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Die Ursprünge des modernen Revisionismus

oder:

Wie der Browderismus nach Europa verpflanzt wurde

Gedanken beim Lesen der Tagebücher Georgi Dimitroffs

von Kurt Gossweiler

„Chruschtschow brauchte freie Bahn für seine bereits bei der Aussöhnung mit Tito im Juni 1955 und dann auf dem XX. Parteitag mit seiner Geheimrede” erfolgreich angewandte Überrumpelungstaktik, die anderen kommunistischen Parteien vor vollendete Tatsachen und dadurch vor die Alternative zu stellen: gehorsame Gefolgschaft oder Bruch mit der KPdSU! Was die Verweigerung der Gefolgschaft für Konsequenzen haben würde, das wurde allen 1960 und danach am Beispiel des Bruches mit Albanien und China vorgeführt. Das war der revisionistischen KPdSU-Führung aber nur möglich, weil es kein kollektives Organ der kommunistischen Bewegung mehr gab.“

Die Ursprünge des modernen Revisionismus

oder:

Wie der Browderismus nach Europa verpflanzt wurde

Gedanken beim Lesen der Tagebücher Georgi Dimitroffs

von Kurt Gossweiler

Quelle; Offen-siv Heft 10/03

A4. Dimitroff zur Auflösung der III. Internationale

In einer Diskussion mit namhaften Genossen der DKP über die Auflösung des kommunistischen Informationsbüros durch Chruschtschow, in der ich diese Auflösung als eine der Maßnahmen bezeichnete, mit denen Chruschtschow anstelle des marxistisch-leninistischen Prinzips des  proletarischen Internationalismus dem von der Tito-Partei propagierten Nationalkommunismus Eingang in die Kommunistische Bewegung verschaffte, wurde mir entgegnet:

Dann musst Du diesen Vorwurf erst recht gegen Stalin erheben, denn der hat, ohne jemanden zu fragen, 1943 eigenmächtig die Auflösung der Kommunistischen Internationale angeordnet und damit der kommunistischen Bewegung einen schweren Schlag versetzt!

 Diese Sicht auf die Komintern-Auflösung ist ebenso wie in der DKP in der PDS und natürlich erst recht bei allen auf Trotzki eingeschworenen Parteien und Grüppchen als vorherrschend vorzufinden Sie hat mit der Wahrheit aber ebensowenig zu tun wie die in den beiden vorangegangenen Teilen behandelten und mit Hilfe der Dimitroff-Tagebuch-Eintragungen widerlegten Legenden.

Wie es wirklich war, das erfahren wir ebenfalls von Dimitroff.

Zur Vorgeschichte gehört ein USA-Gesetz, das vom Präsidenten Roosevelt am 17.Oktober 1940 unterzeichnet wurde. Dieses Gesetz untersagte Organisationen in den USA jegliche internationale Einbindung. Damit drohte der Kommunistischen Partei der USA wegen ihrer Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale das Verbot. Ihr damaliger Generalsekretär, Earl R. Browder, saß zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis. Er war im Januar 1940 wegen Passvergehen  zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Auf seinen Vorschlag richtete  die Partei eine Anfrage an das EKKI - das Exekutiv-Komitee der Kommunistischen Internationale – , ob es nicht angebracht sei, dem Verbot der Partei durch die Lösung der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale zu entgehen.[1] Auf diese Anfrage bezieht sich offenbar die folgende Aufzeichnung im Tagebuch Dimitroffs: 16. 11. 40: Ercoli, (d.i. Togliatti), Marty und Gottwald bei mir wegen der Anfrage der KP Amerikas im Zusammenhang mit deren außerordentlichem Parteitag. Einigten uns auf  folgende Antwort:

Wenn es unbedingt erforderlich ist, einen Beschluss in der Frage der Zugehörigkeit (der Organisation zur Komintern)  zu fassen, dann muss ein solcher die Treue der Partei zum Marxismus-Leninismus und proletarischen Internationalismus gerade in dem Moment unterstreichen, in dem die Partei gezwungen ist, die formellen Beziehungen zur KI  zeitweilig abzubrechen, um die Möglichkeit zu wahren, legal zu arbeiten.  (S.319)

Fünf Monate später, im April 1941 berichtet Dimitroff über eine Äußerungen Stalins im Kreise führender Genossen: 20. 4.41: Es wurde auch auf meine Gesundheit getrunken. Aus diesem Anlass sagte J.W. (Stalin): Bei Dimitroff  in der Komintern treten Parteien aus (Anspielung auf die amerikanische Partei). Das ist nicht schlecht. Im Gegenteil, man sollte die kommunistischen Parteien zu völlig eigenständigen Parteien machen anstatt zu Sektionen der KI. Sie müssen nationale kommunistische Parteien werden, mit verschiedenen Bezeichnungen – Arbeiterpartei, marxistische Partei usw. Der Name ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass sie in ihrem Volk Fuß fassen und sich auf ihre eigenen spezifischen Aufgaben konzentrieren. Sie müssen ein kommunistisches Programm haben, müssen sich auf eine marxistische Analyse stützen, nicht immer nach Moskau blicken, sondern die im jeweiligen Land anstehenden konkreten Aufgaben selbständig lösen... Denn die Situation und die Aufgaben sind in den verschiedenen Ländern völlig unterschiedlich. ...Wenn die kommunistischen Parteien auf diese Weise erstarkt sind, dann können sie ihre internationale Organisation wiederherstellen.

Die Internationale wurde zu Marx‘ Zeiten in Erwartung der nahenden internationalen Revolution gegründet. Die Komintern wurde unter Lenin geschaffen, ebenfalls in einer solchen Periode. Jetzt rücken nationale Aufgaben für jedes Land in den Vordergrund. Dass jedoch die kommunistischen Parteien als Sektionen einer internationalen Organisation dem Exekutiv-komitee der KI unterstehen, ist ein Hindernis... Halten Sie nicht an dem fest, was gestern war. Berücksichtigen Sie konsequent die neuentstandenen Bedingungen.... Unter den jetzigen Bedingungen erleichtert die Zugehörigkeit der kommunistischen Parteien zur Komintern es der Bourgeoisie, sie zu verfolgen, und begünstigt ihren Plan, sie von den Massen des eigenen Landes zu isolieren; die kommunistischen Parteien werden daran gehindert, sich eigenständig zu entwickeln und ihre Aufgaben als nationale  Parteien zu lösen... 

Dimitroffs Schlussfolgerung: Die Frage nach der Weiterexistenz der KI in nächster Zeit und nach den neuen Formen der internationalen Verbindungen und der internationalen Arbeit unter den Bedingungen des Weltkrieges ist klar und deutlich gestellt worden.  (S.374 f.)

Zur Beratung über diese Frage setzte sich Dimitroff mit führenden Genossen des EKKI zusammen: 21. 4. 41: Habe Ercoli und Maurice (Thorez) mit der Frage konfrontiert, ob das EKKI seine Tätigkeit als führende Instanz für die kommunistischen Parteien in der nächsten Zeit einstellen und den einzelnen kommunistischen Parteien völlige Selbständigkeit gewährt werden solle; ob man sie in wirkliche nationale Parteien der Kommunisten der einzelnen Länder umwandeln solle, die sich zwar von einem kommunistischen Programm leiten lassen, ihre konkreten Aufgaben aber auf ihre Weise lösen, den Verhältnissen in ihren Ländern entsprechend, und die selber Verantwortung für ihre Entscheidungen und ihr Handeln tragen. Anstelle des EKKI – ein Organ zur Information und zur ideologischen und politischen Unterstützung der kommunistischen Parteien. Beide meinten, diese Fragestellung sei im Grunde richtig und entspreche völlig der gegenwärtigen Situation der internationalen Arbeiterbewegung. (S.375)

Kurze Zeit später führte Dimitroff mit weiteren Genossen, wie D.S. Manuilski und A.A. Shdanow, weitere Beratungen über diese Frage durch:

12. 5. 41: Diskutierten mit D. S. Manuilski darüber, wie der Beschluss über die Einstellung der Tätigkeit des EKKI begründet werden soll.- Mit dieser Umgestaltung sind zahlreiche unklare und schwierige Fragen verbunden. Im ZK (bei Shdanow). Haben über die Komintern gesprochen.

1) Der Beschluss muss prinzipiell begründet sein, da man dem Ausland wie auch unseren sowjetischen Kommunisten gegenüber eine stichhaltige Erklärung für einen solchen Schritt liefern muss. Die Komintern hat eine große Geschichte, und plötzlich hört sie auf, als einheitliches internationales Zentrum zu existieren und zu handeln. In dem Beschluss müsste man im voraus alle möglichen Schläge des Gegners in Betracht ziehen, z.B., dass es sich hierbei angeblich um ein Manöver handele oder die Kommunisten dem Internationalismus und der internationalen proletarischen Revolution abgeschworen hätten. Unsere Argumentation muss so sein, dass sie zu einem Aufschwung bei den kommunistischen Parteien  führt und nicht etwa Grabesstimmung und Unsicherheit auslöst. ... Die Ideen der Kommunistischen Internationale sind in den Reihen der führenden Schichten der Arbeiterklasse in den kapitalistischen Staaten tief verwurzelt. In der gegenwärtigen Etappe ist es erforderlich, das sich die kommunistischen Parteien  als selbständige nationale Parteien entwickeln. Nach einer Blütezeit der nationalen kommunistischen Bewegung in den einzelnen  Ländern wird in der nächsten Etappe auf festerer und breiterer Basis eine internationale kommunistische Organisation wiedererstehen. Man muss deutlich machen, dass die Auflösung des EKKI keine Absage an die internationale proletarische Solidarität bedeutet. Im Gegenteil – es ändern sich nur ihre Erscheinungsformen und Methoden, damit die Formen und Methoden der gegenwärtigen Etappe der internationalen Arbeiterbewegung besser entsprechen.

2) Dieser Schritt muss absolut ernsthaft und konsequent sein. Man darf nicht die Kleidung wechseln, alles andere aber beim alten lassen, d. h. dass das EKKI zwar aufgelöst wird, tatsächlich jedoch in anderer Form als international leitendes Zentrum weiterbesteht.

3) Sehr wichtig ist die Frage, auf wessen Initiative hin das geschieht: auf eigene Initiative der Leitung oder auf Vorschlag einer Reihe kommunistischer Parteien. Letzteres ist wahrscheinlich besser.

4) Die Sache ist nicht eilig; man sollte sie nicht übereilen, sondern ernsthaft diskutieren und vorbereiten. Drei Fragen bedürfen der Diskussion:  a) wie soll man es prinzipiell begründen;  b) auf wessen Initiative ist der Beschluss zu fassen;  c) das Erbe der KI, wie geht es weiter?

5. Auf jeden Fall kann die kommunistische Bewegung mit diesem Schritt große Vorteile erreichen: alle Antikominternpakte verlieren ihre Grundlage; der größte Trumpf der Bourgeoisie wird hinfällig: dass nämlich die Kommunisten einem ausländischen Zentrum unterstünden und damit Verräter  seien; die KP wird in jedem Land ihre Selbständigkeit stärken und sich in eine wirkliche Volkspartei ihres Landes verwandeln; der Eintritt jener Arbeiter-Aktivisten in die KP wird erleichtert, die jetzt nicht eintreten wollen, weil sie der Meinung sind, dass sie sich dadurch von ihrem Volk entfremden. (S.386 f.)

Sechs Wochen vor dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion war also, wie man sieht, die Auflösung der KI schon so gut wie beschlossen. Der Beginn des Vaterländischen Krieges gegen das faschistische Deutschland rückte begreiflicherweise nun ganz andere Fragen in den Vordergrund. Außerdem gewann die Anleitung der kommunistischen Parteien durch das EKKI unter den völlig veränderten Bedingungen des Bündnisses der Sowjetunion mit England und den USA für eine gewisse Zeit noch einmal eine große Bedeutung, wie im nächsten Abschnitt zu zeigen sein wird.

Erst nach dem großen Sieg der Roten Armee in der Stalingrader Schlacht, mit dem die Armeen des faschistischen Deutschland endgültig auf den Weg der Niederlage gezwungen worden waren, im Mai 1943, findet sich in Dimitroffs Tagebuch wieder die erste Eintragung seit dem faschistischen Überfall, die sich mit der Auflösung der Kommunistischen Internationale beschäftigt:

8.5.43: Nachts mit Manuilski bei Molotow. Haben uns über die Zukunft der Komintern unterhalten. Sind zu dem Schluß gekommen, dass die Komintern als Führungszentrum für die kommunistischen Parteien unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Hindernis für ihre selbständige Entwicklung und die Erfüllung ihrer speziellen Aufgaben ist. Ein Schriftstück zur Auflösung dieses Zentrums wird erarbeitet.”

Von diesem 8. Mai 1943 an bis zum 22. Mai vergeht fast kein Tag, an dem in Dimitroffs Tagebuch keine Notiz über Beratungen zu dieser Frage verzeichnet ist. Am 11. Mai 43  wurde ein von Dimitroff und Manuilski verfasster Entwurf einer Erklärung des EKKI-Präsidiums Stalin zur Kenntnis gebracht, der damit einverstanden war. Dieser Entwurf wurde im EKKI-Präsidium mehrfach beraten und am 20. Mai in die endgültige Fassung gebracht, am 21. Mai auch vom Politbüro der KPdSU einstimmig akzeptiert und am 22. Mai  1943 in der Prawda  (mit Datum vom 15. Mai) veröffentlicht.[2]  Sie hatte folgenden Wortlaut:

Die historische Rolle der kommunistischen Internationale die im Jahre 1919 im Ergebnis des politischen Zusammenbruchs der überwältigenden Mehrheit der alten Arbeiterparteien der Vorkriegszeit entstanden war, bestand darin, dass sie die Lehren des Marxismus vor ihrer Verflachung und Verdrehung seitens der opportunistischen Elemente der Arbeiterbewegung verteidigte, in einer Reihe von Ländern den Zusammenschluss der Vorhut der fortgeschrittenen Arbeiter in wahrhaften Arbeiterparteien förderte, ihnen half, die Massen der Werktätigen zu mobilisieren zur Verteidigung ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen, zum Kampf gegen den Faschismus und den von ihm vorbereiteten Krieg, zur Unterstützung der Sowjetunion als Hauptstütze gegen den Faschismus. Die Kommunistische Internationale hat zur rechten Zeit die wahre Bedeutung des Antikominternpaktes  enthüllt, dessen sich die Hitleristen als Werkzeug zur Vorbereitung des Krieges bedienten. Sie hat lange vor dem Kriege unermüdlich die schändliche Wühlarbeit der Hitleristen in den anderen Staaten entlarvt, die diese mit ihrem Geschrei über eine angebliche Einmischung der Kommunistischen Internationale in die inneren Angelegenheiten dieser Staaten maskierte.

Noch lange vor dem Kriege wurde es immer klarer, dass mit der zunehmenden Komplizierung sowohl der inneren als auch der internationalen Situation der einzelnen Länder die Lösung der Aufgaben der Arbeiterbewegung jedes einzelnen Landes durch die Kräfte irgendeines internationalen Zentrums auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen wird.

Dieser Unterschied der historischen Wege der Entwicklung der einzelnen Länder der Welt, der unterschiedliche Charakter, ja sogar die Gegensätzlichkeit ihres gesellschaftlichen Aufbaus, der Unterschied im Niveau und im Tempo ihrer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung, schließlich der Unterschied im Grade des Bewusstseins und der Organisiertheit der Arbeiter bedingen auch, dass vor der Arbeiterklasse der einzelnen Länder verschiedene Aufgaben stehen. Der ganze Verlauf der Ereignisse im verflossenen Vierteljahrhundert und die von der Kommunistischen Internationale gemachte Erfahrung haben überzeugend gezeigt, dass die Organisationsform, die vom I. Kongreß der Kommunistischen Internationale zur Vereinigung der Arbeiter gewählt wurde und die den Anforderungen der Anfangsperiode der Wiedergeburt der Arbeiterbewegung entsprach, mit dem Wachstum der Arbeiterbewegung in den einzelnen Ländern und der Komplizierung ihrer Aufgaben sich immer mehr überlebte, ja sogar zu einem Hindernis für die weitere Stärkung der nationalen Arbeiterparteien wurde.

Der von den Hitleristen entfesselte Weltkrieg hat die Unterschiede in der Lage der einzelnen Länder noch mehr verschärft, er schuf eine tiefe Kluft zwischen den Ländern, die zu den Trägern der Hitlertyrannei wurden, und den freiheitsliebenden Völkern, die in der mächtigen Antihitlerkoalition zusammengeschweißt sind. Während in den Ländern des Hitlerblocks die Hauptaufgabe der Arbeiter, der Werktätigen und aller ehrlichen Menschen darin besteht, allseitig auf die Niederlage dieses Blocks durch die Untergrabung der hitleristischen Kriegsmaschine von innen heraus hinzuarbeiten, an dem Sturz der am Kriege schuldigen Regierungen mitzuwirken – ist es in den Ländern der Antihitlerkoalition eine heilige Pflicht der breiten Volksmassen und vor allem der fortgeschrittenen Arbeiter, die Kriegsanstrengungen der Regierungen dieser Länder allseitig zu unterstützen, um den Hitlerblock aufs rascheste zu zerschmettern und die Zusammenarbeit der Nationen auf der Grundlage der Gleichberechtigung zu sichern. Dabei darf ebenso nicht aus dem Auge gelassen werden, dass auch einzelne Länder, die der Antihitlerkoalition angeschlossen sind, ihre besondere Aufgabe haben. So besteht zum Beispiel in den von den Hitleristen okkupierten und ihrer staatlichen Unabhängigkeit beraubten Ländern die Hauptaufgabe der fortgeschrittenen Arbeiter und breiten Volksmassen in der Entfaltung des bewaffneten Kampfes, der in den nationalen Befreiungskrieg gegen Hitlerdeutschland hinüberwächst. Gleichzeitig hat der Befreiungskrieg der freiheitsliebenden Völker gegen die Hitlertyrannei die breitesten Volksmassen in Bewegung gebracht, die sich ohne Unterschied ihrer Partei- oder Religionszugehörigkeit in den Reihen der mächtigen Antihitlerkoalition zusammenschließen, und hat offensichtlicher gezeigt, dass der allnationale Aufschwung und die Mobilisierung der Massen zum raschesten Sieg über den Feind durch die Vorhut der Arbeiterbewegung jedes einzelnen Landes am besten und fruchtbarsten im Rahmen ihres Staates verwirklicht werden kann.

Schon der VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale im Jahr 1935, der die Veränderungen berücksichtigte, die sowohl in der internationalen Lage als auch in der Arbeiterbewegung vor sich gegangen waren, und der eine große Beweglichkeit und Selbständigkeit von den Sektionen der Kommunistischen Internationale forderte, unterstrich die Notwendigkeit, dass die Exekutive der Kommunistischen Internationale bei der Beschlussfassung über alle Fragen der Arbeiterbewegung >von den konkreten Verhältnissen und Besonderheiten jedes einzelnen Landes auszugehen und in der Regel ein unmittelbares Eingreifen in die internen organisatorischen Angelegenheiten der kommunistischen Parteien zu vermeiden<  hat.

Von diesen Erwägungen ließ sich die Kommunistische Internationale leiten, als sie den Beschluß der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten von Amerika im November 1940 über ihren Austritt aus den Reihen der Kommunistischen Internationale zur Kenntnis nahm und billigte. Die Kommunisten, die sich von den Lehren der Begründer des Marxismus-Leninismus leiten lassen, waren niemals Anhänger der Aufrechterhaltung überlebter Organisationsformen; sie haben immer die Organisationsformen der Arbeiterbewegung und die Arbeitsmethoden dieser Organisationen untergeordnet den grundlegenden politischen Interessen der gesamten Arbeiterbewegung, den Besonderheiten der konkreten gegebenen historischen Lage und den Aufgaben, die aus dieser Lage unmittelbar entspringen. Sie erinnern sich des Beispiels des großen Marx, der die fortgeschrittenen Arbeiter in den Reihen der Internationalen Arbeiter-Assoziation zusammenschloß und nach der Erfüllung der historischen Aufgabe der Ersten Internationale – die Grundlage für die Entwicklung der Arbeiterpartei in den Ländern Europas und Amerikas zu schaffen – im Ergebnis der herangereiften Notwendigkeit der Schaffung von nationalen Massenarbeiterparteien zur Auflösung der Ersten Internationale schritt, da diese Organisationsform diesen Notwendigkeiten schon nicht mehr entsprach.

Von den vorstehenden Erwägungen ausgehend, unter Berücksichtigung des Wachstums und der politischen Reife der kommunistischen Parteien und ihrer leitenden Kader in den einzelnen Ländern sowie auch angesichts des Umstandes, dass im Verlauf des jetzigen Krieges eine Reihe Sektionen die Frage der Auflösung der Kommunistischen Internationale als leitendes Zentrum der internationalen Arbeiterbewegung aufwarfen, gestattet sich das Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale – da es unter den Bedingungen des Weltkrieges nicht die Möglichkeit hat, den Kongreß der Kommunistischen Internationale einzuberufen – folgenden Vorschlag den Sektionen der Kommunistischen Internationale zur Bestätigung zu unterbreiten:

Die Kommunistische Internationale als leitendes Zentrum der internationalen Arbeiterbewegung aufzulösen und die Sektionen der Kommunistischen Internationale von den aus dem Statut und den Beschlüssen der Kongresse der Kommunistischen Internationale entspringenden Verpflichtungen zu entbinden.

Das Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale ruft alle Anhänger der Kommunistischen Internationale auf, alle ihre Kräfte auf die allseitige Unterstützung und aktiven Teilnahme am Befreiungskrieg der Völker und Staaten der Antihitlerkoalition zu konzentrieren zur raschesten Zerschmetterung des Todfeindes der Werktätigen – des deutschen Faschismus, seiner Verbündeten und Vasallen.

 

 

Diese Erklärung wurde allen Sektionen der Komintern zur Stellungnahme zugeschickt, alle Parteien stimmten ihr ausnahmslos zu. Unter dem Datum des 29. 5. notierte Dimitroff den Wortlaut der Zustimmungserklärung der Kommunistischen Parteien Englands, Australiens und Jugoslawiens; außerdem den Wortlaut eines Interviews, das Stalin zur Auflösung der Komintern dem Moskauer Reuter-Korrespondenten King gegeben hatte.  

Am 8. Juni trat das Präsidium des Exekutiv-Komitees der Kommunistischen Internationale zu seiner letzten Sitzung zusammen; Dimitroff hielt in seinem Tagebuch fest:  

8. 6. 43: Habe die letzte Sitzung des Präsidiums des EKKI durchgeführt.

1. Haben festgestellt, dass alle Sektionen...den Vorschlag zur Auflösung der Komintern einstimmig begrüßt haben und dass keine einzige Sektion einen Einwand gegen diesen Vorschlag erhoben hat.

2. Haben die Auflösung des Exekutivkomitees der Komintern, seines Präsidiums und des Sekretariats sowie der Internationalen Kontrollkommission erklärt.”

10. 6. 43: In der ‚Prawda‘ ist unsere Mitteilung über den Beschluss des Präsidiums vom 8. Juni 1943 veröffentlicht worden.”

Soweit also die Dokumentation der Notizen Dimitroffs in seinen Tagebüchern zur Geschichte der Auflösung der Komintern. Sie zerstören gründlich die Legende von der plötzlichen Auflösung der Kommunistischen Internationale durch einen einsamen Beschluss Stalins.”

Die Wahrheit ist: den Anstoß zur Erwägung der Auflösung gab das USA-Gesetz vom Oktober 1940, das die KP der USA mit dem Verbot bedrohte, falls sie weiterhin eine Sektion der Komintern bliebe. Der erste Schritt zur Auflösung war dann die daraufhin erfolgte Lösung der Verbindung der KP der USA zur Kommunistischen Internationale.

Der entscheidende Grund für die Auflösung der Komintern waren zum einen die veränderten objektiven Bedingungen, unter denen die Fortführung einer zentralen Leitung der Arbeit der Kommunistischen Parteien zu einem Hindernis ihres weiteren Wachstums und der Vertiefung ihrer Verbindung mit den Werktätigen ihres jeweiligen Landes geworden wäre, und zum anderen die Überzeugung, dass inzwischen die kommunistischen Parteien zu reifen marxistisch-leninistischen Parteien herangewachsen waren, die einer Führung von einer Zentrale aus nicht mehr bedurften.

Die Auflösung erfolgte nach jahrelanger Beratung im Präsidium des EKKI und mit Zustimmung aller Sektionen der KI auf einwandfrei demokratische Weise. Deshalb war die Auflösung der KI in keiner Weise ein Abgehen vom Internationalismus, da der Internationalismus ein untrennbarer Wesensbestandteil jeder wirklich marxistisch-leninistischen Partei ist, unabhängig von der jeweiligen organisatorischen Form ihrer Zusammenarbeit. Sowohl von Stalin als auch vom Präsidium des EKKI war überdies ausdrücklich für die Zukunft ins Auge gefasst worden, unter neuerlich veränderten Bedingungen in der Zukunft auch wieder eine internationale Organisation der kommunistischen Parteien zu schaffen in der Form, die den dann bestehenden Verhältnissen entsprechen würde.

Als ein Schritt zu solch einer Organisation wurde bekanntlich im September 1947 auf einer Konferenz in Warschau das Informationsbüro der Kommunistischen und Arbeiterparteien gegründet, weil, wie im Kommunique der Konferenz gesagt wurde, der mangelhafte Kontakt zwischen den auf der Konferenz vertretenen Parteien negative Erscheinungen hervorgerufen habe. Als Aufgaben des Informationsbüros wurden genannt die Organisierung des Erfahrungsaustausches zwischen den Parteien und nötigenfalls die Koordinierung ihrer Tätigkeit auf der Grundlage gegenseitigen Übereinkommens.[3]

Teilnehmer der Konferenz  und Gründungsmitglieder der abgekürzt Informbüro” genannten Vereinigung waren Vertreter von regierenden kommunistischen Parteien –  KPdSU, KP Bulgariens, KP Jugoslawiens, Polnische Arbeiterpartei, KP Rumäniens, KP der Tschecho-slowakei, KP Ungarns – und zweier Kommunistischer Parteien Westeuropas , der KP Frankreichs und der KP Italiens. Das Informationsbüro bestand insgesamt nur 9 Jahre.

Sein Ende unterschied sich grundlegend vom Ende der Kommunstischen Internationale. Zwar wurde nach aussen hin die Form gewahrt: in der Informatorischen Mitteilung über die Einstellung der Tätigkeit des Informationsbüros der Kommunistischen und Arbeiterparteien[4] wird die Auflösung ebenfalls  mit neuen Bedingungen für die Tätigkeit der kommunistischen und Arbeiterparteien” begründet, und formuliert:

„Die Zentralkomitees der zum Informbüro gehörenden kommunistischen und Arbeiterparteien haben einen Meinungsaustausch zu den Fragen seiner Tätigkeit gepflogen und anerkannt, dass das von ihnen 1947 gegründete Informationsbüro seine Funktionen erschöpft hat; im Zusammenhang damit haben sie in gegenseitigem Einvernehmen den Beschluss gefasst, die Tätigkeit des Informationsbüros... und das Erscheinen seines Organs, der Zeitung ‚Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie!‘, einzustellen.”

Nur stellt sich die Frage: Was hat sich eigentlich seit dem 14. Dezember 1955 und dem 17. April 1956 so Grundlegendes geändert, um von der Verteidigung der Existenz des Informbüros plötzlich zu der Ansicht zu gelangen, es habe seine Funktionen erschöpft”?

Am 14.Dezember 1955 hielten nämlich Chruschtschow und Bulganin in Neu Delhi gemeinsam eine Pressekonferenz ab, in der Bulganin wie folgt Stellung nahm:

Manchmal stellt man die Frage, ob man denn die Kominform” nicht irgendwie liquidieren könne. Doch aus welchem Grunde sollten die kommunistischen Parteien eigentlich auf eine allgemeingültige Form des internationalen Verkehrs und Zusammenwirkens verzichten? Warum haben z.B. diejenigen, die die Frage einer Liquidierung der Kominform” aufwerfen, nichts gegen die Tätigkeit der Sozialistischen Internationale, die die sozialdemokratischen Parteien vereint? Warum scheint es ihnen natürlich und rechtmäßig, dass die Kapitalisten sich zu internationalen Monopolvereinigungen zusammenschließen und regelmäßig konferieren, um gemeinsam ihre Geschäfte zu betreiben, während man der Arbeiterklasse zumutet, sie solle auf die schon von Marx und Engels verkündete große Devise der internationalen Solidarität ‚Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!‘, die ja den ureigensten Interessen aller Werktätigen entspricht, verzichten?”[5]

Das war doch eine treffliche Abfuhr für jene westlichen Herrschaften, denen das Kominform” – so der im Westen übliche Terminus für das Informbüro - schon lange ein Dorn im Auge war! Wieso sollte dies vier Monate später nicht mehr gelten? Was hatte sich denn so grundlegend geändert? Darauf gibt es nur eine Antwort: Inzwischen hatte der XX. Parteitag der KPdSU stattgefunden, der die Wende eingeleitet hat weg von der Leninschen Politik des Kampfes gegen den Imperialismus mit dem Ziel seiner Überwindung hin zur Politik der Aussöhnung mit dem Imperialismus, zur dauerhaften und freundschaftlichen Koexistenz” und Zusammenarbeit mit ihm; also die Wende weg von der revolutionären Politik des unversöhnlichen Klassenkampfes im Sinne des Kommunistischen Manifestes und hin zur revisionistischen Politik der Klassen-versöhnung.

Das Informationsbüro der Kommunistischen und Arbeiterparteien war so zusammengesetzt, dass es ein Zentrum des Widerstandes gegen die Durchsetzung dieser Wende in der kommunistischen Weltbewegung werden konnte. Der Zwang, den das Informbüro auch auf die Führung der KPdSU ausübte, die eigenen Entscheidungen mit den Partnern im kollektiven Beratungsorgan abzustimmen, das war die als erschöpft” bezeichnete Funktion, – deshalb musste es verschwinden! Chruschtschow brauchte freie Bahn für seine bereits bei der Aussöhnung mit Tito im Juni 1955 und dann auf dem XX. Parteitag mit seiner Geheimrede” erfolgreich angewandte Überrumpelungstaktik, die anderen kommunistischen Parteien vor vollendete Tatsachen und dadurch vor die Alternative zu stellen: gehorsame Gefolgschaft oder Bruch mit der KPdSU! Was die Verweigerung der Gefolgschaft für Konsequenzen haben würde, das wurde allen 1960 und danach am Beispiel des Bruches mit Albanien und China vorgeführt. Das war der revisionistischen KPdSU-Führung aber nur möglich, weil es kein kollektives Organ der kommunistischen Bewegung mehr gab.

Wo diese Wende - hin zur Erfüllung der Wünsche und Forderungen des Klassenfeindes - in der kommunistischen Bewegung erstmals die Oberhand gewann, und von wem und wie der Ungeist dieser Wende auch in die europäischen kommunistischen Parteien hineingetragen wurde, das soll im nächsten Teil gezeigt werden. 


[1] Wolfgang Kießling , Partner im

Narrenparadies

, Berlin 1994, S.97.    

[2]  In: Komintern und revolutionäre Partei. Auswahl von Dokumenten, 1919 – 1943, Berlin 1986, S. 313

 

[3] Für Frieden und Volksdemokratie. Bericht über die Tätigkeit einiger kommunistischer Parteien, gehalten auf der Konferenz in Polen Ende September 1947, Berlin 1947, S. 4

[4] Für dauerhaften Frieden und Volksdemokratie, Nr. 16 vom 17. 4. 1956

[5] N.A. Bulganin / N.S. Chruschtschow, Reden während des Besuches in Indien..., Berlin 1955, S. 141

 

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