
Schlage zu stürzen, die noch verstörter hin und her pendeln wird, wenn
man bedenkt, daß sogar der überaus kluge und solide, nicht kleinbürgerliche,
sondern großbürgerliche Lloyd George völlige Verstörtheit an den Tag
legt und sich (und die gesamte Bourgeoisie) immer mehr schwächt,
gestern durch seine „Reibungen“ mit Churchill, heute durch seine
„Reibungen“ mit Asquith.
Ich will ganz konkret sprechen. Die englischen Kommunisten müssen
meiner Ansicht nach alle ihre vier Parteien und Gruppen (sie sind alle
sehr schwach, einige sogar schwächer als schwach) auf dem Boden der
Grundsätze der III. Internationale und der obligatorischen Beteiligung
am Parlament zu einer einzigen Kommunistischen Partei zusammenschließen.
Die Kommunistische Partei schlägt den Henderson und Snowden ein „Kompromiß“,
ein Wahlabkommen vor: Wir kämpfen gemeinsam gegen das Bündnis Lloyd
Georges und der Konservativen, verteilen die Parlamentssitze
entsprechend der Zahl der von den Arbeitern für die Arbeiterpartei bzw.
die Kommunisten abgegebenen Stimmen (nicht bei den Wahlen, sondern in
einer besonderen Abstimmung), behalten uns aber die vollste Freiheit der
Agitation, Propaganda und politischen Tätigkeit vor. Ohne die letzte
Bedingung darf man sich natürlich nicht auf einen Block einlassen, denn
das wäre Verrat: Die vollste Freiheit der Entlarvung der Henderson und
Snowden müssen die englischen Kommunisten ebenso unbedingt verfechten
und durchsetzen, wie die russischen Bolschewiki sie (fünfzehn Jahre
lang, von 1903 bis 1917) gegenüber den russischen Henderson und Snowden,
d.h. gegenüber den Menschewiki, verfochten und durchgesetzt haben.
Gehen die Henderson und Snowden den Block unter diesen Bedingungen ein,
so werden wir gewonnen haben, denn für uns ist keineswegs die Zahl der
Parlamentssitze wichtig, wir reißen uns nicht darum, wir werden in
diesem Punkt nachgiebig sein (die Henderson aber und insbesondere ihre
neuen Freunde – oder neuen Herren -, die Liberalen, die zur Unabhängigen
Arbeiterpartei übergegangen sind, reißen sich gerade darum am
allermeisten). Wir werden gewonnen haben, denn wir werden unsere
Agitation zu einem Zeitpunkt in die Massen tragen, da Lloyd George
selbst sie „aufgeputscht“ hat, und werden nicht nur der
Arbeiterpartei helfen, schneller ihre Regierung zu bilden, sondern auch
den Massen, schneller unsere ganze kommunistische Propaganda zu
begreifen, die wir gegen die Henderson ohne jede Einschränkung und ohne
etwas zu verschweigen treiben werden.
Lehnen die Henderson und Snowden den Block mit uns unter diesen
Bedingungen ab, so werden wir noch mehr gewonnen haben. Denn wir werden
den Massen sofort gezeigt haben (wohlgemerkt, sogar innerhalb der rein
menschewistischen, völlig opportunistischen Unabhängigen
Arbeiterpartei ist die Masse für die Sowjets), daß den Henderson ihre
nahen Beziehungen zu den Kapitalisten lieber sind als der Zusammenschluß
aller Arbeiter. Wir werden sofort gewonnen haben in den Augen der
Massen, die besonders nach den glänzenden, höchst richtigen und (für
den Kommunismus) höchst nützlichen Erläuterungen Lloyd Georges mit
einem Zusammenschluß aller Arbeiter gegen das Bündnis Lloyd Georges
und der Konservativen sympathisieren werden. Wir werden sofort gewonnen
haben, denn wir werden vor den Massen demonstriert haben, daß die
Henderson und Snowden einen Sieg über Lloyd George fürchten, daß sie
die alleinige Machtübernahme fürchten, daß sie bestrebt sind,
heimlich die Unterstützung Lloyd Georges zu erlangen, der offen den
Konservativen die Hand gegen die Arbeiterpartei reicht. Es muß bemerkt
werden, daß bei uns in Rußland nach der Revolution vom 27.11.1917
(alten Stils) die Propaganda der Bolschewiki gegen die Menschewiki und
Sozialrevolutionäre (d.h. gegen die russischen Henderson und Snowden)
gerade durch einen ebensolchen Umstand gewann. Wir erklärten den
Menschewiki und Sozialrevolutionären: Nehmt die ganze Macht ohne die
Bourgeoisie, denn ihr habt die Mehrheit in den Sowjets (auf dem 1.
Gesamtrussischen Sowjetkongreß im Juni 1917 hatten die Bolschewiki nur
13 Prozent der Stimmen). Aber die russischen Henderson und Snowden fürchteten
sich, die Macht ohne die Bourgeoisie zu ergreifen, und als die
Bourgeoisie die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung verschleppte, da
sie sehr wohl wußte, daß die Wahlen den Sozialrevolutionären und
Menschewiki die Mehrheit bringen würden
[27] (beide bildeten einen ganz engen politischen Block, denn sie
vertraten praktisch ein und dieselbe kleinbürgerliche Demokratie), da
waren die Sozialrevolutionäre und Menschewiki nicht imstande, gegen
diese Verschleppung energisch und konsequent zu kämpfen.
Lehnen die Henderson und Snowden einen Block mit den Kommunisten ab, so
werden die Kommunisten sofort gewonnen haben, was die Eroberung der
Sympathien der Massen und die Diskreditierung der Henderson und Snowden
betrifft, und sollten wir dadurch einige Parlamentssitze verlieren, so
ist das für uns ganz unwichtig. Wir würden unsere Kandidaten nur in
einer ganz geringen Zahl absolut sicherer Wahlkreise aufstellen, d.h.
dort, wo die Aufstellung unserer Kandidaten nicht dem Liberalen zum Sieg
über den Labouristen (das Mitglied der Arbeiterpartei) verhelfen würde.
Wir würden Wahlagitation treiben, Flugblätter zugunsten des
Kommunismus verbreiten und in allen Wahlkreisen, in denen wir keinen
eigenen Kandidaten aufstellen, empfehlen, für den Labouristen und gegen
den Bourgeois zu stimmen. Genossin Sylvia Pankhurst und Genosse
Gallacher irren, wenn sie darin einen Verrat am Kommunismus oder einen
Verzicht auf den Kampf gegen die Sozialverräter sehen. Im Gegenteil,
dadurch würde die Sache der kommunistischen Revolution ohne Zweifel
gewinnen.
Den englischen Kommunisten fällt es jetzt sehr oft schwer, an die Masse
auch nur heranzukommen, sich bei ihr auch nur Gehör zu verschaffen.
Wenn ich als Kommunist auftrete und erkläre, daß ich dazu auffordere,
für Henderson und gegen Lloyd George zu stimmen, so wird man mich gewiß
anhören. Und ich werde nicht nur in populärer Weise erklären können,
warum die Sowjets besser sind als das Parlament und die Diktatur des
Proletariats besser ist als die Diktatur Churchills (die durch das Aushängeschild
der bürgerlichen „Demokratie“ verdeckt wird), sondern ich werde
auch erklären können, daß ich Henderson durch meine Stimmabgabe
ebenso stützen möchte, wie der Strick den Gehängten stützt; daß in
dem Maße, wie sich die Henderson einer eigenen Regierung nähern,
ebenso die Richtigkeit meines Standpunkts bewiesen wird, ebenso die
Massen auf meine Seite gebracht werden und ebenso der politische Tod der
Henderson und Snowden beschleunigt wird, wie das bei ihren
Gesinnungsgenossen in Rußland und in Deutschland der Fall war.
Und wenn man mir entgegnen sollte, das sei eine zu „schlaue“ oder zu
komplizierte Taktik, die Massen würden sie nicht verstehen, sie werde
unsere Kräfte verzetteln, zersplittern, werde uns hindern, diese Kräfte
auf die Sowjetrevolution zu konzentrieren usw., so werde ich diesen
„linken“ Opponenten antworten: Wälzt euren Doktrinarismus nicht auf
die Massen ab! In Rußland ist das Kulturniveau der Massen gewiß nicht
höher, sondern niedriger als in England. Und dennoch haben die Massen
die Bolschewiki begriffen; und es hat den Bolschewiki nicht geschadet,
sondern genützt, daß sie am Vorabend der Sowjetrevolution, im
September 1917, die Listen ihrer Kandidaten für das bürgerliche
Parlament (die Konstituierende Versammlung) aufstellten und am Tag nach
der Sowjetrevolution, im November 1917, an den Wahlen zu dieser selben
Konstituierenden Versammlung teilnahmen, die sie dann am 5.1.1918
auseinanderjagten.
Ich kann hier nicht auf die zweite Meinungsverschiedenheit unter den
englischen Kommunisten eingehen, die darin besteht, ob man sich der
Arbeiterpartei anschließen soll oder nicht. Ich habe zuwenig Material
über diese Frage, die besonders kompliziert ist wegen der stark ausgeprägten
Eigenart der britischen „Arbeiterpartei“, die ihrer ganzen Struktur
nach von den üblichen politischen Parteien auf dem europäischen
Festland allzusehr abweicht. Unzweifelhaft ist allerdings erstens, daß
auch in dieser Frage derjenige unvermeidlich fehlgehen würde, der auf
den Gedanken käme, die Taktik des revolutionären Proletariats von
Grundsätzen abzuleiten wie: „Die Kommunistische Partei muß ihre
Lehre rein und ihre Unabhängigkeit vom Reformismus unbefleckt erhalten.
Ihre Mission ist es, ohne haltzumachen oder vom Wege abzubiegen, direkt
zur kommunistischen Revolution vorwärtszuschreiten.“ Denn solche
Grundsätze wiederholen lediglich den Fehler der französischen
blanquistischen Kommunarden, die im Jahre 1874 die „Ablehnung“ aller
Kompromisse und aller Zwischenstationen proklamierten. Zweitens besteht
ohne Zweifel auch hier wie stets die Aufgabe darin, daß man es
versteht, die allgemeinen und grundlegenden Prinzipien des Kommunismus
auf jene Eigenart der Beziehungen zwischen den Klassen und Parteien, auf
jene Eigenart in der objektiven Entwicklung zum Kommunismus anzuwenden,
die jedes einzelne Land aufweist und die man zu studieren, zu
erforschen, zu erraten fähig sein muß.
Davon aber muß im Zusammenhang nicht allein mit dem englischen
Kommunismus, sondern mit den allgemeinen Schlußfolgerungen gesprochen
werden, welche die Entwicklung des Kommunismus in allen kapitalistischen
Ländern betreffen. Zu diesem Thema wollen wir nun übergehen.
X. Einige Schlußfolgerungen
In der russischen bürgerlichen Revolution von 1905 zeigte sich eine außerordentlich
eigenartige Wendung der Weltgeschichte. In einem der rückständigsten
kapitalistischen Länder erlangte die Streikbewegung einen Umfang und
eine Stärke wie nie zuvor in der Welt. Allein im ersten Monat des
Jahres 1905 betrug die Zahl der Streikenden das Zehnfache der jährlichen
Durchschnittszahl der Streikenden in den vorangegangenen 10 Jahren
(1895-1904), und vom Januar bis zum Oktober 1905 wuchsen die Streiks
ununterbrochen und in riesigem Ausmaß an. Unter dem Einfluß einer
Reihe ganz eigenartiger historischer Bedingungen demonstrierte das rückständige
Rußland der Welt als erstes Land nicht nur ein sprunghaftes Anwachsen
der Aktivität der unterdrückten Massen während der Revolution (das
war in allen großen Revolutionen der Fall), sondern auch die Bedeutung
des Proletariats, die unendlich größer war als der Anteil des
Proletariats an der Bevölkerung, ferner die Verbindung von
wirtschaftlichem und politischem Streik, mit dem Umschlagen des
letzteren in den bewaffneten Aufstand, und die Entstehung der Sowjets
als einer neuen Form des Massenkampfes und der Massenorganisation der
vom Kapitalismus unterjochten Klassen.
Die Februar– und die Oktoberrevolution des Jahres 1917 haben zu einer
allseitigen Entwicklung der Sowjets im ganzen Lande und dann zu ihrem
Sieg in der proletarischen, sozialistischen Umwälzung geführt. Und in
knapp zwei Jahren offenbarte sich der internationale Charakter der
Sowjets, die Ausbreitung dieser Kampf– und Organisationsform auf die
Arbeiterbewegung der ganzen Welt, die geschichtliche Mission der
Sowjets, Totengräber, Erbe, Nachfolger des bürgerlichen
Parlamentarismus und der bürgerlichen Demokratie überhaupt zu sein.
Damit nicht genug, zeigt die Geschichte jetzt, daß es der
Arbeiterbewegung in allen Ländern bevorsteht (und sie bereits begonnen
hat), den Kampf des wachsenden, erstarkenden, zum Sieg voranschreitenden
Kommunismus vor allem und hauptsächlich gegen den eigenen
„Menschewismus“ (in jedem Lande), d.h. gegen den Opportunismus und
Sozialchauvinismus, und zweitens – sozusagen als Ergänzung – gegen
den „linken“ Kommunismus durchzumachen. Der erste Kampf hat sich in
allen Ländern, offenbar ohne jede Ausnahme, als Kampf zwischen der
(heute bereits faktisch zur Strecke gebrachten) II. und der III.
Internationale entfaltet. Der zweite Kampf ist zu beobachten in
Deutschland wie in England, in Italien wie in Amerika (zumindest
vertritt ein gewisser Teil der „Industriearbeiter der Welt“ und der
anarcho-syndikalistischen Strömungen die Fehler des linken Kommunismus
bei fast allgemeiner, fast ungeteilter Anerkennung des Sowjetsystems)
und in Frankreich (die Einstellung eines Teils der früheren
Syndikalisten zur politischen Partei und zum Parlamentarismus, wiederum
bei Anerkennung des Sowjetsystems), d.h. zweifellos nicht nur in einem
internationalen, sondern einem weltumfassenden Maßstab.
Doch indem die Arbeiterbewegung überall eine dem Wesen nach
gleichartige Vorschule zum Sieg über die Bourgeoisie durchmacht,
vollzieht sie diese Entwicklung in jedem Lande auf eigene Weise. Dabei
schreiten die großen, fortgeschrittenen kapitalistischen Länder auf
diesem Wege viel schneller vorwärts als der Bolschewismus, der von der
Geschichte eine fünfzehnjährige Frist erhalten hatte, um sich als
organisierte politische Strömung auf den Sieg vorzubereiten. Die III.
Internationale hat in einer so kurzen Frist, wie es ein Jahr ist,
bereits einen entscheidenden Sieg errungen, sie hat die gelbe,
sozialchauvinistische Il. Internationale zerschlagen, die noch vor
einigen Monaten unvergleichlich stärker war als die III.
Internationale, die fest und mächtig zu sein schien, die in jeder
Hinsicht – direkt und indirekt, materiell (Ministersessel, Pässe,
Presse) und ideologisch – die Unterstützung der Weltbourgeoisie genoß.
Alles kommt jetzt darauf an, daß die Kommunisten eines jeden Landes
sowohl die grundlegenden prinzipiellen Aufgaben des Kampfes gegen den
Opportunismus und den „linken“ Doktrinarismus als auch die konkreten
Besonderheiten ganz klar einschätzen, die dieser Kampf in jedem
einzelnen Lande entsprechend der Eigenart seiner Ökonomik, Politik und
Kultur, seiner nationalen Zusammensetzung (Irland usw.), seiner
Kolonien, seiner religiösen Gliederung usw. usf. annimmt und
unvermeidlich annehmen muß. Überall zeigt sich, verbreitet sich und wächst
die Unzufriedenheit mit der II. Internationale sowohl wegen ihres
Opportunismus als auch wegen ihrer Ohnmacht oder ihrer Unfähigkeit,
eine wirklich zentralisierte, wirklich leitende Zentralstelle zu
schaffen, die fähig wäre, die internationale Taktik des revolutionären
Proletariats in seinem Kampf für eine weltumspannende Sowjetrepublik zu
leiten. Man muß sich klar Rechenschaft darüber ablegen, daß eine
solche leitende Zentralstelle keinesfalls auf einer Schablonisierung,
einer mechanischen Gleichsetzung und Identifizierung der taktischen
Kampfregeln aufgebaut werden kann. Solange nationale und staatliche
Unterschiede zwischen den Völkern und Ländern bestehen – diese
Unterschiede werden sich aber noch sehr, sehr lange sogar nach der
Verwirklichung der Diktatur des Proletariats im Weltmaßstab erhalten -,
erfordert die Einheitlichkeit der internationalen Taktik der
kommunistischen Arbeiterbewegung aller Länder nicht die Beseitigung der
Mannigfaltigkeit, nicht die Aufhebung der nationalen Unterschiede (das wäre
im gegenwärtigen Augenblick eine sinnlose Phantasterei), sondern eine
solche Anwendung der grundlegenden Prinzipien des Kommunismus
(Sowjetmacht und Diktatur des Proletariats), bei der diese Prinzipien im
einzelnen richtig modifiziert und den nationalen und nationalstaatlichen
Verschiedenheiten richtig angepaßt, auf sie richtig angewandt werden.
Das national Besondere, das national Spezifische beim konkreten
Herangehen jedes Landes an die Lösung der einheitlichen internationalen
Aufgabe, an den Sieg über den Opportunismus und den linken
Doktrinarismus innerhalb der Arbeiterbewegung, an den Sturz der
Bourgeoisie, an die Errichtung der Sowjetrepublik und der proletarischen
Diktatur zu erforschen, zu studieren, herauszufinden, zu erraten und zu
erfassen – das ist die Hauptaufgabe des historischen Augenblicks, den
alle fortgeschrittenen (und nicht allein die fortgeschrittenen) Länder
gegenwärtig durchmachen. Für die Gewinnung der Avantgarde der
Arbeiterklasse, für ihren Übergang auf die Seite der Sowjetmacht gegen
den Parlamentarismus, auf die Seite der Diktatur des Proletariats gegen
die bürgerliche Demokratie ist das Wichtigste – natürlich bei weitem
noch nicht alles, aber doch das Wichtigste – bereits getan. Jetzt gilt
es, alle Kräfte, die ganze Aufmerksamkeit auf den nächsten Schritt zu
konzentrieren, der weniger wichtig zu sein scheint – und es von einem
gewissen Standpunkt auch wirklich ist -, aber dafür der konkreten Lösung
der Aufgabe praktisch näher kommt, nämlich darauf, die Form des Übergehens
zur proletarischen Revolution oder des Herangebens an sie ausfindig zu
machen.
Die proletarische Avantgarde ist ideologisch gewonnen. Das ist die
Hauptsache. Ohne diese Vorbedingung kann man nicht einmal den ersten
Schritt zum Sieg tun. Aber von hier bis zum Sieg ist es noch ziemlich
weit. Mit der Avantgarde allein kann man nicht siegen. Die Avantgarde
allein in den entscheidenden Kampf werfen, solange die ganze Klasse,
solange die breiten Massen nicht die Position eingenommen haben, daß
sie die Avantgarde entweder direkt unterstützen oder zumindest
wohlwollende Neutralität ihr gegenüber üben und dem Gegner der
Avantgarde jederlei Unterstützung versagen, wäre nicht nur eine
Dummheit, sondern auch ein Verbrechen. Damit aber wirklich die ganze
Klasse, damit wirklich die breiten Massen der Werktätigen und vom
Kapital Unterdrückten zu dieser Position gelangen, dazu ist Propaganda
allein, Agitation allein zuwenig. Dazu bedarf es der eigenen politischen
Erfahrung dieser Massen. Das ist das grundlegende Gesetz aller großen
Revolutionen, das sich jetzt mit überraschender Kraft und
Anschaulichkeit nicht nur in Rußland, sondern auch in Deutschland bestätigt
hat. Nicht nur die auf niedriger Kulturstufe stehenden, vielfach des
Lesens und Schreibens unkundigen Massen Rußlands, sondern auch die auf
hoher Kulturstufe stehenden, durchweg des Lesens und Schreibens kundigen
Massen Deutschlands mußten erst am eigenen Leibe die ganze Ohnmacht,
die ganze Charakterlosigkeit, die ganze Hilflosigkeit, die ganze
Liebedienerei vor der Bourgeoisie, die ganze Gemeinheit einer Regierung
der Ritter der Il. Internationale, die ganze Unvermeidlichkeit einer
Diktatur der extremen Reaktionäre (Kornilow in Rußland, Kapp und Co.
in Deutschland) als einzige Alternative gegenüber der Diktatur des
Proletariats erfahren, um sich entschieden dem Kommunismus zuzuwenden.
Die nächste Aufgabe der klassenbewußten Vorhut in der internationalen
Arbeiterbewegung, d.h. der kommunistischen Parteien, Gruppen und Strömungen,
besteht darin, daß sie es versteht, die breiten (jetzt meistenteils
noch schlummernden, apathischen, in althergebrachten Vorstellungen
befangenen, trägen, noch nicht erweckten) Massen an diese ihre neue
Position beranzuführen, richtiger gesagt, daß sie es versteht, nicht
nur die eigene Partei, sondern auch diese Massen zu leiten, während sie
zur neuen Position übergehen, die neue Position beziehen. Konnte die
erste historische Aufgabe (die Gewinnung der klassenbewußten Vorhut des
Proletariats für die Sowjetmacht und die Diktatur der Arbeiterklasse)
nicht ohne den vollen ideologischen und politischen Sieg über den
Opportunismus und Sozialchauvinismus gelöst werden, so kann die zweite
Aufgabe, die nun zur nächsten wird und die in der Fähigkeit besteht,
die Massen heranzuführen an die neue Position, die den Sieg der Vorhut
in der Revolution zu sichern vermag – so kann diese nächste Aufgabe
nicht erfüllt werden, ohne daß man mit dem linken Doktrinarismus aufräumt,
ohne daß man seine Fehler völlig überwindet und sich von ihnen frei
macht.
Solange es sich darum handelte (und insoweit es sich noch darum
handelt), die Avantgarde des Proletariats für den Kommunismus zu
gewinnen, solange und insoweit tritt die Propaganda an die erste Stelle;
sogar Zirkel mit allen dem Zirkelwesen eigenen Schwächen sind hier nützlich
und zeitigen fruchtbare Ergebnisse. Wenn es sich um die praktische
Aktion der Massen, um die Verteilung – wenn man sich so ausdrücken
darf von Millionenarmeen, um die Gruppierung aller Klassenkräfte einer
gegebenen Gesellschaft zum letzten und entscheidenden Kampf handelt, so
kann man allein mit propagandistischer Gewandtheit, allein mit der
Wiederholung der Wahrheiten des „reinen“ Kommunismus nichts mehr
ausrichten. Hier gilt es, nicht mit Hunderten und Tausenden zu rechnen,
wie das im Grunde genommen der Propagandist als Mitglied einer kleinen
Gruppe tut, die noch keine Massen geführt hat; hier muß man mit
Millionen und aber Millionen rechnen. Hier muß man sich nicht nur
fragen, ob wir die Avantgarde der revolutionären Klasse überzeugt
haben, sondern außerdem auch, ob die historisch wirksamen Kräfte aller
Klassen, unbedingt ausnahmslos aller Klassen der gegebenen Gesellschaft,
so gruppiert sind, daß die Entscheidungsschlacht bereits vollauf
herangereift ist, nämlich daß 1. alle uns feindlichen Klassenkräfte
genügend in Verwirrung geraten sind, genügend miteinander in Fehde
liegen, sich durch den Kampf, der ihre Kräfte übersteigt, genügend
geschwächt haben; daß 2. alle schwankenden, unsicheren, unbeständigen
Zwischenelemente, d.h. das Kleinbürgertum, die kleinbürgerliche
Demokratie zum Unterschied von der Bourgeoisie, sich vor dem Volk genügend
entlarvt haben, durch ihren Bankrott in der Praxis genügend bloßgestellt
sind; daß 3. im Proletariat die Massenstimmung zugunsten der Unterstützung
der entschiedensten, grenzenlos kühnen, revolutionären Aktionen gegen
die Bougeoisie begonnen hat und machtvoll ansteigt. Ist das der Fall,
dann ist die Zeit für die Revolution reif, dann ist unser Sieg – wenn
wir alle oben erwähnten, oben kurz umrissenen Bedingungen richtig
eingeschätzt und den Zeitpunkt richtig gewählt haben -, dann ist unser
Sieg gesichert.
Die Differenzen zwischen den Churchill und Lloyd George – diese
politischen Typen gibt es mit geringen nationalen Unterschieden in allen
Ländern – einerseits und sodann die Differenzen zwischen den
Henderson und Lloyd George anderseits sind vom Standpunkt des reinen,
d.h. abstrakten, d.h. noch nicht zur praktischen politischen
Massenaktion herangereiften Kommunismus ganz belanglos und geringfügig.
Aber vom Standpunkt dieser praktischen Aktion der Massen aus gesehen,
sind diese Unterschiede äußerst, äußerst wichtig. Sie in Rechnung zu
stellen, den Zeitpunkt zu bestimmen, in dem die unter diesen
„Freunden“ unvermeidlichen Konflikte völlig herangereift sind, die
alle die „Freunde“ zusammengenommen schwächen und entkräften –
darin besteht die ganze Aufgabe, die ganze Tätigkeit des Kommunisten,
der nicht nur ein bewußter, überzeugter, von der Idee durchdrungener
Propagandist, sondern auch ein praktischer Führer der Massen in der
Revolution sein will. Man muß die größte Treue zu den Ideen des
Kommunismus mit der Fähigkeit vereinigen, alle notwendigen praktischen
Kompromisse einzugehen, zu lavieren, zu paktieren, im Zickzack
vorzugehen, Rückzüge anzutreten und ähnliches mehr, um den
politischen Machtantritt und das Abwirtschaften der Henderson (der
Helden der II. Internationale, um nicht die Namen einzelner Personen zu
nennen, die Vertreter der kleinbürgerlichen Demokratie sind, sich aber
als Sozialisten bezeichnen) zu beschleunigen; um ihren unvermeidlichen
Bankrott in der Praxis zu beschleunigen, der die Massen gerade in
unserem Geist, gerade in der Richtung zum Kommunismus aufklärt; um die
unvermeidlichen Reibungen, Streitigkeiten, Konflikte, das völlige Zerwürfnis
zwischen den Henderson, Lloyd George und Churchill (den Menschewiki und
Sozialrevolutionären, den Kadetten, den Monarchisten; den Scheidemännern,
der Bourgeoisie, den Kappleuten usw.) zu beschleunigen und den
Augenblick des größten Zerwürfnisses zwischen allen diesen „Stützen
des heiligen Privateigentums“ richtig zu wählen, damit das
Proletariat durch einen entschlossenen Angriff sie alle schlägt und die
politische Macht erobert.
Die Geschichte im allgemeinen und die Geschichte der Revolutionen im
besonderen ist stets inhaltsreicher, mannigfaltiger, vielseitiger,
lebendiger, „vertrackter“, als die besten Parteien, die klassenbewußtesten
Avantgarden der fortgeschrittensten Klassen es sich vorstellen. Das ist
auch verständlich, denn die besten Avantgarden bringen das Bewußtsein,
den Willen, die Leidenschaft, die Phantasie von Zehntausenden zum
Ausdruck, die Revolution aber wird in Augenblicken eines besonderen
Aufschwungs und einer besonderen Anspannung aller menschlichen Fähigkeiten
durch das Bewußtsein, den Willen, die Leidenschaft, die Phantasie von
vielen Millionen verwirklicht, die der schärfste Klassenkampf vorwärtspeitscht.
Hieraus ergeben sich zwei sehr wichtige praktische Schlußfolgerungen:
erstens, daß die revolutionäre Klasse, wenn sie ihre Aufgabe erfüllen
will, es verstehen muß, alle Formen oder Seiten der gesellschaftlichen
Tätigkeit ohne die geringste Ausnahme zu beherrschen (wobei sie nach
der Eroberung der politischen Macht, mitunter mit großem Risiko und
unter ungeheurer Gefahr, das zu Ende führt, was sie vorher nicht zu
Ende geführt hat); zweitens, daß die revolutionäre Klasse gerüstet
sein muß, aufs schnellste und unerwartetste die eine Form durch die
andere zu ersetzen.
Jeder wird zugeben, daß es unvernünftig, ja verbrecherisch ist, wenn
eine Armee sich nicht darauf vorbereitet, alle Waffengattungen, alle
Kampfmittel und Kampfmethoden zu beherrschen, über die der Feind verfügt
oder verfügen kann. Das gilt aber für die Politik noch mehr als für
das Kriegswesen. In der Politik ist es noch weniger möglich, im voraus
zu wissen, welches Kampfmittel unter diesen oder jenen künftigen Umständen
für uns anwendbar und vorteilhaft sein wird. Beherrschen wir nicht alle
Kampfmittel, so können wir eine schwere – manchmal sogar eine
entscheidende – Niederlage erleiden, wenn von unserem Willen unabhängige
Veränderungen in der Lage der anderen Klassen eine Form des Handelns
auf die Tagesordnung setzen, in der wir besonders schwach sind.
Beherrschen wir alle Kampfmittel, so siegen wir mit Sicherheit, denn wir
vertreten die Interessen der wirklich fortgeschrittenen, wirklich
revolutionären Klasse; so siegen wir selbst dann, wenn die Umstände
uns nicht erlauben sollten, die Waffe einzusetzen, die dem Feind am gefährlichsten
ist, die Waffe, die am schnellsten tödliche Schläge versetzt.
Unerfahrene Revolutionäre meinen oft, legale Kampfmittel seien
opportunistisch, weil die Bourgeoisie auf diesem Gebiet die Arbeiter
besonders häufig (am meisten in »friedlichen«, nichtrevolutionären
Zeiten) betrogen und übertölpelt hat, illegale Kampfmittel dagegen
seien revolutionär. Das ist jedoch nicht richtig. Richtig ist, daß
Opportunisten und Verräter an der Arbeiterklasse diejenigen Parteien
und Führer sind, die nicht fähig oder nicht gewillt sind (sage nicht:
ich kann nicht, sage lieber: ich will nicht!), illegale Kampfmittel z.B.
unter Verhältnissen anzuwenden, wie sie während des imperialistischen
Krieges 1914-1918 bestanden, als die Bourgeoisie der freiesten
demokratischen Länder die Arbeiter mit unerhörter Frechheit und
Brutalität betrog und es verbot, die Wahrheit über den räuberischen
Charakter des Krieges zu sagen. Aber Revolutionäre, die es nicht
verstehen, die illegalen Kampfformen mit allen legalen zu verknüpfen,
sind sehr schlechte Revolutionäre. Es ist nicht schwer, dann ein
Revolutionär zu sein, wenn die Revolution bereits ausgebrochen und
entbrannt ist, wenn sich all und jeder der Revolution anschließt, aus
einfacher Schwärmerei, aus Mode, mitunter sogar aus Gründen der persönlichen
Karriere. Das Proletariat hat nachher, nach seinem Sieg, die größte Mühe,
man könnte sagen, seine liebe Not, sich von solchen Quasi-Revolutionären
„zu befreien“. Viel schwerer – und viel wertvoller – ist, daß
man es versteht, ein Revolutionär zu sein, wenn die Bedingungen für
einen direkten, offenen, wirklich von den Massen getragenen, wirklich
revolutionären Kampf noch nicht vorhanden sind, daß man es versteht,
die Interessen der Revolution (propagandistisch, agitatorisch,
organisatorisch) in nichtrevolutionären, oft sogar direkt reaktionären
Institutionen, in einer nichtrevolutionären Situation, unter einer
Masse zu verfechten, die unfähig ist, die Notwendigkeit revolutionärer
Methoden des Handelns sofort zu begreifen. Die Fähigkeit, den konkreten
Weg oder den besonderen Wendepunkt der Ereignisse, der die Massen an den
wirklichen, entscheidenden, letzten, großen revolutionären Kampf
heranführt, herauszufinden, herauszufühlen, richtig zu bestimmen –
das ist die Hauptaufgabe des heutigen Kommunismus in Westeuropa und
Amerika.
Ein Beispiel: England. Wir können nicht wissen – und niemand ist
imstande, im voraus zu bestimmen -, wie bald dort die wirkliche
proletarische Revolution entbrennen und welcher Anlaß sehr breite,
jetzt noch schlummernde Massen am stärksten aufrütteln, entflammen,
zum Kampf vorwärtstreiben wird. Deshalb sind wir verpflichtet, unsere
ganze Vorarbeit so zu leisten, daß sie (wie Plechanow, als er noch
Marxist und Revolutionär war, zu sagen pflegte) »in jeder Hinsicht
hieb– und stichfest« ist. Es ist möglich, daß eine Parlamentskrise
den „Durchbruch bringen“, das „Eis brechen“ wird; vielleicht
wird es eine Krise sein, die den hoffnungslos verworrenen, sich immer
schmerzhafter gestaltenden und immer mehr zuspitzenden kolonialen und
imperialistischen Gegensätzen entspringt; möglich ist aber auch ein
Drittes usw. Wir sprechen nicht davon, welcher Kampf das Schicksal der
proletarischen Revolution in England entscheiden wird (diese Frage
erregt bei keinem Kommunisten Zweifel, diese Frage ist für uns alle
entschieden und eindeutig entschieden), wir sprechen von dem Anlaß, der
die jetzt noch schlummernden proletarischen Massen in Bewegung bringen
und bis dicht an die Revolution heranführen wird. Vergessen wir nicht,
daß z.B. in der bürgerlichen französischen Republik in einer
Situation, die international wie innerpolitisch hundertmal weniger
revolutionär war als die jetzige, ein so „unerwarteter“ und so
„geringfügiger“ Anlaß wie eine der unzähligen ehrlosen
Manipulationen der reaktionären Militärclique (der Fall Dreyfus)
genagt hat, um das Volk bis dicht an den Bürgerkrieg heranzuführen!
Die Kommunisten müssen in England sowohl die Parlamentswahlen als auch
alle Wechselfälle der irischen, der kolonialen, der ganzen
internationalen imperialistischen Politik der britischen Regierung und
alle sonstigen Gebiete, Sphären und Seiten des öffentlichen Lebens
ununterbrochen, unablässig, unentwegt ausnutzen und in allen diesen
Bereichen auf neue, auf kommunistische Art, im Geiste nicht der II.,
sondern der Ill. Internationale arbeiten. Mir fehlen hier Zeit und Raum,
um die Methoden der „russischen“, der „bolschewistischen“
Beteiligung an den Parlamentswahlen und am Parlamentskampf zu schildern,
ich kann aber den ausländischen Kommunisten versichern, daß das den üblichen
westeuropäischen Wahlkampagnen keineswegs ähnelte. Daraus zieht man
oft den Schluß: »Nun ja, das war bei euch in Rußland so, bei uns aber
ist der Parlamentarismus anders.« Das ist eine falsche Schlußfolgerung.
Dafür gibt es ja auf der Welt Kommunisten, Anhänger der III.
Internationale in allen Ländern, daß sie auf der ganzen Linie, auf
allen Lebensgebieten die alte sozialistische, trade-unionistische,
syndikalistische, parlamentarische Arbeit in eine neue, kommunistische
umgestalten. Opportunistisches, rein Bürgerliches, Geschäftsmäßiges,
gaunerhaft Kapitalistisches hat es auch bei unseren Wahlen stets mehr
als genug gegeben. Die Kommunisten in Westeuropa und in Amerika müssen
es lernen, einen neuen, andersartigen Parlamentarismus hervorzubringen,
der mit Opportunismus und Karrierismus nichts zu tun hat. Es muß so
sein, daß die Partei der Kommunisten ihre Losungen ausgibt und echte
Proletarier mit Hilfe der unorganisierten und niedergedrückten Ärmsten
der Armen Flugblätter verteilen und austragen, die Wohnungen der
Arbeiter, die Hütten der Landproletarier und der in weltabgeschiedenen
Winkeln lebenden Bauern aufsuchen (in Europa gibt es zum Glück viel
weniger weltabgeschiedene Winkel auf dem Lande als bei uns, und in
England fast gar keine), in die Kneipen gehen, wo das ganz einfache Volk
verkehrt, und sich zu Verbänden, Vereinen, zufälligen Versammlungen
des einfachen Volkes Zutritt verschaffen. Sie dürfen mit dem Volk nicht
in gelehrter (und nicht in sehr „parlamentarischer“) Sprache reden,
dürfen nicht im geringsten auf einen »Sitz« im Parlament erpicht
sein, sondern müssen überall das Denken wachrütteln, die Masse in
Bewegung bringen, die Bourgeoisie beim Wort nehmen, den von der
Bourgeoisie geschaffenen Apparat, die von ihr angesetzten Wahlen, die
von ihr an das ganze Volk gerichteten Aufrufe ausnutzen und das Volk mit
dem Bolschewismus so vertraut machen, wie das sonst niemals (unter der
Herrschaft der Bourgeoisie) außer während Wahlkampagnen möglich war
(natürlich abgesehen von Zeiten großer Streiks, in denen ein
ebensolcber Apparat einer das ganze Volk erfassenden Agitation bei uns
noch intensiver gearbeitet hat). Das in Westeuropa und Amerika durchzuführen
ist sehr schwer, unvorstellbar schwer, aber es kann und muß getan
werden, denn ohne Mühe können die Aufgaben des Kommunismus überhaupt
nicht gelöst werden, die Mühe aber muß der Lösung der immer
mannigfaltigeren praktischen Aufgaben gelten, die immer mehr mit allen
Zweigen des öffentlichen Lebens verknüpft sind und durch die immer
mehr ein Zweig, ein Gebiet nach dem anderen der Bourgeoisie abgerungen
wird.
Um auf England zurückzukommen, so muß man dort auch die Arbeit der
Propaganda, der Agitation, der Organisation im Heer und unter den
unterdrückten und nicht gleichberechtigten Nationalitäten des
„eigenen“ Staates (Irland, Kolonien) auf neue Art (nicht
sozialistisch, sondern kommunistisch, nicht reformistisch, sondern
revolutionär) anpacken. Denn auf allen diesen Gebieten des öffentlichen
Lebens häuft sich in der Epoche des Imperialismus überhaupt und jetzt,
nach dem Kriege, der die Völker völlig erschöpft hat und ihnen rasch
die Augen für die Wahrheit öffnet (nämlich dafür, daß Millionen und
aber Millionen Menschen getötet und verstümmelt worden sind, nur um
die Frage zu entscheiden, ob die englischen oder die deutschen Räuber
mehr Länder ausplündern sollen) häuft sich auf allen diesen Gebieten
des öffentlichen Lebens besonders viel Zündstoff an und entstehen
besonders viel Anlässe zu Konflikten, zu Krisen und zur Verschärfung
des Klassenkampfes. Wir wissen nicht und können nicht wissen, welcher
Funke – aus der Unmenge von Funken, die jetzt in allen Ländern unter
dem Einfluß der ökonomischen und politischen Weltkrise umherstieben
– imstande sein wird, den Brand in dem Sinne zu entfachen, daß die
Massen besonders stark aufgerüttelt werden, und wir sind daher
verpflichtet, mit unseren neuen, den kommunistischen Grundsätzen an die
„Bearbeitung“ all und jedes, sogar des ältesten, muffigsten und
anscheinend hoffnungslosen Gebietes zu gehen, denn sonst werden wir
nicht auf der Höhe der Aufgabe stehen, werden wir nicht allseitig sein,
werden wir nicht alle Waffengattungen beherrschen, werden wir weder zum
Sieg über die Bourgeoisie (die alle Gebiete des öffentlichen Lebens
auf bürgerliche Art organisiert, jetzt aber auch desorganisiert hat)
noch zur bevorstehenden kommunistischen Reorganisation des gesamten
Lebens nach diesem Sieg gerüstet sein.
Nach der proletarischen Revolution in Rußland und den, für die
Bourgeoisie und die Philister, unerwarteten Siegen dieser Revolution im
internationalen Maßstab ist die ganze Welt jetzt eine andere geworden,
ist auch die Bourgeoisie überall eine andere geworden. Sie ist durch
den „Bolschewismus“ in Schrecken versetzt und vom Haß auf ihn fast
bis zum Wahnsinn getrieben worden, und gerade deshalb beschleunigt sie
einerseits die Entwicklung der Ereignisse und konzentriert anderseits
ihr Augenmerk darauf, den Bolschewismus gewaltsam niederzuwerfen,
wodurch sie ihre Position auf einer ganzen Reihe anderer Gebiete schwächt.
Diese beiden Umstände müssen die Kommunisten aller fortgeschrittenen Länder
bei ihrer Taktik in Betracht ziehen.
Als die russischen Kadetten und Kerenski gegen die Bolschewiki eine wüste
Hetze entfachten – besonders seit dem April 1917 und noch mehr im Juni
und Juli 1917 -, da taten sie „des Guten zuviel“. Millionen von
Exemplaren der bürgerlichen Zeitungen, die in allen Tonarten über die
Bolschewiki herzogen, trugen dazu bei, daß die Massen sich ein Urteil
über den Bolschewismus bildeten, und auch abgesehen von den Zeitungen
war das gesamte öffentliche Leben gerade dank dem „Eifer“ der
Bourgeoisie von Auseinandersetzungen über den Bolschewismus erfüllt.
Jetzt benehmen sich im internationalen Maßstab die Millionäre aller Länder
so, daß wir ihnen von Herzen dankbar sein müssen. Sie hetzen gegen den
Bolschewismus mit demselben Eifer, mit dem Kerenski und Co. gegen ihn
hetzten; sie tun dabei ebenso „des Guten zuviel“ und helfen uns
ebenso, wie Kerenski es tat. Wenn die französische Bourgeoisie den
Bolschewismus zum Mittelpunkt ihrer Wahlagitation macht und relativ gemäßigte
oder schwankende Sozialisten des Bolschewismus bezichtigt; wenn die
amerikanische Bourgeoisie, die völlig den Kopf verloren hat, Tausende
und aber Tausende Menschen des Bolschewismus verdächtigt und verhaftet,
überall Nachrichten über bolschewistische Verschwörungen verbreitet
und dadurch eine Atmosphäre der Panik erzeugt; wenn die „solideste“
Bourgeoisie der Welt, die englische, trotz all ihrer Klugheit und
Erfahrung, unglaubliche Dummheiten macht, mit großen Geldmitteln
ausgestattete „Vereine zum Kampf gegen den Bolschewismus“ gründet,
eine spezielle Literatur über den Bolschewismus herausgibt, sich zum
Kampf gegen den Bolschewismus eine weitere Zahl von Gelehrten,
Agitatoren und Pfaffen dingt – so müssen wir uns vor den Herren
Kapitalisten verbeugen und ihnen danken. Sie arbeiten für uns. Sie
helfen uns, das Interesse der Massen für die Frage nach dem Wesen und
der Bedeutung des Bolschewismus zu wecken. Und sie können nicht anders
handeln, denn den Bolschewismus »totzuschweigen«, ihn abzuwürgen, ist
ihnen schon mißlungen.
Gleichzeitig aber sieht die Bourgeoisie fast nur die eine Seite des
Bolschewismus: Aufstand, Gewalt, Terror; die Bourgeoisie ist deshalb bemüht,
sich zur Abwehr und zum Widerstand insbesondere auf diesem Gebiet
vorzubereiten. Es ist möglich, daß ihr das in einzelnen Fällen, in
einzelnen Ländern, für diese oder jene kurze Zeitspanne gelingen wird.
Mit dieser Möglichkeit muß man rechnen, und wenn ihr das gelingt, so
hat es für uns nichts Schreckliches an sich. Der Kommunismus „wächst“
buchstäblich aus allen Zweigen des öffentlichen Lebens empor, seine
Triebe sind entschieden überall zu finden, die „Seuche“ (um den
Lieblingsausdruck der Bourgeoisie und der bürgerlichen Polizei und den
ihr „angenehmsten“ Vergleich zu gebrauchen) ist in den Organismus
sehr tief eingedrungen und hat den ganzen Organismus ergriffen. Wird der
eine Kanal besonders beflissen verstopft“, so bricht die „Seuche“
an einer anderen, mitunter ganz unerwarteten Stelle aus. Das Leben setzt
sich durch. Mag die Bourgeoisie toben, bis zum Irrsinn wüten, übertreiben,
Dummheiten machen, sich an den Bolschewiki im voraus rächen und weitere
Hunderte, Tausende, Hunderttausende von Menschen hinzumorden suchen, die
gestern zu Bolschewiki geworden sind oder es morgen sein werden (in
Indien, in Ungarn, in Deutschland usw.); indem die Bourgeoisie das tut,
handelt sie, wie alle von der Geschichte zum Untergang verurteilten
Klassen gehandelt haben. Die Kommunisten müssen wissen, daß die
Zukunft auf jeden Fall ihnen gehört, und daher können (und müssen)
wir die größte Leidenschaftlichkeit in dem gewaltigen revolutionären
Kampf mit möglichst kaltblütiger und nüchterner Einberechnung der
Tobsuchtsanfälle der Bourgeoisie verbinden. Die russische Revolution
ist 1905 grausam niedergeschlagen worden; die russischen Bolschewiki
sind im Juli 1917 geschlagen worden; durch abgefeimte Provokationen und
geschickte Manöver haben die Scheidemänner und Noske im Verein mit der
Bourgeoisie und den monarchistischen Generalen über 15.000 deutsche
Kommunisten hingemordet; in Finnland und in Ungarn wütet der weiße
Terror. Aber in allen Fällen und in allen Ländern stählt und
entwickelt sich der Kommunismus; er hat so tiefe Wurzeln geschlagen, daß
die Verfolgungen ihn nicht schwächen, nicht entkräften, sondern stärken.
Es fehlt nur eins, damit wir dem Siege sicher und fest
entgegenschreiten: nämlich daß alle Kommunisten in allen Ländern
durchweg und restlos die Notwendigkeit erkennen, in ihrer Taktik äußerst
elastisch zu sein. Dem sich großartig entwickelnden Kommunismus fehlt
jetzt, besonders in den fortgeschrittenen Ländern, diese Erkenntnis und
die Fähigkeit, diese Erkenntnis in der Praxis anzuwenden.
Eine nützliche Lehre könnte (und müßte) das sein, was so
hochgelehrten Marxisten und dem Sozialismus ergebenen Führern der II.
Internationale wie Kautsky, Otto Bauer u.a. widerfahren ist. Sie hatten
die Notwendigkeit einer elastischen Taktik vollauf erkannt, hatten die
Marxsche Dialektik studiert und anderen beigebracht (und vieles von dem,
was sie in dieser Hinsicht getan haben, wird für immer ein wertvoller
Beitrag zur sozialistischen Literatur bleiben), sie machten aber bei der
Anwendung dieser Dialektik einen derartigen Fehler oder erwiesen sich in
der Praxis als solche Nichtdialektiker, als Leute, die so wenig zu
begreifen vermochten, wie schnell die Formen wechseln und die alten
Formen sich mit neuem Inhalt füllen, daß ihr Los nicht viel
beneidenswerter ist als das der Hyndman, Guesde und Plechanow. Die
Hauptursache ihres Bankrotts bestand darin, daß sie sich in eine
bestimmte Form des Wachstums der Arbeiterbewegung und des Sozialismus
„vergafften“, deren Einseitigkeit vergaßen, jenen jähen Umschwung
zu sehen fürchteten, der kraft der objektiven Verhältnisse
unvermeidlich geworden war, und fortfuhren, einfache, auswendig
gelernte, auf den ersten Blick unbestreitbare Wahrheiten zu wiederholen
wie: drei ist mehr als zwei. Aber die Politik ist der Algebra ähnlicher
als der Arithmetik und der höheren Mathematik noch ähnlicher als der
niederen. In Wirklichkeit hatten sich alle alten Formen der
sozialistischen Bewegung mit neuem Inhalt gefüllt, vor die Zahlen trat
deshalb ein neues Vorzeichen: „minus“; unsere Neunmalweisen aber
fuhren (und fahren) hartnäckig fort, sich selbst und anderen
einzureden, daß „minus drei“ mehr sei als „minus zwei“.
Man muß dafür sorgen, daß sich bei den Kommunisten nicht derselbe
Fehler, nur von einer anderen Seite her, wiederholt oder, richtiger, daß
derselbe Fehler, den die „linken“ Kommunisten, nur von einer anderen
Seite her, begehen, möglichst bald korrigiert und möglichst rasch und
schmerzlos für den Organismus überwunden wird. Der linke
Doktrinarismus ist ebenfalls ein Fehler, nicht nur der rechte
Doktrinarismus. Natürlich ist der Fehler des linken Doktrinarismus im
Kommunismus gegenwärtig tausendmal weniger gefährlich und weniger
folgenschwer als der Fehler des rechten Doktrinarismus (d.h. des
Sozialchauvinismus und des Kautskyanertums), aber doch nur, weil der
linke Kommunismus eine ganz junge, eben erst im Entstehen begriffene Strömung
ist. Nur darum kann diese Krankheit unter gewissen Bedingungen leicht
geheilt werden, und man muß sich mit maximaler Energie daranmachen, sie
zu heilen.
Die alten Formen sind geborsten, denn es hat sich erwiesen, daß ihr
neuer Inhalt – ein antiproletarischer, reaktionärer Inhalt – sich
übermäßig ausgedehnt hatte. Wir haben jetzt, vom Standpunkt der
Entwicklung des internationalen Kommunismus gesehen, einen so festen, so
starken, so mächtigen Inhalt der Arbeit (für die Sowjetmacht, für die
Diktatur des Proletariats), daß er sich in jeder beliebigen, in der
neuen wie der alten Form, offenbaren kann und muß, alle Formen, nicht
nur die neuen, sondern auch die alten, ummodeln, besiegen, sich
unterordnen kann und muß – nicht um sich mit dem Alten abzufinden,
sondern um alle, restlos alle Formen, die neuen wie die alten, in den
Dienst des vollen und endgültigen, entscheidenden und unumstößlichen
Sieges des Kommunismus zu stellen.
Die Kommunisten müssen alle Kräfte anspannen, um die Arbeiterbewegung
und die gesellschaftliche Entwicklung überhaupt auf dem geradesten und
raschesten Wege zum Sieg der Sowjetmacht und zur Diktatur des
Proletariats in der ganzen Welt zu führen. Das ist eine unbestreitbare
Wahrheit. Aber man braucht nur einen ganz kleinen Schritt weiter –
scheinbar einen Schritt in derselben Richtung – zu tun, und die
Wahrheit verwandelt sich in einen Irrtum. Man braucht nur wie die
deutschen und englischen linken Kommunisten zu sagen, daß wir nur einen
einzigen Weg, nur den geraden Weg anerkennen, daß wir kein Lavieren,
kein Paktieren, keine Kompromisse zulassen – und das wird bereits ein
Fehler sein, der dem Kommunismus ernstesten Schaden zufügen kann, zum
Teil schon zugefügt hat und noch zufügen wird. Der rechte
Doktrinarismus hat sich darauf versteift, einzig und allein die alten
Formen anzuerkennen, und hat völlig Bankrott gemacht, weil er den neuen
Inhalt nicht bemerkte. Der linke Doktrinarismus versteift sich darauf,
bestimmte alte Formen unbedingt abzulehnen, weil er nicht sieht, daß
der neue Inhalt sich durch alle nur denkbaren Formen Bahn bricht, daß
es unsere Pflicht als Kommunisten ist, alle Formen zu meistern und es zu
lernen, mit maximaler Schnelligkeit eine Form durch die andere zu ergänzen,
eine Form durch die andere zu ersetzen, unsere Taktik einer jeder
solchen Änderung anzupassen, die nicht durch unsere Klasse oder nicht
durch unsere Anstrengungen hervorgerufen worden ist.
Die Weltrevolution ist durch die Schrecken, Gemeinheiten und Scheußlichkeiten
des imperialistischen Weltkriegs, durch die Ausweglosigkeit der von ihm
geschaffenen Lage so mächtig vorwärtsgetrieben und beschleunigt
worden, diese Revolution entwickelt sich mit einer so großartigen
Schnelligkeit, mit einem so wunderbaren Reichtum an wechselnden Formen
in die Breite und Tiefe, sie widerlegt in der Praxis so lehrreich
jedweden Doktrinarismus, daß wir allen Grund haben, auf eine rasche und
vollständige Heilung der internationalen kommunistischen Bewegung von
der Kinderkrankheit des linken“ Kommunismus zu hoffen. 27.4.1920
Nachtrag
Bis die Verlagsanstalten unseres Landes – das von den Imperialisten
der ganzen Welt aus Rache für die proletarische Revolution ausgeraubt
worden ist und ungeachtet aller ihren Arbeitern gegebenen Versprechungen
weiter ausgeraubt und blockiert wird -, bis unsere Verlagsanstalten die
Herausgabe meiner Broschüre zustande brachten, ist aus dem Ausland ergänzendes
Material eingetroffen. Da ich keineswegs den Anspruch erhebe, in meiner
Broschüre mehr zu bieten als flüchtige Notizen eines Publizisten, will
ich einige Punkte kurz streifen.
I. Die Spaltung der deutschen Kommunisten
Die Spaltung der Kommunisten in Deutschland ist zur Tatsache geworden.
Die „Linken“ oder die „grundsätzliche Opposition“ haben zum
Unterschied von der „Kommunistischen Partei“ eine besondere
„Kommunistische Arbeiterpartei“ gebildet. In Italien kommt es
anscheinend ebenfalls zur Spaltung – ich sage anscheinend, denn ich
besitze nur die neuen Nummern (Nr. 7 und 8) der linken Zeitung 'Il
Soviet', in denen die Möglichkeit und Notwendigkeit der Spaltung offen
erörtert wird, wobei auch von einer Konferenz der Fraktion der „Astensionisten“
(oder Boykottisten, d.h. der Gegner einer Beteiligung am Parlament) die
Rede ist; diese Fraktion gehört bis heute noch der Italienischen
Sozialistischen Partei an.
Es ist zu befürchten, daß die Abspaltung der „linken“
Antiparlamentarier (die zum Teil auch Antipolitiker, Gegner der
politischen Partei und der Arbeit in den Gewerkschaften sind) zu einer
internationalen Erscheinung werden wird, ebenso wie die Abspaltung der
„Zentristen“ (der Kautskyaner, Longuetisten, „Unabhängigen“
usw.). Nun schön! Spaltung ist immerhin besser als Konfusion, die
sowohl das ideologische, theoretische, revolutionäre Wachstum, den
Reifeprozeß der Partei als auch ihre einmütige, wirklich organisierte,
wirklich die Diktatur des Proletariats vorbereitende, praktische Arbeit
hemmt.
Mögen die „Linken“ in der praktischen Arbeit, im nationalen und
internationalen Maßstab, ihre Kräfte erproben, mögen sie versuchen,
ohne eine streng zentralisierte Partei mit eiserner Disziplin, ohne die
Fähigkeit, alle Gebiete, alle Zweige und Abarten der politischen und
kulturellen Arbeit zu beherrschen, die Diktatur des Proletariats
vorzubereiten (und dann auch zu verwirklichen). Die praktische Erfahrung
wird sie schnell eines Besseren belehren.
Nur müssen alle Anstrengungen gemacht werden, damit die Abspaltung der
„Linken“ die in naher Zukunft unvermeidlich bevorstehende und
notwendige Verschmelzung aller Teilnehmer der Arbeiterbewegung, die
aufrichtig und ehrlich für die Sowjetmacht und die Diktatur des
Proletariats eintreten, zu einer einheitlichen Partei nicht erschwert
oder so wenig wie möglich erschwert. Das besondere Glück der
Bolschewiki in Rußland war, daß sie 15 Jahre Zeit hatten, den
systematischen und konsequenten Kampf sowohl gegen die Menschewiki (d.h.
gegen die Opportunisten und „Zentristen“) als auch gegen die
„Linken“ schon lange vor dem unmittelbaren Kampf der Massen für die
Diktatur des Proletariats auszutragen. In Europa und Amerika müssen wir
jetzt dieselbe Arbeit in „Eilmärschen“ durchführen. Einzelne
Personen, besonders unter den erfolglosen Anwärtern auf Führerrollen,
können (wenn es ihnen an proletarischer Diszipliniertheit und
„Ehrlichkeit gegen sich selbst“ fehlt) lange auf ihren Fehlern
beharren, aber die Arbeitermassen werden, wenn der Augenblick
herangereift sein wird, schnell und leicht sich selbst und alle
aufrichtigen Kommunisten zu einer einheitlichen Partei zusammenschließen,
die fähig ist, das Sowjetsystem und die Diktatur des Proletariats zu
verwirklichen.[28]
II. Die Kommunisten und die Unabhängigen Deutschland
Ich habe in dieser Broschüre die Meinung geäußert, daß ein Kompromiß
zwischen den Kommunisten und dem linken Flügel der Unabhängigen für
den Kommunismus notwendig und nützlich ist, daß es aber nicht leicht
sein wird, es zustande zu bringen. Die Zeitungen, die ich inzwischen
erhielt, haben das eine wie das andere bestätigt. In Nr. 32 der 'Roten
Fahne', dem Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands
(Spartakusbund), vom 26.3.1920 finden wir eine „Erklärung“ des
Zentralkomitees dieser Partei über den „Militärputsch“ der Kapp
und Lüttwitz und über die „sozialistische Regierung“. Diese Erklärung
ist sowohl ihrer Hauptvoraussetzung nach als auch ihrer praktischen
Schlußfolgerung nach vollkommen richtig. Die Hauptvoraussetzung besteht
darin, daß „die objektiven Grundlagen“ für die Diktatur des
Proletariats im gegebenen Augenblick nicht vorhanden sind, weil die
„städtische Arbeiterschaft in ihrer Mehrheit“ den Unabhängigen
Gefolgschaft leistet. Schlußfolgerung: einer „sozialistischen
Regierung unter Ausschluß der bürgerlich-kapitalistischen Parteien“
wird eine „loyale Opposition“ versprochen (d.h., es wird auf die
Vorbereitung zum „gewaltsamen Umsturz“ verzichtet).
Zweifellos ist diese Taktik im wesentlichen richtig. Aber wenn man sich
auch bei geringfügigen Ungenauigkeiten der Formulierung nicht aufhalten
soll, so kann man doch nicht mit Schweigen darüber hinweggehen, daß
(in der offiziellen Erklärung einer kommunistischen Partei) eine
Regierung der Sozialverräter nicht als „sozialistische“ bezeichnet
werden darf, daß nicht vom Ausschluß der „bürgerlich-kapitalistischen
Parteien“ gesprochen werden darf, wo doch die Parteien sowohl der
Scheidemänner wie auch der Herren Kautsky und Crispien kleinbürgerlich-demokratische
Parteien sind, und daß man solche Dinge nicht schreiben darf wie Punkt
4 der Erklärung, der lautet:
»Für die weitere Eroberung der proletarischen Massen für den
Kommunismus ist ein Zustand, wo die politische Freiheit unbegrenzt
ausgenutzt werden, wo die bürgerliche Demokratie nicht als Diktatur des
Kapitals auftreten könnte, von der größten Wichtigkeit für die
Entwicklung in der Richtung zur proletarischen Diktatur...«
Ein solcher Zustand ist unmöglich. Die kleinbürgerlichen Führer, die
deutschen Henderson (Scheidemänner) und Snowden (Crispien), gehen nicht
hinaus und können nicht hinausgehen über den Rahmen der bürgerlichen
Demokratie, die ihrerseits nichts anderes sein kann als eine Diktatur
des Kapitals. Um das praktische Ergebnis zu erzielen, das vom
Zentralkomitee der Kommunistischen Partei durchaus richtig angestrebt
wurde, brauchte man diese grundsätzlich falschen und politisch schädlichen
Dinge überhaupt nicht zu schreiben. Dazu genügte es zu sagen (wenn man
sich schon parlamentarischer Höflichkeit befleißigen wollte): Solange
die städtischen Arbeiter in ihrer Mehrheit den Unabhängigen
Gefolgschaft leisten, können wir Kommunisten diese Arbeiter nicht
hindern, ihre letzten kleinbürgerlich-demokratischen (d.h. auch „bürgerlich-kapitalistischen“)
Illusionen durch die Erfahrung mit „ihrer' Regierung zu überwinden.
Das genügt zur Begründung eines Kompromisses, das tatsächlich
notwendig ist und darin bestehen muß, daß man für eine gewisse Zeit
auf Versuche zum gewaltsamen Sturz einer Regierung verzichtet, der die
Mehrheit der städtischen Arbeiter Vertrauen schenkt. In der tagtäglichen
Agitation unter den Massen aber, bei der man nicht an die offizielle,
parlamentarische Höflichkeit gebunden ist, könnte man natürlich
hinzufügen: Mögen solche Schurken wie die Scheidemänner und solche
Philister wie die Kautsky und Crispien in der Praxis enthüllen, wie
sehr sie selbst zum Narren gehalten werden und wie sehr sie die Arbeiter
zum Narren halten; ihre „saubere“ Regierung wird diese „Säuberung“
der Augiasställe des Sozialismus, des Sozialdemokratismus und anderer
Abarten des Sozialverrats „am saubersten“ durchführen.
Die wahre Natur der jetzigen Führer der „Unabhängigen
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (derjenigen Führer, von
denen mit Unrecht gesagt wird, sie hätten bereits jeden Einfluß
verloren, und die in Wirklichkeit für das Proletariat noch gefährlicher
sind als die ungarischen Sozialdemokraten, die sich Kommunisten nannten
und die Diktatur des Proletariats „zu unterstützen“ versprachen)
hat sich während der deutschen Kornilowiade, d.h. während des Putsches
der Herren Kapp und Lüttwitz, aber und abermals offenbart. [29]
Eine kleine, aber anschauliche Illustration dazu sind die Artikelchen
von Karl Kautsky „Entscheidende Stunden“ in der „Freiheit“ (dem
Organ der Unabhängigen) vom 30.3.1920 und von Artur Crispien „Zur
politischen Situation“ (ebenda, 14.4.1920). Diese Herrschaften sind völlig
außerstande, wie Revolutionäre zu denken und zu urteilen. Das sind
weinerliche spießbürgerliche Demokraten, die dem Proletariat noch
tausendmal gefährlicher sind, wenn sie sich als Anhänger der Rätemacht
und der Diktatur des Proletariats ausgeben, denn in Wirklichkeit werden
sie in jedem schwierigen und gefährlichen Augenblick unweigerlich
Verrat begehen ... in der „aufrichtigsten“ Überzeugung, daß sie
dem Proletariat helfen! Wollten doch auch die ungarischen
Sozialdemokraten, die sich in Kommunisten umgetauft hatten, dem
Proletariat „helfen“, als sie aus Feigheit und Charakterlosigkeit
die Lage der Räteregierung in Ungarn für hoffnungslos hielten und vor
den Agenten der Ententekapitalisten und der Ententehenker zu flennen
anfingen.
III. Turati und Co. in Italien
Die obenerwähnten Nummern der italienischen Zeitung 'Il Soviet' bestätigen
vollauf, was ich in dieser Broschüre über den Fehler der Italienischen
Sozialistischen Partei gesagt habe, die derartige Mitglieder und sogar
eine derartige Gruppe von Parlamentariern in ihren Reihen duldet. Noch
mehr wird das von einem solchen unbeteiligten Zeugen wie dem römischen
Korrespondenten der englischen bürgerlich-liberalen Zeitung 'The
Manchester Guardian' bestätigt, der in der Nummer vom 12.3.1920 ein
Interview mit Turati veröffentlicht hat:
»Signor Turati meint«, schreibt dieser Korrespondent, »die revolutionäre
Gefahr sei nicht derart, daß sie übermäßige Befürchtungen in
Italien hervorriefe. Die Maximalisten fachen das Feuer der
Sowjettheorien nur an, um die Massen in wacher und erregter Stimmung zu
halten. Diese Theorien sind jedoch rein legendäre Begriffe, unreife
Programme, die sich nicht praktisch verwirklichen lassen. Sie taugen nur
dazu, die arbeitenden Klassen im Zustand der Erwartung zu halten.
Dieselben Leute, die diese Theorien als Lockmittel gebrauchen, um die
Augen der Proletarier zu blenden, sehen sich genötigt, einen tagtäglichen
Kampf für einige, oft geringfügige wirtschaftliche Vorteile zu führen,
um so den Zeitpunkt hinauszuschieben, wo die arbeitenden Klassen ihre
Illusionen und den Glauben an ihre Lieblingsmythen verlieren werden,
Daher eine lange Kette von Streiks verschiedener Ausmaße und unter
verschiedenen Vorwänden, bis zu den letzten Streiks bei der Post und
der Eisenbahn – Streiks, welche die ohnehin schlechte Lage des Landes
noch mehr verschlechtern. Das Land ist erregt durch die Schwierigkeiten
im Zusammenhang mit der adriatischen Frage, auf ihm lasten seine auswärtige
Schuld und der inflationistische Umlauf von Papiergeld, und dennoch
sieht es noch lange nicht die Notwendigkeit ein, sich jene
Arbeitsdisziplin anzueignen, die allein Ordnung und Prosperität
wiederherstellen kann...«
Es ist sonnenklar, daß der englische Korrespondent die Wahrheit
ausgeplaudert hat, die wahrscheinlich sowohl von Turati selbst als auch
von seinen bürgerlichen Verteidigern, Helfershelfern und Inspiratoren
in Italien verhüllt und beschönigt wird. Diese Wahrheit besteht darin,
daß die Ideen und die politische Arbeit der Herren Turati, Treves,
Modigliani, Dugoni und Co. wirklich so sind und gerade so sind, wie der
englische Korrespondent sie schildert. Das ist ein einziger
Sozialverrat. Wie schwer wiegt allein die Predigt von Ordnung und
Disziplin für die Arbeiter, die Lohnsklaven sind und für den Profit
der Kapitalisten arbeiten! Und wie vertraut sind uns Russen alle diese
menschewistischen Reden! Wie wertvoll ist das Eingeständnis, daß die
Massen für die Sowjetmacht sind! Wie stumpfsinnig und banal-bürgerlich
ist das Unverständnis für die revolutionäre Rolle der elementar
anschwellenden Streiks! Ja, ja, der englische Korrespondent der bürgerlidi-liberalen
Zeitung hat den Herren Turati und Co. einen Bärendienst erwiesen und glänzend
bestätigt, wie recht Genosse Bordiga und seine Freunde von der Zeitung
'Il Soviet' haben, wenn sie fordern, daß die Italienische
Sozialistische Partei, falls sie in Wirklichkeit für die III.
Internationale sein will, die Herren Turati und Co. mit Schimpf und
Schande aus ihren Reihen verjagen und sowohl ihrem Namen als auch ihren
Taten nach eine kommunistische Partei werden muß.
IV. Falsche Schlüsse aus richtigen Voraussetzungen
Aber Gen. Bordiga und seine „linken“ Freunde ziehen aus ihrer
richtigen Kritik an den Herren Turati und Co. den falschen Schluß, daß
eine Beteiligung am Parlament überhaupt schädlich sei. Zur
Verteidigung dieser Auffassung können die italienischen »Linken«
nicht einen Schimmer ernster Argumente anführen. Sie kennen einfach
nicht die internationalen Vorbilder einer wirklich revolutionären und
kommunistischen, für die Vorbereitung der proletarischen Revolution
zweifellos wertvollen Ausnutzung der bürgerlichen Parlamente (oder
suchen sie zu vergessen). Sie können sich einfach nichts »Neues«
vorstellen und zetern, sich endlos wiederholend, über die »alte«, die
unbolschewistische Ausnutzung des Parlamentarismus.
Darin besteht denn auch ihr Grundfehler. Nicht nur in den
parlamentarischen, sondern in alle Tätigkeitsbereiche muß der
Kommunismus etwas grundsätzlich Neues hineintragen (und ohne
langwierige, beharrliche, hartnäckige Arbeit wird er das nicht tun können),
das mit den Traditionen der II. Internationale radikal bricht (und
gleichzeitig das beibehält und weiterentwickelt, was sie Gutes
hervorgebracht hat).
Nehmen wir beispielsweise die journalistische Arbeit. Zeitungen, Broschüren
und Flugblätter sind notwendig für die Propaganda, Agitation und
Organisation. Ohne einen journalistischen Apparat kann keine einzige
Massenbewegung in einem halbwegs zivilisierten Lande auskommen. Und kein
Gezeter gegen die „Führer“, keine Schwüre, die Massen vom Einfluß
der Führer rein zu halten, werden uns der Notwendigkeit entheben, für
diese Arbeit Intellektuelle zu verwenden, die aus dem Bürgertum
hervorgegangen sind, werden uns von der bürgerlich-demokratischen
Atmosphäre, der „Eigentümer“-Atmosphäre und dem Milieu befreien,
in dem diese Arbeit unter dem Kapitalismus geleistet wird. Sogar
zweieinhalb Jahre nach dem Sturz der Bourgeoisie, nach der Eroberung der
politischen Macht durch das Proletariat spüren wir um uns diese Atmosphäre,
dieses Milieu massenhafter (bäuerlicher, handwerklicher) bürgerlich-demokratischer
Beziehungen von Eigentümern.
Der Parlamentarismus ist eine Form der Arbeit, die Journalistik eine
andere. Der Inhalt beider kann kommunistisch sein und muß kommunistisch
sein, wenn auf diesem wie auf jenem Gebiet wirkliche Kommunisten,
wirkliche Mitglieder einer proletarischen Massenpartei tätig sind. Aber
auf diesem wie auf jenem Gebiet – und auf jedem beliebigen –
Arbeitsgebiet unter dem Kapitalismus und beim Übergang vom Kapitalismus
zum Sozialismus – gibt es kein Ausweichen vor den Schwierigkeiten, die
das Proletariat überwinden, vor den eigenartigen Aufgaben, die es lösen
muß, um die aus dem Bürgertum kommenden Intellektuellen für seine
Zwecke auszunutzen, die bürgerlich-intelligenz#lerischen Vorurteile und
Einflüsse zu besiegen und den Widerstand des kleinbürgerlichen Milieus
zu schwächen (und es im weiteren vollkommen umzugestalten).
Haben wir denn nicht vor dem Kriege 1914-1918 in allen Ländern eine außerordentliche
Fülle von Beispielen dafür gesehen, wie ganz „linke“ Anarchisten,
Syndikalisten und andere den Parlamentarismus verdammten, die bürgerlich-verfluchten
sozialistischen Parlamentarier verspotteten, ihren Karrierismus geißelten
usw. usf., selbst aber vermittels der Journalistik, vermittels der
Arbeit in den Syndikaten (Gewerkschaften) eine ebensolche bürgerliche
Karriere machten? Sind denn die Beispiele der Herren Jouhaux und
Merrheim, wenn man sich auf Frankreich beschränken will, nicht typisch?
Darin besteht eben die Kinderei der „Ablehnung“ einer Beteiligung am
Parlamentarismus, daß man auf eine so „einfache“, „leichte“,
angeblich revolutionäre Weise die schwierige Aufgabe des Kampfes gegen
die bürgerlich-demokratischen Einflüsse innerhalb der Arbeiterbewegung
„zu lösen“ glaubt, in Wirklichkeit aber nur vor dem eigenen
Schatten davonläuft, nur die Augen vor der Schwierigkeit verschließt
und mit bloßen Worten über sie hinwegzukommen sucht. Schamlosester
Karrierismus, Ausnutzung der Parlamentspöstchen auf bürgerliche Art,
himmelschreiende reformistische Entstellung der Arbeit im Parlament,
abgeschmackte spießbürgerliche Routine – das alles sind ohne Zweifel
die gewöhnlichen und überwiegenden charakteristischen Züge, die der
Kapitalismus überall, nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der
Arbeiterbewegung erzeugt. Aber der Kapitalismus und die von ihm
geschaffenen bürgerlichen Zustände (die sogar nach dem Sturz der
Bourgeoisie nur sehr langsam verschwinden, den die Bauernschaft bringt
immer wieder eine Bourgeoisie hervor) erzeugen durchweg auf allen
Arbeits– und Lebensgebieten im Grunde genommen den gleichen, sich nur
durch ganz geringe Varianten in der Form unterscheidenden bürgerlichen
Karrierismus und nationalen Chauvinismus, die gleiche spießbürgerliche
Verflachung usw.usf.
Ihr kommt euch selber „schrecklich revolutionär“ vor, liebe
Boykottisten und Antiparlamentarier, aber in Wirklichkeit habt ihr Angst
bekommen vor den verhältnismäßig kleinen Schwierigkeiten des Kampfes
gegen die bürgerlichen Einflüsse innerhalb der Arbeiterbewegung,
obwohl doch euer Sieg, d.h. der Sturz der Bourgeoisie und die Eroberung
der politischen Macht durch das Proletariat, dieselben Schwierigkeiten
in noch größerem, unermeßlich größerem Ausmaß schaffen wird. Ihr
habt wie Kinder Angst bekommen vor einer kleinen Schwierigkeit, die euch
heute bevorsteht, und begreift nicht, daß ihr morgen oder übermorgen
trotz allem werdet lernen, endgültig lernen müssen, dieselben
Schwierigkeiten in unermeßlich beträchtlicherem Ausmaß zu überwinden.
Unter der Sowjetmacht werden in eure und in unsere proletarische Partei
noch mehr Intellektuelle aus dem Bürgertum hineinzuschlüpfen
versuchen. Sie werden auch in die Sowjets, in die Gerichte und in die
Verwaltung hineinschlüpfen, denn man kann den Kommunismus nicht anders
und mit nichts anderem aufbauen als mit dem Menschenmaterial, das der
Kapitalismus geschaffen hat, man kann die bürgerliche Intelligenz nicht
fortjagen und vernichten, sondern muß sie besiegen, ummodeln,
umwandeln, genauso wie man in langwierigen Kämpfen, auf dem Boden der
Diktatur des Proletariats, auch die Proletarier selbst umerziehen muß,
die sich von ihren eigenen kleinbürgerlichen Vorurteilen nicht auf
einmal, nicht durch ein Wunder, nicht auf Geheiß der Mutter Gottes,
nicht auf Geheiß einer Losung, einer Resolution, eines Dekrets
befreien, sondern nur in langwierigen und schwierigen Massenkämpfen
gegen den Masseneinfluß des Kleinbürgertums. Unter der Sowjetmacht
erstehen vor uns dieselben Aufgaben, die der Antiparlamentarier jetzt so
stolz, so leichtfertig, so kindisch mit einer Handbewegung abtut –
erstehen dieselben Aufgaben innerhalb der Sowjets, innerhalb der
Sowjetverwaltung, innerhalb der sowjetischen „Rechtsbeistände“ (wir
haben in Rußland die bürgerliche Advokatur abgeschafft und haben recht
daran getan, sie abzuschaffen, aber unter dem Deckmantel der
„sowjetischen Rechtsbeistände“[30].
lebt sie bei uns wieder auf). Unter den Sowjetingenieuren, unter den
Sowjetlehrern, unter den privilegierten, d.h. am meisten qualifizierten
und am besten gestellten Arbeitern in den Sowjetfabriken sehen wir ein
ständiges Wiederaufleben durchweg aller der negativen Züge, die dem bürgerlichen
Parlamentarismus eigen sind, und nur durch wiederholten, unermüdlichen,
langwierigen, hartnäckigen Kampf, durch proletarische Organisiertheit
und Disziplin werden wir – allmählich – dieses Übels Herr.
Gewiß, unter der Herrschaft der Bourgeoisie ist es sehr
„schwierig“, die bürgerlichen Gewohnheiten in der eigenen Partei,
d.h. in der Arbeiterpartei, zu besiegen: es ist „schwierig“, die
gewohnten, durch bürgerliche Vorurteile hoffnungslos verdorbenen
parlamentarischen Führer aus der Partei zu vertreiben; es ist
„schwierig“, eine absolut notwendige (eine ganz bestimmte, wenn auch
sehr beschränkte) Zahl von Leuten, die aus dem Bürgertum kommen, der
proletarischen Disziplin unterzuordnen; es ist „schwierig“, eine der
Arbeiterklasse durchaus würdige kommunistische Fraktion im bürgerlichen
Parlament zu schaffen; es ist „schwierig' zu erreichen, daß die
kommunistischen Parlamentarier ihre Zeit nicht mit bürgerlich-parlamentarischen
Kinkerlitzchen vertändeln, sondern sich mit der so überaus dringenden
Arbeit der Propaganda, Agitation und Organisation unter den Massen
befassen. All das ist „schwierig“, wer wollte es leugnen, es war
schwierig in Rußland und wird noch unvergleichlich schwieriger sein in
Westeuropa und Amerika, wo die Bourgeoisie weit stärker ist, wo die bürgerlich-demokratischen
Traditionen und dergleichen stärker sind.
Aber alle diese „Schwierigkeiten“ sind geradezu kinderleicht im
Vergleich mit den Aufgaben ganz derselben Art, die das Proletariat
sowieso unweigerlich wird lösen müssen, sowohl um zu siegen als auch während
der proletarischen Revolution und nach der Machtergreifung durch das
Proletariat. Im Vergleich mit diesen wahrhaft gigantischen Aufgaben,
wenn man unter der Diktatur des Proletariats Millionen Bauern und
Kleinproduzenten, Hunderttausende Angestellte, Beamte, bürgerliche
Intellektuelle umerziehen und sie alle dem proletarischen Staat und der
proletarischen Führung unterstellen, in ihnen die bürgerlichen
Gewohnheiten und Traditionen wird besiegen müssen – im Vergleich mit
diesen gigantischen Aufgaben ist es eine kinderleichte Sache, unter der
Herrschaft der Bourgeoisie, im bürgerlichen Parlament eine wirklich
kommunistische Fraktion einer wirklich proletarischen Partei zu
schaffen.
Wenn die Genossen „Linken“ und Antiparlamentarier es nicht lernen,
heute selbst eine so kleine Schwierigkeit zu überwinden, so kann man
mit Gewißheit sagen, daß sie entweder nicht imstande sein werden, die
Diktatur des Proletariats zu verwirklichen, es nicht zuwege bringen
werden, sich die bürgerlichen Intellektuellen und die bürgerlichen
Institutionen in großem Maßstab unterzuordnen und sie umzumodeln, oder
aber daß sie das alles in größter Hast werden nachlernen müssen und
durch diese Hast der Sache des Proletariats gewaltigen Schaden zufügen,
mehr Fehler als gewöhnlich begehen, mehr Schwäche und Unvermögen als
durchschnittlich an den Tag legen werden usw. usf.
Solange die Bourgeoisie nicht gestürzt ist und solange ferner die
Kleinwirtschaft und die kleine Warenproduktion nicht völlig
verschwunden sind, solange werden bürgerliche Zustände, Eigentümergewohnheiten
und kleinbürgerliche Traditionen die proletarische Arbeit von außerhalb
wie von innerhalb der Arbeiterbewegung schädigen, nicht allein auf dem
Feld der parlamentarischen Tätigkeit, sondern unvermeidlich auf allen
und jeglichen Gebieten der öffentlichen Tätigkeit, in ausnahmslos
allen kulturellen und politischen Wirkungskreisen. Und ein überaus
schwerer Fehler, den wir später unbedingt werden büßen müssen, ist
der Versuch, sich vor einer der »unangenehmen« Aufgaben oder
Schwierigkeiten auf einem Arbeitsgebiet zu drücken, von ihr nichts
wissen zu wollen. Man muß es lernen, alle Arbeits– und Tätigkeitsgebiete
ohne Ausnahme zu meistern und zu beherrschen, alle Schwierigkeiten und
alle bürgerlichen Praktiken, Traditionen und Gewohnheiten überall und
allerorts zu überwinden. Eine andere Fragestellung wäre einfach nicht
ernst zu nehmen, wäre einfach eine Kinderei. 12.5.1920
V.
In der russischen Ausgabe dieses Buches habe ich die Haltung der
Kommunistischen Partei Hollands in ihrer Gesamtheit zu Fragen der
internationalen revolutionären Politik nicht ganz richtig beleuchtet.
Deshalb nehme ich diese Gelegenheit wahr, um nachstehenden Brief unserer
holländischen Genossen über diese Frage zu veröffentlichen und sodann
den im russischen Text von mir gebrauchten Ausdruck „holländische
Tribunisten“ richtigzustellen und durch die Worte „einige Mitglieder
der Kommunistischen Partei Hollands“ zu ersetzen. N. Lenin
Ein Brief Wijnkoops
Werter Genosse Lenin! Moskau, den 30. Juni 1920
Dank
Ihrer Liebenswürdigkeit konnten wir Mitglieder der holländischen
Delegation zum Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale Ihr
Buch „Der 'linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im Kommunismus“
durchsehen, bevor die Übersetzungen in die westeuropäischen Sprachen
gedruckt worden sind. In diesem Buch mißbilligen Sie wiederholt nachdrücklich
die Rolle, die einige Mitglieder der Kommunistischen Partei Hollands in
der internationalen Politik spielten.
Wir müssen indes dagegen protestieren, daß Sie die Kommunistische
Partei für die Haltung dieser Genossen verantwortlich machen. Das ist
äußerst ungenau. ja mehr noch, es ist ungerecht, denn diese Mitglieder
der Kommunistischen Partei Hollands haben sich kaum oder überhaupt
nicht am tagtäglichen Kampf unserer Partei beteiligt. Sie versuchen überdies
direkt oder indirekt, in der Kommunistischen Partei oppositionelle
Losungen durchzusetzen, gegen welche die Kommunistische Partei Hollands
und jedes einzelne ihrer Organe mit all ihrer Energie gekämpft haben
und bis auf den heutigen Tag kämpfen.
Mit brüderlichem Gruß
(Für
die holländische Delegation) D.J. Wijnkoop
Lenin:Werke, Bd. 31, Berlin 1959, S. 5
– 106
Anmerkungen:
1. Das Buch Der „linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im
Kommunismus“ schrieb Lenin im April und Mai 1920, den Nachtrag am 12.
Mai 1920. Im Druck erschien es am 12. Juni 1920 in russischer Sprache
und im Juli in deutscher, französischer und englischer Sprache. Lenin
beaufsichtigte selbst Satz und Druck des Buches, damit es bereits vor Eröffnung
des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale erscheinen konnte.
Es wurde an alle Delegierten des II. Kongresses verteilt. Die
wichtigsten Thesen und Schlußfolgerungen dieses Buches bildeten die
Grundlage für die Beschlüsse des II. Kongresses der Komintern.
In der zweiten Hälfte des Jahres 1920 wurde das Buch deutsch in
Leipzig, Berlin und Hamburg, französisch in Paris, englisch in London
und New York, und italienisch in Mailand herausgegeben. Im Manuskript
des Buches „Der 'linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im
Kommunismus“ findet sich der Untertitel „(Versuch einer populären
Darstellung der marxistischen Strategie und Taktik)“. In allen
Ausgaben zu Lebzeiten Lenins wurde dieser Untertitel weggelassen. Im
vorliegenden Band wird das Werk nach der ersten russischen Ausgabe veröffentlicht,
deren Korrektur Lenin selbst besorgt hat.
2. Deutscher Originaltext siehe „Märzfeier 1902“, Festschrift der
Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand zum Gedenktag der Revolution von
1848. Der Übers.
3. Richtung Longuets – eine zentristische Minderheit, die sich 1915 in
der französischen Sozialistischen Partei herausbildete.
Während des ersten Weltkriegs vertraten die Longuetisten einen
sozialpazifistischen Standpunkt. Nach dem Sieg der Großen
Sozialistischen Oktoberrevolution in Rußland bekannten sie sich zwar in
Worten zur Diktatur des Proletariats, blieben ihr aber in Wirklichkeit
feindlich gesinnt. Sie setzten die Politik der Versöhnung mit den
Sozialchauvinisten fort und billigten den Raubfrieden von Versailles.
Als die revolutionäre Mehrheit auf dem Parteitag in Tours (Dezember
1920) die Gründung der Kommunistischen Partei und den Anschluß an die
Kommunistische Internationale beschloß, spalteten sich die Longuetisten
zusammen mit den offenen Reformisten von der Partei ab und bildeten eine
selbständige Partei.
4. Die Unabhängige Arbeiterpartei Englands (Independent Labour Party)
wurde 1893 gegründet. An der Spitze der Partei standen James Keir
Hardie, R. MacDonald und andere. Sie erhob Anspruch auf politische Unabhängigkeit
von den bürgerlichen Parteien, war jedoch in Wirklichkeit »'unabhängig'
nur vom Sozialismus, aber vom Liberalismus sehr abhängig“ (Lenin).
5. Fabier – Mitglieder der „Gesellschaft der Fabier“, einer
reformistischen Organisation, die 1884 in England von einer Gruppe bürgerlicher
Intellektueller gegründet worden war. Eine Charakteristik der Fabier
findet sich in folgenden Schriften Lenins: „Vorwort zur russischen Übersetzung
des Buches 'Briefe und Auszüge aus Briefen von Joh. Phil. Becker, Jos.
Dietzgen, Friedrich Engels, Karl Marx u. A. an F.A. Sorge und Andere'„
(Werke, Bd. 12, S. 368/369); „Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie
in der russischen Revolution“ (Werke, Bd. 15, S. 171); „Der
englische Pazifismus und die englische Abneigung gegen die Theorie“
(Werke, Bd. 21, S. 258) u.a.
6. Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands – im April
1917 gegründete Arbeiterpartei mit zentristischer Führung, deren Kern
die »Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft« bildete. Im Oktober 1920
kam es auf dem Parteitag der USPD in Halle zur Spaltung. Ein beträchtlicher
Teil der Partei vereinigte sich im Dezember 1920 mit der Kommunistischen
Partei Deutschlands. Der rechte Teil bildeten eine eigene Partei und
behielten die alte Bezeichnung Unabhängige Sozialdemokratische Partei
bei. 1922 schlossen sie sich wieder der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands an.
7. Spartakusbund – Lenin meint die Kommunistische Partei Deutschlands
(Spartakusbund). Bereits zu Beginn des imperialistischen Weltkriegs
(1914 bis 1918) hatten sich die deutschen Linken unter Führung von Karl
Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Clara Zetkin, Wilhelm Pieck
u.a. zur Gruppe »Internationale« zusammengeschlossen. Diese Gruppe
formierte sich auf ihrer Reichskonferenz im Januar 1916 als
„Spartakusgruppe“ und nahm als Programm zur revolutionären
Beendigung des Krieges die von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
entworfenen »Leitsätze über die Aufgaben der internationalen
Sozialdemokratie« an. Die Spartakusgruppe, deren großes historisches
Verdienst darin besteht, den Grundstein für die Kommunistische Partei
Deutschlands gelegt zu haben, trieb unter den Massen revolutionäre
Propaganda und organisierte Massenaktionen gegen den imperialistischen
Krieg; sie entlarvte die Eroberungspolitik des deutschen lmperialismus
und den Verrat der opportunistischen sozialdemokratischen Führer. Sie
war die ideologisch führende Kraft unter den deutschen Linken. In
wichtigen theoretischen und politischen Fragen waren die Spartakusanhänger
jedoch nicht frei von ernsten Fehlern. Sie unterschätzten die Rolle der
nationalen Frage im Imperialismus sowie die Bauernschaft als Verbündeten
des Proletariats. Die Unklarheit der Spartakusgruppe über die Rolle
einer selbständigen marxistischen Kampfpartei der Arbeiterklasse äußerte
sich darin, daß sie sich 1917 – wenn auch mit dem Vorbehalt, ihre
politisch-ideologische Selbständigkeit zu wahren – der zentristischen
USPD anschloß. Lenin hob die großen Verdienste der deutschen Linken im
Kampf gegen den imperialistischen Krieg stets hervor, übte aber
zugleich Kritik an ihren Fehlern, u.a. in seinen Schriften „Über die
Junius-Broschüre“ (siehe Werke, Bd. 22, S. 310-325) und »Das Militärprogramm
der proletarischen Revolution« (siehe Werke, Bd. 23, S. 72-83). Die
kameradschaftliche Kritik half der Spartakusgruppe, sich den Leninschen
Anschauungen über den antiimperialistischen Kampf zu nähern. Auf ihrer
Reichskonferenz am 7. Oktober 1918 beschloß die Spartakusgruppe das
Programm der herannahenden Revolution, in der sie sich zusammen mit
anderen Linken als einzige ziel– und richtunggebende Kraft bewährte.
Während der Novemberrevolution 1918 brach die Spartakusgruppe auch
organisatorisch mit der USPD und gründete Ende Dezember desselben
Jahres die Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund).
8. Für die Politik und die Parteien gilt – mit entsprechenden Änderungen
dasselbe, was für einzelne Personen gilt. Klug ist nicht, wer keine
Fehler macht. Solche Menschen gibt es nicht und kann es nicht geben.
Klug ist, wer keine allzu wesentlichen Fehler macht und es versteht, sie
leicht und rasch zu korrigieren.
9. „Labouristen“ – die Mitglieder der englischen Labour Party
(Arbeiterpartei).
10. Holländische „Tribunisten“ nennt Lenin die Mitglieder der
Kommunistischen Partei Hollands. Ursprünglich bildeten die Tribunisten
in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands eine linke Gruppe,
die 1907 die Zeitung „De Tribune“ gründete. 1909 wurden die
Tribunisten aus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ausgeschlossen
und gründeten eine selbständige Partei (die Sozialdemokratische Partei
Hollands). Die Tribunisten bildeten den linken Flügel der holländischen
Arbeiterbewegung und standen während des ersten Weltkriegs im
wesentlichen auf den Positionen des Internationalismus. 1918 gründeten
sie die Kommunistische Partei Hollands.
11. Horner – A. Pannekoek; Erler – H. Laufenberg.
12. 'Kommunistische Arbeiterzeitung' 10 (Nr. 32 vom 7. Februar 1920,
Hamburg, „Die Auflösung der Partei“, Artikel von Karl Erler): »Die
Arbeiterklasse kann den bürgerlichen Staat nicht zertrümmern ohne
Vernichtung der bürgerlichen Demokratie, und sie kann die bürgerliche
Demokratie nicht vernichten ohne die Zertrümmerung der Parteien.« Die
größten Wirrköpfe unter den romanischen Syndikalisten und Anarchisten
können „zufrieden“ sein: Solide Deutsche, die sich offenbar für
Marxisten halten (K. Erler und K. Horner liefern durch ihre Artikel in
der genannten Zeitung einen besonders soliden Beweis dafür, daß sie
sich für solide Marxisten halten, und reden in besonders komischer
Weise einen unglaublichen Unsinn zusammen, wodurch sie offenbaren, daß
sie das Abc des Marxismus nicht begriffen haben), versteigen sich zu
ganz ungereimtem Zeug. Die bloße Anerkennung des Marxismus befreit noch
nicht von Fehlern. Das wissen die Russen besonders gut, denn bei uns war
der Marxismus besonders oft „Mode“.
13. Malinowski war in Kriegsgefangenschaft in Deutschland. Als er unter
der Herrschaft der Bolschewiki nach Rußland zurückkehrte, wurde er von
unseren Arbeitern sofort vor Gericht gestellt und erschossen. Die
Menschewiki begeiferten uns besonders arg wegen unseres Fehlers, der
darin bestand, daß wir einen Lockspitzel im Zentralkomitee unserer
Partei hatten. Als wir aber unter Kerenski forderten, daß der Dumapräsident
Rodsjanko verhaftet und abgeurteilt werde, weil er schon vor dem Krieg
von der Lockspitzeltätigkeit Malinowskis gewußt, es aber den Trudowiki
und den Arbeitern in der Duma nicht mitgeteilt hatte, da unterstützten
uns weder die Menschewiki noch die Sozialrevolutionäre, die mit
Kerenski in der Regierung saßen, und Rodsjanko blieb auf freiem Fuß
und konnte ungehindert zu Denikin entkommen.
14. Nach der Februarrevolution von 1917 veränderte sich die
Mitgliederzahl bis 1919 folgendermaßen: Zur Zeit der VII.
Gesamtrussischen Konferenz (Aprilkonferenz) der SDAPR(B) im Jahre 1917 zählte
die Partei 80.000, zur Zeit des Vl. Parteitags der SDAPR(B) im
Juli-August 1917 rund 240.000, zur Zeit des VII. Parteitags der KPR(B)
im März 1918 mindestens 300.000 und zur Zeit des VIII. Parteitags der
KPR(B) im März 1919 313.766 Mitglieder.
15. Siehe W. I. Lenin, Werke, Bd. 30, S. 242-265.
16. Siehe Karl Marx /Friedrich Engels, Werke, Bd. 29, Berlin 1967, S.
358.
17. „Industriearbeiter der Welt“ (Industrial Workers of the World
– IWW) – Gewerkschaftsorganisation der amerikanischen Arbeiter, die
1905 gegründet wurde. Während der Massenstreikbewegung, die sich unter
dem Einfluß der russischen Revolution 1905-1907 in den USA entfaltete,
führten die »Industriearbeiter der Welt« eine Reihe erfolgreicher
Streiks durch und bekämpften die Politik der reformistischen Führer
der »Amerikanischen Föderation der Arbeit« sowie der rechten
Sozialisten. Einige Führer der IWW begrüßten die Sozialistische
Oktoberrevolution und traten der Kommunistischen Partei Amerikas bei.
Gleichzeitig zeigten sich in der Tätigkeit der Organisation
anarchosyndikalistische Züge. Die anarchosyndikalistischen Führer der
IWW lehnten 1920 entgegen dem Willen ihrer Mitglieder den Aufruf des
EKKI, der Kommunistischen Internationale beizutreten, ab. Dabei machten
sie sich die Tatsache zunutze, daß viele revolutionäre Führer der IWW
eingekerkert waren.
18. Die Gompers, Henderson, Jouhaux und Legien sind nichts anderes als
solche Subatow, die sich von unserem Subatow nur durch das europäische
Kostüm, den europäischen Schliff, durch die zivilisierten,
verfeinerten, demokratisch verbrämten Methoden unterscheiden, mit denen
sie ihre niederträchtige Politik betreiben.
19. Ich hatte zuwenig Gelegenheit, den „linken' Kommunismus in Italien
kennenzulernen. Unzweifelhaft sind Gen. Bordiga und seine Fraktion der
„kommunistischen Boykottisten“ (Comunista astensionista) im Unrecht,
wenn sie die Nichtbeteiligung am Parlament verfechten. In einem Punkt
aber scheint Gen. Bordiga recht zu haben – soweit man sich auf Grund
von zwei Nummern seiner Zeitung „ll Soviet“ (Nr. 3 und 4 vorn 18.1,
und 1.11. 1920), vier Heften der vortrefflichen Zeitschrift des Gen.
Serrati „Comunismo“ (Nr. 1-4 vom 1.X. bis 30.XI. 1919) und einzelner
Nummern italienischer bürgerlicher Zeitungen, die zu lesen ich
Gelegenheit hatte, ein Urteil bilden kann. Und zwar sind Gen. Bordiga
und seine Fraktion im Recht mit ihren Angriffen gegen Turati und dessen
Gesinnungsgenossen, die in einer Partei bleiben, welche die Sowjetmacht
und die Diktatur des Proletariats anerkannt hat, die Mitglieder des
Parlaments bleiben und ihre überaus schädliche, alte, opportunistische
Politik fortsetzen. Natürlich machen Gen. Serrati und die gesamte
„Italienische Sozialistische Partei“* dadurch, daß sie das dulden,
einen Fehler, der ebenso großen Schaden anzurichten und eine ebenso große
Gefahr heraufzubeschwören droht, wie das in Ungarn der Fall war, wo die
ungarischen Herren Turati sowohl die Partei als auch die Rätemacht von
innen heraus sabotierten. Dieses falsche, inkonsequente oder
charakterlose Verhalten gegenüber den opportunistischen Parlamentariern
erzeugt einerseits den „linken“ Kommunismus und rechtfertigt
anderseits bis zu einem gewissen Grade dessen Existenz. Gen. Serrati hat
offenkundig unrecht, wenn er dem Abgeordneten Turati „Inkonsequenz“
vorwirft ('Comunismo' Nr. 3), denn inkonsequent ist gerade die
Italienische Sozialistische Partei, die solche opportunistischen
Parlamentarier wie Turati und Co. duldet.
* Die „Italienische Sozialistische Partei“ wurde 1892 als „Partei
der italienischen Arbeiter“ gegründet und 1893 in „Italienische
Sozialistische Partei“ umbenannt. Nach dem Sieg der Großen
Sozialistischen Oktoberrevolution in Rußland verstärkte sich der linke
Flügel in der Italienischen Sozialistischen Partei. Im Januar 1921, auf
dem Parteitag von Livorno, brachen die Linken mit der Sozialistischen
Partei, beriefen einen eigenen Parteitag ein und gründeten die
Kommunistische Partei Italiens.
20. Siehe Friedrich Engels, „Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge“,
in Karl Marx/Friedridi Engels, Werke, Bd. 18, Berlin 1969, S. 533.
21. In jeder Klasse, sogar unter den Verhältnissen des aufgeklärtesten
Landes, sogar in der fortgeschittensten Klasse, die durch die Zeitumstände
zu einem außerordentlich hohen Aufschwung aller geistigen Kräfte
gelangt ist, gibt es immer Vertreter der Klasse – und wird es, solange
Klassen bestehen, solange sich die klassenlose Gesellschaft nicht völlig
konsolidiert, gefestigt und auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat,
unvermeidlich immer Vertreter der Klasse geben -, die nicht denken und
nicht fähig sind zu denken. Der Kapitalismus wäre nicht der
Kapitalismus, der die Massen unterdrückt, wenn dem nicht so wäre.
22. Lenin bezieht sich auf eine Stelle in dem Brief von Friedrich Engels
an F.A. Sorge vom 29. November 1886, wo Engels die in Amerika lebenden
deutschen sozialdemokratischen Emigranten kritisiert und sagt, für sie
sei die Theorie »ein Credo, keine Anleitung zum Handeln«. (Siehe
Friedrich Engels, Werke, Bd. 36, Berlin 1967, S. 578.)
23. Siehe N. G. Tschernyschewski, Ausgewählte ökonomische Schriften, B
II, Moskau 1948, S. 550, russ.
24. Die „Britische Sozialistische Partei“ (British Socialist Party)
wurde 1911 in Manchester gegründet. Die Partei trieb Propaganda und
Agitation im Geiste des Marxismus und war eine Partei, die »nicht
opportunistisch, sondern von den Liberalen wirklich unabhängig ist«
(Lenin). Ihre zahlenmäßige Schwäche und ihre Losgelöstheit von den
Massen verliehen ihr einen gewissen sektiererischen Charakter.
Während des ersten Weltkriegs bildeten sich in der Partei zwei
Richtungen heraus: eine offen sozialchauvinistische unter der Führung
von Hyndman und eine internationalistische unter der Führung von A.
Inkpin und anderen. Die Jahreskonferenz der BSP, die 1916 in Salford
stattfand, verurteilte die sozialchauvinistische Position Hyndmans und
seiner Anhänger, worauf diese aus der Partei austraten. Seitdem hatten
die internationalistischen Elemente in der BSP die Führung inne. Die
Britische Sozialistische Partei spielte eine bedeutende Rolle bei der Gründung
der Kommunistischen Partei Großbritanniens. Auf dem
Vereinigungsparteitag 1920 trat die überwiegende Mehrheit der örtlichen
Organisationen der BSP in die Kommunistische Partei über.
25. Die „Sozialistische Arbeiterpartei“ entstand 1903 in Schottland
aus einer Gruppe linker Sozialdemokraten, die sich von der
Sozialdemokratischen Föderation abgespalten hatten. Die »Sozialistische
Gesellschaft von Süd-Wales« war eine kleinere Gruppe, die sich
vorwiegend aus revolutionären Bergarbeitern von Wales zusammensetzte.
Die „Sozialistische Arbeiterföderation“ war eine zahlenmäßig
schwache Organisation, die im Mai 1918 aus der „Gesellschaft zur
Verfechtung des Wahlrechts der Frauen“ hervorgegangen war und hauptsächlich
aus Frauen bestand.
Bei der Gründung der Kommunistischen Partei Großbritanniens (der Gründungsparteitag
fand am 31. Juli und 1. August 1920 statt), die in ihr Programm die
Beteiligung der Partei an den Parlamentswahlen und den Anschluß an die
Labour Party aufnahm, schlossen sich die obengenannten Organisationen,
die sektiererische Auffassungen vertraten, nicht der Kommunistischen
Partei an. Im Januar 1921 vereinigten sich die „Sozialistische
Gesellschaft von Süd-Wales“ und die „Sozialistische Arbeiterföderation“,
die inzwischen den Namen „Kommunistische Partei (Britische Sektion der
III. Internationale)« angenommen hatte, mit der Kommunistischen Partei
Großbritanniens. Die Führung der „Sozialistischen Arbeiterpartei“
lehnte den Zusammenschluß ab.
26. Wie es scheint, ist diese Partei gegen den Anschluß an die
„Arbeiterpartei“, aber nicht einhellig gegen die Beteiligung am
Parlament.
27.
Die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung in Rußland, im November
1917, erbrachten laut Angaben, die mehr als 36 Millionen Wähler
erfassen, 25 Prozent der Stimmen für die Bolschewiki, 13 Prozent für
die verschiedenen Parteien der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie, 62
Prozent für die kleinbürgerliche Demokratie, d.h. für die
Sozialrevolutionäre und Menschewiki nebst kleineren ihnen nahestehenden
Gruppen.
28.
Zur Frage der künftigen Verschmelzung der »linken« Kommunisten, der
Antiparlamentarier, mit den Kommunisten überhaupt will ich noch
folgendes bemerken. Soweit ich nach den Zeitungen der „linken“
Kommunisten und überhaupt der Kommunisten in Deutschland, in die ich
Einblick bekommen habe, urteilen kann, haben die ersten den Vorzug, daß
sie es besser als die zweiten verstehen, unter den Massen Agitation zu
treiben. Etwas Ähnliches habe ich wiederholt – nur in geringerem
Umfang und in einzelnen Lokalorganisationen, nicht aber im Landesmaßstab
– in der Geschichte der bolschewistischen Partei beobachtet. Zum
Beispiel agitierten in den Jahren 1907 und 1908 die „linken“
Bolschewiki mitunter und mancherorts mit mehr Erfolg unter den Massen
als wir. Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß in einem
revolutionären Augenblick oder wenn die Erinnerungen an die Revolution
noch lebendig sind, mit der Taktik der „einfachen“ Verneinung
leichter an die Massen heranzukommen ist. Das ist jedoch noch kein
Beweis für die Richtigkeit dieser Taktik. Auf jeden Fall kann nicht im
geringsten daran gezweifelt werden, daß eine kommunistische Partei, die
in der Tat die Avantgarde, der Vortrupp der revolutionären Klasse, des
Proletariats, sein will und die darüber hinaus lernen will, nicht nur
die breiten proletarischen Massen, die Massen der Werktätigen und
Ausgebeuteten, zu führen, es verstehn muß, sowohl für die „Straße“,
in den Städten und Fabrikvierteln, als auch das Dorf in der faßlichsten,
verständlichsten, klarsten und lebendigsten Propaganda zu treiben, zu
agitieren und zu organisieren.
29.
Überaus klar, kurz und bündig, auf marxistische Art ist das übrigens
in der vortrefflichen Zeitung der Kommunistischen Partei Österreichs
beleuchtet worden. ('Die Rote Fahne', Wien, Nr. 266 und 267 vom 28. und
30. März 1920, L. L., „Ein neuer Abschnitt der deutschen
Revolution“.)
30.
„Sowjetische Rechtsbeistände“ – die Kollegien der Rechtsbeistände
wurden im Februar 1918 bei den Sowjets der Arbeiter-, Soldaten-,
Bauern– und Kosakendeputierten geschaffen. Im Oktober 1920 wurden sie
aufgelöst. |