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Stalin
als
Theoretiker des Marxismus-Leninismus
Stalins
Beiträge zur Parteitheorie, Heft I
Von
Ulrich Huar
Quelle:
Offen-siv
3/03
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Ulrich
Huar: Einleitung
Grundfragen
der marxistisch-leninistischen Parteitheorie
Vorbemerkungen
1.1.
Parteifragen vor der Oktoberrevolution
1.1.1.
Verbindung der sozialistischen Ideologie mit der spontanen
Arbeiterbewegung
1.1.2.
Zur Organisationsfrage
1.1.3.
Über das „Hereintragen“ des sozialistischen Bewußtseins in
die Arbeiterklasse
1.1.4.
Anarchismus oder Sozialismus
1.1.5.
Einheit oder Spaltung der Partei
1.2.
Die Parteifrage nach der Oktoberrevolution
1.2.
l. Die Partei vor und nach der Eroberung der Macht
1.2.2.
Über die Bolschewisierung der Parteien der Kommunistischen
Internationale
1.2.3.
Partei und Religion
1.2.4.
Die Partei im System der Diktatur des Proletariats
1.2.5.
Innerparteiliche Demokratie
1.2.6.
Kritik und Selbstkritik
1.2.7.
Quantität und Qualität
1.2.8.
Über die Grundlagen des Leninismus. Vorlesungen an der
Swerdlow-Universität (April bis Mai 1924)216)
Anmerkungen
(Quellennachweise) |
Ulrich
Huar: Einleitung
In
der einschlägigen Geschichtsliteratur ist wohl nichts mehr umstritten
als die Theorie der Leninschen Partei neuen Typus, die fälschlich
Stalin zugeschrieben wird.1) Dem bedeutenden Anteil Stalins
an der Entwicklung und Stärkung der KPR (B) /KPdSU, als der ersten
Partei neuen Typus in der Weltgeschichte, ist die vorliegende Arbeit
gewidmet.
Marxistisch-leninistische
Parteien werden in der bürgerlichen, revisionistischen und
trotzkistischen Literatur als „stalinistisch“ gebrandmarkt, als die
Inkarnation alles Bösen. Dies steht von Anfang an fest und bedarf
keinerlei weiterer Beweise. Selbst ein auf seinem Gebiet der
Rechtstheorie und Rechtsgeschichte so hervorragender Wissenschaftler wie
Uwe-Jens Heuer sah in der Entwicklung der SED Ende der 50er Jahre eine
Hinwendung „zur stalinistischen Partei neuen Typus.“2) Er
sei nach 1945 Marxist geworden, aber, es „war ein von Stalin überformter
Marxismus.“ Er räumt dabei ein, daß diese Überformung „in
bestimmter politischer Hinsicht wirksam“ gewesen sei.3) An
anderer Stelle meint er, Stalin habe im Gegensatz des „späten
Lenins“ die „Entwicklungswidersprüche im Volk, zwischen
Arbeiterklasse und ihrem eigenen Staat, Fragen der Entfaltung des
Individuums nicht reflektiert.“4)
Heuer
wandte sich mehrfach gegen die Charakterisierung des Sozialismus als
Stalinismus, wohl weil er darin eine
Diffamierung des Sozialismus sah. Die Bezeichnung Stalinismus sei
„letztendlich ein Vermächtnis Stalins. Er hat bekanntlich nicht nur
den Leninismus, sondern auch den Trotzkismus, den Luxemburgismus
erfunden.“5)
Man
mag über die Verwendung von Personennamen zur Bezeichnung von Theorien,
politischen Konzeptionen oder Strategien streiten, Stalin brauchte weder
den „Leninismus“ noch „Trotzkismus“ noch „Luxemburgismus“ zu
erfinden. Diese Theorien existierten und wurden von konkreten
politischen Personen und Gruppierungen gebraucht. Wer den Begriff
„Leninismus“, später „Marxismus-Leninismus“ als „erster“
geprägt hat, ist bis heute noch nicht eindeutig zu beantworten,
nebenbei auch nicht so wichtig. Wer hat den Begriff „Marxismus“ geprägt?
Marx bestimmt nicht. Der Begriff „Leninismus“ haben auch Trotzki,
Bucharin, Sinowjew, Kamenew u.a. verwendet, nicht nur Stalin. Heuer kann
seine Behauptung auch durch nichts belegen.
Nach
dem Bucharin-Biograph, Adolf G. Löwy, habe sich Bucharin in einer
Gedenkrede nach Lenins Tod vor der Akademie gegen den „Mythos vom
Marxismus-Leninismus“ ausgesprochen. Bucharin habe nicht vom
Marxismus-Leninismus, sondern vom Marxismus Lenins gesprochen.6)
Nach Robert Steigerwald - im Gegensatz zu Löwy - habe Bucharin 1923 die
Formulierung Marxismus-Leninismus eingeführt.7)
Inwiefern
die Bezeichnung „Stalinismus“ ein „Vermächtnis Stalins“ sein
soll, ist schon gar nicht nachvollziehbar. Der Terminus
„Stalinismus“ wurde meines Wissens erst nach der berüchtigten
Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU (14. - 25.
Februar 1956) als antikommunistischer
Kampfbegriff geprägt
und als Totschlagskeule unterschiedslos gegen alle Kommunisten, selbst
gegen völlig harmlose kleinbürgerliche Reformisten geschwungen.
Jedwede Kritik an der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, jede
Infragestellung des Kapitalismus als System, wird programmatisch als
„Stalinismus“ diffamiert.
Es
ist schon verwunderlich, daß Heuer als ein durchaus gewissenhafter
Wissenschaftler, trotz seiner Erfahrungen als Mitglied des Bundestages
mit dem „Rechtssystem“ der BRD, der mehrfach auf die Anwendung der
historischen Analyse von Sachverhalten orientiert, so unkritisch die Lügen
Chruschtschows und Gorbatschows über Stalin übernimmt. So habe die
Rede Gorbatschows anläßlich des 70. Jahrestages der Oktoberrevolution
„und die dort erfolgte Abrechnung mit Stalin“ ihm „die Flanke“
gestützt für seine „Auseinandersetzung mit Stalins Theorie.“8)
Desgleichen
erstaunlich ist die „Wertung“ Stalins von Eberhard Czichon und Heinz
Marohn in ihrem ansonsten gut recherchierten Buch „Das Geschenk“.
Leider sind sie ihrer richtigen These, wonach auch „die Rolle der Persönlichkeit
in der Geschichte“ kritisch hinterfragt werden soll, bezüglich
Stalins nicht gerecht geworden. Auch sie lehnen den Terminus
„Stalinismus“ begründet ab. „Allerdings halten wir jeden Versuch,
Stalins Politik und seine Verbrechen wie auch immer zu rechtfertigen
oder auch nur zu verharmlosen und seine Ideologie als Lenins Erbe zu
interpretieren, wissenschaftlich und politisch ebenso für
unverantwortlich wie wir jede Anstrengung als unhistorisch zurückweisen,
die Ursachen für die eingetretenen Deformationen beim Aufbau einer
sozialistischen Gesellschaft auf Lenin zurückführen zu wollen.
Historisch hat sich erwiesen, daß Stalins Politik zu einer verhängnisvollen
Deformation beim sozialistischen Aufbau führte.“9)
Beweise
für die „Verbrechen“ Stalins, für die „verhängnisvollen
Deformationen“ der sozialistischen Gesellschaft sind nicht mehr
erforderlich, sondern „historisch“ erwiesen! Und wehe dem, der
dennoch wagt, die von der bürgerlichen antikommunistischen Publizistik,
von Chruschtschow, Gorbatschow, Trotzkisten, Anarchisten und
Revisionisten behaupteten „Verbrechen“ Stalins in Frage zu stellen,
Stalins Schriften als bedeutenden Bestandteil der
marxistisch-leninistischen Theorie zu würdigen.
Mit
diesen durch nichts bewiesenen Behauptungen haben Czichon und Marohn
ihrerseits ein „Geschenk“ an die antikommunistische Historiographie
gemacht, sind ihrer Verantwortung als marxistische Historiker nicht
gerecht geworden. Die Liste von durchaus seriösen Wissenschaftlern, die
glauben, den Kolporteuren antikommunistischer Lügen über Stalin noch
immer Referenz erweisen zu müssen, ließe sich fortsetzen. Letztendlich
kommt dabei heraus, wie auch schon behauptet wurde, daß die
unbestreitbaren Erfolge der Sowjetunion „ohne“ - „trotz“ -
„gegen“ Stalin erzielt wurden. So behauptete Ilja Ehrenburg allen
Ernstes, daß die „viele(n) Heldentaten und Siege des Sowjetvolkes...
wohl nicht ‘dank Stalins’, sondern ‘trotz Stalin’“ vollbracht
wurden.10)
Darstellungen,
die der Flut antistalinscher Verleumdungen entgegenstehen, sind zur Zeit
noch in der Minderheit. Aber Quantität ist bekanntlich kein Kriterium für
historische Wahrheit. An erster Stelle sind hier die zahlreichen
Schriften des Faschismusforschers Kurt Gossweiler zu nennen, von denen
hier nur auf zwei verwiesen sei: „Wider den Revisionismus“ und die
„Taubenfuß-Chronik“. Mit wissenschaftlicher Akribie sind hier die
Behauptungen Chruschtschows, Gorbatschows und der Trotzkisten über
Stalin als Lügen explizit widerlegt. Gossweiler gebührt das Verdienst,
zu den ersten Kommunisten zu gehören, die die für die kommunistische
Weltbewegung katastrophalen Auswirkungen des Anti-Stalinismus erkannt
und den Kampf gegen diese verbrecherische Politik und Ideologie
aufgenommen zu haben. „Der Anti-Stalinismus ist heute tatsächlich das
größte Hindernis für den Zusammenschluß der Kommunisten, wie er
gestern der Hauptfaktor der Zerstörung der kommunistischen Parteien und
der sozialistischen Staaten war.“11)
Eine
historisch ausgewogene Einschätzung der Politik Stalins gab die
Publizistin Sahra Wagenknecht in einem Artikel für die „Weißenseer
Blätter“: Nicht zu leugnen ist, daß Stalins Politik - in ihrer
Ausrichtung, ihren Zielen und wohl auch in ihrer Herangehensweise - als
prinzipientreue Fortführung der Leninschen gelten kann. (Der
„stalinistische“ Staatsaufbau existierte in seinen Grundzügen
ohnehin bereits vor Stalins Machtantritt.) Welche Handlungsspielräume
die Situation im damaligen Rußland bot, muß angesichts der konkret
historischen Bedingungen untersucht werden. Eine solche Analyse wird
vermutlich zu dem Schluß gelangen, daß weder in Bucharins Lösungsansatz
noch in dem Trotzkis (um nur zwei prägnante Beispiele zu nennen) eine
realisierbare Alternative zur Stalinschen Linie vorlag. Und was immer
man - berechtigt oder unberechtigt - gegen die Stalin-Zeit vorbringen
mag, ihre Ergebnisse waren jedenfalls nicht Niedergang und Verwesung,
sondern die Entwicklung eines um Jahrhunderte zurückgebliebenen Landes
in eine moderne Großmacht während eines weltgeschichtlich
einzigartigen Zeitraums; damit die Überwindung von Elend, Hunger,
Analphabetismus, halbfeudalen Abhängigkeiten und schärfster
kapitalistischer Ausbeutung; schließlich der Sieg über Hitlers Heere,
die Zerschlagung des deutschen und europäischen Faschismus sowie die
Ausweitung sozialistischer Gesellschaftsverhältnisse über den halben
europäischen Kontinent.12)
Der
parteilose Theologieprofessor Hanfried Müller, Herausgeber der „Weißenseer
Blätter“, wies aus seiner Sicht mit Besorgnis auf die Auswirkungen
des XX. Parteitages der KPdSU hin: Zu den Bedingungen, unter denen sich
das Kräfteverhältnis zwischen Sozialismus und Imperialismus sowohl
international zwischen den Staaten als auch je innenpolitisch zu
Ungunsten des revolutionären Prozesses verschob, gehörten grundlegend
die Fehlentscheidungen der KPdSU im Umkreis des XX. Parteitages. Sie
erschütterten zutiefst das revolutionäre Selbstbewußtsein der ganzen
kommunistischen Weltbewegung und damit zugleich das Zutrauen breiter
antiimperialistischer Kräfte. Bis dahin überzeugte Kommunisten wurden
zu Renegaten, und treue Bundesgenossen wandten sich voller Entsetzen ab.
Danach fanden das sozialistische Lager und viele kommunistische Parteien
in Europa nie wieder zu der Geschlossenheit und Prinzipien- Klarheit und
-Festigkeit zurück, deren sie zur Selbstbehauptung und zu weiterem
Wachstum in jeder Beziehung bedurft hätten.13)
Bei
dem umfangreichen Material erscheint es mir zweckmäßig, Stalins Beiträge
zur Parteitheorie in zwei große Abschnitte zu untergliedern. Erstens,
zur marxistisch-leninistischen Parteitheorie im allgemeinen, zweitens,
der Kampf Stalins gegen die parteifeindliche Opposition in der
KPdSU (B) von 1925 bis Ende der 30er Jahre. Im ersten Abschnitt
werden die innerparteilichen Kämpfe nur soweit tangiert, wie zum Verständnis
erforderlich. Den Kampf Stalins gegen feindliche Gruppierungen innerhalb
der Partei in einem gesonderten Abschnitt darzustellen, erscheint mir
dadurch gerechtfertigt, daß gerade dieser Kampf im Mittelpunkt bürgerlicher,
revisionistischer, antistalinscher Publizistik steht. Es ist dabei
unvermeidlich, daß das historisch-chronologische Prinzip dem
theoretisch-logischen untergeordnet werden mußte. Diesen Nachteil mußte
ich in Kauf nehmen.
Grundfragen
der marxistisch-leninistischen Parteitheorie
Vorbemerkungen
Um
es vorweg zu nehmen: Das Verdienst der Ausarbeitung der Theorie der
Partei neuen Typus gebührt Lenin. Alle Vorwürfe an die Adresse der
„stalinistischen“ Partei sind an Lenin zu richten, was bürgerliche
Autoren im Unterschied zu den Revisionisten und Trotzkisten auch tun.
Die Revisionisten schlagen auf die „stalinistische“ Parteikonzeption
ein und berufen sich dabei auf Lenin, so Chruschtschow, Gorbatschow und
ihre Epigonen. Den Revisionisten geht es angeblich um die
„Wiederherstellung“ der „Leninschen Normen“ des Parteilebens.
Anders können sie Kommunisten nicht täuschen, sie nicht ideologisch
entwaffnen und in das kapitalistische Gesellschaftssystem integrieren.
Die PDS-Größen haben dabei Erstaunliches geleistet und ihre Partei
folgerichtig in den politischen Bankrott geführt. Das gleiche trifft
auf die Reformisten in den einst starken kommunistischen Parteien in
Italien und Frankreich zu, die sie zur Bedeutungslosigkeit
heruntergebracht haben. „Gut gewühlt, alter Maulwurf!“
Bezüglich
der Parteifrage ist auf die Kontinuität von Marx - Lenin - Stalin
hinzuweisen. Ein Vergleich der Statuten des Bundes der Kommunisten
(1847), der Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation (1864) mit
den Statuten der KPR (B) weisen diese Kontinuität eindeutig nach.14)
Die Grundideen, die in den genannten Dokumenten enthalten sind, bilden
allgemeingültige Axiome einer Kommunistischen Partei: Proletarischer
Charakter der Partei, Proletarischer Internationalismus, Führung der
Arbeiterklasse durch die Partei/ihre Rolle als Avantgarde, Verbindung
der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus mit der spontanen
Arbeiterbewegung; Errichtung der Diktatur des Proletariats als
politischer Voraussetzung zur Aufhebung des Privateigentums an
Produktions- und Zirkulationsmitteln, Aufhebung der Klassenteilung der
Gesellschaft, demokratischer Zentralismus als Organisationsprinzip,
Errichtung der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft. Sowohl
die Statuten des Bundes wie die der KPdSU verlangten von ihren
Mitgliedern „entsprechende Lebensweise und Wirksamkeit“,
„revolutionäre Energie und Eifer der Propaganda“, „Bekennung des
Kommunismus“ und „Unterwerfung unter die Beschlüsse“ der Partei.
Auch die Statuten des Bundes der Kommunisten sahen bei Verletzung der
Bedingungen der Mitgliedschaft den Ausschluß sowie auch den Schutz der
Partei vor Diversanten vor. Die Kreisbehörden hatten über Verbrechen
gegen den Bund zu richten und für die Vollstreckung der Urteile zu
sorgen; verdächtige Subjekte seien zu überwachen und unschädlich zu
machen.15)
Neben
der Kontinuität von der Marxschen zur Leninschen Parteiauffassung gibt
es in letzterer allerdings auch Neues. Mit dem Übergang des
Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus und
Imperialismus, dem hohen Grad der Konzentration von Produktion und
Kapital, dem hohen Organisationsgrad der imperialistischen
Herrschaftsapparate und der Kriegsgefahr nahm die Organisationsfrage bei
Lenin einen höheren Stellenwert ein als im 19. Jahrhundert. Mit dem
Imperialismus begann die Epoche der Kriege und proletarischen
Revolutionen, des „Erwachens Asiens“, die einen Epochenwandel
einleiteten. Insofern war die Partei neuen Typus eine Höherentwicklung
zur Marxschen Partei des 19. Jahrhunderts. Mit der Herausbildung von Großbetrieben
mit mehr als 1.000 Arbeitern und Angestellten reichte auch das
Territorialprinzip der Organisation nicht mehr aus. Es kam zusätzlich
zur Bildung von Betriebsparteiorganisationen, die eine engere Verbindung
zwischen Partei und Arbeitern/Angestellten direkt am Arbeitsplatz ermöglichten.
Das Fraktionsverbot (X. Parteitag der KPR/B) März 1921 innerhalb der
Partei erwies sich zum Schutz der Partei, zur Wahrung ihres Charakters
nach der Eroberung der politischen Macht in Rußland als notwendig,
stellt jedoch kein allgemeingültiges Axiom der Parteitheorie dar.
Der
Begriff „Partei neuen Typus“ ist in den Schriften Lenins bis 1915
nicht zu finden. Meines Wissens erscheint er erstmalig in seinem Artikel
„Was weiter? (Über die Aufgaben der Arbeiterparteien gegenüber
Opportunismus und Sozialchauvinismus)“ vom Januar 1915: „Der Typus
der sozialistischen Parteien der Epoche der II. Internationale war die
Partei, die in ihrer Mitte einen Opportunismus duldete, der sich in den
Jahrzehnten der ‘friedlichen’ Periode immer mehr ausbreitete, aber
im Verborgenen blühte, der sich den revolutionären Arbeitern anpaßte,
von ihnen ihre marxistische Terminologie übernahm und jeder klaren,
prinzipiellen Abgrenzung aus dem Weg ging. Dieser Typus hat sich überlebt.“16)
Bezüglich
der europäischen Parteien meinte Lenin 1922, daß die „Umgestaltung
des alten Typus der parlamentarischen, in Wirklichkeit reformistischen
und nur leicht revolutionär übertünchten europäischen Partei zu
einem neuen Typus der Partei, zu einer wirklichen revolutionären,
wirklich kommunistischen Partei eine außerordentlich schwierige Sache
sei.“17. Seit dieser Zeit wird die Leninsche Partei als
„Partei neuen Typus“ bezeichnet. Der englische Historiker Eric
Hobsbawm schreibt: „Die Macht der revolutionären Bewegungen beruhte
auf der kommunistischen Organisationsform nach Lenins ‘neuen
Parteitypus’, einer gewaltigen
Innovation für die Gesellschaftskonstruktion des 20. Jahrhunderts,
vergleichbar nur mit der Begründung der christlichen Klosterkultur und
anderer Orden des Mittelalters. Selbst kleine Organisationen konnten
dadurch unverhältnismäßig starke Wirkungskraft entfalten, denn mehr
noch als militärische Disziplin und Zusammenhalt gelang es der
‘Partei’, von ihren Mitgliedern ein außerordentliches Maß an
Hingabe und Selbstaufopferung und die vollständige Konzentration auf
die unbedingte Ausführung aller Parteibeschlüsse einzufordern. Sogar
gegnerische Beobachter waren davon tief beeindruckt.“18)
Die „Partei neuen Typus“ ist ihrem Wesen nach die alte Partei von
Marx und Engels unter den Bedingungen des Imperialismus, der
proletarischen Revolutionen und des Aufbaus des Sozialismus. Sie wurde
geschaffen im Kampf gegen Revisionismus, Trotzkismus, Anarchismus und
anderen Abweichungen vom Marxismus. An der Ausarbeitung und Politik der
Partei neuen Typus durch Lenin hatte Stalin mit eigenständigen Beiträgen
einen Anteil.
1.1.
Parteifragen vor der Oktoberrevolution
1.1.1.
Verbindung der sozialistischen Ideologie mit der spontanen
Arbeiterbewegung
Erste
Äußerungen Stalins zur Parteitheorie finden sich in dem Artikel „Die
Sozialdemokratische Partei Rußlands und ihre nächsten Aufgaben“ in
der Zeitung „Brdsola“ („Der Kampf“) Nr. 2/3, November/Dezember
1901. Dieser Artikel trägt keine Unterschrift, was unter den
Bedingungen der Illegalität ganz normal war. Isaak Deutscher meint, daß
dieser Artikel „wahrscheinlich“ von mehreren Autoren geschrieben
worden sei, daß Stalin aber „wahrscheinlich“ „maßgeblich
mitgearbeitet“ habe.19) Deutscher erklärt aber nicht, wie
er zu dieser Annahme gelangt. Auf diese Weise kann man die Autorenschaft
vieler Artikel - nicht nur von Stalin - in Frage stellen, die unter
illegalen Bedingungen geschrieben wurden und deren Verfasser allen Grund
hatten, ihre Artikel nicht oder nur mit einem Pseudonym zu
unterzeichnen. Einleitend erfolgt eine historisch-kritische Würdigung
der westeuropäischen utopischen Sozialisten, R. Owen, Louis Blanc,
Fourier. Da Stalin als Georgier neben seiner Muttersprache nur eine
Fremdsprache, Russisch, beherrschte, konnte er Kenntnisse über die
westeuropäischen Utopisten nur über Übersetzungen erhalten haben.
Deutscher muß einräumen, daß Stalin, wenn auch aus „zweiter
Hand“, die Entwicklung der westeuropäischen, besonders der deutschen,
Sozialdemokratie „sehr genau“ verfolgte.20)
Die
Hauptaufgabe der russischen Sozialdemokratie sah Stalin in völliger Übereinstimmung
mit Lenin darin, „das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu entwickeln...
den getrennten und zersplitterten Kampf einzelner Arbeitergruppen gegen
die einzelnen Unternehmer zu vereinigen, ihn zu einem gemeinsamen
Klassenkampf zu verschmelzen... .“21) Es ist hier der
Gedanke von der Verbindung der sozialistischen Ideologie mit der
spontanen Arbeiterbewegung, den Lenin zur gleichen Zeit in der „Iskra“
und ein Jahr später in seiner Schrift „Was tun?“ ausführlich begründete,
enthalten. In diesem Kontext kritisierte Stalin die „sogenannten
Bernsteinianer“, für die die Bewegung alles, das Endresultat nichts
sei. So wandte sich Stalin gegen die „Groschenpolitik“ der
russischen Revisionisten, wie sie in einem Artikel in der Petersburger
Zeitung „Rabotschaja Myssl“ zum Ausdruck kam, wonach „Unser
politisches Programm... im ‘Zehnstundentag’ und der ‘Wiedereinführung
der durch das Gesetz vom 2. Juni (1897 UH) abgeschafften Feiertage’“
bestünde.22)
Stalin
orientierte die Partei auf den Übergang von der Propaganda in Zirkeln
und ökonomischen Streiks zum politischen Kampf, zur politischen
Agitation. Die zaristische Selbstherrschaft unterdrücke nicht nur die
Arbeiter, sondern auch die Bauern, die nichtrussischen Nationen und
Nationalitäten und die Angehörigen anderer Glaubensbekenntnisse, die mögliche
Bündnispartner in einer demokratischen Revolution seien können. Er
kritisierte die Taktik der Bourgeoisie, den Kampf gegen den Zarismus auf
dem Rücken der Arbeiter auszutragen, um dann selbst die politische
Macht zu übernehmen. Die Bourgeoisie aller Länder und Nationen verstünde
es sehr wohl, „mit fremden Fingern die Glut aus dem Ofen kratzen zu
lassen... .“ Sie räume „mit Vergnügen der Arbeiterklasse und überhaupt
dem einfachen Volk das Recht ein, den Rücken hinzuhalten, wo die
Peitschen der Kosaken sausen oder die Kugeln der Soldaten pfeifen, auf
den Barrikaden zu kämpfen... .“ Sie „sympathisiere“ mit diesem
Kampf und „empöre“ sich über die „Grausamkeiten“ des Feindes.
Aber erst wenn die „Ohnmacht des Feindes“ klar erkennbar sei, ginge
sie selbst zu revolutionären Maßnahmen über.23)
An
anderer Stelle ging Stalin auf das Verhältnis der Arbeiter zur
Bourgeoisie ein. Die Bourgeoisie räume den Arbeitern lediglich die
„Rolle einer Hilfskraft“ ein. Die Arbeiterbewegung solle sich auf
den ökonomischen Kampf beschränken, den politischen Kampf jedoch der
„Intelligenz“ überlassen. Wie die Geschichte lehre, sollten die
Arbeiter nur „für die Bourgeoisie die Kastanien aus dem Feuer“
holen. Die Bourgeoisie lebe in „ständiger Furcht vor dem ‘roten
Gespenst des Kommunismus’“ und bemühe sich „in allen Revolutionen
die Sache dort enden zu lassen, wo sie eigentlich erst beginnt.“24)
Damit war bereits 1901 die Frage nach dem Hegemon in der bürgerlich-demokratischen
Revolution unter den neuen Bedingungen des Imperialismus beantwortet.
Stalin orientierte auf die „führende Rolle“ der Arbeiterklasse in
der bürgerlich-demokratischen Revolution, und damit die Arbeiterklasse
diese führende Rolle übernehmen könne, bedürfe es der selbständigen
politischen Partei.“25)
Ein
Teil der Studenten kämpfe mit Entschlossenheit für seine Forderungen.
Man dürfe aber nicht vergessen, daß auch dieser Teil aus den Söhnen
der unterdrückten Bürger besteht. Solange die Studentenschaft noch
nicht im praktischen Leben aufgegangen, noch keine bestimmte
gesellschaftliche Stellung eingenommen habe, neige sie idealen
Bestrebungen zu, riefe sie „zum Kampf für die Freiheit“ auf. Die
Studenten traten in dieser Zeit (vor 100 Jahren in Rußland UH) in der
demokratischen Bewegung „fast als Leiter, als Vortrupp“ auf, um die
sich „der unzufriedene Teil der verschiedenen Gesellschaftsklassen“
gruppierte. Die Regierung zog streikende Studenten als Rekruten ein. Die
Studenten gingen zu Straßendemonstrationen über. Aus den politischen
Demonstrationen - nicht nur derjenigen der Studenten - gewann Stalin die
Einsicht, daß sie nicht niedergeschlagen werden können. Das gemeinsame
Banner, unter denen die Demonstrationen verliefen und die die Teilnehmer
aus verschiedenen Klassen vereinigte, war der Sturz der
Selbstherrschaft. Selbst wenn die Straßendemonstrationen auch keine
direkten Resultate zeigten, die Regierung so manches Mal als Sieger
hervorginge, so seien dies „Pyrrhussiege“. „Noch einige solcher
Siege - und die Niederlage des Absolutismus ist sicher.“
Die
Staatsgewalt sei genauso überzeugt, wie wir, daß die Straßenagitation
das Todesurteil für sie sei, „daß nur noch zwei bis drei Jahre zu
vergehen brauchen, bis sich das Gespenst der Volksrevolution vor ihr
erhebt.“26) Eine bemerkenswerte Prognose des 22jährigen
Stalins. Vier Jahre später erhoben sich die werktätigen Massen Rußlands
zur demokratischen Revolution. Deutscher meint zu dieser Arbeit des
Zweiundzwanzigjährigen, daß sie „kein literarisches Meisterwerk“
sei, verglichen mit den Arbeiten Lenins und Plechanows, aber für
kaukasische Verhältnisse sei sie eine Leistung. Der Aufsatz in „Brdsola“
gehöre „zum Besten, was Stalin innerhalb eines halben Jahrhunderts
geschrieben“ habe.27)
Aus
den beiden „Briefen aus Kutais“ vom Oktober 1904 gehen die enge
Verbindung und der Gedankenaustausch zwischen Lenin und Stalin bezüglich
von Grundfragen der Parteitheorie deutlich hervor. Es ging um das Verhältnis
von Spontaneität und Bewußtsein. Die Theorie des Sozialismus kann
nicht spontan aus der Bewegung der Massen entstehen. Sie wird „‘ganz
unabhängig von der Entwicklung der spontanen Bewegung’ ausgearbeitet,
sogar trotz dieser Bewegung, und danach erst in diese Bewegung von außen
hineingetragen, wobei sie die Bewegung entsprechend ihrem Inhalt
korrigiert, d.h. entsprechend den objektiven Anforderungen des
Klassenkampfes des Proletariats.“ Das Proletariat muß „zum Bewußtsein
der wahren Klasseninteressen“, zur „Erkenntnis des sozialistischen
Ideals“ geführt werden.28) Der Hintergrund dieser Briefe
aus Kutais war die Auseinandersetzung Lenins mit Kautsky, Rosa
Luxemburg, Plechanow, Axelrod und Wera Sassulitsch bezüglich des
Problems „Führer und Massen“, bewußte Führung der Massen durch
die Partei, oder „Spontaneitätstheorie“, nach der die Führer den
spontanen Kämpfen der Massen folgen.29)
1.1.2.
Zur Organisationsfrage
Von
Bedeutung für die Ausarbeitung der Leninschen Parteitheorie war die
Arbeit von Stalin „Die Klasse der Proletarier und die Partei der
Proletarier (Zu Punkt 1 des Parteistatuts)“ vom 1. Januar 1905. Auf
dem II. Parteitag der SDAPR (17. Juli bis 10. August 1903 in Brüssel
und London) kam es zu einer scharfen Kontroverse zwischen den
marxistischen Kräften und den Opportunisten in der Partei. Der Streit
entzündete sich um eine entscheidende Organisationsfrage der Partei,
der Frage nach der Mitgliedschaft in der Partei, um die Formulierung des
$ 1 des Parteistatuts. Auf diesem Parteitag bildeten sich die beiden Strömungen
heraus, Bolschewiki und Menschewiki, die Leninisten und Opportunisten,
die sich unversöhnlich gegenüberstanden. Auf der Prager
Parteikonferenz 1912 führte dieser Kampf zur Trennung der Bolschewiki
von den Menschwewiki. „Die Meinungsverschiedenheiten“, schrieb
Lenin, „die diese beiden Flügel gegenwärtig voneinander trennen,
laufen hauptsächlich nicht auf programmatische und nicht auf taktische,
sondern nur auf organisatorische Fragen hinaus.“ Lenin bezeichnete das
„System der Anschauungen“ der um Martow gruppierten Genossen als
„Opportunismus in organisatorischen Fragen.“30)
Stalin
war auf dem Parteitag nicht anwesend und konnte sich erst mit diesem
Artikel zu Wort melden. Die Protokolle des II. Parteitages muß er
gekannt haben, sonst hätte er sich in seinem Artikel nicht so ausführlich
mit den Auffassungen Martows auseinandersetzen können. Ob er Lenins
Schrift „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“, veröffentlicht
im Mai 1904, kannte, muß ich offen lassen. Er hat Lenin nur einmal
angeführt, während er sich mit Martow sehr ausführlich
auseinandergesetzt hat. Die Argumentation Stalins gegen Martow
unterscheidet sich auch von der Lenins. Sie ist in einigen Aspekten noch
schärfer.
Stalin
faßte die Partei der Proletarier als eine „Kampfgruppe von Führern“
auf. Erstens muß sie nach ihrer Mitgliederzahl viel kleiner sein als
die Klasse der Proletarier, sie muß zweitens nach ihrem Klassenbewußtsein
und ihrer Erfahrung nach höher stehen als die Klasse der Proletarier,
sie muß drittens eine geschlossene Organisation darstellen. Stalin
betonte die Partei als eine „geschlossene zentralisierte
Organisation“, damit sie das kämpfende Proletariat nach einem
einheitlichen Plan führen kann.31) Unter diesem Aspekt
„geschlossene, zentralisierte Organisation“ stellte Stalin die Frage
nach der Mitgliedschaft, dem § 1 des Parteistatuts. Die Einheit von
programmatischen, taktischen und organisatorischen Ansichten ist der
Boden der Partei. Nur auf der Einheit dieser drei Ansichten können sich
die Parteimitglieder zu einer zentralisierten Partei zusammenschließen.
„Zerfällt die Einheit der Ansicht, so zerfällt auch die Partei.“
Folglich kann nur Parteimitglied sein, der das Parteiprogramm, die
Taktik, das Organisationsprinzip „restlos akzeptiert.“32)
Gegen
Schwätzer gewandt, die in einer Kampfpartei nichts zu suchen haben, müsse
ein Parteimitglied darangehen, die genannten Ansichten auch zu
verwirklichen, sie in die Tat umzusetzen. Die Partei sei eine
Organisation von Führern, keine Anhäufung von Einzelgängern.33)
Von den Parteimitgliedern sei zu fordern, daß die „persönlichen
Interessen mit den Interessen der Partei verschmelzen.“ Die Partei sei
„eine Festung“, deren Tore sich nur Erprobten öffnen.34)
Ausführlich wandte er sich gegen Martow, dessen Formulierung des § 1
die Partei jedem Sympathisierenden öffnen würde, von dem nicht
verlangt werde, in einer Parteiorganisation und unter deren Kontrolle
mitzuarbeiten, also nicht der Parteidisziplin unterworfen wäre. In Übereinstimmung
mit Lenin argumentierte Stalin, daß Professoren und Studenten, denen
die Unterordnung unter die Parteidisziplin schwer falle, „die sich
nicht entschließen können, ihre Wünsche den Wünschen der Partei
unterzuordnen“, nicht in die Partei aufgenommen werden können. Martow,
dem es gerade um die Aufnahme von diesen Intellektuellen ginge, ohne von
ihnen die Unterordnung unter die Parteidisziplin zu fordern - da sie
sonst der Partei fernbleiben würden - öffnete damit die Türen dem
Opportunismus, „zu einer Zeit, wo Tausende von Feinden das Klassenbewußtsein
des Proletariats bedrängen.“35)
Aus
dem in diesem Halbsatz genannten Sachverhalt ergibt sich offenbar die
Schärfe der Stalinschen Argumentation. Stalin erlebte die Unterdrückung
durch die Selbstherrschaft am eigenen Leibe. Er war häufig in der
Verbannung, in Gefängnissen oder auf der Flucht. Er mußte unter den
Bedingungen der Illegalität arbeiten, ständig auf der Hut sein. Unter
diesen Bedingungen konnte die Partei tatsächlich nur existieren, kämpfen
und das Proletariat führen, wenn sie zentralistisch organisiert wurde
und eine eiserne Disziplin herrschte. Für intellektuelle
„Sympathisanten“, die die Disziplin nur vor den anderen, den den
„niederen Klassen“ angehörenden Parteimitgliedern verlangten,
selbst aber „über den Dingen“ standen, war in einer revolutionären
Kampfpartei unter den genannten Bedingungen kein Platz.
Stalin
war sich darüber im klaren, daß es einem Menschen schwer falle, sich
mit diesen Bedingungen einverstanden zu erklären, „ist es doch kein
Spaß, seine Wünsche den Wünschen der Partei unterzuordnen.“36)
Stalin ging in seinen Forderungen offenbar über die von Lenin in seiner
Schrift „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ formulierten
noch hinaus. Lag die Ursache dafür darin, daß Stalin den Kampf in der
Illegalität unter den w.o. genannten Bedingungen führte, während
Lenin in der Emigration - sicher auch kein Vergnügen - deren Druck
nicht unmittelbar ausgesetzt war? Stalin wies selbst darauf hin, daß er
sich in seinen Formulierungen von Lenin unterschied:
„In
Martows Formulierung ist, wie wir wissen, nur von der Annahme des
Programms die Rede, von der Taktik und der Organisation aber kein Wort,
während für die Einheit der Partei die Einheit der organisatorischen
und taktischen Ansichten in demselben Maße notwendig ist wie sie
Einheit ihrer programmatischen Ansichten. Man wird uns sagen, auch in
der Formulierung des Genossen Lenin werde hiervon nicht gesprochen.
Richtig! Aber in der Formulierung des Genossen Lenin ist es ja auch
nicht notwendig, darüber zu sprechen! Ist es nicht von selbst klar, daß
derjenige, der in einer der Parteiorganisationen arbeitet, also auch
gemeinsam mit der Partei kämpft und sich der Parteidisziplin fügt,
keiner anderen Taktik und keinen anderen Organisationsprinzipien folgen
kann als der Taktik der Partei und den Organisationsprinzipien der
Partei? Was aber werdet ihr von einem „Parteimitglied“ sagen, das
das Parteiprogramm akzeptiert hat, jedoch keiner Parteiorganisation
angehört? Welche Garantie ist gegeben, daß dieses „Mitglied“ die
Taktik und die organisatorischen Ansichten der Partei vertreten wird,
und keine anderen?! Das ist es, was uns Martows Formulierung nicht erklären
kann! Martows Formulierung muß die Folge haben, daß uns eine seltsame
„Partei“ in den Händen bleibt, deren „Mitglieder“ das gleiche
Programm haben (das ist noch eine Frage!), während ihre taktischen. und
organisatorischen Ansichten verschieden sind! Eine ideale Vielfältigkeit.
Wodurch wird sich dann unsere Partei von einem Bankett unterscheiden?“37)
Die
Frage der Parteidisziplin beschäftigte Lenin und Stalin noch in
weiteren Schriften.
1.1.3.
Über das „Hereintragen“ des sozialistischen Bewußtseins in die
Arbeiterklasse
Ein
Jahr später, April/Mai 1905 setzte sich Stalin erneut mit Parteifragen
in seiner Broschüre „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in
der Partei“ auseinander.38) In Übereinstimmung mit Lenin
ging Stalin davon aus, daß nur zwei Ideologien in unserer Zeit
existieren, die bürgerliche und die sozialistische. Die bürgerliche
Ideologie sei viel älter, verbreiteter, habe tiefere Wurzeln im Leben
geschlagen als die sozialistische. Das gesellschaftliche Leben sei von
der bürgerlichen Ideologie „durchtränkt.“ Es sei viel leichter,
die bürgerliche Ideologie zu verbreiten als die sozialistische.39)
Diese
Feststellung galt nicht nur für das Rußland im Jahre 1905. Das Verhältnis
in der Durchsetzung der sozialistischen Ideologie gegenüber der bürgerlichen
ist abhängig von ganz konkreten Bedingungen. Nach der Zerstörung des
europäischen Sozialismus ist es in Europa und in den USA sehr
schwierig, im Kampf gegen die übermächtig erscheinenden bürgerlichen
Medien die sozialistische Ideologie wenigstens in Grundzügen noch zu
behaupten. Auch in unserer Zeit ist die Gesellschaft von der bürgerlichen
Ideologie, man kann sagen, „von Kopf bis Zeh“, durchtränkt.
Insofern ist die Auseinandersetzung zwischen Bolschewiki und Menschewiki
in Rußland vor hundert Jahren noch immer aktuell. Die bürgerlichen
Ideologen würden „nicht schlummern“, sie verkleiden sich auf ihre
Art als Sozialisten und versuchen unermüdlich, die Arbeiterklasse der bürgerlichen
Ideologie zu unterwerfen.40) Die Rolle, die damals die
Menschewiki in der russischen und internationalen Arbeiterbewegung
spielten, haben heute die „Reformer“ in der PDS und in vormals
starken europäischen kommunistischen Parteien übernommen.
Die
Arbeiterklasse fühle sich spontan zum Sozialismus hingezogen, aber die
bürgerliche Ideologie dränge sich trotzdem spontan dem Arbeiter auf.
Darum müsse die Partei die Arbeiterbewegung mit dem Sozialismus
vereinigen. Die Arbeiterklasse würde sich natürlich „irgendeinmal,
nach langen Irrungen und Qualen“ durch die spontane Bewegung auch
„ohne Hilfe der Sozialdemokratie durchsetzen, bei den Toren der
sozialen Revolution anlangen.“41) Der wissenschaftliche
Sozialismus sei ohne Arbeiterbewegung nichts, aber die Arbeiterbewegung
sei ohne wissenschaftlichen Sozialismus ein Schiff ohne Kompaß, „das
auch so am andern Ufer landen wird...“ jedoch mit dem Kompaß ginge es
schneller.42) Diese Aussagen, wonach die spontane Bewegung
auch zum Sozialismus führen würde, ist heute, nach hundert Jahren,
nicht mehr aufrechtzuerhalten. Eine ähnliche Aussage habe ich in späteren
Arbeiten von Lenin und Stalin auch nicht mehr gefunden.
Der
Schwerpunkt der Argumentation lag bei Lenin („Was tun?“) und Stalin
auf der Begründung der Notwendigkeit des Hineintragens der
sozialistischen Ideologie in die Arbeiterklasse, der Verbindung von
sozialistischer Theorie mit der spontanen Arbeiterbewegung, da sich die
Arbeiter spontan nicht den wissenschaftlichen Sozialismus aneignen können.
Die Theorie wird von Intellektuellen ausgearbeitet, von
Wissenschaftlern, die über die nötige Ausbildung, über das Wissen
ihrer Zeit verfügen. Die Theorie entsteht außerhalb der
Arbeiterbewegung und muß in diese hineingetragen werden. Damit wandte
sich Stalin wieder der Frage nach den Gelehrten, den Intellektuellen zu.
Die Intellektuellen entstammten zum überwiegenden Teil dem Bürgertum.
„Der größte Teil der Gelehrten“, meinte Stalin, betrachte die
Arbeiterbewegung als „eine Rebellion Widerspenstiger“, „die man
mit der Peitsche zur Vernunft bringen sollte.“ Andere meinten, es sei
„Pflicht der Reichen“, „den Armen irgendwelche Brosamen
zuzuteilen, betrachteten die Arbeiterbewegung als eine „Bewegung von
Bettlern, deren Ziel es sei, Almosen zu erhalten.“ Unter „tausend
solcher Gelehrten wird sich vielleicht nur einer finden, der an die
Arbeiterbewegung wissenschaftlich herangeht.“43)
Stalin
zitierte aus einem Artikel Kautskys, der in Lenins „Was tun?“
abgedruckt war, wonach das „moderne sozialistische Bewußtsein“ nur
„auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht“ entstehen kann. „Träger
der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche
Intelligenz.“
In
„einzelnen Mitgliedern“ dieser Schicht sei der moderne Sozialismus
entstanden und durch sie erst „geistig hervorragenden Proletariern“
vermittelt worden, „die ihn dann in den Klassenkampf des Proletariats
hineintragen. Das sozialistische Bewußtsein sei also etwas von außen
in den Klassenkampf des Proletariats Hineingetragenes“, es sei nicht
„urwüchsig“ in ihm entstanden.44) Desgleichen berief
sich Stalin auf eine andere Aussage von Kautsky (zitiert bei Lenin:
„Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“, UH) bezüglich der
Parteidisziplin. Der Proletarier sei nichts als isoliertes Individuum.
Seine Kraft, Erwartungen und Hoffnungen schöpfe er aus der
Organisation. Daraus folge, daß der Proletarier „sein Pflicht auf
jeden Posten, auf den er gestellt wird, in freiwilliger Disziplin“ erfülle.
Der
Literat dagegen füge sich nur mit großer Mühe der Parteidisziplin,
nur aus Nötigung und nicht aus gutem Willen. „Die Notwendigkeit der
Disziplin erkennt er nur für die Masse, nicht für auserlesenen Geister
an.“ Er selbst rechnet sich natürlich zu den letzteren.45)
Bezüglich
der Rolle der Intellektuellen in der Arbeiterbewegung zeigt sich auch
hier Kontinuität von Marx/Engels zu Lenin und Stalin, auch über
Kautsky, solange letzterer noch Marxist war. In dem bekannten
„Zirkularbrief“ von Marx und Engels an Bebel, Liebknecht, Bracke und
andere vom 17./18. September 1879 unterbreiteten sie Kriterien für die
Aufnahme von Intellektuellen aus dem Bürgertum in die Partei: „1. müssen
diese Leute, um der proletarischen Bewegung zu nutzen, auch wirkliche
Bildungselemente mitbringen.“ 2. dürfen sie „keine Reste von bürgerlichen,
kleinbürgerlichen etc. Vorurteilen mitbringen, sondern sich die
proletarische Anschauungsweise unumwunden aneignen.“ Solche
Intellektuellen, die in bürgerlichen und kleinbürgerlichen
Vorstellungen befangen sind, sind „in einer Arbeiterpartei... ein fälschendes
Element. Sind Gründe da, sie vorderhand darin zu dulden, so besteht die
Verpflichtung, sie nur zu dulden, ihnen keinen Einfluß auf
Parteileitungen zu gestatten, sich bewußt zu bleiben, daß der Bruch
mit ihnen nur eine Frage der Zeit ist.“ In einem kleinbürgerlichen
Land wie Deutschland hätten sie das Recht, sich als
„sozialdemokratische Kleinbürgerpartei“ zu konstituieren, mit denen
man ja verhandeln und je nach Umständen Kartell schließen könne.46)
Es
ist interessant, daß schon in dieser Zeit ein Vertreter der
kaukasischen Menschewiki behauptete, daß der „Leninismus dem
Marxismus von Grund aus widerspricht.“47) Diese Behauptung
ist also nicht neu, inzwischen schon hundert Jahre alt. Ist der Begriff
„Leninismus“ vielleicht von einem Menschewiki erstmalig geprägt
worden?
Deutscher
meint zu diesem Artikel Stalins, es gäbe „...kein Zweifel darüber,
daß Stalin ein unerbittlicher Leninist war.“48) Dem ist
zuzustimmen. Es gab demnach auch bei Deutscher keinen Bruch zwischen
Leninscher und Stalinscher Parteitheorie.
Die
Fragen Zentralismus - Mitgliedschaft in der Partei - Verbindung von
wissenschaftlichem Sozialismus mit der spontanen Arbeiterbewegung -
sozialistische und bürgerliche Ideologie wurden in mehreren Artikeln
sowohl von Lenin als auch von Stalin wiederholt behandelt, wobei auch
neue Aspekte hinzugefügt wurden. So in Stalins Artikel „Antwort an
den ‘Sozialdemokrat’“ vom 15. August 190549), den Lenin
in einem Artikel vom 24. Oktober 1905 kurz reflektierte, wobei er die
„ausgezeichnete Fragestellung über das berühmte ‘Hineintragen des
Bewutßtseins’“ hervorhob.50) Es geht hierbei weniger um
die Anerkennung des Artikels von Stalin durch Lenin, als um den Nachweis
der Zusammenarbeit Lenins mit Stalin bei geographisch räumlicher
Trennung und unter den Bedingungen der Illegalität für Stalin in
dieser Zeit, um den Nachweis der Übereinstimmung, der Kontinuität von
Lenin zu Stalin. Auch in diesem Artikel berief sich Stalin auf Kautsky
und Lenin in der Auseinandersetzung mit den Menschewiki.
Stalin
ging von „zwei großen Klassen“ aus, zwischen denen „ein Kampf auf
Leben und Tod“ geführt werde. Die Lebensbedingungen der Bourgeoisie
zwinge diese, die kapitalistischen Zustände zu festigen. Die
Lebensbedingungen des Proletariats wiederum zwinge es, diese
kapitalistischen Zustände aus der Welt zu schaffen. Entsprechend dieser
beiden Klassen werde ein zweifaches Bewußtsein herausgearbeitet, das bürgerliche
und sozialistische. Wenn es keinen Kapitalismus und keinen Klassenkampf
gäbe, würde es auch kein sozialistisches Bewußtsein geben.
Wenn
auch der wissenschaftliche Sozialismus von einigen wenigen
sozialdemokratischen Intellektuellen ausgearbeitet und über die Partei
das sozialistische Bewußtsein in die Arbeiterbewegung hineingetragen
werde, dürfe man nicht daraus schließen, daß „es nur Intellektuelle
in der sozialdemokratischen Partei“ gäbe. In der Partei gäbe es mehr
fortgeschrittene Arbeiter als Intellektuelle. Mit der Entstehung des
Proletariats, meint Kautsky, entstünden zugleich auch sozialistische
Tendenzen, kämen sozialistische Bestrebungen auf. Diese sozialistischen
Bestrebungen entstünden von selbst, aber diese Bestrebungen, diese
sozialistischen Tendenzen dürfen nicht mit sozialistischem Bewußtsein
verwechselt werden. Letzteres müsse, auch nach Kautsky, von außen in
die Arbeiterklasse hineingetragen werden.51)
Diese
von Kautsky, Lenin und Stalin mehrfach ausführlich begründete
Notwendigkeit des Hineintragens des sozialistischen Bewußtseins durch
die Partei in die spontane Arbeiterbewegung wird bis in die Gegenwart
auch von Kommunisten angefochten. So meint der Sprecher der
Bundeskoordination der Kommunistischen Plattform in der PDS, Friedrich
Rabe: „Revolutionäres Bewußtsein entsteht in der Arbeiterklasse im
Prozeß der Auseinandersetzung mit den täglichen Widersprüchen. Die
These von der Möglichkeit, Bewußtsein in die Arbeiterklasse
hineintragen zu können, trägt zutiefst idealistischen Charakter. Sie
vermittelt die Illusion, den Zeitpunkt gesellschaftlicher Veränderungen
selbst bestimmen zu können. Eine große historische Leistung ist es
bereits, wenn es gelingt den Zeitpunkt zu erkennen, in dem sich
qualitative gesellschaftliche Veränderungen anbahnen, um Einfluß auf
ihre Entwicklungsrichtung zu nehmen.“
Die
Begründung des „idealistischen Charakters“ der These vom
„Hineintragen“ bleibt Genosse Rabe schuldig. Niemand hat behauptet,
durch das „Hineintragen“ den Zeitpunkt gesellschaftlicher Veränderungen
bestimmen zu können. Wenn er diese Illusion hat, ist dies seine Sache.
Jedenfalls hat die Politik des Hineintragens maßgeblich zur Bildung
marxistisch-leninistischer Parteien im internationalen Maßstab
beigetragen, und diese Parteien waren solange erfolgreich, bis sie von
Revisionisten von innen zerstört werden konnten. Offenbar will aber
auch Genosse Rabe „Einfluß“ auf „Entwicklungsrichtungen“
nehmen. Wie denn? Nicht „von außen“?
Stalin
ging in seinem Artikel weiter auf die Ursachen der Spaltung der Partei
in Bolschewiki und Menschewiki ein. Niemand habe die Menschewiki daran
gehindert, „einen Kampf der Ideen und Prinzipien zu führen. Haben
ihnen etwa die Bolschewiki nicht gesagt: Schafft ein besonderes Organ
und verteidigt eure Ansichten, die Partei kann euch ein solches Organ
zur Verfügung stellen...?“52) Die Menschewiki wären damit
nicht einverstanden‚ sie zögen den Kampf „um Sitze“, d.h. in den
damaligen Vertretungskörperschaften, der Dumas, vor. Stalin sah die
Ursachen der Spaltung in der politischen Charakterlosigkeit der
menschewistischen Führer, die er auch begründete:
Nimmt
man solche Züge zusammen, wie politische Charakterlosigkeit, Kampf um
der Sitze willen, Unstandhaftigkeit, Prinzipienlosigkeit und andere
derartige Eigenschaften, so erhalten wir eine gewisse allgemeine
Eigenschaft - intelligenzlerische Wankelmütigkeit, an der vorallem
Intellektuelle leiden. Es ist klar, daß intelligenzlerische Wankelmütigkeit
der Boden (die Basis) ist, auf der der „Kampf um der Sitze willen“,
„Prinzipienlosigkeit“ und dergleichen mehr entsteht. Die
Unstatthaftigkeit der Intellektuellen aber ist bedingt durch ihre gesellschaftliche
Lage. So erklären wir die Parteispaltung.53) Damit war die
Parteispaltung sowohl aus objektiven Ursachen, der „gesellschaftlichen
Lage“ der Intellektuellen, als auch aus der sich daraus ergehenden
„intelligenzlerischen Wankelmütigkeit“, aus psychologischen
Ursachen erklärt, in Übereinstimmung mit Kautsky und Lenin.
1.1.4.
Anarchismus oder Sozialismus
In
dieser gleichnamigen Artikelserie, geschrieben Juli 1906 bis April l90754),
unterschied Stalin im Sozialismus drei Hauptströmungen: Reformismus,
Anarchismus und Marxismus. Da seine Arbeit auf die Auseinandersetzung
mit dem Anarchismus gerichtet war, der zu dieser Zeit im Kaukasus unter
einem Teil des Kleinbürgertums, aber auch unter Arbeitern, verbreitet
war, begnügte er sich gegenüber dem Reformismus mit der Bemerkung, daß
dieser „von Tag zu Tag immer mehr alle sozialistischen Kennzeichen“
verlöre.55)
Stalin
wandte sich gegen die Auffassung, daß Marxismus und Anarchismus ein und
dieselben Prinzipien hätten, es zwischen ihnen lediglich taktische
Meinungsverschiedenheiten gäbe. Dies sei ein großer Irrtum. „Wir
sind der Auffassung, daß die Anarchisten richtige Feinde des Marxismus
sind.“55a) Mit dieser anscheinend sehr apodiktischen
Charakterisierung des Anarchismus befand sich Stalin auch hier in völliger
Übereinstimmung mit Marx und Engels. Mit dem Anarchismus - im 19.
Jahrhundert mit Proudhon und vor allem mit Bakunin - hatten sich Marx
und Engels mehrfach auseinanderzusetzen. Ihre Artikel gegen den
Anarchismus Bakunins aus den Jahren 1872 - 1874 umfassen allein im Band
18 der Werksausgabe (MEW) über 300 Seiten, über ein Drittel des
gesamten Bandes.55b)
Bakunin
und seine Anhänger waren keineswegs erfolglos in ihrer Arbeit, die
Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA) von innen zu zersetzen. Ihre Tätigkeit
hatte wesentlich zu der Entscheidung von Marx und Engels beigetragen,
die IAA aufzulösen. Die Rolle, die Bakunin in den 70er Jahren des 19.
Jahrhunderts gespielt hat, hatten Anfang des 20. Jahrhunderts in Rußland
Kropotkin und seine Anhänger, Stalin nennt unter anderen W.
Tscherkesischwili, P. Ramus, Baton, übernommen. Auch im Anarchismus
gibt es Kontinuität von Proudhon bis in die Gegenwart, im
internationalen Maßstab.
Der
„Hauptfeind“ der Anarchisten ist nicht das Kapital, sondern der
Staat, das „Hauptübel“, das abgeschafft werden muß. Vom
Klassencharakter des Staates wird abstrahiert. Darum keine politischen
Parteien, keine politische Bewegung, keine politischen Führer, keine
Autorität, die nur in einer Diktatur enden können. Wo die Anarchisten
die Oberhand gewinnen, die „Führung“ übernehmen, führt dies zur
Niederlage jeder revolutionären Bewegung, wie im Sommer 1873 in
Spanien. Die Bakunisten hatten dabei die gutorganisierte und zahlreiche
spanische Internationale faktisch in ihre Auflösung geführt, ihre
Reorganisation auf Jahre hinaus unmöglich gemacht. Sie haben, so
Engels, „ein unübertreffliches Muster davon geliefert, wie man eine
Revolution nicht machen muß.“55c)
Die
russischen Anarchisten warfen der SDAPR vor, daß sie ihre Diktatur über
das Proletariat errichten, die alte Sklaverei fortsetzen wolle, daß sie
nicht revolutionär sei. Es ist interessant, daß diese unsinnigen
Thesen der Anarchisten bis in die Gegenwart im Arsenal
antikommunistischer Diffamierung der sozialistischen Staaten enthalten
sind - nur wenn die Anarchisten Bomben gegen ihre eigenen Staatsgebäude
werfen, geht das Geheule los, wobei dann die Verbrechen der Anarchisten
gern den Kommunisten unterstellt werden. Es grenzt schon an ein Wunder,
daß der verbrecherische Anschlag auf das World-Trade-Center am 11.
September 2001 nicht auf die „infernalischen“ Kräfte der
Kommunisten zurückgeführt wird. So ist der Anarchismus auf dem bürgerlichen
Politikmarkt wenigstens noch zu verwerten.
In
den ersten beiden Teilen seiner Artikelserie setzte sich Stalin mit dem
Anarchismus auf philosophischem Gebiet auseinander, wobei er Grundzüge
der dialektischen Methode und der materialistischen Theorie in allgemein
verständlicher Sprache darlegte. Stalin war kein Philosoph. Aber er
kannte die einschlägigen Werke von Marx und Engels. Er verfügte über
die didaktische Fähigkeit, selbst komplizierte Probleme der
marxistischen Philosophie in einfachen Worten darzulegen, daß sie von
wenig gebildeten Arbeitern, soweit sie überhaupt lesen konnten,
verstanden wurden. Bei einer solchen Darstellungsweise konnte Stalin auf
drastische Vereinfachungen nicht verzichten, die ihm bis heute von
Intellektuellen verschiedener Couleur den Vorwurf der „Primitivität“
einbrachte. Es gab bei Stalin zeitweilig auch anfechtbare Auffassungen
zur Philosophie. Aus einem Brief Stalins an M.G. Zchakaja geht hervor,
daß er den von Lenin kritisierten Epiriokritizismus (1908)56)
in seiner Gefährlichkeit unterschätzt hatte. Stalin meinte, daß es
Aufgabe der Bolschewiki sei, die Philosophie von Marx und Engels „im
Geiste von J. Dietzgen weiterzuentwickeln und sich dabei gleichzeitig
die guten Seiten des ‘Machismus’ anzueignen.“57)
Da
mir der genannte Brief nicht vorlag, muß ich offen lassen, wann der
Brief geschrieben wurde und welche Seiten des „Machismus“ von Stalin
als „gut“ verstanden wurden. Man kann Stalin als einen didaktisch
guten und verständlichen Interpreten des dialektischen und historischen
Materialismus bezeichnen, was auch auf seine Darstellung der
marxistischen Philosophie in der „Geschichte der Kommunistischen
Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) Kurzer Lehrgang“ zutrifft.58)
Auf 34 Seiten einen Abriß des dialektischen und historischen
Materialismus verständlich auszuarbeiten, zeugt von didaktischem und pädagogischen
Geschick.
Für
die Parteitheorie ist der dritte Teil, „Der proletarische
Sozialismus“59) von Bedeutung. Stalin verwendete durchgängig
den Begriff „Sozialismus“. Aus dem Kontext wird ersichtlich daß er
unter Sozialismus die höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft
verstand. Die Verwendung der Begriffe „Sozialismus“ und
„Kommunismus“ wurden auch von Marx und Engels synonym verwendet. Sie
bezeichneten ihr „Manifest“ als das der „Kommunistischen
Partei“, weil in dieser Zeit (1847) unter Sozialismus einmal die
Auffassungen der französischen utopischen Sozialisten, diverser kleinbürgerlicher
Bewegungen, sowie die der „mannigfaltigsten sozialen Quacksalber“
verstanden wurden, „...die mit allerhand Flickwerk, ohne jede Gefahr für
Kapital und Profit, die gesellschaftlichen Mißstände aller Art zu
beseitigen versprachen...“‚ unter Kommunismus die revolutionären
proletarischen Bewegungen und des utopischen Arbeiterkommunismus.60)
In
der bekannten „Kritik des Gothaer Programms“ spricht Marx von zwei
Phasen der kommunistischen Gesellschaft, einer „ersten“ und einer
„höheren“, von „Umwandlungen des Staatswesens“ in einer
kommunistischen Gesellschaft.61) Engels spricht im „Anti-Dühring“
vom „wissenschaftlichen Sozialismus.“62) In „Staat und
Revolution“, geschrieben August bis September 1917, spricht Lenin
ebenfalls von „erster“ und „höherer“ Phase des Kommunismus,
wobei er für „erste Phase“ in Klammern hinzufügt:
(„Sozialismus“ im landläufigen Gebrauch des Wortes) oder (die gewöhnlich
Sozialismus genannt wird).63) In der gleichen Schrift spricht
Lenin vom „wissenschaftlichen Unterschied zwischen Sozialismus und
Kommunismus.“ „Was gewöhnlich als Sozialismus bezeichnet wird,
nannte Marx die ‘erste’ oder ‘niedere’ Phase der kommunistischen
Gesellschaft. Insofern die Produktionsmittel Gemeineigentum werden, ist
das Wort ‘Kommunismus’ auch hier anwendbar, wenn man nicht vergißt,
daß es kein vollkommener Kommunismus ist.“64) In „Die
große Initiative“ (Juni 1919) heißt es bei Lenin: „In Parenthese
sei bemerkt: Der wissenschaftliche Unterschied zwischen Sozialismus und
Kommunismus besteht lediglich darin, daß das erste Wort die erste Stufe
der aus dem Kapitalismus erwachsenden neuen Gesellschaft, das zweite
Wort die höhere, weitere Stufe dieser Gesellschaft bezeichnet.)65)
Wann,
wer, zuerst diese Begriffsbestimmungen vorgenommen hat, ist wohl kaum
noch zu ermitteln. Diese Hinweise sind aber wichtig, weil immer wieder
unter Berufung auf Zitate von Lenin oder Stalin behauptet wird, daß
schon im Sozialismus die Ware-Geld-Beziehungen aufgehoben werden und der
Staat verschwinden, absterben muß, wobei übersehen wird, daß die
beiden Begriffe zumindest bis 1919 auch als Synonyme verwendet
wurden.“ So mutet es auch heute seltsam an, wenn in linken
Publikationen von „Sozialisten“ und „Kommunisten“ gesprochen,
zur Aktionseinheit von „Sozialisten“ und „Kommunisten“
aufgerufen wird, man „Sozialisten“ und „Kommunisten“ zusammenführen
will.
Was
sind denn nun „Sozialisten“, was „Kommunisten“? Wollen die
ersteren nur die niedere Phase der - ja was? - kommunistischen
Gesellschaft errichten? oder sollen wir wieder unterscheiden:
„Sozialisten“ = „Quacksalber“, „Kommunisten“ = „Revolutionäre“?
Oder werden „Soziallisten“ und „Kommunisten“ als Synonyme
verwendet? Dann braucht man sie nicht „zusammenzuführen.“ Nicht
exakte Begriffsbestimmungen führen zu Beliebigkeiten in der Theorie und
Politik, dann bleibt jedem überlassen, was er unter Sozialisten,
Kommunisten versteht, kann sich jedes Blättchen als „sozialistisch“
bezeichnen. „Laßt alle Blumen blühen!“
Stalin
erklärte den proletarischen Sozialismus als eine „direkte Schlußfolgerung
aus dem dialektischen Materialismus“66) vom Anwachsen des
städtischen und ländlichen Proletariats, dessen Klasseninteresse die
Abschaffung des kapitalistischen und die Einführung des sozialistischen
Eigentums erfordert. In der sozialistischen Gesellschaft wird es
Klassen, Warenproduktion, Kauf und Verkauf nicht mehr geben, somit auch
keine Käufer und Verkäufer der Arbeitskraft, keine Unternehmer und
Lohnarbeiter. Mit der Lohnarbeit wird auch jedes Privateigentum an den
Produktionsmitteln aufgehoben. Hauptziel der zukünftigen Produktion
wird nicht der Profit der Kapitalisten, sondern die unmittelbare
Befriedigung der Bedürfnisse der Gesellschaft sein. Es wird keinen
Platz geben für zersplitterte Produktion, Konkurrenz, Krisen und
Arbeitslosigkeit
Wo
es keine Klassen gibt, bedarf eines keines Staates, keiner politischen
Gewalt mehr. Es folgen diesbezügliche Zitate von Marx und Engels, in
denen die höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft charakterisiert
wird als einer „Assoziation ... welche die Klassen und ihren Gegensatz
ausschließt“, in welcher es „keine eigentliche politische Gewalt
mehr geben...“ wird (Marx 1846) in der die ganze Staatsmaschinerie
„ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene
Axt“ gesetzt wird. (Engels, 1884)67)
„Selbstredend“
wird es in der „höheren“ Phase eine „Leitung der gemeinsamen
Angelegenheiten neben den örtlichen Büros“ geben, ein
„statistisches Zentralbüro“...„das Angaben über die Bedürfnisse
der gesamten Gesellschaft sammeln und dann die verschiedene Arbeit unter
die Schaffenden entsprechend verteilen wird.“ Auch Konferenzen und
Kongresse würde es geben, deren Beschlüsse für die in der Minderheit
gebliebenen Genossen bis zum nächsten Kongreß bindend sein werden.68)
1906/07
gab es noch keinerlei praktische Erfahrungen über den Aufbau des
Sozialismus, weder in einer Übergangsperiode noch in der „niederen“
Phase, schon gar nicht über die „höhere“ Phase. So schließt denn
Stalin diesen Abschnitt mit den bekannten Sätzen aus der „Kritik des
Gothaer Programms“: „In einer höheren Phase der kommunistischen
(d.h. sozialistischen) Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung
der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz
geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit
nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis
geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch
die Produktionskräfte gewachsen sind, ...erst dann kann der enge bürgerliche
Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre
Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“69)
Die
sozialistische Gesellschaft setze auch ein sozialistisches Bewußtsein
der Menschen voraus. Die Entwicklung der modernen Produktivkräfte werde
behindert durch das kapitalistische Eigentum. Es sei klar, wenn es
dieses nicht mehr geben würde, würden sich die Produktivkräfte
verzehnfachen. Die Gefühle und Anschauungen der Menschen seien auch
nicht unveränderlich, sie seien im Urkommunismus, als der Mensch noch
kein Privateigentum kannte, andere, als in der Zeit: wo es
Privateigentum gab. Unter sozialistischen Verhältnissen würde „das Fühlen
und Denken der Menschen von sozialistischen Bestrebungen durchdrungen“
sein.70)
Der
proletarische Sozialismus von Marx sei kein „schöner Traum“, kein
„Phantasiegebilde“. Als wissenschaftlichen Beweis für die
Verwirklichung des proletarischen Sozialismus führt Stalin an, daß
„mit einer Veränderung der Form der Produktion sich früher oder später
auch die Form des Eigentums unvermeidlich ändert.“71) In
der bisherigen Geschichte war es so gewesen. Der Produktionsprozeß, die
Arbeit, hätten bereits gesellschaftlichen Charakter, „eine
sozialistische Prägung“ angenommen. Der gesellschaftliche Charakter
der Produktion widerspreche dem privaten Charakter der Aneignung, woraus
folgt, daß „die moderne kollektive Arbeit unvermeidlich zum
kollektiven Eigentum führen muß,... .“72)
Nun
sind hier die Marx‘schen Gedanken in einem gewissen schematischen
Automatismus des Geschichtsprozesses zusammengefaßt, wie ihn Marx so
nicht geäußert hat. Aus der Sicht Anfang des 20. Jahrhunderts für die
Arbeiter unterschiedlicher Nationalität und zum Teil sehr niedrigen
Bildungsniveau geschrieben, eine verständliche Darstellungsweise.
Solche bedenklichen Vereinfachungen in der Darstellung des Marxismus
haben Stalin auch immer wieder den Vorwurf der „Dogmatisierung“ des
Marxismus von seinen Kritikern eingebracht. Unter dem heutigen
Bildungsstand linker Parteien, der heutigen Arbeiterklasse, ist eine
solche Kritik sehr einfach, zugleich aber auch unhistorisch, da sie die
damaligen konkreten Wirkungsbedingungen in Rußland außer acht läßt.
Ein abstraktes Herangehen vom heutigen theoretischen Erkenntnisstand an
hundert Jahre zurückliegende historische Ereignisse, Theoriebildung und
-vermittlung führt zwangsläufig zu Fehlurteilen.
Stalin
deutet dann auch neben der „Unvermeidlichkeit“ des Sozialismus in
einem anderen Zusammenhang auf die Alternative hin, „...daß entweder
alles gesellschaftliche Leben zusammenbrechen muß, oder daß das
Proletariat... zum Herrn der modernen Produktion, zu ihrem...
sozialistischen Eigentümer werden muß.“73) Stalin berief
sich für seine Ausführungen auf Engels im „Anti-Dühring“ wonach
„...eine Umwälzung der Produktions- und Verteilungsweise stattfinden
muß, die alle Klassenunterschiede beseitigt, falls nicht die ganze
moderne Gesellschaft untergehen soll... .“ Darin begründe sich die
„Siegesgewißheit des modernen Sozialismus“.74)
Das
sozialistische Ideal sei nicht das Ideal aller Klassen. Nur das
Proletariat sei unmittelbar am Sozialismus interessiert. Für die
Verwirklichung den Sozialismus bedarf es des Klassenbewußtseins, des
Zusammenschlusses des Proletariats und der Fähigkeit, seine eigene
Sache zu führen. Der Weg zum Sozialismus führe über den Klassenkampf,
der mannigfaltige Formen aufweise, Streik, Boykott, Sabotage,
Kundgebungen, Demonstrationen, Teilnahme an Vertretungskörperschaften.
Alle diese Kampfformen seien vorbereitende Mittel, aber keine dieser
Formen, auch der Generalstreik, für sich allein genommen, können den
Kapitalismus aus der Welt schaffen. Das entscheidende Mittel sei die
sozialistische Revolution. Dies dürfe nicht als ein plötzlicher, kurz
dauernder Schlag verstanden werden, sondern sei ein „lang andauernder
Kampf der proletarischen Massen.“ Die Erringung der politischen
Herrschaft durch das Proletariat sei die „erste Stufe“ der
Revolution. Mit der „Sozialistischen Diktatur des Proletariats“ muß
die sozialistische Revolution beginnen.75)
Die
sozialistische Revolution und die Errichtung der Diktatur des
Proletariats erfordere die Organisiertheit des Proletariats;
Gewerkschaften und Arbeitergenossenschaften als notwendige
Organisationen der Proletarier können allein nicht den
organisatorischen Bedürfnissen des kämpfenden Proletariats genügen.
Der Zweck dieser Massenorganisationen ist die Verbesserung der Lage der
Arbeiter im Kapitalismus. Aber sie können nicht. den Kapitalismus
beseitigen. Dazu bedarf es einer Organisation‚ „die die klassenbewußten
Elemente der Arbeiter aller Berufe um sich schart, das Proletariat in
eine ihrer selbst bewußte Klasse verwandelt und auch die Zertrümmerung
der kapitalistischen Zustände, die Vorbereitung der sozialistischen
Revolution zum Hauptziel setzt.“76) Diese Partei muß
Klassenpartei, eine revolutionäre Partei, eine internationale Partei
sein. Die Befreiung der Arbeiter sei keine nationale, sondern eine
soziale Frage, wobei Stalin auf das zaristische Rußland als einem
Nationalitätenstaat verweist, in dem die soziale Befreiung für den
georgischen und russischen Arbeiter, wie für die Proletarier der
anderen Nationen von gleicher Bedeutung sei.77)
Daß
Stalin den internationalistischen Charakter der Partei aus den
Bedingungen des Nationalitätenstaates erklärt, ist bezüglich des
Adressaten verständlich trägt jedoch allgemeingültigen Charakter.
Desgleichen ist der Hinweis Stalins auf die Notwendigkeit des
Zentralismus in den Organisationen des Proletariats, nicht nur der
Partei, sondern auch der Gewerkschaften und Genossenschaften, im
Gegensatz zur föderalistischen Zersplitterung nicht nur eine
Besonderheit des Nationalitätenstaates, wobei der Zwischensatz
„soweit dies möglich ist“, beachtet werden muß. Die Frage des
Zentralismus als einem allgemeinen Organisationsprinzip der
proletarischen Partei ist je nach den konkreten Bedingungen zu
beantworten. Eine schematische Anwendung eines allgemeinen Prinzips kann
Schaden anrichten. Es sei klar, daß alle Organisationen des
Proletariats auf „einer demokratischen Grundlage aufbauen müssen,
soweit natürlich irgendwelche politischen und andere Bedingungen dies
nicht verhindern.“78) Auch diese wichtige Bemerkung galt
nicht nur für das zaristische Völkergefängnis, in dem jede
demokratische Bewegung brutal unterdrückt wurde.
Die
seit hundert Jahren immer wieder von wohlmeinenden Intellektuellen
aufgestellte Forderung nach „Demokratisierung“ in ihrer abstrakten
Form, unabhängig von den konkret-historischen Bedingungen, dem Grad der
Unterdrückung, dem Klassenkräfteverhältnis, dem politischen und
theoretischen Niveau der Arbeiter, auch der Partei der Arbeiterklasse
selbst, hat in der Konsequenz, wie die geschichtlichen Erfahrungen
beweisen, immer nur der Konterrevolution den Weg geebnet. Sollen die
Gewerkschaften und Genossenschaften unter Führung der Partei stehen
oder parteilos sein? „Die Entscheidung dieser Frage hängt davon ab,
wo und unter welchen Bedingungen das Proletariat zu kämpfen hat.“79)
Also auch in dieser Frage gibt es keinen Schematismus. Natürlich müsse
die Partei freundschaftliche Beziehungen zu diesen Organisationen
herstellen. Je besser diese Beziehungen entwickelt seien, je besser würden
diese sich entwickeln. Ansonsten könnten die Gewerkschaften verflachen,
die Interessen der Gesamtklasse zugunsten reiner Berufsinteressen
verletzen und dem Proletariat großen Schaden zufügen. Darum sei es
notwendig, „in allen Fällen den ideologisch-politischen Einfluß der
Partei auf die Gewerkschaften und Genossenschaften sicherzustellen.80)
In
den letzten Abschnitten setzt sich Stalin mit Argumenten der Anarchisten
auseinander, wie diese sich zum proletarischen Sozialismus verhalten. So
behauptete W. Tscherkesischwili, als der „unvergleichliche Führer“
der Anarchisten, das „Kommunistische Manifest“ von Marx und Engels
sei von Anfang bis Ende aus dem „Manifest“ Victor Considérants
„gestohlen“ worden. Das „Manifest“ von Marx und Engels sei eine
„sehr mittelmäßige Paraphrasierung... des Manifests von Considérant.“81)
Solche unbewiesenen Behauptungen und Unterstellungen waren und sind in
der antikommunistischen Publizistik aller Couleur gang und gäbe, waren
und sind gefährlich. Wer von den Arbeiter und Bauern Rußlands,
besonders des Kaukasus mit 40 Nationalitäten, hatte, Considérants
Schriften zur Hand, um die Aussage von Tscherkesischwili überprüfen zu
können? (Wer von den heutigen Werktätigen hat die Schriften Cosidérants
auf seinen Bücherregalen stehen, ja kennen ihn überhaupt?)
Es
ist seit den ersten Schriften von Marx und Engels eine gängige Methode:
Ich behaupte irgend einen Unsinn, unterstelle diesen Unsinn Marx,
widerlege diesen Unsinn und habe damit Marx widerlegt, „endgültig!“,
„wissenschaftlich!“ Für Marx können auch Engels, Lenin, Stalin,
Mao und andere kommunistische Theoretiker eingesetzt werden, ganz nach
Belieben.
Auch
Stalin hatte, dem Kontext zu folgen, die Schriften Considérants nicht
zur Hand. Stalin stützte sich in seiner Erwiderung gegen
Tscherkesischwili auf Paul Louis: Geschichte des Sozialismus in
Frankreich und auf Karl Kautsky: Das Kommunistische Manifest - ein
Plagiat?82) Gestützt auf diese beiden Schriften konnte
Stalin Considérant richtig als Utopisten charakterisieren, der die
Rettung Frankreichs in einer Versöhnung der Klassen sah, ein Gegner des
Kommunismus war. Daraus ergab sich die Unvereinbarkeit des
„Demokratischen Manifests“ von Considérant mit dem „Manifest“
von Marx und Engels.83)
Kropotkin
behauptete, daß die Anarchisten für den „freien Kommunismus“
seien, während die Sozialdemokratie „Staatskapitalismus“ und
„Kollektivismus“ wollten. Stalin zitierte ausführlich aus den
einschlägigen Schriften der Anarchisten84) und faßte deren
Auffassungen zusammen: Nach Ansicht der Sozialdemokraten wäre die
sozialistische Gesellschaft (gemeint ist die „höhere“ Stufe der
kommunistischen Gesellschaft, UH) unmöglich ohne Regierung, die als
„Hauptunternehmer“ die Arbeiter einstellt. Sie würde „Minister
... Gendarmen, Spione haben. Die Teilung in „schwarze“ und „weiße“
Arbeit werde nicht aufgehoben, das Prinzip „Jedem nach seinen Bedürfnissen“
verworfen, dafür ein anderes Prinzip anerkannt, „Jedem nach seinen
Verdiensten.“85) Man glaube nicht, daß solcher Blödsinn
keine Wirkungen habe. Allein schon die Wortbildungen „Gendarmen“ -
„Spione“ rufen Abwehr hervor, denn allzu bekannt sind die
zaristischen Gendarmen und Spitzel. Stalin widerlegte diese unsinnigen
Unterstellungen mit bekannten Zitaten von Marx und Engels aus
verschiedenen Werken von 1846 bis 1871, von denen ich hier nur auf das
„Manifest der Kommunistischen Partei“ und die „Kritik des Gothaer
Programms“ verweise.86)
Nach
Auffassung der Anarchisten habe die Sozialdemokratie keinen revolutionären
Charakter, hätte keine Volksverbundenheit, und soweit sie für eine
Diktatur eintrete, so sei es keine Diktatur des Proletariats, sondern
ihre eigene Diktatur über das Proletariat.87) Stalin
zitierte ausführlich Kropotkin und aus Publikationen georgischer
Anarchisten, die sich gegen die Idee der Diktatur aussprachen, die
nichts andere sei „als ein übles Produkt des Regierungsfetischismus,
der ... stets bestrebt war, die Sklaverei zu verewigen.“88)
Auch hier verwies Stalin in seiner Polemik auf die einschlägigen Werke
von Marx und Engels, besonders auf deren Auswertung der Pariser Kommune
(1871) sowie auf Lissagaray: „Geschichte der Pariser Kommune“ und
Arthur Arnould: „Volkstümliche Geschichte der Pariser Kommune.“89)
Erfahrungen
über die politische Machtausübung der Arbeiterklasse lagen zu dieser
Zeit auch noch nicht vor. Die Auseinandersetzung Stalins mit den
Anarchisten konnte daher nur theoretisch erfolgen, wobei er sich vor
allem auf Marx, Engels und Kautsky stützte, wodurch seine Argumentation
unvermeidlich den Charakter einer Zitatensammlung annahm. Aber wer wußte
denn mehr über diese Problematik in dieser Zeit als Marx, Engels,
Kautsky, Lissagaray und Arnould, und nur auf deren Verallgemeinerung
ihrer Erfahrungen mit dem Anarchismus des 19. Jahrhunderts in Gestalt
der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus konnte sich Stalin stützen,
wobei die Kontinuität von Bakunin zu Kropotkin unübersehbar ist,
letzterer insofern gefährlicher war, als in Rußland und in Asien eine
Periode demokratischer und proletarischer Revolutionen heranreifte, die
mit der Revolution 1905 in Rußland eröffnet wurde. Die Artikel Stalins
zeigen zugleich, daß er trotz seiner Tätigkeit unter den Bedingungen
der Illegalität ausgezeichnete Kenntnisse über die einschlägige
Literatur hatte.
1.1.5.
Einheit oder Spaltung der Partei
In
der Zeit von 1907 bis 1917 befand sich Stalin fast das gesamte Jahrzehnt
im Gefängnis, in der Verbannung oder auf der Flucht.90)
Daraus erklärt sich, daß es aus dieser Zeit nur wenige Schriften von
Stalin gibt. Neben dieser quantitativen Seite hatten die konkreten
Lebensbedingungen, unter denen Stalin schreiben mußte, auch qualitative
Auswirkungen. Es geht dabei nicht um „Stilfragen“, an denen
Deutscher und andere Schöngeister ständig herumnörgeln, sondern um
inhaltliche Fragen. In seinen Forderungen an die Partei war Stalin in
einigen Fällen schärfer als Lenin. In seinem durch Verhaftung nicht
vollendeten Artikel „Der Londoner Parteitag der Sozialdemokratischen
Partei Rußlands (Aufzeichnungen eines Delegierten)“, geschrieben im
zweiten Halbjahr 190791), ging es um zwei Fragen der
Parteitheorie, die Frage nach der Einheit der Partei und zur Frage „führende
Rolle“ der Partei oder Partei als „Avantgarde“? Der Parteitag habe
zu einem weiteren Zusammenschluß, zur Festigung der Partei beigetragen.
Die Partei würde „von nun an eine streng konsequente Klassenpolitik
des sozialistischen Proletariats durchführen.“ Die faktische
Vereinigung der fortgeschrittenen Arbeiter ganz Rußlands zu einer
einheitlichen, gesamtrussischen Partei unter dem Banner des revolutionären
Sozialdemokratismus wäre der Sinn des Londoner Parteitages gewesen.92)
Die
wichtigsten Meinungsverschiedenheiten in der Partei gingen um das Verhältnis
zu den bürgerlichen Parteien. Nach Ansicht der Menschewiki müsse die
Arbeiterklasse den Kampf gegen den Zarismus unter Führung der liberalen
Bourgeoisie führen, die SDAPR müsse daher Abkommen mit den bürgerlichen
Parteien abschließen, dürfe diese nicht durch revolutionäre Losungen
erschrecken. Die Bolschewiki vertraten dagegen die entgegengesetzte
Auffassung. Die liberale Bourgeoisie hatte sich in der demokratischen
Revolution als antirevolutionär erwiesen. Die Führung im Kampf gegen
den Zarismus muß das Proletariat selbst übernehmen. Das Proletariat
wiederum kämpft unter der Führung der in der SDAPR organisierten
fortgeschrittensten Arbeiter. Die „Einheit“ auf dem V. Parteitag
erwies sich jedoch als trügerisch. Es waren keine taktischen
Meinungsverschiedenheiten sondern hinter diesen verbargen sich
Klassenfragen. Die „Einheit“ kam letztendlich dadurch zustande, daß
eine Resolution der Bolschewiki nicht durchkam, in der die Fehler des
Zentralkomitees festgestellt wurden, aus Erwägungen, „nur ja keine
Spaltung herbeizuführen.“ Dies habe, so Stalin, „stark auf die
Genossen“ eingewirkt. Die Resolution der Menschewiki, in der dem
Zentralkomitee das Vertrauen ausgesprochen wurde, fand ebenfalls keine
Mehrheit.93)
Stalin
hatte die klassenmäßigen Ursachen der gegensätzlichen Taktiken klar
erkannt: „Offensichtlich ist die Taktik der Bolschewiki die Taktik der
Proletarier der Großindustrie, die Taktik derjenigen Gebiete, wo die
Klassengegensätze besonders klar sind und der Klassenkampf besonders
scharf ist. Der Bolschewismus - das ist die Taktik der echten
Proletarier. Anderseits ist es nicht weniger offensichtlich, daß die
Taktik der Menschewiki vorwiegend eine Taktik der im Handwerk beschäftigten
Arbeiter und der bäuerlichen Halbproletarier ist, eine Taktik
derjenigen Gebiete, wo die Klassengegensätze nicht ganz klar sind und
der Klassenkampf verschleiert ist. Der Menschewismus - das ist die
Taktik der halbbürgerlichen Elemente des Proletariats.“94)
Stalin
faßte zwei Reden, die Rosa Luxemburg auf dem Parteitag gehalten hatte,
zusammen, in denen sie die Führer des Menschewismus, Plechanow und
Axelrod, als Opportunisten bezeichnete. Auch die Bolschewiki würden
„manchmal danebenhauen, manchmal sonderbar und allzu felsenfest sind,
aber ich verstehe und rechtfertige sie durchaus: angesichts der zerfließenden,
gallertartigen Masse des menschewistischen Opportunismus muß man
felsenfest sein... .“95) Stalin hat aus den Reden Rosa
Luxemburgs allerdings einseitig nur das zusammengefaßt, was den
Standpunkt der Bolschewiki stützte, vor allem die Kritik am
Liberalismus. Die kritischen Bemerkungen gegen die „sogenannten
Bolschewiki“ hat er nicht reflektiert, die auch nicht stichhaltig
waren. Nach Rosa Luxemburgs Auffassung könne die Partei einen
bewaffneten Aufstand nicht vorbereiten. Diese, ihre Hinwendung zur
Spontaneität ist sachlich falsch. Möglicherweise wollte sich Stalin
hier nicht mit Rosa Luxemburg auseinandersetzen. Richtig an der
Reflexion ihrer Reden bleibt, daß sie „trotz einzelner Vorbehalte“
sich mit den Bolschewiki solidarisch erklärte. Gegenüber den
dogmatischen Abweichungen der Menschewiki vom Marxismus erklärte sie:
„In welch geschäftiges Gegacker eines Huhnes, das auf dem Misthaufen
des bürgerlichen Parlamentarismus nach Perlen scharrt, habt ihr diese
Lehre verwandelt, die den mächtigen Flügelschlag der Adlerschwingen
des Proletariats darstellt.“
Wichtig,
weil auch heute noch unter Kommunisten umstritten, soll das Proletariat
(die Kommunistische Partei) Führer oder Avantgarde der Revolution sein?
Stalin zitierte zu dieser Frage den Genossen Alexinski, mit dessen
Auffassung er übereinstimmte: Es gehe hier „um zwei entgegengesetzte
Auffassungen, die sich in diesem Punkt geltend machten, denn
‘Avantgarde’ und ‘Führer’ seien zwei völlig verschiedene
Begriffe. Avantgarde (Vortrupp) sein heißt sich in den vordersten
Reihen schlagen, die am stärksten unter Feuer liegenden Stellungen
einnehmen, sein Blut vergießen, dabei aber von anderen, im gegebenen
Falle von den bürgerlichen Demokraten geführt werden: die Avantgarde
leitet niemals den Gesamtkampf, sondern wird stets selbst geleitet. Und
umgekehrt: Führer sein heißt, sich nicht nur in den vordersten Reihen
schlagen, sondern auch den Gesamtkampf leiten, ihn auf sein eigenes Ziel
ausrichten. Wir Bolschewiki. wollen nicht, daß das Proletariat von den
bürgerlichen Demokraten geführt werde, wir wollen, daß das
Proletariat selbst die Führung des ganzen Kampfes des Volkes habe und
ihn auf die demokratische Republik ausrichte.“96)
In
drei Arbeiten, verfaßt zwischen August 1909 bis Dezember 1910 befaßte
sich Stalin mit dem Verhältnis zwischen den Parteiorganen im Ausland
und der Organisierung des Kampfes in Rußland.97) Die Partei
mache eine Krise durch. Ihre Ursachen seien die „Losgerissenheit der
Partei von den breiten Massen“ und die „Losgerissenheit ihrer
Organisationen voneinander.“98) Diese „Losgerissenheit“
führte Stalin darauf zurück, daß die Parteiorgane im Ausland der
russischen Wirklichkeit „fernstehen.“ Im Ausland erschienen der „Proletari“,
redigiert von Lenin, der „Golos“, ein menschewistisches Blatt und
der „Sozialdemokrat“, Zentralorgan der SDAPR, deren Redaktion sich
aus Vertretern der Bolschewiki, Menschewiki und der polnischen
Sozialdemokraten zusammensetzte. Diese Zeitungen mußten illegal über
die Grenzen nach Rußland eingeführt und verteilt werden. Die Zeitungen
konnten praktisch nicht in die Kämpfe eingreifen, da sie oftmals erst
Wochen nach den Kämpfen eintrafen. Somit könne von einer Führung der
proletarischen Klassenkämpfe in Rußland vom Ausland her nur sehr
bedingt gesprochen werden. Das alte Organisationsprinzip, die alten
Methoden der Parteiarbeit, „...angesichts der ‘Führung’ vom
Ausland her, sei eine bloße ‘Übertragung von Funktionen’“,
„die die Partei nicht mit den Massen verbinden und sie nicht zu einem
einheitlichen Ganzen zusammenschweißen kann.“99)
Stalin
ging es dabei um die Verbindung des Kampfes der Arbeiter für ihre täglichen
Interessen mit den grundlegenden Interessen der Klasse der Proletarier,
der allgemein-politischen Arbeit mit dem alltäglichen Kampf der
Arbeiter. Die Organisation nach dem Territorialprinzip sollte durch das
Produktionsprinzip ergänzt werden. So sollten „die Fabrik- und
Werkkomitees der verschiedenen Produktionszweige je nach Produktion in
verschiedene Unterbezirke gruppiert werden, um diese Unterbezirke
territorial zu Bezirken zu vereinigen... .“100)
Abgesehen
von der konkreten Form der Organisationsprinzipien lassen sich in diesen
„Fabrik- und Werkkomitees“ Keimformen der späteren
„Betriebsparteiorganisationen“ erkennen.
Die
„erfahrensten und einflußreichsten fortgeschrittenen Arbeiter“ in
den örtlichen Organisationen sollten die „Angelegenheiten der
Partei“ in ihre Hände nehmen. Es sei kein Unglück, wenn Arbeiter in
wichtigen Positionen „in der ersten Zeit stolpern“, die Bebels
fallen nicht vom Himmel. Arbeiter mit Kenntnissen seien nur wenig
vorhanden. Aber mit Hilfe von erfahrenen und aktiven Intellektuellen müsse
man in Zirkeln, Besprechungen „Theorie und Praxis des Marxismus“ mit
ihnen „systematisch“ durchnehmen, um aus den Arbeitern Parteiführer,
„Bebels“, zu gewinnen. Stalin faßte zusammen:
„1.
verstärkte Agitation auf dem Boden der täglichen Bedürfnisse, die mit
den Bedürfnissen der gesamten Klasse des Proletariats verbunden werden,
2.
Organisierung und Festigung der Fabrik- und Werkkomitees als der
wichtigsten Zentren der Partei in den Bezirken,
3.
‘Übergabe’ der wichtigsten Parteifunktionen an die
fortgeschrittenen Arbeiter,
4.
Organisierung von ‘Besprechungen’ mit den fortgeschrittenen
Arbeitern - das sind die Wege, mit deren Hilfe es unsere Organisationen
verstehen werden, breite Massen um sich zusamenzuschließen.“101)
Die
genannten Aufgaben konnten durch Auslandsorgane nicht bewältigt werden.
Gesamtparteikonferenzen und im Ausland erscheinende Zeitungen seien
„sehr wichtig“, doch können sie allein die Krise nicht überwinden.
Es sei eine gesamtrussische Zeitung erforderlich, die im Zentrum der
Parteiarbeit steht und in Rußland erscheint, die Parteiarbeit leitet,
sie vereinigt und lenkt. Eine „gut organisierte gesamtrussische
Zeitung in den Händen des Zentralkomitees wäre das wirksamste Werkzeug
für den wirklichen Zusammenschluß der Partei... .“ Nur auf diesem
Wege würde das Zentralkomitee „aus einem fiktiven Zentrum zu einem
wirklichen Zentrum der Gesamtpartei werden.“102)
Wenige
Monate später präzisierte Stalin die genannten Vorschläge:
1.
Verlegung des (leitenden) Zentrums für die praktische Arbeit nach Rußland;
2.
Organisierung einer gesamtrussischen Zeitung, die in Rußland erscheint
und von dem erwähnten Zentrum redigiert wird;
3.
Organisierung örtlicher Presseorgane in den wichtigsten Zentren der
Arbeiterbewegung (Ural, Donezbecken, Petersburg, Moskau, Baku usw.).103)
„Die
Hauptsache ist die Organisierung der Arbeit in Rußland.“
Meinungsverschiedenheiten werden nicht in Debatten, „sondern hauptsächlich
im Laufe der Arbeit, ...der Anwendung der Prinzipien gelöst... .“104)
Diese letzten Bemerkungen schrieb Stalin aus der Verbannung. Er bemerkte
wohl nicht zu Unrecht, daß viele Emigranten den Kontakt zu den Kämpfen
im zaristischen Rußland verloren hatten. Revolutionen würden schließlich
nicht aus den Bibliotheken von Genf, London oder Paris hervorgehen,
sondern aus den Elendsvierteln von Moskau, Kasan, Baku und anderen
Zentren der Arbeiterbewegung.
Von
großer Bedeutung war die VI. Allrussische Parteikonferenz in Prag (5.
bis 17. Januar 1912), da es nun auch zur organisatorischen Trennung
von Bolschewiki und Menschewiki kam. Damit setzten sich die
Bolschewiki in der SDAPR durch, die den Parteinamen behielten, mit dem
Zusatz „Bolschewiki“ in Parenthese. Die Prager Parteikonferenz
verdeutlichte in der Praxis, daß in einer revolutionären
Arbeiterpartei nicht zwei Klassenlinien, bürgerliche und sozialistische
Ideologie, auf Dauer koexistieren können. Früher oder später kommt es
auch zum organisatorischen Bruch. Gelingt es den marxistischen Kräften,
die Revisionisten und andere Opportunisten aus der Partei zu drängen,
kann eine solche marxistische Partei die Arbeiterklasse in ihren Kämpfen
bis zur erfolgreichen Revolution führen. Umgekehrt, gelingt es den
revisionistischen Kräften, die Marxisten in der Partei zu isolieren
oder aus der Partei zu drängen, so wird aus der ehemaligen Kampfpartei
eine kleinbürgerlich-parlamentarische Partei und sie wird in das bürgerliche
politische System integriert. Damit werden bis in die Gegenwart immer
wieder Marxisten-Leninisten mit der Frage des Verhaltens in einer von
Reformisten und anderen kleinbürgerlichen Elementen beherrschten Partei
konfrontiert. In der Partei verbleiben, um den Kampf innerhalb der
Partei führen zu können, oder die Partei verlassen und eine neue
marxistisch-leninistische Kampfpartei gründen? Diese Frage läßt sich
nicht abstrakt beantworten. Sie muß jedesmal unter den konkreten
Bedingungen, unter Berücksichtigung des Kräfteverhältnisses innerhalb
der Partei, von den Marxisten-Leninisten beantwortet werden.
Den
Bolschewiki gelang es 1912, die Menschewiki zu verdrängen, mit dem
Ergebnis der siegreichen Oktoberrevolution, die „Linken“ in der
deutschen Sozialdemokratie um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht haben
sich erst mit Ausbruch der Novemberrevolution von den Revisionisten
getrennt. Ohne die konterrevolutionäre Politik der rechten
sozialdemokratischen Führer, die die Arbeiter ideologisch und politisch
entwaffnet haben, hätte die Konterrevolution nicht siegen können. Das
Festhalten an der „Einheit“ aus falsch verstandener
„Parteidisziplin“, Furcht vor der „Spaltung“, sich dem
„Vorwurf“ der Spaltung auszusetzen, führte die deutschen Marxisten
in die Niederlage, bezahlten Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und
Hunderte Arbeiter mit ihrem Leben.
In
seinem Flugblatt vom März l912 begrüßte Stalin die Beschlüsse der
Prager Parteikonferenz als das „Ende der Krise unserer Partei“, als
deren „Wiedergeburt“.105) Die Konferenz würde den
Zusammenschluß der örtlichen Parteiorganisationen mit dem
Zentralkomitee fördern, die Zersplitterung der örtlichen
Organisationen überwinden helfen. Er wiederholte die schon vorher
erhobene Notwendigkeit der Schaffung eines einflußreichen
Zentralkomitees, „das durch lebendige Wurzeln mit den örtlichen
Organisationen verbunden ist, die letzteren systematisch informiert und
miteinander verbindet, ein Zentralkomitee, das unermüdlich in alle
Angelegenheiten der gesamtproletarischen Aktionen eingreift, ein
Zentralkomitee, das zwecks umfassender politischer Agitation über eine
in Rußland erscheinende illegale Zeitung verfügt - nach dieser Seite müssen
sich die Erneuerung und der Zusammenschluß der Partei entwickeln.“106)
Die
Betonung lag auch hier wieder auf „eine in Rußland erscheinende
Zeitung“. Wenn Deutscher meint, daß nach der Prager Konferenz von
1912 die kaukasische Gruppe der Bolschewiki in Baku zum „Eckpfeiler
der bolschewistischen Organisation“ geworden war107), so
kann man ihm auch hier zustimmen. Diese kaukasische Gruppe wurde nun
einmal von Stalin geführt, womit dessen Einfluß auf die
Parteientwicklung in Rußland in dieser Zeit explizit ausgewiesen wird.
In
seinem Artikel „Parteilose Sonderlinge“ vom 15. April 1912 setzt
sich Stalin mit dem „parteilosen Progressismus“ auseinander, der zu
dieser Zeit unter russischen Intellektuellen in „Mode“ gekommen war.108)
Die Parteilosigkeit abstrahiere von den gegensätzlichen Interessen der
Klassen, der Bourgeois und Proletarier, der Gutsbesitzer und Bauern,
verkleistere die Gegensätzlichkeit der Klasseninteressen. Jede Klasse
habe ihre Partei, mit besonderem Programm mit besonderer Physiognomie.
Die Parteien leiten den Kampf. Ohne Parteien gäbe es keinen Kampf,
sondern Chaos, die Vermengung der Interessen. „Verkleisterung der
Klassengegensätze, Verschweigen des Klassenkampfes, Fehlen einer
Physiognomie, Bekämpfung des Programmprinzips, Streben nach Chaos und
Vermengung der Interessen - das ist die Parteilosigkeit.109)
Die Parteilosigkeit strebte die „Vereinigung des Unvereinbaren, die
Realisierung des Unrealisierbaren“ an. Bourgeois und Proletariat
miteinander verbinden, eine Brücke zwischen Gutsbesitzer und Bauern
schlagen, danach strebe die Parteilosigkeit. Diese Position werde von
der Zeitschrift „Saprossy Shism“ Nr. 6 (Anforderungen des Lebens,
erschien 1909 bis 1912 in Petersburg) vertreten.
Die
Autoren dieser Zeitschrift wollten dem „Block der Rechten“, der zur
„Bekämpfung der gesamten progressiven Opposition“ gebildet worden
war, einen „Block der Linken“ entgegenstellen, der „alle
progressiven Gesellschaftselemente“ umfassen sollte. Diese
„progressiven Elemente“ wären nach Auffassung der „Partei der
friedlichen Erneuerer“ die „progressive“ Bourgeoisie,
liberalisierende Gutsbesitzer, die nach dem Gutsherrenland dürstenden
Bauern und die gegen die Bourgeoisie kämpfenden Proletarier, deren
Vereinigung die „Saprossy Shism“ anstrebe.110)
„Erneuerer“, „pluralistische Parteien“, „Zusammenführer“
von heterogenen Klassenkräften gab es also schon 1912. Diese Ausführungen
Stalins dürfen nicht verwechselt werden mit der Bündnispolitik der
Partei. Bündnisse, Koalitionen mit Parteien anderer Klassen zur
Erreichung bestimmter Ziele, für die ein gemeinsames Interesse vorliegt
(auch bei Interessengegensätzen auf anderen Gebieten), sind etwas
anderes und hier nicht von Stalin gemeint.
1.2.
Die Parteifrage nach der Oktoberrevolution
1.2.
l. Die Partei vor und nach der Eroberung der Macht
In
einem Prawda-Artikel vom 23. April 1920 „Lenin als Organisator und Führer
der KPR“111) ging Stalin auf einen Vorwurf von Genossen
ein, nicht nur der Menschewiki, wonach Lenin eine übermäßige Neigung
zur Polemik und Spaltung gehabt haben soll. Dies habe es
„seinerzeit“ gegeben, aber die Partei hätte ihre innere Schwäche
und Verschwommenheit nicht überwinden, ihre eigene Kraft und Festigkeit
nicht erlangen können, wenn sie nicht die nichtproletarischen,
opportunistischen Kräfte aus ihren Reihen verjagt hätte. Unter der
Herrschaft der Bourgeoisie könne die proletarische Partei nur in dem Maße
wachsen und erstarken, wie sie den Kampf gegen die opportunistischen,
antirevolutionären und parteifeindlichen Elemente in ihrer Mitte und in
der Arbeiterklasse führe. Stalin berief sich auf Lassalle, der meinte,
daß sich eine Partei stärkt, in dem sie sich reinigt.112) Nicht
jede Einheit sei ein Zeichen der Stärke. So sei die „Einheit“
zwischen Scheidemann und Noske einerseits und Liebknecht und Luxemburg
andererseits unecht und fiktiv. „Wer weiß, ob es für das deutsche
Proletariat nicht besser gewesen wäre, wenn sich die revolutionären
Elemente der deutschen Partei rechtzeitig von deren antirevolutionären
Elementen getrennt hätten.“113)
Einheit
oder Spaltung, wie schon w.o. gesagt, läßt sich nicht ein für allemal
abstrakt beantworten. Verallgemeinern kann man nur eines: ohne eine
revolutionäre, proletarische, internationalistische Partei wird die
Arbeiterklasse ihre historische Aufgabe nicht erfüllen können. Mögen
die jeweiligen Klassenkräfteverhältnisse für die Bildung einer
solchen Partei auch noch so ungünstig sein, so kommt die Arbeiterklasse
um diese Partei nicht herum, wenn sie das kapitalistische System überwinden
will
Auf
die Unterschiede in der Parteipolitik vor und nach der Eroberung der
Macht wies Stalin in einem Artikel für die Prawda vom 28. August 1921
hin.114) Er verallgemeinerte die Erfahrungen, die die KPR (B)
in ihrem Kampf seit Ende 1900 gesammelt hatte. Zunächst ginge es um die
Formierung, die Gründung der Partei, dem folge die Gewinnung der
breiten Massen der Arbeiter und Bauern, schließlich die Eroberung und
Behauptung der Macht. Vor der Machteroberung „bildete die Partei einen
Hebel zur Zerstörung des Alten, zum Sturz des Kapitals in Rußland....“
Nach der Eroberung der Macht sei „aus einer Partei des Umsturzes
innerhalb Rußlands“ eine „Partei des Aufbaus“, eine „Partei der
Schaffung neuer Wirtschaftsformen geworden.“115) Es ging
also um das Verhältnis von destruktiver und konstruktiver Funktion in
der Parteipolitik, wobei Stalin diese Begriffe nicht verwendet, sondern
sie umschreibt als „Partei des Umsturzes“ und „Partei des
friedlichen Aufbaus“.
In
der Praxis lassen sich die destruktive und konstruktive Funktion so
nicht gegenüberstellen. Auch im Kampf um die Macht gibt es eine
konstruktive Seite in der Politik der Partei. Dazu gehört zunächst
einmal die Gründung und Entwicklung der Partei selbst, die Ausarbeitung
und Entwicklung der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, der
proletarischer Moral und Solidarität u.a.. Ohne diese konstruktive
Seite kann die Partei ihre destruktive Funktion, den Sturz der
politischen Macht der Bourgeoisie, die Aufhebung der kapitalistischen
Produktionsverhältnisse, nicht durchführen. Im Kampf um die
Vorbereitung und in der Durchführung der Revolution dominiert die
destruktive Funktion, in der Zerstörung des Alten, weil anders der
Aufbau des Neuen nicht erfolgen kann. Umgekehrt, nach Eroberung der
Macht durch die Arbeiterklasse überwiegt beim Aufbau des Sozialismus
die konstruktive Funktion, die „neue Politik“, wie Lenin sie
bezeichnete, aber die destruktive Funktion kann noch nicht verschwinden,
um konterrevolutionäre Restaurationsversuche von innen und außen
niederzuschlagen. Das Alte ist auch nach der Machteroberung noch lange
Zeit wirksam und muß in dieser oder jener Form überwunden werden. Marx
sprach von den „Muttermalen“ der alten kapitalistischen
Gesellschaft, die in einer Übergangsperiode noch vorhanden wären - wie
lange es noch solche Muttermale gibt, kann nicht vorausgesagt werden. In
den europäischen sozialistischen Staaten waren sie bis zu ihrem Ende
noch nicht überwunden, an die die Konterrevolution geschickt anzuknüpfen
wußte. Der Begriff „destruktive Funktion“ darf nicht in einem
mechanistischen Sinne interpretiert werden.
1.2.2.
Über die Bolschewisierung der Parteien der Kommunistischen
Internationale
Zu
den bis in die Gegenwart unter Linken, von bürgerlichen und
sozialdemokratischen Publizisten ganz zu schweigen, heftig umstrittenen
Parteifragen gehört: die „Bolschewisierung“ der Parteien der
Kommunistischen Internationale (KI), darunter der KPD. In einer in der
Prawda vom 3. Februar 1925 veröffentlichten Unterredung mit dem
Genossen Herzog116) legte Stalin in zwölf Punkten dar, was
unter „Bolschewisierung“ zu verstehen war. Auch hier sind die
konkret-historischen Bedingungen von 1925, der Periode der „relativen
Stabilisierung des Kapitalismus“ und, speziell, das Klassenkräfteverhältnis
in Deutschland zu berücksichtigen, unter denen die zwölf Punkte zu
beurteilen sind. Es geht nicht, um dies erneut zu betonen, etwa um eine
mechanische Übertragung, „Anwendung“ dieser Punkte auf veränderte
Bedingungen im 21. Jahrhundert, auf Kommunistische Parteien, deren
Kampfbedingungen in Asien, in Nahen Osten, in Lateinamerika und Afrika
sowie in den Hochburgen des Kapitalismus völlig verschieden sind - und
sich ständig verändern.
Ausgangspunkt
für Stalins Thesen war die Notwendigkeit, die Sozialdemokratie in
Deutschland zu entlarven und zu zerschlagen, sie zu einer
verschwindenden Minderheit in der Arbeiterklasse herabzudrücken.117)
Nach der Rolle, die die konterrevolutionäre Führung der SPD, die
Ebert, Scheidemann, Noske in der Novemberrevolution und in der
revolutionären Nachkriegskrise gespielt haben, deren Verrat an der
Revolution, an der Arbeiterklasse dokumentarisch bewiesen ist, ist diese
Forderung Stalins verständlich. In dem späteren, am 18. September 1925
auf ihrem Heidelberger Parteitag beschlossenen Programm orientierte die
SPD-Führung auf einen friedlichen, parlamentarischen Weg zum
Sozialismus, was illusorisch war. Daran änderte auch nichts, daß sie
noch Forderungen aus dem Erfurter Programm (Oktober 1891) übernommen
hatte.118)
Die
Arbeiter können nur siegen, meinte Stalin, wenn sie von einem Willen
beseelt sind, von einer Partei geführt werden, die das Vertrauen der
Mehrheit der Arbeiterklasse besitzt. „Wenn es innerhalb der
Arbeiterklasse zwei miteinander konkurrierende gleich starke Parteien
gibt, dann ist selbst bei günstigen äußeren Bedingungen ein
dauerhafter Sieg unmöglich.“119) Stalin wandte sich
energisch gegen sektiererische Auffassungen einiger Genossen, die
meinten, „die Partei festigen und sie bolschewisieren bedeute, alle
Andersdenkenden aus der Partei hinauszujagen. Das ist natürlich
falsch.“120) Die Auseinandersetzung mit der
Sozialdemokratie müsse vor allem auf dem Gebiet der „konkreten Bedürfnisse“
der Arbeiterklasse geführt werden, der „alltäglichen Praxis“, Löhne,
Arbeitszeit, Wohnverhältnisse, Versicherungen, Steuern,
Arbeitslosigkeit, Preiserhöhungen bei Lebensmitteln, etc., wobei diese
Fragen mit den grundlegenden Fragen der internationalen und der inneren
Lage Deutschlands verknüpft werden müssen. Die gesamte Arbeit der
Partei müsse unter dem Aspekt der Revolution, der Eroberung der Macht
durch das Proletariat geleistet werden. Die grundlegenden
Voraussetzungen für die Bolschewisierung der „kommunistischen
Parteien“121) seien:
1.
Es ist notwendig, daß die Partei sich nicht als Anhängsel der
parlamentarischen Wahlapparats betrachtet, wie es im Grunde genommen die
Sozialdemokratie tut, und auch nicht als Gratisbeilage zu den Gewerkschaften,
wovon zuweilen gewisse anarcho-syndikalistische Elemente faseln, sondern
als die höchste Form der Klassenvereinigung des Proletariats, die
berufen ist, alle übrigen Formen der proletarischen Organisationen,
von den Gewerkschaften bis zur Parlamentsfraktion, zu führen.
2.
Es ist notwendig, daß die Partei, besonders ihre führenden Elemente,
sich der revolutionären Theorie des Marxismus, die mit der revolutionären
Praxis untrennbar verbunden ist, voll bemächtigen.
3.
Es ist notwendig, daß die Partei die Losungen und Direktiven nicht auf
Grund eingelernter Formeln und geschichtlicher Parallelen, sondern als
Ergebnis einer sorgfältigen Analyse der konkreten Bedingungen der
revolutionären Bewegung im Lande und im internationalen Maßstab
ausarbeitet, wobei die Erfahrungen der Revolutionen aller Länder
unbedingt mit in Rechnung gestellt werden müssen.
4.
Es ist notwendig, daß die Partei die Richtigkeit dieser Losungen und
Direktiven im Feuer des revolutionären Kampfes der Massen überprüft.
5.
Es ist notwendig, daß die gesamte Arbeit der Partei, besonders wenn in
ihr die sozialdemokratischen Traditionen noch nicht überwunden sind‚
auf neue, revolutionäre Art umgestellt wird, darauf berechnet,
daß jeder Schritt der Partei, jede ihre Aktion naturgemäß zur
Revolutionierung der Massen, zur Vorbereitung und Erziehung der
breiten Massen der Arbeiterklasse im Geiste der Revolution führt.
6.
Es ist notwendig, daß die Partei es in ihrer Arbeit versteht, die höchste
Prinzipienfestigkeit (nicht zu verwechseln mit Sektierertum) mit einem
Maximum an Verbundenheit und Kontakt mit den Massen (nicht zu
verwechseln mit Nachtrabpolitik) zu verbinden, da es ohne diese Bedingung
für die Partei unmöglich ist, nicht nur die Massen zu lehren, sondern
auch von ihnen zu lernen, nicht nur die Massen zu führen und sie auf
das Niveau der Partei emporzuheben, sondern auch auf die Stimme der
Massen zu lauschen und ihre brennendsten Nöte zu erkennen.
7.
Es ist notwendig, daß die Partei es versteht, in ihrer Arbeit eine
unversöhnliche revolutionäre Einstellung (nicht zu verwechseln mit
revolutionärem Abenteurertum) mit einem Maximum an Elastizität und
Manövrierfähigkeit (nicht zu verwechseln mit Anpassungspolitik) zu
verbinden, da es ohne diese Bedingung für die Partei unmöglich ist,
alle Formen des Kampfes und der Organisation zu meistern, die
Tagesinteressen des Proletariats mit den grundlegenden Interessen der
proletarischen Revolution zu verbinden und in ihrer Arbeit den legalen
Kampf mit dem illegalen Kampf zu verknüpfen.
8.
Es ist notwendig, daß die Partei ihre Fehler nicht verhüllt, daß sie
die Kritik nicht fürchtet, daß sie es versteht, ihre Kader an Hand
ihrer eigenen Fehler zu verbessern und zu erziehen.
9.
Es ist notwendig, daß die Partei es versteht, in die grundlegende führende
Gruppe die besten Elemente der fortschrittlichen Kämpfer aufzunehmen,
die genügend Hingabe besitzen, um wahrhafte Vertreter der Bestrebungen
des revolutionären Proletariats zu sein und die genügend Erfahrung
haben, um wirkliche Führer der proletarischen Revolution zu werden, die
fähig sind, die Taktik und die Strategie des Leninismus anzuwenden.
10.
Es ist notwendig, daß die Partei die soziale Zusammensetzung ihrer
Organisationen systematisch verbessert und sich von zersetzenden
opportunistischen Elementen reinigt, wobei sie die Erreichung einer maximalen
Einheitlichkeit als Ziel vor Augen haben muß.
11.
Es ist notwendig, daß die Partei eine eiserne proletarische Disziplin
entwickelt, die auf der Grundlage der ideologischen Einheit, der
Klarheit der Ziele der Bewegung, der Einheit des praktischen Handelns
und des bewußten Verhaltens der breiten Parteimassen zu den Aufgaben
der Partei erwächst.
12.
Es ist notwendig, daß die Partei die Durchführung ihrer eigenen Beschlüsse
und Direktiven systematisch überprüft, da ohne diese Bedingung die
Gefahr besteht, daß sie sich in leere Versprechungen verwandeln, die
nur geeignet wären, das Vertrauen der breiten proletarischen Massen zur
Partei zu untergraben.
Ohne
diese und ähnliche Bedingungen ist die Bolschewisierung ein leerer
Schall.122)
1.2.3.
Partei und Religion
Ist
es Parteimitgliedern erlaubt, religiöse Überzeugungen zu haben, wenn
diese nicht im Widerspruch zur Loyalität gegenüber der Partei stünden?
Auf diese Frage eines Mitgliedes der ersten amerikanischen
Arbeiterdelegation in der Sowjetunion antwortete Stalin, daß es
„formal gesprochen“ keine Bedingungen für die Aufnahme in die
Partei gäbe, die vom Kandidaten „unbedingten Atheismus“, forderten.
Dies bedeute jedoch nicht, daß die Partei der Religion neutral gegenüberstehe.
Die Partei entfalte antireligiöse Propaganda und werde dies auch in
Zukunft tun. Nach dem Gesetz habe jeder Bürger das Recht, sich zu jeder
beliebigen Religion zu bekennen, dies sei eine Sache des Gewissens. Die
Kirche sei vom Staat getrennt. Aber mit der Verkündung der Freiheit des
Glaubensbekenntnisses habe auch jeder Bürger das Recht, durch Überzeugung,
durch Propaganda und Agitation gegen diese oder jene und gegen die
Religion überhaupt zu kämpfen. Die Partei könne sich der Religion
gegenüber nicht neutral verhalten. Die Partei sei für die
Wissenschaft, die Religion stehe im Gegensatz zu ihr, Prozesse, wie in
Amerika, wo unlängst Darwinisten verurteilt wurden, seien in der
Sowjetunion unmöglich.123) Die antireligiöse Propaganda
diene als ein Mittel zur Untergrabung des Einflusses der reaktionären
Geistlichkeit, die die Ausbeuterklassen unterstützt. Stalin betonte, daß
sie die reaktionäre Geistlichkeit „niedergeworfen“ hätten, schlimm
sei nur, daß sie noch nicht völlig liquidiert sei. Es gäbe Fälle, in
denen Parteimitglieder die antireligiöse Propaganda behinderten. Es sei
sehr gut, solche Parteimitglieder auszuschließen.124)
Nach
den Erfahrungen mit der Geistlichkeit im zaristischen Rußland, während
der Revolution und des Bürgerkrieges ist die Stellung Stalins gegenüber
der Geistlichkeit verständlich. Sie sollte nicht verallgemeinert werden
im Sinne eines Bestandteiles der marxistisch-leninistischen
Parteitheorie. Stalins Beurteilung trifft zweifellos auf die Mehrheit
der Geistlichkeit unterschiedlicher Religionen zu, wie die
geschichtlichen Erfahrungen von mehr als hundert Jahren Klassenkämpfe
beweisen. In Rußland waren es die Popen, in Mittelasien die islamischen
Mullahs. Hier sei nur an die Basmatschenaufstände in Mittelasien
erinnert.
Auch
die SED in der DDR hat ihre Erfahrungen mit den offiziellen
Kirchenleitungen gemacht. Vielleicht hätte sie besser auf Stalin hören
sollen.125) Aber es gab und gibt Geistliche unterschiedlicher
Religionen und Konfessionen, die an der Seite der Arbeiterklasse gekämpft
haben und kämpfen. Hier sei nur an den antifaschistischen Widerstand
erinnert. Für Mittelasien hatte die KPR (B) besondere
Aufnahmebedingungen, die es mohammedanischen Proletariern ermöglichten,
Mitglied der Partei zu werden. Die Stalinsche Formulierung „reaktionäre
Geistlichkeit“ ist also nicht verallgemeinerungsfähig. Eine
dogmatische Akzeptanz einer situationsbezogenen Einschätzung in Ländern
mit starker katholischer oder islamischen Bevölkerung Lateinamerika
oder der Nahe Osten (es gibt etwa eine Milliarde Muslime auf der Welt) würde
zur Zerstörung kommunistischer Parteien führen. Andererseits sind
starke reaktionäre Strömungen unter der Geistlichkeit sowohl im Islam
als auch in christlichen Kirchen unübersehbar, die jede demokratische
Regung mit allen Mitteln zu unterdrücken suchen.
Die
Beziehungen zwischen einer marxistisch-leninistischen Partei mit Kirchen
bzw. islamischen Organisationen sind ein äußerst sensibles Feld. Für
deren Gestaltung gibt es keine allgemeinverbindlichen Rezepte. Stalin
hat die Politik der KPdSU (B) gegenüber der russisch-orhtodoxen und
islamischen Geistlichkeit auch nirgendwo zur Nachahmung empfohlen. In
den zwölf Punkten der Bolschewisierung der Parteien der KI sind auch
keine diesbezüglichen Forderungen enthalten.
1.2.4.
Die Partei im System der Diktatur des Proletariats
Erstmalig
in der Weltgeschichte war die marxistisch-leninistische Partei mit dem
Verhältnis, den Beziehungen zum Staat der Diktatur des Proletariats
konfrontiert. An praktischen Erfahrungen gab es nur die Pariser Kommune,
Der Rat der Kommune setzte sich jedoch aus zwei „Parteien“ zusammen,
den Blanquisten und Proudhonisten, sowie einigen wenigen Marxisten. Eine
marxistische Partei gab es noch nicht in der Pariser Kommune.
In
mehreren Arbeiten, Berichten, Reden in der Zeit von 1923 bis 1930 setzte
sich Stalin mit dieser Problematik auseinander und verallgemeinerte die
Erfahrungen aus den Beziehungen zwischen Partei und Staat in der
Sowjetunion. Im „Organisatorischen Bericht des ZK“ auf dem XII.
Parteitag der KPR (B) (17. - 25. April 1923) unterzog er den
sowjetischen Staatsapparat einer strengen, aber sachlichen Kritik.
„Der Staatsapparat ist der grundlegende, die Massen erfassende
Apparat, der die an der Macht befindlichen Arbeiterklasse, vertreten
durch ihre Partei, mit der Bauernschaft verbindet und der Arbeiterklasse
... die Möglichkeit gibt, die Bauernschaft zu führen.“126)
Aber, der Typus vom Staatsapparat als Sowjetstaat sei zwar richtig, aber
seine Bestandteile sind noch „fremde, bürokratische, halbzaristisch-bürgerliche
Elemente. Der Staatsapparat soll, im „Dienste der Volksmassen“
stehen, aber „manche Leute dieses Staatsapparates“ wollen „ihn zu
einer Futterkrippe“ machen.127) Der Staatsapparat müsse
vereinfacht werden, „Diebe und Gauner“ aus ihm vertrieben werden,
sonst würde der Apparat zum Selbstzweck verkommen. Unter Bezug auf
Lenin meinte Stalin, es ginge nicht nur um die Stärkung der führenden
Rolle der Partei, sondern im Lande solle „kein einziger, noch so hoch
stehender Würdenträger“ bleiben, von dem der einfache Mann sagen könnte:
„Dem ist nicht beizukommen.“ Es ginge, nach Lenin, eben darum,
„nicht nur den Staatsapparat, sondern auch die Partei von den Würdenträgertraditionen
und -gepflogenheiten zu reinigen, die unsere Partei kompromittieren.“128)
Im
weiteren unterschied Stalin zwischen der Partei als Organisation und der
Partei als Apparat. Bezüglich der Organisation sei auf die soziale
Zusammensetzung zu achten. Die Partei sei eine Partei der
Arbeiterklasse. Darum sei das Augenmerk auf das Wachstum der
proletarischen Elemente in der Partei. zu richten, der Zustrom
nichtproletarischer Element einzuschränken. Stalin begründete dies aus
den Verhältnissen der NÖP. Zweifellos sei die Partei „dem
verderblichen Einfluß der NÖP-Elemente ausgesetzt“. Darum sei ein
Maximum an Homogenität in der Partei, ein „entschiedenes“ Überwiegen
der Arbeiter innerhalb der Partei auf Kosten der Nichtarbeiter zu
erreichen.129) Die Erfahrungen haben gezeigt, nicht nur in
der Sowjetunion, daß nach Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse
vor allem Intellektuelle in die Partei eintreten. Daraus ergaben sich
Gefahren bezüglich des Parteiapparats auf die Stalin weitsichtig
hinwies. Sie können zur Zerstörung der Partei führen.
Das
ZK der KPR (B) umfaßte zur Zeit des XII. Parteitages 27 Mitglieder. Es
trat einmal alle zwei Monate zusammen. Innerhalb des ZK habe sich ein
Kern von zehn bis fünfzehn Genossen gebildet, „die sich in Sachen der
Führung der politischen und wirtschaftlichen Arbeit ... dermaßen
eingefuchst haben, daß sie Gefahr laufen, sich in eine Art Hohepriester
der Führung zu verwandeln.“ Dies sei vielleicht ganz gut, habe aber
auch „eine sehr gefährliche Seite: Diese Genossen, die große
Erfahrungen in der Frage der Leitung gesammelt haben, können von Dünkel
angesteckt werden, sich abkapseln und sich der Arbeit unter den Massen
entfremden.130) Wenn Stalin hier noch sehr vorsichtig von
einer Möglichkeit der Entfremdung sprach, die Gefahren der Verselbständigung
der Führung hatte er erkannt. Die Verselbständigung der Führung, des
Apparates, gegenüber den Mitgliedern der Partei - und den Volksmassen -
ist ein objektiver, unvermeidlicher Prozeß. Die Genossen der Führungsgruppe
der Partei, ob Politbüro, Sekretariat, Abteilungen des Parteiapparates,
kommen in der Regel ständig zusammen, erhalten Informationen, sind
untereinander verbunden. Die Mitglieder der Partei sind über das
gesamte Territorium des Staates verstreut (in der Sowjetunion 22
Millionen km2; in der VR China 10 Millionen km2),
kommen in ihren lokalen Parteiorganisationen, Wohn- oder
Betriebspateiorganisationen, in der Regel einmal im Monat, nach der
Arbeit, zusammen. Einmal erhalten sie nicht alle Informationen, über
die die Führungsgruppe verfügt, zum anderen erhalten sie die
Informationen später, wobei die Führung nur das an Informationen
weitergibt, was sie für nötig hält. Es kann berechtigte Gründe
geben, Informationen zurückzuhalten. Darüber entscheiden die Genossen
des Kerns der Führungsgruppe. Das politisch-ideologische und
theoretische Niveau der Genossen der Führungsgruppe ist in der Regel höher
als bei der Mehrheit der Parteimitglieder. Daraus folgt unvermeidlich
eine gewisse Verselbständigung des Apparates gegenüber der
Organisation.
Soweit
diese Verselbständigung sich in Grenzen hält, sogar notwendig ist, um
schnelle Entscheidungen in kritischen Situationen fällen zu können,
wird sie von der Mehrheit der Parteimitglieder auch akzeptiert, richtet
sie keinen Schaden an. Ohne einer psychologisierenden
Geschichtsschreibung das Wort zu reden, spielen in der Frage der
Verselbständigung der Charakter der Funktionäre eine nicht zu unterschätzende
Rolle. Erfolge in der Führungstätigkeit - Stalin sagt: in neun von
zehn Fällen richtige Entscheidungen treffen, was sehr gut wäre - können
einzelnen Genossen in den Kopf steigen, die sich dann als
„Hohepriester“ der Partei, als Inkarnation des Marxismus-Leninismus
fühlen und entsprechend auftreten, Widerspruch, Kritik ganz und gar
nicht vertragen und - möglichst noch mit administrativen Mitteln -
unterdrücken. Diese Gefahren hatten Lenin und Stalin erkannt. Sie
bestanden in allen herrschenden Kommunistischen Parteien und werden auch
in Zukunft nicht zu vermeiden sein.
Zu
glauben, daß in einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft, vor
allem in der Übergangsperiode, nur „Ritter ohne Furcht und Tadel“
die Macht ausüben werden, daß es keinen Karrieristen, Großmäulern,
gelingen wird, in den Parteiapparat aufzusteigen - die dann als erste im
Falle einer Niederlage die Parteibücher in die Mülltonnen werfen und
als nun mehr geläuterte Protagonisten der Herrlichkeiten der bürgerlich-parlamentarischen
Demokratie und freien Marktwirtschaft alle niederbrüllen, die ihnen zu
widersprechen wagen - gehört in das Reich der Illusionen. Im übrigen
sind diese Erscheinungen der Verselbständigung der Apparate in der
kapitalistischen Gesellschaft noch viel schärfer und ekelhafter ausgeprägt
als in den sozialistischen Ländern. Solange es Klassen und einen Staat
geben wird, wird man solche Erscheinungen wohl einschränken, aber nicht
völlig ausschließen können.
Stalin
verwies auf das Generationsproblem in der Führungstätigkeit. Die führenden
Genossen im ZK werden alt, müssen abgelöst werden. Der
Gesundheitszustand Lenins war bedenklich, auch die übrigen führenden
Genossen, des „Grundkerns des ZK“, seien verbraucht. Aber es gäbe
noch keine Ablösung. Parteiführer heranzubilden sei sehr schwer, man
benötigt dafür fünf bis zehn Jahre, oder sogar noch mehr. Es sei viel
leichter, mit Hilfe der Kavallerie des Genossen Budjonny dieses oder
jenes Land zu erobern, als zwei oder drei Führer von unten herauf
auszubilden. Einen Ausweg sah Stalin darin, neue, jüngere Genossen in
das ZK zu wählen, um diese „die ganze Schwere der Leitung spüren zu
lassen.“ Das ZK sollte „mindestens bis auf 40 Mann“ erweitert
werden.131) Die Frage des Führungsnachwuchses ist von
allgemeiner Bedeutung. Sie spielte in der gerade gebildeten Sowjetunion
auf Grund der vom Zarismus hinterlassenen Kulturlosigkeit der Massen
eine entscheidende Rolle. Die Führungsschicht der Partei war zahlenmäßig
sehr dünn. Das trifft auch auf die Mehrheit der heutigen Völker
Asiens, Afrikas und Lateinamerikas zu. Darum gehört der Mord an
revolutionär-demokratischen Führungspersönlichkeiten in diesen Ländern
zur Strategie imperialistischer Großmächte. Hier sei nur an die
Ermordung von Patrice Lumumba und an die allerdings mißglückten
Mordanschläge auf Fidel Castro erinnert. Ist der Führungskern in einem
solchen Lande liquidiert, dauert es in der Regel zwanzig bis dreißig
Jahre, bis eine neue Führung herangebildet ist. Eine andere Methode ist
die der Diffamierung von Führungspersönlichkeiten als
„Verbrecher“, um sie auf diesem Wege auszuschalten. Vor dem Problem
des Führungsnachwuchses stehen heute auch kommunistische Parteien in
imperialistischen Ländern, woraus ersichtlich, daß die Nachwuchsfrage
nicht ausschließlich auf ökonomisch rückständige Länder zu
reduzieren ist. Sie ist vielschichtig.
Im
Rechenschaftsbericht auf dem XIV. Parteitag der KPdSU (B) (18. bis 31.
Dezember 1925) ging Stalin erneut auf das Verhältnis Partei - Staat
ein: Die Partei sei die führende Kraft in der Diktatur des
Proletariats. Ohne Führung durch die Partei wäre die Diktatur des
Proletariats unter den Bedingungen der kapitalistischen Umkreisung unmöglich.
Daraus erkläre sich, daß die Bourgeois aller Länder „mit heller
Wut“ von unserer Partei sprächen.132) Dies bedeute jedoch
keine Identität von Partei und Staat. „Die Partei ist die führende
Kraft in unserem Staat. Es wäre jedoch dumm, aus diesem Grunde zu
behaupten, ... das Politbüro sei das höchste Organ im Staate.“133)
Dies sei Konfusion, die nur Wasser auf die Mühle unserer Feinde leite.
„Das Politbüro ist das höchste Organ nicht des Staates, sondern der
Partei, die Partei aber ist die höchste führende Kraft des Staates.
Das ZK und das Politbüro sind Organe der Partei.“ Er wolle „die
Staatsbehörden nicht mit der Partei identifizieren ... sondern nur
sagen, daß in allen grundlegenden Fragen unserer Innen- und Außenpolitik
der Partei die führende Rolle gehörte.134)
Stalin
unterscheidet hier zwischen dem System der Diktatur des Proletariats als
politischem System des Sozialismus und dem Staatsapparat, der Regierung,
der Ministerien. Der Staatsapparat ist nicht die Partei. Die führende
Rolle der Partei bezieht sich auf das gesamte System der Diktatur des
Proletariats. Die Führungsrolle der Partei bezüglich des
Staatsapparates vollzieht sich über die dort tätigen Genossen sowie
durch die politisch-ideologische Führung der Partei im System der
Diktatur des Proletariats, in dem der Staatsapparat ja keine
exzeptionelle Stellung einnimmt. Führung, auch des Staatsapparates
durch die Partei bedeute eben keine Identität von Partei und Staat. Die
zeitweilig historisch bedingte „Personalunion“ von Partei- und
Staatsfunktionen mag später zu dieser falschen Identifizierung von
Staat und Partei beigetragen haben, was von bürgerlichen Medien bis in
die Gegenwart ausgenutzt wird und auch in Sozialismusvorstellungen von
Kommunisten „kritisch überwunden“ und für die Zukunft
ausgeschlossen werden soll. Wenn die Führungsschicht zahlenmäßig sehr
begrenzt ist, wird eine „Personalunion“ kaum zu vermeiden sein.
In
seiner Arbeit „Zu den Fragen des Leninismus“ (Januar/Februar 1926)
ging Stalin ausführlich auf die Beziehungen zwischen Partei und Staat
im System der Diktatur des Proletariats ein, wobei er aus den einschlägigen
Schriften von Lenin zur Staatstheorie lange Zitate anführte.135)
In dieser Arbeit wird ein weiteres Mal die Kontinuität von Lenin zu
Stalin deutlich. Ausgangspunkt bei Stalin ist die Kritik der These,
wonach man die radikale Umgestaltung der alten bürgerlichen Verhältnisse
ohne gewaltsame Revolution, ohne Diktatur des Proletariats
bewerkstelligen könne. „Zu glauben, daß man eine solche Revolution
friedlich, im Rahmen der bürgerlichen Demokratie, die der Herrschaft
der Bourgeoisie angepaßt ist, durchführen kann, bedeutet, entweder den
Verstand verloren und die normalen menschlichen Begriffe eingebüßt zu
haben oder sich grob und offen von der proletarischen Revolution
loszusagen.“136)
Mit
Verweis auf Lenin polemisiert Stalin gegen kleinbürgerliche
Demokratieauffassungen, daß die Partei unter den Bedingungen
kapitalistischer Machtverhältnisse erst die Mehrheit der Bevölkerung
gewinnen müsse, bevor sie die Macht ergreifen dürfe. Nach Lenin müsse
das revolutionäre Proletariat erst die Bourgeoisie stürzen, den bürgerlichen
Staatsapparat zerschlagen, dann würde das Proletariat die Sympathien
und die Unterstützung der Mehrheit der werktätigen nichtproletarischen
Massen für sich gewinnen. In Übereinstimmung mit Lenin könne die
Klasse der Proletarier nicht die Macht mit anderen Klassen teilen. Dies
sei im Begriff der Diktatur des Proletariats enthalten.137)
Diese Aussage ist von allgemeiner Bedeutung für die
marxistisch-leninistische Staatstheorie. Macht ist nicht teilbar! Die
Bourgeoisie denkt auch nicht im Traum daran, ihre Macht, die Macht ihrer
Klasse mit einer anderen Klasse, der Klasse der Lohnarbeiter, zu teilen.
Ihre Ideologen verstehen es allerdings meisterhaft, die Macht der
Bourgeoisie unter demokratischer Phraseologie zu verhüllen. Der auch
politisch reflektierte Konkurrenzkampf unter den Bourgeois ändert daran
nicht das geringste. Sowie die Klasseninteressen der Bourgeoisie als
Ganzes, das Privateigentum an den Produktionsmitteln auch nur im
geringsten bedroht erscheint, hält sie gegen das Proletariat zusammen.
Das ist der „antikommunistische Grundkonsens“ der verschiedenen
Fraktionen der Bourgeoisie und ihrer politischen Parteien - bei allem
politischen Krakeel und Finanzskandalen untereinander.
Die
Nichtteilbarkeit der Macht schließt Bündnisse mit anderen Klassen und
Schichten nicht aus. „Diese Macht, die Macht einer Klasse, kann nur
durch eine besondere Form des Bündnisses zwischen der Klasse der
Proletarier und den werktätigen Massen der kleinbürgerlichen Klassen,
vor allem der werktätigen Massen der Bauernschaft, errichtet und bis zu
Ende verwirklicht werden.“138) Bündnisse sind also keine
Machtteilung! Innerhalb des Bündnisses übt die Partei der
Arbeiterklasse die führende Rolle aus. Sie ist nicht teilbar. „Diese
besondere Form des Bündnisses besteht darin, daß der Führer des
Staates, der Führer im System der Diktatur des Proletariats eine Partei
ist, die Partei. des Proletariats, ... die die Führung mit anderen
Parteien nicht teilt und nicht teilen kann.“139) Dieser
Hinweis ist wichtig für Länder, in denen der Übergang vom
Kapitalismus zum Sozialismus in Form eines Mehrparteiensystems vollzogen
wird. Es war kein Zufall, wenn 1989 die Konterrevolution in der DDR aus
Artikel 1 der Verfassung den Führungsanspruch der
marxistisch-leninistischen Partei, der SED, aufhob. Von diesem Führungsanspruch
abzusehen, die Führung der Arbeiterklasse durch die Partei durch eine
„Avantgarde“-Rolle zu ersetzen oder zu umschreiben, kann die
Arbeiterklasse in einer Entscheidungssituation desorientieren. Die Führung
der Arbeiterklasse durch die marxistisch-leninistische Partei ist auch
unter heutigen und zukünftigen Bedingungen unverzichtbar, auch wenn zur
Zeit in den EU-Ländern und in den USA keine revolutionäre Situation
besteht, die kommunistischen Parteien in diesen Ländern nach der
Niederlage vorläufig keine einflußreiche politische Kraft darstellen,
die Führung der Arbeiterklasse von der Bourgeoisie über ihr
Parteiensystem und über reformistische Gewerkschaftsführer ausgeübt
wird. Aus taktischen Erwägungen den Führungsanspruch theoretisch
aufzugeben, weil zur Zeit nicht durchsetzbar,
führt in der Konsequenz zum Opportunismus.
In
einem weiteren Abschnitt wandte sich Stalin der Rolle der Partei und
Arbeiterklasse im System der Diktatur des Proletariats zu. Sie übt ihre
Führungsrolle, ihre „lenkende Kraft“ über die Massenorganisationen
aus, Gewerkschaften, Jugendverband, Genossenschaften. Es sei Aufgabe der
Partei, „die Arbeit aller Massenorganisationen des Proletariats ohne
Ausnahme zusammenzufassen und deren Tätigkeit auf ein Ziel,,
auf das Ziel der Befreiung des Proletariats zu lenken.“140)
Mehrfach verwandte Stalin bezüglich der Massenorganisationen Begriffe
wie „Transmission“, „Hebel“ im System der Diktatur des
Proletariats, über die die Partei ihre führende Rolle verwirklicht.
Diese Massenorganisationen zu leiten, das wäre im allgemeinen das Bild
des „Mechanismus“ der Diktatur, das Bild des „Systems der Diktatur
des Proletariats.“141) Nach einem Zitat Lenins hätte die
Partei in den Massenorganisationen im „großen und ganzen“ „einen
formal nichtkommunistischen, elastischen und verhältnismäßig
umfassenden, überaus mächtigen proletarischen Apparat, durch den die
Partei mit der Klasse und der Masse eng verbunden ist und durch den
unter Führung der Partei die Diktatur der Klasse verwirklicht wird.“142)
Die
Partei verwirklicht die Diktatur des Proletariats, aber nicht
unmittelbar, sondern über die Massenorganisationen. „Ohne diese
‘Transmissionen‘ wäre eine einigermaßen feste Diktatur unmöglich.“143)
„...keine einzige wichtige politische oder organisatorische Frage“
unserer Massenorganisationen wird „ohne leitende Weisungen der
Partei“ entschieden...“144) Dieser Sachverhalt hatte
schon immer selbst unter Genossen zu eklatanten Fehlinterpretationen geführt:
Die Diktatur des Proletariats sei die Diktatur der Partei! Diese
unhaltbare These wird nach wie vor von allen antikormmunistischen
Ideologen und allen möglichen Schöngeistern verbreitet. Unhaltbar ist
diese These darum, weil die Partei, selbst wenn sie das wollte, nicht
allein die Diktatur ausüben kann. Nebenbei bemerkt, trifft dies auch für
Diktaturen der Ausbeuterklassen zu. Die faschistische Diktatur war eben
nicht nur die Diktatur der NSDAP, einiger faschistischer Führer oder
gar Hitlers allein, wie in bürgerlichen Publikationen gern behauptet
wird, um die Spitzen des Monopol- und Bankkapitals,
die Hitler mit der Ausübung der Macht beauftragt hatten und
dessen Diktatur tatkräftig unterstützten - solange sie ihnen nützlich
war - aus der Kritik herauszuhalten. Ohne besonders reaktionäre Teile
des Monopolkapitals gab und gibt es keine faschistische Diktatur, wobei
sich die betreffende reaktionäre Partei ebenfalls mit
Massenorganisationen umgibt bzw. vorhandene in ihrem Interesse
umfunktioniert, „umwandelt“, z.B Gewerkschaften in „Deutsche
Arbeitsfront“! Auch offene, unverhüllte, terroristische Diktaturen
der Bourgeoisie bedürfen der „Transmissionen“, über die sie ihre
Macht realisieren. Was die bürgerlichen Ideologen stört, ist nicht die
Diktatur, sondern die Diktatur des Proletariats, das heißt, der
proletarische Klassencharakter der Diktatur. Die bürgerlich-parlamentarische
Demokratie ist ihrem Wesen nach auch nichts anderes als eine verhüllte
Machtausübung der Bourgeoisie, sogar die sicherste Form ihrer Diktatur,
d.h. ihrer Klassenherrschaft, „dadurch, daß sie die Gewalt
abwechselnd aus ihrer einen Hand fallen läßt, um sie mit ihrer andern
aufzufangen.“ 144a)
Es
würde den Rahmen vorliegender Arbeit sprengen, die
Diktaturen/Diktatoren in Südkorea, Südvietnam, auf den Philippinen, in
Indonesien, Chile, Südafrika und anderen Staaten nur halbwegs aufzuzählen,
deren blutige Regimes von den jeweiligen Administrationen der USA gefördert
und unterstützt, von ihren Ideologen als Vorkämpfer der „freien
Welt“, für „Demokratie und Menschenrechte“ verklärt wurden. Die
Mudjaheddins, die Taliban gehörten ja auch einmal zu diesen
„Freiheitskämpfern“, bis sie ihre von den USA gelieferten Waffen
gegen ihre einstigen Auftraggeber wandten. „Der Mohr hat seine
Schuldigkeit getan - der Mohr kann gehen!“ Doch diese Mohren gingen
eben nicht. Solange die Menschheit in Klassen gespalten ist, wird es
Klassenherrschaften = Diktaturen geben. Erst in einer klassenlosen
Gesellschaft wird es keine mehr geben, eben auch keinen Staat mehr. Aber
dies ist keine Gegenwartsaufgabe. Die Frage der Diktatur läßt sich
nicht abstrakt beantworten, außerhalb der Klassenfrage. Der
Klassenaspekt ist entscheidend für die Bestimmung des Charakters einer
Diktatur. Die von bürgerlichen Ideologen verkündete
„Totalitarismusdoktrin“ ist theoretisch und historisch unhaltbar.
Stalin
wies eine solche Identifizierung der Diktatur des Proletariats gleich
„Diktatur der Partei“ auch entschieden zurück. Die
Massenorganisationen haben spezifische Aufgaben, die Gewerkschaften
andere als der Jugendverband oder Frauenorganisationen. Wenn es auch
„leitende Weisungen“ von der Partei für alle wichtigen Beschlüsse
der Massenorganisationen gibt, die Durchführung, die Umsetzung der
Beschlüsse führen die Massenorganisationen selbst durch. Die Partei müsse
bei all ihren Weisungen stets mit dem Willen, dem Zustand, dem Bewußtseinsgrad
der von ihr Geführten rechnen. „Wer ... die führende Rolle der
Partei mit der Diktatur des Proletariats identifiziert, der ersetzt den
Willen und die Handlungen der Klasse durch die Weisung der Partei.
Partei und Klasse sind nicht deckungsgleich, die Partei kann die Klasse
nicht ersetzen. Die Partei bleibt „bei all ihrer wichtigen, führenden
Rolle“ ein Teil der Klasse.“145)
Der
Begriff Diktatur ist ein staatstheoretischer Begriff. Die Diktatur des
Proletariats schließt den Begriff der Gewalt ein, denn ohne Gewalt gibt
es keine Diktatur. Eine Identifizierung von Diktatur des Proletariats
mit Diktatur der Partei würde bedeuten, daß die Partei nicht nur „Führer
und Lehrer“ der Arbeiterklasse sei, sondern auch eine Art Diktator,
der ihr gegenüber Gewalt anwendet. Dies sei völlig absurd. Die
proletarische Partei kann keine Gewalt gegen die eigene Klasse anwenden.146)
Es geht bei dieser Frage um die Wechselbeziehungen zwischen Partei und
Klasse, zwischen Parteimitgliedern und Nichtmitgliedern innerhalb der
Arbeiterklasse. Stalin faßt die Auffassungen Lenins zu dieser
Problematik zusammen: l. Die Autorität der Partei beruhe auf dem
Vertrauen der Arbeiterklasse zur Partei. 2. Dieses Vertrauen wird nicht
auf einmal und schon gar nicht durch Gewaltanwendung, sondern nur durch
langwierige, ständige
Überzeugungsarbeit durch die Partei erworben. 3. Ohne dieses Vertrauen
der Arbeiterklasse gibt es keine wirkliche Führung durch die Partei. 4.
Ohne Führung der Partei, beruhend auf dem Vertrauen der Arbeiterklasse,
gibt es keine einigermaßen feste Diktatur des Proletariats.147)
Führen
heißt, die Massen von der Richtigkeit der Politik der Partei überzeugen,
solche Losungen aufzustellen und durchzuführen, die die Massen an die
Positionen der Partei heranführen und ihnen erleichtert, an Hand ihrer
eigenen Erfahrungen die Richtigkeit der Politik der Partei zu erkennen,
die Massen auf das Bewußtseinsniveau der Partei zu heben und sich somit
die Unterstützung der Massen, ihre Bereitschaft zum entscheidenden
Kampfe zu sichern. Die Methode der Überzeugung ist
die Hauptmethode der Führung der Arbeiterklasse durch die
Partei.148) Die Massen zu führen ist gar keine so leichte
Aufgabe. Einmal stehen sie in ihrer Mehrheit unter dem Einfluß der bürgerlichen
Ideologie, die ihnen von Kindesbeinen an über Schule - Kirche -
Parteien - Klubs -
Organisationen, dem gesamten Kulturbetrieb, durch die Massenmedien
vermittelt wird. Sie sind bis zu einem gewissen Grade durch die
Gesamtheit der Lebensumstände im Kapitalismus gegen die kommunistische
Ideologie immunisiert. Die Massen lernen bekanntlich auch nicht aus Büchern
und Parteiprogrammen.
Die
Mehrheit der Volksmassen sind Empiriker und daran muß die Partei anknüpfen.
Die Erfahrungen der Massen im Kapitalismus, die sie täglich machen,
sind der Ausgangspunkt, an die die Agitation und Propaganda der Partei
in möglichst einfachen, für die Massen verständlichen Worten und
Begriffen anschließen muß. Eine Schwierigkeit für die Partei besteht
darin, daß sie auf ein Minimum von Theorie und geschichtlicher
Erfahrung nicht verzichten kann, d.h. theoretische Erkenntnisse in die
Agitation einbeziehen, die Theorie mit den Erfahrungen der Massen
verbinden, muß ohne die Theorie zu verballhornen oder gar zu verfälschen.
Stalin gehörte zu den wenigen Führern der Kommunistischen
Weltbewegung, die diese Kunst meisterhaft beherrschten, worüber immer
wieder intellektuelle Schöngeister die Nase rümpfen, weil sie nicht
begreifen können, daß die Volksmassen nicht aus Akademikern bestehen.
Die
Partei kann und muß auch nicht alle Arbeiter überzeugen, um Aktionen
durchführen zu können. Sie muß sich allerdings vor „entscheidenden
politischen Aktionen“ die „Unterstützung der Mehrheit der
Arbeitermassen“, zumindest deren „wohlwollende Neutralität“
sichern. Wie aber soll sich die Partei gegenüber der Minderheit der
Arbeiterklasse verhalten, die sich nicht freiwillig dem Willen der
Mehrheit der Klasse unterwirft? In einem solchen Falle kann und muß die
Partei, die das Vertrauen der Mehrheit auf ihrer Seite hat,
die Minderheit „zur Unterwerfung unter den Willen der Mehrheit
zwingen.“ „Das schließt aber die Anwendung von Zwang nicht aus,
sondern setzt sie voraus, wenn dieser Zwang darauf gründet, daß die
Partei das Vertrauen und die Unterstützung der Mehrheit der
Arbeiterklasse genießt, wenn er gegen die Minderheit angewendet wird,
nachdem man es vermocht hat, die Mehrheit zu überzeugen.“149)
Läßt
man die Formulierung „Vertrauen zur und Unterstützung der Partei
durch die Mehrheit: der Arbeiterklasse“ weg, dann kommt die
„Diktatur“ der Partei über die Arbeiterklasse, die „Diktatur der
Führer“ heraus, eine bis heute übliche Verfälschung und
Unterstellung Stalinscher Parteitheorie und Politik. Stalin verwies auf
diesbezügliche Argumente Lenins aus dessen Schrift „Der ‘linke
Radikalismus‘ - die
Kinderkrankheit im Kommunismus.“150) Die damaligen
Verfechter der These „Diktatur der Partei“ beriefen sich auf Lenin,
der selbst von der „Diktatur“ der Partei gesprochen habe. Stalin
schrieb, daß er in Lenins Werken nur fünf Fälle gefunden
habe, in denen Lenin die Frage der „Diktatur der Partei“ „flüchtig
berührt habe“.151) Diese Stellen werden von Stalin im
Wortlaut angeführt 152) und kommentiert:
a)
Lenin hielt die Formel „Diktatur der Partei“ nicht für einwandfrei,
und genau, weshalb er sie äußerst selten gebraucht und manchmal in Anführungszeichen
gesetzt habe.
b)
In Polemik mit Gegnern sei Lenin „gezwungen“ gewesen, „von der
Diktatur der Partei zu sprechen, gewöhnlich von der ‘Diktatur einer
Partei‘, das heißt „daß unsere Partei allein an der Macht steht,
sie die Macht nicht mit anderen Parteien teilt, daß unter der Diktatur
der Partei gegenüber der Arbeiterklasse die Führung durch die Partei,
ihre führende Rolle zu verstehen“ sei.
c)
Bezüglich der Rolle der Partei im System der Diktatur des Proletariats,
wenn diese „wissenschaftlich zu definieren war“, habe Lenin
„ausschließlich von der führenden Rolle der Partei in bezug auf die
Arbeiterklasse“ gesprochen.
Unter
d) folgt ein Hinweis auf Lenin, die Formulierung „Diktatur der
Partei“ nicht in die Resolution des II. Kongresses der KI aufzunehmen
und unter e) die These, wonach die Begriffe „Diktatur der Partei“,
„Diktatur der Führer“ mit dem Leninismus unvereinbar sind.153)
Auf
den ersten Blick könnte man meinen, daß es sich um
Interpretierungsfragen oder einfachen
Wortstreit handelt. Es ist immer wieder zu beobachten, daß aus
Werken der Klassiker einzelne Abschnitte, Sätze zitiert werden, die
unter einer ganz bestimmten konkret-historischen Situation geäußert
und dann zu einem „Axiom“ erhoben werden. Nicht unbekannt sind die
sogenannten „Zitatenschlachten“, Klassikerzitate als „Autoritätsbeweise“,
um den eigenen Standpunkt unter Berufung auf die Klassiker in den Rang
einer „Offenbarung“ zu erheben und damit jeden Widerspruch
abzuschmettern. Wichtiger als die oben genannten Auslegungen der
Lenin’schen Äußerungen scheint mir die Argumentation Stalins zu
sein, nämlich der Hinweis auf die Gefahren, die solche Formulierungen
„Diktatur der Partei“, folglich „Diktatur der Führer“,
erzeugen. Die politischen Konsequenzen solcher Formulierungen für die
parteilosen Massen hießen: „Wagt nicht zu widersprechen“, denn die
Partei sei „allmächtig“, wir haben die Diktatur der Partei!
Parteikader könnten „forscher ran“gehen, „fester“ zupacken,
denn man brauche nicht auf die Stimme der parteilosen Masse zu hören
und schließlich könnte dies bei Parteispitzen zu einer „gewissen
Selbstzufriedenheit“ führen, sie „sogar überheblich“ werden
lassen.154)
Diese
Gefahren bestanden, wobei sie sich nicht nur aus Fehlinterpretierungen,
voluntaristischer Auslegung Lenin’scher Schriften ergaben. Überheblichkeit
bei nur einigen wenigen Parteifunktionären gegenüber den Massen,
Arroganz gegenüber einfachen Menschen, die Gewohnheit „anzuordnen“,
zu „dekretieren“ anstatt zu überzeugen, genügen, um negative
Erfahrungen bei parteilosen Werktätigen zu erzeugen, die den Boden für
die Akzeptanz der These von der „Diktatur der Partei“, „der Führer“
gegenüber der Arbeiterklasse bereiten. „Ob nicht doch ein bißchen
dran ist an dieser Behauptung?“ Gegen diese Gefahren ist auch in
Zukunft keine Partei gefeit. Die Führer der Kommunistischen Partei sind
nicht nur Lehrer der Arbeiterklasse. In einigen Fällen bedürfen auch
die Führer der Erziehung durch die Klasse, die manchmal etwas rauh sein
kann.
1.2.5.
Innerparteiliche Demokratie
In
einem Artikel der Prawda vom 15. Dezember 1923 „Über die
Diskussion“155) setzte sich Stalin mit der Opposition in
der Partei über Fragen der innerparteilichen Demokratie auseinander. Es
gab zwei Gruppierungen, einmal ein Teil der „linken“ Kommunisten (Preobrashenski,
Stukow, Pjatakow u.a.) zum anderen die „demokratischen Zentralisten“
(Rafail, Sopronow u.a.), sowie Trotzki.
Bemerkenswert sind Sprache und Ton, in der die Diskussion
offensichtlich geführt wurde. Es fehlte nicht, so Stalin, an Kraftausdrücken
und Geschimpfe über das ZK, an ungereimten Beschuldigungen. Gegen diese
Art von Grobheiten ging Stalin öfter vor, obwohl er selbst, wie er
mehrfach zugegeben hatte,
auch grob gegenüber seinen Widersachern war.
Diese
Unsitte, Diskussion von strittigen Problemen mit saftigen Kraftausdrücken
zu würzen, gab - und gibt? - es nicht nur in kommunistischen, sondern
auch in bürgerlichen Parteien. Der Krakeel innerhalb und zwischen den
Parteien scheint eine Art klassenindifferenter politischer „Gesetzmäßigkeit“
zu sein, nach dem Motto, wo Argumente fehlen, stellen sich Kraftausdrücke
ein. Besonders in Wahlzeiten, oder bei der Aufdeckung von Skandalen
aller Art, natürlich immer beim andern, können. sich Politiker so
richtig ins Zeug legen, geht es dabei noch gegen kommunistische
Parteien, kommt also der Klassenaspekt hinzu, gibt es für Schmähreden
keine Grenzen mehr. Stalin wandte sich mehrfach gegen die „abstoßenden
Formen“ die die Streitigkeiten annahmen, insbesondere dann, „wenn
sie aus persönlichen Motiven“ entstehen.155a) Das Problem
war die Einschränkung der innerparteilichen Demokratie. Preobrashenski
meinte, daß es 1917 und 1918 keine Einschränkungen gegeben habe, daß
die Einschränkungen, die auf dem X. und XI. Parteitag (März 1921 und März
1922) beschlossen wurden, „das selbständige Denken der Partei“, die
„Selbsttätigkeit der Parteiorganisationen“ beenge.156)
Die genannten Parteitage standen noch unter Leitung Lenins, und es war
Lenin, der das Verbot von Gruppierungen in der Partei vorgeschlagen
hatte, das auf dem X. Parteitag beschlossen wurde.
In
den Jahren 1917/18 gab es einen offenen Kampf zwischen den Gruppierungen
und Fraktionen der Partei, der die Partei in eine Krise geführt hatte,
die mit der Frage ihres „Seins oder Nichtseins“ verbunden war.
Stalin wies besonders auf den Kampf innerhalb der Partei in der Periode
des Brester Friedens hin.157) Darin lagen die Ursachen des
Fraktionsverbotes. Um dies noch einmal zu betonen: Das Fraktionsverbot
war ein Beschluß des Zentralkomitees, der auf Initiative Lenins gefaßt
wurde und kein „Willkürakt“ Stalins, dem immer wieder das
Fraktionsverbot unterstellt wird. Aber auch nach dem Bürger- und
Interventionskrieg, unter den Bedingungen der NÖP, trat Stalin für die
Beibehaltung des Fraktionsverbots ein und wandte sich entschieden gegen
Preobrashenski und andere Genossen, die es aufheben wollten. Mit der NÖP
fand eine Belebung kleinbürgerlicher Tendenzen statt, die auch vor der
Partei nicht halt machten. Die Wiederherstellung des „vergangenen
Regimes des Fraktionskampfes“ würde „unvermeidlich zur Untergrabung
der Einheit der Partei“ führen.158)
Fragen
der innerparteilichen Demokratie können nur unter Berücksichtigung der
konkret-historischen Situation beantwortet werden. Ein Fraktionsverbot
und andere Einschränkungen der innerparteilichen Demokratie bilden kein
allgemeingültiges Axiom der Parteitheorie. Unter bestimmten Bedingungen
sind sie unverzichtbar, unter anderen können sie Initiativen der
Parteimitglieder hemmen. Einer der Verfechter der „Demokratisierung“
der Partei, Sapronow, forderte Neuwahlen, um die Gruppe der führenden
Genossen, nicht zuletzt oder besonders Stalin, aus ihren Funktionen zu
verdrängen. Ohne die Bedeutung von Neuwahlen unter dem Aspekt des
Demokratismus zu leugnen, sah Stalin in ihnen keine „grundlegende
Garantie“ für die Verbesserung des innerparteilichen Lebens. Stalin
unterschied zwei Arten von Demokratismus: erstens den Demokratismus der
Parteimassen, Initiativen zu entfalten, aktiv an der Parteiführung
teilzunehmen und zweitens den „‘Demokratismus‘ unzufriedener
Parteigrößen, die das Wesen des Demokratismus in der Ablösung der
einen Personen durch andere sehen.“159) Stalin hatte die
Beweggründe des „Demokratismus“ der Opposition richtig erkannt. Es
ging nicht um innerparteiliche Demokratie, sondern um Befriedigung
individueller Machtgelüste von politisch unzufriedenen Intellektuellen,
und dahinter standen die NÖP-Bourgeoisie, die Reste der weißgardistischen
Reaktion, unabhängig davon, ob die „demokratischen Oppositionellen“
in der Partei sich dessen bewußt waren oder nicht.
Bis
zum vorläufigen Ende des europäischen Sozialismus trat die
„Opposition“ in den Kommunistischen Parteien stets unter dem
Werbeslogan des Demokratismus auf, das sie als ihr Kampfbanner vorantrug
und hinter dem sich die Konterrevolution formieren konnte. Die
„Demokratisierung“ war und ist der Schlachtruf der internationalen
Konterrevolution. Darauf wies in einem anderen Zusammenhang schon Engels
in einem Brief an Bebel vom 11./l2. Dezember 1884 hin, wonach in einem
revolutionären Moment „...die ganze reaktionäre Masse ... sich
demokratisch“ gebärdet. „Jedenfalls ist unser einziger Gegner am
Tag der Krise und am Tag nachher - die um die reine Demokratie sich
gruppierende Gesamtreaktion, und das, glaube ich, darf nicht aus den
Augen verloren werden.“160)
In
der NÖP-Periode 1923 als dem „Tag nachher“ war die innerparteiliche
Opposition der Wortführer der russischen Gesamtreaktion. Stalin hatte
die Gefahren erkannt, die von der Opposition ausgingen.
Der
Entwicklung der innerparteilichen. Demokratie standen noch andere
Hindernisse im Wege. Da waren die „Überreste und Gepflogenheiten der
Kriegsperiode in den Köpfen mancher ...
Funktionäre“, die die Partei nicht als „selbsttätigen
Organismus“ begriffen sondern als ein „System von Institutionen.“
Diese Überreste ließen sich nicht kurzfristig überwinden. Auf dem
Parteiapparat lastete der Druck des „bürokratischen
Staatsapparats.“ Der Staatsapparat hatte etwa eine Million
Angestellte, der Parteiapparat nicht mehr als 20.000 bis 30.000 Funktionäre.
Der Druck dieser schwerfälligen. Maschinerie ließ sich ebenfalls nicht
in „kürzester Zeit“ überwinden. Schließlich erwies sich auch das
aus der zaristischen Vergangenheit ererbte niedrige Kulturniveau in
einer Reihe rückständiger Parteizellen als ein Hemmnis für die
Entfaltung der innerparteilichen Demokratie.161)
Besonders
gefährlich waren die Angriffe Trotzkis auf das Zentralkomitee,
besonders auf den engeren Führungskreis der Partei. Trotzki berief sich
auf die Erfahrungen mit den Führern der II. Internationale, die zum
Opportunismus entartet waren und extrapolierte diesen Sachverhalt auf
den Führungskern der Bolschewiki. Diese „Argumentation“ war nicht
ungeschickt. Der von Trotzki heraufbeschworenen „Entartung“ der
„alten Garde“ stellte er die Jugend gegenüber. „Die Jugend“ sei
„das sicherste Barometer der Partei“ und reagiere „am schärfsten
auf den Parteibürokratismus.“162)
Der
Analogieschluß von den opportunistischen Führern der II.
Internationale auf die führenden Genossen der Bolschewiki, (zu denen
Trotzki als Mitglied des Politbüros und des ZK selbst gehörte! UH) den
Apparat der Bolschewiki, ist historisch nicht haltbar, war nichts
anderes als Demagogie. Desgleichen die Jungen den Alten gegenüberzustellen,
sie voneinander zu trennen, war auf die Zerstörung der Partei
gerichtet. Möglicherweise gebührt Trotzki das Verdienst, als erster
den „Generationskonflikt“ als Ursache gesellschaftlicher Konflikte
erfunden zu haben, um den Klassenkampf zu kaschieren. As ob man die
historisch bedingten Ursachen für den Bürokratismus im Parteiapparat,
den es ja gab und der von Lenin und Stalin bekämpft wurde,
durch einen Generationswechsel
beseitigen könnte. Trotzkis „Polemik“ war auf die Zerschlagung des
Zentralkomitees, gezielt auf den Sturz Stalins als Generalsekretär
gerichtet. Die bekannte ausgemachte Feindseligkeit in den Beziehungen
zwischen Stalin und Trotzki, die noch aus dem Bürgerkrieg herrührte,
haben dabei auch ihre Rolle gespielt. Die Sachfragen, um die es ging,
lassen sich jedoch nicht auf diese psychologische Komponente reduzieren.
Stalin
bestritt keineswegs die Möglichkeit, daß die alten Bolschewiki
entarten könnten, genausowenig wie wir „vor einem Erdbeben absolut
gesichert sind.“ „Die Möglichkeit einer solchen Gefahr, die
eventuell eintreten könnte, kann und muß zugegeben werden.“163)
Aber Möglichkeiten sind keine Realitäten. Die Gefahr der Entartung der
alten Bolschewiki war real nicht gegeben. Desgleichen war seltsam: Die
„Alten“ könnten entarten, die „Jungen“ dagegen erobern „die
revolutionären Formeln im Kampf.“164) Demnach können die
Jungen nicht entarten? Die Frage der Entartung ist demnach keine
politische, sondern eine Generationsfrage!?
In
seinem Referat auf der XIII. Konferenz der KPR(B) (16. bis 18. Januar
1924) verdeutlichte Stalin die Klassenbedingtheit der innerparteilichen
Demokratie.165) Er ging von der Resolution über den
Parteiaufbau aus, die in der gemeinsamen Sitzung des Politbüros des ZK
und des Präsidiums der ZKK der KPR (B) am 5. Dezember 1923 angenommen
worden war. Das Plenum des ZK (14. bis 15.
Januar 1924) billigte diese Resolutionen, die laut Beschluß der
XIII. Parteikonferenz unterbreitet wurde.
Für
das Verständnis der Diskussion zur innerparteilichen Demokratie ist die
Kenntnis der Situation, in der sie stattfand, von Bedeutung. Die KPR (B)
wurde von der Opposition in eine Existenzkrise gestürzt, von
der das Schicksal der jungen Sowjetunion abhing, die vor einem Jahr, am
22. Dezember 1922, erst gebildet und noch lange nicht gefestigt war.
Dieser Sachverhalt rechtfertigt die Dokumentation der Resolution des ZK
und der ZKK der KPR (B) vom Oktober 1923 in vollem Wortlaut:
Gemeinsame
Plenartagung des ZK und der ZKK mit Vertretern von 10
Parteiorganisationen Moskau, 25. - 27. Oktober 1923
Die
gemeinsame Plenartagung des ZK und ZKK beriet zusammen mit Vertretern
von 10 Parteiorganisationen über die innerparteiliche Lage und
brandmarkte das parteifeindliche, fraktionelle, verleumderische
Auftreten Trotzkis vom 8. Oktober 1923, das das Signal zur Vereinigung
aller oppositionellen Gruppierungen zum Kampfe gegen die Partei, gegen
den Leninismus war. Das Plenum brandmarkte die von Trotzki
zusammengeflickte Plattform, die sich „Erklärung der 46
Oppositionellen“ nannte. Im Kampfe gegen die leninistische Partei
vereinigten sich alle oppositionellen Gruppierungen: die Trotzkisten,
Dezisten, die Überreste der „linken Kommunisten“ und der
„Arbeiter-Opposition“. In ihrer Erklärung prophezeiten sie eine
schwere Wirtschaftskrise und den Untergang der Sowjetmacht und
forderten, als einzig möglichen Ausweg aus der Lage, Freiheit für die
Fraktionen und Gruppierungen, die vom X. Parteitag auf Vorschlag Lenins
verboten worden waren.
Resolution
des Plenums über die Lage in der Partei
Die
gemeinsame Plenartagung billigt voll und ganz den vom Politbüro
rechtzeitig festgelegten Kurs auf die innerparteiliche Demokratie sowie
die vom Politbüro vorgeschlagene Verstärkung des Kampfes gegen jeden
überflüssigen Aufwand und den zersetzenden Einfluß der NÖP auf
einzelne Elemente der Partei. Die gemeinsame Plenartagung beauftragt das
Politbüro, alles Notwendige zu unternehmen, um die Arbeit der vom
Politbüro und vom Septemberplenum eingesetzten Kommissionen zu
beschleunigen: der Kommission 1. zur Frage der „Schere“, 2. zur
Frage des Arbeitslohns, 3. zur innerparteilichen Lage. Das Politbüro
soll, nach Ausarbeitung der notwendigen. Maßnahmen zu diesen Punkten,
beginnen, sie unverzüglich in die Tat umzusetzen und hierüber auf dem
nächsten ZK-Plenum Bericht erstatten. Die gemeinsame Plenartagung des
ZK und der ZKK mit Vertretern von 10 Parteiorganisationen sieht das
Auftreten Trotzkis in dieser für die internationale Revolution und die
Partei höchst verantwortungsvollen Zeit für einen schweren politischen
Fehler an, insbesondere weil der gegen das Politbüro gerichtete Angriff
Trotzkis objektiv den Charakter eines fraktionellen Auftretens angenommen
hat, das die Einheit der Partei zu gefährden droht und eine Parteikrise
herbeiführt. Die gemeinsame Plenartagung stellt mit Bedauern fest, daß
Trotzki zur Behandlung der von ihm aufgeworfenen Fragen den Weg gewählt
hat, an einzelne Mitglieder der Partei zu appellieren, anstatt den
einzig zulässigen Weg zu gehen - diese Fragen zuvor in den Kollegien,
deren Mitglied Trotzki ist, zur Diskussion zu stellen.
Der
von Trotzki gewählte Weg war das Signal zu einer fraktionellen
Gruppenbildung (Erklärung der 46). Die gemeinsame Plenartagung des ZK
und der ZKK und die Vertreter der 10 Parteiorganisationen verurteilen
entschieden die Erklärung der 46 als einen Schritt fraktioneller
Spaltungspolitik, die, wenn auch ohne Willen der Unterzeichner dieser
Erklärung, einen solchen Charakter angenommen hat. Diese Erklärung
droht dem gesamten Leben der Partei für die nächsten Monate den
Stempel des innerparteilichen Kampfes aufzudrücken und so die Partei
in einer für das Schicksal der internationalen Revolution höchst
verantwortungsschweren Zeit zu schwächen. (Angenommen mit 102 gegen 2
Stimmen, bei 10 Stimmenthaltungen). „Dreizehnte Konferenz der KPR(B).
Bulletin“ 1924 166)
Was
aus dem Dokument nicht hervorgeht, ist die Ausdehnung der Tätigkeit
Trotzkis auf die Rote Armee. Im Dezember 1923 entfachte der Leiter der
Politischen Verwaltung der Roten Armee, W.A. Antonow-Owssejenko, in den
Parteiorganisationen der Militärschulen und in Truppenteilen eine
Kampagne gegen das ZK. Trotzki gab die Weisung heraus, eine Konferenz
der kommunistischen Zellen der Militärhochschulen durchzuführen, um
sie für den Kampf gegen das ZK zu mobilisieren. Antonow-Owssejenko gab
ein Zirkular, Nr. 200, an die Armeeorganisationen der KPR (B) heraus, in
denen ihnen die Weisung erteilt wurde, das System der parteipolitischen
Organe der Roten Armee und ihre Funktionen von trotzkistischen
Positionen aus umzubauen. Es liegt auf der Hand, daß bei Durchführung
dieser trotzkistischen Konzeption die Rote Armee zersetzt und ihrer
Kampfkraft beraubt worden wäre. Auch die Rote Armee war nicht gegen die
Unterwanderung von Anhängern Trotzkis gefeit.167)
Wie
aus dem Dokument ersichtlich, wurde die Resolution nach einer Diskussion
von der Mehrheit angenommen, die, wie Stalin bemerkte, „nicht nur bei
der Mehrheit, sondern der gesamten Partei überhaupt so eine einmütige
Billigung gefunden“ hat.168) Dies erneut festzustellen, ist
deshalb wichtig, weil immer wieder Stalin unterstellt wird, daß er
selbstherrlich, willkürlich die Parteifragen allein entschieden, daß
es keine Diskussion gegeben habe. Auf Grund der gespannten Situation in
der Partei, der inneren und äußeren Lage der Sowjetunion gelangte
Stalin zu der Einschätzung, daß es eine „voll entfaltete, vollständige
Demokratie ... offenbar nicht geben“ wird. Sie wird sich in den vom
X., XI. und XII. Parteitag umrissenen Grenzen halten. Die „wichtigste
Garantie“, daß in „unserer Partei die innerparteiliche Demokratie
in Fleisch und Blut“ übergehe, sei „die Stärkung der Aktivität
und der Bewußtheit der Parteimassen.“ Es gäbe einige Genossen und
Organisationen, die „aus der Frage der Demokratie einen Fetisch
machen, indem sie diese als etwas Absolutes, außerhalb von Zeit und
Raum, betrachten.“ Es gäbe „Augenblicke, in denen es unmöglich und
sinnlos“ sei, „sie zu verwirklichen.“169)
Für
die Verwirklichung einer umfassenden Demokratie müssen die inneren und
äußeren Bedingungen gegeben sein: eine entwickelte Industrie, zahlenmäßiges
und qualitatives Wachstum der Arbeiterklasse, dies gelte auch für die
Partei. Der Frieden war noch nicht gesichert, die Bedrohung von außen
durch einen imperialistischen Interventionskrieg bestand nach wie vor.
„.. .wenn man uns überfällt und wir das Land mit der Waffe in der
Hand verteidigen müssen, kann von Demokratie gar keine Rede sein,,
denn wir werden sie einschränken müssen.“ Wahrscheinlich würden
wir die Reihen der Partei „militarisieren,“ ... „die Frage der
innerparteilichen Demokratie“ würde von selbst entfallen.170)
Es
gäbe noch andere Hindernisse für die Entfaltung der innerparteilichen
Demokratie, Überreste des militärischen Denkens aus der Kriegsperiode
bei einem Teil der Funktionäre, Druck des bürokratischen
Staatsapparats auf den Parteiapparat, auf Parteifunktionäre, das
niedrige Kulturniveau einer ganzen Reihe von Organisationen. Für die
Wahl von Funktionären müssen die Parteimitglieder und deren
Organisationen als Ganzes ein Mindestmaß an Bildung haben, wie auch die
zu wählenden Funktionäre. Wenn aber dieses „Mindestmaß“ nicht
vorhanden ist, müsse man von einer demokratischen Wahl absehen und zur
Ernennung von Funktionären übergehen.171)
In
einer von Trotzki verfaßten Resolution wurden erneut die Fragen Apparat
und Partei, Kader und Jugend, Fraktionen und Einheit der Partei
gestellt. Unter der Losung des Kampfes gegen die „Apparatleute“
suchte Trotzki den Parteiapparat der Partei gegenüberzustellen. Es war
aber so, daß die Gouvernements- und Kreiskomitees wie auch das ZK gewählt
wurden. Diese Leitungsgremien waren der Partei unterstellt. Die Angriffe
Trotzkis gegen den Parteiapparat stellten eine Gefahr dar, denn sie könnten
unerfahrene Parteimitglieder irritieren. Die Partei ohne Apparat ist
nicht denkbar. Nach Trotzki reagiere die „studierende Jugend“
besonders empfindlich auf den Bürokratismus und forderte, mehr
„studierende Jugend“ in die Partei aufzunehmen. Stalin erinnerte an
die Auseinandersetzungen Lenins mit Martow bezüglich der Aufnahme von
Intellektuellen in die Partei. Die Partei ist eine Arbeiterpartei,
folglich müsse vor allem der proletarische Teil der Partei wachsen.
Lenin meinte, daß in unserem Komitees „auf je zwei Intellektuelle
acht Arbeiter“ kommen sollten.172)
Schließlich
forderte Trotzki. die „Freiheit der Gruppierungen“, die Aufhebung
des Fraktionsverbotes. Nach Trotzki wären Gruppierungen eine Reaktion
auf das „bürokratische Regime des Zentralkomitees“. Würde es dies
nicht geben, dann gäbe es auch keine Gruppierungen. Aber dies, so
Stalin, sei keine marxistische Fragestellung. Gruppierungen entstünden
und werden entstehen, weil es verschiedene Wirtschaftsformen im Land gäbe,
von Keimformen des Sozialismus bis zu mittelalterlichen
Wirtschaftsformen. Mit der NÖP gäbe es Kapitalismus, ein
Wiederaufleben des Privatkapitals und ein Wiederaufleben der
entsprechenden Ideen, die auch in die Partei eindringen. In der Partei
gibt es Arbeiter, Bauern und Intellektuelle. Darin lägen die Ursachen für
die Schaffung von Gruppierungen, „die wir manchmal durch chirurgische
Maßnahmen entfernen müssen und manchmal durch ideologische
Beeinflussung auf dem Wege der Diskussion zum Verschwinden bringen müssen.173)
Trotzki
wolle die Partei in eine „Föderation von Gruppen“ umwandeln, und
dies unter den Bedingungen der kapitalistischen Umkreisung, die nicht
nur „eine einheitliche, nicht nur eine fest zusammengeschlossene,
sondern eine wirklich stählernde Partei“ erfordere, die „dem
Ansturm der Feinde des Proletariats“ standhalten und die Arbeiter in
den „entscheidenden Kampf“ führen kann. Darum können keine
Gruppierungen und Fraktionen in der Partei geduldet werden.174) Interessant
und aktuell ist die Kritik Stalins an der Methode der Opposition, die es
sich zur Regel gemacht habe, „Genossen Lenin als den genialsten aller
genialen Männer zu preisen... .“ „Man will mit einem Wortschwall
von der Genialität des Genossen Lenin die Abkehr von Lenin
verbergen.“175) Dies habe Preobrashenski allerdings nicht
daran gehindert, in der Frage des Brester Friedens dem „genialsten
aller genialen“ Männer nicht zu folgen, und Sapronow erlaubte sich,
auf einem der Parteitage Lenin einen „Ignoranten“ und „Oligarchen“
zu nennen.176) Diese Methode gehört auch heute noch in das
ideologische Arsenal von Opportunisten in kommunistischen und anderen
linken Parteien, um unter Berufung auf Lenin Ideen des bürgerlichen
Parlamentarismus in ihre Programmatik einzuschmuggeln und den
antikommunistischen Ideologen Referenz zu erweisen. Unter Berufung auf
Lenin wird die Schaffung einer einheitlichen, starken Kommunistischen
Partei in Deutschland heute noch blockiert.
Auf
dem XIII. Parteitag der KPR (13) (23. bis 31. Mai 1924) fand der Kampf
zwischen Zentralkomitee und Trotzki seine Fortsetzung.177)
Neben der Wiederholung der w.o. skizzierten Argumente gab es auch einige
neue Akzente. Nach Trotzki „mache die Partei keine Fehler. Dies sei
nach Meinung Stalins unmöglich“. Die Partei mache „nicht selten“
Fehler. Es käme darauf an, Fehler herauszufinden, ihre Wurzeln bloßzulegen,
um aus der Analyse der Fehler sie in Zukunft vermeiden zu können.
Anders gäbe es keine Parteientwicklung.178) Preobrashenski
kritisierte die „Parteireinigung“, die ein „Instrument“ der
Mehrheit gegen die Opposition sei. Stalin wies diese Behauptung zurück.
Periodische Reinigungen der Partei von „unzuverlässigen Elementen“
seien erforderlich, weil sich anders die Partei
nicht festigen könne. Es gab Fehler bei der Parteireinigung,
aber habe es „bei einem großen Werk“ jemals „keine einzelnen
Fehler“ gegeben? So gab es Entrüstungen von hochbezahlten
Parteimitgliedern - mit Monatsgehalt von 1.000 bis 2.000 Rubel - die
sich darüber „entrüsteten“, daß sie von „irgendeinem
Chauffeur... gereinigt“ werden sollten. Solche Parteimitglieder müßten
erzogen oder umerzogen werden, mitunter durch Ausschluß aus der Partei.
Es sei notwendig, „von Zeit zu Zeit die Reihen der Partei mit einem
Besen von Unrat zu säubern.“179)
Nun
hört sich diese Äußerung sehr grob an. Aber das war damals der
Umgangston in der KPR (B), keine Besonderheit Stalins. Die
„Parteireinigungen“ in der KPR (B) sind auch später oft entstellt
reflektiert worden. Es wurde schon darauf hingewiesen, daß nach der
Revolution allerhand Karrieristen, kleinbürgerliche Intellektuelle,
selbst Gauner und Diebe, in die Partei kamen und dort Unheil
anrichteten. Es gab die auch in anderen Parteien bekannten sogenannten
„Karteileichen“, die wohl in der Partei waren, aber nicht am
Parteileben teilnahmen, keine Beiträge zahlten und in den
Grundorganisationen nicht einmal bekannt waren. Solche
„Parteireinigungen“ waren für die KPR (B) bzw. KPdSU (B) eine
Notwendigkeit, um ihren Charakter als revolutionäre Kampfpartei zu
erhalten. Fehler, die Stalin auch einräumte, waren dabei unvermeidlich,
denn auch die mit der Überprüfung der Mitglieder beauftragten Genossen
waren in manchen Fällen überfordert, so daß in einer Reihe von Fällen
unberechtigte Ausschlüsse wieder rückgängig gemacht werden mußten.
„Parteireinigungen“ hat es in der SED in dieser Form nicht gegeben.
Periodische Überprüfung der Mitglieder, schon aus statistischen Gründen,
meist verbunden mit der Ausgabe neuer Parteidokumente, waren auch hier
notwendig.
Mangelnde
Parteidisziplin, Verletzungen der Beitragspflicht sind in
kommunistischen Parteien bis heute nicht unbekannt. Die Oppositionellen
entfalteten eine „hemmungslose Agitation für Demokratie in der
Partei“. Sie würden unwillkürlich, ohne es zu wollen, zu einer
„Art Sprachrohr der neuen Bourgeoisie“ werden, die auf die
Demokratie in unserer Partei pfeife, aber im Lande gern eine Demokratie
haben möchte. Diese Opposition in der Partei begünstigte die Agitation
der neuen Bourgeoisie, die auf die Schwächung der Diktatur des
Proletariats, auf die „Erweiterung“ der Sowjetverfassung, auf die
Wiederherstellung der politischen Rechte der Ausbeuter abziele. „Nicht
umsonst sympathisieren die Menschewiki und Sozialrevolutionäre“ mit
der Opposition.180) Demokratiefragen, ob innerhalb oder außerhalb
der Partei, erwiesen sich immer wieder als Klassenfragen.
Auf
dem XV. Parteitag der KPdSU (B) (2. bis 19. Dezember 1927) äußerte
sich Stalin zu weiteren Aspekten der innerparteilichen Demokratie. Im
Abschnitt III, „Die Partei und die Opposition“181)
stellte Stalin die Frage, welche Demokratie die Partei brauche, eine
Demokratie der „Freiheit für ein paar vor der Revolution losgelöste
Intellektuelle, ohne Ende zu schwätzen, ein eigenes Presseorgan zu
besitzen ...“ oder eine Demokratie der „Freiheit für die
Parteimassen, über Fragen unseres Aufbaus zu entscheiden, den
Aufschwung der Aktivität der Parteimassen, ihre Heranziehung zur Führung
der Partei, die Entwicklung ihres Gefühls, Herr in der Partei zu sein.
...“ Die erstere brauchen wir nicht, die zweite haben wir.182)
Die
Kollegialität in der Führung habe zugenommen. Sowohl quantitativ als
auch qualitativ sei die Führung gewachsen. Das ZK und die ZKK als
leitendes Zentrum umfassen 200 bis 250 Genossen, die regelmäßig
zusammentreten. Die Entscheidung wichtiger Fragen ginge mehr und mehr
von einer engen führenden Gruppe in ein breiteres Zentrum über. Neben
den alten Kadern gesellen sich zunehmend neue emporsteigende Kader, die
hauptsächlich aus Arbeitern bestehen. Gab es früher Hunderte bis
Tausende Parteikader, so jetzt Zehntausende. Von den untersten
Organisationen in der gesamten Union bis „ganz hinauf ... zählen
unsere Parteikader, deren gewaltige Mehrheit aus Arbeitern besteht,
jetzt nicht weniger als l00.000 Funktionäre.“ Zugleich wachsen die
ideologisch-organisatorischen Erfahrungen, gäbe es ein Wachstum der
kommunistischen Kultur des Kaderbestandes.183) Es gab jedoch
auch noch „ernste Mängel“. Es zeigten sich Erscheinungen der
Vetternwirtschaft, des Spießertums in der Partei. Die Entwicklung
vollziehe sich nicht in einem reibungslosen, allgemeinen Aufschwung.
Noch gäbe es Klassen und Widersprüche im Lande. Unser Vormarsch
erfolge im Kampf, durch Entwicklung der Widersprüche und deren Überwindung.184)
„Niemals, solange es Klassen gibt, wird sich ein Zustand herbeiführen
lassen, wo man wird sagen können: Nun, Gott sei Dank, jetzt ist alles
gut. Niemals wird das bei uns der Fall sein, Genossen.“185)
Es
gäbe noch immer Erscheinungen der Überheblichkeit. „Zwei, drei große
Erfolge, und schon dünkt man sich ein Goliath.“186) Statt
zu überzeugen, werde noch immer administriert. Man müsse der Gefahr
entgegenwirken, daß sich die Parteiorganisationen in „öde
Kanzleiinstitutionen“ verwandeln. Ein Teil unserer Funktionäre, der
gegen den Bürokratismus kämpft, werde mitunter selbst vom Bürokratismus
infiziert. Solange der Staat besteht, würde dieser Prozeß in höherem
oder geringerem Grade fortdauern.187) Eine
Anzahl von Genossen würden zu einem ruhigen Leben, ohne Perspektivbewußtsein
streben, „daß ringsum eine festliche und feierliche Stimmung
herrsche, daß jeden Tag bei uns feierliche Sitzungen stattfinden, daß
nur ja überall Beifall geklatscht und womöglich jeder von uns der
Reihe nach als Ehrenmitglied in alle möglichen Präsidien gewählt
werde.“188) Letztendlich schimmeln solche Genossen an,
blieben im „Schlamm des Spießertums“ stecken, verwandeln sich
letztendlich in echte Spießer. Dies wäre „der Weg wirklicher
Entartung.“189) Gab es solche Erscheinungen nicht auch in
der SED in den 80er Jahren?
1.2.6.
Kritik und Selbstkritik
„Die
Selbstkritik hat viel für sich. // Gesetzt den Fall, ich tadle mich; //
So hab‘ ich erstens den Gewinn, // Daß ich so hübsch bescheiden bin;
// Zum zweiten denken sich die Leut, // Der Mann ist lauter Redlichkeit;
// Auch schnapp‘ ich drittens diesen Bissen // Vorweg den andern
Kritiküssen; // Und viertens hoff‘ ich außerdem // Auf Widerspruch,
der mir genehm. // So kommt es denn zuletzt heraus, // Daß ich ein ganz
famoses Haus.“
Mir
ist nicht bekannt, ob Stalin Wilhelm Busch gekannt hat. Aber dieser hübsche
Vers verdeutlicht in poetischer Form, wogegen Stalin gekämpft hat, der
in mangelnder, echter Selbstkritik eine „äußerst ernste Gefahr“
sah. So seien Genossen, die in den Dörfern arbeiteten von sogenannten
„behördlichen Erwägungen“ erfüllt, daß man nach oben „alles
‘im besten Licht’ zeigen müsse, daß bei uns alles aufs beste
bestellt sei, daß man die Eiterbeulen verdecken müsse, daß Kritik
nicht notwendig sei, da sie die örtlichen Machtorgane, die örtlichen
Funktionäre diskreditiere...“.190)
In
einer Rede vom 19. Januar 1925 wies Stalin erneut auf die Gefahren hin,
die entstehen, wenn man Angst vor Kritik habe, Mängel, die es gäbe,
aufzudecken, um sie zu beseitigen. „Entweder wir, die ganze Partei,
erlauben den parteilosen Bauern und Arbeitern, uns zu kritisieren, oder
sie werden uns durch Aufstände kritisieren... . Entweder wir hören
auf, nach Beamtenmanier alles in bester Ordnung zu finden, fürchten
keine Kritik und lassen uns von den parteilosen Arbeitern und Bauern
kritisieren, die doch die Auswirkungen unserer Fehler an ihrem eigenen
Leibe spüren, oder wir tun das nicht, ... und dann folgt die Kritik in
Form von Aufständen.“191)
In
einem Brief an Genossen ME - RT vom 28. Februar 1925 berührte Stalin
Fragen der Kritik bezüglich der Parteien der Komintern. Es gäbe keine
Partei, die frei von einzelnen Fehlern wäre. Man solle im
Exekutivkomitee der KI nicht die Augen davor schließen, sich einer
Parade „des völligen Einverständnisses“, des „Wohlergehens“
erfreuen und „in allem einander zustimmen.“ Solche Parteien würden
„niemals revolutionäre Parteien werden... .“ Stalin kritisierte
auch die Politik „des Hinausjagens aller andersdenkenden Genossen.“
Dies würde ein „Regime des Einschüchterns, ein Regime des
Furchteinflößens“ erzeugen, das den Geist der Selbstkritik und der
Initiative tötet.“ Es sei „nicht gut, wenn man die Führer der
Partei fürchtet, sie aber nicht achtet.“
Die
russischen Bolschewiki hätten eine „intensive prinzipielle Aufklärungskampagne
gegen den Trotzkismus geführt und dadurch Hunderttausender neuer (noch
unerfahrener UH) Parteimitglieder und Parteilose im Geiste des
Bolschewismus erzogen. Repressalien allein genügen nicht. Der Ausschluß
aus der Partei sei das letzte Mittel, und dem müsse eine prinzipielle
Aufklärungskampagne vorausgehen.192) Den gleichen Gedanken
wiederholte Stalin in einer Rede auf einem erweiterten Plenum des
Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) am 27. März 1925. Der Kampf gegen
rechte Abweichungen in der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei
bedeute nicht, „daß alle Rechte unbedingt und restlos ausgeschlossen
werden müssen. Der Ausschluß ist nicht das entscheidende Mittel im
Kampf gegen die Rechten.“ Das Wesentlichste sei, die rechten
Gruppierungen im Verlauf eines prinzipiellen Kampfes ideologisch und
moralisch zu zerschlagen, wobei die Parteimassen in diesen Kampf
einbezogen werden müssen.193) Kritik ist hier als Waffe im
Kampf gegen Abweichungen und zugleich als Mittel der
politisch-ideologischen Erziehung der Parteimassen charakterisiert.
In
einem Referat vor dem Aktiv der Moskauer Parteiorganisation vom 9. Mai
1925 bezeichnete Stalin die Selbstkritik als ein „Zeichen der Stärke.“
Nur eine starke Partei könne sich eine „schonungslose Kritik an ihren
eigenen Mängeln“ leisten. Eine Partei, „die das Tageslicht und die
Kritik scheut“, ist „eine Clique von Betrügern, die zum Untergang
verurteilt sind“.194) Drei Jahre später, am 13. April
1928, widmete Stalin in einem Referat vor dem gleichen Aktiv einen
ganzen Abschnitt allein der Selbstkritik.195) Die
Selbstkritik gehöre zum Wesen des Regimes der Diktatur des
Proletariats. In einem Lande, in dem die Diktatur des Proletariats von
einer Partei geleitet werde, die die Macht nicht mit anderen Parteien
teile und auch nicht teilen könne, müssen „wir selber unsere Fehler
aufdecken und korrigieren“, da „es sonst niemand gibt, der sie
aufdecken und korrigieren“ könne. Selbstkritik müsse eine der
„gewichtigsten Kräfte“ sein, die unsere Entwicklung vorantreibe.196)
Die
Stärke des Bolschewismus bestehe gerade darin, seine Fehler
einzugestehen. Mögen alle ehrlichen Arbeiter und werktätigen Elemente
die Mängel in unserer Arbeit, in unserem Aufbau aufdecken und Wege zur
Beseitigung unserer Mängel aufzeigen.
Stalin
wies auf Probleme im Verhältnis von Massen und Führern hin. Einerseits
habe sich eine Gruppe von Führern herausgebildet, deren Autorität ständig
steige. Ohne eine solche autoritative Gruppe von Führern ist die
Leitung eines großen Landes undenkbar. Andererseits erfolgt der
Aufstieg der Massen der Arbeiterklasse und der anderen Werktätigen sehr
langsam, „sie beginnen, von unten zu den Führern auf zuschauen, sind
vom Glanz geblendet und fürchten sich oftmals, ihre Führer zu
kritisieren“,197) Darin bestünde die Gefahr der Loslösung
der Führer von den Massen. Stalin führt diesen Prozeß zunächst auf
objektive Ursachen zurück, den politisch-ideologischen Entwicklungsrückständen
der Massen gegenüber den Führern. Dies könne dazu führen, daß die Führer
überheblich werden und sich für unfehlbar halten. Dadurch drohe der
Partei der Untergang. Darum sei es erforderlich, „in Form von
Selbstkritik und Kritik an unseren Mängeln die breite öffentliche
Meinung der Arbeiterklasse als lebendige und wachsame moralische
Kontrolle zu organisieren, für deren Stimme die Führer, die große
Autorität genießen, ein aufmerksames Ohr haben müssen.“198)
Ohne
an dieser Stelle eine Abhandlung über die Entstehung einer „öffentlichen
Meinung“ zu verfassen, ist auf die Kompliziertheit dieses Prozesses
hinzuweisen. Die „öffentliche Meinung“ ist Produkt von
Informationen. Wie weiter oben erwähnt, übten die Trotzkisten und
andere Oppositionelle bedeutenden Einfluß auf Teile der Arbeiterklasse,
auf nicht wenige Parteiorganisationen, selbst in der Roten Armee, aus.
Die „öffentliche Meinung“, wenn vorwiegend von den Trotzkisten geprägt,
kann dann sogar sehr gefährlich für die revolutionäre Partei werden.
Stalin wies dann auch zu recht auf die Bedeutung der Presse hin, so auf
das Blatt der Arbeiter- und Bauerninspektion „Listok Rabotsche -
Krestjanskoi Inspekzii“, das in bestimmten Zeitabständen in der
„Prawda“ erschien, und auf die „Komsomolskaja Prawda“, Organ des
Leninschen Kommunistischen Jugendverbandes der Sowjetunion. Die Kritik
von Arbeitern und anderen Werktätigen sei nicht immer hundertprozentig
richtig, sei unvollkommen. Die Arbeiter seien nicht immer in der Lage,
„ihre Gedanken richtig zu formulieren.“ Es folgt der nicht
unbekannte Satz, „...daß man auch eine Kritik, die nur 5 - 10 Prozent
Wahrheit enthält, begrüßen, sie aufmerksam anhören und ihren
gesunden Kern berücksichtigen muß.199)
Es
ginge jedoch nicht um jedwede Kritik. „Die Kritik eines
Konterrevolutionärs ist ebenfalls Kritik.“ Sie bezwecke die
Diffamierung der Sowjetmacht.200) Eine solche Kritik sei
nicht gemeint, sondern es gehe um Kritik, die von Sowjetmenschen ausgehe
zur Verbesserung der Organe der Sowjetmacht. Dies war sicher richtig,
aber in der Praxis nicht immer zu unterscheiden. Einmal ist die
Konterrevolution durchaus in der Lage, ihre „Kritik“ als
„Verbesserung“ der Sowjetordnung zu verkaufen, wie die
geschichtlichen Erfahrungen seit 1928 beweisen. Eine offene
„Kritik“, auf die Diffamierung der Sowjetmacht gerichtet, würde
schnell erkannt und zerschlagen werden. Zum anderen können Funktionäre
berechtigte Kritik an ihrer Arbeit als „Diffamierung“ der
Sowjetmacht abschmettern und damit jedwede Kritik unterdrücken. Auch
dies wird durch geschichtliche Erfahrungen bestätigt. Diese Widersprüchlichkeit
zwischen der Notwendigkeit der Kritik und dem Mißbrauch der Kritik ist
unvermeidbar. Es kommt hinzu, daß in prekären Klassenkampfsituationen
Kritik und Selbstkritik eingeschränkt werden müssen, denn selbst
berechtigte Kritik kann von der Konterrevolution ausgenutzt, in ihr
Gegenteil umgewandelt werden. Kritik und Selbstkritik erweisen sich
somit als ein diffiziles politisches Problem.
Darauf
verwies Stalin in einem Prawda-Artikel vom 26. Juni 1928 unter dem Titel
„Gegen die Vulgarisierung der Losung der Selbstkritik.“201)
Es gäbe eine Art „Selbstkritik“, die auf die Zerstörung des
Parteigeistes auf die Diskreditierung der Sowjetmacht gerichtet sei.
Dazu gehöre das Geschwätz von der „Entartung“. Damit meinte Stalin
die Opposition in der Partei.202) Es gab auch Formen der
Vulgarisierung der Kritik. So würde sachliche Kritik an Mängeln durch
„Reklamegeschrei gegen Auswüchse im persönlichen Leben“ ersetzt,
Kritik um der Kritik willen, als „Sport“ betrieben, als
„Sensationsmacherei“.203) Diese Art von „Kritik“
scheint eine unausrottbare üble Erscheinung in allen linken Parteien
bis in die Gegenwart zu sein. Situationsbedingt nannte Stalin noch die
Umwandlung der Selbstkritik in „eine Hetze gegen unsere
Wirtschaftler“, deren Diffamierung. Auch Wirtschaftler seien nicht
hundertprozentig gegen Fehler gefeit. Es gäbe überhaupt keine
Menschen, die hundertprozentig gegen Fehler gefeit seien. Für die
Heranbildung von Wirtschaftskadern seien „Jahre und nochmals Jahre
erforderlich“. Die Hauptsache sei: „Ersetzt die Massenkritik von
unten nicht durch ‘kritisches’ Wortgeprassel von oben... .“204)
Im
politischen Rechenschaftsbericht des ZK an den XVI. Parteitag (26. Juni
bis 13. Juli 1930) faßte Stalin die Ergebnisse der
„Selbstkritikkampagne“, eröffnet am 3. Juni 1928, zusammen. Die
Schachty-Affäre, eine groß angelegte Sabotageaktion einer
konterrevolutionären Organisation ehemaliger Grubenbesitzer und bürgerlicher
Spezialisten (die „Schachtinzy“) im Donezgebiet (Drosselung der
Kohlenförderung, Beschädigung von Maschinen und Lüftungsanlagen, die
zu Einstürzen, Explosionen und Bränden in Gruben, Fabriken und
Kraftwerken führten), war der Anlaß für diese Kampagne.205)
Mangelnde Wachsamkeit, Mängel in der Führungstätigkeit der
Parteifunktionäre, deren politische Blindheit und Überheblichkeit
hatten diese Sabotagetätigkeit lange Zeit übersehen lassen. Die
Schachty-Affäre habe gezeigt, „daß es der Partei stellenweise an
revolutionärem Spürsinn fehlte.“206)
Mängel
der Arbeit in den örtlichen Parteiorganisationen im Kampf gegen das
Kulakentum waren ein weiterer Anlaß für die „Selbstkritikampagne“.
Alle Kräfte in Partei und Arbeiterklasse waren zur Entfaltung der
Selbstkritik „von oben bis unten und von unten bis oben, ohne Ansehen
der Person“ aufgerufen. Aufgabe der Selbstkritik sei, die Mängel in
der Arbeit rücksichtslos aufzudecken. Zugleich grenzte Stalin die
Selbstkritik von der trotzkistischen „Kritik“ ab, die auf die
Diskreditierung der Sowjetmacht gerichtet war.207)
Erfahrungsgemäß
ist die Kritik von oben nach unten, die Selbstkritik unten, ohne
Schwierigkeiten zu haben, aber umgekehrt, von unten nach oben erweist
sich die Kritik etwas schwieriger. Die Genossen in den oberen
Leitungsetagen haben nicht wenige Möglichkeiten, unbequeme Kritiker zum
Schweigen zu bringen. Die Methoden reichen von Versetzungen, möglicherweise
mit „Beförderung“, Suche nach Fehlern, Mängeln des kritisierenden
Genossen, und da es bekanntlich keinen Menschen „ohne Fehl und
Tadel“ gibt, läßt sich rasch etwas finden, aufbauschen, oder sogar
erfinden und unterstellen bis zur Behauptung, der Kritiker wolle alte,
bewährte Genossen „abschießen“, sei gar ein Schädling!
„Moderne“ Formen wie das „Mobbing“, um kritische Genossen aus
der Partei zu drängen, gab es zu Stalins Zeiten noch nicht. Die in der
Partei organisierten Genossen sind nicht isoliert von der Gesellschaft
mit ihren Klassen und Schichten. Auch in Zukunft wird es solche häßlichen
Gewohnheiten wie Unterdrückung der Kritik geben, die eingeschränkt,
aber nicht aufgehoben werden können. Das Parteileben vollzieht sich in
Widersprüchen, Kämpfen, Auseinandersetzungen, in denen auch die üblen
Tricks der Klassengesellschaft Anwendung finden. Stalin hatte über
diesen Sachverhalt keine Illusionen. Kritik und Selbstkritik waren und
sind im Kampf gegen diese Übel zweifellos ein wirksames Mittel, allmächtig
sind sie nicht.
1.2.7.
Quantität und Qualität
Besonders
nach Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse muß die Partei
aufpassen bezüglich der Aufnahme von neuen Mitgliedern. In einer
Mitgliederversammlung der Tifliser Organisation der KP Georgiens am 6.
Juli 1921 rief Stalin die Genossen zur Vorsicht auf. Seit die KPR (B)
Regierungspartei sei, würden mitunter „ganze Gruppen“ unzuverlässiger,
karrieristischer Elemente der Partei beitreten oder beizutreten
trachten, die „den Geist der Zersetzung und des Konservatismus“ in
die Partei hineintragen. Die „Kraft und das Gewicht einer Partei,
besonders der kommunistischen Partei“, hänge „nicht so sehr von der
Menge ihrer Mitglieder als vielmehr von ihrer Qualität, von ihrer
Standhaftigkeit und der Treue für die Sache des Proletariats“ ab. Die
KPR (B) zählte zu dieser Zeit 700.000 Mitglieder. Wenn die Partei
wolle, so könne sie die Mitgliederzahl auf sieben Millionen bringen,
aber 700.000 standhafte Kommunisten sind eine „ernster zu nehmende
Kraft... als 7 Millionen Mitläufer, die niemand braucht und die zu
nichts nutze sind“.
Die
KPR (B) habe niemals nach einer großen Mitgliederzahl gejagt, ihr ging
es vor allem um die Verbesserung der qualitativen Zusammensetzung der
Partei. Die deutsche Sozialdemokratie war Ende des 19. Jahrhunderts die
größte der Welt, die sich während des imperialistischen Krieges
(Erster Weltkrieg, UH) als „Spielzeug in den Händen des
Imperialismus“ erwies, nach dem Krieg in den Abgrund stürzte, weil
sie jahrelang ihre Organisationen durch Aufnahme von allerhand „kleinbürgerlichem
Gesindel“ den „lebendigen Geist in ihr tötete.“208)
Mit dem „Sturz in den Abgrund“ ist hier die Zerstörung der
Sozialdemokratie als revolutionärer Klassenpartei zu verstehen. Im
Konzert kapitalistischer Machtausübung spielte sie als kleinbürgerliche
Reformpartei in der Arbeiterbewegung bis 1933 noch eine Rolle, wenn auch
eine sehr schäbige.
In
Auswertung des XIII. Parteitages vom 17. Juni 1924 warnte Stalin davor,
das „Lenin-Aufgebot“ - anläßlich des Todes von Lenin kam es zu
zahlreichen Neuaufnahmen in die Partei - zu übertreiben. Es habe
250.000 Neuaufnahmen aus der Arbeiterklasse gegeben. Es gäbe Stimmen,
die Zahl der Mitglieder auf eine Million, sogar auf zwei Millionen zu
bringen. „Die größten Parteien können zugrunde gehen, wenn sie sich
übernehmen, zu vieles erfassen und sich dann unfähig erweisen, das
Erfaßte festzuhalten, zu verdauen. In der Partei gab es vor dem
Lenin-Aufgebot etwa 60 Prozent politisch ungeschulter Genossen, danach
werden es etwa 80 Prozent sein. Man solle sich auf die 800.000
Mitglieder beschränken, die qualitative Zusammenarbeit der Partei
verbessern, das Lenin-Aufgebot in den Grundlagen des Leninismus
unterweisen, die Mitglieder zu bewußten Leninisten erziehen.209)
Eine weitere Warnung vor unkontrolliertem zahlenmäßigen Wachstum der
Partei erfolgte in einer Unterredung mit Teilnehmern einer Beratung der
Agitprop-Abteilungen am 14. Oktober 1925. Ein zahlenmäßiges Wachstum
sei natürlich gut, aber ein zu schnelles Wachstum führe „zu einer
gewissen Senkung des Bewußtseinsniveaus der Parteimitglieder, zu einer
gewissen Qualitätsverschlechterung der Partei.“ Man solle dem
unregulierten Zustrom zur Partei Einhalt gebieten und neue Mitglieder
„nur nach sorgfältiger Auswahl in die Partei“ aufnehmen. Des
weiteren müsse eine „intensive politische Schulung unter den neuen
Mitgliedern“ organisiert werden.210)
Offenbar
gab es immer wieder den Drang, die Partei zahlenmäßig zu erweitern. So
mußte Stalin auf dem XIV. Parteitag der KPdSU (B) (18. bis 31. Dezember
1925) die unvernünftige Forderung einiger Genossen zurückweisen, „in
ein oder zwei Jahren 90 Prozent der gesamten Arbeiterklasse ... in der
Partei“ zu organisieren.211) Bei Neuaufnahmen sollten vor
allem der Kern der Arbeiterklasse, die Arbeiter der Großindustrie, berücksichtigt
werden. Auch wenn die Partei eine Arbeiterpartei ist, müßte „ein
gewisser Prozentsatz der besten Vertreter der Bauernschaft in die Partei
aufgenommen werden. Dies erfordere das Bündnis der Arbeiterklasse mit
der werktätigen Bauernschaft.212) Für die Sowjetunion, in
der die Mehrheit der Bevölkerung 1925 noch immer aus Bauern bestand,
war diese Forderung für den Erhalt und die Stabilität der Diktatur des
Proletariats von besonderer Bedeutung.
Im
Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag der KPdSU (B) (10. bis 21.
März 1939) wies Stalin auf einige weitere Aspekte in der
marxistisch-leninistischen Erziehung der Parteimitglieder und
Parteifunktionäre hin. Als Axiom müsse gelten: „Je höher das
politische Niveau und je bewußter die marxistisch-leninistische
Einstellung der Funktionäre des betreffenden Zweiges der Staats- und
Parteiarbeit, um so höher steht die Arbeit und umgekehrt....“213)
Im weiteren orientierte Stalin auf die Verbindung von Fachwissenschaft
mit der marxistisch-leninistischen Wissenschaft im Studium. Ein Leninist
könne nicht nur ein Spezialist auf einem wissenschaftlichen Gebiet
sein, er dürfe sich nicht abkapseln vom politischen Leben des Landes,
sondern müsse ein aktiver Teilnehmer an der politischen Leitung des
Landes sein. Dies bedeute natürlich „für die Spezialisten unter den
Bolschewiki eine zusätzliche Arbeit.“214) Hohen
Stellenwert maß Stalin der Parteipropaganda und der Erziehung der Kader
bei. Dabei hob er den Wert des „Kurzen Lehrgangs der Geschichte der
KPdSU (B)“, erschienen im September 1938, für die
marxistisch-leninistische Bildung und Erziehung der Parteikader und
-mitglieder hervor.
Nun
gibt es ein regelrechtes Trommelfeuer bürgerlicher Ideologen,
Revisionisten, Trotzkisten, Reformisten gegen den „Kurzen
Lehrgang...“ als Ausgeburt Stalinschen Dogmatismus und „Verfälschung“
der Geschichte der KPdSU (B). Selbst ansonsten ernstzunehmende
Wissenschaftler und führende Funktionäre in kommunistischen Parteien
beteiligen sich an der Schmähung dieses Buches - ohne viel zu prüfen‚
ohne zu analysieren. Verfaßt wurde der „Kurze Lehrgang...“ unter
Redaktion einer Kommission des Zentralkomitees der KPdSU (B), natürlich
auch von Stalin als Generalsekretär der Partei. Vergleicht man den
„Kurzen Lehrgang...“ mit einschlägigen Schriften, Reden von Stalin,
ist einiges daraus im „Kurzen Lehrgang...“ enthalten, aber Stalin
hat ihn nicht allein ausgearbeitet. Ein inhaltlicher Vergleich des
„Kurzen Lehrgangs...“ mit späteren, nach der berüchtigten
Chruschtschow-Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU, vom ZK der KPdSU
autorisierten Ausgaben der „Geschichte der KPdSU“, vor allem der
sechsbändigen „Geschichte der Kommunistischen Partei der
Sowjetunion“, herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus,
ergibt im Wesentlichen Übereinstimmung der Aussagen. Von einer „Verfälschung“
der Geschichte der KPdSU im „Kurzen Lehrgang...“ kann also nicht die
Rede sein, während die Lügen eines Chruschtschows und des späteren
Gorbatschows dokumentarisch nachgewiesen sind.
In
einem „Kurzen Lehrgang...“, unter den Bedingungen der 30er Jahre und
einer geringen Anzahl marxistisch-leninistischer Historiker konnte
nicht mehr geleistet werden. Es kann nicht verwundern, daß Trotzkisten,
Anarchisten, Bucharin-Anhänger gegen dieses Buch Sturm liefen und
laufen. Inhaltlich widerlegen konnten sie den Inhalt nicht. Mit dem
„Kurzen Lehrgang...“ wurden Hunderttausende - Millionen? - junger
Kommunisten in der internationalen Kommunistischen Bewegung auf allen
Kontinenten an das Studium des Marxismus-Leninismus herangeführt,
erhielten sie erste Kenntnisse über den Leninismus in Theorie und
Geschichte. Hundertausende Parteifunktionäre begannen ihren
kommunistischen Werdegang mit dem Studium des „Kurzen Lehrgangs...“
Vielleicht war es gerade die starke propagandistische und politische
Wirksamkeit dieses Buches, daß es so heftig von den Gegnern des
Leninismus attackiert wurde und wird. Nicht selten mußte ich in
Auseinandersetzung mit Kritikern des „Kurzen Lehrgangs...“ erleben,
daß sie ihn überhaupt nicht kannten, ihn nie gelesen haben, was sie
jedoch nicht daran hinderte, ihn „aufs schärfste zu
verurteilen!!!!“ als „Abkehr vom Leninismus“ - den sie
genausowenig kannten, nach der Devise des Mephisto: „Bezeugt nur, ohne
viel zu wissen.“
Aus
heutiger Sicht ist der „Kurze Lehrgang...“ als ein historisch
bedeutsames Werk in seiner Zeit, mit bedeutenden progressiven und
starken politischen Wirkungen, als ein Baustein des Leninismus einzuschätzen,
ohne etwa den Leninismus auf dieses eine Werk reduzieren zu wollen. Nach
mehr als einem halben Jahrhundert gibt es in der Weiterentwicklung der
marxistisch-leninistischen Theorie und Geschichtswissenschaft über den
„Kurzen Lehrgang...“ hinausweisende bedeutende
Erkenntnisfortschritte, wodurch der Wert des „Kurzen Lehrgangs...“
als historischem Zeitdokument jedoch nicht gemindert wird.
Der
XVIII. Parteitag orientierte auf die Gründung einer Hochschule für
Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU (B)215) zur Ausbildung
theoretisch qualifizierter Parteikader in dreijährigen Lehrgängen. Für
mittlere Kader waren zweijährige „Lenin-Schulen“ organisiert
worden. Des weiteren wurden in einer Reihe von Zentren des Landes
Jahreskurse für die Fortbildung von Propagandisten und Mitarbeiter der
Presse geschaffen. Das Land sollte von einem dichten Netz von Bildungsstätten
der Partei überzogen werden, in denen die marxistisch-leninistische
Theorie in Lehrgängen und Veranstaltungen gelehrt wurde. Über die
Lehrtätigkeit der Partei wurde das theoretische und politische Niveau
nicht nur der Funktionäre, sondern auch der Masse der Parteimitglieder
und parteilosen Werktätigen wesentlich erhöht.
1.2.8.
Über die Grundlagen des Leninismus. Vorlesungen an der
Swerdlow-Universität (April bis Mai 1924)216)
Da
die Einschätzung der „Grundlagen“ von Isaak Deutscher bis in die
Gegenwart von allen möglichen „geläuterten“ ehemaligen Kommunisten
als eine Art Offenbarung wiedergekäut wird, soll sie auch dem Leser
nicht vorenthalten werden. „Er (Stalin UH) erklärte dort den
Leninismus so, wie er ihn verstand. Was er zu diesem Thema zu sagen
hatte, war so wenig originell und so flach, daß es sich kaum lohnt,
eine Zusammenfassung seiner Darlegungen hier wiederzugeben. Was neu bei
ihm war, das war die Form. Er erklärte die Lehre Lenins, die im
wesentlichen soziologisch und experimentell war, als eine Folge strenger
Regeln, als eine Patentstrategie und als eine taktische
Verhaltensvorschrift für die Erlösung der Menschheit. All das war mit
der Genauigkeit eines Buchhalters registriert und numeriert. Er
kodifizierte und formalisierte den Leninismus in einem Stile unechter
Vereinfachung und Durchsichtigkeit, der viele Menschen anzieht, denen
eine gründliche soziologische Schulung fehlt. Jeden Satz, den er
formulierte, belegte er mit einem Zitat aus Lenins Werken, das zuweilen
ganz belanglos, zuweilen aus dem Zusammenhang gerissen war, genauso, wie
ein mittelalterlicher Scholastiker seine Spekulationen mit Sätzen aus
der Heiligen Schrift belegt hätte. Zugegeben, auch Lenin hatte zuweilen
seine Darstellung mit fast zu vielen Marxzitaten gespickt. Aber Stalin
brachte diese Manieriertheit zu solch absurder Vollkommenheit, daß er
das bekannte Wort des Archimedes so hätte abwandeln können: ‘Gebt
mir einen Satz von Lenin, und ich werde die Erde aus den Angeln
heben.“217) Sein Verdammungsurteil weiß aber Deutscher
auch nicht mit einem einzigen Satz aus den „Grundlagen“ zu belegen.
Über einen Satz hätte Deutscher eigentlich selber stolpern müssen: über
Menschen, „denen eine gründliche soziologische Schulung fehlt.“
Gerade solche Menschen waren die Hörer der Swerdlow- Universität.
Arbeiter
und Bauern, die aus dem Bürger- und Interventionskrieg kamen, junge
Genossen, die gerade lesen und schreiben gelernt hatten, die die
Reproduktionstheorie von Marx mit Sicherheit nicht kannten. Ihnen eine
„gründliche soziologische Schulung“ zu vermitteln, war gerade das
Anliegen Stalins. Wenn er Vereinfachungen vornahm - Vereinfachungen sind
nie ganz ungefährlich - den Stoff nach „strengen Regeln“ gliederte
und mit der „Genauigkeit eines Buchhalters“ numerierte, so spricht
dies für das didaktische und pädagogische Geschick Stalins. Wenn
Stalin ausführlich Lenin zitierte, so ergab sich dies aus dem Thema, nämlich
Grundlagen des Leninismus! Man mag darüber streiten ob jedes Zitat
notwendig war, aber wenn vom Leninismus die Rede ist, dürften Zitate
aus Lenins Werken unvermeidlich sein. Deutscher hat versäumt,
wenigstens eine „unechte“ Vereinfachung zu nennen, und wenn
Deutscher in den „Grundlagen“ eine „taktische Verhaltensvorschrift
für die Erlösung der Menschheit“ sieht, so ist dies seine Sache, bei
Stalin ist ein solcher Unsinn nicht zu finden.
In
der Überschrift zu den Vorlesungen heißt es „Grundlagen des
Leninismus“ also eine Einschränkung, die Stalin vornahm, der ausdrücklich
bemerkte, daß seine „Vorlesungen keine erschöpfende Darlegung des
Leninismus sein können. Sie können im besten Fall nur ein gedrängter
Konspekt der Grundlagen des Leninismus sein.“218) Aus
heutiger Sicht könnte man die „Grundlagen“ als eine Art Lehrbrief,
eine Anleitung zum Studium der Werke Lenins bezeichnen, und als eine
solche Anleitung können sie auch heute noch jungen Kommunisten nützlich
sein, als eine Einführung in das Studium des Leninismus, wobei der
Leninismus als Theorie und Methode auf die Analyse der heutigen
Bedingungen des Klassenkampfes angewandt werden muß.
Stalin
beginnt mit der Frage, was Leninismus sei und setzt sich mit zwei
begrenzten, einseitigen Auffassungen auseinander.
1.
Der Leninismus sei die Anwendung des Marxismus auf die
„eigenartigen“ Verhältnisse in Rußland. Dies wäre ein Teil der
Wahrheit, aber der Leninismus lasse sich nicht ausschließlich auf
„nationale“ Erscheinungen reduzieren. Der Leninismus ist in der
„ganzen internationalen Entwicklung“ verwurzelt.
2.
Der Leninismus sei die „Wiederbelebung der revolutionären Elemente
des Marxismus der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts“ im Unterschied
vom Marxismus der nachfolgenden Jahre, in denen er angeblich „gemäßigt,
nichtrevolutionär“ geworden sei. Von der unsinnigen Teilung des
Marxismus in einen „revolutionären“ und einen „gemäßigten“
abgesehen, sei auch in dieser These ein Teil der Wahrheit enthalten.
Lenin hat den revolutionären Inhalt des Marxismus im Kampf gegen die
Opportunisten in der II. Internationale wiederbelebt. Das ist richtig.
Aber auch dies wäre nur eine halbe Wahrheit. Lenin hat den Marxismus
unter den neuen Bedingungen des Kapitalismus und des Klassenkampfes
weiterentwickelt.
Daß
beide von Stalin kritisierten Thesen noch heute von Revisionisten, von
demokratisch „geläuterten“ Funktionären der PDS als „neueste“
Erkenntnisse verkauft werden, sei hier nur am Rande erwähnt. Es folgt
die bekannte Definition des Leninismus von Stalin: „Der Leninismus ist
der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen
Revolution. Genauer: Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der
proletarischen Revolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der
Diktatur des Proletariats im besonderen.“219) Diese
Definition unter den Bedingungen des Jahres 1924 war zweifellos richtig.
Definitionen müssen kurz, präzise sein. Definitionen sind stets
Abstraktionen. Diese Definition, um dies auch deutlich zu sagen, war
weder ein „Dogma“ noch eine „unechte Vereinfachung.“ Erläuterungen,
Interpretationen einer Definition sind der Ausführung überlassen. Natürlich
könnte man einwenden, daß Definitionen eines historischen Sachverhalts
erst am Ende der Analyse erfolgen. Aber dies wäre, wie Engels sich
ausdrückte, kleinliche „Flohknackerei“. Stalin verwies auf den
unterschiedlichen Charakter der Epoche im Wirken von Marx und Engels, im
19. Jahrhundert, vor der proletarischen Revolution, und Lenins in der
Periode des entwickelten Imperialismus, der sich entfaltenden
proletarischen Revolution, die bereits in
einem Lande gesiegt hat, der Ära der proletarischen Demokratie der
Sowjets. Deshalb sei der Leninismus die Weiterentwicklung des Marxismus.220)
Der
„überaus kämpferische“ und „überaus revolutionäre Charakter“
des Leninismus erkläre sich aus zwei Gründen:
1.
Der Leninismus ging aus dem Schoß der proletarischen Revolution hervor.
2.
Er erstarkte im Ringen mit dem Opportunismus der II. Internationale. Man
dürfe nicht vergessen, zwischen Marx/Engels und Lenin lag „ein ganzer
Zeitabschnitt der ungeteilten Herrschaft des Opportunismus der II.
Internationale,... dessen rücksichtslose Bekämpfung eine wichtige
Aufgabe des Leninismus sein mußte.“221)
Es
folgt die Darstellung der Leninschen Theorie in Einzelheiten, die hier
nicht reflektiert werden müssen. Sie seien aber jungen Menschen, die
sich unter heutigen Bedingungen mit dem Leninismus vertraut machen möchten,
als Anleitung, nicht als Ersatz für das Studium der Schriften Lenins!,
nachdrücklich empfohlen. Alte Genossen werden in der wiederholten Lektüre
dieser Vorlesungen neue Akzente entdecken, die Stalin gesetzt hatte und
die durchaus „originell“ waren. Auf einige „originelle“
Erkenntnisse sei verwiesen.
1.
Die Erklärung, wie es zur faktischen Herrschaft des Opportunismus in
der II. Internationale gekommen war. An der Spitze (der Theoretiker der
II. Internationale, U.H.) standen „rechtgläubige“ Marxisten, die
„Orthodoxen“, Kautsky und andere. Das war aber nur die formale
Seite. In Wirklichkeit aber verlief die Hauptarbeit der II.
Internationale auf dem Boden des Opportunismus. Die Opportunisten paßten
sich der Bourgeoisie an und die „Orthodoxen“ paßten sich den
Opportunisten an, im Interesse der „Wahrung der Einheit“ mit den
Opportunisten, im Interesse des „Friedens in der Partei.“ Das
Ergebnis war die Herrschaft der Opportunisten. Die „Kette zwischen der
Politik der Bourgeoisie und der Politik der „Orthodoxen“ erwies sich
als geschlossen.“222)
2.
Die Macht des Proletariats in einem Lande errichten heißt noch nicht,
den vollen Sieg des Sozialismus zu sichern. Das Proletariat eines Landes
kann allein nicht den Sozialismus „endgültig“ verankern, das Land
gegen die Intervention und folglich gegen eine Restauration völlig
sichern. Es sei der Sieg der Revolution wenigstens in einigen Ländern
notwendig.223)
3.
Die Aufgaben der Diktatur des Proletariats ließen sich nicht in kurzer
Zeit erfüllen, nicht in ein paar Jahren. Dies wäre „ein Ding der Unmöglichkeit.“
Der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus sei keine „schnell vorübergehende
Periode“, mit einer Reihe „hochrevolutionärer“ Akte und Dekreten,
sondern eine „ganze historische Epoche“.224) Diesen
Hinweis auf die Langfristigkeit der Übergangsperiode hat Walter
Ulbricht später in der These vom „Sozialismus als relativ selbständiger
Gesellschaftsformation“ konkretisiert. Die Betonung der
Langfristigkeit ist ein wesentlicher Aspekt bei Stalin, den er auch später
in anderen Zusammenhängen wiederholt hat.
4.
Der Begriff der Diktatur dürfe nicht mit dem Begriff der
„Machteroberung“ vertauscht werden, wie von den Opportunisten erklärt.
Die Diktatur sei kein einfacher Wechsel eines Kabinetts, die Bildung
einer neuen Regierung. Die Diktatur des Proletariats ist eine revolutionäre
Macht, die sich auf die Gewaltanwendung gegen die Bourgeoisie stützt.
Der Staat ist eine Maschine in den Händen der herrschenden Klasse zur
Unterdrückung des Widerstandes ihrer Klassengegner. Insofern
unterscheide sich die Diktatur des Proletariats nicht von der Diktatur
jeder anderen Klasse. Es gäbe aber einen wesentlichen Unterschied.
In
allen bisher existierenden Klassenstaaten war die Diktatur stets die
Herrschaft einer ausbeutenden Minderheit, während die Diktatur des
Proletariats die Diktatur der ausgebeuteten Mehrheit über die
ausbeutende Minderheit ist. Stalin zitiert dann die Definition Lenins,
wonach die Diktatur des Proletariats die durch kein Gesetz beschränkte
und sich auf Gewalt stützende Herrschaft des Proletariats über die
Bourgeoisie ist. Daraus folge, daß die Diktatur des Proletariats keine
vollständige Demokratie sein könne, keine Demokratie für alle. „Das
Gerede der Kautsky und Konsorten über allgemeine Gleichheit, über
‘reine‘ Demokratie usw. ist eine bürgerliche Verschleierung der
unzweifelhaften Tatsache, daß eine Gleichheit zwischen Ausgebeuteten
und Ausbeutern unmöglich ist. Selbst „bei demokratischen Zuständen
unter den Verhältnissen des Kapitalismus“ werden die Regierungen
nicht vom Volk, „sondern von den Rotschild und Stinnes, den
Rockefellern und Morgan“ eingesetzt.225) Die Diktatur des
Proletariats könne nicht entstehen als Resultat der friedlichen
Entwicklung der bürgerlichen Demokratie, sondern nur im Gefolge der
Zertrümmerung der bürgerlichen Staatsmaschinerie, der bürgerlichen
Armee, des bürgerlichen Beamtenapparates, der bürgerlichen Polizei,
d.h. der Repressivapparate des bürgerlichen Staates. Der Hinweis auf
die Marxsche These vom
„Zerbrechen“ der Repressivorgane des bürgerlichen Staates sowie der
Leninschen Definition der Diktatur des Proletariats war nun nicht
„originell“, aber deren ausführliche Begründung war nicht nur 1924
von vordringlicher Aktualität. Wenn man für Rotschild, Stinnes ect.
andere Namen einsetzt, dann stimmen die Aussagen Stalins auch heute
noch. Daran ändern auch „Bündnisse für Arbeit“ nicht das
geringste.
5.
In der Sowjetmacht sind die gesetzgebende und vollziehende Gewalt in
einer einheitlichen Staatsorganisation vereinigt. Die territorialen
Wahlkreise sind durch Produktionseinheiten, durch Werke und Fabriken
ersetzt. Die Arbeiter und werktätigen Massen sind unmittelbar mit dem
staatlichen Verwaltungsapparat verknüpft und lernen das Land zu
verwalten. Die Republik der Sowjets sei „jene gesuchte und endlich
entdeckte politische Form, in deren Rahmen die ökonomische Befreiung
des Proletariats, der vollständige Sieg des Sozialismus erreicht werden
muß.“ Die Sowjetmacht sei die „Entwicklung und Vollendung“ der
Pariser Kommune.226) Die Sowjetorganisation war 1924 noch
nicht vollständig ausgearbeitet. Es gab auch noch keine
volksdemokratischen Staaten. Aber die Grundlagen eines sozialistischen
Staates, die waren gelegt und richtig von Stalin reflektiert.
6.
Neu, „originell“ war zweifellos das w.o. schon genannte
Lenin-Aufgebot. Stalin hob hervor, daß die 200.000 neuen Mitglieder
„nicht so sehr von selber in die Partei kamen“, sondern „vielmehr
von der ganzen übrigen parteilosen Masse entsandt wurden, die bei der
Aufnahme der neuen Mitglieder aktiv mitwirkte und ohne deren Zustimmung
keine neuen Mitglieder aufgenommen wurden.“227) Diese Art
der Aufnahme neuer Mitglieder in die Partei wird heute noch von der
Kommunistischen Partei Kubas angewendet. Mit Nachdruck ging Stalin auf
den Kampf gegen den Opportunismus innerhalb der Partei ein. Die Quelle
der Fraktionsmacherei seien die opportunistischen Elemente. Die Partei
werde gestärkt wenn sie
sich von opportunistischen Elementen säubere. „Die Theorie der Überwältigung
der opportunistischen Elemente durch ideologischen Kampf innerhalb der
Partei, die Theorie der ‘Überwindung‘ dieser Elemente im Rahmen ein
und derselben Partei ist eine faule und gefährliche Theorie... .“228)
Die
„Grundlagen“ bilden eine Zusammenfassung der Leninschen Theorie. In
dieser Arbeit wird ebenfalls die Kontinuität von Marx/Engels zu Lenin
und Stalin deutlich. Einige Aspekte sind neu, auch bei Lenin noch nicht
vorhanden, durchaus „originell“. In der theoretischen Schulung und
marxistisch-leninistischen Erziehung der Parteikader spielten die
„Grundlagen“ die gleiche Rolle wie der w.o. genannte „Kurze
Lehrgang...“. Ganze Generationen junger Parteimitglieder wurden über
die „Grundlagen“ an die Theorie des Leninismus herangeführt. Daran
ändern auch die unsachlichen, durch nichts belegten Äußerungen von
Deutscher nichts.
Eine
theoriegeschichtliche Darstellung der marxistisch-leninistischen
Parteitheorie würde ohne die Einbeziehung der Schriften Stalins
unvollständig bleiben. Stalin blieb nicht, wie er mehrfach geäußert
hat, auf dem Marxismus „liegen“, sondern er „stand“ auf dem
Marxismus, und wir können hinzufügen, auch auf dem Leninismus, den es
in allen seinen Bestandteilen unter den sich ständig verändernden
Bedingungen weiterzuentwickeln galt und gilt. Stalin hat seinen Anteil
dazu geleistet. Wenn es nach seinem Tode zu Erscheinungen des
Dogmatismus in der theoretischen Arbeit in kommunistischen Parteien kam,
was auch nicht zu verabsolutieren ist - so ist das nicht Stalin
anzulasten, der sich wiederholt sowohl gegen Dogmatismus als auch
Revisionismus gewandt hat. Wie bei Marx, Engels und Lenin gab es auch
bei Stalin Irrtümer in der theoretischen Arbeit, und wer will, mag sich
daran ergötzen und daran erfreuen, „wie wir‘s dann zuletzt so
herrlich weit gebracht.“
Ulrich Huar, Berlin
Anmerkungen
(Quellennachweise)